ich wär dabei, wir würden Fliegen töten

weil wir nie etwas zuleide täten: nicht

dem engen Antlitz, dass du bist, nicht mir,

nie mehr, als nur dein Antlitz; und

wir würden Flügel zählen, rückwärts

auf die Null, und schillernd Zahlen, und wir

könnten nicht mehr fliegen. und wir würden

Körper stapeln, die Tracheen

hätten aufgehört zu atmen. und wir würden

alles tun, allein zu sein. ich nichts,

du alles, ganz allein

In Memoriam

„Fritzchen! Komm jetzt endlich runter da!“ „Nur einen noch, Papa, bitte!“
Die entnervte Stimmlage seines Vaters duldete nun keinen Widerspruch mehr.
„Nein!!! Jetzt sofort!“, röchelte er. Der glühend heiße Julivormittag forderte unerbittlich seinen Tribut. Michel war mit seinem kleinen Sohn in einer ihnen fremden Stadt gestrandet und nichts lief so, wie er es sich vorgestern Abend noch ausgemalt hatte.
In sich fühlte er eine unheilvolle Melange aus Überforderung und Enttäuschung aufsteigen, verspürte unendlichen Durst. Das Shirt, wurde ihm schlagartig klar, war viel, viel zu eng.

Ganz anders die Stimmung bei Fritzchen: selbst hier, in der brüllenden Sonne, gab es etwas für ihn zu entdecken. „Papa, warum stehen hier so viele Steine? Papa, weshalb haben manche von denen so große Risse? Papa, warum haben die Männer ohne Haare dahinten eben so komisch gelacht, nachdem der mit der Zigarette etwas gesungen hat?“

Michel und Fritzchen waren schon um vier Uhr früh unter wiederholtem, sorgenvollem Gestöhne von Mama Claudia mit einem Korb voller Butterbrote und einer dicken Mappe voller Ermahnungen und Stadtkarten im Kofferraum aufgebrochen, denn um spätestens halb fünf, so hatte sich Michel überlegt, wollte er auf der Autobahn Berlin entgegenrollen. Er rechnete mit knapp drei Stunden Fahrt.

Die Uhr an seinem schweißnassen, schwarzhaarigen Arm zeigte nun 11:11. Als sie ungefähr um halb acht mit der Parkplatzsuche begonnen hatten, war er noch frohen Mutes gewesen: „Das schaffen wir, Fritzchen, das schaffen wir schon“. Michels Murmeln wurde jedoch verzweifelter mit jeder Runde, die er im anschwellenden Berufsverkehr drehen musste.
Dann endlich hatte er einen halben Parkplatz ergattern können – das Heck ragte zwar etwas auf eine Einfahrt, doch keiner der vielen Polizisten, die in der Nähe standen, guckte herüber. Nachdem er sich seinen Sohn unter den Arm geklemmt hatte, sprintete Michel, ohne an den Picknickkorb im Kofferraum zu denken, in einem für seine Verhältnisse ungeahnten Affentempo los.

Morgengrauen. Etwas rauscht. Claudia kommt ihm in den Sinn. ‚Michel, pass bitte auf dich auf.‘ Ja,ja. Frauen, was wissen die schon. Er dreht am Radio, bis er einen klaren Empfang hat, hofft auf Nachrichten, Sport. Mist, nur ein Kultursender, ein Stück aus der, wie heisst sie noch gleich? Ah ja, Dreigroschenoper. Er schaltet schnell weiter.

„Papa, wohin laufen wir?“ „Da wo die vielen anderen Menschen auch hin wollen, siehst du doch.“
‚Was geht? Wo bist du? Isch warte! Wie, die haben im Fernsehn gesagt, dass schon dicht is?! Kein Scheiss, Digger??! Aber echt ey, was ne verfickte Scheisse, solche Wichser! Ja, Mann! Alda, isch sach nur Huuuu-rrr-eeensöhne!!‘
Es durfte nicht sein. Michel versuchte auszublenden, was er eben im Vorbeigehen bei dem jungen, aufgebracht telefonierenden Einheimischen mitgehört und ansatzweise entschlüsselt hatte.

Weiter. Singende Leute, irgendwo. Deutschland vor, noch ein Tor. Deeeeutschlaaand, Deeeutschlaaand! Die Menge wurde dichter, Fritzchen bestand darauf, auf die Schulter genommen zu werden. Es ging nicht mehr voran. Nach einer Viertelstunde hörten sie in einiger Entfernung Frakturen einer Lautsprecheransage „…aufgrund von… tut uns leid…“
Die Menschen um sie herum zogen langsam und enttäuscht ab.

