Dezemberwetter

(alltagstitanischer banalcalypso)

Die Brote liegen stumm in dem Regal,
auf flachen Schirmen flimmert unsre Zeit.
Geldkurse steigen auf und werden breit
Und für die Künste – liest man – steigt der Preis.

Der Strom ist grün, die Winterwinde zupfen
am Glockenspiel, um hochbegabte Kinder zu entzücken.
Die Menschen haben heuer keinen Schnupfen.
Die Züge gleiten lautlos über Brücken.

nix

(winseln & pinseln)

konnte nicht gut
ertragen dass die tippser
freihändig schlierige
meinungen nicht
teilten

pinselte immer weiter
schlabberdoktrinen mit gelbem
strahl in den breitschnee
der bildschirme

damit nichts anderes
zu lesen sei als der
kindliche flunsch & wunsch
verdammt noch mal
schnauze schnauze recht
zu haben

nützte gar nix

kapierte aber
auch nix

also weiter
nix

auslaufender kugelschreiber

oder:
knochen und perlen

klamm samt heimlich habe ich sie aufgehoben. welch ein lüster. ich werde sie auffädeln und mir um den hals hängen. zum bedenken. ich verdenke mich. mir nichts. dir nichts. du verschreibst dich. jeder ist ein bündel folgen.

Bembelherz

I dont want to go back to war“, sagt Tim an seinem letzten Abend vor Afghanistan in diesem Irish Pub am Bahnhof. Britta kostet ihn ein Getränk und das Zimmer, sie vermutet viele Laufhäuser in der Landschaft seines Lebens. Für Tim kann Britta einfach ein Fick sein. Er klappt sie auf wie er es gelernt hat in seinem Amerika. Sie haben nichts gemeinsam, über diesen Tim könnte sich Britta bei Bedarf noch nicht mal ärgern.

Sie verbirgt ihre Freude an einem unmittelbaren Körper. Tim reagiert auf Brittas Räume wie ein Absolvent. Sie ist ein Abzählreim für ihn.

Ein singender Taxifahrer macht Britta froh, das Auto riecht angenehm aggressiv. Jean trägt ein Hemd, das eben extra teuer gekauft wurde. Er ist auf der Durchreise hängengeblieben. Aus Versehen hat Britta ihm Hoffnungen gemacht. Jean hat sich verirrt, Britta kann ihm gar nicht sagen, wie falsch er ist in ihrem Leben. Sie ist nur mit ihm gegangen, weil Jean sie an einen Jungen von früher erinnert hat. Jetzt nicht mehr. Sie lotst Jean ins Backstage. Jean hat seinen Ehering abgelegt, er ist in dem Zustand der unhaltbaren Versprechen.

Der Junge von früher ist auch in Frankfurt. Er lädt Britta ein, ihn aufs Klo zu begleiten. Er macht das mit Zeichen klar, sämtliche Köpfe stecken in einem akustischen Schraubstock. Er packt ein Gelenk, dass Britta nicht wegläuft. Das hat sie überhaupt nicht vor. Den Ausflug ins Jungenland will sie sich nicht entgehen lassen. Die Jungen auf dem Klo gucken neidisch … sie ist trotzdem nicht die einzige Schlampe in einem mit Kunst am Bau preisverdächtig aufgemotzten Raum. Kunst in Klos sieht grundsätzlich nach Keith Haring aus. Es ist auch immer alles Ocker.

große kunst

(für w.s.)

vielleicht ist auch alles ganz anders
ganz klar und weniger selten

vielleicht ist es einfach
dieses mädchen in nahaufnahme
die einen knopf an den mantel näht

das studiopersonal läuft zusammen
seht ihr das auch diese finger
diese bewegung und das schmale
handgelenk von wo kommt das
bild

was für aufmerksam versunkene blicke
welch hüpfendes herz in der mitte
woher kommt das denn

was für füße diese drehung der hüfte
welch anmutiger ernst beim
einfädeln des garns
diese augen

geht da ganz nah ran und
haltet das bild

zieht eine kopie und
stellt das sofort ins netz

das muss man
gesehen haben

das muss man
sehen

„Revolütion!“

Brandenburger Urgruß,
Abschlag aus dem
Zwoten Weltkrieg, klasse.

