Berlin, Scheunenviertel

Geschichte alter Berliner Straßen
dümpelt in muffigen Kellern,
in kohlenstaubschwarzem Dunkel,
wo fette Ratten das Pfeifen einstellen,
sobald die verängstigte Hausfrau
die Szene betritt.

In den Straßen noch der Geruch
armer Leute. Fassaden, bunt,
wollen Geschichte vergessen machen,
Geschichte, die nicht vergehen kann,
sich einnistet ins Mauerwerk als
Mal des Jahrhunderts.

Und du weißt,
deine Schritte führen dich
durch die Welt der Verschwundenen,
du betrittst den Granit der Straßen
in den namenlosen Tod,
verstört von so viel Schrecknis.

Dieser Beitrag wurde von Antigone am 9. Juli 2016 um 08:39 Uhr geschrieben.

Genre: Realitätsschatten

19 Kommentare »

  1. Ein schönes Zille-Milieu entsteht vor meinem Auge. Berlin, Teil 2. Nur warum immer so tieftraurig? Als würde Berlin Hartz4-Luft inhalieren. Ganz so grau ist es nun auch nicht. Bin auf die Fortsetzung gespannt!

    Comment by Rapunzel — 10. Juli 2016 @ 09:43

  2. Rapunzel, im Berliner Scheunenviertel wohnte bis in die enddreißiger Jahre das Berliner jüdische Proletariat. Davon findest du heute nichts mehr. Vermutlich alle Bewohner wurden von den Nazis ermordet. Dagegen ist doch Hartz IV beinahe eine Erholung. Denkst du, nicht?

    Comment by Antigone — 10. Juli 2016 @ 13:24

  3. Wenn das so ist, dann erschließt sich mir auch die Welt der Verschwundenen, der namenlose Tod. Das ist echt stark. Aber bin ich hier die Einzige, die das vorher nicht gewußt hat? Gut, ich wohne ja auch nur im Märchenwalde…
    Wie wäre es, wenn man noch ein Strophe der “jüdischen” Lebendigkeit einbaut? Denn auch hinter den einst grauen Fassaden wurde Klezmer gespielt, Sabbat gefeiert etc. ich könnte mir vorstellen, dass dann der bedrückende oder wie hier genannt “verstörende” Kontrast zum Tod noch plastischer hervortritt.

    Comment by Rapunzel — 10. Juli 2016 @ 15:01

  4. Damit das in dein Bild vom “jüdischen Leben” hineinpasst? Danke, ich verzichte.

    Comment by Antigone — 10. Juli 2016 @ 16:39

  5. Eh, was sind Sie für ein Schmock! Ich geb’ ein Ezze und Sie betrachten das als Chupze??? Hab ich gesagt, dass es Schamass ist? Nej. Hab ich gesagt, es sei Mauschuf? Nej. Hab ich Sie Kochemejles genannt? Nej. Also unterstellen Sie mir nicht, mir ein gefärbtes Bild vom jüdischen Leben zu machen. Das Einigeln in eine gottgefällige Weisheit hat schon so manchen Goj geschadet.

    Comment by Rapunzel — 10. Juli 2016 @ 17:06

  6. Rapunzel,

    aus literarischer Sicht: Was Sie gern hätten, ist nicht das Thema das Gedichts.
    Wenn Sie unbedingt Klezmer ins proletarische jüdische Berlin zur Kaiserzeit verlegen wollen – bitte. Schreiben Sie es doch einfach selbst. Viel Spaß!

    Comment by Antigone — 11. Juli 2016 @ 04:18

  7. Geringe sprachliche Mittel. Mich spricht es dennoch an. Ich kann die Emotionen des Gedichtes sehr gut nachempfinden. Überarbeiten würde ich:

    “Fassaden, bunt,
    wollen Geschichte vergessen machen”

    Da wirken die ansonsten sehr gut gesetzen Worte auf mich pubertierend, wenig durchdacht bis hysterisch. Schade. Das Gedicht finde ich im Übrigen gelungen. Das Thema hätte eine Überarbeitung verdient. Es ist ein wichtiges Anliegen, an das Berliner Scheunenviertel mit seinem ehemaligen jüdischen Leben zu erinnern und damit wieder mindestens poetisch lebendig zu machen. Bitte perfekt.