„Wann sehen wir die Weltmeister denn endlich?“, fragte Fritzchen, leicht quengelig.
Michel sah sich um, das heißt, eigentlich wollte er ganz weit weg sein, blickte durch alles um ihn herum hindurch. „Tja,…also…“
„Wo gehen die ganzen Leute jetzt hin, Papa?“ Fritzchens erneute Frage hatte ihn in ins Hier und Jetzt zurückgeholt. Vielleicht war noch nicht alles verloren. Man musste nur eins und eins zusammenzählen, dachte er. Wenn die Helden in Kürze am Himmel erscheinen würden, hätten sie den Weg vom Flughafen bis zum Brandenburger Tor ja noch in einem Bus zurückzulegen. Dort könnten Fritzchen und er vielleicht einen Blick auf sie erhaschen und die Reise wäre nicht ganz umsonst gewesen.

Doch Michel kannte sich in Berlin nicht aus und der Stadtplan war, wie ihm jetzt dämmerte, ja noch im Kofferaum des Autos. Wieder am Parkplatz angekommen – unglaublich, wie heiß es um halb zehn im Sommer schon werden konnte – fehlte vom Wagen allerdings jede Spur.
Er wollte aus dem Alptraum erwachen. Kaum zu glauben, dass vorgestern noch der schönste Tag seines Lebens gewesen war. Sein Handy hatte er gottseidank bei sich, fiel ihm ein. Er würde die Polizei anrufen, fragen, wohin sein Auto abgeschleppt worden sei und sich mit Fritzchen auf den Heimweg machen. Ich schaff das schon, dachte er. Alles wird sich fügen.

Die Funkzelle war deutlich überlastet, sein Handy bekam kein Netz. Und während er wütend auf dem Display herumtippte, kriegte er nicht mit, wie eine Maschine relativ niedrig eine Schleife am Himmel drehte. Fritzchen jedoch fragte: „Warum fliegt das Flugzeug da so tief, Papa?“
„Nicht jetzt, Fritzchen… wie, was?“ Doch als er endlich seinen runden Kopf in den bulligen Nacken gelegt und seine Augen den Geräuschen der Triebwerke zu folgen versuchten, war die Fanhansa schon wieder hinter Häuserzeilen verschwunden. Noch immer bekam er kein Netz und zu allem Überfluß war sein Akku, seit einiger Zeit chronisch kurzlebig, leer. Was tun?
Er fragte Passanten nach dem nächsten Polizeirevier. Der sechste gab vor eine gewisse Ahnung, zu haben, „Da lang, vorne links, einmal rechts und dann wieder links – glaub ich.“ Fitzchen und Michel zogen, wie beschrieben, ab.

„Papa!!“ Fritzchens helle Stimme weckte ihn einmal mehr aus seinen, den bisherigen Tagesablauf merkwürdig apathisch Revue passieren lassenden Gedanken.
„Ich hab gefragt, warum die Männer ohne Haare dahinten eben so komisch gelacht haben, nachdem der mit der Zigarette was gesungen hat?“
Michel schleppte sich weiter, der Sonne entgegen. Etwas hallte von hinten wider. „Hahahaha!“ und „Nochmal!“ und „So brennen Juden, die Juden brennen so“ und „So paffen Deutsche, die Deutschen paffen so!“ Er sah nach Rechts. Steine, Steine mit Rissen. Er schaute an sich herunter: eine Uniform. Weiß. Ein wenig Gelb, vom Schweiß und feinem Sand, natürlich. Es wurde viel gebaut in Berlin, wieder.

Michel nahm seinen Sohn nun an die Hand. Obwohl es ihm schwer fiel, versuchte er auf den Jungen einzugehen „Weißt du, Fritzchen, bevor wir Deutschen das erste Mal Weltmeister im Fußball geworden sind, waren wir Weltmeister im… Boxen. Wenn da ein Gegner ordentlich was auf die Mütze bekommen hatte, musste der Gewinner nur pusten und der Verlierer kippte schon um, Piff-Paff, wie im Zeichentrickfilm, du verstehst schon. Daher kommt das, was die gesungen haben.“
„Hmm. Und warum hatten die alle keine Haare?“ „Siehst du doch bei mir, Stöpsel, wenn es Sommer ist, schwitzt man ganzschön doll. Das vermeiden die eben schlauerweise.“ Er blieb stehen, um Luft zu holen. „Außerdem wollen sie bestimmt verdecken, dass sie noch weniger Haare übrig haben, als der Papa.“ Michel versuchte sich an einem Lächeln, dem einzigen heute. „Achsooo. Und warum sind hier so viele Steine zum Hüpfen?“ „Du hast doch die ganzen Baustellen gesehen, die haben die hier schon mal hingestellt, um später die Aussenmauern damit zu bauen.“ „Aber die ganzen Steine mit den Rissen sind doch zu kaputt dafür, oder?“

