die würfel

fallen : wir fallen mit

hinunter : hinauf

die hormone : drehen

am zeitrad : um das

die katze streicht

schmeichelnd : fauchend

die würfel : fallen

und wir fallen mit

Gesternmorgen

Heute morgen, als ich auf den Balkon trat, erinnerte ich mich schlagartig an einige jener wunderbaren Tage meiner Jugend, die sich so mit sensorischen Erinnerungen aufgeladen haben, dass sie scheinbar unvergeßlich, ja geradezu unsterblich geworden sind.

Im Frühsommer, Ende Juni, kurz vor Beginn der Sommerferien, die im Norden stets recht früh einsetzen, zeichnete sich bereits in den frühen Morgenstunden ab, dass das Wetter es in den kommenden Stunden gut mit den Menschen meinen würde.

Die Luft war mild, Vögel zwitscherten fröhlich und es roch aus allen Winkeln nach Sommer. Ich zog mir dann, voller Vorfreude, eine kurze Hose sowie Sandalen an und radelte, oft mit einem Lied im Ohr und summend, zur Schule. Auf dem Weg genoß ich den anschmiegsamen Fahrtwind, schnupperte den verschiedenen Gerüchen von zarten Blumen, erwachenden Wiesen und brünftigen Bäumen nach und dachte sehnsüchtig an die hübschen Mädchen in meiner Klasse. Manchmal war ich auch ein wenig traurig, würde ich die gerade heimlich Angebetete doch bald sechs Wochen lang nicht mehr sehen.

Diese Viertelstunden, diese Frühsommermorgen sind mir heute, ein knappes Vierteljahrhundert später noch so nah, dass ich das Gefühl habe, es sei erst gestern geschehen, als ob der zehnjährige Junge in mir, mit einem Lied auf dem Lippen, voller Hoffnung und zugleich süßer Melancholie, nie verschüttet worden sei von den folgenden, dahinrasenden Jahren. Wie relativ die Zeit doch zu wirken vermag.

Und so fremdelte ich heute Morgen auch nicht mit dem Gedanke an das Alter, denn ich war mir sicher, dass mir diese so tief eingebrannten Erinnerungen an magische Stunden niemals vergehen, dass Jugend nie fern sein würde, wenn es mir stets aufs Neue gelänge, den Duft von jenen warmen Frühsommermorgen zu erhaschen.

Verlorene Freunde – Odyssee des weißen Schiffs

Wie ein tollwütiges, kratzendes Geräusch stellt sich mir die Lebenslage mancher Menschen, die ich kenne, dar. Nicht unbedingt als ein Geräusch, das per se ein unangenehmes Gefühl hervorrufen möchte, doch als eines, deren Urheber sich nicht anders zu helfen wissen, als durch disharmonisches Auftreten Aufmerksamkeit zu erregen.

Da jaulen, krächzen Seelen, gezeichnet von Einsamkeit, Sucht, verinnerlichten Erwartungshaltungen der oft besserwisserischen ‚Erfolgreicheren‘ um sie herum und wer wäre ich, ihr Unglück reglos abzutun? Das Dilemma ist nur, wie jenem schalen Beigeschmack beizukommen ist, der sich offenbart, da bewußt wird, nicht wirklich helfen zu können, liegt eine Lösung doch allein in ihrer eigenen Hand — aber sei dies der Wahrheit letzter Schluss? Ich zögere.

Wie Sirenen sitzen sie auf den Felsen der Kliffe ihrer Probleme, rufen, wie sie wähnen, erlösende Schiffe herbei, die doch alle niemals anzulanden bestimmt sind, sondern lediglich dazu, desgleichen zu zerschellen und deren wenige Überlebende ebenso an den Gefilden der Verdammten stranden.
Sie haben Angst davonzuschwimmen, die starke, unterirdische Strömung zu überwinden, im Sog der Haltlosigkeit zu ertrinken und so verhungern sie langsam aber sicher, leiden an emotionalem Skorbut, einzig genährt von angespültem Mitleids-Aas ohne Zukunfts-Vitamine, kämpfen mit halbtoten Neuankömmlingen um die besten Plätze auf der Promenade der Verzweiflung – wissen nicht vor und nicht zurück.

Vielleicht irre ich nicht in meinem Zögern, vielleicht können wir tatsächlich trotz allem etwas tun: wir, die (ohr)gestopften Seefahrer sollten ihnen Sirenen werden, sollten ihnen zusingen, leuchten, damit sie ihre Angst überwinden, sich in die Brandung  zu stürzen, auf dass wir sie schließlich an Bord hieven können. Dennoch: das Fenster für die Rettung ist klein, verlieren sie doch nach und nach Zähne, Ohren, Augen und fallen, wagen sie nicht rechtzeitig von selbst zu springen, eines nicht allzu fernen Tages in den Malstrom, der unter ihnen tost, können unsere Rufe nicht mehr hören, das rettende Seil nicht mehr erspähen;
ihr Platz auf den Klippen der Ungewissheit bleibt niemals lange frei.

