Figurenlexikon – Nr. 4

Heute: Der Verein „halbe Lunge“

Der Verein heißt „halbe Lunge“, weil alle, die diesem Verein angehören, den Pneumothorax am Körper tragen, ein Gerät, das Gas in die Lunge pumpt und sie so von ihrem Dienst suspendiert. Das Gas hält allerdings nicht lange vor und muss regelmäßig erneuert werden. Die Mitglieder des Vereins haben sich zusammen gefunden, weil „so etwas“ wie Joachim betont, die Menschen verbindet.

Hans Castorp überlegt darauf hin, ob der Verein „auch eingetragen“ sei. Und er fragt sich, warum die Träger des Pneumothorax „so ausgelassen“ sind.

Die Leute mit dem Pneumothorax sind noch jung, so Joachims Antwort, und dann sterben sie womöglich: „weshalb sollten sie da ernste Gesichter schneiden?“ Bei Th. Mann sind Tod und Krankheit „eine Art Bummelei.“

Der Stolz des Vereins ist Hermine Kleefeld, die mit dem Pneumothorax pfeifen kann, „das kann natürlich nicht jeder „, aber sie verbraucht dabei Stickstoff und muss vierzehntägig aufgefüllt werden.

Morgenzauber

„Wenn stehts in dir verzaubert ruht des Morgens süße Stunde,

liegst du bei mir und hebst den Kopf  – zum Kusse frei den Munde.

Dann weißt du für dich und ich für mich – es ist so wie es soll sein,

mit jedem ersten Sonnenstrahl bin ich dir und du bist mein.“

Eitelkeiten oder Das geborgte Wort

(gestohlen, geliehen und wiedergegeben)
Eitelkeit ist die übertriebene Sorge um die geistige Vollkommenheit, den eigenen Körper, das Aussehen und die Attraktivität oder die Wohlgeformtheit des eigenen Charakters. Die Grenzen sind fließend . Was der eine noch als angebracht empfindet, ist für den anderen schon maßlos. Die Eitelkeit lenkt das Denken des Menschen hin zu sich selbst. Eitelkeit hat auch die Bedeutung Vergänglichkeit, Nichtigkeit, Leere und Vergeblichkeit (vgl. engl. idle oder dt. etwas vereiteln). In einem konkurrierenden Umfeld findet der Begriff Eitelkeit auch abwertend Verwendung für das Zuweisen einer mehr oder weniger ausgeprägten Form des klassischen Narzissmus an Konkurrenten. Die Schärfe der Semantik lässt sich im Einzelfall an Wortwahl, Tonfall und Körperpersprache ablesen. Berichtet eine Person dagegen von der eigenen Eitelkeit, soll dies von anderen als selbstkritisch aufgefasst werden.

E.tage

Ordinallappen.
Fraktuiert. Sallopage.
Dymaster schlug
auf gelben Marmor.
Feistel. Griff gelöst.

Adieu, du Erzengel.
Dein menschlicher
Anblick bleibt.
Korrektes Benehmen,
übersteigt
jede Flucht nach
Vorn.

Eine Frechheit

„Bei großen Preisen sollte man keinen exotischen Weg gehen und nach Kleinverlagen mit avantgardistischer Lyrik suchen.“ antwortete der renommierte Kritiker Hubert Winkels als Vorsitzender der Jury für den kommenden Preis der Leipziger Buchmesse in einem Gespräch mit dem „Börsenblatt“ (Heft 46, 2012, S. 11).

Hat er damit seine Neutralität als Juror verletzt? Gibt er sich als Diener der Konzernverlage zu erkennen? Wird avantgardistische Lyrik von vornherein als nicht preiswürdig aussortiert? Fungieren Literaturpreise als Katalysatoren von Marktförmigkeit statt als Sextant auf dem weiten Meer der Neuerscheinungen? Was sagen die zahlreichen Kleinverleger, die mit ihren Mitgliedsbeiträgen und Standgebühren auf der Leipziger Messe den Preis mitfinanzieren, der ihnen offenbar vorenthalten ist,  zu dieser Parteilichkeit? Fragen eines lesenden Zeitgenossen. Wo bleibt der Sturm der Entrüstung?