Michel wusste nicht mehr, was er sagen sollte. Doch Fritzchen hatte sich plötzlich schon wieder losgerissen und war vorgestürmt: „Papa, Papaaa, da geht’s runter, wollen wir da rein, Ist bestimmt schön kühl da unten. Du, ich hab Durst, Papa.“ „Papa, was steht da auf dem Schild?“ „Ho-Lo-…“ „Papa, was ist denn mit dir, warum legst du dich auf den Boden?“ „Papa?!!!“

Anstatt dass, anstatt dass,
sie zu Hause bleiben in dem warmen Bett.
brauchen sie Spaß, brauchen sie Spaß!
Fragt`s ob man ihnen eine extra Wurst gebraten hätt?

Das ist dann die Sonn‘ über Ber-lin.
Das ist der verdammte fühlst du mein Herz schlagen- Text.
Das ist das -Wenn du wohin gehst, geh ich auch wohin Jogi -.
Wenn die Liebe anhebt und die Sonne noch wächst.

Tischgespräche II

Ausschnitte aus den »Tischgespräche

»Meine Schäferhündin „Blondi“ ist in gewisser Hinsicht auch Vegetarier – sie frisst bestimmte Grasbüschel geradezu mit Behagen! Interessant ist, dass ihr das über Koliken hinweghilft. Wenn man das weiß, muss man sich doch wundern, wie vernünftig Tiere sind und genau wissen, was für sie am bekömmlichsten ist. Ich bin schon gespannt, ob meine neue Schäferhündin „Bella“ mit der Zeit auch eine Vorliebe für vegetarische Kost zeigt.«

»Die schlimmste Zeit im Jahr ist für mich der Parteitag in Nürnberg¸ das bedeutet für mich eine furchtbare Anstrengung. Am anstrengendsten ist das stundenlange Stehen beim Vorbeimarsch. Ein paar Mal ist mir schon schwindelig geworden. Man macht sich keinen Begriff, wie qualvoll das ist, stundenlang mit durchgedrückten Knien zu stehen. Allerdings: wenn der Parteitag vorbei ist, das ist für mich jedesmal so etwas Trauriges, wie wenn der Schmuck wieder vom Christbaum entfernt wird.«

 

Quelle: http://www.tischgespraeche.net/textauszuege.htm

Fähnlein Fried

Fürs schwarze Loch des Kollektivs
streben alle zwanzig Jahre etwa
zusammengewollene Fälle
ins Glied

Der Weltball aus Blut
für Kinder mit Herz
ist Meister in Deutschland
verblieben

Ganz blank geleckt
strahlt das Goldgesicht
zurück und tanzt
unschuldig wie ein Indianer

Uga-Aga-
Uga-Aga-
Bumm-Bumm-
Bumm

Nimm mir den Atem dann geh
wilder Rauch der Frühe
Uhhhhoooooo

In jeder Hütte kehr aus
Jaaaahaaaaaa

Ausschussware

Aus dem Nirgendwo schnuppert ein verträumter Gedanke, ein freundlicher Witz.
In weichen Schlieren kugelt Plasma verspielt durch vor Tiefe triefende Lichträume:

Richtig, also türkis zu handeln,
das heißt nämlich orangen unzutun,
was falsches, olivgrünes Wirken
gelb gebar, schwarz trägt und blau zeugt.

Das bunt vermischte Muster verliert sich im Spektrum der Ungenauigkeit, wird flacher, kantiger, einsamer. Ein gehetzter Geist, erschöpft, jedoch rasend davon, traurig aber streng – auf Anhieb nur dem Gewollten gegenüber mild – beschwört murmelnd, schwermütig – verstreut in dunklen, nur hier und da mit winzigen hellen Flecken gesprenkelten Hallen – die gnadenleere Endlosigkeit sich selbst bewußt gewordener Zeit. Versucht dennoch zu fliehen, erfolglos. An jeder Ecke stehen mehr oder weniger rechte Winkel. Halt! rufen sie und: Achtung! Stillgestanden! Haltung annehmen! Es gibt nur eine einzige zur Auswahl:

Gerade, rational abgrenzend, zuurrechnen
bedeutet nurmehr axiomatisch vorzudefinieren,
wie irrationale, ungeerdete Funktionen
potentiell interdimensional verlaufen können.

