Steckbrief

Erst beim zweiten blick

springt mir deine schönheit

ins gesicht

was denn sonst auch vorher

fiel mir deine frechheit

und die schöne intelligenz

in mein genick

und nach dem dritten streit

wie schön dass wir uns streiten

streiten seit an seit

geb ich mich geschlagen

du hast : wir beide

uns noch lange

 

Zug in Kampanien

mit finsteren Brauen hockt der Patron
nahe der Tür & läßt seinen Blick über die Wortwolke
wandern : die Gladiatoren tragen Lederjacke

sind bewaffnet mit Schlips & Computer : die Rhetoriker
stecken ihre Nasen in Heftchen zur Java-Umgebung
währenddessen umrundet der Zug den Vesuv

blonde Damen recken den Kopf nach Ruinen : nichts
zu sehen : Schülerinnen flirten mit dem Schaffner
ein Gigolo : den schwarzen Schal flott um den Hals

geworfen : ungestört vom Wackeln
des Waggons : mit Mühe
bleibt er standhaft

was mich hält

Was mich hält

Anfänge immer wieder

springen mich an

spazier ich durch leipzig

wird poesie ein jeder schritt

lyrische klänge

– wie schön das ist –

finde ich manchmal doch kein ende

+ ehrlich gesagt

ich will es manchmal – auch nicht.

 niko 29082011

Durchreise Röcken

Von Lützen

Unter den Mützen her

Dampft es hervor

Einmal ein / Kindelein

Dreifach am / Gräbelein

Sang hier im Chor

DuZen

Diese Momente sind bekannt: vor Scham erstarren, geflissentlich wegsehen, eifrig etwas Unsinniges tun, verständnisvoll lächeln, diskret weghören. Jedoch aufstehen und ohne ein Wort den Raum verlassen, das verbietet dann doch die gute Kinderstube. Hier in Bloggers Anonymität können wir diese getrost zusammenfalten und in die Hosentasche stecken. Folgendes: Ich saß mit drei mir seit einigen Monaten flüchtig bekannten Menschen in einem Raum, nennen wir ihn Arbeitsraum, um zu arbeiten und  – in der Vorweihnachtszeit leider unumgänglich – einen Glühwein mit selbstgebackenen Keksen zu verzehren. Da ich im Vorfeld das Ende ahnte, überlegte ich mir eine bunte Variation an Ausreden. Allein mein bis dahin unterentwickelter masochistischer Trieb, Peinlichkeiten auszuleben, hielt mich davon ab, auch nur irgendeine dieser Ausreden einzusetzen. Es wird schon gehen, beruhigte ich mich. Kurzer Prozess, eine Tasse Glühwein, trockene Plätzchen und ein Gute-Laune-Blick. Dieser verzog sich zu einem säuerlichen Ausdruck, als nach der dritten Tasse Glühwein das DU die Runde machte. Zum Verständnis: Ich gehöre der aussterbenden Generation der SIEzer an. Und zwar mit allen Konsequenzen. Ich erinnere mich einer intensiven Liebschaft inklusive Beischlafs, die monatelang andauerte. Trotz beziehungsweise wegen des SIEs. Nun wurde ich dazu gezwungen, aus einer alkoholisierten Laune heraus drei Menschen zu duzen, zu denen ich bislang ambivalente Beziehungen pflegte. Der eine Mensch war vor langer Zeit jung, ist klug und hört den Schuss nicht. Im doppelten Sinne: So wie der unsägliche Holländer Joopie muss bis zum Schluss mitgemischt werden. An dieser Stelle ein Bonmot: Was macht ein französischer Renter? Er schläft bis zehn, trinkt ein Glas Rotwein und geht zu seiner Freundin. Was macht ein englischer Rentner? Er schläft bis neun, trinkt einen Sherry und geht auf den Golfplatz. Und nun die Frage nach dem deutschen Rentner. Dieser schläft bis sieben, nimmt seine Herztropfen und geht zur Arbeit…(müdes Gelächter der Leserschaft). Der andere Mensch unserer Glühweinrunde ist nach eigenen Aussagen Gesichtsältester, noch klüger als der nicht mehr ganz junge Mensch und fasziniert durch eine selten gesehene Kombination von schmächtigem Körperbau, schütterem Haarwuchs und, falls mich meine sommerliche Erinnerung nicht trübt, dunkler Vollbehaarung der gesellschaftlich sichtbaren Körperteile. Der dritte im Bunde ist eine delikate Angelegenheit: ein Adonis mit schwarz gelocktem Haar und fleischigen Lippen, die schneeweiße Zähne umschließen. Dieser Mensch hat mich Monate verfolgt in meinen Träumen, die sich allesamt mit jeder monatlichen Arbeitsrunde in Luft auflösten. Zum Schluss blieb nur noch die schale und pauschale Erkenntnis, dass neben blonden Frauen auch schwarzhaarige Männer existieren. Diesen Mann nun  duzen zu müssen, bedeutete, nicht nur den eigenen Träumen beim Sterben qualvoll zuschauen, sondern sich darüberhinaus  auch noch ihrer schämen zu müssen. Kurz: Renate, Wolfgang und Gerhard sind nun meine DUZ-Freunde. Und Gerhard zog selbstsicher ein Büchlein aus seiner Tasche: Mein erstes Kinderbuch. Falls jemand von euch Interesse hat, so kann er es hier bei mir kaufen. Ist nicht teuer, nur 9,95 Euro. Also das macht mich jetzt nicht reich, aber darum geht es auch nicht.  Ich holte meine zusammengefaltete Kinderstube aus der Hosentasche, schaute interessiert ins Buch und fragte: Worum geht es dann?

