schmeiß und flieg

…mal wieder die worte über borte werfen…( ja doch, das is spitze )

http://www.youtube.com/watch?v=hxIuwe1mbmk&playnext=1&list=PLC5ZyVVTorKOKofsep6njAHE9JXI9KL8-&feature=results_video

Wie über mich.

Cy.

 

Wie über mich drübergehn. Sabbern. Mich zwischen meine eigene Haut zu drängen. Als obs von innen fein regnet. Oder sich etwas regt. Wie ein von sich selbst Ablösen. Ich spiele nur mein Empfinden als mein einzigstes Instrument. Verstehe sonst nichts vom Leben. Längst hat mein Berühren eine eigene Sprache gefunden. Wie ich dich suche. 

ohne ei

schwant nur dahin auf kurzer zeile keine lange weile in weiß über quanten nicht zeit eine klange linie auf langer gewelle die nicht nach findet und geht weile und lacht und kann nach hause nicht an den wasser kreise klinge wellen in kanten wer in der zeit sich nicht ehrt ist der dukaten nicht friss in an der sicht in zeit überwellt es sich trägt kurz auf zeile in einer der weile warum zeit ohne ei und sprung über die

cleaning my gun

du bist mir nicht ins aug’ gefallen aber ich dir sogleich in den rücken gesprungen beim rückwärts einworten gott weiss dass du ein grübchen hast das schlapp macht ab und zu wir hatten funken gerissen nein nicht das alte lied mit den zitronenküssen uns’re schreie sind eng beim wasser im mund zusammenlaufen wir sind ganz zunge die liebe ist immer konkret dieser moment er hatte recht du weisst schon der erregungszustand inmitten träumender knaben und halbgeköpfter weiber erkenne ich männer immer an ihren geräuschen nicht an ihren trainierten glücksformeln an dieses oder jenes leid an dich erinn’re mich in versen du bist wie ein countrysong die letzte strophe mit viel sahne und staubgeplatztem parkett back on boogy street und einer cohenschen coolness als wir an diesem feuerpilz hockten mit allem von gestern und ich erinnert worden bin im manischen schauder meiner verschwindungssucht von ferne das stimmengewitter der zwinkernde biologe please be true mit glück im spiel und sieben kindern da stopfte ich keine fragen mehr in ihre würgemäuler mit schweissfilm unterm nasenflügel tropfen wachträume rauf und runter ich tanze mit dir um den elenden klappergaul wenn wir uns in die büsche schlagen wie beim schulschwänzen damals mit dem bus nach h. taub aber mit blitzen unterm lid all meine liebe bettet dein gesicht gegen das gemetzel der gesetzestreuen als würden wir immer jünger und jünger eine singende belle starr im falsett mit jesse james bis kein ton mehr in unsrer trommel ist