Braune Politik

„Warum bist du so braun“, fragte mich kürzlich ein Arbeitskollege im Vorbeigehen, „warst du im Urlaub?“ Ich verstand seine Frage nicht. Nun gut, manch böse Zungen behaupten, der Führer hatte Mundgeruch. Das ist eine unverschämte Lüge. Und meine Haut ist blass und ich kann nichts dafür. Blasse Haut wird zum Glück noch nicht als Zeichen von Rassismus gewertet. Ich musste diese Frage also als überflüssig für mich und eine Veränderung im Verhältnis zu einem Kollegen verstehen, dessen Gesicht mir auch nach Monaten nicht vertraut war, dessen Färbung ich nicht einschätzen konnte, und mit dem ich bislang noch keinen Satz gewechselt hatte. Dennoch hatte mich diese Frage, noch dazu am frühen Morgen, nachhaltig verunsichert. Versuchte dieser Kollege mit mir in Kontakt zu treten und erinnerte sich, dass Frauen gerne Bemerkungen über ihr Äußeres hören? Ahnte er, dass ich nicht schlagfertig genug sein würde, um wenigstens mit einem schalen Witz à la, nee, ich habe mir nur 14 Tage lang die Unterhose über dem Kopf ausgezogen, zu kontern? Litt er unter einer angeborenen Rot-Grün-Blindheit, und mein Gesicht war durch die trockene Luft von einem Hautekzem verunziert oder grünlich im Anschein einer nahenden gesundheitlichen Verstimmung? Ich ging auf die Toilette und konnte in der künstlichen Beleuchtung nichts feststellen. Meine Gesichtsfarbe war unverändert und schaute mich ein wenig missmutig an. Ich versuchte ein Lächeln. Der hatte es sicher gut gemeint oder er gehörte zur Sorte Menschen, die nicht viel nachdenken über das, was sie sagen. Braune Haut galt einmal als schön. Heute ist die Farbe in Verruf geraten, nicht nur wegen der Politik, sondern auch wegen der Hautkrebsgefahr, die überall in den Medien beschworen und beklatscht wird. Und wenn es denn gesellschaftlich noch erlaubt ist, über Natur und Gesundheit im Doppelpack zu denken, lasse ich hier eine Bemerkung über das Fell und Gefieder vieler Tiersorten, sowie über die Tellerlinsen fallen. Sie sind überaus gut angepasst, indem sie kaum auffallen oder ihr Gegessen-werden politisch korrekt ist. Übrigens hatte ich vor einiger Zeit einen Disput mit einem anderen Kollegen, der ernsthaft meinte, die Gesellschaft unter Adenauer oder die Bevölkerung im hessischen Gießen sei brauner gewesen als die Jugend in Sachsen und Sachsen-Anhalt. Vielleicht hat er Recht. Denn diese konnten und können sich Urlaub – oder wenigstens den Besuch im Sonnenstudio leisten. Während ich dies hier schreibe, habe ich das Gefühl, mit den Füßen langsam im Morast zu versinken. Nach gehaltvoller langer Weile, dominiert nun, gegen die Monatsmitte hin, wieder die kurze Zeile.Vielleicht liegt das an der Politik meines Schreibens. Sicher bin ich mir nicht. Aber ich nehme mir vor, bei der nächsten Bemerkung eines Kollegen, die ich nicht verstehe, ihm wenigstens dies zu Verstehen zu geben. Man muss nicht jeden Morast durchsteigen.

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Drei Sätze

Michaela breitete aus, was unter ihrer Bettdecke Platz fand. Verloren lag es neben ihr und träumte. Nebenan die Kinder hatten jedes ein Zimmer für sich.

Nicht mehr als

Kreuze sind was für Männer, sagte Carla, aber Lehmann  hörte schon nicht mehr zu. Er wollte noch ins Bolero, wollte nach der Arbeit seinen Arsch freipumpen und brauchte dafür eine Tanzfläche. (…) Hinterm Moritzplatz kam langsam die Suppe hoch, drunten ratterte es schon wieder.

Jugend mit Herzklopfen, wenn der Zug aus Westdeutschland in den Bahnhof Zoo einfuhr

[…]Und überhaupt… Charlottenburg. Abendsonne über verfallener Pracht. Heute alles andere vergessen, beschließt Sam. Zum Teufel mit der Angst, die sich wie ein pelziges Tier schon wieder in den Nacken gekrallt hat. Heute so tun, als ob. Als ob eine reife Dame zufrieden auf die letzten Jahre blickt, während sie zum ersten mal seit ihrer Jugend wieder durch Charlottenburg streift. Da entlang wo Berlin noch Berlin ist, schillernd, wie ein Glas Danziger Goldwasser gegen das Licht gehalten. Sollen die doch den Osten der Stadt verunzieren mit ihren Bausatz-Bürohäusern und ihren Bubble-Tea-Filialen. Die Dame lächelt großmütig, trinkt ihren Tee aus einer Porzellantasse, wie damals während ihrer Jugend mit Herzklopfen, wenn der Zug aus Westdeutschland in den Bahnhof Zoo einfuhr. Augen zu, und sie steht wieder im ersten Waggon, zieht das Fenster herunter, von draußen strömt der Geruch nach Kohleöfen und einem Kännchen schwarzen Tee vom Bahnhofscafé herein. Was weiß die Dame denn? Oh, eine Menge! War bildkünstlerisch tätig, hat Tugendheldinnen gemalt, war immer dem Vorurteil ausgesetzt, malende und zeichnende Töchter aus dem aufstrebenden Bürgertum seien Dilettantinnen.

Und? Ihre Werke wurden gekauft, Stallgeruch entströmte denen, man ließ die malende Dame nicht verhungern; diese Bourgeoisie-Bande ließ ihresgleichen nie verhungern. Verhungern würden Künstlerinnen und Künstler, deren Los wäre das.

Die Dame lächelt schon wieder, sie weiß, wie befähigt sie ist. Sam aber wird das nie wissen. Da wo sie herkommt, im Kleinstbürgertum, hat man nicht mal die Traute die eigenen Kinder zu loben und zu lieben, wenn die sich weigern, mitzuducken. Adieu, Großmama, ich weiß noch immer nicht, dass mein Leben nicht so beschissen werden wird wie deines! Sam, eine Reisetasche über der Schulter, galoppiert die Bahnsteigtreppe des Bahnhofs Zoo hinunter, dann durch die Unterführung auf die Budapester Straße. Die Mauer wieder hoch, und das heiß geliebte Aroma vom Mittelpunkt der Stadt, das Charlottenburg-Aroma von Marzipan und altem Kognak entfaltet sich auf der Zunge… Sam schlägt die Augen auf. Wünscht man da Menschen zurück hinter eine Mauer? Wäre das eine Gemeinheit? Sind Menschen etwa glücklicher ohne ihre Mauern? Sam jedenfalls war nie glücklicher als in der abgeriegelten Stadt. Die anderen? Einmal durften sie nicht hinaus in die Welt, weil da das Böse lauerte, wenig später können sie nicht mehr hinaus in die Welt, weil das Böse da ist und seine Schwester, die Armut, mitgebracht hat.
Auf diese trostlose Erkenntnis prostet Sam sich mit einem Chambord zu. Und wie führt eine zum Establishment gehörende Dame ihren Nachmittag fort? Sie kauft Parfüm[…]

aus: Kreuzkölln Superprovisorium, alle Rechte bei Michason & May, Frankfurt

 