Dinge im Glas

Wir wissen seit langem Bescheid: Testosteron macht den Mann zum Tier. Da sehen wir Monster, fast vollständig behaart, und denken bestürzt an Mutters Worte, nicht so weit hinaus zu schwimmen (dachte sie dabei an unsere Eizellen?) Nun ja, deren Produktion nährt sich nun so langsam dem Ende. Da können wir schon einmal unbeschadet ein bisschen weiter schwimmen und behaarte Tiere besichtigen. Zunächst gehen wir an die Einmachgläser heran. Das Dresdner Hygiene-Museum hat in dieser Hinsicht einiges zu bieten: Embryonen im fortgeschrittenen Stadium, Trinkerlebern, Raucherlungen – und natürlich auch abgestorbene Spermien und Eizellen (ein Mikroskop steht den BesucherInnen zur Verfügung). Wir lernen: Dinge im Glas sind nicht gefährlich. Eine Trockenübung. Aber spätestens nach dem zweiten Besuch haben wir entschieden: das ist nichts für uns. Wir wollen im Leben vor allem eines: endlich einmal zurecht kommen. Und dabei sind uns testosteron-produzierende Lebensformen (im Glas oder außerhalb) leider wenig hilfreich.

Der dritte Raum

im dritten Raum lassen wir alles
fallen was uns wie hüllen vom leib
fallen möchte. Keiner bückt sich
wir beide richten uns ein in
den gefallenen hüllen. die fenster
öffnen sich zu dir und zu mir.

die wände erdrücken mich
ich will hinaus schreie ich
in meine verletzlichkeit.
mein kern leistet widerstand
noch gegen mich selbst, gerade
stehen für sich für mich
für dich
fern bist du
ich spüre dich nicht
der hauch um meine ohren säuselt
ich wende den blick
verirre mich in rücksicht
wende den blick
verliere mich aus den worten.

Äpfel fallen vom himmel
ich bücke und biege mich
der erde entgegen
atme tief durch

Tiefe umarmt mich.

Strenge Bettruhe

Nein, ich bin nicht wehleidig. Ich gehe beispielsweise auch mit akuter Seitenstrang-Angina zur Arbeit und erfreue die Belegschaft mit Kleinstlebewesen, die nur darauf warten, neue Wirte zu finden, an denen sie sich laben und in denen sie sich fortpflanzen können. Umso günstiger ist dabei, dass ich gerne rede. So kann die Erzählung eines betriebsinternen Skandälchens so manchem einzelligen Mikroorganismus zu einer frisch renovierten, schön behalsten Wohnung verhelfen. Denn man ist ja auch sozial. Und beim Sozialsein schließe ich jede Kohlenstoffkette mit ein – egal ob schlicht oder komplex. Wir leben in einer nachhaltigen und toleranten Gesellschaft, essen ausschließlich, was die Pflanze freiwillig hergibt, Lindenblüte, Haferschleim, und freuen uns, wenn es unseren kleinen Bewohnern so richtig gut geht – auch wenn wir selbst dabei zu strenger Bettruhe verurteilt sind.

Cinque Terre

ich liege auf warmem Stein : auf dem Dach
eines verfallenen Hauses : moosbewachsen
flach : geduckt in einen verwilderten Garten
der Pflaumenbaum : umgestürzt

am Hang überm Meer : weit oben
genug : um drüber hinweg zu blicken
faltenreiche Buchten : am Tag verschwommen
im Dunst : am Abend tauchen sie auf

aus dem Weiß : dunklere Farbschatten
Seitentäler : die noch nicht existierten
ein Dorf dazwischen geschmiegt : kaum
sichtbar : die Zikaden knarrend

fühlbar : der Weg : den die Ameisen
suchen unterm Rücken : besprühen
den Hinterkopf mit aufrührender Säure
berührungslos : das Gespräch : du

neben mir löst dich in Dunkelheit auf
Eremit bin ich : ewig bei sich
unter den Bäumen : am Rand der Straße
in den Bergen : außerhalb der Blicke

bei sich : nur bei sich

zu spät

Zerronnen
Der Blick
Im Wort
Gefallen
Das Wort
Daneben
Bücken
Es aufheben
Für
Den Moment
der danach
Immer
Zu spät
Ist

Piazza Santa Maria Novella

Wettrennen um zwei marmorne
Obelisken : sündhaft enger Raum
die Spucke flog zentrifugal aus den Mäulern

der Rosse : gesegnet vom winzigen
Kreuz auf der grünweißen
Fassade der Santa Maria Novella

anno 1470 : heute lagern
Spieler & Dealer auf dem dürren
Gras : die Rennbahn

ist asphaltiert : für die Motorroller
ihr Knattern : Orgelersatz
im Zeitalter des Petroliums