Hemmungslos nicht heucheln

Ach, wie lang, lang ist´s her, seit Heiner Müller gegangen ist? Gestern war´s! Vor bald zwei Jahrzehnten. Müller war der erste aus der Riege des starken Jahrgangs (1929) der deutschen Literatur. Peter Rühmkorf ging 2008, Christa Wolf 2011. Was bleibt?
Mit uns sind Kunert und Enzensberger. Müller, Kempowski, Wolf und Kunert haben keinen Platz in Peter Rühmkorfs Reden „Über Kollegen“, die in dem Band „In meinen Kopf passen viele Widersprüche“ gebündelt sind. Keine Nachlaß-Ausgabe. Doch erstmals eine Sammlung von Schriften, die der Schriftsteller nicht nur en passant, hier und dort, dann und wann veröffentlichte. Altes also neu? Ja doch! Und: Nicht doch! Ist nur eine Frage der Geburt. Nicht fragen: Ran an den Band! Er ist für alle Generationen. Für alle, die gelegentlich gern ins Museum gehen. Sprich ins Literaturmuseum. Vor allem das der deutschsprachigen Worthäcksler. Ob Rühmkorf je mit einem derart schlichten Wort Maß nahm? Mit wenigen Worten sagte er, wer Kunstgewerbler, wer Künstler ist.
Peter Rühmkorf war ein Hemmungsloser, der nicht heucheln konnte. Er war kein krummer Geselle, der kroch. Er war ein kraftvoller Kritiker, der blitzschnell gepriesenen Koryphäen des Geistes, der Kunst, der Kultur… eine Kopfnuss verpassen konnte. Peter Rühmkorf hatte den Humor, sich zu erleichtern. Seine Sicht auf die Schreiberei und die Schreiber ließ er sich durch keine Nebelkerzen trüben und durch keine Weihrauchkerzen parfümieren. Peter Rühmkorf hat den Plauderern in der Literatur kein Pardon gegeben. Plauderte er, stimmte der Ton. So zog er die Leser seiner Literatur und Literaturbetrachtungen auf seine Seite. Dem Literaturerklärer liefen die Leute hinterher. Er selbst war, wie er selbst sagte, eine der „poetischen Naturen“, der schonungslos äußerte, was für Naturen die lieben Kollegen waren oder was nicht. Rühmkorf ist vergnüglich zu lesen. Selbst wenn er mit zusammengebissenen Zähnen spricht. Rühmkorf läßt sich das Vergnügliche nicht nehmen. Er muß schmunzeln. Er läßt schmunzeln. Auch, wenn´s Ohrfeigen gibt. Locker bleiben! Schön locker das Buch durchblättern. Wer sagt denn, dass Text für Text gelesen werden muß? Angefangen mit dem zu Adorno bis hin zu dem über Zuckmayer. Muß nicht sein. Rühmkorf gemäß, der sich auch nicht auf eine Linie trimmen ließ. Jeder kann herauspicken, was ihn zuerst neugierig macht. Auf diese Art läßt sich am ehesten herausfinden, wie sich der Autor bei den Lesern beliebt macht.
Peter Rühmkorf brachte die Literatur nie in Verruf. Er war ein verliebter Verteidiger der Literatur. Im Verurteilen groß, war er im Loben nicht kleinlich. Bestes Beispiel dafür sind im Buch seine Betrachtungen eines glorifizierten Großschriftstellers. Zuerst gibt Rühmkorf zu erkennen, dass er ganz und fest auf der Seite der Anti-Thomas Mann-Truppe steht. Gleichauf mit dem Kollegen Brecht, Döblin, Jahnn….. Abermals beim Nobelpreisträger nachgeschaut, läßt sich Rühmkorf dann doch vom „Zauberer“ verzaubern. Was ist geschehen? Der Kritikus der „Meisterwerke“ hat die Erzählungen als die Pfeiler der Thomas Mann-Literatur für sich entdeckt. Und er ist glücklich und preist. Mit ihm die Leser? Wenn den Lesern auch der eine andere Text entgleitet, bitte beide Augen auf den zu Werner Riegel (1925-1956). Neugierig bleiben! Selbst wenn einem der Name nichts sagt. Der seitenstärkste Essay des Bandes ist mehr als ein Freundschaftsdienst des Verfassers. Für den war Riedel „ein junger Geistesmensch mit nichts als Literatur im Kopf“, dessen „Zeitgeist bereits die Asche des Vergessens überdeckt“. Das schrieb Peter Rühmkorf Jahrzehnte später. Nicht nur rührendes Gedenken, ist der Essay ohne Asche. Er hat den Geist der Gegenwart. Er ist Ermunterung wie Ermutigung. Der Werner-Riegel-Essay ist´s wert, empfohlen zu werden wie der gesamte Band „In meinen Kopf passen viele Widersprüche“. Peter Rühmkorf war ein ständiger Entdecker in der Landschaft der Literatur, der in Abgründe schaute und ein verläßlicher Begleiter bei Aufstiegen war.

Peter Rühmkorf: In meinen Kopf passen viele Widersprüche. Über Kollegen. Hg. von Susanne Fischer, Stephan Opitz. Mit Dichterporträts von F.W. Bernstein. Wallstein Verlag: Göttingen 2012. 368 Seiten, Geb., ISBN 978-3-8363-1171-8

im nein

ein hin und her auf der stelle gepeinigtes herzunterlaufen im kummer des leibes liebeslos abgeworfen schlafunterlaufen im nein trag ich mein verfressenes herz kein huldigungskleid blickloses abendbrot woher genau nimmst du das herzzerreissende deiner stimme herbstprinzen schämen sich in ihren erigierten gesichtern hochschnellend zu tage

wilde wie worte

worte waren immer da, wie haare auf dem kopf, doch wehe wehe wilde worte, mit kamm und bürste stillgelegt, zopf und kranz und krone, scheitel punkt und aus. heimelich im kirschenbaum, das haar gelöst, die mähne kurz geschüttelt, ins süße fleisch gebissen, kerne gespuckt, von ast zu ast, die sinnlichsten sätze gemacht.

