Vergessengeglaubte : Schlünde

Der Herbst fängt sachte an : die Wärme
Wächst noch Tag um Tag : die Nächte nur
Sind kälter : pastellfarben schmücken sich

Häuser mit Blättern : halb verfallen
Sind Mauern und Bäume : halb sind sie
Frisch gestrichen : der Absturz kommt

Das ungewohnte Wecken : Polizisten
Brechen durch die Tür : umringen
Das einsame Schlafzimmerbett : stöbern

Nach Tabletten : Messern : noch ist es
Nicht zu spät : noch grünt das Gras
Noch schwebe ich : noch torkle ich

Verloren ist die Kraft : gewonnen hat
Die Ohnmacht : du schreist mir ins Ohr
Wir foltern uns am Telefon : der nächste

Steht schon Schlange : kraftloses
Flittchen : du : hast den Dreh raus
Uns einzuäschern : meine Reinwaschung

Versagt : ich gebe auf und kehre herbstens
Zurück ins Vergessengeglaubte : Schlünde
Der Kindheit : zum Absturz ist es nie zu spät

Über die Bande

Vor Kurzem habe ich angefangen Frauenliteratur zu lesen – und obwohl ich mich schon immer als Feministen bezeichnete, kam das bisher für mich kaum in Frage. Nicht, weil ich Frauenliteratur als für belanglos oder langweilig erachtet hätte, sondern einfach, da ich als Mann glaubte, mir fehle der charakterliche Zugang dazu, die Texte angemessen würdigen zu können.

Dann, vor ein paar Wochen, stieß ich auf einem Flohmarkt an einem Stand zweier Endzwanzigerinnen auf ein sehr gut erhaltenes Exemplar des Geschichtenbandes „Samsara“ von Doris Dörrie. Ich kaufte es feilschfrei für 1,50 Euro und machte mich, voller Lesevorfreude auf den Nachhauseweg.

Daheim angekommen nahm ich meinen Neuerwerb, da ich ein dringendes Bedürfnis verspürte, eilig mit und fing mit heruntergelassenen Hosen an darin zu lesen. Erleichtert stellte ich an jenem, wie auch im Verlaufe der nächsten Tage fest, dass die Themen des Buches dem Geschäft eine emotionale Ruhe und Würde verliehen, die andere, „männliche“ Lektüre zuvor niemals auszustrahlen vermocht hatte.

Beispielsweise: eine Mutter, die sich nach der Geburt ihres Kindes über Schlafstörungen beklagt und Schlafentzug fast mystifiziert, eine Tochter, die unter Magersucht leidet und ihre Zwangsgedanken ach! so authentisch aufzählt – Doris Dörrie versteht es, mir diese doch sehr weiblichen Themen genau in denjenigen Momenten nahezubringen – eine sprachlich gefühlvolle und zugleich inhaltlich subtil ironische Verbindung zu schaffen – da ich mich von meinen Ausscheidungen löse.

Ich entspanne, lächle und empfinde eine Zen-artige Atmosphäre, wenn ich, ausleitend, Dörries Zeilen rezipiere. Zwar gelingt es mir meist nicht mehr als zwei Seiten pro Tag zu lesen, was wohl darauf hinausläuft, dass ich noch gut vier Monate brauche, um das Buch zu beenden, aber ich habe schon den Nachfolger bzw. die Zweitlektüre auf meine Wunschliste gesetzt: „Feuchtgebiete“.

Damit ich dann auch im Falle des Falles, d.h. des Durchfalles, etwas Passendes parat habe.

in einem anderen gedicht

in einem anderen gedicht
herrscht krieg
ein regensturm fegt
über die straße
und jonas fängt einen bunten schmetterling

in einem anderen gedicht
verabredet sich das  laute mit dem leisen
hängen worte an kondensstreifen
am horizont
und keiner liest

in einem gedicht
ist es möglich zu sterben
und zu leben
winke ich dir vom bahnsteig zu
ein ende ohne ende

Zielsicher

Die Großküche atmete Ungewissheit – ein herzzerreissender Aufschrei und von einer auf die andere Sekunde stand alles still. Zwanzig Augen starrten auf die Neue.
„Pippilotta“, hatte die ältliche Küchenchefin ihr eingebläut, „dies wird zähes Fleisch, klopfst du es zuvor nicht windelweich!“ „Jawohl, Frau O.“, hatte sie artig geantwortet und war ein wenig enttäuscht gewesen, als ihr freundlichstes Lächeln von Frau O. nur mit einem teilnahmslosen, ja fast abwertenden Blick zur Kenntnis genommen worden war.
Jetzt sah sie das weiche Fleisch unter ihrem halb herunterhängenden Nagel hervorquellen.
Es schmerzte sehr – und doch atmete dieses sensible Fleisch nun Luft. Geschwängert mit Kartoffelwasserdampf und Zwiebelkuchenduft, um genau zu sein.

