Ende der Zahlenspiele 1: Die übersehene Konstante

Von | 6. Januar 2021

Wer den täglich erscheinenden Lagebericht des Robert-Koch-Instituts liest und auf der ersten Seite, genauer: in der zusammenfassenden Übersicht zu Beginn der ersten Seite, kleben bleibt, der kann angesichts der wachsenden („dynamischen“) Zahlen von Infizierten, Intensivpatienten und Ver­stor­benen im Zusammenhang mit Covid-19 nur in Besorgnis geraten. Diese Zahlen werden täglich im Halbstundentakt berichtet, als gäbe es keine anderen Probleme auf unserem Planeten. Wer dem durch häufige Wiederholung abstumpfenden Zahlenjournalismus noch Aufmerksamkeit schenkt, kann nur resignieren oder in helle Panik geraten. Vermutlich gibt es zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Studie zu den sozial-emotionalen Beeinträchtigungen, die von der Berichterstattung in Zu­sam­menhang mit Corona hervorgerufen werden. Tatsächlich wiegen die kulturellen und wirt­schaft­lichen Folgen, die von der phantasielosen Fortsetzung des „Lockdown“ ausgehen, schwerer als die psychologischen Kollateralschäden. Er geht auf Kosten der Kinder sowie überhaupt fast aller Menschen, die jünger als 60 Jahre sind, erhöht das Armutsrisiko und spaltet die Gesell­schaft.

Zu befürchten ist, daß sich nicht nur die Mehrzahl der unkritisch gewordenen Journalist*innen, sondern auch der entscheidenden Politiker*innen, vor allem auf Landesebene, von den Zahlen­spielen auf Seite eins des RKI-Lageberichts beeindrucken läßt und schlicht aufhört weiterzulesen. Denn würden die Entscheidungsträger*innen und die Berichterstatter*innen den Lagebericht bis Seite acht studieren, genauer: den Abschnitt „DIVI-Intensivregister“, dann würden sie ein anderes Lagebild gewinnen. Das Register wird seit April 2020 vom RKI gemeinsam mit der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) geführt und ist auf www.intensivregister.de für jede Leser*in zugänglich. Es dokumentiert die in Deutschland vorgehaltene Kapazität an ITS-Plätzen und gibt Ärzt*innen Einblick, wo freie Kapazitäten zu finden sind.

Der Übersichtlichkeit halber beschränke ich mich in der folgenden Darstellung auf einen wohldefinierten Stichtag pro Monat, genauer: auf jeweils den letzten Mittwoch des Monats bzw. den ersten Mittwoch des Folgemonats, wenn er näher am Ende des Vormonats liegt. (Der Mittwoch wurde gewählt, weil der Lagebericht an diesem Tag die validesten Daten und darüber hinaus die Ergebnisse der Laborumfrage enthält.) Anfangs haben sich noch nicht alle Kliniken am DIVI-Verbund beteiligt, daher können die Angaben vom März nicht interpretiert werden. Trägt man die Angaben zur Auslastung der deut­schen Intensivmedizin für das Jahr 2020 auf diese Weise zusammen, ergibt sich ein ver­blüf­fendes Bild:

Abbildung 1: ITS-Kapazität, Auslastung und Anteil der Covid-Patienten in Deutschland (Stichtag: letzter Mittwoch des Monats bzw. erster Mittwoch des Folgemonats, Quellen: RKI-Lageberichte)

Die gestrichelte schwarze Linie stellt die Zahl der zur Verfügung stehenden ITS-Plätze in Deutsch­land dar. Während des ersten Lockdown im Frühjahr wurden zusätzliche Kapazitäten geschaffen. Im Juli/August, als die Positivquote dramatisch gesunken war, wurde begonnen, die Zahl der ITS-Bet­ten zu reduzieren. Erstaunlicherweise hält der Rückbau der ITS-Kapazitäten bis zum Jahresende an und wurde über den Jahreswechsel 2020/21 nur auf vergleichweise niedrigem Niveau stabilisiert, obwohl die Positiv­quote von Oktober bis Dezember beträchtlich anstieg und mit dem „dynamischen Infektions­ge­sche­hen“ der zweite Lockdown im November 2020 sowie dessen Verlängerung bis Ende Januar 2021 „begründet“ wurde. Welche Politiker*in hat den Rückbau der ITS-Kapazitäten in Deutsch­land der Bevölkerung jemals erklärt? Welchen Motiven folgt er? Könnte nicht im Gegenteil ein Ausbau der In­tensivmedizin – wie im Frühjahr 2020 – einem befürchteten Kollaps des Gesund­heitssystems vor­beugen? Vermutlich sind diese Fragen naiv gestellt. Es geht ja nicht um die Zahl der Intensivbetten, an denen gibt es keinen Mangel, sondern um die Zahl des Personals, das für die Intensivmedizin ausgebildet ist: Intensivärzt*innen und Intensivpfleger*innen fehlen und sind nicht auf dem Bestell­weg zu beschaffen…

