Archive for Juli, 2016

Flucht und Wiederkehr VI

Samstag, Juli 30th, 2016

Jenes Mädchen, dessen geheimnisvoller Blick schon während des Gelages die Aufmerksamkeit des Großkönigs auf sich gezogen hatte, fuhr ihm nun mit vorsichtigen Händen über den Hals und die Schultern. Sein Hofmeister, oberster Diener, der jede Nuance seines Fühlens und Denkens teilweise noch vor ihm selbst zu erkennen vermochte, hatte sie ihm im Anschluß an die Festlichkeiten nächtens zuführen lassen.

Der Großkönig schloss die Augen und flog in Gedanken wie ein Adler über die undurchdringlichen Sümpfe, wolkengetränkten Gebirgszüge und endlosen Wüsten seiner Satrapien. Aus welcher Region seines verwinkelten Reiches sie wohl stammen mochte?
Was, wenn sie jenseits der bekannten Welt geboren war  – dort wo die Menschenleiber nicht geölt, sondern staubbedeckt, nicht wohlgenährt und weinselig, sondern darbend und dürstend, die Geister der Vorfahren nicht zeremoniell bedacht, sondern dazu verdammt waren endlos in karger Ödnis zu irren?

Wenn es so wäre, dachte er, könnten dann nicht die Geister in Ermangelung geweihter Tempel in die Menschen selbst schlüpfen und sie besessen machen? Ja, würde das den undurchdringlichen Blick des Mädchens erklären?
Während seine Gedanken noch schweiften, hatte das Mädchen in einer ihm unbekannten, sinnlichen Sprache leise zu singen begonnen. Er ließ sie gewähren und tauchte tief in die grundlose See der Träume.

Am nächsten Morgen war das Mädchen fort, die Sonne schien froh in die Gemächer, doch wollte sich in ihm kein rechter Tatendrang einstellen.

Nachdem er die Notdurft verrichtet hatte, gewaschen und angekleidet worden war, erschienen ihm die verzweigten Gänge seines Palastes, obgleich mit flinken, ehrerbietig gebeugten Dienern gut bestückt, verweist. Auch die ihm servierten, dampfenden Gerichte schmeckten fad und die das Mahl begleitende Musik wie schon tausend und ein Mal zu oft vernommen. Obgleich ihm, der alles besaß, das Vermissen unbekannt war und er darob suchend zweifelte, entging seine Einsamkeit dem Hofmeister schon seit Jahren nicht.

Jener stand leicht abgewandt – seine wahren Gedanken verbergend – und blickte durch die hellen Fensterbögen hin zum Horizont. Das Mädchen war aufgrund eines Briefes angereist, den er vor einigen Wochen verfasst und anschließend in Unkenntnis des Großkönigs mit dem königlichen Siegel versehen hatte, was, sollte es zu unbeabsichtigten Verwicklungen kommen, Verrat bedeutete – dem die grausamste aller Strafen galt.

Der Großkönig entließ sein Gefolge mit einer traurigen Geste, dem Hofmeister jedoch befahl er, Weise aus den verschiedenen Teilen seines Reiches, die in der Hauptstadt verweilten, zu einer abendlichen Audienz zusammenzurufen. Auch das Mädchen der letzten Nacht solle anwesend sein.

Als sich die Dämmerung über die Palastgärten gelegt  hatte und alle versammelt waren, sprach er zu den Weisen:

“Ihr weitgereisten Meister, erklärt mir dieses Mädchen – mir scheint, sie habe mit jenem, was ihre Augen zu flüstern vermögen meine Seele verzaubert. Sagt, was wohnt ihrem jenseitigen Blick inne, das mich die sonstigen, weltlichen Freuden vergessen läßt, das mich an das Fernste der Gefilde fesselt?

Nennt mir jenes, über unser aller Zeitenlauf und Geisteswelten immerdar thronende Unbekannte – so unsichtbar und doch so wahrhaftig!

Schaut sie freundlich an, aber redet nicht mit ihr, ich will nicht, dass ihr oder euer reiner Geist in Verwirrung gerät. Heute Nacht versammlt euch jenseits des Baldachins in meinem Schlafgemach und vernehmt ihren Gesang während sie mich liebkost.

Enträtselt mir bis zur morgigen Dämmerung des Mädchens klingenden Worte, ihre alles versengenden Augen und und den Ort ihrer Herkunft, so sollt ihr in Gold aufgewogen werden — versagt ihr, so lernt ihr das Fliegen und vereinigt ihr euch mit den Geiern. Geht nun!”

Am nächsten Abend, die Grillen zirpten und die Gräser dufteten, trafen sie sich erneut in dem von Wasserläufen durchzogenen und von Obstbäumen gesäumten Palastgarten.

Der älteste der Weisen trat vor und sprach:

“Herrscher der Welt, bitte empfange unsere Antwort ohne Groll. Sie ist ohne Rücksicht auf unser eigenes Leben erwachsen und wird uns alle überdauern. Bitte verzichte, sollte dir die Antwort genügen, auch auf die versprochene Belohnung in Gold, vielmehr wünschen wir das Recht dorthin gehen zu dürfen, wo Freiheit uns wiegt.”

Der Großkönig runzelte die Stirn, aber schwieg.

“Wir haben die Erscheinung des Mädchens auf zwei Ebenen untersucht – der weltlichen und der spirituellen.

So konnte uns der Haremswächter über ihre Abstammung Auskunft geben. Sie wurde im Osten, jenseits des Indus geboren. Ein Fürst an der Grenze eures Reiches hat sie einem Nachbarn geraubt und als Geschenk eurem Hofe überlassen. Er möchte seinen laufenden Feldzug erfolgreich beenden und hofft, indem er eure Gunst gewinnt, sich seiner westlichen Flanke sicher zu sein.

Das Mädchen verweilte während des Überfalls der Truppen des gewalttätigen Fürsten in einer Sommerresidenz der bekriegten Herrscherfamilie und wir vermuten, dass es sich um eine Tochter des dortigen Fürsten handelt, auch ihre umgänglichen Manieren sowie ihre gesangliche Ausbildung lassen darauf schließen.

Das Flackern in ihren Augen könnte sich durch ihre Ungewissheit bezüglich des Schicksals ihrer Heimat und Familie erklären lassen, durch ihre Wut auf den Feind, der sie entführte und ihren Wunsch Rache zu nehmen. Und doch: unter alldem musste eine weitere Quelle des Fühlens liegen, die wir zuerst nicht zu entschlüsseln wussten.