Schreiben als prophetischer und pädagogischer Auftrag

So zumindest sah es der Dichter Stefan George. Er scharrte Jünger um sich und lebte mit ihnen in einem Haus. Seine Gedichte sah er als den Ausdruck einer neuen Lebensform, als Perfomance, wie wir heute sagen würden, und so war er sich auch nicht zu schade, sie in antiken Gewändern selbst zu rezitieren. Der Kreis war ein geschlossener. Ein späterer Abzweig war der sog. „Kreisauer Kreis“, dem die Familie meiner Großmutter angehörte.

von texten und viren

da glaubst du nach tagen schier endloser bettlägrigkeit den virus überwunden zu haben, und plötzlich schnappt er nochmal zu. beißt sich fest. frißt sich in deine zellen hinein. macht sie sich eigen. und streut immer weitere kleine, fiese virenzellen in die blutbahn deines geschwächten körpers. antibiotikum hilft nicht. es sind viren. zähe viren. keine heißblutigen bakterien, wie sie zu finden sind in pest, cholera, tbc und lepra. harmlose krankheiten dagegen. zurückgeworfen auf dein lager musst du dich nun zutexten lassen.

Weiten.

Du weitest zwar nicht meine Liebesgelüste: aber meine Blutbahnen. Manchmal hätt’ ich mir gewünscht, dich nur so dasitzen zu sehn, wie du deine Füsse vor der Sonne versteckst, wie du deine Vergeblichkeit vom Fleisch lösen wolltest, wie wenn du dich in Flüssen mit Lachsen zusammentust … 

heim.lich.

hast du in deinem leben schohn mal empfunden, dass dich etwas getrieben hat … oder bist du fast vernachlässigt worden …

war sprache heimlich

der herr der gullis.

… er presst seine texte in einen gulli + fängt sie kurz darunter wieder auf … geht damit ganz vorsichtig am liebsten in der nacht nach hause … und legt sie auf dem balkon leise weinend wieder aus …
mittlerweile ist er der herr der gullis … 

(eine erfindung meiner olderburger freundin)

Figurenlexikon – Nr. 4

Heute: Der Verein „halbe Lunge“

Der Verein heißt „halbe Lunge“, weil alle, die diesem Verein angehören, den Pneumothorax am Körper tragen, ein Gerät, das Gas in die Lunge pumpt und sie so von ihrem Dienst suspendiert. Das Gas hält allerdings nicht lange vor und muss regelmäßig erneuert werden. Die Mitglieder des Vereins haben sich zusammen gefunden, weil „so etwas“ wie Joachim betont, die Menschen verbindet.

Hans Castorp überlegt darauf hin, ob der Verein „auch eingetragen“ sei. Und er fragt sich, warum die Träger des Pneumothorax „so ausgelassen“ sind.

Die Leute mit dem Pneumothorax sind noch jung, so Joachims Antwort, und dann sterben sie womöglich: „weshalb sollten sie da ernste Gesichter schneiden?“ Bei Th. Mann sind Tod und Krankheit „eine Art Bummelei.“

Der Stolz des Vereins ist Hermine Kleefeld, die mit dem Pneumothorax pfeifen kann, „das kann natürlich nicht jeder „, aber sie verbraucht dabei Stickstoff und muss vierzehntägig aufgefüllt werden.

Morgenzauber

„Wenn stehts in dir verzaubert ruht des Morgens süße Stunde,

liegst du bei mir und hebst den Kopf  – zum Kusse frei den Munde.

Dann weißt du für dich und ich für mich – es ist so wie es soll sein,

mit jedem ersten Sonnenstrahl bin ich dir und du bist mein.“

Eitelkeiten oder Das geborgte Wort

(gestohlen, geliehen und wiedergegeben)
Eitelkeit ist die übertriebene Sorge um die geistige Vollkommenheit, den eigenen Körper, das Aussehen und die Attraktivität oder die Wohlgeformtheit des eigenen Charakters. Die Grenzen sind fließend . Was der eine noch als angebracht empfindet, ist für den anderen schon maßlos. Die Eitelkeit lenkt das Denken des Menschen hin zu sich selbst. Eitelkeit hat auch die Bedeutung Vergänglichkeit, Nichtigkeit, Leere und Vergeblichkeit (vgl. engl. idle oder dt. etwas vereiteln). In einem konkurrierenden Umfeld findet der Begriff Eitelkeit auch abwertend Verwendung für das Zuweisen einer mehr oder weniger ausgeprägten Form des klassischen Narzissmus an Konkurrenten. Die Schärfe der Semantik lässt sich im Einzelfall an Wortwahl, Tonfall und Körperpersprache ablesen. Berichtet eine Person dagegen von der eigenen Eitelkeit, soll dies von anderen als selbstkritisch aufgefasst werden.

