Funktion denken (3)

Nun also Deutschland: keine
x_ Alternative ohne Konjunktion –
in der Immanuelkirchstraße

rollen die logischen Formen den
y_ Prenzlauer Berg hinab, an
der Winsstraße ist die Vor-

fahrt zu beachten – – Bewegung
z_ vor Logik, die Starrre, Bruder
ein Aufatmen ist die Stille

im Eingedenken, zweite Ableitung
x_y__ unseres Weges in Richtung
Mittelpunkt: auf der Oberfläche

entstehen die Formen, Kontakt-
y_x_ zone deiner Luft und meines
Feuers – – – Amsterdam, Paris, Königsberg

Der blinde Maler

Ich bin der erste Mensch, ich bin
ein Gast auf Erden.

Meinen Vater zu töten, war
die logische Konsequenz

Einer Sprache, die verneint, ohne
auszulöschen sich

Selbst: ich war vollkommen
in der Fülle meines Denkens –

Die Sprache, die ihr sprecht, ist
nur die Einschränkung

Euer selbst: Sinn gegen Sinn
aufgehäuft in der Zita-

Delle eines Gesichts, so stecken
die Hände in Fesseln!

neujahr in florenc

unter den gleisen der hochbahn liegen wir
sie schwebt davon auf dem gewölbten bett
rote speisewaggons : blaue für rollstuhlfahrer
in grünen sitzen lauter Niemand : braune
güterwagen hasten polternd vorüber

die alarmsirene eines autos : dem sich jemand
zu dicht näherte : weckt die einst torkelnden
kinder im laufschritt : im zickzack wackeln sie herbei
jemand wärmt den dieselantrieb lärmend vor
der trunkene grabscht nach : du ziehst die jacke drüber

welch schreck : kein moos : raketen fliegen hier und da
wie sprühend auf : die menge folgt ihnen
mit blicken : schiffe treiben führungslos im fluß
und die kajüte tanzt : von zeit zu zeit ein kracher
sachte landet zwischen beinen : asche

die geister werden ausgetrieben : schweinenacken
wandern gargegrillt am spieß auf tische tief im keller
müde beiß ich in mein butterbrot : das eine schüssel ist
voll dicker suppe : die kellnerin : sie rennt und wedelt
mit den händen : sekt kullert aus der flasche

der geist ist raus : nein
warum seufzt du so
es ist geschehn : das neue jahr
muß irgendwann : zum glück
gezwungen enden

neu jahr

im versoffenen dunst eines januarmorgens schaukeln
fragen nach dem sinn
des lebens nach zukunft
und den kleinen tierchen die sich
in deinem kopf eingenistet haben
gute gedichte gehen anders
leiser
weicher
hängen ohren über stille
landschaften fallen ein
mit den augen einer luchsin
siehst du klar
unter die schneeflockenherde
gesellen sich zwei aurorafalter
verglühend in ihrem leichtsinn taumeln sie
dir über lippen und stirn

 

„Wieviel Watt umfasst diese kosmische Leistung?“

Jedes Metall hat einen Krieger.
Pablo Neruda

* * *

Gold oder Silber, die
Sterne ringen um
Deine Anmut.

Silber und Platin, wir
Menschen suchen
Einen Weg.

Kupfer, Kupfer – wie
Nur gelangten wir
Dazwischen?

Zinn fließt,
Zink bunkert –
Und das quick-

Lebendige Silber zer-
Fließt, fließt wie
Alles.

Fließt über die Fliesen,
Natura naturata –
Nilsboriums Leid.

No name,
Kurtschatovium…
Dein Kristall ist eine Gleichung

In Enn; nach Ix
Und Ypsilon
Stolpert

Es
Bis zu
Ödipus‘ Schwelle:

Simeon –
Vater, Bruder
( _ ) ( _ _ _ _ _

In ein und demselben Gedicht

Das Gehirn, ein
wartender Flüsterer
im dunkleren Schlafsaal

* * *

Dann schreib. Aber
Schreib, aber
Schreib –

Etwas
In die Zwischenräume
Von Zeilen, Spalten, Punkten

Und
Schreib: das Wort
In die Zwischenräume der

Verse,
Dort nur kann’s
Antworten, Antwerpen, Anderlecht

Schreib
Das Wort in die Zwischenräume
Der Verse, zieh dir den

x x x x x _ Rhytmus an wie
Einen Sonnenaufgang
Eine Sonnenbrille
Einen Sonnenuntergang

Eine Pupillenerweiterung
Ein transzendentales Ich
Einen Wirbel in der Haut

y y y y y _ _ Schreib
Den Raum in die Maschen
Der Netzhaut
Einen Brief an Gesche, an
Den Verlag _ _ _
Einen Wirbelsturm unters
Kopfkissen

Sturmland

Noch immer
reißt der Sturm
Zweige aus dem Leben.