Da keiner von uns der Sprachen des fernen Ostens  mächtig war, eilten wir noch vor Beginn der Nacht in die Karawanserei und trafen einen weitgereisten Mann. Er trug nichts bei sich als einen Stock, ein Bündel und einen orangefarbenen Umhang. Er handele nicht mit Gütern, erklärte er uns, sondern mit Ideen, weshalb er ferne Länder aufsuche.
Nachdem er versichert hatte, dass ihm diverse Dialekte des Ostens geläufig seien, nahmen wir ihn mit, auf dass er uns die Bedeutung der Worte des Gesangs darlegen könne.

Als das Mädchen dann des Nachts zu singen begann, setzte er sich im Schneidersitz auf den Boden, schloß die Augen und wir dachten, er wolle schlafen, doch er vibrierte, fast unmerklich. Tief aus seinen Lungen schien ein leises Summen aufzusteigen.
Nachdem ihr entschlafen wart und das Mädchen verstummt, kehrte der Geist des Reisenden in den Raum zurück. Er versprach uns am kommenden Morgen an der Klänge Sinn teilhaben zu lassen.

So es dann graute, fanden wir, die ob der vielen Rätsel kaum zu schlafen vermocht hatten, den Reisenden tief in den Gärten. Wieder saß er wie der Erde erwachsen, wieder waren seine Augenlider sanft geschlossen und wieder schien ein innerer Wind die ihn umgebende Zeit in Schwingung zu versetzen und zu krümmen.

Nachdem der erste Sonnenstrahl des Tages seine Stirn geküsst und das lustige Rascheln der Blätter seinen Ohren geschmeichelt hatte, erhob er sich mit einem Lächeln, verbeugte sich und lud uns ein, ihn langsam schreitend zu begleiten.
Und hier, edler Großkönig, beginnt die spirituelle Erklärung, die Anhaltspunkte für die mysteriöse, letzte Zutat der Blicke des Mädchens geben könnten.

Der Reisende sprach inbrünstig, aber zugleich gesetzt, als ob er in vollstem Respekt für die ihn umgebende Natur kein störendes Element hinzufügen wolle:

“Ihr seid darauf erpicht zu erfahren, was das Mädchen heute Nacht sang?
Geht in euch, konntet ihr es nicht hören? Konntet ihr es nicht fühlen? Schaut euch um, was seht ihr? Gärten, so weit das Auge reicht, Wasser, Pflanzen, Vögel. Was glaubt ihr, was hier vor tausend Jahren gedieh? Nichts! Nur Wüste, Wüste so weit das Auge reichte! Und in wieder tausend Jahren – ihr könnt es ahnen – wird  abermals Wüste sein, wo heute Fische springen. Ich will euch verraten, wovon sie sang, es war die Zeit! Ihre Worte lauteten:

Illusionen kreisen und wandeln,
Illusionen lenken das Handeln -

formen schaurig Greis und Kind,
wie der Regen spielt im Wind.

Doch auch sie soll’n einst — vergeh’n.

Als sie die letzten Worte wiederholt hatte, seufzte sie kaum hörbar ‘O Bruder!’ und in mir wurde alles leicht — sie war die Schwester jenes ehemaligen Königssohnes, über den seit Kurzem landauf, landab des Ganges gesprochen wird.” – der Reisende lachte spöttisch, aber zugleich liebevoll in sich hinein – “Es heißt, er legte die Herrscherwürde ab und begab sich auf einen Weg der Suche nach dem Sinn all dessen was ist.

Er wollte die Zeit überwinden, denn das Leben, das uns die Zeit gewährt, ist voll von Leid – und Leid sei nur mittels Meditation und Nächstenliebe beizukommen. Die Menschen, die ich auf meinem Weg zu euch traf, lieben ihn für das Beispiel seiner Bescheidenheit, obschon sie ihn zumeist nie gesehen haben.

Doch dass er durch seinen Verzicht auf den ihm per Geburt zugewiesenen Platz im Leben neues Leid erzeugt hat, dass – obgleich seine Motive hehr waren und sein Umfeld verständlich reagierte – die aus seiner Entscheidung resultierende militärische Schwäche die Bestien der Umgebung anlocken und somit seinen Mitmenschen Gewalt angetan werden würde, das konnte er nicht verhindern.

Wahrscheinlich war er sich vor seinem Entschluss abzudanken sogar der Konsequezen bewußt, der traurigen, harten Wahrheit, dass er für eine Chance auf das Wohl der Welt seine Nächsten zu opfern bereit sein müsse.

Um jenes Ziel, das Dharmachakra – Rad des Gesetzes des edlen achtfachen Pfades der Befreiung – ihm wies nicht zu verlassen, zog er sich in die Natur zurück und saß Tage, Monate – manche sagen sogar Jahre – unter einem Feigenbaum, trotzte Wind und Wetter, Auge in Auge mit Schlange und Tiger, Haut an Haut mit Büffel und Hirsch und ließ nach und nach alle irdischen Gedanken hinter sich. Am Ende hatte er die Zeit, die eine Illusion ist, durchdrungen und überwunden und konnte sich – wie ein Fisch im Strom – inmitten all ihrer Immanationen bewegen.

Er entschied sich unter den Menschen zu wirken und die Möglichkeit der Befreiung von der Illusion zu lehren. Dies geschah, versicherten mir Bekannte, vor wenigen Monaten und ich vermute, seine jüngste Schwester war Zeugin dieser, seiner Wandlung.”

Nachdem, o Herrscher, der Reisende uns seine Gedanken mitgeteilt hatte, verharrten wir für den Rest des Morgens stumm neben ihm, jeder von uns heilig in sich gekehrt, um, erfüllt von der Dimension des soeben Vernommenen, des letzten Rätsels ihrer Augen gewiss zu werden.

Als die Sonne dann des Mittags am höchsten stand, richtete sich der Jüngste unter uns – sein schwerkranker Vater hatte ihn gründlich unterwiesen und als seiner Vertretung würdig erachtet – plötzlich auf wie eine keimende Sprosse und er ruhte zugleich in sich wie eine glückliche Kuh. Doch, Großkönig, hört selbst, was er uns zu sagen hatte.”

Der Alte zog sich zurück und aus den hinteren Reihen der Gelehrten trat ein Mann hervor, dessen Haaar fast gelb war.
Er muss aus dem Westen meines Reiches stammen, dachte der Großkönig. Da sein Blick offen und sein Gang sicher war, strahlte er Vertrauenswürdigkeit aus.

“Dank euch, dass ihr mir die Ehre gewährt, meine Gedanken teilen zu dürfen.”