E.tage

Ordinallappen.
Fraktuiert. Sallopage.
Dymaster schlug
auf gelben Marmor.
Feistel. Griff gelöst.

Adieu, du Erzengel.
Dein menschlicher
Anblick bleibt.
Korrektes Benehmen,
übersteigt
jede Flucht nach
Vorn.

Eine Frechheit

„Bei großen Preisen sollte man keinen exotischen Weg gehen und nach Kleinverlagen mit avantgardistischer Lyrik suchen.“ antwortete der renommierte Kritiker Hubert Winkels als Vorsitzender der Jury für den kommenden Preis der Leipziger Buchmesse in einem Gespräch mit dem „Börsenblatt“ (Heft 46, 2012, S. 11).

Hat er damit seine Neutralität als Juror verletzt? Gibt er sich als Diener der Konzernverlage zu erkennen? Wird avantgardistische Lyrik von vornherein als nicht preiswürdig aussortiert? Fungieren Literaturpreise als Katalysatoren von Marktförmigkeit statt als Sextant auf dem weiten Meer der Neuerscheinungen? Was sagen die zahlreichen Kleinverleger, die mit ihren Mitgliedsbeiträgen und Standgebühren auf der Leipziger Messe den Preis mitfinanzieren, der ihnen offenbar vorenthalten ist,  zu dieser Parteilichkeit? Fragen eines lesenden Zeitgenossen. Wo bleibt der Sturm der Entrüstung?

Braune Politik

„Warum bist du so braun“, fragte mich kürzlich ein Arbeitskollege im Vorbeigehen, „warst du im Urlaub?“ Ich verstand seine Frage nicht. Nun gut, manch böse Zungen behaupten, der Führer hatte Mundgeruch. Das ist eine unverschämte Lüge. Und meine Haut ist blass und ich kann nichts dafür. Blasse Haut wird zum Glück noch nicht als Zeichen von Rassismus gewertet. Ich musste diese Frage also als überflüssig für mich und eine Veränderung im Verhältnis zu einem Kollegen verstehen, dessen Gesicht mir auch nach Monaten nicht vertraut war, dessen Färbung ich nicht einschätzen konnte, und mit dem ich bislang noch keinen Satz gewechselt hatte. Dennoch hatte mich diese Frage, noch dazu am frühen Morgen, nachhaltig verunsichert. Versuchte dieser Kollege mit mir in Kontakt zu treten und erinnerte sich, dass Frauen gerne Bemerkungen über ihr Äußeres hören? Ahnte er, dass ich nicht schlagfertig genug sein würde, um wenigstens mit einem schalen Witz à la, nee, ich habe mir nur 14 Tage lang die Unterhose über dem Kopf ausgezogen, zu kontern? Litt er unter einer angeborenen Rot-Grün-Blindheit, und mein Gesicht war durch die trockene Luft von einem Hautekzem verunziert oder grünlich im Anschein einer nahenden gesundheitlichen Verstimmung? Ich ging auf die Toilette und konnte in der künstlichen Beleuchtung nichts feststellen. Meine Gesichtsfarbe war unverändert und schaute mich ein wenig missmutig an. Ich versuchte ein Lächeln. Der hatte es sicher gut gemeint oder er gehörte zur Sorte Menschen, die nicht viel nachdenken über das, was sie sagen. Braune Haut galt einmal als schön. Heute ist die Farbe in Verruf geraten, nicht nur wegen der Politik, sondern auch wegen der Hautkrebsgefahr, die überall in den Medien beschworen und beklatscht wird. Und wenn es denn gesellschaftlich noch erlaubt ist, über Natur und Gesundheit im Doppelpack zu denken, lasse ich hier eine Bemerkung über das Fell und Gefieder vieler Tiersorten, sowie über die Tellerlinsen fallen. Sie sind überaus gut angepasst, indem sie kaum auffallen oder ihr Gegessen-werden politisch korrekt ist. Übrigens hatte ich vor einiger Zeit einen Disput mit einem anderen Kollegen, der ernsthaft meinte, die Gesellschaft unter Adenauer oder die Bevölkerung im hessischen Gießen sei brauner gewesen als die Jugend in Sachsen und Sachsen-Anhalt. Vielleicht hat er Recht. Denn diese konnten und können sich Urlaub – oder wenigstens den Besuch im Sonnenstudio leisten. Während ich dies hier schreibe, habe ich das Gefühl, mit den Füßen langsam im Morast zu versinken. Nach gehaltvoller langer Weile, dominiert nun, gegen die Monatsmitte hin, wieder die kurze Zeile.Vielleicht liegt das an der Politik meines Schreibens. Sicher bin ich mir nicht. Aber ich nehme mir vor, bei der nächsten Bemerkung eines Kollegen, die ich nicht verstehe, ihm wenigstens dies zu Verstehen zu geben. Man muss nicht jeden Morast durchsteigen.