Die Rolle Holz für das Museum
ragt über den Rand.

felictas hoppe …

felicitas hoppe empfand die frage von iris radisch, dass sie eine glückliche kindheit hatte, als affront … felicitas begreift wohl immer noch nicht, dass dann so ein scheiss (schiess) rauskommt … alles langweilt sich … hast du den strom schon bezahlt … können wir den abend schöner beenden … herrliche nichtshinterlassung … um wen giengte es hier noch mal …

Hoppe II

Den Büchner-Preis haben bisher zum Glück nur 8 Fraun bekommen … eine  auf jeden Fall zu viel: Felicitas Hoppe …

Frevel

Ausgesoffner Nachtschweiss.

* Wie Lippgloss funkelt die Tinte noch, nach so vielen Momenten aus deinem Licht geworfen. Aus dem Blättern willst du dich auswinden. Verlebt vergiebst du deiner Vergangenheit noch nicht. Vielleicht bist du noch zu ungeschlachtet. Hast du dich noch nie aus dem eigenen Atem geschlagen. Es war dein Lachen. Ein Krächzen. Wie die hölzerne Brücke mit den Knirschgesängen. Kleb dir Lippen auf. Wie Wunden. Unummunden. Nach deinem Schöpfen. Klangsamtnes Verheimlichen. Du sch(r)eibst dich in mein Allmählichwerden. Das tägliche Umbeobachten wider sich selbst. Wieder dem gleichen Augenaufschlag gehorcht. Widerhall. Wie sich schämen beim Reden. Nicht malen. Nicht finden. Auslaufende Farben. Drangsaliert. Noch nicht verlassen genug. Ausgesoffener Nachtschweiss. Ein verlegtes Leben halt. Später werd ich dir vom Einblättern erzähln. Von der Erde. Werd ich dir aus den Überresten einen Traum schnitzen. Bis auch er krächzt. Vor Lachen. Lauter. Lautlosem Überleben. 

felicitas hoppe

eij ich hab ne neue ulla hahn: vielleicht sogar noch peinlicher …
sie heisst felicitas hoppe … helle augen, sehr eloquent … und dann las sie vor aus ihrem neuen buch: dreissigtausend andere können besser schreiben, besser erzählen … sie hat nun mal nichts zu sagen … kaffeeklatsch getratsche … sie hat eine wirklich zu schöne kindheit gehabt … da kommt dann so was erbärmliches raus …

Bembelherz

Der Süße aus der ersten Pressung bekommt ihr nicht, so express nach dem Milchkaffee im Hänschenklein, und auf dem Klo fühlt sich Britta gerade so wie eine überstellte Drückebergerin. Kaum, dass sie sich so schnell drehen und wenden kann, wie alles Mögliche sie verlassen möchte. Das Fenster zum Hof schließt nicht, der Haken rotiert vor dem Nagelkopf. Britta hört den Gesang des Keilriemens und die Litanei im Trichter der Apfelmühle. In zu großen Gummistiefeln mühsame Schritte matschen ein Galeerengeräusch. Der König spricht sehr vernehmlich vom Notstand „in der Latrine“. Die Ansprache trieft vor Verachtung für das kleine Licht im Klo der armen Leute. Königlicher Dünnschiss bekäme jederzeit eine Audienz in den gediegenen Verhältnissen des ersten Stocks. Da sagt kein Namensschild den Bewohner an. Dass weiß man, wer da wohnt, es sei denn, man weiß gar nichts.

Die Verachtung kommt aus der Verachtung. Sie regelt den Verkehr im Haus. Das Haus war eine Burg im Mittelalter und heißt so noch frei von Zusätzen. Der erste Burgherr war ein Freiherr von Eulburg. Sein Name überlebte einige architektonischen und eigentümlichen Neuordnungen. Mochten die nachrückenden Leute schließlich wie Jedermann Schuster oder Ritter nur heißen, sie wohnten doch immer noch in der Eulburg an einer markanten Stelle der nordwärts ausgreifenden Stadt Frankfurt am Main. Schon im frühen 19. Jahrhundert erinnerte nichts mehr an die ursprüngliche Wehrhaftigkeit der Anlage. Alles Vorzügliche oder auch nur Bemerkenswerte wurde ihr immer weiter weggenommen, bis zu dem Tag, an dem auch das Eul als Namensvorteil und Hinweis auf einen alemannischen Landstrich wegfiel. Übrig blieb ein allseits bekannter Kasten mit schrumpeligen Anbauten, geradezu explizit nebensächlich, für manches im Jetzt dieser Geschichte abgestorbenes Handwerk. Übrig blieb eine Gaststätte und hinzu kam ein Kabarett, das vom Norbert Nasenschweiß vor der Jahrtausendwende im träumenden Tanzsaal gegründete Gernegroß.