Der Großkönig stutzte kurz, denn der Mann hatte anscheinend vergessen, in der Anrede seinen rechtmäßigen Titel zu nennen. Trotzdem nickte er.

Der Mann fuhr fort:

“Wie mein Vorredner bereits ausführte, ist es zwar möglich, dass das Flackern in den Augen des Mädchens teilweise aus der Sorge um Famile und Heimat, die Wut auf den Feind und den Durst nach Rache gespeist gewesen sein könnte – doch was, wenn sie – ob der Kenntnis der Erfahrungen ihres Bruders – diese Kategorien längst hinter sich gelassen hat und stattdessen, während sie euch erblickte, die Unmöglichkeit eurer Seele betrauerte ebenso zu verstehen, wie sie bereits verstand? — Dass jegliche Sehnsucht, Suche nach Glück der Vergänglichkeit anheim fallen würde, dass alles was sie euch sein könnte eine Illusion von Staub in euren Augen sei.

Sie, die ihren Bruder liebt und an seiner Seite schritt, wie kann sie mit dessen Wissen weiter höfisch leben? Wie kann sie – wo Oberflächlichkeiten und Prunk grassieren – der Tugend dienen? Das Flackern in ihren Augen waren verzweifelte Fragen, hoffende Bitten, ihre Worte und Klänge: Tränen.

Nichts anderes wird sie aus diesem Zustand erwecken, wird sie Frieden finden lassen, als dass ihr sie als eine euch Gleiche behandelt, ihr zudem Möglichkeiten gestattet sich zu entfalten wie ihr Gemüt es verlangt und auch die Gelegenheit zugesteht, der weiten Welt heimwärts Erhelltes zu lehren.

Nördlich der Region in der ich geboren wurde, leben fahrende Männer und Frauen – sie sind Meister im Reiten, Bogenschiessen und fertigen feinsten Goldschmuck an – in solch einander bedingenden, ebenen Gemeinschaften.

Glaubt mir, sofern ihr es in Erwägung zieht sie zur Hauptfrau zu erklären, wird euch diese Prinzessin des Ostens klarsichtige Kinder schenken.”

Der Mann zog sich zurück und der Alte wandte sich mit abschließenden Worten an den Großkönig:

“Wie ihr, o Herrscher, nun mit unserer Antwort verfahren wollt, sei eurem erlauchten Geist überlassen. Doch ich bitte euch, solltet ihr unserer zürnen, gestattet Abschied von unseren Familien nehmen zu dürfen und ihnen die neu erlangten Weisheiten zu vermitteln. ”

Der Großkönig verharrte für einige Momente, nahm dann, als habe er eine fröhliche, innere Stimme vernommen, die Hand der Prinzessin und sprach zu den Anwesenden:

“Gelehrte, Reisender! Dank sei euch und eurer Weisheit. Von Osten bis nach Westen reicht sie, von Norden bis Süden, unendlich ist sie, überwindet selbst die Illusion der Zeit. Hier in diesem Geschöpf, hier in ihren Blicken und Worten finde ich Zuflucht.

Hier, bei mir, soll sie, sofern es ihr beliebt, bleiben und den Zauber ihres Geistes mit der uns bekannten Welt teilen.”

Er lächelte sie zufrieden an, während er sich langsam – zum ersten Mal in seinem Leben – auf die Erde setzte.

 

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(Inspirationsquelle & Vertonung: Pearls Before Swine – These Things Too)

Samstag, Juli 30th, 2016

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Spaziergang I

Mittwoch, Juli 27th, 2016

Der Morgenregen
hat das Fallen eingestellt, erste Hitze
in der Stadt und ich fremd
im fremden Viertel.

Bejahrte Wesen joggen sich jung,
jemand schließt resignierend das Fenster,
eine Haustür schnappt ins Schloss.
Katzen streunen, unzufriedene alte Männer
queren die Straße. In den Betten
die Nachtvögel jetzt, erschöpft
von Geschäften.

Durchs Vierteljahrhundert
mein Schritt, unter frischgetünchten
Fassaden alter Häuser, längs penibel
rasierter Hecken, vorbei an der
bankrotten Kneipe.

Frieden. Satter Frieden überall.
Ein weißer Vogel fliegt auf, nicht
von Picasso.

Go Tan

Dienstag, Juli 26th, 2016

* * *

Rjuriks Sensentruppe
Leibwache des Kaisers
gebar dem Land
Bauern & Hirten:

Hirt,
verteile alle in Raum & Ebene
gib jedem seinen Platz
in der Ebene, damit ihm
genug Raum bleibt
& schau!

Bauer,
vergrabe deine Wurzeln
hinterm Haus, verstreue
die Samen unter der Sonne -
und der Rest für
die Reben
& Rebe, Tmutarakan & Tmesis!!

O ech(x) Ra

Nur das Projektil holt ihn ein
Nur der Säbel ist sein eigen
Nur die Burka ist ihm Lagerstatt
in der Steppe, in der Steppe

Nur das Lied ist eine Hilfe
Nur die Liebe ist ein Lied
Nur das Lied ist ihm Hilfe
in der Steppe

frei nach Aleksandr Rozenbaum tm->dm (j)

* * *

Mittwoch, Juli 20th, 2016

Tan Go

Einmal
werde ich meinen
hölzernen Mantel anlegen,

um mich zu verbünden
mit allen niederen
Wesen dieser Welt.

Einmal
werde ich meinen
feurigen Umhang antun,

um mich zu verschwören
mit allen höheren
Wesen dieser Welt

Flucht und Wiederkehr V

Dienstag, Juli 19th, 2016

Der Himmel lächelte milchig blau zur Nacht. An seinem Rand verwischten, verführerisch in seidenes Orange gehüllt, rosa Streifen – blässlich, verschämt und doch verheißungsvoll.

‘Ach, Sommer – Wie bist du mir ein Schwerenöter und Freund zugleich!’, dachte ein alternder Mann, der langsam einen jener begrünten Kanäle entlang wanderte, die die wohlhabenden Viertel seiner friedlichen Stadt durchzogen.

‘Jene brennenden Tage, an denen jegliche Bewegung mit unendlichen Strapazen verbunden ist und jene nie enden wollenden Nächte, in denen die Klänge von ausgelassenen Festen und die schweren Düfte der Pflanzen emporsteigen und sich an einem mystischen Ort zwischen allen Sinnen zu einem melancholischen Bouquet vereinen, das, wenn auch für kurze Momente, Jugend weint… ach Sommer – all das bist du mir – und noch viel mehr.’