Gesunde Haut

Es gibt sie noch, gesunde Haut. Und damit ist nicht etwa die Wurstpelle im Supermarkt gemeint oder das leidige Delial bräunt ideal – ich meine tatsächlich die Haut des Menschen und die der Menschinnen vor allem – und mit all ihren Schichten. Der Doktor (jeden Tag nackte Haut)  lässt diese Personen eintreten und sich entkleiden, ein Slip gleitet in den Keller, und nach einer ausgibigen Hautanalyse gibt es dennoch keine Diagnose. Alles sieht, (und die Haut als Organ ist das einzig immer sichtbare, daher auch Hautkranke oft zu Hause anzutreffen sind), wie der Arzt bescheinigt, sehr schön, und damit meint er, glatt aus. Ein paar kleine Falten oder Krähenfüße stören ihn nicht, geben sie doch dem Patienten eine markanten, entschlossenen Ausdruck. Der darf sich also sofort wieder ankleiden und ohne Rezept – Präparate zur reinen Hautpflege gibt es nicht auf Rezept – von dannen ziehen. Und dann ärgert er sich – über seine allzu gesunde Haut. Er glaubt, soeben etwas verpasst zu haben. Zuhause knöpft er sich als erstes die Kleidung auf und den kastrierten Kater vor (nein, er leidet nicht unter einer Katzenallergie), denn er hofft auf den gemeinen Katzenfloh. Dieser Parasit springt auch Menschen an und sichert wenigstens vorübergehend eine Diagnose beim Dermatologen. Aber eine chronische Hauterkrankung wird der an seiner trostlosen Gesundheit Leidende auch mit Hilfe dieses Mitbewohners nicht nachahmen können. Das weiß er und deshalb schweigt er. Wovon er nicht reden kann.

Suppenkasper // modern

Jeder tut es. Jeder braucht es. Manche verzichten. Manche hungern. Freiwillig. Andere. Ja, was machen Andere? Klar. Nicht essen. Einfach nicht essen. Ja. Nicht essen ist nicht hungern. Nicht essen ist eine freie Entscheidung. Frei. Ja. Sagen Manche. Eine Not von Innen heraus. Unerkannt oft. Manchmal gehört. Zumindest das. Der Schrei. Der aus der Tiefe nach oben dringt. Stumm. Still. Leise. Vehement. Mit Kraft. Zerstörerischer Kraft. Sich. Das Eigene. Ich. Mich. Ja. Es hält schlank. Mich. Mehr als das. Schlank ist nicht schlank. Es braucht mehr. Mehr als das. Willen. Den habe ich. Stark. Innen. Ich . Gegen das Außen. Das mich nicht erhört. Schlank. Ich bin auch schlank im Geist. Besessen vom Nicht-Essen. Kein Speicherplatz mehr frei für Anderes. Wie entspannend das ist. Keine Auseinandersetzung an der Welt. In der Welt. Mit der Welt. Stattdessen einfach ganz einfach und ganz in sich zurück. Hier bin ich. Stark. Ich. Mich stark machen. Stark sein. Willensstark. Unbeirrbar im Geiste. Sicher. Unbeirrbar. Sicher. Mir wird übel. Ich denke an das Unwort. Essen. Nahrungsaufnahme. Essen. Das ist Versagen. Versagen gegen den eignen Willen. An sich selbst scheitern, sogar. Da wächst du hinein. In das Unbedingte. Das nicht mehr an dir Scheitern. Sicher. Glaub mir. Essen. Schlecht wird mir. Ist das. Nicht schwach werden. Nein. Nicht ich. Igittt. Mein Geist wird vergiftet. Ich will es nicht. Ich tue es nicht. Belüge andere. Lasst mich bloß in Ruhe. Toll. Das fühlt sich toll an. Dieser Knochen. Noch zuviel Fett darüber. Der Knochen. Das. Fühlen. Das ist so extrem existenznah. An den Tod denke ich nicht. Der ist ganz weit weg. Ich war noch nie so nah. So nah mit mir. An mir. In mir. In dieser Verbundenheit. Mit mir. Ich bin stark. Gegen die Welt. Ich halte ihr stand. Ich bin der Fels in der Brandung. Nicht wie die Anderen. Sie sind nicht so stark. Glaub mir. Sie nicht. Sie sind so schwach. Lassen sich von der Welt verführen. Gehen verloren in Ihren Wünschen und Hoffnungen. Ich schaffe das. Ich bezwinge sie, die Hoffnungen, die Wünsche, indem ich mich bezwinge. Ich bin schön. Sehr schön. Besonders mein Geist. Zu dick. Ja. Sicher. Aber schön. Ich brauche keinen anderen Menschen. Niemanden. Ich habe meine Wärme in mir und bin unabhängig. Echt unabhängig. Ganz bei mir. Ich fühle mich. Fühle meine Knochen. Knochen spüren ist eine Anerkennung. Die Anerkennung für meine Konsequenz. Ein Bild meiner Einsamkeit, der gelungenen. Eine Traurigkeit, an die ich nicht herankomme, mich nicht heranwage. Das Wiegen. Hin- und her. Jeden Tag. Nicht mich. Nur den Körper. Nicht meine Seele. Die habe ich verschlossen. Gebe ich nicht preis. Behalte ich. Mich. Fest. Damit ich nicht falle.  Aus mir herausfalle. Falle. Ins Nichts. Ungetragen vom Schatten. Meinem Schatten. Meiner Angst. Fallen fallen fallen fallen fallen fallen fallen fallen fa  fa fa fa a a lllln … faaaaaaaaaaaaaall’nnnnnnnnnnnnn  …. ganz tief in eine, meine Vergangenheit…..ja…..ich komme….ich fliege….. gleich….