risiken & nebenwirkungen

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ist untersagt in diesem falle
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zuwiderhandlungen werden
mit der vollen härte der
geltenden gesetze verfolgt

Drei Sätze

Michaela breitete aus, was unter ihrer Bettdecke Platz fand. Verloren lag es neben ihr und träumte. Nebenan die Kinder hatten jedes ein Zimmer für sich.

Nicht mehr als

Kreuze sind was für Männer, sagte Carla, aber Lehmann  hörte schon nicht mehr zu. Er wollte noch ins Bolero, wollte nach der Arbeit seinen Arsch freipumpen und brauchte dafür eine Tanzfläche. (…) Hinterm Moritzplatz kam langsam die Suppe hoch, drunten ratterte es schon wieder.

Jugend mit Herzklopfen, wenn der Zug aus Westdeutschland in den Bahnhof Zoo einfuhr

[…]Und überhaupt… Charlottenburg. Abendsonne über verfallener Pracht. Heute alles andere vergessen, beschließt Sam. Zum Teufel mit der Angst, die sich wie ein pelziges Tier schon wieder in den Nacken gekrallt hat. Heute so tun, als ob. Als ob eine reife Dame zufrieden auf die letzten Jahre blickt, während sie zum ersten mal seit ihrer Jugend wieder durch Charlottenburg streift. Da entlang wo Berlin noch Berlin ist, schillernd, wie ein Glas Danziger Goldwasser gegen das Licht gehalten. Sollen die doch den Osten der Stadt verunzieren mit ihren Bausatz-Bürohäusern und ihren Bubble-Tea-Filialen. Die Dame lächelt großmütig, trinkt ihren Tee aus einer Porzellantasse, wie damals während ihrer Jugend mit Herzklopfen, wenn der Zug aus Westdeutschland in den Bahnhof Zoo einfuhr. Augen zu, und sie steht wieder im ersten Waggon, zieht das Fenster herunter, von draußen strömt der Geruch nach Kohleöfen und einem Kännchen schwarzen Tee vom Bahnhofscafé herein. Was weiß die Dame denn? Oh, eine Menge! War bildkünstlerisch tätig, hat Tugendheldinnen gemalt, war immer dem Vorurteil ausgesetzt, malende und zeichnende Töchter aus dem aufstrebenden Bürgertum seien Dilettantinnen.

Und? Ihre Werke wurden gekauft, Stallgeruch entströmte denen, man ließ die malende Dame nicht verhungern; diese Bourgeoisie-Bande ließ ihresgleichen nie verhungern. Verhungern würden Künstlerinnen und Künstler, deren Los wäre das.

Die Dame lächelt schon wieder, sie weiß, wie befähigt sie ist. Sam aber wird das nie wissen. Da wo sie herkommt, im Kleinstbürgertum, hat man nicht mal die Traute die eigenen Kinder zu loben und zu lieben, wenn die sich weigern, mitzuducken. Adieu, Großmama, ich weiß noch immer nicht, dass mein Leben nicht so beschissen werden wird wie deines! Sam, eine Reisetasche über der Schulter, galoppiert die Bahnsteigtreppe des Bahnhofs Zoo hinunter, dann durch die Unterführung auf die Budapester Straße. Die Mauer wieder hoch, und das heiß geliebte Aroma vom Mittelpunkt der Stadt, das Charlottenburg-Aroma von Marzipan und altem Kognak entfaltet sich auf der Zunge… Sam schlägt die Augen auf. Wünscht man da Menschen zurück hinter eine Mauer? Wäre das eine Gemeinheit? Sind Menschen etwa glücklicher ohne ihre Mauern? Sam jedenfalls war nie glücklicher als in der abgeriegelten Stadt. Die anderen? Einmal durften sie nicht hinaus in die Welt, weil da das Böse lauerte, wenig später können sie nicht mehr hinaus in die Welt, weil das Böse da ist und seine Schwester, die Armut, mitgebracht hat.
Auf diese trostlose Erkenntnis prostet Sam sich mit einem Chambord zu. Und wie führt eine zum Establishment gehörende Dame ihren Nachmittag fort? Sie kauft Parfüm[…]