Die langweilig anmutende, blaue Linie in Abbildung 1 offenbart eine deutlich tiefergehende Er­kenntnis: Sie zeigt, daß die Gesamtauslastung der deutschen Intensivmedizin von April an geradezu kon­stant ist. Die Tragweite dieses Befundes muß man erst einmal verdauen! Ich hätte mit einer jahreszeitlichen Schwankung gerechnet, etwa einer höheren Auslastung im Herbst und Winter – ein konstanter Verlauf ist überraschend. Er bedeutet zum einen in der Konsequenz, daß der Anteil der mit Covid in Zusammenhang gebrachten Patienten keinerlei Einfluß auf die Gesamtbelegung der ITS hatte. Weder hat der Rückgang der Corona-Positivquote im Sommer zur Entlastung der ITS bei­getragen, noch hat der „dynamische“ Anstieg der In­fi­zierten­zahlen, der im November und De­zember 2020 sowie Januar 2021 berichtet wurde, zu einer höheren Aus­lastung der Intensivstationen insgesamt geführt. Daß die Auslastung der ITS seit Beginn der Er­hebungen im April 2020 in keinem Zusammenhang mit Covid steht, weder positiv noch negativ, ist die bemerkenswerteste Erkenntnis der aufmerksamen Lektüre des RKI-Lageberichts. Sie bedeutet zum anderen, daß auch sämtliche nicht­pharma­ko­lo­gischen Maßnahmen der Pandemiebekämpfung, die seit April ergriffen wurden, keinerlei Einfluß auf die ITS-Auslastung hatten: Weder die schrittweise Aufhebung des ersten Lockdown im Mai/Juni, teilweise Schulöffnungen, Kohortenunterricht, Schulschließungen und die Schließung der Kultur­einrichtungen im Dezember noch die Verhängung des zweiten Lockdown – weder eine ent­lastende noch eine überlastende Inanspruchnahme der Intensivmedizin im Ganzen ist erkennbar.

Die Erhöhung des Anteils der Covid-Patienten auf den Intensivstationen im Herbst 2020 ist offenbar auf eine Zusatz­diagnose mit Covid bei Patienten, die ohnehin intensivpflichtig sind, zurückzuführen. Vorausgesetzt, daß Intensiv­ein­weisungen nicht wählbar sind, „elektiv“ wie es so schön im medizinischen Jargon heißt. Oder wurde bereits anderen Patienten zugunsten von Covid-Erkrankten die Intensivbehandlung verwehrt? Diese Folgerung wird durch die hinlänglich bekannten Befunde von Klaus Püschel bestätigt, der als erster im Frühjahr 2020 begonnen hatte, sogenannte „Corona-Tote“ zu obduzieren, und durchweg eine Reihe tödlicher Vorerkrankungen bei den Ver­storbenen neben dem Leiden an Covid feststellte.

Auf der ersten Seite des RKI-Lageberichts wird die Zahl der intensivpflichtigen Corona-In­fizier­ten als bezugslos herausgegriffene Zahl präsentiert, so daß ihr Kontext im Rahmen der gesund­heits­politischen Kennzahlen der Intensivmedizin aus dem Blick gerät. Es entsteht der Eindruck einer rasanten Steigerung der ITS-Auslastung durch Covid-Patienten. In Wirklichkeit handelt es sich um Patienten, die auch an Covid leiden, darüber hinaus jedoch in der Regel weitere intensivpflichtige Er­krankungen aufweisen. Die Art der selektiven Berichterstattung ist geeignet, Furcht und Panik zu erregen.

Tatsächlich beängstigend ist dagegen die anhaltende Verknappung der ITS-Kapazität – mitten in einer Pandemie ein Unding für eine ver­ant­wortungsbewußte Regierung! Von März an reichte die in Deutschland insgesamt vorgehaltene Reserve an freier ITS-Kapazität für die Zahl der mit Covid diagnostizierten Patienten aus. Dies bedeutet, daß gelegentliche lokale Engpässe vom DIVI-Verbund auf­gefangen werden können. So wird es auch in den sogenannten „Hotspot“-Regionen Sachsens seit Herbst 2020 praktiziert. Die Verknappung der ITS-Kapazitäten von Juli bis Ende Dezember um 6500 Plätze schmälert die Reserve zusehends – es ist bei der hier skizzierten Lage nicht nachvollziehbar, warum die Regierung einen Lock­down nach dem anderen verhängt, zugleich aber dem Rückbau in der Intensivmedizin nicht entgegenwirkt.

