Spiegelbild der Scheibe des Zuges.

Wie die Entdeckung eines Haars die Sinne verzweigt. Und blosses Interesse sich in Leidenschaft verwandelt. Dann steigt man aus seinem Schlauchboot + begreift die Welt nicht mehr. Dann schleift man sich an einen Bahnsteig. Und versteckt sein Gesicht im Spiegelbild der Scheibe des Zuges, der sich allmählich in Bewegung setzt.

Star Wars

Wie heißt der Lehrmeister des Jedi-Ritters Anakin Skywalker alias Darth Vader? Richtig: Obi-Wan Kenobi! Auch „die Redaktion“ genannt. Darth Vader im Anmarsch? Keine Angst, die Dunkle Macht wird uns nicht ereilen. Dank Obi-Wan Kenobi. Er zügelt den emotionalen und unbeherrschten Anakin mit dem Strahl des Laserschwertes! Der Mechanismus scheint ein wenig zu klemmen (Hier geschickt in Szene gesetzt. Die Community hält den Atem an: Wie weit darf er diesmal gehen?), doch schließlich trifft der Laserstrahl unbarmherzig ins Schwarze: Beitrag von der Redaktion entfernt. Übrig bleiben die Kommentare. Amputierte Recken.

Nach dem Ende der Dinge beginnt es zu blühen

Auf drei Frequenzen Bandnudelsalat

Mit zwei Exfreunden Auferstehung

Imitat

Des glücklichen Endes, Verrat

Durch Hochkurbeln der Träume

Berlin, noch immer August

Spiel du doch mal mit deinem Einufern, Abgraben, leisen Tönen, hab dich noch nie so geliebt, weil dieses weisse Wesen dazwischen sich feinsilbig hör nur mal wie sie spricht das Strömen das Rinnen das Auswaschen deiner Träume: wolltest du mit mir stehenbleibn berühr mich nicht wenn ich in der Gegend liegen bleibe, spuck auf mich und zeig mir deine Verachtung, so dring ich in meine Worte, meine alte Welt aus dir heraus, 2 Sätze hintereinander zerstören uns. Wir wollen schon lange nichts mehr hören. Wachs in deine Haut. Du bist gezeichnet. Verlang mich. Mir ist nicht mehr danach, zu seyn.

Bembelherz

Opa Hesselbach war sein Berufsleben lang beim alten Ankermann in der Regel- und Messtechnik beschäftigt. Er brachte da auch einen Sohn unter. Meinen, so hieß es, dämlichen Vater. Der Radfahrer schied auf einer privaten Hessenrundfahrt für immer aus. „Herzinfarkt am Berger Hang: Zum letzten Mal hat sich der Amateur Hannes Hesselbach zu viel vorgenommen!“ So stand es geschrieben auf einer Mauer zur Ermahnung der Lebenden. Nach der Beerdigung zog meine Mutter mit mir in ihr Schwiegerelternhaus. Da lebte ihre Schwester unter anderen Verwandten.

Brüder hatten Schwestern geheiratet. Die Schwester meiner Mutter war „die Franz“, für mich selbstverständlich „Tante Franz“. Den Taufnamen hatte sie an ihren Mann verloren, der außerdem Adolf hieß. Man hielt Franz ohne Bindestrich Adolf Hesselbach für einen maßlosen Menschen. Zum Spaß nannten wir ihn Onkel Führer. Der Führer moussierte im Familiären. Er schnurrte förmlich. „Fehlte eins“, blies er traurig in die Backen.

Meine Mutter trug über die Zeit Trauer. Die schwarzen Kleider waren eine Tracht, zu leiden lag ihr fern. Zumal mein Vater „unter lächerlichen Umständen die Luft ausgegangen war“. Als Mädchen war sie „mit dem Führer liiert“ gewesen, sie hatte ihn an die Schwester „abgetreten“. Unumstritten war, dass „die Franz“ den besseren Hesselbach geheiratet hatte. Nämlich den Hesselbach, der zu leben verstand. So lernte ich den Unterschied zwischen nämlich und dämlich.