Etwas klingelt. Diesmal es ist ein Wecker, aber es hätte auch die Sitzungsglocke sein können. Ein karrieretauglich eingebetteter Politiker wächst nun wieder heran, allerdings nicht über sich heraus. Was anfangs noch anders, offen, sinnlich erschien – des Schlafes gerecht – entwickelt sich im Laufe eines halben Wochentages konsistent zu einer missbräuchlich sakrosankten Kalamität:

Die erfolgreiche Sicherheitspartnerschaft im Rahmen
jahrzehntelanger, vertrauensvoller Zusammenarbeit
aufgrund drittklassiger Spielereien als belastet darzustellen
entspringt -ungefasst, kopflos- gefährlicher Kurzsichtigkeit.

Kurz vor Ende der Sitzung fliegt dem Politiker aus der Zuschauertribüne eine Taschenbuchausgabe von Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ entgegen. Ein Saalordner entfernt die ominöse Schrift, ein anderer die unscheinbare Rentnerin. Der Politiker verabschiedet sich bei den einflußreichen Parteifreunden und macht sich auf den Weg. Zu seiner Lieblingsbrücke, natürlich. Er überlegt, ob er irgendwann einmal davon herunterspringen sollte, aus Liebe – zu sich selbst, wie er denkt – aber entscheidet sich, kaum überraschend, dafür, noch ein wenig mit der Beantwortung dieser Frage zu warten. Sicher: zwar segelten so manche erfolgreich über die Brüstung, doch sprangen sie nicht alle freiwillig. Viele hingen plötzlich auch fest und baumelten bald farblos an zuvor unsichtbaren Stricken. Des Politikers verinnerlichter Hirntaktpräsident verbittet sich alle mit diesen Komplexen zusammenhängenden Gedanken aufs Schärfste. Draußen, vor der Tür des hohen Hauses sehnt sich ein kleiner Junge nach Schlaf, nach bunten Träumen ohne Angst und ohne Lügen. Da links, schau an, eine hübsche Kleingartenkolonie. Er gähnt, voller Vorfreude, zufrieden: Feierabend.

blaue planetin

alte dame
im rhythmus
von tag und nacht
schwindelfrei und barfuß
im kreis
lauf
um die sonne
du gute
drehst dich

drehst dich
um dich selbst
du dicke alte
im flatterkleid
junges Mädchen
gestern noch
und tausend leben
tanzend

[8]

Auf einer Bühne aus Lust und Unlust pulsieren die Synapsen in ihrem Farbenspiel, permanente Verschiebung der Frequenzen zwischen dir & mir in Richtung der längeren Schatten – – _

Lang vorbei

Der Messebleistift ragt durchs Laub : im Gras
Spazieren Schwäne : sie fauchen furchtbar
Nahst du dich den Jungen : die Menschenkinder
Schaukeln jauchzend : die Flüsse überfluten

Öfter dieses Fleckchen Land : im Sommer
Wenn die Gletscher schmelzen : steigt das Wasser
Die Hoch + Tief : Betriebe stört das nicht
Sie ragen blechern übern Uferrand und laben sich

Das große Fressen : der Krieg ist lang vorbei
Klima ist lukrativer : wenn es schwankt
Der Main bei Frankfurt murmelt diese Botschaft
Jahr für Jahr : große Menschen verstehn

Die Murmelsprache nicht : sie brauchen Formeln
Um sich den Blick aufs Leben zu verstellen : lohnt es
Wer fragt das nicht : die kühl im Schatten
Sitzen : schaun ins Grüne und vergessen

Daß in hohen Türmen verlorne Söhne schwitzen

[9]

wo Zeit – – nichts ist als Brummen, Flimmern, Berührung im Schlaf – und die Besinnung eine Aufgabe für den Traumberg im Schutt: inneren Sinn / mit der Zunge das Gewölbe // erahnen ( & die Welt eine Höhle unterm Himmel, Beleuchtung von Synapsen auf einer Buhne aus Unlust

[10]

Die Welt als Kulisse für die Abenteuer der Seele auf dem Weg – – – in die Ewigkeit,
In seiner Jurte sitzend, Puschkin übersetzend

Kinderlandverschickung

Am Waldesrand zieh’n Feuerfüchse,
sie necken helles Blau mit Schwarz
und nadelnd tropfen Funken Tod.

Durch Ähren fliehen Friedensrehe,
sie strecken tiefes Gelb mit Braun
und panisch dreschen Hufe Stroh.

Im Dorfe toben Glockenstürme,
sie pumpen Tümpelgrün in Rot
und wütend grüßen Ketten Ruß.

Des Abends schweigen Hühnerställe –
Sommerstreichzeit, federweiß.