Der Mann hielt inne und starrte wie gebannt auf den Weg, als öffne sich ein endlos tiefer Spalt vor seinen Füßen, als könnten ihn seine daraus heraus wuchernden Erinnerungen in einen flüsternden Abgrund locken.

“Sommer, bald welkt auch deine Blüte, bist du – wie ich – nicht mehr der Jüngste.” Der Mann murmelte nun leise und trottete weiter, nicht resigniert jedoch, eher beschwingt – als treibe ihn ein unaussprechlicher, aufmunternder Gedanke aus der Ferne voran und alle Last sei vergessen.

War es ein Spaziergang oder war es etwas anderes? Ja, was war überhaupt möglich, was Einbildung, was Realität – gab es Ziele, noch einen letzten, verschütteten Wunsch? Seine Gedanken huschten wie fröhliche Motten zu den Laternen, die mittlerweile den Weg beleuchteten.

Der Mann hatte auf einer Bank am Kanal Platz genommen und die Zeit war verflogen, eine, zwei, vielleicht sogar drei Stunden vergangen – er fror nicht, denn es war Sommer – Zwischenzeit – und sein Freund spendete ihm erfrischenden Trost. Tanzender Gaukler, ewige Hoch- und Traumzeit, wohlan! So voll wie alles Fühlen ward, so glückstrunken oder schmerzverzerrt, so süß und zäh, nie war ihm Wind wärmer, nie der Regen weicher erschienen, keine Melancholie konnte Vergangenes so unmittelbar und täuschend echt beschwören wie sein Reich.

Die Stimmen aus der Ferne klangen zunächst wie singende Vögel. Erst als sie sich näherten, bemerkte der Mann, dass es sich um Jugendliche handelte, die sich – leicht angetrunken – zwitschernd neckten. Die Mädchen lachten viel und hoch, oft ein wenig zu lang, was ein schelmisches Grinsen auf das Gesicht des alternden Mannes zeichnete, bevor er – war es diese Nacht? – glücklich in den Fluten der Jahre versank.

Trostlos

Dienstag, Juli 19th, 2016

Stille, gleichmütig.
Das Schweigen ist
auf den Mund gefallen.
Ein trauriger Wind weint
in den Pappeln, die Blätter
stellen das Rascheln ein.
Düfte der Erde aus
Katakomben der Würmer.
Auf leisen Sohlen schleichen
die Stunden heran, Stunden,
die kommen und vergehen,
spurenlos, wie niemals
gewesen.

Pan und Panik

Mittwoch, Juli 13th, 2016

Gott bleibt im Geheimnis. Und wenn er einmal aus dem Geheimnis hervortritt, tritt er kurz darauf wieder hinein.

 

Er packte seinen Knotenstock fester und schritt aus. Die Sonne war sehr heiß. Jeder Schritt von ihm wirbelte eine Staubwolke auf, so dass man ihn schon von Weitem an der länglichen Wolke als Wanderer erkennen konnte.

In seinem Beutel war Ziegenkäse und er hatte sich einen Weinschlauch um den Rücken gebunden. Seit einer Stunde lag Daphne in den Wehen. Sie schrie, als ihre Fruchtwasserblase aufgeplatzt war und der Hirtengott konnte zeitweise alles sehen und hören, als ob er neben ihr stehen würde.

Mit jedem ihrer Schreie ebbte eine Serie von Bildern und Gefühlen in sein Bewußtsein. Sie wußte, dass er zu ihr kommen würde, um seinen Sohn in den Arm zu nehmen.

Daphne wollte Pans Sohn nicht gebären. Aber Zeus hatte ihr im Traum befohlen, dem Sohn Pans nichts anzutun, weil mit diesem Kind eine große Zeit für die Menschen beginnen sollte.
Als er zu ihr kam, war sie vor Angst gelähmt. Sie hatte sich noch immer nicht an seinen häßlichen Anblick gewöhnen können.

„Hab keine Angst“, sagte er freundlich, „Ich werde dir behilflich sein“, und er wusch sich seine behaarten Arme und Hände im Brunnen, dann deckte er Daphnes Unterleib auf.
Der Samen Pans hatte ihren Bauch kaum anschwellen lassen. Sie fürchtete, Pan würde sie noch einmal vergewaltigen. Er empfand Mitgefühl.

Als ihre Preßwehen begannen, strich er über ihre Wangen. Danach legte er ihren Umhang über ihr Gesicht und sagte: „Ich will ihn entbinden, dann erst sollst du ihn sehen.“

Er wußte, was nun geschehen würde. Aber weil Daphnes Schönheit ihn mit Liebe erfüllt hatte, wollte er ihr Entsetzen so gering wie möglich halten.

Sie preßte und Pan mußte seinen Sohn nur in seinen Händen bergen. Der Schlangenleib ringelte in seine geöffneten Hände.

Jetzt faltete die kleine Schlange ihre fledermausähnlichen Flügel aus. Sie trockneten sehr schnell in der Abendsonne. Schon knisterten die Membrane im Wind. Pan blies den schillernden Schlangenleib an und flüsterte leise seinen Namen.

Sein Sohn hatte regenbogenfarbene Reptilienaugen. Das Zünglein wischte schnell um seinen Mund. Leicht atmete er durch die Nasenlöcher ein und aus, bis Pan seine Hände in die Höhe hielt und sagte: „Flieg mein Sohn, flieg, du sollst der Welt ein Segen sein. Flieg!“

Das Schlänglein hatte sich schon erhoben und glitzerte prachtvoll wie eine Libelle. „Daphne sieh unsern Sohn. Er steigt zum Himmel!“

Er bedeckte ihren Leib und zeigte nach der geflügelten Schlange, die sich immer schneller entfernte.

„Ist er nicht schön, Daphne? Das ist unser Sohn!“ Doch Daphne war schon in Ohnmacht gesunken.

Pans Knotenstock hatte Weinlaub und Reben angesetzt. Eine Rebe riss er ab und legte sie auf Daphne.

Er deckte sie zu, trug sie in ihre Hütte, legte neben ihr Bett den Ziegenkäse und den Weinschlauch und küßte ihre Lippen.

Dann ging er zurück im Strahl der untergehenden Sonne zu seinen Bienenstöcken nach Arkadien.

 

Versuch, 100 – 17 bunte Kugeln zu zählen

Mittwoch, Juli 13th, 2016

für Luc

Oh!
Was ist das?
Augen wie Schneckenhörner,
ein riesiger Trichter.

Wenn ein Gletscher seinen Berg
verlässt, kriechen
Zahlen unter
die Eiskruste.