Schweifloser Spaziergang

alles ist schon da, die ganze DNA. (Max Raabe)

Sobald irgendwo irgend etwas herumschwimmt, machen wir uns Gedanken. Fragen uns, was da wohl alles drin ist. Heute stellte ich mir ohne Vorwarnung die Frage, wo überall ist eigentlich DNA drin? Auch in Holz? In Steinen? Etwa noch in Obst und Gemüse? Essen wir die mit? Arbeitet die in uns weiter? Essen wir nicht ausschließlich Sachen mit DNA oder ziehen sie uns an? Als mir die Antwort durch offene Türen hereinwehte, verlegte ich mich verzweifelt aufs Wasser. Aber, enthält Wasser nicht auch DNA, eingekapselt in Organismen, die wir durch Primatenaugen nicht erkennen können? DNA umschwirrt uns, dupliziert und tripliziert sich. Wir sind von allen Seiten eingesponnen in DNA. Wie in Hausstaub. Ein Unbehagen nahm von mir Besitz, es bekam ohne Zögern die Gestalt DNA-belasteter Flöhe und ich kratzte mir den Rücken. Mit dem Ergebnis, dass ich unzählige unsichtbare Hautschuppen unter den Fingernägeln hatte. Ich ging zunächst in die Küche und holte einen Lappen, schraubte die Meister-Propper-Flasche auf. Mit der Angst im Nacken, dass selbst die DNA abgeben könnte. Mutig wechselte ich die Richtung und betrat den mattgrünen Park mit dem darin enthaltenen schwachbraunen Wald. Ganz im Vorbeigehen bemerkt: Bei etlichen DNA-tragenden Gebilden, der Einschränkung halber: Tieren, ist der Schweif am hinteren Körperende für das Steuern zuständig. Angst und Zittern werden hier abgebogen. Dies ist ein Grund, weshalb der weithin abgewirtschaftete Primat „Mensch“, in vielen Sprachen einfach „Mann“ genannt (ein Fehlbegriff, denn auch weibliche Primaten besitzen ihn nicht, den altevolutionären Schweif zum Gegensteuern) immer wieder umfällt.

trommeln

sie stürzen mich hin
und runter von den tonleitern
ein senken ein ins auge beben
tausend kleine zungen heben
meine stiefeletten noch
in ihre gleissende bleistiftspur

sonne mond und güldensterne
ich habe meine schande doch
schon hinter mir und stinkende
küsse auch mein herr

fang auf mein blut
rühr meine trommelfelle
im gnadenkraut der fast
gekommenen stunde
du bist mein wohin

skulptur am bau (neuchâtel)

als wir über dürrenmatts bauch tanzten
und auf der aufgebrüsteten terrasse
das seepanorama mit 180 grad wolken
und sonnenschein zuknipsten,
verknäulte diese halbwelt ein
vom föhnwind angewehter
ballen aus stahl, faltete sich
psychedelisch vom rand her
ins firmament, tentakelte mit seinem
zerplatzenden korallenrot ins auge,
zersang das gegengrün die zirpende stille

Kokonkurzeil

Die Türen hängen verzogen, die Fenster verklemmt. Dächer ziehen im Klimmzug weiter sich auf. Die Häuser, sie bremsen, in Schräg angesetzt. Die Tischplatte dehnt sich und wiegt sich in wellige Fischform. Weiter Spalt liegt auf und geklappt vor dem Licht. Ein hellbraunes Laken glänzt seidig und feucht neben der Haut wie ein Ei, der Wandschirm umringt sich mit Armen und Lichtgelb tritt aus. In Beutel für Wäsche bestickt mit Aroma der Pflaume füllen wir die Murmeln in Grau und in Weiß, in meine Finger schieb‘ ich den Stängel aus Füller mit Tinte fast schwarz. Zieren wir Streifen längs in die Wände, hintenüber gebeugt.

BEMBELHERZ

Tesa ist den Mädchen vorgesetzt. Die Mädchen kennen keine Verwöhnung. Sie bleiben guter Dinge im Dreck. Der Molkereidirektor bringt seine Milch persönlich, allerdings mehr Tesa als sonst einer. Tesa schmeichelt so gut sie kann, aber klar, das können andere besser. Die Mädchen sind im Bahnhofsdienst, sie haben keinen größeren Wunsch, als vom Militär mitgenommen zu werden, in einem Zug nach dem Westen.

In der Volksschule ist ein Lazarett. Das Leiden macht Lärm. Die Mädchen stopfen Strümpfe auch von den Gesunden, die zur Fuhrparkmannschaft auf dem Gelände des Gemeindehauses an der Ucker gehören. Tesa nimmt Unterhosen zum Flicken mit nach Hause. Die Soldaten erachten die Handarbeiten als Liebesdienste.

Tesa beobachtet, dass Verletzte zum Transport fertiggemacht werden. Da lässt nichts mehr an eine Armee denken, es gibt einen Feldwebel, bei dem Tesa Radio auf der Stube hören soll und duschen könnte sie sich auch in seinem Quartier. Tesa möchte nur wissen, ob der Zug Zivilisten mitnimmt. Versprechen kann der Feldwebel gar nichts. Er bestellt Tesa und ihre Schutzbefohlenen für den Abend an den Bahnhof.

Die Mutter kann nicht mit, sie gibt Tesa und ihrer Schwester jeder eine Flasche Rum zum Eintauschen. Tesas Flasche kriegt gleich der Feldwebel, im Waggon liegt Stroh aufgeschüttet in der Verdunklung, Tesa hält ihren Teil der Menschheit klammernd zusammen. Sie hat auch ein Fahrrad und ihren Geigenkasten und den Kinderwagen für Wolf in Verwaltung.

Es wird bombardiert, doch der Bahnhof kriegt nichts ab. Kurz nach zwölf fährt der Zug an, Tesa will sich erst einmal keinen Reim auf ihre Empfindungen machen.