An einem betrunkenen Abend beschrieb mir meine Mutter den Onkel als Salamander unter Laubfröschen. Das klang verliebt in meinen Ohren. Meine Mutter hieß Eva, da boten sich noch mehr Führerscherze an. Die Führerscherze gehörten zur häuslichen Gemütlichkeit in gebotener Heimlichkeit.

In den Geschichten des Onkel Führers taucht das Dritte Reich als rigoroses Landschulheim auf. Franz Adolf wurde wegen Sportlichkeit, jedenfalls konnte er sich keinen anderen Grund denken, an eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt „delegiert“. Da verpasste man ihm „eine Gardeausbildung“ … ihm und anderen zum weltweiten Einsatz vorgesehenen Gauleitern in spe.

Der Cousin spielte Geige und behauptete an manchen Tagen, „ein Ausrutscher“ seiner Mutter mit dem Börsenlehmann zu sein. Der Lehmann war Rheinländer, machte aber auf Hesse und war ständig im Volkstheater als triefender Handkäse. – Ein Heumacher von einem Handküsser. Die Hesselbachen leimten auf jedem Schleim, sie kannten nur die Bütt. Die Lebensfreude hatte sie verdonnert und verdonnerte dann auch einen Brummkreisel der nächsten Generation: Tantes Tochter Valerie in ihrer närrischen Eigenliebe.

Valeries Familiensinn trudelte in Übertreibung. Auch der Bruder protestierte wenig. Er ließ sich herrichten und mitschleifen, als dem Babba Hesselbach sein goldischer Bubb. Der Nachwuchs wurde alle Zeit wie bei einem Dressurwettbewerb vorgeführt bei jeder Matinee im Hessischen Rundfunk und sämtlichen Premieren in der Komödie oder in dieser zoologischen Heinz Remondklitsche. Man bläute uns mit Bedeutung, bis sie allen zu Kopf gestiegen war – und ich anfing, dem Rathaus Ratschläge zu erteilen.

Die Kindheit ging über die Bühne, Valeries Verwandlungen nahmen das Ende vorweg. Mit fünfzehn strebte sie den kühlen Schick und schlampige Varianten in ständigem Wechsel an. Sie diskutierte ihre Beine und sämtliche Gesäßformen. Sehr kritisch konnte Valerie werden, wenn es um Konkurrenz in der Nachbarschaft ging. Dem Abfälligen und Zotigen gewann sie erste Preise ab. Zuerst kriegte sie der junge Ankermann alias Mogli. In unserem Bund fürs Leben war er Dritter.

Valerie hielt mich auf dem Laufenden. Ihre Erlebnisse brauchten Verdichtung. Das war Krisenmanagement. Gemeiner Trübsals Verweigerung zum Trotz trat bei Valerie eine Verstimmung auf. Der Grund dafür verbarg sich und war doch ganz schlicht. Ankermann passte Valerie nicht und die Jungen en passant passten auch nicht. Aber woher hätten wir das wissen sollen. Das Zufällige meiner eigenen Versuche bot keiner Einsicht Raum. Ich tappte genauso im Dunklen wie Valerie – und Ankermann, der in nächtlichen Vorgängen mit meiner Familie verschmolz.

Ankermann Leute hatten ein überdachtes Fünfzigmeterbecken, das gab es sonst nicht in Frankfurt. Das Bad lag im Hinterland des Ankermann´schen Anwesens im Holzhausenviertel. Ankermann trainierte mit persönlichem Schwimmlehrer, über den Mann sind Lieder geschrieben worden. Wir nannten ihn „das rauchende Wrack“.

Der Cousin ging als Babu unter die Leute, Babu leitete sich von „dem Babba sein Bubb“ ab. Auch der klangvolle Name seiner Schwester hatte sich im nachtragenden Volksmund verloren. Man verballhornte ihn, steigerte sich hinein und verstieg sich bis zur „die Hexe Hesselbach“.