Luftstromschläge

Den ganzen kühlen
Tag schon peitscht
ein strenger Wind
durch volle Kronen

Wie dürre Trauerweiber
klagen biegsame Äste
ächzend taubengrauen
Wolken ewiges Leid

Schütteln verloren im
brüllenden Rausch weißer
Wehen tausende Kinder
den Himmeln entgegen

werktage

die zeit ist weiblich
und leichtfüßig
wie die nacht
fädelt sie jahrhunderte

und liebe ein
aus tüll
und grobem leinen

verspricht und hält
nicht mund noch hand

faltenzeiten

mit blauer tinte
gegen das vergessen
schreiben
von den lauten
und gebrochenen
flüchtet die zeit
wortgekleidet

in eine große liebe
mit blauen augen
ein leben im Wartezimmer
die kinder
aus dem haus

am fensterbrett blühen
blasse erinnerungen
und hinter den faltenlidern
sein gesicht

troja

über die gefalteten dächer
wirft der krieg girlanden
ayhan schläft seit tagen
ziehen schillerfalter ins gebirge
liegen tarnnetze über karawansereien
und in den ebenen flugabwehrraketen
ayhan geht im traum
nackt zwischen soldaten
schläft der halbmond
hören die schmetterlinge
flüsternde stimmen in den bergen

drängen truppen
von allen seiten gegen die stadt
auch vom meer
täuschen weiße segel frieden vor
ayhan rudert ihnen entgegen
in simulationen
fällt soldaten das töten leicht
im häuserkampf richten sich die gefalteten dächer
noch einmal auf
später werden die dichter des landes
die schönheit der berge besingen
doch die schillerfalter kehren nicht zurück

rückzugsgebiete

mit fischen belaubt
treiben häuser das tal hinab
spielen jetzt quallen in unserer straße
verstecken und fangen
legen sich
schneegedichte über die berge

rehe gingen voraus
und bauten nester
zwischen korallen
bäumen

blieb zeit stehen
lehnte sich
eine wegwarte
an deine schulter

und der wind wirft wellen
über die baumkronen
und stimmen hernach
eine lange stille

Tractatus sentio-cassus

Wenn ich über
nachdenke, ist mir, als
und mein
fühlt sich ganz
an.

Es beginnt mit
dann folgt
bevor – endlich! –
nach einer
einsetzt.

Besser in solchen
ist doch sicherlich
und lieber, wie
formulierte, von
zu schweigen.

Wahlkreise

Vorm Spiegel geübt
Krawatte gebunden
In die Kameras gegrinst
Roter Spuk mit schwarzen Flecken

Das Müsli gelöffelt
Judith Butler gelesen
Die Kurzhaarfrisur geföhnt
Grüner Spuk mit rosa Flecken

Die Haare gegelt
Den Logenring angelegt
Obdachlose Penner genannt
Gelber Spuk mit blauen Flecken

Die Fresse aufgemacht
Die Bullen ausgelacht
Auf die Stiefel gespuckt
Schwarzer Spuk mit roten Flecken

Duftende Wolken : verkokeltes Gras

Berlin bespaßt seine Besucher : Freitagnacht
Am Kottbusser Tor brennen die Lichter : der Friseur
Verpaßt dir eine frische Mähne : damit du tanzen

Kannst : am Spreeufer entlang : auf den Stadtstränden
Durchs Oscar Wilde : überall leuchten dir Lichter
In Trauben stehen die Leute herum : über den Köpfen
Duftende Wolken : verkokeltes Gras

Du singst Karaoke in einer Jurte mit süßen Mongolen
Und Dietmar Dath presst das letzte Wort aus dem Hals
Mit seiner Band namens Hans : Sprechgesang

Trägst du im Ohr : durch die üppig grünenden Alleen
Berlin bespaßt seine Besucher : von Mitternacht
Bis früh halb Vier : bis alle sagen : ich bleib hier

Kunstwerk Nr. 14

r h y t-h-mu s :

( 3 – 2 – 3 ) –> 8 — 3 — 3

i n n ere Historizität : __ Axiom Postulat S a t z

„Ohne Ende kein Anfang“
„Es ist so, sieh“
„Wenn es zu Ende ist, sieh. Und siehe. Es ist__

pro b l m-t-s rng :

Erst war das Glucksen bei sich. Dann verzichtete es aufs Schlucken. So geriet es außer sich.
Das glucksende Erinnern. Erinnern an sich. Ding, eben : für b.

sch l i e ß. lich :

PENG (Sprechakt 1966)

Minima Moralia

Da sagt einer von sich,
er sei kein politischer
Mensch, denn ein solcher hungere –
arm an Vertrauen.
– Wohinein überhaupt?

Ein anderer behauptet,
wäre er ein mitfühlender
Mensch, blutete er sich ja zu Tode –
ein Tränenbruder, das Rote.
– Wozu auch?