A day in the life (Liebe, Sommer, Diesseits)

Inmitten einer Wiese liegen zwei Körper. Das Gras ist tief und weich und sich darin zu betten gefällt beiden offensichtlich sehr. Hände und Füße räkeln sich, ahnen Halme, Blumenkränze, spüren Haut. Käfer, Ameisen und Mücken existieren heute für sie nicht, nicht an diesem Tag, da ihnen diese Wiese die Mitte des Universums ist. Um sie herum leuchten lila Rhododendren, roter Klatschmohn und gelbe Wasserlilien wie wohlwollende Freunde. Die den Körpern eigenen rosa-orange lächelnden Gesichter strahlen, in pastellene Ornamentik getüncht, bedingungslose Freude aus.

Sie sind sich sicher, nichts wollen sie, denn alles was sie brauchen, haben sie im Hier und Jetzt. So sehr lächeln sie ob der sie umfassenden Wunder der Natur, ihrer Liebe zum Moment, dass die jenes Überflußes ungeübten Gesichtsmuskeln leicht zu schmerzen beginnen – kann es ein süßeres Leid geben? Ein erfrischender, befreiender Schauer inbrünstigen Lachens hallt, getragen von der milden Wärme des ersten wahren Sommertages über das Land. Es ebbt in Glucksen ab und kehrt in jenem wissenden Lächeln, das alle Zeiten zu durchdringen vermag, wieder ein.

Zwischen dionysischer Lust am Wegfall aller Grenzen und der meditativen Einkehr in die Erkenntnis der Unveränderbarkeit des Seienden liegt nichts weiter als ein Wimpernschlag; die Körper auf der Wiese akzeptieren diesen Dualismus ohne Murren, denn es ist Sommer und ihre Hände liegen ineinander und ihre Gedanken flüstern sich das vernommene Versprechen von Ewigkeit zu.

Eins mit der Erde werdend, den durch eine tiefstehende Sonne von Farben gefluteten Abendhimmel bestaunend, faserige Nuancen darin zu erahnen, geheimnisvolle Muster zu erhaschen, raunen die Körper – siehst auch du? Ja, auch ich sehe.
Haar schmiegt sich an Haar, neugierige Blicke saugen Milliarden Jahre altes Licht ein und Gedanken schweifen zum Ursprung von Raum und Zeit. Das Teichgras, Halm an Halm, durchtränkt vom letzten, goldgelben Licht, durch eine kaum spürbaren Brise sanft gestreichelt, wiegt sich wissend; bald wird es Nacht.

Kerzen flackern, als blassrosa Marmorduft zu den glänzenden Körpern im Bade spricht: heiligt das Wasser, in seinen Wirbeln und Wogen bricht sich, stets im Fluss, immer und immer wieder die Zeit, verschmilzt, atmet Fläche, versinkt.
Säule, Spiegel, Schräge: der Raum, gefaltet, in plätscherndes Tappsen getaucht; wie im Tanze runden sich die Ecken, wird weich der Stein, und wärmt sich alles Kühle im Feuer der Augenblicke, da tiefschwarze, unendlich geweitete Pupillen, fragend und versichernd zugleich, die Nacht willkommen heißen.

Was wird

was werden kann aus uns : wir ahnen es

und bangen : wohin gehst du

wo bleibe ich : wir schreiben es im fieber

auf die fahnen : verraten uns

 

kaum dass wir angefangen : so treiben wir

so treiben wir uns voreinander her und sehnen

uns nach einfachheit und ruhe : wie unerreichbar

wie versteckt mein schlafanzug in deiner truhe

 

damit der fremde ihn nicht sieht : kommt er

zu besuch : wir finden und verstecken uns

aufs neue : wissen : aber glauben nicht

wem wir gehören : scheue blicke

 

werfen wir uns zu : so ist es gut

und so wird gut : was wird

Hawaii

Martin hatte angerufen und gesagt, dass es ihm schlecht gehe. Ob wir uns treffen können, war er ohne umschweife zum punkt gekommen.
Klar, hatte ich geantwortet.

Was ist los? fragte ich ihn.
Martin ist mein bester freund, und mein einziger.
In der zeitung las ich, dass ein radioteleskop auf Hawaii die am weitesten entfernte galaxie entdeckt habe.
Dreizehn komma acht milliarden lichtjahre entfernt. Dreizehn komma acht milliarden jahre sei das all alt. Die galaxie liege damit am rand des universums.
Was beunruhigt dich daran, fragte ich.
Wenn sich das all ausdehnt, waren wir vor dreizehn komma acht milliarden jahren eins mit dieser galaxie.
Wie konnte sie uns verlassen und sich derart weit entfernen? Weißt du eine antwort darauf?
Ich schaute ihn nur an.
Stell dir vor, das licht, das sie auf Hawaii von dieser galaxie empfangen haben, ist so lange unterwegs gewesen, wie das all alt ist. Genauso gut könnten wir heute am rand des alls sein.
Was soll ich darauf sagen? Stell dir vor, fuhr ich fort, wir hätten keine radioteleskope erfunden und entwickelt, wir wüssten garnichts von dieser galaxie am rande des universums.
Und stell dir weiter vor, in dieser galaxie hätten sie radioteleskope erfunden und entwickelt, und würden damit uns in einer entfernung von dreizehn komma acht milliarden lichtjahren entdecken. Sie würden annehmen, dass wir am rande des universums lebten. Das ist in der tat höchst beunruhigend. Was mich dabei aber tröstet, ist, dass wir garnicht wüssten, am rande des universums zu leben. Denn wir haben ja kein radioteleskop erfunden und entwickelt.