Im Gartenteich
versinken sie
in ihrem Spiegelbild.

Ein Baum zittert Wellen ins Wasser.

Winters laufen wir
auf verpassten Möglichkeiten.
Unter den Füßen knackt das Eis

Geschichten

von einem Land
jenseits der Stürme.

hautstille | im gegenlicht

für Friederike Mayröcker 2014

regenschirme treiben vorbei das leben
zahlt sich aus tage wabern
im sommerlicht wie algenteppiche
oder wasserlinsen im mäander
auf einem berg stand ich sagen wir
besser an einem abhang und
sagen wir der berg war parnass
und ich stürzte fiel in ein
thrakisches meer

am himmel kraniche oder silberreiher
helle vögel
vogelmenschen im gleißenden licht

du einsam in einer zwischenwelt ich
in einem zwischenmeer stumm
beobachteten wir einander

pan abseits spielte
auf einer knochenflöte
die gesänge von hühnern und gänsen

singschwäne zogen heran
schlafmohnlieder im gefieder
und in den schnäbeln eine goldene kette

alabaster
zylindrische farben* sagst du
und ein hotelzimmer in wien

—————————————————–
* aus Friederike Mayröcker: drei Traumwahrheiten oder: kein Wort mehr über Träume (Gedicht, in Friederike Mayröcker: Winterglück, Suhrkamp 1986)

Chronic ease

Ich wache ganz gemächlich auf. Gestern war ein grüner Tag.
Bevor ich mich gemütlich recke und strecke,
lächle ich, denn eine Massage und die darauf folgende Nacht
haben mich angenehm entspannt.
Mein ganzer Körper fühlt sich so an, als ob er angekommen sei,
etwas erschöpft zwar, aber eins mit sich, zufrieden.
Keine Spur mehr von der niederdrückenden Mattheit der Grippe,
die ihn vor ein paar Tagen noch gepeinigt hatte –
auch in Lunge und Nase löst sich nun der fiese, zuvor so unüberwindlich zähe Schleim.
Unter der Dusche ist mir so, als ob das Wasser meine Schulter und
den Rücken wie ein warmer, weicher, rauschender Seidenmantel umhüllt.
So sinnlich habe ich es lang nicht mehr empfunden.
Wieder umspielt ein Lächeln meine Lippen,
doch diesmal gesellen sich hoffnungsvolle Gedanken dazu.
Ich freue mich darauf, gleich einige Lebensmittel einkaufen zu gehen,
frische Winterluft zu genießen, danach etwas im Haushalt zu erledigen.
Ich verspüre Zuversicht, denn auch mein Geist fühlt sich locker,
von Stress und Zweifeln des Alltags befreit.
Danke, Pharma. Heute ist ein guter Tag zum Leben.

Inspiração

Entwickle eine Maschine
flüsterte sie
die Wörter leicht macht
Beschreib ein Programm
das anerkennend
gezeichnete Rücken streift
schlug sie vor
Und an die Wände banne
in Licht getauchte
Kondensate des noch Greifbaren

Die Werkzeuge liegen schon bereit
hinter sieben goldenen Hügeln
willig bewacht von Wesen
die ihr Klirren lieben
lachte sie traurig
Ein Sonett aus Zahlen
komponiere ihnen und
dazu reiche Buchstabensuppe
mahnte sie ernst
verschwand sodann
ohne den Schmuck
plötzlich und still