Hello again an einem Herbsttag, der für Britta übel anfängt. Viel zu viel Milch war in dem Milchkaffee, den Hans Bornemann persönlich geschäumt hat, weil die Frühschicht zu spät. Schon wieder, muss man sagen, noch verquollen vom letzten Feierabend, der vorhin erst zu Ende gegangen war. Das lief auf die Vorformulierung einer Kündigung hinaus, in aller vorsichtiger Vorläufigkeit. Bornemann trägt einen Panther verblichen auf dem Arm. Britta hatte noch einen Blick in die taz geworfen, bald wird sie vierunddreißig sein. Der Blick gleitet ab auf die Hände. Marktfrauen greifen mit so was ins Gemüse. Hannes findet die Hände gichtig in seiner Garstigkeit. Er sprach sie mit Klauen an beim letzten Zusammenbinden. Wenigstens hat er mehr Fantasie als Mogli, der Schneehase für Zwischendurch. Auch Texas war kein Einfallsreicher. Verdammt noch mal, an den sollte nicht gedacht werden.

Britta proletarisiert sich selbst. Das wissen nun alle, die im Nordend von Gestern sind. Das alte Betriebsfleisch, die Erben und Professoren und die vor der Rente stehenden Angestellten in ihren besten Jahren. Ihre eigene Verdrängung nehmen sie kaum wahr. Die Abwärtsbewegungen in der Nachbarschaft haben aber ihre Genauigkeit.

Britta schaufelt wieder Äpfel in die Bütte. Dieses Jahr sind das hartherzige Früchtchen. Die Mühle zerlegt sie seufzend. In dem Geruch der Maische ploppt schon die Hefe. Schon lange kommen keine Leute mehr, um Süßen direkt aus der Kelter zu holen. Selbst für Folklore taugen die Prozesse der Apfelweingewinnung nicht mehr. Die Hände schwitzen in den Haushaltshandschuhen, dem Kollegen Mandelstam kommt der Schwung abhanden. Mandelstam ist Geburtsfrankfurter und stolz darauf. Er fühlt sich dem König verwandt. Diese Illusion deutet Tanja als Herkunftsprodukt aus heimischer Fantasie. Besessen und vernagelt erscheint der Norddeutschen die Frankfurter Eigenliebe.

Mandelstam keltert zum ersten Mal, obwohl er schon zehn Jahre im Dienst der Burg steht. Er weiß nicht, was das zu bedeuten hat, aber Britta weiß das … aus Erfahrung, und der König weiß es auch aus Instinkt.

Die Verachtung schoss mit der Muttermilch auf das weiche Ziel des Säuglings. Sie wohnte mit den Leuten zusammen wie der Schwamm im Gebälk. Sie saß fest im Sattel der Verhältnisse, die ganz natürlich nach Gärung rochen und nach Fremden, die sich willkommener fühlen sollten als der Sohn. Den Fremden wurde in der Burg eine Unbefangenheit empfohlen, die sich Michael Wundersamen nicht leisten konnte. Die Fallen der Verachtung waren zahlreicher als die Mausefallen in der Burg. Kein Wort davon vor den Gästen. Die Großeltern fielen geradezu einvernehmlich im Kampf ums gastronomische Dasein, bevor Michael alt genug für die Einschulung und eine abkürzende Amerikanisierung seines Namens war. Mit ihnen verabschiedete sich ein mildes Element. Etwas Mäßigendes. Der Vater fand an seiner Arbeit keinen Gefallen, er verrichtete sie wie einen Frondienst. In seinen öffentlichen Stunden verbarg er sich in dem alten Militärmantel Jovialität. Er musste seine Gäste heimlich verachten, das war nicht einfach. Für sein Amt war er bei Weiten zu ungesellig. Er warf sich vor, einen Versager gezeugt zu haben. Er forderte auch von seiner Frau einen hohen Preis für den geheirateten Wohlstand. Kein Kellner blieb bei ihm. Sein Zustand war die Erbitterung.