Pippilotta war hin- und hergerissen: dieser Schmerz, wie sollte sie damit umgehen?
Manchmal kam ihr das Pochen wie eine Befreiung vor, ein anderes Mal war sie wütend auf sich, ihn (wenn auch unabsichtlich, wie ihre innere Stimme stets betonte) gerufen zu haben.
Pippilotta war fünfzehn Jahre alt, fast sechzehn (wie ihre äußere Stimme stets betonte) und arbeitete zur Probe in der Großküche. Sie lebte mit ihrer Mutter, eine Kriegerwitwe, in einer Nissenhütte am Rande der Stadt. Ihr Leben drehte sich um Kartoffeln, Zwiebeln und zähes Fleisch.
Doch war sie – verglichen mit ihrer Situation vor einigen Jahren – nicht unzufrieden. Das ewige Heulen der Siren war verklungen, der Feuerregen weitergezogen und auch das tausendfache Knurren leerer Mägen hallte nicht mehr von kahlen Bunkerwänden wider.

Nun träumte sie davon, dass ihr einer der wenigen verbliebenen Männer den Hof machen würde und sie ihn in zwei Jahren heiraten könnte. Sie wollte einen Kinderwagen schieben, eine Küchenmaschine bedienen, das Bett machen und ihren Mann glücklich einschlafen sehen – nach gierigen Küssen und ach so süßem Schmerz.
Am Nachmittag traf sie in der überlaufenen Arztpraxis Nils. Seine Ohren standen etwas ab und sein Lächeln war leicht schief, sie wusste, dass ihre Mutter seinen Gesichtsausdruck als verschlagen bezeichnen würde, doch für sie war er einfach nur wild. Der Schmerz in ihrem Finger pochte nun in Einklang mit ihrem Herzen. Sie glaubte an das Gute im Menschen, an den Unterschied, den ein jeder zu bewirken vermochte. Nach dem erfolgreichen Verbinden ihres Fingers durch einen Arzt durfte Nils sie, aufgeplustert wie ein galanter Retter, nach Hause bringen.

Fünfzehn, fast sechzehn Jahre später verurteilte sie der Bundesgerichtshof dazu, ihre Beiwohnung nicht teilnahmslos geschehen zu lassen. Auf die Aussprache von Gefühlen, die Nils verletzen könnten, müsse sie, um der Erhaltung der seelischen Gemeinschaft willen verzichten, auch wenn sie das Opfer der Beiwohnung nicht bejahe.
Viktualia, ihre burschikose, viel zu freizügige Tochter übte sich derweil mit den Schmuddelkindern in freier Liebe. Blowing in the wind.
Wo war der süße Schmerz nur geblieben?, klagte Pippilottas innere, ergraute Stimme, als sie, zähes Fleisch weichklopfend, das Abendessen vorbereitete. Plötzlich drehte sie sich auf ihrem Stuhl halb um und ließ den Hammer auf ihre nackten Zehen fallen.

Situation in Deutschland

Im Jahre 1966 sah der Bundesgerichtshof den engagierten ehelichen Beischlaf als Voraussetzung zum Erhalt der Ehe an:[1]

„Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, dass sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen lässt. Wenn es ihr infolge ihrer Veranlagung oder aus anderen Gründen (…) versagt bleibt, im ehelichen Verkehr Befriedigung zu finden, so fordert die Ehe von ihr doch eine Gewährung in ehelicher Zuneigung und Opferbereitschaft und verbietet es, Gleichgültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu tragen. Denn erfahrungsgemäß vermag sich der Partner, der im ehelichen Verkehr seine natürliche und legitime Befriedigung sucht, auf die Dauer kaum jemals mit der bloßen Triebstillung zu begnügen, ohne davon berührt zu werden, was der andere dabei empfindet. (…) Deshalb muss der Partner, dem es nicht gelingt, Befriedigung im Verkehr zu finden, aber auch nicht, die Gewährung des Beischlafs als ein Opfer zu bejahen, das er den legitimen Wünschen des anderen um der Erhaltung der seelischen Gemeinschaft willen bringt, jedenfalls darauf verzichten, seine persönlichen Gefühle in verletzender Form auszusprechen.“

8 Nonseme

Ach, vermummtes Seelum du,
wo bist du gewesen,
hab Neutronen totgeschwiegen
und verschluckte Besen.