Aufwand und Nutzen sind aus den Fugen geraten. Die ma­the­matische Spielerei mit bezugslosen Zahlen, die auch von beraterisch tätigen Wis­sen­schaft­ler*innen an einigen Max-Planck- und Helmholtz-Instituten öffent­lich­keits­wirksam betrieben wird, hat Hochkonjunktur. Vergessen wir nicht, daß ein Modell nichts taugt, wenn ihm die empirische Basis fehlt.

Anti-Ödipus; Oder: Wie ich auf meine Mutter masturbierte und dabei Logos und Eros miteinander versöhnte

Von | 4. Januar 2021

Wie vieles in der Pubertät geschah auch das sehr unerwartet. Es war an einem Sonntag. Ich quälte mich gerade mit Mathe, Binomische Formeln. Ich lief durch die Wohnung, verkrampft versuchte ich die binomischen Formeln auswendig zu lernen. Nicht eine Sekunde dachte ich an meinen Schwanz, an Muschis oder an Titten und Ärsche. Wie auch. Zahlen waren für mich das unerotischste, was es gab. Ich fragte mich eher, wie Mathematiker überhaupt einen hoch kriegten. – Und schon gar nicht dachte ich an meine Mutter, weder in diesem noch in anderen Zusammenhängen. Ich dachte einfach nur an die binomischen Formeln, als ich…

– Nein, Stop, das ist zu früh, da komme ich später noch hin. Außerdem wisst Ihr ja auch schon was ich erzählen will. Interessiert es Euch überhaupt noch? Oder wisst Ihr vielleicht genau, was ich meine, und könnt Eure eigene Geschichte erzählen? Ihr? Männer? Ward Ihr schon mal geil auf Eure Mutter? Oder Ihr? Frauen? Ward Ihr schon mal geil auf Euren Vater? Oder Ihr? Mütter?

Ihr lieben Mütter, stellt Euch vor: Ihr steht vor dem Spiegel im Schlafzimmer. Es war ein harter Arbeitstag. Ihr seid müde, seid froh zu Hause zu sein. Euer MakeUp bröckelt, Euer Eyeliner ist verwischt. Ihr wollt loslassen, den Tag beenden, endlich Feierabend machen. Ihr wollt Euch eine Stunde nur um Euch selbst kümmern, Euch baden, Euch entspannen, Euch anfassen, Euch streicheln, Euch cremen und gemütliche Klamotten anziehen. Ihr steht also vor dem Spiegel, Ihr öffnet die Haare, die Bluse, den BH. Dabei schaut Ihr euch an, dabei schaut Ihr euch zu. Eure Bewegungen sind langsam, Ihr beobachtet Euch. Ihr beurteilt Euren Körper. Ihr beugt Euch nach vorn, zieht dabei den Schlüpfer aus und dann. Dann spürt Ihr zwei Augen auf Eurem Arsch kleben. Euch ist zunächst nicht klar, ob es die Augen Eures Mannes oder Eures Sohnes sind. Vielleicht irgendwas dazwischen?

Die Augen Eures Mannes sind ein Kompliment, sind aber auch aufdringlich, geil, fast übergriffig, denn sie beobachten Euch in einem intimen Moment, der dazu bestimmt war, nur Euch allein zu gehören. Diese intimsten Momente sind im Übrigen für den Mann die geilsten Momente. Jedoch hättet Ihr gewusst, dass Euer Mann zuschaut, Ihr hättet Euch anders gegeben, Euch anders bewegt, nie hättet Ihr Euch so betrachtet, wie Ihr Euch seht, sondern wie die Augen Eures Mannes Euch sehen sollen. Das sind übrigens nur die zweitgeilsten Momente.

Die Augen Eures Sohnes sind auch ein Kompliment. Mehr aber auch nicht. Nie würdet Ihr ihm sexuelle Ambitionen unterstellen. In Eurem Körper gewachsen, aus Eurem Körper geschlüpft, von Eurem Körper getrunken, mit Eurem Körper gespielt, auf Eurem Körper geschlafen, denkt Ihr nur an diese heilige reine Einheit, an diese heilige reine Liebe zwischen Mutter und Sohn.

Das seht Ihr vielleicht in den Augen eines Sechsjährigen. Aber was ist mit den Augen eines 14jährigen?

Eines 14jährigen, der das Wichsen in dreijähriger, täglicher, fast stündlicher, anfänglich schmerzlicher Praxis zur Perfektion gebracht hatte. Der geil werden konnte, wann er wollte. Der den Muskel austrainiert hatte und beherrschte. Der bei jeder Gelegenheit abspritzen konnte, nachdem er heldenhaft die Hürden des Anfängertums angenommen und mit Bravur übersprungen hatte. Der bis zu einer Art religiösen Schuldgefühl seinen Pimmel wundgerieben hatte, ihn blutig gewichst hatte, und selbst den verkrusteten Schwanz nicht verschont hatte. Der nie aufgehört hatte, nie aufgegeben hatte mit seinem Schwanz um die Herrschaft ringen. Bis er das Kunststück vollbrachte, während einer Werbepause, als die Eltern in die Küche gingen und Getränke holten, auf den Wohnzimmerteppich zu wichsen, die Wichse zu entfernen und entspannt wieder auf dem Sofa zu liegen, wenn die Eltern zurückkamen, als sei nichts passiert. Nur der Vater bemerkte diesen weich-herben Geruch. Oder war es doch nur der unerfüllte sadistische Wunsch des 14jährigen, irgendwann mal beim Wichsen erwischt zu werden, der dem Vater in die Nase stieg, so dass er schnaufen musste?