Die „Hexe Hesselbach“ brachte ein unerhörter Verehrer in Umlauf. Der Verliebte schrieb „Hier wohnt eine Hexe!“ an die Hesselbach´sche Fassade. Ferner malte er „Valerie ist eine Hexe“ mit brennenden Buchstaben an eine Wand der Stalburg. Von jeher war die Apfelweingaststätte „Zur Stalburg“ das zweite Wohnzimmer der Familie Hesselbach.

kleines zitat (zum abschied)

„In der Schweiz hatte ich mal eine kleine Geschichte von drei Einsiedlern gehört: Jeder saß auf einem Viertausender, aber sie besaßen nur ein einziges Beil, um ihr Frühstücksholz zu zerkleinern. Also warfen sie sich das jeden Morgen von Berg zu Berg zu. Dazu erklärte mir ein gebildeter Mann, das sei eine total unlogische Geschichte: In 4?000 Metern gebe es kein Feuerholz. Seitdem möchte ich einen Essay schreiben „Jenseits der Baumgrenze“. Bestimmte Formen der Vorstellung und Imagination sind manchen Menschen nicht zugänglich. Sie müssen an der Baumgrenze zurückbleiben.“

Felictas Hoppe heute in der Frankfurter Rundschau (http://www.fr-online.de/kultur/felicitas-hoppe-andere-trinken-schnaps,1472786,21136198,view,asFirstTeaser.html)

blutschau

expression mal wieder rauf mit der wut sonst fühlst du nur hasen geäderte unterarme leblos gekniffen träumt doch euren elitentraum zuschanden in farbgeschwätzte pinsel wenn’s hochkommt liebst du dich selbst bin ich die erfüllungsgehilfin deiner akribischen herzkurven expression mal wieder schärf deine sehnsucht liebster in maulgeflechte und immer wieder und wieder ihre körperabdrücke gggrrrgrreif deine aas und bees und tätowier deine abgebrühten dinger auf meine wuthaut sie pellen den wutkuss von meinen weichen bleistiftlippen mein blut bin ich längst los aber ana ist doch so anmutig in ihre frische blutlache gesprungen verschlag dich endlich in mich ehe die rehe am tag keinen schrei mehr verschwenden  

Bembelherz

Fast jeder Schneider/ Will jetzt und leider/ der Sprach erfahren sein/ und redt Latein/ Welsch und Französisch/ Halb Japonesisch/ Wenn er ist toll und voll/ Der grobe Knoll. / Der Knecht Matthies/ spricht bona dies … Aus dem Jahr 1617 als Gegenschrift zur Mode à la Versailles

Hannes schreibt: In Westpreußen bezeichnete man freie Bauern als Insassen. Das waren meine väterlichen Ahnen von der Zeit Friedrich des Großen bis in die Gründerzeit. Noch lebten Tiere mit den Menschen zusammen, in den Küchen brüteten Gänse. Es gab triftige Gründe für solche Hausgemeinschaften, Küken mussten vor Mardern bewahrt werden. Die Kinder konnten sich vor Hähnen fürchten, das kann sich auch keiner mehr vorstellen. Mit dem Fleiß von Bienenvölkern ersparte man Ausbildungen.

Meine Leute erlebten den Einmarsch polnischer Truppen zu Pferde. Deren Einquartierung in dem deutschen Nest ging glimpflich ab. Doch nach dem Krieg wurde die Familie ausgewiesen. Der Ast verzweigte sich in größerer Nähe zu Städten.