Als uns das Leben zwangsereilte,
da wusste ichs nicht besser
und ließ mich auf das Leben ein,
nun bin ich ein Deltagramm.

Die Alten wussten schon ganz gut,
was Sache war und so.
Ihre Hausaufgaben hatten sie gemacht,
diese antiken Streber.

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Und unter mir schwebt völlig arg,
die Riechung vorgebend,
ein blutendes Exempel,
kronykop-tütätowiert.

Doch du kommst gewiss nicht wieder,
ich weiß doch ganz genau.
Auch Seelen haben Glieder
und fischen in der Donau.

?

Die DDR war ein tätärätä staat.weil zu jedem anlass die spielmannszüge und andere kapellen aufzogen.zu jedem apell in den schulen wurde erst mit der fanfare geblasen.einige betriebe und schulen hatten ihre eigenen blaskapellen.immer war tätärätä angesagt,bei jedem kleinen ereignis.

sekundenschleuder

meine welt ist ohne welt auf der weltachse hockt ein hase der ist bauzeichner von beruf und hat eine sekundenschleuder konstruiert zum nochmalbeginnen des lebens aufgebogen zum wiederschmecken der sossen nochmals ein glückhaftes glänzen schräggebüschelter bäume reihenweise funkelnder geschmeide aus knochen ohne ein blondes hallo oder stumpfe gespräche über rharbarber das abkindische trägt einen gestreiften anzug wir blicken einander durchsichtig an in unsrer gewichenen zeit der zustand des hasens ist höllisch seine gespitzt geschraubte möglichkeit des mundes ist etwas jenseitiges zwischen wunder und wut ganz ohne weltbefund

aus der Wiese

aus der Wiese die Borke schälen,

die nach dem Tod der Vogelbäume blieb.

in deren Laub saßen Krähen

und pickten nach Wolkengesichtern, im Gras

saßen wir.

in den Ästen saßen die Elstern

und zeigten in andere Richtungen, im Gras

sprachen wir. aus der Wiese

die Borke schälen, die uns

vom Vogelbaum blieb – etwas weiter

die Hügel hinab ist auch Laub

schon fossil

aufrecht gebogen

ich bin nur noch selten allein : sehe
den sonnenuntergang hinterm baumgewölbe : das der wind
von westen her kahl geschoren hat : wie sind die äste

aufrecht gebogen : wie sterben sie ab
mit der zeit : wenn sich blökend das schaf
meldet aus der nachbarlichen einsamkeit : ich bin nicht selten

ein schaf : kreise angepflockt enge runden
alles ist abgegrast : der winter kann kommen
mit ihm endlich das alleinsein : es ist ein luxus

allein sein zu können : seinen gedanken
nachzuhängen : zu träumen : von natur aus
ist der mensch ein herdentier : das es allein

nicht lange aushält : er ist mehr schaf
als mensch : der selbstvergessne : quatschende
immer bereite mensch : der sich zum untergang rüstet

Nebelzeit

Auf zwinkernden Wellen
liegt warmes Licht
Des späten Sommers
Lachen hallt über
leere Strände
Bald kleben zwischen
leicht schaukelnden Netzen
silbrige Mondschuppen
Dein Blick flüstert
tief wie die Felsschluchten
am Kap dann
verwandelt den Puls
in Nachtwind und Brandung

Unsere Haut zeichnet
Ofenfeuer und Wiesentau ab

witwenjahre

trübe schleierblicke
und kamillentee worte
auf schwarz umrandetem papier
blättert trost
losigkeit
und ungestilltes verlangen
nach einem zeichen
für glück

und wie es wieder kommt
und platz nimmt
mit gesenktem blick

das mädchen

wohnt im sommer am see : es hat seine wohnung
im bauwagen : die fenster vernagelt mit sperrholz
kehrt es um mitternacht heim : wenn am see
alles still ist außer den springenden karpfen

die ins wasser klatschen : wenn die trinker
heimgetorkelt sind : schleicht sie im dunkeln
zum wagen : öffnet das schloß an der sperrholztür
schlüpft hinein : verbringt die nacht ohne geräusch