Was mich aber wirklich beunruhigt, ist, dass die menschen auf Hawaii am rande des todes leben.
Martin schaute mich an.
Ich verstehe, sagte er nach einer weile, ich verstehe.

Vielleicht hast du recht. Und nach einer pause: nicht nur auf Hawaii, auch wir hier in Mitteleuropa, leben am rande des todes.
Du und ich.

 

Der Stein der Weisen

Phosphor und Kupfer – Lernhilfen für die fügsame, vielfach in sich gefaltete
Struktur, man möchte Euch ansprechen können als Wesen das denkt, weil es ein denkendes Ding ist, – – – – – – – – —
Aber der Weg
_ _ _ _ _ _ _ _ _ _ ist weit vom atomaren Pentagondodekaeder über die menschlichen Formen der Hitze, Kälte und Wärme bis in die Zwischenräume der Sätze, wo der Sinn ein ausatmen bleibt. Aureole, Engelskrone in Raum & Zeit, Ausstülpung von Erinnerungen der Materie an die Kristallpotenz von Glyzinien und Impressionisten, es
Sei eine Treppe aus Photonen in der Dunkelkammer

Überm Stein

Joggen bei vierzig Grad
Dafür muss man schon verrückt oder verliebt sein:
Was schlimmer ist?
Das Klappern der Laute
Im Satz, ihre Spaltung
Wenn einfach nicht stimmt was da steht
Oder gestern stimmte, zufällig
Zusammengewürfelte Reihe von Augenblicken
Das sich selbst genügende Hämmern, bis alles Material
Zerbrochen oder zerstört –
Die Äpfel auf der Wiese
Werden ihren fauligen Duft entwickeln
Um sich darauf zu betten und
Tragen zu lassen
In die Niederungen, bis es wieder
Aufwärts geht in die Strudel

* * *

Geflügelte Pferde und Autos mit
a-a-a-a-a eckigen Rädern, die
Sprache der Gleichheit bleibt
b-b-b-b-b letztlich ohne Vergleich.
Zwei unendlich ferne Punkte –
c-c-c-c-c ein und dieselbe Sicht.
Und alle Teile wirken zusammen,
d-d-d-d-d wenn es einmal zur Frage
Kommt: Wer
x-x-x-x-x-x-x-x zerfiel – zu – –
y-y-y-y-y Schimmelpilz & Lindenblütenhonig?
Es wirbelt vor den Augen und kann
e-e-e-e-e seinen Begriff nicht finden –
Trostlose Durchdringung aller
f-f-f-f-f menschlichen Vermögen,
Interesselos sei es und bleibt
g-g-g-g-g doch gefangen ohne Grund.
Sei grundlos. Sei trostlos. Sei

unfertiges

müde erde und
verwelkte blicke
der tod kommt ungelegen
ich kaufe heidekraut und chrysanthemen

du sagtest noch
ich solle dir
den kamm
und ein paar bücher bringen

und als ich ging
bist du leise auch gegangen

Nichts Nennenswertes

Solange es mir gut geht, bin ich mir selbst Erscheinung.
Solange ich jung bin, ist das Leben eine einzige Antwort.
Wer nur vergiftete den Glauben daran, dass alle Steine immer nach unten fallen würden?

Leipzig. Zum Hundertausendsten

Auf der Plattform des Trümmerberges züngelt
Feuer : Gitarrenmusik : Grillwürste : so läßt es
Sich zähmen : die Männer lernen mit Äpfeln
Jonglieren : Blues hält die Kinder wach : kreischend

Laufen sie den Hang hinab : in der Stadt
Lebt das Volk auf der Straße : nachts treten
Die Bosse aus den Büros : schlabbrige
Bluejeans umwehen die Lenden : Brüste

Werden enthüllt : apfelgroß : in den Kellern
Zu Kokoslikör : der klebt am Tag noch beim Kauen
Ununterbrochen rauscht entlang des Auwalds
Nach Süden die Kabriolett-Karawane : italienische

Blicke : schwarz hinter der Brille versteckt : Leipzig
Der Freuden : flüchtig : das ewige Abgehängtsein
Kennen die Bewohner der Gartenparzellen : Krankenhäuser
Einraumwohnungen : Doppelhafträume : genug

Hast du davon : auf Sumpf gebaute Stadt

Der Bart ist ab

[I]

Der gestrenge Herr Bürovorsteher macht es sich erst einmal ganz bequem. Denn im Büro ist es doch so ganz anders als zu Hause bei seiner Frau und seinen drei grossen Hunden. Sie waren so weit weg jetzt.

 

[II]

Wirklich, der Bürovorsteher erstickte allmählich unter den vielen Papieren. Da setzt er sich eines Tages hin und gibt eine Annonce auf: „Tüchtige Schreibkraft gesucht.“ Bereits am nächsten Tag klopft jemand an der Tür, und der hat kein Haar auf dem Kopf.

 

[III]

– Wie heissen Sie?

– Der Bart ist ab!

– Wie bitte?!

– Der Bart ist ab!