Die Familie lief auseinander, so ist es wohl gewesen. Hugenotten hatten den Tabakanbau in Preußen populär gemacht, nun arbeitete mancher in der Prenzlauer Zigarrenfabrik. Mein Großvater Hannes Hesselbach durfte auf das Humanistische Gymnasium. Er schloss sich der Deutschen Freischar an, die Jungen kampierten am Oberuckersee und an dem in Kieferwäldern vergessenen Küstrinchensee. Sie übernachteten in Wildscheunen des Grafen von Boitzenburg. Sie lernten den Protest von Sumpfvögeln nach Arten zu unterscheiden. Hannes Hesselbach entdeckte Eichenpfähle und Brückenjoche im sandigen Grund des Oberuckersees. Das waren Bruchstücke einer unterseeischen Brücke, auf der sich bedrängte Ritter zu einer Burginsel hin in Sicherheit gebracht hatten.

In Mode waren Halswärmer aus Marderpelz, dafür ging Hannes Hesselbach auf die Jagd. Er hielt Lachtauben, die an Sonn- und Feiertagen zum langen Ausschlafen unter sein Federbett krochen. An den Mauern wüster Kirchen, die im Dreißigjährigen Krieg gelitten und seither keinem Gottesdienst mehr Raum geboten hatten, übte er klettern. Er machte sich fit für den Westturm der Marienkirche, der auf fünfzig Meter Höhe von einem Turmfalkenpaar bewohnt wurde. Eines Tages stieg er in Geheimgängen zum Dachboden auf … eines Tages fuhr er nach Frankfurt am Main, um da zu bleiben.

Dezemberwetter

(alltagstitanischer banalcalypso)

Die Brote liegen stumm in dem Regal,
auf flachen Schirmen flimmert unsre Zeit.
Geldkurse steigen auf und werden breit
Und für die Künste – liest man – steigt der Preis.

Der Strom ist grün, die Winterwinde zupfen
am Glockenspiel, um hochbegabte Kinder zu entzücken.
Die Menschen haben heuer keinen Schnupfen.
Die Züge gleiten lautlos über Brücken.

nix

(winseln & pinseln)

konnte nicht gut
ertragen dass die tippser
freihändig schlierige
meinungen nicht
teilten

pinselte immer weiter
schlabberdoktrinen mit gelbem
strahl in den breitschnee
der bildschirme

damit nichts anderes
zu lesen sei als der
kindliche flunsch & wunsch
verdammt noch mal
schnauze schnauze recht
zu haben

nützte gar nix

kapierte aber
auch nix

also weiter
nix

auslaufender kugelschreiber

oder:
knochen und perlen

klamm samt heimlich habe ich sie aufgehoben. welch ein lüster. ich werde sie auffädeln und mir um den hals hängen. zum bedenken. ich verdenke mich. mir nichts. dir nichts. du verschreibst dich. jeder ist ein bündel folgen.

Bembelherz

I dont want to go back to war“, sagt Tim an seinem letzten Abend vor Afghanistan in diesem Irish Pub am Bahnhof. Britta kostet ihn ein Getränk und das Zimmer, sie vermutet viele Laufhäuser in der Landschaft seines Lebens. Für Tim kann Britta einfach ein Fick sein. Er klappt sie auf wie er es gelernt hat in seinem Amerika. Sie haben nichts gemeinsam, über diesen Tim könnte sich Britta bei Bedarf noch nicht mal ärgern.

Sie verbirgt ihre Freude an einem unmittelbaren Körper. Tim reagiert auf Brittas Räume wie ein Absolvent. Sie ist ein Abzählreim für ihn.

Ein singender Taxifahrer macht Britta froh, das Auto riecht angenehm aggressiv. Jean trägt ein Hemd, das eben extra teuer gekauft wurde. Er ist auf der Durchreise hängengeblieben. Aus Versehen hat Britta ihm Hoffnungen gemacht. Jean hat sich verirrt, Britta kann ihm gar nicht sagen, wie falsch er ist in ihrem Leben. Sie ist nur mit ihm gegangen, weil Jean sie an einen Jungen von früher erinnert hat. Jetzt nicht mehr. Sie lotst Jean ins Backstage. Jean hat seinen Ehering abgelegt, er ist in dem Zustand der unhaltbaren Versprechen.