Ein echter Profi im Wichsen also, dachte ich an die binomischen Formeln, als ich ins Badezimmer ging. Meine Mutter lag in der Badewanne. Ich hatte meine Mutter tausendmal so gesehen, nein hunderttausendmal. Gefühlte hunderttausendmal, denn realistisch gesehen waren es bis zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als 2555-mal. 2555-mal hatte ich ihre großen, runden Brüste auf dem Wasser schwimmen sehen. Und erst mit dem 2556sten mal bekam ich beim Anblick der schwimmenden Brüste meiner Mutter einen Steifen. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich der Herrscher meines Schwanzes gewesen. Ausgerechnet der Anblick meiner Mutter machte mich wieder zu seinem Sklaven, ausgerechnet der Anblick der schwimmenden Titten meiner Mutter. Ich stand in der Tür und starrte auf ihre Titten, meine Augen hatten sich verhakt in diese wabernden tanzenden nassen nuckeligen… Ja, warum sind Titten eigentlich so verdammt geil?

-Meine Mutter streckt den Kopf zurück, ihre Brust wölbt sich hervor und ihre großen, runden Titten schwimmen auf dem Wasser und kleine Wellen züngeln die Brustwarzen hoch. Das Wasser schwappt zurück und für einen kurzen Moment sehe ich ihre Muschi rosa unter ihren schwarzen Schamhaaren hervorscheinen.

Meine Mutter schaut mich an, ich starre auf ihre Titten. Sie sagt etwas, ich höre es nicht. Ich starre auf ihre Titten und ich spüre meinen Schwanz. Ich spüre nur ihn,  denn er ist erwacht. „Geh bitte raus.“ sagt sie. Ich überhöre es, denn ich spüre nur ihn. „Geh bitte raus.“ sagt sie energischer. Und ich kann sie nicht länger ignorieren und schließe die Tür.

Was ich in diesem Moment dachte? Nichts, nichts dachte ich und nichts konnte ich denken. Mein Schwanz war erwacht und ich konnte nichts denken. Ich fand das weder abstrus, noch surreal, noch bedenklich. Das kam erst später. Mein Schwanz war erwacht und ich konnte nichts anderes fühlen als ihn. Mir war es nicht peinlich, ich schämte mich nicht, ich war nicht schockiert. Das kam erst viel später. Mein Schwanz war erwacht und ich konnte nur noch eins tun. Es gab nichts anderes zu tun als das. Nichts war wichtiger, nichts dringlicher, als dass ich in mein Zimmer rannte.

Ich rannte also in mein Zimmer, ich schloss nicht die Tür, ich öffnete nicht meine Hose. Denn nichts war wichtiger, nichts war dringlicher, als dass ich meinen Schwanz in die Hand nahm. Von oben schob ich die Hand in die Hose, ich kniff mir in die Eichel. Ich dachte, nein ich dachte nicht, ich stellte sie mir vor. Die schwimmenden Titten meiner Mutter, die Brustwarzen von kleinen Wellen umzüngelt, die tropfenden Schamhaare. Die nass-triefende Muschi meiner Mutter stellte ich mir vor. Und ich öffnete jetzt doch meine Hose. Mit geballter Faust erhöhte ich den Druck auf meinen Schwanz und spritzte ab. Ich spritzte auf meinen Schreibtisch, auf mein offenes Mathebuch und auf mein offenes Matheheft, auf die Aufgaben für den nächsten Tag. Auf die binomischen Formeln spritzte ich. Ich beschoss sie mit meinem Sperma, verschmierte sie mit meinem Sperma, löste die Gleichungen mit meinem Sperma auf. Schnell schlug ich Buch und Heft zu, als hätte ich meine Aufgaben erledigt. Als wäre alles getan, stemmte ich mich erschöpft mit beiden Armen drauf. Fertig.