Rachekrank am Zeitgeschichtestrand / Tod in Erwähnnich

Hundertachtzig Stunden ohne Schlaf
was für ein gnädiger Gott offenbart sich,
grell erleuchtet, Hassan, dir da? Und in der
kleinen Kiste mit Insekten – ach, schlag doch,
angekettet und beschmiert mit Kot tot
deine letzte Zeit. Trink, Tränen-Bruder,
auf uns, deine Schwarzweiss-Kameraden;
komm, trink aus, trink mehr, sauf, schluck, stirb
ja noch nicht weg, wir haben ganz frische
Träume für dich erbrochen. Doch wach‘ erst
auf, steh‘ Tage stramm gestreckt zum Gruße,
Eiswasser und Fesseln erwarten dich –
wir wollen schließlich neue Märchen hören
aus deinem abgedrehten Kafferhirn, Hassan;
sieh‘, wir beten auch ständig, Hassan,
for god’s own country zu Yessir-Yessir-Yessir!
Ein Lauf am Kopf, Einlauf im Arsch,
klick, Bruder, klick, spiel russisches Roulette
your reward will be concrete
head-banging, twenty-four seven.
Gepriesen sei schließlich das Menschenrecht
auf Kunst: da, mal‘ mit Blut von deinem Pinsel
Abschiedsskizzen deiner geschächteten Mutter.

ABU-GHRAIB

Das dritte Jahr

Zuerst Sprachstudien mit Clandestine, dann
Mondsonett nach Lateinstunde, so rollt es
Auf die Ebene, verharrt dort

In immerwährender Bewegung. Das Geschlecht ist das Geschlecht ist, eine
Imitation eine, Simulation von

Immerwährender Bewegung … immer? Während?
Das Geschlecht

und ruhen in frieden

manchmal schlage ich
auf dem friedhof
die zeit tot
mit denen
die es schon sind
sie ruhen in frieden
im glauben an die
auferstehung
wie sie da liegen

und ich hoffe
keine ewigkeit lang
ruhen zu müssen
will ich doch tanzen
und gedichte schreiben
vom leben da unten
wie wir uns trafen
und vergaßen zu lieben

(Derivat der Unlotigkeit)

Die Sprünge aus Alamabaraba.
Zwischen der Angst, das Ungeschaffte
nicht zu raffen. — -Geil skandalösliche Angst.

Klarinesse des Raumgeburrten.
Die Klage – reiht, nahert – (almosen) frucht
des Niegegessenen,

Schrei _ besessen. e .
see – frauen.

Sommerabend

In den Falten der Bettdecke
ruht Erinnern,
wenn die Tage am Horizont
aus allen Wolken fallen.
Dann hängen Melodien
am Rahmen
des gekippten Fensters,
und leise gibt der Wasserhahn
den Takt an.

Die Zeit löst sich auf
und sickert
in Gedächtnislücken.
In ihrem Wasser
bilden Pflanzen neue Triebe,
ranken sich in Träume.

Hinter den Lidern
klingt mein Name
noch nach Sommer.

Vergessengeglaubte : Schlünde

Der Herbst fängt sachte an : die Wärme
Wächst noch Tag um Tag : die Nächte nur
Sind kälter : pastellfarben schmücken sich

Häuser mit Blättern : halb verfallen
Sind Mauern und Bäume : halb sind sie
Frisch gestrichen : der Absturz kommt

Das ungewohnte Wecken : Polizisten
Brechen durch die Tür : umringen
Das einsame Schlafzimmerbett : stöbern

Nach Tabletten : Messern : noch ist es
Nicht zu spät : noch grünt das Gras
Noch schwebe ich : noch torkle ich

Verloren ist die Kraft : gewonnen hat
Die Ohnmacht : du schreist mir ins Ohr
Wir foltern uns am Telefon : der nächste

Steht schon Schlange : kraftloses
Flittchen : du : hast den Dreh raus
Uns einzuäschern : meine Reinwaschung

Versagt : ich gebe auf und kehre herbstens
Zurück ins Vergessengeglaubte : Schlünde
Der Kindheit : zum Absturz ist es nie zu spät

Über die Bande

Vor Kurzem habe ich angefangen Frauenliteratur zu lesen – und obwohl ich mich schon immer als Feministen bezeichnete, kam das bisher für mich kaum in Frage. Nicht, weil ich Frauenliteratur als für belanglos oder langweilig erachtet hätte, sondern einfach, da ich als Mann glaubte, mir fehle der charakterliche Zugang dazu, die Texte angemessen würdigen zu können.

Dann, vor ein paar Wochen, stieß ich auf einem Flohmarkt an einem Stand zweier Endzwanzigerinnen auf ein sehr gut erhaltenes Exemplar des Geschichtenbandes „Samsara“ von Doris Dörrie. Ich kaufte es feilschfrei für 1,50 Euro und machte mich, voller Lesevorfreude auf den Nachhauseweg.