Der Junge von früher ist auch in Frankfurt. Er lädt Britta ein, ihn aufs Klo zu begleiten. Er macht das mit Zeichen klar, sämtliche Köpfe stecken in einem akustischen Schraubstock. Er packt ein Gelenk, dass Britta nicht wegläuft. Das hat sie überhaupt nicht vor. Den Ausflug ins Jungenland will sie sich nicht entgehen lassen. Die Jungen auf dem Klo gucken neidisch … sie ist trotzdem nicht die einzige Schlampe in einem mit Kunst am Bau preisverdächtig aufgemotzten Raum. Kunst in Klos sieht grundsätzlich nach Keith Haring aus. Es ist auch immer alles Ocker.

große kunst

(für w.s.)

vielleicht ist auch alles ganz anders
ganz klar und weniger selten

vielleicht ist es einfach
dieses mädchen in nahaufnahme
die einen knopf an den mantel näht

das studiopersonal läuft zusammen
seht ihr das auch diese finger
diese bewegung und das schmale
handgelenk von wo kommt das
bild

was für aufmerksam versunkene blicke
welch hüpfendes herz in der mitte
woher kommt das denn

was für füße diese drehung der hüfte
welch anmutiger ernst beim
einfädeln des garns
diese augen

geht da ganz nah ran und
haltet das bild

zieht eine kopie und
stellt das sofort ins netz

das muss man
gesehen haben

das muss man
sehen

„Revolütion!“

Brandenburger Urgruß,
Abschlag aus dem
Zwoten Weltkrieg, klasse.

Die Rolle Holz für das Museum
ragt über den Rand.

felictas hoppe …

felicitas hoppe empfand die frage von iris radisch, dass sie eine glückliche kindheit hatte, als affront … felicitas begreift wohl immer noch nicht, dass dann so ein scheiss (schiess) rauskommt … alles langweilt sich … hast du den strom schon bezahlt … können wir den abend schöner beenden … herrliche nichtshinterlassung … um wen giengte es hier noch mal …

Hoppe II

Den Büchner-Preis haben bisher zum Glück nur 8 Fraun bekommen … eine  auf jeden Fall zu viel: Felicitas Hoppe …

Frevel

Ausgesoffner Nachtschweiss.

* Wie Lippgloss funkelt die Tinte noch, nach so vielen Momenten aus deinem Licht geworfen. Aus dem Blättern willst du dich auswinden. Verlebt vergiebst du deiner Vergangenheit noch nicht. Vielleicht bist du noch zu ungeschlachtet. Hast du dich noch nie aus dem eigenen Atem geschlagen. Es war dein Lachen. Ein Krächzen. Wie die hölzerne Brücke mit den Knirschgesängen. Kleb dir Lippen auf. Wie Wunden. Unummunden. Nach deinem Schöpfen. Klangsamtnes Verheimlichen. Du sch(r)eibst dich in mein Allmählichwerden. Das tägliche Umbeobachten wider sich selbst. Wieder dem gleichen Augenaufschlag gehorcht. Widerhall. Wie sich schämen beim Reden. Nicht malen. Nicht finden. Auslaufende Farben. Drangsaliert. Noch nicht verlassen genug. Ausgesoffener Nachtschweiss. Ein verlegtes Leben halt. Später werd ich dir vom Einblättern erzähln. Von der Erde. Werd ich dir aus den Überresten einen Traum schnitzen. Bis auch er krächzt. Vor Lachen. Lauter. Lautlosem Überleben. 

felicitas hoppe

eij ich hab ne neue ulla hahn: vielleicht sogar noch peinlicher …
sie heisst felicitas hoppe … helle augen, sehr eloquent … und dann las sie vor aus ihrem neuen buch: dreissigtausend andere können besser schreiben, besser erzählen … sie hat nun mal nichts zu sagen … kaffeeklatsch getratsche … sie hat eine wirklich zu schöne kindheit gehabt … da kommt dann so was erbärmliches raus …