+

Gerade gekommen, kam mir zusätzlich zu den binomischen Formeln die wichtigere Gleichung in den Sinn. Zusätzlich zu den binomischen Rechenwegen tat sich mir ein weiterer, breiterer, universellerer Rechenweg auf, wo Mathematik und Poesie miteinander verschmolzen. Wo eine Gleichung ein erotisches Gedicht war. Und wo ein Mathematiker schließlich doch noch einen hoch kriegte. Mir war plötzlich mit zahlenfester und ödipaler Sicherheit klar, dass nur die Mutter in dieser Gleichung die Variable spielen konnte.

seidenstraße virtuell

Von | 31. Dezember 2020

die minzehändler in ihren cabriolets bringen die einnahmen
eines ganzen jahres ins land des sonnenaufgangs
von karawanserei zu karawanserei bei jeder ein motel
mit minztee und mädchen in safrankleidern
kardamom und weihrauch würzige kräuter
auch opium gegen die schmerzen und für das vergessen
von zeit zu zeit ziehen heilige krieger auf kamelen
durch heilige kriegsgebiete
auf den bergkuppen flakgeschütze luftabwehr
raketen im schatten des halbmonds
unterwegs in den dörferm sprechen die menschen farsi
ein paar mandarin
und eine alte weise sanskrit
die minzehändler lachen trinken
vergnügen sich mit den mädchen
das geld wird weniger
wie das benzin in den tanks der staubigen cabriolets

Tränen trocknen im Sonnenschein feat. „Utopischen Stress“ (U. Hassbecker)

Von | 27. Dezember 2020

Tränen trocknen im Wind allein

Wenn die Katze kindlich ihren Schwanz jagt
Wenn der Hund seinen Nachbarn schwanzwedelnd

Wenn der Mensch stumm seinen Worten hinterherblickt
Wenn es hinterher nicht schlechter ist als vorher

Wenn gestern und morgen Freunde geworden
Wenn’s Geworden ein dampfendes Einst, bergend

*

Wenn hinter der Mauer die Steine einen Plan

Bier

Von | 23. Dezember 2020

„Bier ist die totale Einlullung.“

„Was? Wieso denn gerade Bier?“

„Na, Bier hole ich mir, wenn ichs mir gemütlich machen will. So zum Abend. Nach harter Arbeit. Da geh ich dann schnell noch mal in die Kaufhalle, hol mir drei oder vier Flaschen Bier, und dann zieh ich mich in mein Bett zurück und trinke.“

„Und das tut dir gut?“ (Ehrlich gesagt, finde ich Alkohol im Bett die totale Schlamperei. Rotwein? D’accord, meinetwegen. Aber Bier!?)

„Klar!  Klar tut mir das gut. Deshalb mache ich es ja. Bier, das ist Kindheit, das ist Geborgenheit und ich kann wunderbar schlafen. Bier macht selig in der eigenen Welt. Und A. lebte auch in seiner eigenen Welt.“

„Whiskey dagegen macht wach?“

„Wiskey? Habe ich nicht so die Erfahrungen mit. Auf jeden Fall lullt er dich nicht ein.“

Drei Tage vor Weihnachten

Von | 18. Dezember 2020

Nun rattern die Erntemaschinen drei Tage
Vor Weihnachten übers Feld : grün reckt sich
Das Futter empor für die murrenden
Kühe in offenen Ställen : bald gehört
Der Mammutbaum mit seinen mächtigen
Wurzeln zum „heimischen Gewächs“
Schnee kennen die Kinder
Aus Filmen der hundertjährigen Eltern

Wahlkampf 2021

Von | 17. Dezember 2020

Zarathustra antwortet Anne W.:

„Deshalb war die Westschule eine Volksverdummungsmaschine.“

[…]

„Und: Bitte entschuldigen Sie meine volkstümliche Ausdrucksweise!“

PENG\

„Sie sehen: das hier ist kein nachträgliches Plädoyer für die sogenannte volkstümliche Bildung, sondern die polytechnische Kritik daran…“

Hurz-Murz-Kurz

Von | 15. Dezember 2020

Auf ver-
dichtetem engsten Raum
drei Worte – alles
gesagt

Was gibt es da
zu schwärmen in Gefühlen, frage ich Sie?
Na, sehen Sie! Alles Dichten
vergebens,

es hat sie keinen Deut weiter-
gebracht

Vater, reloaded

Von | 13. Dezember 2020
Eingereicht am 15.10.2016 um 09:37

1) Mutter erzählt mir von Vater. Dass er wieder nicht mit ihr redet und dass er jetzt bekloppt wird
2) Vater sagt zu mir, deine Mutter, die kannste vergessen
3) Tante Adelheid ist abwesend, denn zur Verwandtschaft besteht kein Kontakt mehr
4) Das hier ist ein Inselgrundst+ck
= Stoff für einen großen Roman: Eine Generation schreibt sich ein. Und das seit fast 10 Jahren. Also doch kein Leerstand, keine Hohlbirne? Aber der Mirabellenbaum.

Tante Adelheid erschreckt ihren Nachbarn (Relaunch)
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Von | 8. Dezember 2020

Meine liebe Tochter,

ich glaube, dein Vater, der wird jetzt bekloppt. Und manchmal, wenn ich mir dich so ankucke, denke ich, der Apfel, der fällt auch nicht weit vom Stamm…

Dein Museum : Für die Musen

Von | 30. November 2020

f. U.R. & R.B.