Fünf Tage steht und fährt der Zug und doch nur bis Lübeck. Die Flüchtlinge werden in einer Schule untergebracht, so schlecht hat Tesa es noch nicht getroffen. Sie und ihre Bagage teilen ein Klassenzimmer mit Leuten zum Fürchten.

Ein Mann eitert aus dem Mund, er stirbt fast unbemerkt in der Gleichgültigkeit. Tesa und die Schwester lassen Wolf mit den Mädchen allein, sie fragen von Haus zu Haus nach einer Unterkunft. Sie haben Glück bei einem Tischler und seiner Frau. Die Leute heißen Schulz, sie geben ihre Mansarde her, zum Schmuckstück ausgebaut und mit einem richtigen Bett für den frisch verheirateten Sohn. Der Sohn ist im Krieg, seine Frau bei ihren Eltern. Tesa holt Wolf und die Mädchen, während die Schwester ihre Bleibe bewacht.

Der Krieg ist aus, Tesa ist jeden Tag auf dem Wohnungsamt. Die Schwester steht immer woanders an. Nachrichten von der Familie bleiben aus. Die Mädchen ziehen zügig weiter, sie haben alle noch ein Zuhause oder wenigstens eine bessere Gelegenheit. Ein Cousin findet die versprengten Angehörigen, unter Beschuss ist er vor den Russen auf einem Motorrad abgehauen, das er als Gefangener für sie zum Laufen bringen sollte. Er schickt Tesa als Anhalterin zur Witwe eines Kameraden nach Schwerin. Weitläufig ist Tesa mit der Witwe auch verwandt, trotzdem siezt sie die Hausherrin. Sie kriegt Sachen zum Anziehen, in einer regelrechten Villa. Auf dem Parkett: ein Turm aus Teppichen. Wieder in Lübeck, erfährt Tesa, dass nun die Russen in Schwerin sind. Die veränderten Verhältnisse kosten einem anderen Cousin noch schnell das Leben.

Tesa verschafft der Schrumpffamilie ein akkurates Untermietverhältnis, schließlich könnte Sohn Schulz jeden Tag heimkehren. Das neue Zimmer erscheint als Wunder der Autonomie, endlich sind die Schwestern aus der Duldung und müssen auch so elendig leisetreterisch nicht mehr sein. Von Haus aus nichts Kniefälliges gewohnt als Töchter guter Leute, hat der Stolz schwer gelitten.

Tesa kriegt eine Anstellung in einem Kinderheim des Roten Kreuz, plötzlich heißt es, Mama und Großmama sind in Frankfurt am Main und sonst hat keiner überlebt. Nun sollen die Übriggebliebenen zusammenkommen. Die Schwestern kehren zurück zu Hausarbeit – in einer fremden Stadt. Ihre Mutter verhehlt den Töchtern die Verstörung nach Kräften, Großmutter sichert ihr Seelenheil in mildem Wahnsinn.

Die Wohnung ist ein Gigant, ein Sir der Herrschaftlichkeit. Der Hausherr erscheint fidel bis zur Kindlichkeit und in Wolf zumal verschossen. Er hatte nicht mehr mit einer Familie gerechnet.

Wolf ist viel zu jung für eine legale Abstammung. Der Schwester Gatte geriet bereits 1940 in englische Gefangenschaft, im Frühjahr 1946 droht seine Entlassung. Er könnte gleich als Dolmetscher anfangen, vierzehn Tage will man ihm die Stelle freihalten, doch noch steckt er mit fünftausend Mann in einem Entlassungslager. Er trägt seine Chance als Bitte vor, der Kommandant lacht sich einen Stiefel vom Bein. „Five thousand fellows are waiting here for being shifted to Germany and you …“; zwei Tage später ist er frei in Deutschland, versorgt mit zehn Kilo Verpflegung. Dem klärenden Gespräch sieht die Familie geschlossen, angespannt und parteiisch entgegen. Ein Kriegsrat empfängt den kaum zum Schuss gelangten Kriegsheimkehrer. Die Nachricht von seiner Beförderung zum Oberleutnant hat ihn in der Gefangenschaft erreicht. Der Offizier erkennt die Lage, sie verdrießt ihn sichtlich. Sichtlich ist es ihm besser ergangen als den meisten Deutschen. Zweifelnd betrachtet er seine Frau, das Kind, die Familie. Er erwägt seine Aussichten, kühl bis ans Herz. Das erkennt Tesa. Sein Vorrat wird von den Frauen beschlagnahmt, der Offizier kriegt ein Zimmer erst einmal für sich allein. An sich ist das Luxus. Auch wegen der Dolmetscherstelle muss er bohren, dann gibt man sie ihm aber. Im Augenblick hat das großen Wert. Der Offizier verwaltet die Verpflegungslisten für ein Lager der United Nation Rehabilitation Agency, er sitzt an einer Quelle. Die Schwester arrangiert sich mit ihm, ein Schritt in die Entfremdung zu Tesa folgt der nächste. Praktisch sollen die Dinge liegen, wenigstens das. Der Offizier gibt heimlich eine Annonce auf, eine Bekannte verständigt Tesa: „Oberleutnant a.D. der Luftwaffe sucht möbliertes Zimmer, gern mit Familienanschluss“.

Das ist doch aussichtslos, denkt Tesa. Die Frankfurter Plage heißt Wohnungsnot. Dann stellt sich aber heraus, dass Offizierswitwen auf die Anzeige reagieren. Bald hat der Offizier einen Raum, von dem die Familie vorgeblich nichts weiß – und Tesa fragt sich, ob die Schwester nicht doch eingeweiht ist.