– Ein ungewöhnlicher Name, das muss ich schon sagen, aber wir haben alle auf Sie gewartet, und der Himmel hat Sie mir geschickt.

 

[IV]

Der Bürovorsteher sass über seinen Papieren und dachte lange nach. Es war ganz sonderbar, aber er wusste gar nicht, worüber er nachdachte. Plötzlich wusste er es: Er dachte über seine neue Schreibkraft nach. Die sass schräg gegenüber von ihm und schrieb und schrieb und schrieb, ohne auch nur einmal Luft zu holen. Der Vorsteher wusste nicht warum, aber auf einmal dachte er: Der Mensch ist keine Schreibmaschine! Wer so viel schreibt, muss eines Tages todmüde sein. Und lustigerweise, just in dem Augenblick, als er das dachte, entdeckte er in seinen Papieren einen schlimmen Fehler, den er selbst gemacht hatte.

 

[V]

Der Bürovorsteher wusste nicht warum, aber auf einmal redete er seine neue Schreibkraft mit ‚Lieber Freund‘ an. „Lieber Freund, könnten Sie mal kurz herüberkommen und mit mir zusammen ein paar Papiere durchschauen?“ „Der Bart ist ab“ „Ich weiss, lieber Freund, dass Sie so heissen, aber das wird Sie nicht daran hindern, mir kurz einmal zu helfen. „Der Bart ist ab!“ Sonst nichts. Kein Wort sonst! Da schlug der strenge Herr Bürovorsteher mindestens zehnmal auf den Tisch. Dann war es mucksmäuschenstill, und jeder widmete sich wieder seiner Arbeit, als sei nichts geschehen.

 

[VI]

An dem Tag sehnte sich der Bürovorsteher nach seinem Zuhause. Alles war dort an seinem Platz. Auch sein tiefer Sessel. Endlich, endlich, war er darin eingeschlafen. Aber es träumte ihm sogleich: Seine neue Schreibkraft hatte plötzlich wirkliche Stielaugen bekommen und – oh Schreck – so weit traten sie heraus, dass sie sich plötzlich in der Luft von selbst drehten und in ihr eigenes Gesicht starrten. Da stiess ihn seine Frau versehentlich an und weckte ihn, und er rief mit lauter Stimme: „Der Bart ist ab!“ So laut rief er, dass selbst seine drei grossen Hunde herbeigelaufen kamen und ihm erschrocken das Gesicht leckten.

 

[VII]

„Nun wird es ganz unwahrscheinlich. Das glaubt mir keiner: Meine neue Schreibkraft will jetzt allen Ernstes das Büro nicht mehr verlassen. Er hat sich häuslich dort eingerichtet und rührt keinen Finger für die Arbeit. Das ist bestimmt noch keinem Menschen passiert ausser mir“

 

[VIII]

„Heute bin ich in meiner ganzen Verzweiflung durch die Stadt gefahren, um mir ein neues Büro zu suchen. Da waren lauter sprechende Gesichter, die ich sah. Alle sagten nur eines: ‚Der Bart ist ab!‘ Selbst meine Frau und meine drei grossen Hunde sagten es, als ich nach Hause kam: ‚Der Bart ist ab! Der Bart ist ab!‘ Was soll ich bloss tun!“

 

[IX]

Jetzt sitzt der Bürovorsteher in seinem neuen Büro. Auf seinem Tisch liegen Berge von Papieren. Aber er denkt nicht im Traum daran, zum Beispiel eine Annonce aufzugeben. Wenn er ganz müde geworden ist vom vielen Arbeiten, blickt er hilfesuchend zur verschlossenen Tür, und es kommt ihm die ein oder andere Träne, ohne dass er (auch nur) entfernt weiss warum.

 

[X]

Der Bürovorsteher schaute lange aus dem Fenster. Da sah er, in einer grossen Regenpfütze, einen kleinen dunkelgrauen Vogel. Der wusch sich und drehte sich und plusterte sich vor Vergnügen. Und so hatte unser Bürovorsteher gar nicht gemerkt, dass seine Frau und seine drei grossen Hunde auf einmal neben ihm standen. Alle fünf schauten sie jetzt auf den kleinen dunkelgrauen Vogel, der gar nichts von ihnen wusste. Und dem Bürovorsteher lief (abermals) eine dicke Träne über die Wange.

——-

Das xenophilische Orchester

Trompete auf dem Berg
Gipfel-
erfahrung, der Abstieg
führt durch Gletscherspalten.

Zu Besuch
in der Steinzeit, unglückliche
Fügungen unter einem Himmel
von der Farbe des Absinth –

So trifft der Ton
seinen Text: zwischen
den Zeilen geführter Melodie
die unbekannten Akkorde – –

Unbekannt? Akkorde?
Alles tanzt
weil es getanzt werden will
in deinen Armen

Zuckerguß auf Gewalt

Das ist Berlin : Zigeunermusik in der S-Bahn
Unbestechlich : nur die Märzsonne
Noch liften die Bäume sich : spätwinterlicher
Schlankheitswahn : ich träume von Projekten

Kaum atme ich die bleigeschwängerte Luft
Wie armselig erscheint hier Reichtum
Wie verwahrlost Freiheit : hinterm Tiergarten
Atmet keiner mehr : alles hechelt