Hier in F. füttern sie die Ultras mit Politik.
Wasserhäuschen allerorten, eine Frage der Tradition.
Der Arbeiter-Samariter-Bund erhielt eine eigene Schule, sollen
sie sich doch selbst, ohne fremde Hilfe, zugrunde-richten.

Du hattest die gleiche kehlige Schwarte um den Hals wie ich:
„Ouma, sollisch dier die Flasche uf-f’n Nischel hauen?!“
Wir lachten. Ihr fragender Blick – der höchste Punkt,
an dem eine Kindheit festgemacht werden kann.

Du lachtest nicht, als sie die Motoren anließen um halb fünf in der Frühe.
Die weiße Milch war noch schwarz.
Als die Augen der Emigration dir drohend zuwinkten,
drohend? Äugelein? warst du bereits ein Pirat und ich: – Steuermann.

Hast du das Schiff auch gesehen, in Oslo, ..?
Wir kennen uns nicht.
Ich hörte von dir.
Herzwurzelfreund – das ist meine letzte Zeile für dich

*

Neunauge, sei wachsam!
Überall
regt sich: S t r e b e n –
und leider immer
menschliches … o Götter,

Vater mit allen
deinen A f f e k t i o n e n
& Stoffumwandlungen,
Momenten der Erleuchtung
& des wirkenden Äthers –

lasst uns zuteil werden,
was lange schon unser!

** *

Von | 27. November 2020

Das Wasser der Meere steigt.
Nein!
Es sind nur die Inseln, die untertauchen

&

weil angeblich alles relativ ist –
relativ und verhältnismäßig –
nehmen wir die Endlichkeit unserer Leben ernst.

Angeblich ändert sich nichts.
Angeblich sind wir

*

Und immer die Sanftmut
deren
(Vorsicht, Zuversicht, „freie“

in der Geschichte vom Riesen
in Bewegung

Auf tönernen Füßen steht
die Schrift

Schon der letzte
König der Etrusker
wunderte sich

Schafsfell, Ledergürtel, R i c h t u n g

Featuring : Josif Brodsky : Wiegenlied

Von | 24. November 2020

Ich gebar dich in der Wüste
nicht zum Spaß.
Sondern weil im bittenden Gedenken sie
keinen König hat.

In ihr sucht man dich umsonst.
In ihr wälzt
Sich des winters mehr Kälte um, als ihr
Raum selbst.

Manche haben Spielzeug, einen Ball, und
das Haus ist hoch.
Du hast für die Kinderspiele allen Sand
– dieses ganze Loch.

Gewöhn‘ dich, Söhnchen, an die Wüste
wie ans Los.
Wo auch immer es dich hintreibt, Gott
ist groß.

Ich ernährte mit der Brust dich,
aber sie
lehrte dich den Blick voll Leere,
ganz wie sie.

Für jenen Stern – dessen Abstand
schrecklich ist – wird in ihm
deiner klaren Stirn Leuchten
einmal deutlich sein.

Gewöhn‘ dich, Söhnchen, an die Wüste,
unterm Tritt
hast du ihre Bruchstücke, keine andere Gewissheit
bringst du je mit.

In ihr liegt vorm Blick offen das Los.
Alles Holz
in ihr zeigt dir leicht deinen Berg,
sein Kreuz.

In ihr sind die Pfade menschlich nicht,
erst einst!
wenn die Menschen weg sind, findet Raum
Zeit.

Gewöhn‘ dich, Söhnchen, an die Wüste,
wie die Prise Salz
an den Wind, fühlend, dass du mehr bist
als Staub & kalt.

Lern‘ zu leben mit diesem Geheimnis:
sein Gefühl
wird dir nützen, einmal, in des Herzens
Leere & Gewühl.

Sie ist schlimmer nicht als beide:
länger, schmaler nur,
und die Liebe zu dir ist ihr Stigma, Zeichen für
deines Sandes Uhr.

Gewöhn‘ dich an die Wüste, Lieber,
an den Stern,
der in ihr sein Licht mit solcher
Kraft vergießt,

als entzündet‘ er die Lampe, sich zu später Stund‘ an
den Sohn erinnernd, jenen, der in ihr –
in der Wüste länger schon ist
als wir.

