Monatliche Archive: Dezember 2016

Unnatürliche Balz

Von | 29. Dezember 2016

Er sah Wege. Das Haus von Onkel Albert und Tante Viola, sein Elternhaus. Wenn das Licht im Raum hell ist, wirkt der Abend vor dem Fenster dunkler als er ist. Es hilft, das Licht zu löschen und die Augen für eine Weile der Färbung des Himmels auszusetzen. Das Wetter schlägt um, der Ton eines zuletzt… Weiterlesen »

Trotz alledem!

Von | 26. Dezember 2016

Das war die Zeit der Tollität, trotz Lenin, Marx und alledem! Nun aber, da es rückwärts geht, nun ist es kalt, trotz alledem! Trotz alledem und alledem – trotz Modrow, Krenz und alledem – ein wüster, rauer Wendewind durchfröstelt uns trotz alledem! Wer standhaft blieb und Leninist, ließ es geschehn trotz alledem! Nun war er… Weiterlesen »

Das Testament der Gräfin Ulrike – Kapitel 4

Von | 26. Dezember 2016

Der junge Mann, den Baronin von Lichterfeld zur Gräfin Ulrike geschickt hatte, klopfte schüchtern an das Schlossportal. Er war groß gewachsen und breitschultrig, hatte ein kluges Gesicht unter dichtem vollem Blondhaar. Als niemand öffnete, betätigte er noch einmal den Türklopfer, diesmal aber energischer. Er vernahm ein Schlurfen hinter der Tür, sie wurde einen Spaltbreit geöffnet.… Weiterlesen »

Texte gibt es

Von | 24. Dezember 2016

die sind wie Fliegenpapier; du musst keine vierundzwanzig Stunden warten – – schon kleben die ersten Kommentare dran. Und was für welche! Nachts träumst du dann von Musil, wie er auf gefühlten fünfzig Seiten den Unterschied zwischen Nachtigall und Amsel erklärt, und mit der einsetzenden Dämmerung beginnst du dir vorzustellen, er und Proust säßen einmal… Weiterlesen »

Das Testament der Gräfin Ulrike – Kapitel 3

Von | 21. Dezember 2016

Kapitel 3 Schloss Rheinstein lag nahe einer mittelgroßen Stadt im Bergischen, malerisch eingebettet in die leicht hüglige Gegend. Es war ein vielhundertjähriger, ehemals strahlendweißer Bau, ein Wasserschloss. Das Wasser im Graben war mit den Zeiten schwarz geworden und bedeckt mit Entengrütze. Der Sommer war warm dieses Jahr, und Insekten und Schmetterlinge tanzten über dem Wasser.… Weiterlesen »

Das Testament der Gräfin Ulrike – Kapitel 2

Von | 19. Dezember 2016

Das Testament der Gräfin Ulrike, Kapitel 2 „Mein lieber Herr Knippel!“ Gräfin Ulrike von Rheinstein, eine gutaussehende, gepflegte Frau höheren Standes, saß in ihrem Stammsessel, einem altmodischen Ungetüm von erstaunlichen Ausmaßen. Sie hob lächelnd den Finger. „Ich versichere Ihnen, lieber Knippel, dass ich mein Wort wahrmache. Der Kunstverein der Stadt liegt mir am Herzen, ich… Weiterlesen »

Von | 18. Dezember 2016

Das Testament der Gräfin Ulrike Kapitel 1 „Dauernd lädt sich die Gräfin Gäste ein. Und ich muss sehen, wie ich die Arbeit schaffe!“ Marietta, die Köchin auf Schloss Rheinstein, schimpfte. „Aber das Essen muss pünktlich um eins auf dem Tisch stehen! Eine Pedantin, unsere liebe Frau Gräfin!“ Jochen, der in der Küche am Tisch saß,… Weiterlesen »

Spaß muss sein

Von | 18. Dezember 2016

Die nette, gute, stets besorgte Dame Kleist, die höchstwahrscheinlich Müller oder Lehmann heißt, ist sehr erbost, wenn wer ihr dumpfes Nest bescheißt, ihr fehlt nicht nur, was man geläufig nennt den Geist. Statt Denkerstirn hat sie am Kopfe bloß Frisur, nichtsdestotrotz ist sie von staatlicher Statur, die schleppt sie hoffnungsfroh mit Eifer und Bravour, das… Weiterlesen »

Um hier unreifes Panschen in der Literatur als Antwort zu erhalten?