    Herzliche Grüße

    Comment by Lalelu — 12. Juli 2016 @ 00:28

  8. Hallo Lalelu, wäre es möglich, mir Ihre Ansicht, es handle sich um eine Pubertätsäußerung bei den Versen “Fassaden, bunt/wollen Geschichte vergessen machen”, zu begründen? Was an diesen beiden Verszeilen empfinden Sie als pubertär?

    Comment by Antigone — 12. Juli 2016 @ 15:50

  9. Fassaden wollen gar nichts. Die Personifikation wirkt hier auf mich kindlich, bestenfalls jugendlich. Auch die Wiederholung des Begriffs “Geschichte” empfinde ich in einem Gedicht als unvorteilhaft.

    Vielleicht

    Bunte Fassaden verbergen
    Erinnerungen, die nicht
    verblassen. Sie nisteten
    sich ins Mauerwerk ein.

    Nur als Anregung. Ich will Ihnen selbstverständlich nichts vorschreiben.

    Comment by Lalelu — 12. Juli 2016 @ 16:12

  10. Besser als “ins Mauerwerk” – im Mauerwerk.

    Comment by Lalelu — 12. Juli 2016 @ 17:12

  11. also, lalelu (und warum nutzen sie solch ein kindliches pseudonym, ich teile die auffassung: “kinder im roman hat seit rousseau niemand mehr überzeugend hingekriegt”), ich fürchte sie missverstehen da etwas. ihr regelwerk stammt aus einem proseminar für literatur – und bei mir erzeugt das lesen der zeilen von den fassaden kein pubertäres gefühl. im gegenteil: es scheint mir ein bewusst eingesetztes irritationsmoment zu sein.

    Comment by dr. blume — 12. Juli 2016 @ 17:25

  12. Sockenpuppen finde ich faszinierend wie Sie, liebes Fräulein Antigone-Blume. Leben Sie lang und in Frieden.

    Comment by Mr. Smock — 12. Juli 2016 @ 17:50

  13. also stellen wir jetzt das pfeifen ein? sie wollen doch wohl die hausfrau nicht verängstigen? wo bleibt sonst ihr abendbrot.

    Comment by frau kleist — 12. Juli 2016 @ 18:45

  14. Ich danke allen, die hier kommentiert haben. Das Dumme ist eben immer wieder, dass manche glauben, sie hätten den Stein des Weisen gefunden und müssten ihn anderen Autoren gleichsam verordnen. Ich bin der Ansicht, dass jedes Gedicht die Eigenart des Verfassers, genannt Handschrift, zeigen sollte und nicht die normierte Blässe von Schreibschulen. Es ist mir nicht möglich, das Gedicht eines anderen Autors zu schreiben, sondern nur meines.

    Gruß, Antigone

    Comment by Antigone — 12. Juli 2016 @ 18:46

  15. Pfeife aus “kohlenstaubschwarzem Dunkel” “(K)ein neues oder besseres Lied”. Die zweite Strophe von Pathos, Wiederholung und Unsinn entschlacken, und es ist ein Gedicht.

    Comment by Laleo — 12. Juli 2016 @ 18:53

  16. Empfehlungen, Antigone. Empfehlungen. Nicht mehr, nicht weniger. Wer hier einstellt, ist gespannt auf die Resonanz und, ja, auch auf die Kritik. Dünnhäutigkeit wird in diesem Blog arg strapaziert. Sehen Sie es doch sportlich! Oder ändern Sie Ihren Avatar: “Me, Myself and I.”
    Ach so, für Pergamentseelchen es gibt auch noch die Kommentarsperre…

    Comment by Soundroom — 12. Juli 2016 @ 19:14

  17. …die z.Z. von Sigune für ihren Beitrag (mit bislang 18 Kommentaren) aktiv verwendet wird; alle angemeldeten Nutzer, mijmheer, können diese Kommentare von ihrem Profil aus aber trotzdem lesen

    UND: bitte verzeihen Sie mir die technische banalität meiner äußerung, auf die ich eben noch nicht verzichten zu können glaubte. was ist das doch für’n schmock!

    Comment by lakomyj — 13. Juli 2016 @ 11:31

  18. Niemand muss, jeder kann.

    Comment by Dieter Wal — 13. Juli 2016 @ 12:19

  19. @lakomyj: Ich habe keine Kommentarsperre in meinem Beitrag, und wenn sie aus für mich unerklärlichen Gründen doch eingeschaltet wurde (nicht von mir), bitte ich um Hinweis, wie ich die Sperre entferne. (Entschuldigung für diesen Off-Topic-Kommentar.)

    Comment by Sigune — 13. Juli 2016 @ 12:57

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