Die Dritte, starr, schweigt,
es fällt ihr sichtlich schwer
sich menschlich zu regen –
dann hebt sie ihren Blick.
– Woheraus nur?

Tischgespräche

Man braucht nur mal einen Tisch mit vier
Beinen zu kneten – und schon hat man den
Prototyp eines Hundes.

Kanalratte

Als die hellgeflutete, brunchige Morgenkühle
ihren Rausch ausgefressen, der Wind
nur die hohen Blätter noch wirbelnd bespielt
und die Sonne schließlich breit
‚halb sechs‘ gesummt hatte,
miauten, verlaufen in Hinterhöfen,
jugendstilbegattete Gassen
und auf schmalen Wiesen
am Wasser ertollten,
dicht an dich gedrängt,
Decken stoisch Juni ,
schüttelten schließlich,
halb  sieben, bassgelenk,
lichte Tage launig ab:
dem gone… –
so far away.

Waldläufer

„Ist Sommer hier, herrscht den Sehern nach tief im Süden ein kalter Schattenwald“, sprach Rudolf. Er hob seinen Kopf, weg vom Feuer, hin zum Mond. Von der anderen Seite der Erde verdeckt, entsprangen der Sonne kräftige Strahlen darauf zu.

„Woher weisst du das? Bist du denn so ein Seher?“, fragte Ludwig. Seine erfrischende Neugier brachte Rudolf sanft zum Lächeln. „Ein Seher, ich? Nein. Ein Hörender? Schon eher.“ Ludwig schaute ihn verdutzt an. „Sieh nach unten und denk nach oben, Ludwig –“ Rudolf legte ihm den Zeigefinger der linken Hand auf die Stirn und schloß mit seiner rechten vorsichtig die Augenlider, „ein Seher denkt im Kreis und bricht Zeiten, wie Jesus das Brot. Er braucht keine Augen dazu, keine Ohren, selbst Arme, Hände, Beine, Füße sind ihm unnütz, spürt er heilige Flammen im Geist lodern. Auch sein Mund muß sich nicht öffnen, um von der Gnade zu berichten, sie umgibt ihn ohne Bringeschuld. Und tut er es doch, dann, weil er mit der Wahrheit spielt, wie das Kind mit Reimen, der Vogel mit dem Lied, der Mönch mit der Glocke; weil er es liebt, uns armen Sündern in Rätseln das Mysterium des ewigen Lichtes durch die Nacht und ihre fernen Sterne zu lehren.“

„Hast du einmal einen Seher gekannt?“ Rudolf spürte, wie Ludwigs Augen rotierten. Er wußte: Ludwig jagte jetzt glühenden Punkten durch ferne Zeiten nach. „Einen? Viele! Jeder von uns Menschen ist beizeiten ein Seher. Der eine in der Kirche, wenn er der Engel gedenkt, da das Licht durch die bunten Fenster auf die Weihrauchschwaden fällt und tanzt. Der andere, wenn er das Brot mit dem heiligen Tau darin ißt. Oder wieder andere, wenn sie verzückt in Geißelung oder Unzucht Wonne finden.“  Ludwig hielt, kerzengrade dem Feuer zugewandt sitzend, noch immer die Augen geschlossen.

„Ein Hörender aber kennt die Schemen und verweilt darin nicht zu lang, er achtet auf ein Knacken, auf ein Zischen – ein Hörender denkt Zeichen zusammen, verknüpft die Welten des Geistes mit denen der Erde. Ein Hörender verliert sich nicht in Gedanken und genießt es doch sie zu verästeln, versteht zu lauschen, aber vergißt nicht Scheite nachzuwerfen, droht ihm das Feuer niederzubrennen“. Rudolf war vorsichtig aufgestanden und hatte die letzten Worte, so schien es Ludwig, ganz plötzlich mit anderer Stimme, voller Hall und aus allen Richtungen kommend ausgesprochen.

Erschreckt öffnete er mit einem Gefühl, als wäre eine unbestimmbar lange Zeit vergangen, die Augen und sah, wie die Funken langsam wieder höher flogen.
„Ein Hörender würde also anhand des Züngelns der Flammen erfahren, welches Wetter kommt – und könnte trotzdem noch das bunte Pfeifen des Tannenholzes bestaunen?“
Rudolf nickte anerkennend. „So ist es. Aber damit, als Höchstes das Hören zu lehren, begnügt das Leben sich nicht, es gibt noch einen dritten, sehr schwer zu erreichenden Zustand. Nur wenige haben es je verstanden Fühlende zu werden.“ Rudolfs Stimme hatte einen zittrigen Tonfall angenommen.