Daheim angekommen nahm ich meinen Neuerwerb, da ich ein dringendes Bedürfnis verspürte, eilig mit und fing mit heruntergelassenen Hosen an darin zu lesen. Erleichtert stellte ich an jenem, wie auch im Verlaufe der nächsten Tage fest, dass die Themen des Buches dem Geschäft eine emotionale Ruhe und Würde verliehen, die andere, „männliche“ Lektüre zuvor niemals auszustrahlen vermocht hatte.

Beispielsweise: eine Mutter, die sich nach der Geburt ihres Kindes über Schlafstörungen beklagt und Schlafentzug fast mystifiziert, eine Tochter, die unter Magersucht leidet und ihre Zwangsgedanken ach! so authentisch aufzählt – Doris Dörrie versteht es, mir diese doch sehr weiblichen Themen genau in denjenigen Momenten nahezubringen – eine sprachlich gefühlvolle und zugleich inhaltlich subtil ironische Verbindung zu schaffen – da ich mich von meinen Ausscheidungen löse.

Ich entspanne, lächle und empfinde eine Zen-artige Atmosphäre, wenn ich, ausleitend, Dörries Zeilen rezipiere. Zwar gelingt es mir meist nicht mehr als zwei Seiten pro Tag zu lesen, was wohl darauf hinausläuft, dass ich noch gut vier Monate brauche, um das Buch zu beenden, aber ich habe schon den Nachfolger bzw. die Zweitlektüre auf meine Wunschliste gesetzt: „Feuchtgebiete“.

Damit ich dann auch im Falle des Falles, d.h. des Durchfalles, etwas Passendes parat habe.

in einem anderen gedicht

in einem anderen gedicht
herrscht krieg
ein regensturm fegt
über die straße
und jonas fängt einen bunten schmetterling

in einem anderen gedicht
verabredet sich das  laute mit dem leisen
hängen worte an kondensstreifen
am horizont
und keiner liest

in einem gedicht
ist es möglich zu sterben
und zu leben
winke ich dir vom bahnsteig zu
ein ende ohne ende

Zielsicher

Die Großküche atmete Ungewissheit – ein herzzerreissender Aufschrei und von einer auf die andere Sekunde stand alles still. Zwanzig Augen starrten auf die Neue.
„Pippilotta“, hatte die ältliche Küchenchefin ihr eingebläut, „dies wird zähes Fleisch, klopfst du es zuvor nicht windelweich!“ „Jawohl, Frau O.“, hatte sie artig geantwortet und war ein wenig enttäuscht gewesen, als ihr freundlichstes Lächeln von Frau O. nur mit einem teilnahmslosen, ja fast abwertenden Blick zur Kenntnis genommen worden war.
Jetzt sah sie das weiche Fleisch unter ihrem halb herunterhängenden Nagel hervorquellen.
Es schmerzte sehr – und doch atmete dieses sensible Fleisch nun Luft. Geschwängert mit Kartoffelwasserdampf und Zwiebelkuchenduft, um genau zu sein.

Pippilotta war hin- und hergerissen: dieser Schmerz, wie sollte sie damit umgehen?
Manchmal kam ihr das Pochen wie eine Befreiung vor, ein anderes Mal war sie wütend auf sich, ihn (wenn auch unabsichtlich, wie ihre innere Stimme stets betonte) gerufen zu haben.
Pippilotta war fünfzehn Jahre alt, fast sechzehn (wie ihre äußere Stimme stets betonte) und arbeitete zur Probe in der Großküche. Sie lebte mit ihrer Mutter, eine Kriegerwitwe, in einer Nissenhütte am Rande der Stadt. Ihr Leben drehte sich um Kartoffeln, Zwiebeln und zähes Fleisch.
Doch war sie – verglichen mit ihrer Situation vor einigen Jahren – nicht unzufrieden. Das ewige Heulen der Siren war verklungen, der Feuerregen weitergezogen und auch das tausendfache Knurren leerer Mägen hallte nicht mehr von kahlen Bunkerwänden wider.