Tesa und die Schwester sind in verschiedenen Jahrgängen durch die Schule der Nationalsozialistischen Volkspflege gegangen. Zur Ausbildung war Tesa in Radawnitz, in Landsberg an der Warthe und in Neuenhagen. Sie hat sich Selbständigkeit beigebracht und jede Verantwortung übernommen. In Frankfurt steht die Familie wieder an erster Stelle, Tesa versteht, dass die Schwester den Bestand ihrer Ehe mit einem legitimen Nachkommen sichern will. Der Offizier erwartet in einer neuen Armee größere Aufgaben zu finden. Er zweifelt daran nicht, dass Deutschland bald wieder Streitkräfte haben wird. Seine Ansichten sind die größte Belastung im Verhältnis der Schwestern. Die Älteren schweigen dazu, die Mutter sehnt sich zuversichtlich nach ihrem Erlöser.

Königinnenpastete

Landsberger Straße in München, das war die Puffgegend, geh da bloß nicht allein, wir holen dich ab, mit der Straßenbahn, ich war ja naiv, na du, du weißt ja von gar nichts, mich aufgeklärt, weißt du denn nicht, was das bedeutet, da im Fenster, die Püppchen, die eine, die war leicht behindert, hat sich zur Schau gestellt, und nachmittags, bei der Feldherrenhalle, mit den Brüdern zusammen, wo Studenten sich trafen, wir waren die Jüngsten, Königinnenpastete, das war so billig, sonst nur ältere Männer mit ganz jungen Frauen, eine Gesellschaft, aber auffällig, und am Sonntag, in der Arbeiterwohlfahrt, wir waren erst zwanzig, meine zwei Brüder Studenten, einer Packer im Eisenwerk, der sagte, geh da nicht hin, und dann musste ich doch die Landsberger Straße lang, vorbei an den Mädchen, Fräulein Horn, verstehen Sie das, ja war ich denn prüde, warum nehmen sich manche so wichtig, mit sechsmal verheiratet sein, und alte Männer werden Väter mit Achtzig. Ja, und Ilse, die Cousine, die haben wir geschleppt, zum Gesundheitsamt, die musste da hin, die hatte sich eingelassen, mit Fernfahrern, sich untersuchen lassen, und stand dann im Fenster.

tellkamp

„Der ist ein Jahr jünger als du“. Ihr vergeht das Lachen. Wie fett er sie ansieht mit seiner Tolle. Und Breshnew ist 1982 gestorben. Definitiv früher als Stalin, wie Sigrid trocken bemerkt. Sigrid und ihr Mann wurden von ihr durch den Turm geshreddert. Sigrid hat einen kleinformatigen Artikel aus der Zeitung ausgeschnitten. Im kleineren Viereck: Tellkamp. Sie fragt sich, wie weit sie gehen darf. Ist doch nur ein Beitrag ohne Nebenwirkungen. Tellkamp hat zugenommen. Uwe Tellkamp, 44, hat nach dem spektakulären Urteil im Streit um den Suhrkamp-Verlag mit seinem Abschied gedroht. Sein Haar wirkt leicht fettig, die Krawatte, nur als Ansatz erkennbar, ist rot-gelb kariert. Sie lächelt. Auch der wird schon alt.

 

Intensivstation

 Ich sehe meinen Atem als beschrifteten Luftballon davoneilen, über den Gang hasten, hin- und herrollen, zur Ruhe kommen mit dem Nabel am Boden.

 

Ein unruhiger Wind geht auf Reisen. Geisterklang mit Licht.

 

Der Wind ist eifrig; bläst durch die Flure des Krankenhauses und rüttelt an allem, was er zu fassen bekommt. Heult und rauscht. Er kommt durch das Fenster am Anfang des Flures herein, dort, wo ich mir ein Zimmer eingerichtet habe. Eine Dichterstube, ein Studierzimmer.

Der Wind berührt meine Haut, streicht durch meine Haare, fährt über das Heft, in das ich schreibe; umhüllt Finger, Stift und Papier.

Rascheln, mein Luftballon ist verschwunden, mein Stift geht auf Reisen. Vor oder zurück?

 

Zurück… zurück…

 

Krankenhaus: Lila Wolken ziehen über mich hinweg. Halluzinationen, Infusionen; das Leben schliddert wie ein glitschiger Fisch unter mein Krankenbettgestell.

 

Ich traue den Ärzten und Schwestern nicht, die mal nett, mal nicht so nett versuchen, mich festzubinden. Nadeln in mich zu stecken, Schläuche an mir festzukleben. Ich aber bin auf der Flucht vor ihnen, im Krieg mit ihnen. Ich muss den glitschigen Fisch fangen.

 

Ungeduld. Vibrierende Unruhe. Unerträgliche Unruhe. Ich scheine in einer gallertartigen Masse verschwunden zu sein. Niemand kann mich sehen. Ich durchreise mich selbst. Violette Menschenkörper durchwandern mich. Ich spüre mich als Hülle, als Kathedrale. Angst kommt mit dunklem TAMTAM. Sie erreicht mich, sie erreicht mich nicht, sie erreicht mich doch, TAMTAM. Es ist Krieg. Ein Abenteuerfilm, ein Drama, Splatter, Klamauk, TAMTAM. Im Krankenhaus ist ein Fisch auf der Flucht und versucht, sich fangen zu lassen.

 

TAMTAM, meine Mutter sagt: „Ich habe den Krieg erlebt“, und sie meint sich, nur sich, nicht mich. Sie erinnert sich nicht an mich in sich, und so schließt sie mich aus vom Krieg und liefert mich gleichzeitig aus. Lässt mich alleine in rußenden Krankenhaustunneln, alleine mit den Schergen mit Schläuchen, Nadeln, Seilen, Gurten und Äxten, TAMTAM, und später fragt sie: „Wo warst Du, mein Kind?“

 

Kein Wunder, dass ich nicht antworten kann; mein Mund ist voller Fische und Scherben, und wenn ich sprechen will, werden es immer mehr Fische und Scherben. Erstaunlich: das alles ohne Blut. Ein ganzer Horror ohne einen einzigen Tropfen Blut. Es bleibt drinnen; eingesperrt, eingepfercht, brodelnd, hitzig, kalt.