Ludwig wollte, aber konnte nicht mehr warten, es schoß aus ihm, heraus: „Bist du ein solcher?“ „Nein.“ Rudolfs Stimme wurde wieder fester, aber auch leiser. „Warum nicht?“ Ludwig spannte diese Worte abermals voller Wucht, das Gespräch rührte an so vielen versunkenen Ahnungen und Träumen, er brauchte diese Antworten, jetzt oder nie. „Woher weißt du, was ein Fühlender ist? Und wenn du es weißt, warum denkst du, du bist es nicht? – nicht mehr?!“
„Deine Fragen, Ludwig, zeigen mir, dass du ein guter Schüler bist. Du merkst, meine Stimmlage verrät Traurigkeit und du könntest denken, dies sei den Wandlungen eines Fühlenden geschuldet. Doch so einfach ist es nicht.“

Wieder hielt Rudolf inne und schluckte kurz. „Ein Fühlender sieht nicht nur die Schatten, die das Feuer umtanzen, vermag dabei nicht nur den Luchs das Lager in weiten  Kreisen  umschleichen zu hören, nein, der Fühlende schürt überhaupt erst die Flammen, um dem Luchs zuzulauschen. Der Fühlende handelt wissend und ungeworfen. Aus dem Herzen, klar, führt seine Hand uns Blinde ins Land des Segens. Der Fühlende ahnt nicht, er gibt willentlich jenes, um was die Welt ihn – ohne eigene Ahnung davon, es sich eigentlich zu wünschen – bittet.“
„Der Fühlende ist also ein Heiliger?“ „Ein Heiliger, ja. Und der Teufel zugleich.“

„Das verstehe ich nicht.“ „Der Fühlende gibt den Menschen und allen Wesen, was sie suchen. Er will sie nicht verändern, sein Weg ist der Weg der Liebe, des Verständnisses und der Einkehr. Er nimmt vermeintliche Schuld an, verwirft sie und verneint radikal die Idee der Sühne. Er fühlt so sehr mit, dass er sich auflöst, wie eine Eichel, die in der Erde aufgeht und mit der Zeit zu einem starken, schattenspendenden Baum heranwächst. Doch aus einer Eichel wird keine Espe – und stehen die Zeichen auf Sturm, kann ein Fühlender daran zerbrechen. Will daran zerbrechen… -“

„Ist das der Grund, warum du Abstand davon genommen hast, ein Fühlender zu bleiben, Rudolf? Ist die Last zu schwer, bist du sehr verhaftet in dem, was man Hoffen nennt? In Sehnsucht? — nach erfrischendem Schlaf?“

„So ist es wohl. Ein Fühlender kann auf Dauer kein Lebendiger sein – ein Toter nicht im Gezwitscher der Vögel erwachen. Schlaf gut, Ludwig, und träume süß.“
Als Ludwig, in seine Decke gehüllt, auf den Boden neben dem Feuer lag und erst langsam, dann immer schneller, seine Gedanken wie warmer, weicher Sand unter neckenden Füßen zu verwischen begannen, schien es ihm, als vernähme er von weither eine Melodie.  Bruder Jakob, Bruder Jakob, schläfst du noch? Schläfst du noch? Hörst du nicht die Glocken, hörst du nicht die Glocken? Ding, dang, dong. Ding, dang, dong.
Bevor er endgültig das Bewußtsein verlor, schoß es ihm pfeilschnell durch den Kopf: ein Fühlender, das ist – ob Teufel oder nicht – allem Seienden ein unvergeßlich gütiger Freund.

 

Carlos Castaneda: Die Lehren des Don Juan

Groep 1850: MNH + ?!

Mahayana-Sutras

Mission: Genital

Schief lächelnd öffnet die ältliche Sekretärin ihrer Freundin in einem schwarzen, bis zum Hals zugeknöpften Kleid die Tür. „Herta, verdiente Kampfgenossin und Schwester in Bitterkeit, gegrüßt sei dein distinguierter Hass auf alles Gönnerhafte! Was sagst du, gehen wir heute wieder Tauben vergiften im Park?“

Ihr Gegenüber, einige Jahre jünger, doch mit einem ins Ungewisse flackernden Blick, erwacht ganz plötzlich: „Ach, Sieglinde, verehrte Lehrmeisterin des Zynismus! Ich fürchte, wir verbrauchen unser Arsen in letzter Zeit zu verschwenderisch, Maß halten ist wieder angesagt. Aber ich habe schon eine andere Idee! Du kennst doch den stets herumtollenden jungen Hund meines räudigen Nachbarn, dieses verdammten Idealisten! Immer schwingt der voller Enthusiasmus seine Reden, zaubert Begeisterung auf die unbeschriebenen Gesichter jungen Dinger – und das schlimmste ist, er glaubt auch selbst noch daran, was er sagt! …denkst du, was ich denke?“