geschützt vor klatschenden karpfen und torkelnden trinkern
um am vormittag hinauszuschlüpfen : im schatten
ihr geschäft zu verrichten : im hellen zum see
zu schlendern : wo ihre kundschaft auf tretboote wartet

der Bach

der Bach, der durch die Stadt geht,

wie ein alter Mann, bringt silbrige

Forellen in die Nacht. vom andern Ufer

hallt der Klang, den diese Nacht und diese

Stadt alleine machen – an die

Nebelbank entlassen – einsam um den Bach,

in dem die Leiber tot

wie lange Messer blitzen

die Haut der Äpfel

die Haut der Äpfel im vergangnen Jahr,

im Eis, das aus den Wolken wie von deinen

Augen fällt: und du

erinnerst süßlich an den Tod – ein Schmetterling,

der Eier in die Blüte legt und dann

im Apfel fast am Apfel selbst erstickt. die Flügel

schwelgen in der Säure einer Frucht, gehalten

zwischen – oder tropfend silbrig aus den Ästen

unsres Apfelbaums. ein Traum, vergangnes Jahr,

vergangne Zeit – vergangnen Sommer hat der Falter

sich aus dieser Frucht gezwängt, die Flügel

gaben Staub ans Sonnenlicht

der angler

der angler liebt die nacht : mit lichtern
sucht er im see : was sich im dunkeln
locken läßt : ruhlose geduld

darin üben sich die männer : reglos
scheints : im liegestuhl : die angel
aufgespannt wie ein gewehr : das zielt

ins nichts : die frauen schleppen
eimerchen und brötchen hinterher und dann
verschwinden sie : verstecken sich im schlaf

die kinder wecken sie : da putzt der mann
die beute : unterm wasserhahn
mit kleinem messer holt er die innereien

raus : wirft kopf und schwanz zurück
um großen fang zu locken : er kostet nur
den schlaf : der angler braucht ihn nicht

Dies ist kein Tischgespräch

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Bei Konsum kaufe ich drei von den gummiartigen Broten im Angebot und trage sie in einer durchsichtigen Plastiktüte nach Hause. Von Konsum bis ins Haus sind es ungefähr drei Minuten zu Fuß. Die Plastiktüte torkelt neben mir her und ihr Knistern beruhigt mich. Die Farbe erinnert an Pfefferminze und gut gestrichene Zimmerwände, die in halbdunklen Räumen und vor Zimmerpalmen von diskreter und sorgfältiger Farbwahl zeugen. Das Glatteis ist mit Salz bestreut, so dass ich den Weg unfallfrei überstehe. Ich schließe die Tür auf und gehe die drei Etagen hinauf. Auf jeder Etage kommt mir ein anderer Geruch entgegen, Wischwasser im Erdgeschoss neben den Briefkästen, meiner ist leer bis auf einen Prospekt von Márkt, der Wurstwaren anpreist. Ich werfe ihn ungelesen in die Papiertonne. In der ersten Etage riecht es schon nach Abendbrot, Knoblauch, und der Duft von frisch gebackenem Brot lässt mich an die Habseligkeiten in meiner Tüte denken. Ich weiß, dass sich in meinem Kühlschrank ein nur wenig angeschnittenes Stück Butter befindet. Der Wohlgeruch aus der ersten Etage steht für Besuch und gesunde Beziehungen. Die zweite Etage ist dunkel und ich ahne, dass hier vor kurzem ein glückliches Paar die Treppen hinuntergegangen sein muss, ein blumiger Damenduft mischt sich unter den herben Duft von Rasierwasser, wahrscheinlich gibt es den auch als Deodorant. In der Küche lege ich die minzgrüne Tüte ab, öffne den Kühlschrank und hole die Butter heraus. Ich schneide etwas von dem steinharten, nur wenig eingedrückten Stück ab und lege es auf eine Scheibe von dem gummiartigen Brot. Da ich Sehnsucht nach Romantik habe, knipse ich das Deckenlicht aus und schiebe den Stecker einer Lichterkette in die Dose. Steinharte Butter auf gummiartigem Brot, Schummriges aus der Lichterkette und leise Musik aus der Retorte sind meine Restromantik. Der Schnee fällt in sanften Flocken vor dem Fenster auf den Boden.