Bembelherz

Der Süße aus der ersten Pressung bekommt ihr nicht, so express nach dem Milchkaffee im Hänschenklein, und auf dem Klo fühlt sich Britta gerade so wie eine überstellte Drückebergerin. Kaum, dass sie sich so schnell drehen und wenden kann, wie alles Mögliche sie verlassen möchte. Das Fenster zum Hof schließt nicht, der Haken rotiert vor dem Nagelkopf. Britta hört den Gesang des Keilriemens und die Litanei im Trichter der Apfelmühle. In zu großen Gummistiefeln mühsame Schritte matschen ein Galeerengeräusch. Der König spricht sehr vernehmlich vom Notstand „in der Latrine“. Die Ansprache trieft vor Verachtung für das kleine Licht im Klo der armen Leute. Königlicher Dünnschiss bekäme jederzeit eine Audienz in den gediegenen Verhältnissen des ersten Stocks. Da sagt kein Namensschild den Bewohner an. Dass weiß man, wer da wohnt, es sei denn, man weiß gar nichts.

Die Verachtung kommt aus der Verachtung. Sie regelt den Verkehr im Haus. Das Haus war eine Burg im Mittelalter und heißt so noch frei von Zusätzen. Der erste Burgherr war ein Freiherr von Eulburg. Sein Name überlebte einige architektonischen und eigentümlichen Neuordnungen. Mochten die nachrückenden Leute schließlich wie Jedermann Schuster oder Ritter nur heißen, sie wohnten doch immer noch in der Eulburg an einer markanten Stelle der nordwärts ausgreifenden Stadt Frankfurt am Main. Schon im frühen 19. Jahrhundert erinnerte nichts mehr an die ursprüngliche Wehrhaftigkeit der Anlage. Alles Vorzügliche oder auch nur Bemerkenswerte wurde ihr immer weiter weggenommen, bis zu dem Tag, an dem auch das Eul als Namensvorteil und Hinweis auf einen alemannischen Landstrich wegfiel. Übrig blieb ein allseits bekannter Kasten mit schrumpeligen Anbauten, geradezu explizit nebensächlich, für manches im Jetzt dieser Geschichte abgestorbenes Handwerk. Übrig blieb eine Gaststätte und hinzu kam ein Kabarett, das vom Norbert Nasenschweiß vor der Jahrtausendwende im träumenden Tanzsaal gegründete Gernegroß.

Hello again an einem Herbsttag, der für Britta übel anfängt. Viel zu viel Milch war in dem Milchkaffee, den Hans Bornemann persönlich geschäumt hat, weil die Frühschicht zu spät. Schon wieder, muss man sagen, noch verquollen vom letzten Feierabend, der vorhin erst zu Ende gegangen war. Das lief auf die Vorformulierung einer Kündigung hinaus, in aller vorsichtiger Vorläufigkeit. Bornemann trägt einen Panther verblichen auf dem Arm. Britta hatte noch einen Blick in die taz geworfen, bald wird sie vierunddreißig sein. Der Blick gleitet ab auf die Hände. Marktfrauen greifen mit so was ins Gemüse. Hannes findet die Hände gichtig in seiner Garstigkeit. Er sprach sie mit Klauen an beim letzten Zusammenbinden. Wenigstens hat er mehr Fantasie als Mogli, der Schneehase für Zwischendurch. Auch Texas war kein Einfallsreicher. Verdammt noch mal, an den sollte nicht gedacht werden.

Britta proletarisiert sich selbst. Das wissen nun alle, die im Nordend von Gestern sind. Das alte Betriebsfleisch, die Erben und Professoren und die vor der Rente stehenden Angestellten in ihren besten Jahren. Ihre eigene Verdrängung nehmen sie kaum wahr. Die Abwärtsbewegungen in der Nachbarschaft haben aber ihre Genauigkeit.