Suse,liebe Suse

Suse, liebe Suse

Ich war Schuhe kaufen. Das ist aus der Perspektive einer Frau gesehen mit Klischees behaftet. Die schlechten Witze darüber tragen alle einen langen Bart oder Barth, wie es die sozialistisch angemalte Jugend unseres Landes auf einem Plakat schreibt. Seit Monaten komme ich mir wie Aschenputtel reloaded vor, der Schuh ist im Kopf, nicht aber in den vielen Regalen aller Schuhgeschäfte meiner Stadt. Gestern nun fasste ich einen Entschluss: Ich ging in den Laden, die schwarzen Zahlen auf den mattgoldglänzenden Plättchen neben dem Schuh ignorierend, und griff zum Schuh. In diesem Moment war es zwischen uns geschehen. Das Leder des Schuhs und die Haut meiner Finger gingen eine Symbiose ein und ich ließ willig diese Liasson zu. Eine leicht untersetzte junge Verkäuferin mit entsetzlich abstoßenden Stiefeln, die man treffenderweise moonboots nennt, kam lächelnd auf mich zu. Ein fieser Satz angesichts der Modesünde an ihrem Fuß lag auf meinen Lippen, ich beherrschte mich und lächelte sanft zurück. Ist die Größe zutreffend? Nein, ich habe einen kleineren Fuß. Ich schau mal, setzen Sie sich doch, einen Kaffee vielleicht. Suchend schaute sie im Laden nach dem Kaffee. Eine Auszubildende mit dem vorgestrigen Namen Mandy brachte mir mit schüchternden Blick und zitterndem Händchen ein Tässchen. Ich sank in das Lederpolster hinter mir und überlegte, welche Strümpfe ich heute Morgen angezogen habe. Oh, Sie tragen Maripee, die Stimme der Verkäuferin schien über meine Wahl erfreut zu sein. Die Schuhe, die auf eine Liasson mit mir noch warteten, bewegten sich ungefähr auf gleichem Preisniveau. Nur, hauchte ich, an meinen Fuß lasse ich kein anderes Leder. Und nun gehen wir zum ersten Mal fremd. Ich versuchte, den Blick der Verkäuferin von meinen Strümpfen abzulenken und wollte ihr die Espressotasse in die Hand drücken. Mandy, sagte sie bestimmt. Sie interessierte sich nur für meinen alten Schuh. Ihr voyeuristischen Blick saugte den Moment auf, da ich meinen Reißverschluß an meinem alten schwarzen Schuh langsam aufzog. Ich stellte den warmen Stiefel zur Seite, vorn links beulte das Leder leicht aus und verriet unser Familiengeheimnis, Hallux valgus seit vier Generationen, der Absatz war zur Seite getreten. Ich schämte mich und erklärte, dies seien meine Lieblingsschuhe, ich trage sie auch im Bett. Ich verstehe das, lächelte sanft die Verkäuferin, aber es wird Zeit für Nneues, das Leder muss auch mal zur Ruhe kommen. Dankbar nahm ich ihre Erklärung an. Ich schlüpfte schnell und fast zu übersehen in den neuen Schuh. Die Verkäuferin klatschte in die Hände. Perfekt, das macht einen wunderbaren Fuß, es steht Ihnen ausgezeichnet. In einem irren Tempo zog ich den zweiten alten Schuh aus und stieg selbstbewusst in den anderen Schuh hinein. Ich stand auf, zog die Jacke aus, richtete die Haare und stellte mich vor den Spiegel. Ja, das sind meine Neuen! Wissen Sie, sagte ich zu der Verkäuferin, der Schuhkauf an sich ist kompliziert. Ich habe einen schmalen Fuß und suche seit Jahren so einen Schuh in genau dieser Farbe mit genau dieser Ziernaht. Die ist entscheidend, können Sie das verstehen? Ja, sagte die Verkäuferin mit den moonboots am Fuß im überzeugten Brustton. Die Ziernaht ist gerade für den schlanken Fuß einen optische Verlängerung und Teilung zugleich. Ich persönlich achte auch immer auf den Leisten. Und dieser hier, sie zeigte nach unten auf meine Füße, dieser hier hat eine fantastische Leistenpassform. Sie werden glücklich sein. Ich setzte mich, zog die neuen Stiefel aus, strich über das saubere, glatte Leder und bat die Verkäuferin, sie einzupacken. Dann schlüpfte ich in meine alten, ausgelatschten Treter. Als ich meine Jacke wieder anzog, hielt die Verkäuferin die ungetragene Version meiner ausgelatschten Treter in der Hand, schaute mir mit unanständig auffordernden Blick ins Gesicht. Ihre stimme verlor die sanfte Freundlichkeit und klang metallisch: Ein Klassiker, ich habe ihn in diesem Jahr wieder bestellt, möchten Sie ihn mittnehmen, es ist doch Ihr Lieblingsschuh. Irgendetwas knallte in mir durch, ich hielt ihren Blick stand und entgegnete: Ich sehe, wir zwei verstehen uns.