Das sedierende Dudeln des Abfahrtsignals
Täuscht Stabilisierung vor : wo ein verrückter
Psychiater vonnöten wäre : uns zu befreien
Von anhaftenden Verstrickungen : verzückendem

Zwang : den wir auf die Spitze treiben
Bis keiner mehr hechelt : wir röcheln
Ausflucht S7 : Potsdam : Paradies
Scheinwelt der Unscheinbaren : Zuckerguß

Auf Gewalt : wer nicht spurt : muß die Strafe spüren
Wer sich der Bestrafung entzieht : wird bearbeitet
Wer sich nicht bearbeiten läßt : wird ignoriert
Hier hast du deine Schule erhalten : hier hast du

Dich lieben gelernt & begriffen : daß Dekonstruktion
Sich lohnt : wenn am Ende der Liebste
Willfährig ist : den Eigenwillen aufgibt
Am Ende gut funktioniert : um die Paranoia

Im Paradies zu perfektionieren : damit du
Dein Thema hast : dein Leben lang : dich zu beschweren
Bei der besten Freundin oder Mama : wenn sie doch
Endlich mal aufhören würde : dich pädagogisch

Zu missionieren : damit du so vollkommen wirst wie sie

Schrank Ecke Kosmos

Der Mond wird nimmer leer sein,
Unglaublich klein der Mut.
Die Hände fallen aus den
a a a a a a a a Taschen –
Und Jacke klebt an Hose, ganz
b b b b b b b b b b b Schrank.

Unglaublich nun der Mut.
Die Leere : ein Mond in Rock –
Der Mund wird nimmer leer sein,
a b a b a b a b a b ganz Schrank.

Die Hände fallen aus den Taschen
a b c auf einer parabolisch Bahn.
In einer hyperbolisch Ecke sam-
c b a melt sich Großstadtkram.

Alles geht nach Plan, ja sonst
Der Körper! Da, die
Vierte Dimension! Ja die da!

Alles geht nach Plan (Eingedenken)

X : yegor letov, 10.09.1964 – 19.02.2008

Die bolschewistische Kurkapelle
auf halber Treppe
steckengeblieben:

Siebzehn Freunde kümmern sich
um einen Hund.

Ein ganz normaler Vormittag in
Deutschland,

ein ganz normaler Vormittag
in Deutschland;

ein ganz normaler Vormittag.
In Deutschland

spielt heute das xenophilische
Orchester auf, ein Wintertag

wie jeder andere in Deutschland

*

Y : mono no aware

WANDERN MIT BASHO UND ANNE FRANK
Der Sehnsucht die Hand geben
& leer werden, leer
so leer wie
ein Vergleich, aus dem die Worte
herausgefallen, Menschen
ohne Körper –

Wandern durch dieses Zimmer
Das niemanden mehr kennt:
Verblichene Koordinaten –
Waren es jemals Zahlen
in Raum und Zeit?
Der Kalender hält
den Rand des Gesichtsfelds fest – –

Wandern an einem dieser Orte
Die Insel
hält Geschichten bereit, hält
zu dir mit Beweisen,
die Drehung der Gestirne
wird enden, aber nicht
die Bewegung – – –

gefuselt : gefaselt

Abhängen : müde wischen die Finger übers übersensible
Glas : das die Gesichter beleuchtet : was hat man sich
Noch zu sagen : alles flimmert und schimmert irgendwie
Auf : Orkus tanzender Buchstaben : zerknautschtes

Sternchenkostüm : da hetzt sich noch einer mit wirr
Klarem Blick : eilig die Nachricht gefuselt : gefaselt
Auf den Straßen wirbeln die Abgehängten : wurbeln
Zerstürbeln : keiner versteht sie : in den hinteren Bänken

Knutschen die Paare und schmeißen das schimmernde
Flimmernde ins Eck : kein Trost : kein Prost : kein Toast
Von den Herrschenden ist nichts zu erwarten : gezinkte
Karten : das Spiel geht weiter : gescheiter : heiter

Es zieht hinab : die Augen gleiten müde übers Tal
So tief : der Fall : so still : der Stall : kein Nichts : im All