aus: Kreuzkölln Superprovisorium, alle Rechte bei Michason & May, Frankfurt

 

Schweifloser Spaziergang

alles ist schon da, die ganze DNA. (Max Raabe)

Sobald irgendwo irgend etwas herumschwimmt, machen wir uns Gedanken. Fragen uns, was da wohl alles drin ist. Heute stellte ich mir ohne Vorwarnung die Frage, wo überall ist eigentlich DNA drin? Auch in Holz? In Steinen? Etwa noch in Obst und Gemüse? Essen wir die mit? Arbeitet die in uns weiter? Essen wir nicht ausschließlich Sachen mit DNA oder ziehen sie uns an? Als mir die Antwort durch offene Türen hereinwehte, verlegte ich mich verzweifelt aufs Wasser. Aber, enthält Wasser nicht auch DNA, eingekapselt in Organismen, die wir durch Primatenaugen nicht erkennen können? DNA umschwirrt uns, dupliziert und tripliziert sich. Wir sind von allen Seiten eingesponnen in DNA. Wie in Hausstaub. Ein Unbehagen nahm von mir Besitz, es bekam ohne Zögern die Gestalt DNA-belasteter Flöhe und ich kratzte mir den Rücken. Mit dem Ergebnis, dass ich unzählige unsichtbare Hautschuppen unter den Fingernägeln hatte. Ich ging zunächst in die Küche und holte einen Lappen, schraubte die Meister-Propper-Flasche auf. Mit der Angst im Nacken, dass selbst die DNA abgeben könnte. Mutig wechselte ich die Richtung und betrat den mattgrünen Park mit dem darin enthaltenen schwachbraunen Wald. Ganz im Vorbeigehen bemerkt: Bei etlichen DNA-tragenden Gebilden, der Einschränkung halber: Tieren, ist der Schweif am hinteren Körperende für das Steuern zuständig. Angst und Zittern werden hier abgebogen. Dies ist ein Grund, weshalb der weithin abgewirtschaftete Primat „Mensch“, in vielen Sprachen einfach „Mann“ genannt (ein Fehlbegriff, denn auch weibliche Primaten besitzen ihn nicht, den altevolutionären Schweif zum Gegensteuern) immer wieder umfällt.

trommeln

sie stürzen mich hin
und runter von den tonleitern
ein senken ein ins auge beben
tausend kleine zungen heben
meine stiefeletten noch
in ihre gleissende bleistiftspur

sonne mond und güldensterne
ich habe meine schande doch
schon hinter mir und stinkende
küsse auch mein herr

fang auf mein blut
rühr meine trommelfelle
im gnadenkraut der fast
gekommenen stunde
du bist mein wohin

skulptur am bau (neuchâtel)

als wir über dürrenmatts bauch tanzten
und auf der aufgebrüsteten terrasse
das seepanorama mit 180 grad wolken
und sonnenschein zuknipsten,
verknäulte diese halbwelt ein
vom föhnwind angewehter
ballen aus stahl, faltete sich
psychedelisch vom rand her
ins firmament, tentakelte mit seinem
zerplatzenden korallenrot ins auge,
zersang das gegengrün die zirpende stille

Kokonkurzeil

Die Türen hängen verzogen, die Fenster verklemmt. Dächer ziehen im Klimmzug weiter sich auf. Die Häuser, sie bremsen, in Schräg angesetzt. Die Tischplatte dehnt sich und wiegt sich in wellige Fischform. Weiter Spalt liegt auf und geklappt vor dem Licht. Ein hellbraunes Laken glänzt seidig und feucht neben der Haut wie ein Ei, der Wandschirm umringt sich mit Armen und Lichtgelb tritt aus. In Beutel für Wäsche bestickt mit Aroma der Pflaume füllen wir die Murmeln in Grau und in Weiß, in meine Finger schieb‘ ich den Stängel aus Füller mit Tinte fast schwarz. Zieren wir Streifen längs in die Wände, hintenüber gebeugt.