Nun träumte sie davon, dass ihr einer der wenigen verbliebenen Männer den Hof machen würde und sie ihn in zwei Jahren heiraten könnte. Sie wollte einen Kinderwagen schieben, eine Küchenmaschine bedienen, das Bett machen und ihren Mann glücklich einschlafen sehen – nach gierigen Küssen und ach so süßem Schmerz.
Am Nachmittag traf sie in der überlaufenen Arztpraxis Nils. Seine Ohren standen etwas ab und sein Lächeln war leicht schief, sie wusste, dass ihre Mutter seinen Gesichtsausdruck als verschlagen bezeichnen würde, doch für sie war er einfach nur wild. Der Schmerz in ihrem Finger pochte nun in Einklang mit ihrem Herzen. Sie glaubte an das Gute im Menschen, an den Unterschied, den ein jeder zu bewirken vermochte. Nach dem erfolgreichen Verbinden ihres Fingers durch einen Arzt durfte Nils sie, aufgeplustert wie ein galanter Retter, nach Hause bringen.

Fünfzehn, fast sechzehn Jahre später verurteilte sie der Bundesgerichtshof dazu, ihre Beiwohnung nicht teilnahmslos geschehen zu lassen. Auf die Aussprache von Gefühlen, die Nils verletzen könnten, müsse sie, um der Erhaltung der seelischen Gemeinschaft willen verzichten, auch wenn sie das Opfer der Beiwohnung nicht bejahe.
Viktualia, ihre burschikose, viel zu freizügige Tochter übte sich derweil mit den Schmuddelkindern in freier Liebe. Blowing in the wind.
Wo war der süße Schmerz nur geblieben?, klagte Pippilottas innere, ergraute Stimme, als sie, zähes Fleisch weichklopfend, das Abendessen vorbereitete. Plötzlich drehte sie sich auf ihrem Stuhl halb um und ließ den Hammer auf ihre nackten Zehen fallen.

Situation in Deutschland

Im Jahre 1966 sah der Bundesgerichtshof den engagierten ehelichen Beischlaf als Voraussetzung zum Erhalt der Ehe an:[1]

„Die Frau genügt ihren ehelichen Pflichten nicht schon damit, dass sie die Beiwohnung teilnahmslos geschehen lässt. Wenn es ihr infolge ihrer Veranlagung oder aus anderen Gründen (…) versagt bleibt, im ehelichen Verkehr Befriedigung zu finden, so fordert die Ehe von ihr doch eine Gewährung in ehelicher Zuneigung und Opferbereitschaft und verbietet es, Gleichgültigkeit oder Widerwillen zur Schau zu tragen. Denn erfahrungsgemäß vermag sich der Partner, der im ehelichen Verkehr seine natürliche und legitime Befriedigung sucht, auf die Dauer kaum jemals mit der bloßen Triebstillung zu begnügen, ohne davon berührt zu werden, was der andere dabei empfindet. (…) Deshalb muss der Partner, dem es nicht gelingt, Befriedigung im Verkehr zu finden, aber auch nicht, die Gewährung des Beischlafs als ein Opfer zu bejahen, das er den legitimen Wünschen des anderen um der Erhaltung der seelischen Gemeinschaft willen bringt, jedenfalls darauf verzichten, seine persönlichen Gefühle in verletzender Form auszusprechen.“

8 Nonseme

Ach, vermummtes Seelum du,
wo bist du gewesen,
hab Neutronen totgeschwiegen
und verschluckte Besen.

Als uns das Leben zwangsereilte,
da wusste ichs nicht besser
und ließ mich auf das Leben ein,
nun bin ich ein Deltagramm.

Die Alten wussten schon ganz gut,
was Sache war und so.
Ihre Hausaufgaben hatten sie gemacht,
diese antiken Streber.

??? ??? ??? ?????? ?????:
?????????, ??????,
????????, ???????,
?? ? ????? ??????? ??????.

Und unter mir schwebt völlig arg,
die Riechung vorgebend,
ein blutendes Exempel,
kronykop-tütätowiert.

Doch du kommst gewiss nicht wieder,
ich weiß doch ganz genau.
Auch Seelen haben Glieder
und fischen in der Donau.

?