Alles vereist
hier,
wo neun und
vier keine
Fünf
x x x kennen.

Das Spiel ist aus -
das Spiel beginnt! Alles
wird einmal in Be
weg
ung geraten, alles

außer ihnen:
neun vier fünf
Fünf Vier Neun -
y y y y y y y y y wenn

diese endlich Platz
haben werden

Ahnen, was kommen kann

Mittwoch, Juli 13th, 2016

Wo ich daheim bin,
blicke ich in die Welt der hundert
Fenster und siechender Straßenbäume,
die mich vor der Idiotie des Straßenverkehrs
schützen sollen.

Ich weiß, niemand und nichts
wird mich schützen, auch nicht vor dem
Krieg, der mit großer Selbstverständlichkeit
vorbereitet wird, als handle es sich
um eine Tortenschlacht.

Und mich schmerzt es,
dass wir so gleichgültig sein können
bei so viel Betriebsamkeit, mit der jene
ihre mörderischen Geschäfte erledigen.
Nicht weiter weiß ich mehr.

An diesem wolkenverhangenen Tag
mit den neuen schrecklichen Nachrichten
denke ich an vieles, woran ich nicht
denken will, und staune, wie wenig wert
Menschen das Leben sein kann.

Flucht und Wiederkehr IV

Dienstag, Juli 12th, 2016

Ejnes Tages fjel ein Buchstabe
jm Kampf um das Wort
ejnes Tages war er frej und fort -
ganz ohne iegliches Gehabe

Ein Bekannter will nun anfangen zu schreiben, erzählte er mir kürzlich am Telefon.
Auf WikiHow, einer Online-Ratgeberplattform könne man hilfreiche Tipps zur Konstruktion eines Romans aufrufen. Charakterdesign, Setting und so weiter und so fort.

Da ich bei Setting eher an die Vorbereitung eines angenehmen LSD-Trips denke und zudem nach Schema F erzeugte Romane mir, einem überzeugten Kurzgeschichtler und Metafreak eher am Allerwertesten vorbeigehen, musste ich mich beherrschen nicht laut in den Hörer zu prusten. Die Absurdität der Situation wurde noch dadurch erhöht, dass Schreibversuche des besagten Bekannten bisher nie über grausam öde Gothic-Burlesken hinausreichten. Nichts was kitzelt, nichts was mein Denken jenseits einer expansiv apokalyptischen Kotzstimmung animieren würde.

Ich habe mich immer gefragt, wer Unheilig, Rammstein, Böhse Onkelz oder dergleichen hören mag, mein Bekannter ist wohl (obgleich er eher auf Elektro-Tracks steht, deren Videos mit kaum bekleideten Frauen-Standbildern unterlegt sind) der Prototyp, dem gehirnverbrannte Assi-Jünger folgen könnten.

Gleichwohl habe ich gute Miene zum bösen Spiel gemacht und ihm viel Erfolg gewünscht — denn dass besagter Bekannter etwas Konstruktives zu tun gedenkt, grenzt in Anbetracht seiner mir bekannten Lebensgeschichte durchaus an ein kleines Wunder.

Wir trafen uns vor ca. 10 Jahren, es muss das Jahr des ausgebliebenen Sommermärchens gewesen sein, erstmals im Stadtpark. Ein weiterer Bekannter, ehemaliger Schulfreund und Hauptkontaktperson des Betroffenen, wie ein Polizeibericht statutieren würde, stellte ihn mir vor.
Ein freundlicher Mensch, schulterlange Haare, gemessen an seinen Äußerungen etwas verrückt – es mag an den zahlreichen Joints gelegen haben, die wir an diesem Nachmittag konsumierten – dachte ich anfangs.

Im Laufe der Jahre – er und der andere Bekannte übertrieben es mächtig, sie waren keine Pegelkiffer wie ich – entwickelten beide dann laut Ärzteschaft eine cannabisinduzierte Psychose und er irrte, seiner Selbstausage nach eines Tages durch die Strassen, um Werwölfen und Riesenfledermäusen zu entgehen.

Seit jenen Tagen veränderte er sich. Der ehemals lustige, aber sinnlose Geschichten erzählende, naiv-freundliche Mensch ließ nun strikt die Finger vom Grün, und wandte sich sämtlichen Abbreviationen des Weißen zu, da die Ärtze ihm explizit nur den Konsum von Cannabis untersagt hatten, was in seiner neuen Weltsicht für das Böse schlechthin stand, rückte jenes, was ich seit jeher verabscheue und neben Sex für Geld und CDU/FDP-wählen zu den drei grossen “Never Ever”s meines Lebens zähle in seinen Fokus.

Das Weiße designte seinen Charakter und subtile Bosheit sowie Hinterhältigkeit lösten sein kindliches Gemüt, das ich durchaus als Freund bezeichnet hatte, ab. Seine Haaare waren nun kurz, sehr kurz, und er ließ sich einige Piercings stechen.
Eine Unterhaltung über ernsthafte Themen war mit ihm zwar nie wirklich möglich gewesen, aber statt gemeinsam lachend in eine Welt aus Gummischlangen spuckenden Springbrunnen einzutauchen wurde die Destruktion all dessen, was ich zu sagen gedachte sein Lieblingsspiel. Ich war angepisst und wir sahen uns oft für einige Monate nicht.

Gleichwohl wurde ich dank des besagten, gemeinsamen Bekannten über ihn auf dem Laufenden gehalten. Mir schien, es entwicklte sich eine gewisse Wiederholung in den Abläufen seines Verhaltens. So nahm er zwei, drei Monate exzessiv sämtliches Weiße, dessen er habhaft werden könnte, in den letzten Jahren vor allem Amphetamine, da die deutlich günstiger waren, ließ sich dann einweisen, suchte sich in der Psychatrie hilflose, an Bulemie oder sonstigen psychischen Störungen leidende Frauen und bandelte mit ihnen an, kam wieder heraus und begann den Kreislauf einige Wochen später von Neuem.

Erschreckend für mich war, dass er sich dieses Verhaltens durchaus bewußt war, denn dumm ist er nicht. Eher insofern verzweifelt, dass er, wenn er schon nichts Halt spendendes Gutes in seinem Leben zu finden vermag, alle um ihn herum herunterziehen möchte, dass er, wenn er schon keine “normale” Partnerin kennenlernen kann, lieber der Erste unter den Letzten ist und insofern dominiert.