Schwerer Abschied

Lutz klebt den nächsten Karton zu. „In den Flur?“
Dort stapeln sich bereits fünf Kisten. Der Anblick gefällt ihm nicht. Damals hat er geholfen, die Bücherkisten in die Wohnung zu schleppen, dazu, sie nun wieder hinauszuschleppen, ist er nicht ohne weiteres bereit.
„Und wenn Sie in Hamburg blieben, Frau Doktor? Sich hier eine neue Stelle in einem anderen Krankenhaus suchen würden?“
Ach, Herr Lutz, wenn Sie wüssten!
Mit Doktor*innen ist es wie mit Lehrer*innen oder Buchhändler*innen oder Anwält*innen. Konkurrenz im Beruf ja, aber nach Feierabend kennt man sich. Nicht einmal befreundet muss man mit den Kolleg*innen sein, ob man will oder nicht – wie gescherzt wird – trifft man sie dennoch regelmäßig auf ganz bestimmten Tennisplätzen, in ganz bestimmten Fresstempeln oder beim Wochenendeinkauf Samstagmorgen auf dem Biowochenmarkt in Ottensen. Und tratscht. Und zweifellos will man ja auch, sonst würde man all diese heiligen Stätten nicht bepilgern. Und nicht tratschen.
Ich beispielsweise will nicht, halte mich da fern, frequentiere das Hallenbad in Altona und koche entweder zuhause oder esse Backfisch mit Kartoffelsalat in einem der Bistros auf der Großen Bergstraße. Samstagmorgens kaufe ich im türkischen Erden Market ein.
Aber es hat keinen Zweck, Lutz das alles darzulegen. Die entscheidende Information fehlt ihm. Genau diese Information würde unter der Hamburger Ärzt*innenschaft Samstags am Biowein-Stand die Runde machen. Unter dem Siegel der absoluten Verschwiegenheit, zwischen zwei Schlückchen Pinot Noir, untermalt von der selben Melodie, die man auch abspielt, wenn man sich Infos über einen sogenannten Kunstfehler zuträgt, der letzte Woche im Operationssaal glücklicherweise Dr. B. und nicht einem selbst unterlaufen ist. Nun habe man also gehört, diese Ärztin…
Um es abzukürzen: Ich würde in Hamburg keine neue Stelle finden. Ich muss hier verschwinden. Wo man mich als nächstes will, dort ziehe ich hin. Letzte Woche war ich in Neustadt, um mich persönlich vorzustellen, Frau von Schönberg hatte nicht zu viel versprochen, eine Einladung ihres Chefs kam prompt. Der Kittel des Mannes wies Spritzer undefinierbarer Herkunft auf, möglicherweise hatten gleich mehrere Patient*innen spucken müssen. Auf jeden Fall war etwas unschönes vorgefallen, der Chefarzt wirkte gallig. Seine Zeit reichte lediglich für ein Händeschütteln und -drücken, dann ein gehetzter Blick auf die Uhr, Verabschiedung, ich würde schnellstmöglich von ihm hören. Und schon eilte er davon, um wieder ans Werk zu gehen.
„Wissen Sie, in Hamburg wird es mir zu hektisch“, erzählte ich Lutz am darauf folgenden Tag. Der Streit mit meinem Vorgesetzten und die daraufhin vereinbarte Aufhebung meines Arbeitsvertrages in beidseitigem Einverständnis wären doch zwei Gründe, in etwas ruhigere Gefilde zu ziehen. Ich bekäme vermutlich eine Stelle in Neustadt, in der Provinz bräuchte man mich dringend.
Lutz ist betrübt. Obwohl ich nicht ein Mal mit ihm ausgegangen bin, wie ersehnt. Ebenso wenig habe ich in dem einen Jahr unserer Nachbarschaft die Einladung auf ein Glas Wein in seinem Wohnzimmer angenommen. Dabei hätten wir uns viel zu sagen, meint Lutz. „Wenn ich sehe, wie viele Bücher Sie besitzen, Frau Doktor, ist es geradezu ausgeschlossen, dass wir zwei uns nicht verstehen würden!“
Mag sein. Lutz, Ende 50, früh verrenteter Bibliothekar mit schlohweißen Locken und Nickelbrille, ist ein netter Kerl. Manchmal kann er sich dann doch nicht bezähmen und klingelt bei mir, beispielsweise, wenn er hört, dass ich Möbel rücke, Nägel in die Wand klopfe, meinen Abfluss frei pumpe. Ob ich Hilfe bräuchte, heißt es dann. Vielen Dank, ich schaffe es allein. Ich frage Lutz aber, wo er schon mal in der Tür steht, ob er auf eine Tasse Tee hereinkommen möchte; er möchte immer. Wir plaudern ein halbes Stündchen. Er erzählt von seiner Arbeit, damals in der Uni-Bibliothek, auch, dass seine über alles Geliebte vor drei Jahren auf und davon ging, und es schwer ist, als Frührentner eine neue Liebste zu finden. Warum er mir das erzählt, verstehe ich nicht. Vielleicht will er es einfach nur loswerden. Eine dreizehn Jahre jüngere Frau gewinnt man nicht dadurch, dass man ihr auf die Nase bindet, wie gering der eigene Marktwert ist, das müsste Lutz wissen. Dennoch, ich mag ihn, wollte es aber immer bei unseren kleinen Plaudereien 14tägig belassen.
Ich klebe den nächsten Umzugskarton zu.
Als habe er heute geradezu durch die Zimmerdecke hindurch sehen können, dass es bei mir etwas in größerem Rahmen zu tun gibt stand Lutz vorhin in Norweger Pullover und Jeans vor der Tür, sehr leger für seine Verhältnisse. Wenn er sonst klingelt trägt er Oberhemd und Jackett. Und dass er heute so lange hierbleiben und helfen kann macht ihn augenscheinlich einerseits selig, anderseits, in Anbetracht der aktuellen Lage, traurig.
„Was sagen Ihre Kolleg*innen zu dem Streit mit ihrem Vorgesetzten, Frau Doktor? Nimmt man Sie in Schutz?“
Die vage Vorahnung, dass ich eines Tages mit der Wahrheit an die Öffentlichkeit gehen könnte lässt die Hamburger Ärzt*innenschaft vermutlich zusammenhalten wie selten zuvor.
„Es hat sich alles geklärt!“, antworte ich knapp, aber freundlich. Wo ist mein schwarzer Filzstift? Ach, hier. Funktion und Krankheiten Innerer Organe schreibe ich auf die Deckel der beiden größten Bücherkisten, Verhaltenspsychologie auf den Deckel eines ebenfalls gewaltigen Kartons. Stationsarzt F. wäre mein Bekenntnis weitaus peinlicher als das Aufdecken von ein bisschen Kunkelei unter den Regent*innen von Blankenese. Kunkelei ist nur unter Habenichtsen verwerflich. Bei Doktor F. und dem Jurist*innenehepaar heißt Kunkelei Kooperation. Aber das weiß Lutz sicher selbst. Hat ja diese Kaste in seiner Uni-Bibliothek heranreifen sehen.
„Vielleicht gehe ich auch wieder aus Hamburg weg. Zurück an die Ostsee. Wenn ich eine Frau träfe, die dort mit mir leben wollte, wäre ich sofort bereit.“
Ich überlege kurz, ob das ein letzter tollkühner Versuch ist, beschließe dann, einfach darüber hinweg zu gehen. Werde lieber den nächsten Deckel beschriften. Traumata und Therapie. Auch eine große Kiste. Gegen jede Störung kann man allerhand unternehmen oder es zumindest versuchen. Ich lasse wieder alles hinter mir.
Lutz trägt vier weitere Kisten in den Flur, der ist damit voll gestellt. Die Wohnung ist weder groß noch modern. Der typische Altonaer Flair weht schon seit einer geraumen Weile hinein, nistet in allen Winkeln. Salzluft, Geschrei vom Fischmarkt. Und der uralte Parkettboden knarrt bei jedem Schritt. Wie ich das vermissen werde! Genauso wie die Visite bei meinen Kindern am Morgen und die nächtlichen Ausflüge nach St. Pauli. Das waren selige Momente, Retardtabletten gegen den Schrecken der immer wiederkehrenden Einbrüche.
Pharmakologie Drei dicke Wälzer besitze ich zum Thema. Ich werde mir neue Medizin beschaffen.
„Ich koche uns einen schönen Tee!“, schlage ich Lutz vor, der jetzt wieder im Wohnzimmer steht und seinen Blick an meine letzten, noch nicht verpackten Habseligkeiten heftet.
aus: Frau Dr. E. liebt die Abendsonne
kommt!