Ductus

Zugvogel, Wandervogel, Vogelzug,
Passageritus.
Gefahrenübergang

.

Mitten in den tiefverschneiten
Bergen wurde eine
Lok vor den ICE gehängt,
da der Triebwagen nur
noch mit halber Kraft lief.

.

Schiffsreise.
das Feuer der Finsternis
am Ende des Absatzes
mussten wir aussteigen und zu Fuß

Eigentumsübergang
und die alte, längere Strecke

Korridor.


Sinn für Solidarität

Salopp gesagt: Ist der Chef der Stasiunterlagen-Behörde ein Sturkopp? Roland Jahn ist ein Konsequenter. Er ist ein Charakterstarker. Er ist ein Verletzbarer. Er ist kein Unversöhnlicher.
Selbst noch im Jugendalter, hat Roland Jahn den Tod seines Freundes Matthias Domaschk in der Untersuchungshaft der Staatssicherheit hinnehmen müssen. Die ihm versprochene Unterstützung der Kommilitonen, ihn vor dem Rausschmiß aus der Universität Jena zu schützen, erwies sich als leeres Versprechen. Dreizehn der vierzehn Mitstudenten ließen ihn im Stich. Roland Jahn hat sich nicht wehren können, als er am Morgen des 8. Juni 1983 in Probstzella in einen Interzonenzug gestoßen wurde, der in Richtung Bundesrepublik fuhr.
Wer hat den Menschen Roland Jahn geschützt, den seine Selbstständigkeit, seine Gesellschaftskritik, sein Aktivismus zu einem Unliebsamen in der DDR gemacht hatten? Er ist ein Geschädigter, der ein Unbeugsamer, ein Beharrlicher geblieben ist. Das sollte jeder im Sinn haben der urteilt. Der Mensch Jahn hat andere, unmittelbarere Erfahrungen als seine beiden Vorgänger im Amt des Bundesbeauftragten der Stasi-Unterlagen (Gauck, Birthler). Er muß ein Anderer sein in der Amtsführung. So ist es!
Die Biographie Roland Jahns wurde nachhaltig durch die ersten drei Jahrzehnte geprägt, die er in der DDR zu Hause war. Es war nicht die Jedermanns-Biographie die Jedermann lebte und erlebte. Gerald Praschl hat sich bemüht, eine Jahn-Biographie zu schreiben. Zustandegekommen ist das Buch „Roland Jahn. Ein Rebell als Behördenchef“. Die Untertitelung muß den Porträtierten stören wie die meisten Überschriften der Kapitel des Buches. Klischees, Etikette, Normen sind Jahn zuwider. Das hätte der Biograph zuerst im Blick haben müssen. Offensichtlich ist das Buch keine autorisierte Biographie. Der 1963 geborene Bayer Praschl schreibt über den 1953 geborenen Thüringer Jahn. Praschl schreibt über eine DDR, die er vom Hörensagen kennt. Er schreibt über einen Menschen, über den er sich einiges hat erzählen lassen. Das Buch ist die Addition von Angelesenem und Angehörtem. Verfaßt ist das Buch in einem Stil, der ganz dicht an dem des Boulevard-Journalismus ist. Auch das muß dem Porträtierten stören, der das Buch, Monate nach seinem Erscheinen, nicht gelesen hat. Warum wohl?
Die drei DDR-Jahrzehnte des Roland Jahn sind auf 80 des 240 Seiten-Buches zusammengefaßt. Oder sollte man sagen zusammengerafft? Zum Wesentlichen der Biographie macht Praschl, was Jahn nach der Zwangsaussiedlung getan hat. Das heißt in den achtziger Jahren des Vorjahrhunderts. Also Jahn in der Rolle eines Medienaktivisten, der die Bürgerrechtler in der DDR, entsprechend aller Möglichkeiten, mit allen möglichen Mitteln unterstützte. Die koordinierende Arbeit des Aktivisten ist für Praschl das Beispielloseste in der Biographie. Also hat das den größten Platz im Buch. Das wird dann auch das regste Interesse der Leser wecken. Die Außenstehenden, das sind die Millionen in Ost wie West, werden über Interna der Medienarbeit im geteilten Deutschland informiert, wie sie sonst so nicht informiert werden. In all den nun veräußerten Vorgängen wird deutlich, welches die Wesensmerkmale des Roland Jahn sind. Er ist ein Mann, dessen Stärke sein Sinn für Solidarität ist. Er ist ein Mann, dem keine Ungerechtigkeit seinen Glauben an Gerechtigkeit nehmen kann. Derart charakterlich ausgestattet und geprägt handelte er, und muß er handeln. Auch als „Stasi-Akten-Hüter“, wie ihn Gerald Praschl wiederholt verniedlichend nennt. Der „Rebell als Behördenchef“ ist kein Held. Er ist kein Hasardeur. Er ist kein Hasenfuß. An dem Menschen können sich die Millionen messen, ohne sich zugleich als Unterlegene zu fühlen. Wie menschlich!
Gerald Praschl: Roland Jahn. Ein Rebell als Behördenchef. Ch. Links Verlag: Berlin 2011, 240 Seiten, Geb.

