Pan und Panik

Von | 13. Juli 2016

Gott bleibt im Geheimnis. Und wenn er einmal aus dem Geheimnis hervortritt, tritt er kurz darauf wieder hinein.

 

Er packte seinen Knotenstock fester und schritt aus. Die Sonne war sehr heiß. Jeder Schritt von ihm wirbelte eine Staubwolke auf, so dass man ihn schon von Weitem an der länglichen Wolke als Wanderer erkennen konnte.

In seinem Beutel war Ziegenkäse und er hatte sich einen Weinschlauch um den Rücken gebunden. Seit einer Stunde lag Daphne in den Wehen. Sie schrie, als ihre Fruchtwasserblase aufgeplatzt war und der Hirtengott konnte zeitweise alles sehen und hören, als ob er neben ihr stehen würde.

Mit jedem ihrer Schreie ebbte eine Serie von Bildern und Gefühlen in sein Bewußtsein. Sie wußte, dass er zu ihr kommen würde, um seinen Sohn in den Arm zu nehmen.

Daphne wollte Pans Sohn nicht gebären. Aber Zeus hatte ihr im Traum befohlen, dem Sohn Pans nichts anzutun, weil mit diesem Kind eine große Zeit für die Menschen beginnen sollte.
Als er zu ihr kam, war sie vor Angst gelähmt. Sie hatte sich noch immer nicht an seinen häßlichen Anblick gewöhnen können.

„Hab keine Angst“, sagte er freundlich, „Ich werde dir behilflich sein“, und er wusch sich seine behaarten Arme und Hände im Brunnen, dann deckte er Daphnes Unterleib auf.
Der Samen Pans hatte ihren Bauch kaum anschwellen lassen. Sie fürchtete, Pan würde sie noch einmal vergewaltigen. Er empfand Mitgefühl.

Als ihre Preßwehen begannen, strich er über ihre Wangen. Danach legte er ihren Umhang über ihr Gesicht und sagte: „Ich will ihn entbinden, dann erst sollst du ihn sehen.“

Er wußte, was nun geschehen würde. Aber weil Daphnes Schönheit ihn mit Liebe erfüllt hatte, wollte er ihr Entsetzen so gering wie möglich halten.

Sie preßte und Pan mußte seinen Sohn nur in seinen Händen bergen. Der Schlangenleib ringelte in seine geöffneten Hände.

Jetzt faltete die kleine Schlange ihre fledermausähnlichen Flügel aus. Sie trockneten sehr schnell in der Abendsonne. Schon knisterten die Membrane im Wind. Pan blies den schillernden Schlangenleib an und flüsterte leise seinen Namen.

Sein Sohn hatte regenbogenfarbene Reptilienaugen. Das Zünglein wischte schnell um seinen Mund. Leicht atmete er durch die Nasenlöcher ein und aus, bis Pan seine Hände in die Höhe hielt und sagte: „Flieg mein Sohn, flieg, du sollst der Welt ein Segen sein. Flieg!“

Das Schlänglein hatte sich schon erhoben und glitzerte prachtvoll wie eine Libelle. „Daphne sieh unsern Sohn. Er steigt zum Himmel!“

Er bedeckte ihren Leib und zeigte nach der geflügelten Schlange, die sich immer schneller entfernte.

„Ist er nicht schön, Daphne? Das ist unser Sohn!“ Doch Daphne war schon in Ohnmacht gesunken.

Pans Knotenstock hatte Weinlaub und Reben angesetzt. Eine Rebe riss er ab und legte sie auf Daphne.

Er deckte sie zu, trug sie in ihre Hütte, legte neben ihr Bett den Ziegenkäse und den Weinschlauch und küßte ihre Lippen.

Dann ging er zurück im Strahl der untergehenden Sonne zu seinen Bienenstöcken nach Arkadien.

 

3 Gedanken zu „Pan und Panik

  1. J. W. Rosch

    Ich vermute, bei diesem Text soll es sich um ein Gedicht handeln. Vielleicht eine Ballade? Eine Liebesballade gar??

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  2. Selbstgespräch

    Nein, kein Gedicht. Eindeutig Prosa, keine Poesie. Ob der Autor beim Schreiben Goethes Märchen im Untergrund mitlaufen ließ?

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