„Erteilen wir ihm eine Lektion, die ihm das verlogene Schwänzeln um diese dummen Puten vergehen läßt und ihm ihm zeigt, wie die Welt da draußen wirklich ist!“
Zwei Tage später im Park: Herta und Sieglinde hocken hinter einem Busch. Eine hält eine Pfeife und eine Tuch , die andere eine Wurst und eine Schere. Einige Meter entfernt steht ein lachender junger Mann, um ihn herum drei feixende Frauen. Zu ihren Füßen spielen diverse Hunde, jagen hin und her. Herta streckt sich leicht und pfeift mit einer Hundepfeife, identisch mit jener, die, wie sie beobachtet hat, der junge Mann auch benutzt. Ein schmaler, schwarz-weiß gefleckter Hund mit lockigem Fell löst sich von der Gruppe und trottet, leicht sabbernd, fragend ins Gebüsch.

„Herta, halt ihn fest und bind ihm das Maul mit dem Tuch zu! Mach schnell, die Wurst ist fast verputzt!“ „Erledigt. Und nun zum Eingemachten! Ich dreh ihn dir hin!“ „Wo muss ich schneiden, Herta? Ich seh nur Fell und Reste von Kot!“ „Da, da unten irgendwo.“ Herta reckt ihren Kopf.  „Beeil dich, ich hab das Gefühl der verdammte Kerl will bald zu der nächsten Gruppe Backfische vorstoßen!“

Sieglinde macht die Augen zu. Blut spritzt ihr ins Gesicht und auf die Bluse. Der Hund jault erbärmlich. Herta umklammert, so fest sie kann, das Tuch. Sie fragt sich, ob sie sich das Knacken eingebildet hat. Der junge Mann sieht sich irritiert um. Die umstehenden Mädchen bemerken seine Unruhe und bieten ihm an, bei der Suche zu helfen. Sieglinde und Herta kauern weiterhin blutverschmiert im Gebüsch.

„Lola? Loooola! Wo bist du?“ Der junge Mann bewegt sich, zunehmend verunsichert in seine Pfeife pustend von ihnen weg. Eines der Mädchen nährt sich jedoch langsam, leicht abwesend dem Versteck. „Lola, Schnuckiputzi? Bist du hier?“ Herta schaut Sieglinde an, Sieglinde Herta. Sie nickt.

„Mathilde? Maaaathildeee!“ „Loooola? Lolaaaa!“ Immer mehr Menschen durchkämmen rufend den Park. Die Sonne neigt ihr Haupt. Herta starrt in den roten Ball. Als ob er zottliges Fell hätte. Blondes Haar. Tauben ziehen am Himmel vorbei. Sieglinde schluckt und fällt nach vorn.

Vereinsamte Tropfen entlaufen der Flasche in ihrer steifen Hand. Herta schreckt auf, sieht die Schere am Boden liegen. Geglückte, gleißende Flucht. Sonne, Savanne, eine Hütte. Ach, Afrika, denkt sie, ist doch so nah.

 

Lou Reed, The Gift
Georg Kreisler, Tauben vergiften im Park
Elliot Rodger, Manifest

undulation

1
großes herzecho an der wand
hängen gemälde von bruegel
du spielst violine

2
wir falten blumen zu gedichten
und verfüttern sie an die ungläubigen
hautflügler

3
adonisfalter wollen wir sein
auf einem röntgenbild
mit lungenflügeln

4
du atmest groben sand
mit den flugzeugen
ziehen stare übers gebirge

Also sprach Brecht (allein)

Ich liebe die Ergebenheit des Sichtens:
erleichtertes Schreiten zum Kommunismus,
geduldige, stille Einkehr in das Gute
des Menschen – an sich, für den Nächsten.
Ich hasse aber, wenn ein Zweifel daran
ausgelöscht wird mit Arbeit und Schweigen
und Tod. Wenn die große Säuberung anjährt,
ziehen sich meine Brauen berührt zusammen –
dass nurmehr Gewissheit im Bezug darauf
bestehen möge, was jene unbestreitbare Grenze,
die Solidarität zu mordenden Systemen ächte, sei.
Welch lauter Einspruch für die Rechte
aller Bürger, frei von Totalitarismus
und jeder vernichtenden Herrschaft,
ist doch heute, auch morgen noch,
fragen zu können, warum gestern so geriet,
gestelzt, bepelzt, verhetzt und ersetzt.
Ihr Verfolgten, ver-zweifelt euch nicht:
liebt, seht, denkt und wisst dem Einfachen
was schwer zu machen ist, nachzuschweben.