Weibes Konsequenz.

ich bin
wieder unpässlich.

wenn das weib
unpässlich
wird, vermodert
der müll
in den säcken,
beginnt es in den straßen
zu stinken
sagen die ratten aus den gulliritzen
uns „guten tach“.

durchaus niedlich,
mit süßen pfötchen
und feinen näschen
einem lieblichen zünglein:
sind sie,
putzig & possierlich,
weich & und manierlich

ein guter einsatz für die

Unpässlichkeit Weib.

Fernanda’s Haus

unscheinbar : in die Häuserreihe gefügt
mit sieben Schlössern gesichert
gegen Diebe & Katzen : der Schatten
Fernanda’s verstorbener Mutter

bevölkert die Zimmer : vom Vater
ist nichts bekannt : alles blieb
wie es war : nur die Pflanzen
im Garten wuchern wilder : die Wege

verfallen : die Farbe blättert
von den Schränken : die Fotografien
verblassen : hinter Glas schlummert
Fernanda’s vergessene Jugend

in hundertjährigem Schlaf : altes
Haus : gealtert mit Fernanda
Herberge des Mißtrauens : der Schlaflosigkeit
der hastig angezündeten Zigaretten

um Mitternacht : wenn Fernanda innehält
sich auf die kußlosen Lippen zu beißen

Theodor Holz

Vor einer Weile schrieb hier des öfteren ein Autor namens Theodor Holz – sein Gedicht „steifer iro auf kahlem kopf“ habe ich noch gut im Ohr. Leider hat sich mit der Zeit so etwas wie eine Ohrenentzündung herausgebildet.  Und von Theodor Holz ist im Blog weit und breit nichts zu spüren – außer vielleicht Schmerzen. Mich würde interessieren, weshalb Herr Holz uns verlassen hat. Falls er dies hier liest, so möge er es als Aufforderung verstehen, uns doch wieder einmal mit seiner Kunst zu beglücken.

Holz war, bzw. ist ein Dichter, der seine Worte mit einer gewissen Hemmungslosigkeit an den privaten vier Wänden zu reiben wusste, wir erhielten grobe Einstellungen der Wirklichkeit vor der eigenen Haustür. Am stromkasten & vermeiden es
Auf den gehweg zu kotzen.
Holz macht uns hier unmissverständlich klar: es geht um die Kontur, das kurzzeitig Belichtete. Auch dann, wenn es weniger angenehm riecht, denn: Wenn die Müllabfuhr kommt, sollte der Sack auf der Straße stehn.

H&rzbl&t (4)

Es ist Sommer. Eigentlich ein schlechter Sommer, bisher. Nur Regen und mäßige Kälte. Seit zwei Jahren studiere ich nun, und es sieht nicht danach aus, dass ich das Grundstudium bald geschafft haben werde. Nun, dass es nicht leicht werden würde, wusste ich, von Sandmann, von Thomas Feindt und all den anderen. Ich dachte nur, mein Herzblut für die Sache und mein Labor im Keller würden mich rascher voran bringen. Ich lerne regelmäßig und probiere es heimlich im Keller aus. Ich muss erfahren, dass man auch mit kleinen Schritten vorwärts kommt. Hier im Wohnzimmer? Ich habe Turnschuhe mit Klettverschluss an. Sauber sehen sie nicht aus. Die Schuhe von Sandmann sehen auch nicht sauber aus, aber der macht viel Sport. Rennt durch das Stadion, sprintet im Bürgerpark. Lacht, wenn ich am Institut mein Auto schief einparke. Dein Wagen braucht keine neue Karosserie mehr, schüttelt er den Kopf, der braucht eine Tonne Sprengstoff.

Gestern hat es in unserem Keller gebrannt. Das glaubt keiner, wenn er es von mir persönlich hört! Doch der Wolfenbütteler Zeitung, in der heute unser Haus auf Seite eins von „Lokales“ abgebildet ist, glaubt jeder. Unser Haus ist keine Schönheit, ein graues, tristes Mietshaus im Stil der sechziger Jahre. Heute vormittag füllte ich Natriumphosphat in eine Flasche. Ein kleines Streichholz. Dann fuhr ich ins Institut. Auf dem Rückweg kam mir schon die Feuerwehr entgegen. Ich lächelte in mich hinein, nur ich allein wusste, warum jetzt, am Donnerstag, den 21. August 1985, die Feuerwehr mit Vollgas durch Wolfenbüttel bretterte.