 

 

sommeryoga

in der sommerhitze gelingt askese
selten besser
sind da schon die schneetage
wenn die zehen
auch ohne versenkung
abfrieren

Das Wochenende

am wochenende rücken sie an : in dichten
kolonnen kreuzen die wagen die bahn : parken
auf schürfiger heide : bevorzugt der platz

am see : blick aufs andere ufer : sehnsuchtsvoll
düster vernebelte berge : dafür lohnt es sich
daß mama und papa werktags vorausfahren

die stelle besetzen : den wagen abstellen
die trutzburg errichten : mit wasser und strom
die versorgung sichern : wenn am wochenende

die erwachsenen töchter nachkommen : mit oder ohne
aktuellem mann : der grill glüht : bald
glühen auch die stirnen : nur das herz ist kalt

Tante Adelheid erschreckt ihren Nachbarn

Um es gleich vorweg zu sagen, die geschichte handelt nicht von Tante Adelheid und auch nicht von ihrem nachbarn. Sondern davon, wie der beton meine katze gefressen hat. Völlig unpoetisch.

Veni mecum

Aufbruch im Schatten
zu den Fjorden des Echos
Du bist doch Regenmacher
hast du erzählt
in sanften Nebelschleier
komm mit mir
zu den Wettern
Dort wo Gewitter tollen
Dort wo bunte Blitze tanzen
tobend überm Tal
komm mit mir
Barfuß über Stoppelfelder
bis zum Horizont
unsere Gedanken
seufzen am Wegesrand
lass die Steine mit uns reden
sprachlos wegweisend
Regentropfen hüpfen
Nomaden sind wir geworden
auf der Suche nach der Seele
wirf die Zweifel in den Wind
komm mit mir
begreife ewige Schöpfung
komm

ich, oder du nimmst Weidenkätzchen

aus dem Baum – ein dunkler Gang, Allee,

und unterirdisch reichen Wurzeln

sich die Hand, wie in der Luft sich Kronen

über dir – und oder mir – berühren; wir

nehmen das Angebot zur Tunnel-, oder

Nebelfahrt; ich oder du, vergessen wir, und

diffundieren in ein Blätterdach, ein

Wurzelwerk, in Stämme, die für uns

der Tunnel sind: ein langer Atem vor

dem Nicht der weichen Nebelschrift

im sommer

im sommer tun alle das gleiche : ins grüne
fährt selbst der schwarzseher : selbst

technikgläubige werfen ihre kinder
in die luft : lahme mütter toben über wiesen

platziern am strand die sonnenbrille rettend
im gesicht : niemand will erkannt werden

im strom : niemand hört auf zu genießen
niemand will der erste sein : jeder der letzte mensch

Fasanenartige am Straßenrand, die Knochen

blicken ratlos in den Tag: und Kalk

wird Straßenkreide, Eingeweide, die mit Blut

Umgebendes als Blüte auf dem Asphalt knospen lassen, wir

nehmen den Eindruck einer Feder mit, die Fächer,

Daunen-, Prachtgefieder; und die Federkiele, noch

in Haut;

im angestammten Tintenfass.

wir malen Wolken an die Pappeln,

die den Fluss umgeben – und wir schrecken

etwas auf: als wir beschließen, uns nicht umzudrehen

Rückkehr nach Xanadu

Moosgrün taumeln wir, beschwingt
durch endloses Stillen, her und hin,
kreisen, wo kein brauner Wind
je wehen und keine Sonne
rote Schatten werfen wird;
nicht fallen, noch schreiten Seelen. Dort,
ungewiss frei, erblühen Zwischenweltnebel,
drehen, als gelbe Angst, als lila Tanz Fragen,
umspielen Seidenwolken orangene Lager
und gebettet in blassrosa Düfte,
von azurenen Händen bewogen,
bleckt ein grausam strahlendes All
seine nachtschwarzen Zähne.

Tischgespräche III

zum 150. Geburtstag von Frank Wedekind

„Mein lieber Freund, es gibt Weltseele und Weltgeist. Doch Ihre Prosa erscheint mir wie eine zu groß geratene Unterhose, die schlaff über der Wäscheleine hängt.“

ein Tropfen Wein fällt aus der Wolkenlosen,

rote Träne auf der trocknen Flur – kein Haus,

kein in die Luft geschriebner Tisch, und kein

Balkon, von dem aus Regen fällt. ein Tropfen

Wein, und ohne Rebe, ohne Blume, bleibt

auf trockner Flur allein – und Tränen

laufen blutig in die Bodenlose

[6] shades of grey

summergreen city breath
rock a little red world
free vicious fire
swipe over muddy waters
bronzen little lady so
blue on turquoise sheets
of orange write
of black please
and all the windy streets
you slightly wish to blow
white in time