Von | 17. Dezember 2016

Wir waren zu einer Weihnachtsfeier eingeladen. Der Gastgeber saß, schon betrunken vom gepanschten Wein, am Tisch und redete nicht mit uns. Das Essen stand bereit, jeder hatte etwas Leckeres zum Verkosten mitgebracht: als Vorspeise eine Rote-Linsen-Suppe nebst Kokos und Rote Beete, dazu herzhaftes Getreide mit Gemüseeinlage. Grüner Salat stand bereits geschnitten und zum Verzehr bereit.… Weiterlesen »

Das Schnippchen

Von | 16. Dezember 2016

Die Mittagssonne schien in die Küche. Inga trat ans Fenster und sah auf den menschenleeren Hof hinaus. Auf dem Herd brodelte das Mittagessen, es gab Mohrrübeneintopf. Gern hätte Inga etwas Opulenteres gekocht. Aber die Mutter brachte es fertig, keinen Bissen herunterzuschlucken, falls ihr das Essen nicht gefiel, egal, wie gut es zubereitet war. Und gestern… Weiterlesen »

Von | 15. Dezember 2016

Fürchterlicher als Gnom und Kröte war der Vater, und obendrein sollte man ihn lieben. Diederich liebte ihn. Wenn er genascht oder gelogen hatte, drückte er sich so lange schmatzend und scheu wedelnd am Schreibpult umher, bis Herr Heßling etwas merkte und den Stock von der Wand nahm. Jede nicht herausgekommene Untat mischte in Diederichs Ergebenheit… Weiterlesen »

Themenfindung ist Selbsterfindung

Von | 14. Dezember 2016

Das Angenehme und Gute haben beide eine Beziehung auf das Begehrungsvermögen, und führen sofern, jenes ein pathologisch-bedingtes (durch Anreize, stimulos), dieses ein reines praktisches Wohlgelallen bei sich, welches nicht bloß durch die Vorstellung des Gegenstandes, sondern zugleich durch die vorgestellte Verknüpfung des Subjekts mit der Existenz desselben bestimmt wird. Nicht bloß der Gegenstand, sondern auch… Weiterlesen »

Von | 13. Dezember 2016

Fürchterliner als Gnom und Kröte war der Vater, und obendrein sollte man ihn lieben. Diederich liebte ihn. Wenn er genascht oder gelogen hatte, drückte er sich so lange schmatzend und scheu wedelnd am Schreibpult umher, bis Herr Heßling etwas merkte und den Stock von der Wand nahm.

Die Fettnäpfchen des Lebens

Von | 13. Dezember 2016

Im Leben tritt der Mensch in manches rein, den Rosenzüchter- und den Sportverein – er will dabeisein, immer vorneweg, er kümmert sich partout um jeden Dreck. Und kein Verein, der ihm dafür zu klein. Er weiß genau, was grad der Nachbar macht, sei es bei Tag und sei es in der Nacht – moralisch misst… Weiterlesen »

Der kleine Überfluss II

Von | 11. Dezember 2016

Als blasser Underdog hat man’s nicht leicht. Was Mitleid heißt, das hat die Welt vergessen und meint, dem Kerl ist das doch angemessen. Du hast bloß Pech, so matt und ausgebleicht. Ein Stückchen Glück, das hätte dir gereicht. Du hast dir noch kein Bäuchlein angefressen, liegt wohl auch kaum im eigenen Ermessen, du bist auf… Weiterlesen »

Das Dunkel

Von | 10. Dezember 2016

riecht nach Luchs. Ich streife durch die Tiefen meiner Sprache. Zeit bricht mit wuchtigen Fingern Worte. Wir starren Löcher in die Luft und füllen sie mit Stimmen. Auf der Rückseite sind die Tage rau, kaum schwerer als der Regen. Ich halte Stunden gegen das Licht, doch nichts scheint durch. Auf ihrer Haut sammelt sich die… Weiterlesen »

Stachelige Wesen und wie mit ihnen auszukommen ist

Von | 9. Dezember 2016

Den Himmel auszumachen ist manchmal gar nicht so einfach. Auch mit der Sonne hat es so seine Schwierigkeiten. Zur Überbrückung der lichtarmen Zeit zünden viele Menschen Kerzen an, manchen genügt auch die Strahlkraft einer herkömmlichen Sparlampe. Einige beginnen, Berge zu besteigen, auf deren Gipfeln sich selbst in dunkleren Zeiten die außergewöhnliche Lichtintensität des Himmels zeigt.… Weiterlesen »