Britta schaufelt wieder Äpfel in die Bütte. Dieses Jahr sind das hartherzige Früchtchen. Die Mühle zerlegt sie seufzend. In dem Geruch der Maische ploppt schon die Hefe. Schon lange kommen keine Leute mehr, um Süßen direkt aus der Kelter zu holen. Selbst für Folklore taugen die Prozesse der Apfelweingewinnung nicht mehr. Die Hände schwitzen in den Haushaltshandschuhen, dem Kollegen Mandelstam kommt der Schwung abhanden. Mandelstam ist Geburtsfrankfurter und stolz darauf. Er fühlt sich dem König verwandt. Diese Illusion deutet Tanja als Herkunftsprodukt aus heimischer Fantasie. Besessen und vernagelt erscheint der Norddeutschen die Frankfurter Eigenliebe.

Mandelstam keltert zum ersten Mal, obwohl er schon zehn Jahre im Dienst der Burg steht. Er weiß nicht, was das zu bedeuten hat, aber Britta weiß das … aus Erfahrung, und der König weiß es auch aus Instinkt.

Die Verachtung schoss mit der Muttermilch auf das weiche Ziel des Säuglings. Sie wohnte mit den Leuten zusammen wie der Schwamm im Gebälk. Sie saß fest im Sattel der Verhältnisse, die ganz natürlich nach Gärung rochen und nach Fremden, die sich willkommener fühlen sollten als der Sohn. Den Fremden wurde in der Burg eine Unbefangenheit empfohlen, die sich Michael Wundersamen nicht leisten konnte. Die Fallen der Verachtung waren zahlreicher als die Mausefallen in der Burg. Kein Wort davon vor den Gästen. Die Großeltern fielen geradezu einvernehmlich im Kampf ums gastronomische Dasein, bevor Michael alt genug für die Einschulung und eine abkürzende Amerikanisierung seines Namens war. Mit ihnen verabschiedete sich ein mildes Element. Etwas Mäßigendes. Der Vater fand an seiner Arbeit keinen Gefallen, er verrichtete sie wie einen Frondienst. In seinen öffentlichen Stunden verbarg er sich in dem alten Militärmantel Jovialität. Er musste seine Gäste heimlich verachten, das war nicht einfach. Für sein Amt war er bei Weiten zu ungesellig. Er warf sich vor, einen Versager gezeugt zu haben. Er forderte auch von seiner Frau einen hohen Preis für den geheirateten Wohlstand. Kein Kellner blieb bei ihm. Sein Zustand war die Erbitterung.

Der König isst mit seinen Knechten am Stammtisch Rippchen an Kraut zu Mittag. Er schmatzt vor Behagen und Unachtsamkeit. Er hat ein Alkoholverbot ausgesprochen, deshalb trinkt Mandelstam Malzbier. Es steckt Entmündigung darin, der Geschmack eines fremden Willens, der beherzt aufreitet und im Augenblick alle Unterschiede aufhebt im Verhältnis der Nachrangigen. Für Mandelstam ist das die größere Ungerechtigkeit. Er zählt sich zu den Vorgesetzten. Zu seiner Legende gehört die Geschichte von der knapp verpassten Geschäftsführerschaft. Auch das weiß Britta bereits besser. Mandelstam war nie als Geschäftsführer vorgesehen. Er ist ein Knapp-vorbei-Mann bei allen Hauptrollen, die im alten Nordend zu vergeben waren. Alt in der Perspektive von Vierzigjährigen. Die Vergangenheitsform wirkt sich wie Zement aus. In der Gegenwart dieser Geschichte sind alle Verfehlungen endgültig. Die Putzfrau maust vorbei, der alte Mann wirft Last ab. Er äugt zu Britta, die Texas ignoriert. Texas hantiert am Burgbuffet, der „Kommandobrücke“. Buffet sagt der Hesse zum Tresen. Von da hat man „die Welt“ im Blick. Wer mehr für möglich hält, ist ein Spinner. Wahlweise eine Spinnerin, kurz Schlampe. Grundsätzlich sind alle Frauen Schlampen, die für ihren Lebensunterhalt so arbeiten müssen wie Britta und die slowenische Reinigungsperson.