Der König isst mit seinen Knechten am Stammtisch Rippchen an Kraut zu Mittag. Er schmatzt vor Behagen und Unachtsamkeit. Er hat ein Alkoholverbot ausgesprochen, deshalb trinkt Mandelstam Malzbier. Es steckt Entmündigung darin, der Geschmack eines fremden Willens, der beherzt aufreitet und im Augenblick alle Unterschiede aufhebt im Verhältnis der Nachrangigen. Für Mandelstam ist das die größere Ungerechtigkeit. Er zählt sich zu den Vorgesetzten. Zu seiner Legende gehört die Geschichte von der knapp verpassten Geschäftsführerschaft. Auch das weiß Britta bereits besser. Mandelstam war nie als Geschäftsführer vorgesehen. Er ist ein Knapp-vorbei-Mann bei allen Hauptrollen, die im alten Nordend zu vergeben waren. Alt in der Perspektive von Vierzigjährigen. Die Vergangenheitsform wirkt sich wie Zement aus. In der Gegenwart dieser Geschichte sind alle Verfehlungen endgültig. Die Putzfrau maust vorbei, der alte Mann wirft Last ab. Er äugt zu Britta, die Texas ignoriert. Texas hantiert am Burgbuffet, der „Kommandobrücke“. Buffet sagt der Hesse zum Tresen. Von da hat man „die Welt“ im Blick. Wer mehr für möglich hält, ist ein Spinner. Wahlweise eine Spinnerin, kurz Schlampe. Grundsätzlich sind alle Frauen Schlampen, die für ihren Lebensunterhalt so arbeiten müssen wie Britta und die slowenische Reinigungsperson.

Über der Burg zieht sich der Himmel spastisch zusammen. Der König spricht mit Mandelstam über Kühlschränke, der Sonnenuntergang des Abendlandes ist beschlossene Sache im Fleischwolf des gesunden Volksempfindens. Britta verdrückt sich in ihre Innenwelt. Ihre Innenwelt hat sich den Begebenheiten in der Burg angepasst. Sie sieht genauso aus, besteht also aus einem Schankraum und einem Saal für Kokolores. Sie besteht aus Gängen, Zufahrten, Randzonen, Abstellkammern, Kühltruhen und Katakomben. Jetzt möchte Britta zurück zu den ungarischen Äpfeln, die nach hessischer Landschaft duften, so abgerundet und weich gezeichnet wie die Wetterau.

Existenz II

Vertraut mit allem Gleichmut dieser Welt,

lebst du so hin, der Zorn des Uhrschlags schweigt.

Du raffst, was irgend nur vom Tische fällt.

Das Dasein hat dir gründlich was gegeigt.

Ganz unbemerkt stirbt dieses Leben dir.

Und wenn du dich dann fragst, was gestern war,

steigt vage hoch in dir die Lebensgier,

und du begreifst: Du bist nur Inventar.

Inscript

Beuge dich den Schrein des Liedes. Kronosköfpige Blumen wachsen dir aus dem Ohr. Spinnen kriechen aus dem Augenlid, eiternde Eier fliegen aus dem aufgerissenen Maul. Hauch aus Silberfäden auf braunen Damaskus. Die Gitarrenbänder sind rauh. Krieselnder Schnee- Reis, auf Orangenplantagen mit Hühnerköpfen- sie schnuppern die Körner vom gelben Boden. In den Fabriken rollen ihre Köpfe. Die Ware. Buon giorno . Das nächste. Das runde Dreieck jaguliert schmalpfötig reißend am Frühlingsstoff der Sonntagskleidchen. Ball drehend, das Spiel ist verzwickt. Pinzetten tanzen auf dem Saal. Herr La Fayette schrumpelt zu Königs Geschossen. Fahrbier für die Hirsche, sie stürmen klumpiger Hufe durch die Logenplätze der Hasen.

August.

* Er wollte sich ausführlich beschreiben, kam aber über den August nicht hinaus. Nun verfangen wir uns im Lippenablesen. Besäufnis. Derer Haut wie aussätzige Scham. Bekenntnis. Lief ich dir so ins blätternde Wunden. Ich las dir so leise dein aufgeweichtes Eigentlich aus. Unter den Zehen traust du dich auch nicht. Unumlöst. Ausgeblutet. Wir verdächtigen uns nicht mehr. Sicheln. Um auf den Mond zu kommen. Am Abend danach. Wie die vielen Kopfschüsse, von denen du heute noch klingst.