Ich lud ihn immer wieder ein, versuchte ihm – grün – die seinem Verhalten innewohnenden psychologischen Ebenen zu erläutern und insoweit es mir möglich war beizustehen, gleichwohl ich oft – von seiner vermeintlichen Empathielosigkeit angewidert – dann den Kontakt wieder abbrach. Der andere gemeinsame Bekannte, dem ein weiteres, trauriges Schicksal wiederfuhr, das eine eigene Geschichte verdient hat, brachte uns stets erneut zusammen, sie beide waren Brüder im Geiste und doch zugleich schrecklich einsam mit sich.

Der weiße Falter ging keiner geregelten Arbeit nach, hangelte sich von einer fadenscheinigen “Vorbereitungsmaßnahme” zur Psychatrie und zurück. Neueste Ausgeburt dessen ist nun also, dass das Jobcenter ihn zu einem Kurs schickt, wo man Schreiben lernen kann und auf den er sich mit WikiHow vorbereiten will.

Ich wünsche ihm alles Gute, er kann es gebrauchen.

***

Dienstag, Juli 12th, 2016

“Welches Geschlecht haben Sie?”

“Das andere.”

(Aus: Anbiederungen. Eine Kontroverse. Brunsbüttel, 2013)

Flucht und Wiederkehr III

Dienstag, Juli 12th, 2016

Eine Milbe schaut die Sonne, ein Blatt reitet Sturm -

wenn hoch das Lauschen aufsetzt, rauscht leis ein Unterton

und tief in Traumtambourengeistern, groß wie klein,

hallt lachend, voller Mond, Unendlichkeit herein.

 

“Und? Was halten sie davon? Ist es nicht interessant?”

“Hm.”

Frau Altermann-Zupf schaute den Doktoranden mit ernster Miene an, unterdrückte dabei ihr diabolisches Grinsen jedoch nur unzureichend. So überraschte es sie nicht, dass er etwas irritiert wirkte. Sein naiver Idealismus und wissenschaftlicher Habitus würde ihn jedoch davor bewahren, ihr Reaktion auf etwas anderes als den vor ihr liegenden Text zu beziehen.

“Das ist kein Text, der im Literaturinstitut gelesen werden könnte.”

“Aber die Kontextualisierung der…”

“Nein. Um das für die Drittmittel-Finanzierung dieses Schuppens notwendige journalistische Medienecho zu erzielen und zusätzliche Reichweite durch Retweets und Blogeinträge zu generieren, brauchen wir was Knackiges, etwa Texte von Vergewaltigungsopfern, drastische Reportagen über die Lebensumstände von Drogensüchtigen vielleicht – aber mit Sicherheit keine, ich betone: keine…” Frau Altermann-Zupf hatte mittlerweile den letzten Rest der Entgleisung ihrer Mundwinkel getilgt, “…mit Adjektiven überladenen Texte, die rosarot die unmittelbaren Brüche der Gesellschaft umschiffen und sich stattdessen in ein lyrisches Schattenreich verlaufen, wo Knetmassen-Pförtner mit Glaskugel-Schlipsen Marmeladenhimmeln vorstehen.”

Bonifazius Ahlkruppst wirkte leicht perplex, suchte nach Worten. Ihr war bewußt, dass er ihr die ‘doch eindeutig vorhandenen gesellschaftspolitisch relevanten Ansätze in Kombination mit einer stilistisch-ästhetischen Textexegese’ aufzeigen wollte, aber er schien zu zögern, Vielleicht schwankte er zwischen einem unmittelbaren Aufbegehren oder einem weiteren Versuch zu einem späteren Zeitpunkt. Sie entschloss sich beides zu unterbinden.

“Sehen sie, Herr Ahlkruppst, ich verstehe, dass sie den Texten ihres Schützlings eine Chance verschaffen wollen, ja, es ihnen – wenn sie mir den Kalauer verzeihen – ernst wie einem Jünger damit ist.”
Sie ergriff die neben ihr liegende Mappe und reichte sie Ahlkruppst.
“Ihre diesbezüglich sehr fundierten, literaturwissenschaftlichen Ausführungen habe ich ja bereits in Augenschein genommen.”

Altermann-Zupfs Stimme klang nun langsamer und weniger streng.
“Es passt aber einfach nicht in die Ausrichtung dieses Instituts. Sehen sie, da sitzt dieser Autor, höchstwahrscheinlich Mitte dreizig, mit einer Menge Krümel im Bart, pfeift sich tagein-, tagaus Acid, Gras und Wein rein und schreibt, wenn er nicht gerade irgendeine Hipster-Internetklitsche administriert, verschachtelte Texte die eine krude, Sprache mystifizierende Philosophie transportieren, die von für 95% der Bevölkerung unverständlichen, literarischen, muskialischen und politischen Anspielungen ummantelt wird – und denkt sich, das sei dann Literatur! Ganz zu schweigen von den teils drei…”

Sie machte eine kurze, wohl kalkulierte Pause, “… Kommafehlern auf einer Seite – ja, er weigert sich sogar diese zeitnah zu redigieren!”

Ahlkruppst blickte nun verduzt aus dem Fenster, in der Ferne wuchs eine Trichterwolke wie ein Stalaktit gen Boden.

“Unsere Zeit kann keinen Rimbaud mehr hervorbringen, die nächste, tatsächlich neue Verdichtung wird von einer Maschine stammen – und wir werden sie nicht einmal verstehen, geschweige denn erfühlen können. Was wir aber vermögen ist: die Menschen eben da abzuholen, wo sie gerade stehen.”

Altermann-Zupf gratulierte sich, denn Ahlkruppst nickte, wenn auch in Gedanken versunken, geflissentlich.

“Sie haben, recht, so habe ich das ja noch gar nicht betrachtet, da ist mir meine priviligierte Stellung wohl ins Gehege mit dem Gemeinwohlinteresse dieser Institution gekommen. Wenn ich sie richtig verstanden habe, präferieren sie für die kommende Präsentation also einen sich auf Realismus beziehungsweise Sozialkonstruktivismus beziehenden Text?”

“Das ist mir vollkommen egal. Nur nicht diesen Mist, die Avantgarde – oder was sich dafür halten mag – kann mir gestohlen bleiben! Sagen sie, Herr Ahlkruppst, schreiben sie nicht selbst, anstatt nur zu beschreiben?”

Hätte Herr Ahlstrupp in diesem Moment die Haare von Frau Altermann-Zupf berührt, wäre er von einem Stromschlag erfasst und zu Boden geschleudert worden.

Doch er schaute wieder, wie gebannt, auf den sich näherenden Tornado.