Datenübertragung. Stop. Studierte ich nicht einst Chemie? Meine Fingernägel glitzern grünlich und erhellen manche Nebenstraße, wenn ich das Auto wegen einer Panne in den Schrebergärten stehen lassen muss und zu Fuß nach Hause gehe. Ich setze Fuß vor Fuß, und der dunkle Boden der Braunschweiger Börde leuchtet smaragden.

Die Erde dreht sich noch immer, ein rundes Gebilde, pur und mit wenig Kalorien. Im Tiefdruckgebiet herrscht kein Zwang zu höflicher Distanz. Mutter, rufe ich, Mutter, da draußen, hörst du mich, wenn da jemand ist, bitte antworten. Ich bin H7, der König von zehn Quadratmetern Chaos, auf geschnittenem und wiederverlegtem Teppich breite ich meine Habseligkeiten aus. Mutters Dampfbügeleisen gehört nun mir.

H&6 (3) (Zimt und Zucker)

Turnschuhe mit Klettverschluss. Hier im Wohnzimmer. Sauber sehen sie nicht aus. Die Turnschuhe von Sandmann sehen auch nicht sauber aus, aber der macht viel Sport. Mutter kommt rein, eine aufgeschnittene Melone auf dem Tablett. Ich trete einen Schritt zurück, ein weiches Gummigefühl unter den Füßen.

„Nimm dir ein Stück Melone, liebes Kind, hier sind Zimt und Zucker, tu’ dir ordentlich davon drauf, du magst doch süß, nicht wahr?“ Seine Mutter schneidet eine dicke, blässliche Scheibe von der Melone ab und legt sie auf ein weißes Tellerchen mit Goldrand. Du magst doch süß. Mutters Verrat. Sie schiebt seiner Schülerin das Tellerchen hin, sofort streut – nein, schüttet sie sich Zucker und Zimt auf die Melonenscheibe. Weiches Gummi füllt seinen Körper. Er sieht, wie Mutter für sich eine dünnere Scheibe abschneidet und sie mit Zitrone und Süßstoff beträufelt. Das Gummi faltet sich klein und dürr zusammen. „Und du? Isst du nichts?“ Seine Schülerin kaut das fleischige, zuckersüße Etwas und sieht aufdringlich zu ihm hin. „Nein danke, ich ess‘ nichts.“ Mein Labor im Keller. „Melone mit Zucker und Zimt ist lecker“, lügt sie vom Sofa, er weiß, die Melone ist unreif oder schlicht überzüchtet, schmeckt nach nichts, schmeckt nur nach Zucker und Zimt. „Ach, nee, der H., der nimmt keinen Zucker, der nimmt Zitrone und Süßstoff. Wir nehmen Zitrone und Süßstoff, nicht wahr, H.?“ Ja, Mama. Schon lacht mir die Feuerwehr entgegen. Natriumphosphat in der Flasche. Seine Schülerin kaut verdutzt. Hihi, Zucker. Sie greift sich eine weitere Melonenscheibe, die gleich darauf unter einer Decke von Zimt und Zucker verschwunden ist.

die Gerechtigkeit

(im Giardino dei tarocchi)

schwarz : weiß : gestreift : kariert
gesichtslos : blind : außerirdisch
wägt die Gerechtigkeit ab : Gleichstand
die Waagschalen : Brüste : halb
geöffnet : weibliche Konsequenz

thronend hinter der Hohepriesterin : immer im Blick
der Herrscherin : Unglückliche : im Zebragewand
du erhebst dich über den Stein : maulwurfsgleich
dein Amt zu üben : Akten anhäufend
kennst du nicht : worüber du sprichst

zweiteilend die Welt in Gut & Böse : die Waage
an der Stirn befestigt : die Schalen gefüllt
mit Muttermilch : statt Argumenten : schwer
wohlgenährt : ausgeglichen : weibliche Logik
wachsend im Leib : ordnet anders die Welt

H&6 (2)

„Ich gebe dir fünf Mark mit. Davon kaufst du noch was Süßes. Der nimmt bloß zehn Mark für die Nachhilfe, das ist ja beschämend. Los, denk dran, ich frage dich, wenn du nach Hause kommst.“