Morgenritual II

Die Nacht der aberhundert schwülen Nächte,

sie wartet auf das kühle Morgenlicht,

das flugs die Gegenwart ins Dunkel brächte,

beendete des Menschen Innensicht.

Die Dunkelheit weicht einem langen Dämmern,

der Tagesschein dringt endlich durch das Fenster,

der Mensch fühlt unfroh seine Pulse hämmern.

Wie gut, das Licht verjagt nun die Gespenster.

Er setzt sich kühl die Tageslarve auf,

probiert zu lächeln, dass man ihn erkennt,

fühlt sich gestärkt und wieder obenauf,

nun halbwegs präpariert und resistent.

Innenblick

Diffuses Licht der ahnungsschwangren Zeit.

Du wagst ins Später einen Blick zu senken,

verspürst, dir selber fremd, grell Traurigkeit,

ergehst ins Träumen dich, verlierst Bedenken.

Wohl niemals schwörtest du darauf den Eid,

dass dich Verluste hier und da nicht kränken.

Es ist der Welten Lauf, an dem du krankst.

Was bleibt dir andres noch als nackte Angst?

bleiben

(ballistische b&w bildbeschreibung)

weißt du noch als wir schnee
auf dem schirm hatten nachts zwischen
den brettern die krallen der betten
um unsere inseln aus gewebten

geschichtsunterlagen in der
geschwärzten gegenwart
die streifen um uns herum
wie schritte aus schach
schuhen entwichen

da guckten wir noch in die
gleiche richtung
statt uns
an

Wer wir sind

Ein Schulhofspaß

Nach dem zweiten schillernden Schulhofspaß von eisenhans wollen wir anderen uns auch endlich einmal vorstellen, um die Klassengemeinschaft zu befestigen. Diejenigen, die sich hier noch nicht vorgestellt haben oder jetzt nicht vorgestellt wurden, können dies in Eigenverantwortung nachholen. Schließlich sind wir eine selbst verwaltete Community.

Also:

crysantheme ist neben anderen, die sich, glaube ich, gerade nicht vorstellen wollen, die Klassenälteste und mehrfach gewählte Sprecherin. Derzeit hat sie sich mit dem Privileg, die beleidigte Leberwurst spielen zu dürfen, zurückgezogen. Der Schmollmund steht ihr gut. Niedlich macht er sie allerdings nicht, dazu ist sie zu erhaben.

rapunzel hat keine Zöpfe, aber ein Türmchen, von dem sie sich nicht gern herab lässt. Herablassend zu sein, das überlässt sie lieber dem Rest dieser Gesellschaft. Momentan ist sie damit beschäftigt, schwere und große Gegenstände herumzuschieben.

frau kleist erlaubt sich einfach alles. Jeden Tag schreibt sie Listen, die beginnen mit „Ich erlaube mir…“ Und wir finden, das ist gut so. Kleistrige Schönheit gibt es schon genug. Für frau kleist ist Schreiben ein stetiges Abenteuer, und sie schämt sich nicht, zuzugeben, dass es auch eine halbe Treppe tiefer in der Rumpelkammer enden kann.

Der Sauerstoffabsorber ist eine neutrale Instanz, die sich meldet, wenn Sauerstoff fehlt. Ein dünner Pfeifton im linken Ohr zeigt an, dass es wieder einmal soweit ist.

Ich möchte mich auch vorstellen:

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schillernd im schnee

(schönheitsmutation, stibitzt)

wie im tätigen handeln wird auch
beim dichten der leichte sinn, das
angenehme talent, die fröhliche gutmüthigkeit
gern mit der schönheit der seele verwechselt

da sich der gemeine geschmack nie über das
angenehme erhebt, ist es derart niedlichen
geistern ein leichtes, jenen ruhm zu usurpieren,
der so schwer zu verdienen ist

doch es gibt eine untrügliche probe, vermittelst
derer man die leichtigkeit des naturells von der
leichtigkeit des intelligenten, so wie die laune des
temperaments von echter tiefe des charakters
unterscheiden kann, und diese ist, wenn beide
sich an einem schwierigen und großen gegenstand
versuchen