Schmockymocky, das jüngste, die erste

Dienstag, Juli 12th, 2016

“Vom Gletschereis werden alle Farben außer Blau absorbiert.

Nur das Blau wird noch reflektiert, und das ist der Grund für das herrliche blaue Schimmern oder sogar Leuchten der Gletscher.

Man sagt, das Eis verblaut bei zunehmender Dichte.”

(Gerhard Falkner, Bruno, S. 35)

 

Immer schön, wenn ‘ne exe cu tante die Vollmachten hat, das Büro der Hausgemeinschaftsleitung – so’ne art parle ando mente. und wenn es sein muss : bis auf die Grundmauern; um das grund buch “kümmern wir uns später” – abzutragen.

(z.B. 1993)

Und – by the way – - “Am Beifallklatschen sollt Ihr sie erkennen.” – - – am Klatschen

(Punkt: zum Thema featuring)

Aber

Bruno

Sonntag, Juli 10th, 2016

26.06.06
Schweiz – Ukraine 0 : 0,
25.06.
“Abschussgenehmigung erteilt”

Knuths großer Bruder (BärlinBärlin)
leider größer, in “Freiheit”
aufgewachsen & von and
er er fell far be

Berlin, Scheunenviertel

Samstag, Juli 9th, 2016

Geschichte alter Berliner Straßen
dümpelt in muffigen Kellern,
in kohlenstaubschwarzem Dunkel,
wo fette Ratten das Pfeifen einstellen,
sobald die verängstigte Hausfrau
die Szene betritt.

In den Straßen noch der Geruch
armer Leute. Fassaden, bunt,
wollen Geschichte vergessen machen,
Geschichte, die nicht vergehen kann,
sich einnistet ins Mauerwerk als
Mal des Jahrhunderts.

Und du weißt,
deine Schritte führen dich
durch die Welt der Verschwundenen,
du betrittst den Granit der Straßen
in den namenlosen Tod,
verstört von so viel Schrecknis.

Glashaus

Mittwoch, Juli 6th, 2016

Sie trug ein Haus aus Glas um ihren Körper. Alles, was sie empfand, prallte daran ab, drang nicht nach außen. Doch immer wieder stieß es an die harten Wände und schmerzte, wenn es im Ausfallswinkel zu ihr zurückkam.
Eines Morgens hörte sie ein leises Klopfen an der Tür. Der durchdringende Klang ließ die Kuppel sanft erbeben. Sie horchte auf und legte ihre Hand auf die Begrenzung. Doch die Hand auf der anderen Seite war fort.

Das Glashaus schluckte das Sonnenlicht, denn es war kein gewöhnliches Glas. Nicht einmal der Mond schien am milchigen Glashimmel, der sie von der Welt abschirmte.
Die Glasfrau unterschied sich wesentlich von anderen Menschen. Die meisten wurden heller, wenn sie liebten. Ein Schimmern drang aus ihren Augen und legte sich als dünne Schicht über die Haut, dass alles an ihnen glitzerte und funkelte. Bei ihr war das anders. Das Material um sie herum nahm Stahlen auf, und sie blieb dunkel.

Häufig versteckte sich der Himmel hinter einer finsteren Wolkendecke. Doch immer wieder riss ein Windhauch Löcher hinein. Das Licht ergoss über alle Menschen feine Perlen, und die Gesichter und Hände glänzten.
Die Perlen kamen aus dem Wind, der die Geschichten in sich trug. Dieser Wind hatte nämlich eine ganz besondere Eigenschaft: Alles, was einmal auf dieser Welt passierte, wirbelte noch in ihm herum. Es gab helle und dunkle Perlen. An das Licht hefteten sich nur die hellen. Ihre kleinen Löcher füllten sich mit neuen Sätzen, wenn sie sich auf die Menschen legten. Oft bildeten sie ganze Reihen, bis ein Windstoß kam und sie wieder in sich aufnahm. So trugen sie Gedanken und Ereignisse von einem Ort zum anderen, und die Menschen lasen begierig, was der Perlenwind ihnen brachte.
Eines vermochten sie jedoch nicht. Sie konnten kein Glas durchdringen. Deshalb brachten sie keine Worte von anderen Menschen zu jener Frau hinter dem Glas. Es befanden sich zwar ein paar Perlen im Innern der Kuppel, doch niemand konnte sie sehen, da die Dunkelheit den gesamten Innenraum ausfüllte. Die Glasfrau blieb für die anderen stumm. Und auch die Menschen außerhalb der Kuppel hielten Abstand und versuchten nicht, ein Gespräch zu beginnen. Für gewöhnlich klopfte niemand an das Glas.

Die meisten liebten den Glanz und die bunten Perlen, und manchmal sammelten sie einzelne und banden sie sich um den Hals. Dieses Verhalten blieb nicht immer ohne Folgen. Zuweilen war es nämlich möglich, durch die Perlenketten in einen anderen Geschichtsstrang zu gelangen und so das Leben nicht wie gewohnt fortzusetzen. Einige Menschen griffen begierig in die aufgewirbelte Farbenpracht und warteten nicht, bis die Perlen heruntersanken, denn sie wollten stets anderes erleben. Sie waren geradezu unersättlich, diese Wirkung für sich auszunutzen und das Leben durch neue Geschichten zu verändern.
Bei Nacht befanden sich jedoch auch schwarze Perlen in den Ketten. Sie waren so schwer, dass sie am Hals drückten und rote Stellen hinterließen. Meistens zertrennten die Menschen dann das Band, denn ihre Haut war nicht daran gewöhnt.

Als die Frau hinter dem Glas das Pochen hörte, wusste sie zuerst nicht, was das für ein Geräusch war, denn sie hatte es schon Jahre nicht mehr vernommen. Plötzlich schaute sie ungläubig umher. Tatsächlich legte jemand sein Gesicht auf das Glas. Was bewog ihn zu dieser ungewöhnlichen Geste?
Offenbar versuchte ein Mann, das Schattenspiel im Innern zu deuten, aber der Hintergrund war ebenfalls dunkel, sodass er nur grobe Konturen wahrnahm. Wie er so dastand und in sie hineinschaute, blieb ein Schwarm bunter Perlen auf seinem Rücken hängen. Woher kamen die vielen Worte, mit denen sie sich füllten? Erst trieben sie durcheinander und trafen immer wieder an einer anderen Stelle auf. Doch bald schon hoben sie in einer Formation ab. Die umstehenden Menschen wunderten sich über das Gebilde und verfolgten es mit den Blicken, denn ein solches Muster hatten sie noch nie zuvor gesehen.
Der Spaziergänger hatte von dem Schauspiel hinter seinem Rücken jedoch nichts bemerkt. So sehr er sich auch bemühte, er konnte nichts erspähen, was ihm von Bedeutung erschien. All seine Anstrengungen ließen ihn nicht die Perlenworte erkennen, die immer schneller um die Glasfrau wirbelten. Schließlich zog er von dannen.