apfelkerne (2)

<> J.J. POST MorteM

***

Wie
im Film, nicht
x_y_x_y____z wie hier
quillt es über die Ränder
des Gehirns. Des
Gehirns, des Gehirns:
Wessen?
Wessen waren wir
angeklagt?
Ange-
fixt? Füllt? Ge-
z____y_x_y_x
Bloß keine Auf-
forderung mehr, sonst
kommt die Bedeutung

**

Wer//zerfliel zu Schimmelpilz und/X-Y Lindenblütenhonig?

*

Eigenwerte : Wenn dann alles vibriert. Dann vibriert,

Featuring William Burroughs : Folding Out\out : Ura nuus_Willi

Er klärte die Opfer auf. Sein metallenes Gesicht verzog sich zu einem langsamen Grinsen, als er durch seine Antennen, die in den durchsichtigen Schädel eingebettet waren, ihre zirpenden Überschall-Drohungen vernahm.
Ein Elektriker im Benzinblitz der Geschichte. Weißglühende Explosionen versengten sein Gehirn.
IHR SEELEN, DIE EUCH ORGASMUSDROGEN VERFAULEN LIESSEN, FLEISCH, DAS VOR DEN NOVA-ÖFEN ZURÜCKSCHAUDERTE, GEFANGENE DER ERDE, BEFREIT EUCH.
Klärt alle Opfer überall auf. Zeigt ihnen das betrügerisch manipulierte Lebens-Zeit-Glücks-Rad.
Der Wirklichkeits-Film gab nach und beulte sich wie ein Panzerschott unter Druck, und das Manometer stieg und stieg.
Arbeiten Sie mit uns zusammen.
Und mit einem atomaren Blitz metallenen Zorns nahmen sie Uranus auseinander.
Hastig errichtete er einen Stille-Schirm, und grauer Nebel trieb durch das Café.
Blick nie zurück –
Auge, nimm vom <> die Farbe zurück –
Innerhalb des Sekundenbruchteils, der ihm blieb, schoss er seinen Silberstrahl, und er atmete die Stickstoffdämpfe brennenden Films ein, als er durch die Tür ging, in der der Wächter gestanden hatte.
<>

rückblick

rückblick
(gruß an r.)

ausgetretene graphitspuren
zeugnisse eines bewegungslosen
zeilenspringers ohne mut zum
punkt

auf die fiebernden folgten
die jahre des aderlasses
die welt reichte ihm
hand und skalpell

„wir halten dich
mit gestutzter gesinnung
und gebrochenem flügel
dem himmel narrennah“

aus seinem blick verlor sich
die anmut des zweifels –
die einsamkeit gewann
kontur

drei schritte zurück
ein missverstandener
anlauf vor der flucht
in das schweigen

Stillstand

Ich habe mich beiseitegelegt,
auf Gletschereis,
um mich nicht an einem Frühlingsmorgen
verdunstend ins Sonnenlicht zu mischen.