Dezember 1992

Und auf dem Grabstein soll man lesen

Von | 24. November 2020

Und auf dem Grabstein soll man lesen: er kämpfte gegen den Schwein-Schein/die Art// die Grammatik und riss seine/ihre Schwere von sich herunter. Er sah keinen Unterschied zwischen der menschlichen Art und den Arten aller Lebewesen und stand für die Verbreitung des Gebots & seiner Maxime „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Er nannte die unteilbaren nützlichen Lebewesen seine Nächsten und verwies auf den Nutzen der Nutzung aller Lebenserfahrung älterer Arten. Tiens! so nahm er an, entspricht dem Segen der menschlichen Gattung die Einführung einer Art R{a/o]boter, eines Raub-Otters nach der Art der Arbeitsbienen im Bienenstock, und nicht nur einmal erklärte er, /…// in der Idee der Arbeitsbiene/des nektarsaugenden Kollektivwesens// des [zukunftsweisenden} Arbeitstanzes sein persönliches Ideal sieht. Er erhob das Banner der galiläischen/galileischen Liebe und hob es hoch hinauf; und der Schatten dieser Liebe fiel auf viele nützliche Arten von Lebewesen. Das Herz, den Leib des modernen Durchbruchs/Aufbruchs// {Quanten-]Sprungs der menschlichen Gemeinschaften vorwärts, sah er nicht im Fürst-Menschen, sondern im Fürst-Gewebe – dem nutzbringenden Klumpen/[Schnee-}Ball// Kloß, der in die datenverarbeitende/Nachrichten verteilende Schädelkiste eingeschlossen ist. Durchdringend träumte ihm, Prophet und Großdolmetscher des Fürst-Gewebes und nur dieses zu sein. Indem er durchdríngend seinen Willen erriet/voraussagte// in Hypothesenform zur Geltung brachte, träumte er in einsamem Durchbruch/Aufbruch// {…} seiner Knochen, seines Fleisches, seines Bluts von der Verkleinerung des Verhältnisses Epsilon zu Rho, worin Epsilon die Masse des Fürst-Gewebes und Rho die Masse des Tod-Gewebes, bezüglich seiner selbst sei.
(…)
24.11.1904

Aus: Gespräch mit Dir (2013 – ?)

Von | 21. November 2020

Die Lust, etwas zu schreiben.
Die Erinnerung an gestern Abend,
mit dir. Der Duktus des gerade
Gelesenen, wirkend. Spiegelneuronen…
Das Gelesene wirkt, die Phantasie
arbeitet. Du bist nicht du,
und nicht sie. Sie – eine
andere, ferne.

*

So sind wir beieinander & kennen uns nicht.

**

Anarchisches Teetrinken (Baal…)
und der Schnitt, Entschluss zum
Handeln – Entscheidung … sie
war Körper, damit du Denken
werdest. Denn sie sie liebt dich

*

Yeah, yeah, yeah … erzwungenes
Abtauchen, zum Glück schlafen
noch alle … das Becken hat jetzt nur
einen Besucher; ich denke an
dich, denn du bist mir nah

[wegelbach

Von | 20. November 2020

in den stillen winkeln der wiesen
die gräser zittern noch
vom licht
von den wilden gedanken
wie es früher war
unter dem schnee unter
den hufen der huftiere
damals lebten unter der erde noch zwerge
alle sind
alles ist

verschwunden

der wolkenhimmel
streift die fehlenden zäune
sie taten dem gras gut und
schützten es
vor der unbill der zeit

* **

Von | 17. November 2020

Weil die fremde Erfahrung verständlich ist,
braucht man sie selbst nicht zu machen.

Der Chronist schaut sich selbst beim Leben zu, der
Leser wendet sich schaudernd ab.

Die dunkle Romantik sollte die wahre Romantik werden,
Gefühl ohne Strich und Komma.

Was davon bliebe: Strich & Faden,
nach

den Gewittern ist vor dem Gewitter.

*

Das Kind liebt die Eltern, aber weiß es nicht.
Selbstliebe ist Kindesliebe.

Wer immer wen liebt, hat eine Nuss zu knacken: „Aber
nun sei doch nicht gleich ein Eichhörnchen!“ (Frosch

auf goldener Kugel, akrobatisch statisch)

**

Hegel: Für das Kind ist irgendwann alles
Liebe; in der dritten Person.

„Symbol der Sittlichkeit“

Brecht: Wo aber keine ist, sterben sogar diese.
Was schwer zu machen ist. Zu machen wäre.

„Wo aber“

Erinnerung

Von | 14. November 2020

Hier führt die Aorta direkt zu den Sternen.

Auf dem Pass war es am höchsten: Schmerz
War Gesang, Wolken Gas
In flüssigem Zustand. Logik Gefühl, der Yak ein Eimer.
Der Schädel – meiner oder deiner? war nurmehr Helm,
Helmbrecht Milchkuh. Bertold: – einer nur,
Einer von hier. Und dort nur Wasser, so weit das Auge reicht.
Wasser und Wolken

in den wind

Von | 11. November 2020

erdengesenkt
ein lichtendes wort schädelbrandig verdunkelt
behangen mit eisenlippen aschen-
stumm aus geschleiftem mund weinberauscht schwanken
gassenlieder auf wimper und stirn