Über der Burg zieht sich der Himmel spastisch zusammen. Der König spricht mit Mandelstam über Kühlschränke, der Sonnenuntergang des Abendlandes ist beschlossene Sache im Fleischwolf des gesunden Volksempfindens. Britta verdrückt sich in ihre Innenwelt. Ihre Innenwelt hat sich den Begebenheiten in der Burg angepasst. Sie sieht genauso aus, besteht also aus einem Schankraum und einem Saal für Kokolores. Sie besteht aus Gängen, Zufahrten, Randzonen, Abstellkammern, Kühltruhen und Katakomben. Jetzt möchte Britta zurück zu den ungarischen Äpfeln, die nach hessischer Landschaft duften, so abgerundet und weich gezeichnet wie die Wetterau.

Existenz II

Vertraut mit allem Gleichmut dieser Welt,

lebst du so hin, der Zorn des Uhrschlags schweigt.

Du raffst, was irgend nur vom Tische fällt.

Das Dasein hat dir gründlich was gegeigt.

Ganz unbemerkt stirbt dieses Leben dir.

Und wenn du dich dann fragst, was gestern war,

steigt vage hoch in dir die Lebensgier,

und du begreifst: Du bist nur Inventar.

Inscript

Beuge dich den Schrein des Liedes. Kronosköfpige Blumen wachsen dir aus dem Ohr. Spinnen kriechen aus dem Augenlid, eiternde Eier fliegen aus dem aufgerissenen Maul. Hauch aus Silberfäden auf braunen Damaskus. Die Gitarrenbänder sind rauh. Krieselnder Schnee- Reis, auf Orangenplantagen mit Hühnerköpfen- sie schnuppern die Körner vom gelben Boden. In den Fabriken rollen ihre Köpfe. Die Ware. Buon giorno . Das nächste. Das runde Dreieck jaguliert schmalpfötig reißend am Frühlingsstoff der Sonntagskleidchen. Ball drehend, das Spiel ist verzwickt. Pinzetten tanzen auf dem Saal. Herr La Fayette schrumpelt zu Königs Geschossen. Fahrbier für die Hirsche, sie stürmen klumpiger Hufe durch die Logenplätze der Hasen.

August.

* Er wollte sich ausführlich beschreiben, kam aber über den August nicht hinaus. Nun verfangen wir uns im Lippenablesen. Besäufnis. Derer Haut wie aussätzige Scham. Bekenntnis. Lief ich dir so ins blätternde Wunden. Ich las dir so leise dein aufgeweichtes Eigentlich aus. Unter den Zehen traust du dich auch nicht. Unumlöst. Ausgeblutet. Wir verdächtigen uns nicht mehr. Sicheln. Um auf den Mond zu kommen. Am Abend danach. Wie die vielen Kopfschüsse, von denen du heute noch klingst.

Morgenritual II

Die Nacht der aberhundert schwülen Nächte,

sie wartet auf das kühle Morgenlicht,

das flugs die Gegenwart ins Dunkel brächte,

beendete des Menschen Innensicht.

Die Dunkelheit weicht einem langen Dämmern,

der Tagesschein dringt endlich durch das Fenster,

der Mensch fühlt unfroh seine Pulse hämmern.

Wie gut, das Licht verjagt nun die Gespenster.

Er setzt sich kühl die Tageslarve auf,

probiert zu lächeln, dass man ihn erkennt,

fühlt sich gestärkt und wieder obenauf,

nun halbwegs präpariert und resistent.

Innenblick

Diffuses Licht der ahnungsschwangren Zeit.

Du wagst ins Später einen Blick zu senken,

verspürst, dir selber fremd, grell Traurigkeit,

ergehst ins Träumen dich, verlierst Bedenken.

Wohl niemals schwörtest du darauf den Eid,

dass dich Verluste hier und da nicht kränken.

Es ist der Welten Lauf, an dem du krankst.

Was bleibt dir andres noch als nackte Angst?