Glashaus

Sie trug ein Haus aus Glas um ihren Körper. Alles, was sie empfand, prallte daran ab, drang nicht nach außen. Doch immer wieder stieß es an die harten Wände und schmerzte, wenn es im Ausfallswinkel zu ihr zurückkam.
Eines Morgens hörte sie ein leises Klopfen an der Tür. Der durchdringende Klang ließ die Kuppel sanft erbeben. Sie horchte auf und legte ihre Hand auf die Begrenzung. Doch die Hand auf der anderen Seite war fort.

Das Glashaus schluckte das Sonnenlicht, denn es war kein gewöhnliches Glas. Nicht einmal der Mond schien am milchigen Glashimmel, der sie von der Welt abschirmte.
Die Glasfrau unterschied sich wesentlich von anderen Menschen. Die meisten wurden heller, wenn sie liebten. Ein Schimmern drang aus ihren Augen und legte sich als dünne Schicht über die Haut, dass alles an ihnen glitzerte und funkelte. Bei ihr war das anders. Das Material um sie herum nahm Stahlen auf, und sie blieb dunkel.

Häufig versteckte sich der Himmel hinter einer finsteren Wolkendecke. Doch immer wieder riss ein Windhauch Löcher hinein. Das Licht ergoss über alle Menschen feine Perlen, und die Gesichter und Hände glänzten.
Die Perlen kamen aus dem Wind, der die Geschichten in sich trug. Dieser Wind hatte nämlich eine ganz besondere Eigenschaft: Alles, was einmal auf dieser Welt passierte, wirbelte noch in ihm herum. Es gab helle und dunkle Perlen. An das Licht hefteten sich nur die hellen. Ihre kleinen Löcher füllten sich mit neuen Sätzen, wenn sie sich auf die Menschen legten. Oft bildeten sie ganze Reihen, bis ein Windstoß kam und sie wieder in sich aufnahm. So trugen sie Gedanken und Ereignisse von einem Ort zum anderen, und die Menschen lasen begierig, was der Perlenwind ihnen brachte.
Eines vermochten sie jedoch nicht. Sie konnten kein Glas durchdringen. Deshalb brachten sie keine Worte von anderen Menschen zu jener Frau hinter dem Glas. Es befanden sich zwar ein paar Perlen im Innern der Kuppel, doch niemand konnte sie sehen, da die Dunkelheit den gesamten Innenraum ausfüllte. Die Glasfrau blieb für die anderen stumm. Und auch die Menschen außerhalb der Kuppel hielten Abstand und versuchten nicht, ein Gespräch zu beginnen. Für gewöhnlich klopfte niemand an das Glas.

Die meisten liebten den Glanz und die bunten Perlen, und manchmal sammelten sie einzelne und banden sie sich um den Hals. Dieses Verhalten blieb nicht immer ohne Folgen. Zuweilen war es nämlich möglich, durch die Perlenketten in einen anderen Geschichtsstrang zu gelangen und so das Leben nicht wie gewohnt fortzusetzen. Einige Menschen griffen begierig in die aufgewirbelte Farbenpracht und warteten nicht, bis die Perlen heruntersanken, denn sie wollten stets anderes erleben. Sie waren geradezu unersättlich, diese Wirkung für sich auszunutzen und das Leben durch neue Geschichten zu verändern.
Bei Nacht befanden sich jedoch auch schwarze Perlen in den Ketten. Sie waren so schwer, dass sie am Hals drückten und rote Stellen hinterließen. Meistens zertrennten die Menschen dann das Band, denn ihre Haut war nicht daran gewöhnt.