in einem solchen fall führt das niedliche
unfehlbar ins platte, wie launiges temperament
ins deftig materielle

schönheit geht ins erhabene
das unwillkürlich unser staunen
berührt

Figurenlexikon – Teil 3

Heute: der Husten des Herrenreiters 

Der Herrenreiter, war das nicht der österreichische Aristokrat auf dem Zauberberg, der so „grauenhaft breiig“ hustete? Richtig, und beim Mittagessen äußert sich auch Hans Castorp „angelegentlich über den Husten des Herrenreiters“: „… alles ein Matsch und Schlamm, das ist als ob man in den Menschen hineinsähe, in diesen Herrenreiter, das ist schon gar kein lebendiger Husten mehr.“ Halten kann sich der Herrenreiter am Schluss nur noch mit gewaltigen Mengen Sauerstoff.

bis in den tod.

die die nicht mit eigenem atem sprechen

die die noch nicht ihr sprachempfinden

begreifen durften

die die so stolz urtheilen

die die sich kaum selbst berühren

die schieben sich heimlich den finger

in die feuchteste seite des buches

unter der bettdecke: immer noch …

Lieblose Jahre

 

Im Spinnengrau der Tage flieht die Zeit.

Dein Sinnen sinnlos wie der Sehnsucht Rest.

Du fühlst dich eingesponnen in das Leid,

und Dasein wird dir schlicht zum Härtetest.

 

Erdrückt von Schweigen, lauen Alltagslügen,

von Flucht ins Nirgends ohne Wiederkehren,

hast du gelernt, dich stumm dareinzufügen

und über nichts dich hierorts zu beschweren.

 

Die Enge quält dich, nimmt dir schier die Luft.

Die großen Tage scheinen heut vermessen,

und durch das Denken zieht sich eine Kluft.

Und könntest du dein Selbst so ganz vergessen?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pro Ss-t-tata

Alle reden von proaktivem Handeln. Pro heißt für und aktiv ist das Gegenteil von passiv. Proaktives Handeln ist daher ein Pleonasmus. Ss-t-tata! zeigt an, dass jemand Musik in den Beinen hat. Pro Ss-t-tata bedeutet also nichts anderes als Für die Musik. Für den flotten Rhythmus. Sst-tata, Tirallalla. Ich bin dafür. Pro Sstata. Josef Roth hat mal pro-testiert und gesagt, wo gesungen wird, da wird’s gefährlich. Gemeinsames Singen sei der Beginn der Bösartigkeit. Damit hebe sie an. Möglicherweise hatte Roth recht. Möglicherweise hat meine Patentante recht, auf deren Festen immer ein kräftiges Ss-tata, Tiralala erklang. Hier ist mein Vortrag zu Ende. Ich lege den Direx zur Seite und die Latein-Klatsche in die Tasche. Pro-ste mir zu. Zum Hohl.

Attitüde

Ich hab ein Bett in dieser Stadt, ein’n Mann ein Kleid ein Warmgericht, doch jede Nacht in dieser Stadt wächst mir ein Fledermausgesicht. Und wie ein Trichter steht das Ohr auf dem ich grad nicht lieg hervor. Dort fällt hinein mit Sicherheit, was draußen wispert knarrt und schreit. Ein Türenschlagen, Kesselpfeifen, da übers Plaster rollen Reifen, dort kichert zögernd eine Liebe, da springt die Katze auf das Dach, sogar der Vogel scheißt mir ins Getriebe. Und so ein Knirschen das hält wach. So kommts inzwischen manchmal vor, daß ich am nächsten Tag mein Ohr verstohlen vor den Spiegel halt.
Du streichst vorbei und mir durchs Haar ehe du gehst dann aber doch bleibst du kurz stehn und fragst mich noch: Mein Lieb wie kommt in unser Haus die blöde graue Fledermaus ?

Dein Sinn.

* Da war mir noch nicht klar, dass dich alles erstaunen machte. Dein Hurnschlittern auf feinen Absätzen. Du lachst dann immer so willig, lüstern, mit allen Wassern durchtränkt. Leichtes Abgraben deiner eigenen Sinnsucht/suche. Nun bist du so gealtert und hast beinahe dein Lachen in deiner dir am wenigsten entgegengekommenen Falte verlegt. Komm, leg dich hin. Ich weiss, dass du nicht mehr schlafen kannst.