Ich sollte mit einem Kasten Pralinen, Toffifee oder Toblerone, zu ihm gehen. Blöd kam ich mir vor. Einem Jungen schenkt man doch nichts Süßes. Als ob er so ein Süßer wäre. Der König von zehn Quadratmetern Chaos. Wiederverlegter Teppich. Dampfbügeleisen, qualmvergilbte Spitzendecke. Wenn er mir etwas erklärt, sehe ich seine Hose, seine Finger. Im filmverschmierten, rauchbesprühten Spiegel. Dreck drunter. Als ob er etwas damit umgegraben hätte. Seine Mutter daneben raucht Kette. Ich kaue mein Milchbrötchen mit Negerkuss, gehe ins Kaufhaus und stehe lange bei den Zeitschriften herum. Er schwitzt durch seine Hose, was soll ich tun. Dr. Sommer berät gern. Relativ spontan und ohne große Vorankündigungen. Ich kaufe eine Schachtel Toffifee und eine Tafel Milka im lila Papier. An die lila Herzen denke ich nicht. Eine zweite Tafel esse ich auf, angenehm warm auf der Zunge. Wenn ich das Abitur schon hätte, wäre ich längst hier weg. Männer finde ich erst ab fünfundzwanzig interessant. Die wissen viel. Reisen in große Städte wie London, oder kommen von dort und essen fremde Sachen, tragen Klamotten, die glänzen. Raffiniert und cool. Meine Fingernägel glitzern grünlich und erhellen die Nebenstraßen.

Maya

Hinter dem Schleier der Dinge steht alles still. Die Körper der Tage tragen nicht mehr. Es sitzt fest, niemand feiert. Selbst die Herrscher haben keinen Fluch mehr auf den Lippen, alle Geschenke werden ohne Kommentar abgewiesen. Nach Jahrtausenden ist es soweit. Nachdem die Zähne der Zahlräder ineinander griffen in stetigen Variationen, bleibt nun alles gleich. Die Körper der Tage als Nächte erwacht. Die Dinge begegnen sich im Tiefschlaf. Außerhalb der Bewegung hängen Möglichkeiten wie Blei in dem Schleier aus Gedanken und Wünschen. Zwischen sieben und elf schiebt sich dreizehn in ihr gefiedertes Schneckenhaus. Die Maschine steht still. Nach Jahrtausenden tosen die Wellen des Ozeans nicht mehr im Zittern der Angst vor dem Glück. Die Idee legt sich ihre Ohren an, Rauschen des Blutes

Büsten-Halter

Eine Synthetik

Heute Mittag habe ich mit einer guten Freundin telefoniert, die meint, literarisches Bloggen helfe ihr, auszuspannen. Sich verbal zu vergreifen. Einmal in aller Heimlichkeit zu tiradisieren, sich wort-gewendet in die Hose zu greifen. Ja, haben wir denn noch alle Bekleidung am Leibe? Oder purzeln uns mittlerweile schon Worte von der Seele, warm & frisch, wie Semmeln, Herr Castorp, so wie Kaschmir, Synthetik und Baumwolle (Bio, natürlich) beim Entkleiden von der Haut rutschen? Die hoffentlich noch von Muskeln, Knochen und allerlei Gewebe straff gehalten wird. Früher sagte man, das geht auf keine Kuhhaut. Das Wort war ein Büstenhalter, das Wort war der Schlitz in jeder Unterhose.

Das erregendste Ereignis, welches das Wolfenbüttel der späten siebziger Jahre zu bieten hatte, war die von Kunststudenten in Toilettenpapier eingewickelte Lessing-Büste. Was hilft es, uns entfahren mitunter Lautäußerungen, wie Börp!, Phuuuh und tüüüüh. Lassen wir sie zu, aber schnallen wir uns Unterhosen & Büstenhalter vorher fest an. Lieber eine Nummer zu klein als zu groß. Und bitte, das reißfeste Papier nicht vergessen.

an der ampel ein rauchiges, fauchendes blubbern, kurz kräuselt sich der schall, dann schluckt er alles kehlig, tief, großvolumig: als eruption. die bauchstimme des motors raugesoffen vom sprit, wundgeritten von der zeit. kugelaugen leuchten wie laternenfische um die dunklen ecken, dann schüttelt sich der kleinbus, schwankt in seinen viel zu grossen schuhen davon, zurück bleibt nur die abgerissne spur der räder. verwandelt ist die szenerie.

die trockenheit hat dem gras
eine feder gelassen

in deiner hand macht sie
eine imaginäre reise

schreibt ein allzu leichtes
traktat über das fliegen

Globalblaue Dunstschwade

Aber es gibt die Ambivalenten, diejenigen, bei denen sich der Gegenstand der Sprache unterzuordnen hat. Sie sind ein Seismograph, der in der Lage ist, Edelmetall aufzuspüren. Sie sind Trüffelschweine. In Visionen oder analytischen Betrachtungen. Sie urteilen nicht, sie verschränken. Vor Jahren haben sie das Jammern, Grübeln und Nachdenken, das Analysieren ihrer Zustände, die vielfarbig und schillernd waren, einfach in eine Akte geheftet und sie in eine Kammer des Gehirns verlagert, in der es so dunkel war, dass selbst eine frische Blumenzwiebel dort keine Keime mehr austreibt. Hart wie ein Brett sind sie dabei geworden. Meister der Selbstverachtung. Mit einem munteren Betrieb im Körper: Während ihr Gehirn auch weiterhin eine unerhörte, fiktive Zellteilung veranstaltet, behalten sie die Gewissheit, den wahrgenommenen Geruch an etwas binden zu können, das ihn ins Unendliche treibt. Ein feines Netz entsteht, im Gegenlicht.