 

Der Vater sagt: „Schön, dass Du da bist“, und mich überkommt eine Lähmung, als sei sein Satz ein Schlangenbiss.

 

Name und Adresse: Die Ärzte und Schwestern und Pfleger reden freundlich und dringlich und auch nicht mehr so freundlich auf mich ein. Ärger, Ungeduld und Frustration mischen sich in ihre Stimmen. Ich durchschaue sie, und sie durchschauen mich.

 

Sie haben mich festgehalten, als ich rennen wollte, nicht um wegzurennen, wohin denn auch, sondern vor Angst, Atemnot und Unruhe. Glitschige Fische in mir schlugen um sich in ungeheurer Aufregung.

 

Das Befreien aus Zwangslagen habe ich von früh auf hart trainiert. Ich weiß: dieses Wissen liegt jenseits meiner greifbaren Erinnerung. Fische, Fische… ein wildes Unterwasserleben, TAMTAM, Licht am Ende des Tunnels. Lila Wolken ziehen über mich hinweg.

 

 „Intensivstation“, lese ich, als es mir wieder einmal gelungen ist, die Nadeln aus mir herauszureißen und die Schläuche abzuziehen. Ich irre durch die Flure. Wohin führen sie nur? Es gibt keinen Ausweg, denn das hieße, dass es einen Ort gäbe, zu dem diese Gänge, Flure und Tunnel in diesem Labyrinth überhaupt führen könnten. Ein Licht am Ende des Tunnels; lodernd, flackernd, fahl.

 

Ich fange den glitschigen Fisch, aber er lässt sich nicht fangen, haut gleich wieder ab. Ich beschwere mich beim Chefarzt, der mir sehr ruhig zuhört; er hat schon vieles gehört und erlebt. Irgendwann lässt man mich gehen, man entlässt mich, lässt mich frei. Vogel mit Fisch entkomme ich, entfliehe ich, fliege, flattere davon. Alles unterschrieben und nichts gesagt.

Ich gehe auf eigenes Risiko, mein Leben an mich gepresst wie ein wärmendes Kleidungsstück.

 

Der Tod tut nicht weh, aber ich habe ihn gespürt, als er seine Knochenfüße in meine Tür stellte; in diesen Spalt, der aus Versehen aufging. Die Bilder jagten sich wie wahnsinnig, und da kam auch der Tod, angelockt von diesem surrenden Bilderstrudel und neugierig.

„Willst Du wirklich schon gehen, junges Leben?“, fragte er. Und er ergriff einen dieser wild um sich schlagenden Fische; mit knöcherner Hand riss er ihn aus meinem Leib und schleuderte ihn unter dieses Krankenhausbett, auf dem man mich festgebunden hatte, und er gab mir eine Aufgabe und eine Chance.

„Gib Dich nicht auf!“, raunte er fürsorglich und arrogant zur selben Zeit.

 

Ich kann mein Leben von jeder Stelle aus aufrollen und dann in jede Richtung gehen. Mein Leben ist ein Lehrstück über das Leben im Tod und den Tod in einem noch jungen Leben.

 

Angenommen [3, 3]

man habe sich nicht geirrt. Ich hätte tatsächlich recht gehabt: der erste Irrtum, das letzte größere Wollen – und nichts wäre geschehen. Man hätte es heute noch sehen können.

-:

Du verlangst zu sterben, ich weigere mich zuzuhören. Nun sieht man darin nur das Opfer.

:-

Ich weiß noch immer nicht, was aus dir geworden ist. Unsichtbar hängt diese Zukunft im Nichts, deine Züge lagern sich an immer neue Wolken, von Zeit zu Zeit bricht ein Vulkan aus.

+ +

Hätten wir uns nicht geirrt, könnte man sich wohl daran gewöhnen. Das erste kleinere Müssen – nichts Schlimmes dabei. (…)

*

Nun aber ist es ein Stein.

First Song for U.

Versbein stranguliertes
Karottenrost. Die Türme
im Vögelchenkäfig
jagen die Nacht
wie laternös
flatternde Bäume
über Hügelgräbern.

Der Zeitungsmacher
schabt Glockenküsse
aus dem Wind.

Goldfingerchen plättere
von der geölten Mehlhaut
rinde, goldbraun.

Unter deiner Kaputze
sprach der Mond
zu mir.

Spiegelbild der Scheibe des Zuges.

Wie die Entdeckung eines Haars die Sinne verzweigt. Und blosses Interesse sich in Leidenschaft verwandelt. Dann steigt man aus seinem Schlauchboot + begreift die Welt nicht mehr. Dann schleift man sich an einen Bahnsteig. Und versteckt sein Gesicht im Spiegelbild der Scheibe des Zuges, der sich allmählich in Bewegung setzt.

Star Wars

Wie heißt der Lehrmeister des Jedi-Ritters Anakin Skywalker alias Darth Vader? Richtig: Obi-Wan Kenobi! Auch „die Redaktion“ genannt. Darth Vader im Anmarsch? Keine Angst, die Dunkle Macht wird uns nicht ereilen. Dank Obi-Wan Kenobi. Er zügelt den emotionalen und unbeherrschten Anakin mit dem Strahl des Laserschwertes! Der Mechanismus scheint ein wenig zu klemmen (Hier geschickt in Szene gesetzt. Die Community hält den Atem an: Wie weit darf er diesmal gehen?), doch schließlich trifft der Laserstrahl unbarmherzig ins Schwarze: Beitrag von der Redaktion entfernt. Übrig bleiben die Kommentare. Amputierte Recken.