Als die Frau hinter dem Glas das Pochen hörte, wusste sie zuerst nicht, was das für ein Geräusch war, denn sie hatte es schon Jahre nicht mehr vernommen. Plötzlich schaute sie ungläubig umher. Tatsächlich legte jemand sein Gesicht auf das Glas. Was bewog ihn zu dieser ungewöhnlichen Geste?
Offenbar versuchte ein Mann, das Schattenspiel im Innern zu deuten, aber der Hintergrund war ebenfalls dunkel, sodass er nur grobe Konturen wahrnahm. Wie er so dastand und in sie hineinschaute, blieb ein Schwarm bunter Perlen auf seinem Rücken hängen. Woher kamen die vielen Worte, mit denen sie sich füllten? Erst trieben sie durcheinander und trafen immer wieder an einer anderen Stelle auf. Doch bald schon hoben sie in einer Formation ab. Die umstehenden Menschen wunderten sich über das Gebilde und verfolgten es mit den Blicken, denn ein solches Muster hatten sie noch nie zuvor gesehen.
Der Spaziergänger hatte von dem Schauspiel hinter seinem Rücken jedoch nichts bemerkt. So sehr er sich auch bemühte, er konnte nichts erspähen, was ihm von Bedeutung erschien. All seine Anstrengungen ließen ihn nicht die Perlenworte erkennen, die immer schneller um die Glasfrau wirbelten. Schließlich zog er von dannen.

Dieser Beitrag wurde von Sigune am 6. Juli 2016 um 18:28 Uhr geschrieben.

Genre: Gemütstiefe, Trauersymmetrie

20 Kommentare »

  1. Ein Märchen? Eine Adaption von “Die Wand”? Ich weiß nicht so recht… Es dünkt mich, als wäre hier eine Sprache gesucht worden, die nicht die eigene ist. Sie ist nicht zu groß, sie ist nicht zu klein. Aber sie passt einfach nicht ins Glashaus hinein. Finde ich jedenfalls. Und das ist nur subjektiv! Ich lasse mich gern belehren: Textanalysen erwünscht!

    Comment by Rapunzel — 6. Juli 2016 @ 22:10

  2. Meiner Ansicht nach werden in diesem Text vor allem Vokabeln verbraten, die sich individuell, modernistisch verarbeiten lassen. Der Text sagt im Grunde nichts aus, er schwebt über der Wirklichkeit wie ein Schleier, den Geister in die Höhe geworfen haben. Ein gehaltloser Text, der sich bemüht, sich auf Kunst zu trimmen.

    Comment by Antigone — 7. Juli 2016 @ 07:10

  3. Ein Glasperlenspiel eben.

    Comment by HertaHesse — 7. Juli 2016 @ 07:28

  4. der text kreist um die metaphorisierung eines (emotional grundierten) zustandes. verweist zu keinem zeitpunkt auf den wunsch, darüber hinaus zu erzählen (ist, was ist, geschlossen). bilder – und wie sie immer erneut gesucht und nicht gefunden werden (können). dieser prozess ist anstoß und scheitern. die bilder und ihre dechiffrierung bergen die erfahrung des sich (ver)schließens, eine verdopplung, der mögliche ausdruck für eine intention.

    Comment by crysantheme — 7. Juli 2016 @ 08:35

  5. anm. zu komm. 3:

    … oder ein prädoyer für das glashaus – in dem man sitzt und mit steinen werfen möchte – im gegensatz zur elster-bar, in der es sich befreit im windigen sitzt – oftmals mit dem gefühl, als habe man “etwas schlechtschmeckendes im munde”.

    Comment by crysantheme — 7. Juli 2016 @ 08:48

  6. ich korrigiere: plädoyer.

    Comment by crysantheme — 7. Juli 2016 @ 08:48

  7. oder ist der text etwa eine problematisierung des unterschieds von sogenannter e-musik? frage an den autor: ist ihr glashaus vielleicht eine art well7fenbaum (? 4=t !), gar ein “traumzauberbaum”?

    Comment by lakomyj — 7. Juli 2016 @ 09:51

  8. so oder ähnlich war meine vorstellung beim lesen. aber das bild der perlen, perlenketten, vom winde verwehten perlen, die dann auch noch sätze oder gar geschichten werden sollten, waren eine restromantik, dem verstande fremd.

    Comment by crysantheme — 7. Juli 2016 @ 10:21

  9. Danke für eure Kommentare, auch wenn ihr wenig bis nichts mit dem Text anfangen könnt.
    Zum Kommentar 7: Das Glashaus ist eher die Beschreibung eines Gefühls. Anderssein, Abgeschottetsein von der Welt, nicht funktionierende Kommunikation.