Das Aquarell

Von | 9. Dezember 2016

Das kleine Aquarell über meinem Schreibtisch ist von ihm, von Lucien. Ich kenne Lucien nicht, nur sein Bild. Und dass der Maler Lucien heißt, weiß ich nur, weil er seinen Namen in die linke untere Ecke des Aquarells gesetzt hat: Lucien, Paris, 1978. Ein Haus ist dargestellt, ein sehr altes Pariser Haus, ein Häuschen auf… Weiterlesen »

Operation Winterstern

Von | 8. Dezember 2016

Die Kontrolettis hatten ihre letzten Stumpen zur Fixierung der revolutionären Bewegung aufgeboten. – Überall lagen entwertete Fahrkarten herum. Man bräuchte sich nur zu bücken und wäre schon im Besitz einiger, heute nicht mehr gültiger Euros gewesen. – Eine Kehrmaschine besprühte den Untergrund mit weißem Schaum, kreisende Bürsten erzeugten ein feuchtes, schabendes Geräusch. – Als Gegenteil… Weiterlesen »

Stil für Herzkranke

Von | 7. Dezember 2016

Licht von Glühbirnen unter schwarzem Metall.  Es traf die Augen, die der Besucher machte. Ihre Wohnung musste von Anfang an mit Elektrizität versorgt gewesen sein. Aus der Zimmerdecke wölbte sich ein Stucktorso. Jedes Ornament ist ein Verbrechen? Vielleicht. Jugendstil aber – war Orgasmus. Deshalb, sagte sie, sei er kein Stil für Herzkranke. Doch die Belastung,… Weiterlesen »

Zeitwall

Von | 7. Dezember 2016

Meine Sehnsucht schweigt sich alt. Die Zeit hat mir in dieser Nacht vom Haar genommen. Ich träumte schwarzen Sand, der fiel und fiel und an den Ufern Falten legte. Dort rauscht ein Fluss und nagt am Tagesrand. Ich bäumte mich im Schlaf und legte Jahresringe ans Gestade, doch das Wasser zog sie in den Sog… Weiterlesen »

Am Spreekanal

Von | 5. Dezember 2016

Die Bäume nackt in sich zurückgezogen, und grau die Luft vorm nahen ersten Schnee. Geräuschlos fließt es unterm Brückenbogen, fast leer schräg gegenüber ein Café. November nebelt durch Berliner Straßen. Auf Bürgersteigen noch das braune Laub, das Wind und Wetter absichtslos vergaßen, und unbemerkt verwirbelt blasser Staub. Ganz melancholisch wird’s dir im Gemüte. Erinnerst dich,… Weiterlesen »

Berlin am Morgen

Von | 3. Dezember 2016

Die Straße menschenleer in dieser Frühe, ein Laster donnert über den Asphalt. Die Stadt erschöpft von ihres Tages Mühe, was war, ist lang schon von ihr abgeprallt. Am Horizont verkümmern letzte Sterne. Die Stadt im Schlaf, ein grummelnder Moloch. Geräusche hin und wieder aus der Ferne – man träumt sich eins, und sei es bloß… Weiterlesen »

Der Falter

Von | 1. Dezember 2016

landet im Wachsaal der Heilanstalt (weiß Gott ist jeder seine eigene Einflugschneise), Diagnose: verzettelte Einsamkeit. Der Sekundärarzt: Patient könnte infolge seiner Zartheit auch einer Blütenvergiftung erlegen oder täglicher Buchstabenbrei Auslöser für die Stimmen, das Wimmern, die Apathie sein, Ent- mündigung unweigerlich. Er beginnt, Pa-,Pa-,Pa-,Pa-,Pa- piertüten zu falten (in Gedanken entstehen durch Berg-, Tal- und Senkkniffe… Weiterlesen »

Ohne Lust und Liebe

Von | 1. Dezember 2016

Draußen zeigte sich wieder die Krankenschwester, kurzsichtig und neugierig nach ihnen spähend. Aber im ersten Stockwerk blieb Hans Castorp plötzlich stehen, festgebannt von einem vollkommen grässlichen Geräusch, das in geringer Entfernung hinter einer Biegung des Korridors vernehmlich wurde, einem Geräusch, nicht laut, aber so ausgemacht abscheulicher Art, dass Hans Castorp eine Grimasse schnitt und seinen… Weiterlesen »

Da ist kein Wort

Von | 1. Dezember 2016

Was ich hörte. Genug Geräusche des Tröstens. Uns blieben die Federn der Nachtvögel. Deine Hand auf meinem Haar. Sprich nicht, sagst du. Als gäb es Gründe nicht tausendfach. Licht will ich. Und die Regen, die morgens niedergehen, spüren auf der Haut. Wie gefangen wir sind.