Nach dem Ende der Dinge beginnt es zu blühen

Auf drei Frequenzen Bandnudelsalat

Mit zwei Exfreunden Auferstehung

Imitat

Des glücklichen Endes, Verrat

Durch Hochkurbeln der Träume

Berlin, noch immer August

Spiel du doch mal mit deinem Einufern, Abgraben, leisen Tönen, hab dich noch nie so geliebt, weil dieses weisse Wesen dazwischen sich feinsilbig hör nur mal wie sie spricht das Strömen das Rinnen das Auswaschen deiner Träume: wolltest du mit mir stehenbleibn berühr mich nicht wenn ich in der Gegend liegen bleibe, spuck auf mich und zeig mir deine Verachtung, so dring ich in meine Worte, meine alte Welt aus dir heraus, 2 Sätze hintereinander zerstören uns. Wir wollen schon lange nichts mehr hören. Wachs in deine Haut. Du bist gezeichnet. Verlang mich. Mir ist nicht mehr danach, zu seyn.

Bembelherz

Opa Hesselbach war sein Berufsleben lang beim alten Ankermann in der Regel- und Messtechnik beschäftigt. Er brachte da auch einen Sohn unter. Meinen, so hieß es, dämlichen Vater. Der Radfahrer schied auf einer privaten Hessenrundfahrt für immer aus. „Herzinfarkt am Berger Hang: Zum letzten Mal hat sich der Amateur Hannes Hesselbach zu viel vorgenommen!“ So stand es geschrieben auf einer Mauer zur Ermahnung der Lebenden. Nach der Beerdigung zog meine Mutter mit mir in ihr Schwiegerelternhaus. Da lebte ihre Schwester unter anderen Verwandten.

Brüder hatten Schwestern geheiratet. Die Schwester meiner Mutter war „die Franz“, für mich selbstverständlich „Tante Franz“. Den Taufnamen hatte sie an ihren Mann verloren, der außerdem Adolf hieß. Man hielt Franz ohne Bindestrich Adolf Hesselbach für einen maßlosen Menschen. Zum Spaß nannten wir ihn Onkel Führer. Der Führer moussierte im Familiären. Er schnurrte förmlich. „Fehlte eins“, blies er traurig in die Backen.

Meine Mutter trug über die Zeit Trauer. Die schwarzen Kleider waren eine Tracht, zu leiden lag ihr fern. Zumal mein Vater „unter lächerlichen Umständen die Luft ausgegangen war“. Als Mädchen war sie „mit dem Führer liiert“ gewesen, sie hatte ihn an die Schwester „abgetreten“. Unumstritten war, dass „die Franz“ den besseren Hesselbach geheiratet hatte. Nämlich den Hesselbach, der zu leben verstand. So lernte ich den Unterschied zwischen nämlich und dämlich.

An einem betrunkenen Abend beschrieb mir meine Mutter den Onkel als Salamander unter Laubfröschen. Das klang verliebt in meinen Ohren. Meine Mutter hieß Eva, da boten sich noch mehr Führerscherze an. Die Führerscherze gehörten zur häuslichen Gemütlichkeit in gebotener Heimlichkeit.

In den Geschichten des Onkel Führers taucht das Dritte Reich als rigoroses Landschulheim auf. Franz Adolf wurde wegen Sportlichkeit, jedenfalls konnte er sich keinen anderen Grund denken, an eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt „delegiert“. Da verpasste man ihm „eine Gardeausbildung“ … ihm und anderen zum weltweiten Einsatz vorgesehenen Gauleitern in spe.

Der Cousin spielte Geige und behauptete an manchen Tagen, „ein Ausrutscher“ seiner Mutter mit dem Börsenlehmann zu sein. Der Lehmann war Rheinländer, machte aber auf Hesse und war ständig im Volkstheater als triefender Handkäse. – Ein Heumacher von einem Handküsser. Die Hesselbachen leimten auf jedem Schleim, sie kannten nur die Bütt. Die Lebensfreude hatte sie verdonnert und verdonnerte dann auch einen Brummkreisel der nächsten Generation: Tantes Tochter Valerie in ihrer närrischen Eigenliebe.

Valeries Familiensinn trudelte in Übertreibung. Auch der Bruder protestierte wenig. Er ließ sich herrichten und mitschleifen, als dem Babba Hesselbach sein goldischer Bubb. Der Nachwuchs wurde alle Zeit wie bei einem Dressurwettbewerb vorgeführt bei jeder Matinee im Hessischen Rundfunk und sämtlichen Premieren in der Komödie oder in dieser zoologischen Heinz Remondklitsche. Man bläute uns mit Bedeutung, bis sie allen zu Kopf gestiegen war – und ich anfing, dem Rathaus Ratschläge zu erteilen.

Die Kindheit ging über die Bühne, Valeries Verwandlungen nahmen das Ende vorweg. Mit fünfzehn strebte sie den kühlen Schick und schlampige Varianten in ständigem Wechsel an. Sie diskutierte ihre Beine und sämtliche Gesäßformen. Sehr kritisch konnte Valerie werden, wenn es um Konkurrenz in der Nachbarschaft ging. Dem Abfälligen und Zotigen gewann sie erste Preise ab. Zuerst kriegte sie der junge Ankermann alias Mogli. In unserem Bund fürs Leben war er Dritter.

Valerie hielt mich auf dem Laufenden. Ihre Erlebnisse brauchten Verdichtung. Das war Krisenmanagement. Gemeiner Trübsals Verweigerung zum Trotz trat bei Valerie eine Verstimmung auf. Der Grund dafür verbarg sich und war doch ganz schlicht. Ankermann passte Valerie nicht und die Jungen en passant passten auch nicht. Aber woher hätten wir das wissen sollen. Das Zufällige meiner eigenen Versuche bot keiner Einsicht Raum. Ich tappte genauso im Dunklen wie Valerie – und Ankermann, der in nächtlichen Vorgängen mit meiner Familie verschmolz.