    Comment by Sigune — 7. Juli 2016 @ 12:26

  10. Aha, Sigune. Wenn ich also richtig gelesen habe, handelt es sich bei diesem Text um die übliche Nabelschau, die sich als Literatur ausgibt. Es wird inzwischen so viel nabelgeschaut, dass man vor lauter Bauchnabeln die Welt nicht mehr sieht. Dachte ich mir schon, dass in dieser Richtung zu lesen ist.

    Comment by Antigone — 7. Juli 2016 @ 13:17

  11. Sag ich doch: Marlen Haushofers “Die Wand”, ein kongenialer Bericht über das Anserssein und das Leben in einer Glaskuppel. Alles schon mal da gewesen (1960?). Kann sich Literatur noch neu erfinden?

    Comment by Rapunzel — 7. Juli 2016 @ 15:42

  12. Ich korrigiere: Anderssein.

    Comment by Rapunzel — 7. Juli 2016 @ 15:43

  13. Als ich das erste Mal die Türhüterparabel von Kafka in einer Lesung hörte, verstand ich nur Bahnhof. Glücklicherweise mochte ich den Schauspieler. Also fragte ich ihn danach, wie sie zu verstehen sei. Peter Dolder erzählte mir seine Deutung.

    Sprachlich ähnelt es nicht Kafka. “Häufig versteckte sich der Himmel hinter einer finsteren Wolkendecke. Doch immer wieder riss ein Windhauch Löcher hinein. Das Licht ergoss über alle Menschen feine Perlen, und die Gesichter und Hände glänzten.” Mich erinnert sie entfernt an die Märchen des Richard von Volkmann-Leander “Träumereien an französischen Kaminen”. Mein liebster deutscher Märchendichter der Romantiker gefolgt von Grimm, Bechstein und Hauff. Sigunes Sprache in dieser märchenhaften Parabel empfinde ich als sehr klar, anschaulich und stilvoll. Ihr Text transportiert in meinen Augen erhebliche Emotionen, was damit zusammenhängen mag, dass gerade die zu artikulieren der Frau im Text versagt zu sein scheint.

    “Sie trug ein Haus aus Glas um ihren Körper. Alles, was sie empfand, prallte daran ab, drang nicht nach außen.”

    Wer das Glück hat, Menschen im Autismusspektrum näher begegnen zu dürfen, wird irgendwann verblüfft feststellen, dass es ihnen teilweise oder insgesamt schwer fällt, ihre Gefühle sprachlich zu vermitteln. So verstehe ich die Glasschicht, das “Haus aus Glas um ihren Körper”.

    Die Geschichte handelt in meinen Augen aber weniger von Autismus an sich, sondern von der mit Autismus oft verbundenen Tragik, die echte Begegnung häufig verhindert und gewisse Isolation vorprogrammiert.

    Handelt der Text vielleicht auch von Liebe, die nicht zu einer tieferen Beziehung führt, weil der Mann zwar voller Interesse in das Innere der Glasfrau blicken wollte, aber viel zu wenig erkennen konnte und wieder geht? Mir zumindest erscheint es so.

    “Offenbar versuchte ein Mann, das Schattenspiel im Innern zu deuten, aber der Hintergrund war ebenfalls dunkel, sodass er nur grobe Konturen wahrnahm.”

    “So sehr er sich auch bemühte, er konnte nichts erspähen, was ihm von Bedeutung erschien. All seine Anstrengungen ließen ihn nicht die Perlenworte erkennen, die immer schneller um die Glasfrau wirbelten. Schließlich zog er von dannen.”

    Ein fast schon hermetisch zu nennender poetischer Text, der vom Leser entschlüsselt werden möchte. Die zahlreichen Kommentare deuten darauf hin, dass es zumindest einige länger gefesselt hat. Mir sagt er viel und es gäbe eine Menge weitere Details darin zu erörtern, die es wert sind. Ich halte ihn für wirklich großartige Literatur.

    Comment by Dördidado — 7. Juli 2016 @ 20:40

  14. Großartige Literatur, naja… Vergleich mit Kafka, aja… Grimm, Bechstein, Hauff…geht’s noch??? Fazit: Wenn die Tür geöffnet ist, muss man nix entschlüsseln. Sondern nur darauf hinweisen, dass das Türschloss vor lauter Hermetik verklebt ist.