Nie stürze ich und flute.
Meine Umgebung bleibt für immer kalt.

Gewohnheiten schleichen mir katzenpfotig
um die Beine,
meine Hände harren
tagein, tagaus auf Fell.

Doch währenddessen sind mir die Wünsche
aus dem Nest gefallen.
Ein Unbekannter berührte sie;
ihr Geruch ist nun so süßlich fremd.

Funktion denken (3)

Nun also Deutschland: keine
x_ Alternative ohne Konjunktion –
in der Immanuelkirchstraße

rollen die logischen Formen den
y_ Prenzlauer Berg hinab, an
der Winsstraße ist die Vor-

fahrt zu beachten – – Bewegung
z_ vor Logik, die Starrre, Bruder
ein Aufatmen ist die Stille

im Eingedenken, zweite Ableitung
x_y__ unseres Weges in Richtung
Mittelpunkt: auf der Oberfläche

entstehen die Formen, Kontakt-
y_x_ zone deiner Luft und meines
Feuers – – – Amsterdam, Paris, Königsberg

Der blinde Maler

Ich bin der erste Mensch, ich bin
ein Gast auf Erden.

Meinen Vater zu töten, war
die logische Konsequenz

Einer Sprache, die verneint, ohne
auszulöschen sich

Selbst: ich war vollkommen
in der Fülle meines Denkens –

Die Sprache, die ihr sprecht, ist
nur die Einschränkung

Euer selbst: Sinn gegen Sinn
aufgehäuft in der Zita-

Delle eines Gesichts, so stecken
die Hände in Fesseln!

neujahr in florenc

unter den gleisen der hochbahn liegen wir
sie schwebt davon auf dem gewölbten bett
rote speisewaggons : blaue für rollstuhlfahrer
in grünen sitzen lauter Niemand : braune
güterwagen hasten polternd vorüber

die alarmsirene eines autos : dem sich jemand
zu dicht näherte : weckt die einst torkelnden
kinder im laufschritt : im zickzack wackeln sie herbei
jemand wärmt den dieselantrieb lärmend vor
der trunkene grabscht nach : du ziehst die jacke drüber

welch schreck : kein moos : raketen fliegen hier und da
wie sprühend auf : die menge folgt ihnen
mit blicken : schiffe treiben führungslos im fluß
und die kajüte tanzt : von zeit zu zeit ein kracher
sachte landet zwischen beinen : asche

die geister werden ausgetrieben : schweinenacken
wandern gargegrillt am spieß auf tische tief im keller
müde beiß ich in mein butterbrot : das eine schüssel ist
voll dicker suppe : die kellnerin : sie rennt und wedelt
mit den händen : sekt kullert aus der flasche

der geist ist raus : nein
warum seufzt du so
es ist geschehn : das neue jahr
muß irgendwann : zum glück
gezwungen enden

neu jahr

im versoffenen dunst eines januarmorgens schaukeln
fragen nach dem sinn
des lebens nach zukunft
und den kleinen tierchen die sich
in deinem kopf eingenistet haben
gute gedichte gehen anders
leiser
weicher
hängen ohren über stille
landschaften fallen ein
mit den augen einer luchsin
siehst du klar
unter die schneeflockenherde
gesellen sich zwei aurorafalter
verglühend in ihrem leichtsinn taumeln sie
dir über lippen und stirn

 

„Wieviel Watt umfasst diese kosmische Leistung?“

Jedes Metall hat einen Krieger.
Pablo Neruda

* * *

Gold oder Silber, die
Sterne ringen um
Deine Anmut.

Silber und Platin, wir
Menschen suchen
Einen Weg.

Kupfer, Kupfer – wie
Nur gelangten wir
Dazwischen?

Zinn fließt,
Zink bunkert –
Und das quick-

Lebendige Silber zer-
Fließt, fließt wie
Alles.

Fließt über die Fliesen,
Natura naturata –
Nilsboriums Leid.

No name,
Kurtschatovium…
Dein Kristall ist eine Gleichung

In Enn; nach Ix
Und Ypsilon
Stolpert

Es
Bis zu
Ödipus‘ Schwelle:

Simeon –
Vater, Bruder
( _ ) ( _ _ _ _ _

In ein und demselben Gedicht

Das Gehirn, ein
wartender Flüsterer
im dunkleren Schlafsaal

* * *

Dann schreib. Aber
Schreib, aber
Schreib –

Etwas
In die Zwischenräume
Von Zeilen, Spalten, Punkten

Und
Schreib: das Wort
In die Zwischenräume der

Verse,
Dort nur kann’s
Antworten, Antwerpen, Anderlecht

Schreib
Das Wort in die Zwischenräume
Der Verse, zieh dir den

x x x x x _ Rhytmus an wie
Einen Sonnenaufgang
Eine Sonnenbrille
Einen Sonnenuntergang

Eine Pupillenerweiterung
Ein transzendentales Ich
Einen Wirbel in der Haut

y y y y y _ _ Schreib
Den Raum in die Maschen
Der Netzhaut
Einen Brief an Gesche, an
Den Verlag _ _ _
Einen Wirbelsturm unters
Kopfkissen