Ankermann Leute hatten ein überdachtes Fünfzigmeterbecken, das gab es sonst nicht in Frankfurt. Das Bad lag im Hinterland des Ankermann´schen Anwesens im Holzhausenviertel. Ankermann trainierte mit persönlichem Schwimmlehrer, über den Mann sind Lieder geschrieben worden. Wir nannten ihn „das rauchende Wrack“.

Der Cousin ging als Babu unter die Leute, Babu leitete sich von „dem Babba sein Bubb“ ab. Auch der klangvolle Name seiner Schwester hatte sich im nachtragenden Volksmund verloren. Man verballhornte ihn, steigerte sich hinein und verstieg sich bis zur „die Hexe Hesselbach“.

Die „Hexe Hesselbach“ brachte ein unerhörter Verehrer in Umlauf. Der Verliebte schrieb „Hier wohnt eine Hexe!“ an die Hesselbach´sche Fassade. Ferner malte er „Valerie ist eine Hexe“ mit brennenden Buchstaben an eine Wand der Stalburg. Von jeher war die Apfelweingaststätte „Zur Stalburg“ das zweite Wohnzimmer der Familie Hesselbach.

kleines zitat (zum abschied)

„In der Schweiz hatte ich mal eine kleine Geschichte von drei Einsiedlern gehört: Jeder saß auf einem Viertausender, aber sie besaßen nur ein einziges Beil, um ihr Frühstücksholz zu zerkleinern. Also warfen sie sich das jeden Morgen von Berg zu Berg zu. Dazu erklärte mir ein gebildeter Mann, das sei eine total unlogische Geschichte: In 4?000 Metern gebe es kein Feuerholz. Seitdem möchte ich einen Essay schreiben „Jenseits der Baumgrenze“. Bestimmte Formen der Vorstellung und Imagination sind manchen Menschen nicht zugänglich. Sie müssen an der Baumgrenze zurückbleiben.“

Felictas Hoppe heute in der Frankfurter Rundschau (http://www.fr-online.de/kultur/felicitas-hoppe-andere-trinken-schnaps,1472786,21136198,view,asFirstTeaser.html)

blutschau

expression mal wieder rauf mit der wut sonst fühlst du nur hasen geäderte unterarme leblos gekniffen träumt doch euren elitentraum zuschanden in farbgeschwätzte pinsel wenn’s hochkommt liebst du dich selbst bin ich die erfüllungsgehilfin deiner akribischen herzkurven expression mal wieder schärf deine sehnsucht liebster in maulgeflechte und immer wieder und wieder ihre körperabdrücke gggrrrgrreif deine aas und bees und tätowier deine abgebrühten dinger auf meine wuthaut sie pellen den wutkuss von meinen weichen bleistiftlippen mein blut bin ich längst los aber ana ist doch so anmutig in ihre frische blutlache gesprungen verschlag dich endlich in mich ehe die rehe am tag keinen schrei mehr verschwenden  

Bembelherz

Fast jeder Schneider/ Will jetzt und leider/ der Sprach erfahren sein/ und redt Latein/ Welsch und Französisch/ Halb Japonesisch/ Wenn er ist toll und voll/ Der grobe Knoll. / Der Knecht Matthies/ spricht bona dies … Aus dem Jahr 1617 als Gegenschrift zur Mode à la Versailles

Hannes schreibt: In Westpreußen bezeichnete man freie Bauern als Insassen. Das waren meine väterlichen Ahnen von der Zeit Friedrich des Großen bis in die Gründerzeit. Noch lebten Tiere mit den Menschen zusammen, in den Küchen brüteten Gänse. Es gab triftige Gründe für solche Hausgemeinschaften, Küken mussten vor Mardern bewahrt werden. Die Kinder konnten sich vor Hähnen fürchten, das kann sich auch keiner mehr vorstellen. Mit dem Fleiß von Bienenvölkern ersparte man Ausbildungen.

Meine Leute erlebten den Einmarsch polnischer Truppen zu Pferde. Deren Einquartierung in dem deutschen Nest ging glimpflich ab. Doch nach dem Krieg wurde die Familie ausgewiesen. Der Ast verzweigte sich in größerer Nähe zu Städten.

Die Familie lief auseinander, so ist es wohl gewesen. Hugenotten hatten den Tabakanbau in Preußen populär gemacht, nun arbeitete mancher in der Prenzlauer Zigarrenfabrik. Mein Großvater Hannes Hesselbach durfte auf das Humanistische Gymnasium. Er schloss sich der Deutschen Freischar an, die Jungen kampierten am Oberuckersee und an dem in Kieferwäldern vergessenen Küstrinchensee. Sie übernachteten in Wildscheunen des Grafen von Boitzenburg. Sie lernten den Protest von Sumpfvögeln nach Arten zu unterscheiden. Hannes Hesselbach entdeckte Eichenpfähle und Brückenjoche im sandigen Grund des Oberuckersees. Das waren Bruchstücke einer unterseeischen Brücke, auf der sich bedrängte Ritter zu einer Burginsel hin in Sicherheit gebracht hatten.

In Mode waren Halswärmer aus Marderpelz, dafür ging Hannes Hesselbach auf die Jagd. Er hielt Lachtauben, die an Sonn- und Feiertagen zum langen Ausschlafen unter sein Federbett krochen. An den Mauern wüster Kirchen, die im Dreißigjährigen Krieg gelitten und seither keinem Gottesdienst mehr Raum geboten hatten, übte er klettern. Er machte sich fit für den Westturm der Marienkirche, der auf fünfzig Meter Höhe von einem Turmfalkenpaar bewohnt wurde. Eines Tages stieg er in Geheimgängen zum Dachboden auf … eines Tages fuhr er nach Frankfurt am Main, um da zu bleiben.