    Comment by Pförtner — 7. Juli 2016 @ 21:02

  15. “handelt es sich bei diesem Text um die übliche Nabelschau, die sich als Literatur ausgibt.”

    … und geht weit darüber hinaus. Öffnet sich. Manchem hier mag der Text verkrustet von Zuckerwatte-Metaphern erscheinen. Ich sage nochmals deutlich: erscheinen. Lehne mich auf meinem Sitz in der Elsterbar zurück, trinke Leitungswaser und frage, warum denn nicht. Texte sind Inventare. Wiederverwendbar. Ein Text ist ein Akt und fügt dem benutzten Material bewusst/unbewusst neue Dimensionen hinzu. Und schon stehen wir auf einem zugigen Bahnhof und wundern uns, dass das immer noch geht. Ob zu Fuß oder mit dem Ballon. Mit Zug und Elektroauto. Auf weißlichen Mottenflügeln. Und mit den Elektronen schwarzer Perlen. Soviel für heute zum Literaturbegriff.

    Comment by frau kleist — 7. Juli 2016 @ 21:41

  16. Bis auf die Kommentare 1 und 11 Trollkacke. Nette Trollspielwiese. Leute, wollt ihr nicht lieber Fußball gucken? Dafür reichts noch.

    Comment by Lalelu — 7. Juli 2016 @ 21:55

  17. Lalelu, Nr. 13 ist ohne einen Hauch Trollposting.

    Comment by Dadada — 7. Juli 2016 @ 22:08

  18. Es war ein Experiment, ein Versuch … Als Ergebnis dieses Kommentarstrangs sehe ich, dass wohl weniger geglückt und für die Mehrheit zu verschlüsselt. Kommentar 13 enthält interssante Ansätze, die – bis auf die literarischen Vergleiche, an die ich nicht gedacht habe – meiner Intention nahe kommen. Ob Literatur oder nicht – das ist ein weites Feld. Schon von anderen ähnlich gedacht und empfunden – bestimmt. Was zur Frage führt, inwieweit Literatur neue Gedanken und Darstellungsweisen enthalten, innovativ sein muss oder doch zwangsweise in der Regel nur eine Mischung aus Gewesenem ist, angeordnet zu einer aus dem Augenblick entstandenen Sicht auf die Welt (so wenig einmalig wie wir Menschen vielleicht).

    Comment by Sigune — 8. Juli 2016 @ 05:53

  19. Liebe Sigune, das Kommentieren folgt hier eigenen Gesetzen. Sie können durchaus damit rechnen, dass nach hundert Jahren noch ein Sprechakt zum Thema erfolgen wird, auf welchen Sie – so die Gesundheit das zulässt – dann auch antworten mögen. Deshalb ergänze ich Ihr Fazit um die in Kommentar sieben gestellte Frage, auf welche Sie bisher nicht – zumindest nicht für mich erkennbar – geantwortet haben. Um es auf die zwischenzeitlich etwas großkotzige Art des Ausdrucks von http://www.trauer-rede-berlin.de/ zu beziehen: Kennen Sie Thematisierungen von Autismus auf literarischem Terrain? Oder jenseits der Lakomymusik verortet: Was sagt Ihnen Fernand Deligny?? Oder noch einfacher: Können Sie mir vielleicht den – scheinbaren? ewigen?? ausdrucksbezogenen??? – Unterschied von Roman und Epos erklären?
    Kein Zweifel besteht für mich, dass es sich bei Ihrem Text um einen epischen Entwurf handelt

    Comment by Nicht Reinhard La. — 9. Juli 2016 @ 09:11

  20. Es war nicht von vornherein meine Absicht, eine Thematisierung von Autismus darstellen. Das war ursprünglich nicht mein Gedanke. Diese Konkretisierung geht schon fast zu weit. Aber man kann es so lesen – schließlich kann der Leser den Text schlüssig erweitern. Der Rest des Kommentars entspricht hingegen auch meiner Intention. Und ja, ich kenne solche Thematisierungen auf literarischem Terrain.

    Comment by Sigune — 13. Juli 2016 @ 13:08

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