Die DDR war ein tätärätä staat.weil zu jedem anlass die spielmannszüge und andere kapellen aufzogen.zu jedem apell in den schulen wurde erst mit der fanfare geblasen.einige betriebe und schulen hatten ihre eigenen blaskapellen.immer war tätärätä angesagt,bei jedem kleinen ereignis.

sekundenschleuder

meine welt ist ohne welt auf der weltachse hockt ein hase der ist bauzeichner von beruf und hat eine sekundenschleuder konstruiert zum nochmalbeginnen des lebens aufgebogen zum wiederschmecken der sossen nochmals ein glückhaftes glänzen schräggebüschelter bäume reihenweise funkelnder geschmeide aus knochen ohne ein blondes hallo oder stumpfe gespräche über rharbarber das abkindische trägt einen gestreiften anzug wir blicken einander durchsichtig an in unsrer gewichenen zeit der zustand des hasens ist höllisch seine gespitzt geschraubte möglichkeit des mundes ist etwas jenseitiges zwischen wunder und wut ganz ohne weltbefund

aus der Wiese

aus der Wiese die Borke schälen,

die nach dem Tod der Vogelbäume blieb.

in deren Laub saßen Krähen

und pickten nach Wolkengesichtern, im Gras

saßen wir.

in den Ästen saßen die Elstern

und zeigten in andere Richtungen, im Gras

sprachen wir. aus der Wiese

die Borke schälen, die uns

vom Vogelbaum blieb – etwas weiter

die Hügel hinab ist auch Laub

schon fossil

aufrecht gebogen

ich bin nur noch selten allein : sehe
den sonnenuntergang hinterm baumgewölbe : das der wind
von westen her kahl geschoren hat : wie sind die äste

aufrecht gebogen : wie sterben sie ab
mit der zeit : wenn sich blökend das schaf
meldet aus der nachbarlichen einsamkeit : ich bin nicht selten

ein schaf : kreise angepflockt enge runden
alles ist abgegrast : der winter kann kommen
mit ihm endlich das alleinsein : es ist ein luxus

allein sein zu können : seinen gedanken
nachzuhängen : zu träumen : von natur aus
ist der mensch ein herdentier : das es allein

nicht lange aushält : er ist mehr schaf
als mensch : der selbstvergessne : quatschende
immer bereite mensch : der sich zum untergang rüstet

Nebelzeit

Auf zwinkernden Wellen
liegt warmes Licht
Des späten Sommers
Lachen hallt über
leere Strände
Bald kleben zwischen
leicht schaukelnden Netzen
silbrige Mondschuppen
Dein Blick flüstert
tief wie die Felsschluchten
am Kap dann
verwandelt den Puls
in Nachtwind und Brandung

Unsere Haut zeichnet
Ofenfeuer und Wiesentau ab

witwenjahre

trübe schleierblicke
und kamillentee worte
auf schwarz umrandetem papier
blättert trost
losigkeit
und ungestilltes verlangen
nach einem zeichen
für glück

und wie es wieder kommt
und platz nimmt
mit gesenktem blick

das mädchen

wohnt im sommer am see : es hat seine wohnung
im bauwagen : die fenster vernagelt mit sperrholz
kehrt es um mitternacht heim : wenn am see
alles still ist außer den springenden karpfen

die ins wasser klatschen : wenn die trinker
heimgetorkelt sind : schleicht sie im dunkeln
zum wagen : öffnet das schloß an der sperrholztür
schlüpft hinein : verbringt die nacht ohne geräusch

geschützt vor klatschenden karpfen und torkelnden trinkern
um am vormittag hinauszuschlüpfen : im schatten
ihr geschäft zu verrichten : im hellen zum see
zu schlendern : wo ihre kundschaft auf tretboote wartet

der Bach

der Bach, der durch die Stadt geht,

wie ein alter Mann, bringt silbrige

Forellen in die Nacht. vom andern Ufer

hallt der Klang, den diese Nacht und diese

Stadt alleine machen – an die

Nebelbank entlassen – einsam um den Bach,

in dem die Leiber tot

wie lange Messer blitzen

die Haut der Äpfel

die Haut der Äpfel im vergangnen Jahr,

im Eis, das aus den Wolken wie von deinen

Augen fällt: und du

erinnerst süßlich an den Tod – ein Schmetterling,

der Eier in die Blüte legt und dann

im Apfel fast am Apfel selbst erstickt. die Flügel

schwelgen in der Säure einer Frucht, gehalten

zwischen – oder tropfend silbrig aus den Ästen

unsres Apfelbaums. ein Traum, vergangnes Jahr,

vergangne Zeit – vergangnen Sommer hat der Falter

sich aus dieser Frucht gezwängt, die Flügel

gaben Staub ans Sonnenlicht