BEMBELHERZ

Tesa ist den Mädchen vorgesetzt. Die Mädchen kennen keine Verwöhnung. Sie bleiben guter Dinge im Dreck. Der Molkereidirektor bringt seine Milch persönlich, allerdings mehr Tesa als sonst einer. Tesa schmeichelt so gut sie kann, aber klar, das können andere besser. Die Mädchen sind im Bahnhofsdienst, sie haben keinen größeren Wunsch, als vom Militär mitgenommen zu werden, in einem Zug nach dem Westen.

In der Volksschule ist ein Lazarett. Das Leiden macht Lärm. Die Mädchen stopfen Strümpfe auch von den Gesunden, die zur Fuhrparkmannschaft auf dem Gelände des Gemeindehauses an der Ucker gehören. Tesa nimmt Unterhosen zum Flicken mit nach Hause. Die Soldaten erachten die Handarbeiten als Liebesdienste.

Tesa beobachtet, dass Verletzte zum Transport fertiggemacht werden. Da lässt nichts mehr an eine Armee denken, es gibt einen Feldwebel, bei dem Tesa Radio auf der Stube hören soll und duschen könnte sie sich auch in seinem Quartier. Tesa möchte nur wissen, ob der Zug Zivilisten mitnimmt. Versprechen kann der Feldwebel gar nichts. Er bestellt Tesa und ihre Schutzbefohlenen für den Abend an den Bahnhof.

Die Mutter kann nicht mit, sie gibt Tesa und ihrer Schwester jeder eine Flasche Rum zum Eintauschen. Tesas Flasche kriegt gleich der Feldwebel, im Waggon liegt Stroh aufgeschüttet in der Verdunklung, Tesa hält ihren Teil der Menschheit klammernd zusammen. Sie hat auch ein Fahrrad und ihren Geigenkasten und den Kinderwagen für Wolf in Verwaltung.

Es wird bombardiert, doch der Bahnhof kriegt nichts ab. Kurz nach zwölf fährt der Zug an, Tesa will sich erst einmal keinen Reim auf ihre Empfindungen machen.

Fünf Tage steht und fährt der Zug und doch nur bis Lübeck. Die Flüchtlinge werden in einer Schule untergebracht, so schlecht hat Tesa es noch nicht getroffen. Sie und ihre Bagage teilen ein Klassenzimmer mit Leuten zum Fürchten.

Ein Mann eitert aus dem Mund, er stirbt fast unbemerkt in der Gleichgültigkeit. Tesa und die Schwester lassen Wolf mit den Mädchen allein, sie fragen von Haus zu Haus nach einer Unterkunft. Sie haben Glück bei einem Tischler und seiner Frau. Die Leute heißen Schulz, sie geben ihre Mansarde her, zum Schmuckstück ausgebaut und mit einem richtigen Bett für den frisch verheirateten Sohn. Der Sohn ist im Krieg, seine Frau bei ihren Eltern. Tesa holt Wolf und die Mädchen, während die Schwester ihre Bleibe bewacht.

Der Krieg ist aus, Tesa ist jeden Tag auf dem Wohnungsamt. Die Schwester steht immer woanders an. Nachrichten von der Familie bleiben aus. Die Mädchen ziehen zügig weiter, sie haben alle noch ein Zuhause oder wenigstens eine bessere Gelegenheit. Ein Cousin findet die versprengten Angehörigen, unter Beschuss ist er vor den Russen auf einem Motorrad abgehauen, das er als Gefangener für sie zum Laufen bringen sollte. Er schickt Tesa als Anhalterin zur Witwe eines Kameraden nach Schwerin. Weitläufig ist Tesa mit der Witwe auch verwandt, trotzdem siezt sie die Hausherrin. Sie kriegt Sachen zum Anziehen, in einer regelrechten Villa. Auf dem Parkett: ein Turm aus Teppichen. Wieder in Lübeck, erfährt Tesa, dass nun die Russen in Schwerin sind. Die veränderten Verhältnisse kosten einem anderen Cousin noch schnell das Leben.