Staat und nicht Revolution

Sonntag, Juli 3rd, 2016

Der Begriff ist die * des Denkens, wenn er lebendig ist.

* * Wirklichkeit

* * * Algebra

Sie sollten als Paar auftreten

Samstag, Juli 2nd, 2016

3Wie lange war Venus bewohnbar. Eduard stellte diese Frage wie ein Lehrer mit Zeigestock. Wie lange. Fast zwei Milliarden Jahre. Genug Zeit für eine Zivilisation. Mach eine Skizze. Hebe ab, vergleiche Tag und Nacht, vergleiche dich selbst mit einer Raumsonde und gehe hernieder. Einige glauben zu wissen, dass sie bewohnbar war. Heute sagen wir, sie war zu nah an der Sonne. Wir haben einen Mond, wir sind das Gleichgewicht, Venus der Borderline-Case, die galoppierende Schwindsucht, die spätere Hölle. Unsere Perspektive aus Venussicht muss falsch sein. Ihre Geschichte ist eine andere. Frühere Bewohnbarkeit, frühere Reife, früheres Klimakterium. Ruhe jetzt. Wir befinden uns im Niedergang. Um uns herum ein heißes, bernsteinfarbenes Licht. Es könnte sein, dass wir dies nicht überleben. Es könnte sein. Beginne mit Klimatheorie.

Was war das interessante daran? Niemand hatte Eduard nach der Venus und ihren Eigenarten gefragt, niemand im ganzen Saal, die saßen alle ruhig da und hörten zu, kaum etwas rührte sich, sie lagen apathisch in ihren Kissen, die sie selbst genäht und bestickt hatten in langer Arbeit, die Farben ergänzten einander gleich einer Sinfonie. Klaglos wurde sie empfangen. Eduard trank eine Schluck Mineralwasser und setzte sich. Er würde für den Rest des Abends nicht wieder aufstehen. Seine Knie zitterten. Er wusste, das Spiel war verloren. Niemand hatte den Vortrag mit dem in Verbindung bringen können, worauf es ihm am meisten ankam: mit den Bildern seines Freundes. Und langsam kam es in ihm auf, das Gefühl, dass dem ganzen, dass dem Aufbau der Veranstaltung die Absicht zu Grunde lag, ihn und Vyvyans Zyklus durch gespieltes Unverständnis, durch gezielte Gleichgültigkeit an den empfindlichsten Stellen in die Unbedeutsamkeit zu treiben. Was am Anfang schon nicht wurde, konnte auch später nicht mehr nach Beachtung verlangen. Er musste die Veranstaltung irgendwie elegant abbrechen. Wollte er ernsthaft die Stelle als Lehrbeauftragter haben, so musste er eine solche Peinlichkeit verhindern, bevor sie richtig begonnen hatte.

Noch sah es nicht ganz danach aus. Er erhob sich und sagte den Satz, der eine Frage war: Welche Tiere essen wir? Und dann der Gedanke, du weißt, wie es bei Diethelm war. Bei Diethelm Hoffstra in Heidelberg. Eduard war der Zuhörer gewesen, auf der günstigen Seite, geschützt und böse. Fünf Stunden hatte Diethelm vorgetragen. Und leere Luft füllte den Raum. Füllet den Raum. Füllet… Die Lösung schien naheliegend. Je leerer die Luft, desto klarer das Nichts. Und ein klares Nichts ist besser als ein schales Etwas. Eduard stand da, in langen Hosen, seine Haare knapp schulterlang. Die Jacke, ein changierendes Laubfroschgrün, war aus gediegenem Rollstoff. Die Leute wussten, dass er Dozent war. Und sie wussten, mit wem er zusammen lebte. Großformatig waren dessen Bilder zu sehen. Ein Auftrag. Ein Auftrag an Eduard. Ein Auftrag an Eduard, für den kommerziellen Erfolg zu sorgen. Süß und fett lag der erwartete Erfolg auf der Zunge. Schaumzuckerartiges Gähnen der Anwesenden war keine Gefahr. Ihr Ausbleiben war gefährlich. Eduard spielte Musik ein und zeigte Bilder auf der Leinwand, Bilder, die sich veränderten. Lassen Sie mich das machen, hatte er gleich zu Anfang Professor Ehrenberg gebeten. Ehrenberg hatte nur schlaff geantwortet, ja, machen Sie, Sie sollten als das Paar auftreten, das Sie sind, es gehört zum Klima der Jahrhundertwende. Die Leute werden das lieben. Ehrenberg war kein Verächter des kommerziellen Erfolges, doch das wusste bislang nur Eduard.

Es war Nacht. Nichts war direkt zu sehen. Eduard hatte fünf Stunden durchgehalten. Wie sein Kollege Diethelm Hoffstra. Wie Diethelm hatte er die gepflegte Langeweile, scheinbar gefeiert. Wie Diethelm war er der Eingabe momentaner Stimmungen gefolgt,. Wie Diethelm genoss er es, als der Punkt kam, an dem die Langeweile kippte. In Trance. Und die Menschen, die Hörenden zu neuem Leben erwachten. Zu einem Leben, in dem sie mit den Händen fuchtelten, Zwischenrufe starteten, und Eduard ahnte, dass diese Auseinandersetzung kein friedliches Ende finden würde. Doch nicht zuletzt brachte die Erhitzung der Gemüter, die Spaltung der Denkweisen und Gefühle auch das Blut der Öffentlichkeit zum Kochen. Eine Kontroverse zwingt zur Aufmerksamkeit.

Berlin inmitten

Freitag, Juli 1st, 2016

Stadt, die mir
zugefallen, gestorben im Inferno
und wieder auferstanden,
Stadt mit ihrem Gestöhn in den Nächten,
dem Wolkenmeer über Häusern,
dem grauenden Tag.

Als sei mir
jeder Bordstein bekannt, als sei
selbst das Unwetter über den
Dächern ein Du. Und doch, fremd
die Stadt, fremder noch als die
eigene alternde Haut.

In den Höfen
brütet der Juni, Brachen in
Straßen, deren Namen halb vergessen,
weisen auf Lecks, die ihr Echo werfen
in die sonderbare Lautlosigkeit
des frühen Stadtsommers.