Tesa verschafft der Schrumpffamilie ein akkurates Untermietverhältnis, schließlich könnte Sohn Schulz jeden Tag heimkehren. Das neue Zimmer erscheint als Wunder der Autonomie, endlich sind die Schwestern aus der Duldung und müssen auch so elendig leisetreterisch nicht mehr sein. Von Haus aus nichts Kniefälliges gewohnt als Töchter guter Leute, hat der Stolz schwer gelitten.

Tesa kriegt eine Anstellung in einem Kinderheim des Roten Kreuz, plötzlich heißt es, Mama und Großmama sind in Frankfurt am Main und sonst hat keiner überlebt. Nun sollen die Übriggebliebenen zusammenkommen. Die Schwestern kehren zurück zu Hausarbeit – in einer fremden Stadt. Ihre Mutter verhehlt den Töchtern die Verstörung nach Kräften, Großmutter sichert ihr Seelenheil in mildem Wahnsinn.

Die Wohnung ist ein Gigant, ein Sir der Herrschaftlichkeit. Der Hausherr erscheint fidel bis zur Kindlichkeit und in Wolf zumal verschossen. Er hatte nicht mehr mit einer Familie gerechnet.

Wolf ist viel zu jung für eine legale Abstammung. Der Schwester Gatte geriet bereits 1940 in englische Gefangenschaft, im Frühjahr 1946 droht seine Entlassung. Er könnte gleich als Dolmetscher anfangen, vierzehn Tage will man ihm die Stelle freihalten, doch noch steckt er mit fünftausend Mann in einem Entlassungslager. Er trägt seine Chance als Bitte vor, der Kommandant lacht sich einen Stiefel vom Bein. „Five thousand fellows are waiting here for being shifted to Germany and you …“; zwei Tage später ist er frei in Deutschland, versorgt mit zehn Kilo Verpflegung. Dem klärenden Gespräch sieht die Familie geschlossen, angespannt und parteiisch entgegen. Ein Kriegsrat empfängt den kaum zum Schuss gelangten Kriegsheimkehrer. Die Nachricht von seiner Beförderung zum Oberleutnant hat ihn in der Gefangenschaft erreicht. Der Offizier erkennt die Lage, sie verdrießt ihn sichtlich. Sichtlich ist es ihm besser ergangen als den meisten Deutschen. Zweifelnd betrachtet er seine Frau, das Kind, die Familie. Er erwägt seine Aussichten, kühl bis ans Herz. Das erkennt Tesa. Sein Vorrat wird von den Frauen beschlagnahmt, der Offizier kriegt ein Zimmer erst einmal für sich allein. An sich ist das Luxus. Auch wegen der Dolmetscherstelle muss er bohren, dann gibt man sie ihm aber. Im Augenblick hat das großen Wert. Der Offizier verwaltet die Verpflegungslisten für ein Lager der United Nation Rehabilitation Agency, er sitzt an einer Quelle. Die Schwester arrangiert sich mit ihm, ein Schritt in die Entfremdung zu Tesa folgt der nächste. Praktisch sollen die Dinge liegen, wenigstens das. Der Offizier gibt heimlich eine Annonce auf, eine Bekannte verständigt Tesa: „Oberleutnant a.D. der Luftwaffe sucht möbliertes Zimmer, gern mit Familienanschluss“.

Das ist doch aussichtslos, denkt Tesa. Die Frankfurter Plage heißt Wohnungsnot. Dann stellt sich aber heraus, dass Offizierswitwen auf die Anzeige reagieren. Bald hat der Offizier einen Raum, von dem die Familie vorgeblich nichts weiß – und Tesa fragt sich, ob die Schwester nicht doch eingeweiht ist.

Tesa und die Schwester sind in verschiedenen Jahrgängen durch die Schule der Nationalsozialistischen Volkspflege gegangen. Zur Ausbildung war Tesa in Radawnitz, in Landsberg an der Warthe und in Neuenhagen. Sie hat sich Selbständigkeit beigebracht und jede Verantwortung übernommen. In Frankfurt steht die Familie wieder an erster Stelle, Tesa versteht, dass die Schwester den Bestand ihrer Ehe mit einem legitimen Nachkommen sichern will. Der Offizier erwartet in einer neuen Armee größere Aufgaben zu finden. Er zweifelt daran nicht, dass Deutschland bald wieder Streitkräfte haben wird. Seine Ansichten sind die größte Belastung im Verhältnis der Schwestern. Die Älteren schweigen dazu, die Mutter sehnt sich zuversichtlich nach ihrem Erlöser.