fraßgesänge verloschen im flimmernden augenschein
zungendürftig

in trümmerklängen zum schläfen-
schlag wimmern die hungrigen ratten … wie sie quieken
in deinem mund als letzter laut noch minuten-
lang

ins leere gerichtet der silbenflug

Parabeln auf die Pandemie 9: Die Kulturrevolution – ein Plädoyer

Von | 8. November 2020

Noch war der Kapitalismus nicht verloren. Zwar häuften sich die Stimmen, die be­haup­teten, das alte Gegensatzpaar – Sozialismus und Kapitalismus – sei gebrechlich geworden, habe ausgedient. Doch hinter den Kulissen bewegte sich etwas. „Vorhang auf“, rief die Große Vorsitzende, „ihr habt mich bereits abgeschrieben, doch ihr kennt meine Blaupause nicht. Im Westen geboren, bin ich ein Kind des Ostens – dort habe ich siegen gelernt. Ein langer Marsch mit verheerenden Verlusten kann die Gegner vergessen machen, daß es mich überhaupt noch gibt. Ihr wißt, daß ich lieber im Hintergrund die Strippen ziehe. Die Schauspielerkunst ist mein Handwerk nicht. Im Gegenteil, laßt mich still die Zahlen studieren und ich sage euch die Zukunft voraus. Eine Wahrsagerin bin ich, ausgestattet mit allen prophetischen Fähigkeiten, die von der Wissenschaft für regelrechte Prognosen bereitgestellt werden. Folgt mir, ich zeige euch den Weg. Den Weg durchs Dunkel, durch den Sozialismus hindurch zu einer höheren und vollkommeneren Stufe des Kapitalismus. Eines Kapitalismus, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat!“

Die Große Vorsitzende hielt bedeutungs­schwanger inne und blickte sich um. Aus Gesundheitsgründen hatte sie nur eine Handvoll Vertraute um sich geschart, die erwartungsgemäß nickten. Sie wußte, daß das Volk in seine Endgeräte glotzte und ihren Worten lauschte.

„Ihr seht“, fuhr sie fort, „daß in den Verschwörerstaaten eine unzureichende Wahrsagepraxis vorherrscht. Manche behaupten, daß es auf der Welt gar kein Gesundheitsproblem gebe. Ich werde euch beweisen, daß es möglich ist, auf der Gesund­heitswelle reitend, die Gesellschaft auf eine höhere Stufe zu katapultieren: Man nehme eine mittelschwere Krankheit, die es erlaubt, hier und da furcht­ein­flößende Bilder von elend röchelnden Patienten zu produzieren und zu verbreiten. Nun wird die anhaltende Angst genutzt, um die Bewegungs- und Berufsfreiheit der Bürger an gewinnbringende Arbeit zu binden. Schuften und fressen – das ist die Moral, die zählt. Orchideenberufe, die bloß der individuellen Selbst­ver­wirklichung dienen, Berufe der Eitelkeit, die auf Ruhm statt auf Profit ausgerichtet sind, werden per Dekret verboten. Schlagzeuger zu Tiefbauarbeitern, mit dem Preßlufthammer in der Hand! Maler zu Malern und Lackierern, mit der Sprühflasche an den Autos der Zukunft in sauberen Fabriken! Dichter zu Klempnern, sie haben gelernt, Dichtungen abzudichten!“

Die Große Vorsitzende blickte sich mit strahlenden Augen um, bevor sie fortfuhr: „Ihr werdet sehen, wie in kürzester Zeit alle künst­lerischen Aktivitäten ihren künst­lichen, für den menschlichen Fortschritt kom­plett über­flüssigen, kurz gesagt, faulen, parasitären und absterbenden Charakter offenbaren. Ja, ich gestehe“, schob die Große Vorsitzende mit gedämpfter Stimme ein, „diese Idee ist nicht ganz neu. Meine Vorgänger im Amt haben sich daran mit mehr oder weniger rühmlichem Erfolg bereits ausprobiert. Heute rufen wir die Kulturrevolution mit entgegengesetztem Vorzeichen aus! Wenn all die Tänzer, Sänger, Musiker und ihre Erfüllungsgehilfen aus dem Backstagebereich wieder der wirklich systemrelevanten Produktion zugeführt werden, dann spart das nicht nur Millionen im Staatshaushalt ein, der Staat verdient sogar an höheren Einkommenssteuern. Das Volk wird sein Gehalt nicht mehr wie in der Phase des »blühenden Kapi­talismus« an Luxusgüter, Schminke, Mode und spontane Wochenendreisen quer über den Globus verplempern, sondern sich mit Wattejacken, Blaumännern und Kernseife zufrieden geben. Die neue Phase der gesellschaftlichen Entwicklung, nennen wir sie den »hochkonzentrierten Kapitalismus« kann sich auf eine überschaubare und damit in engstem Austausch mit der Politik auch handlungsfähige Elite stützen, der 99.99% des gesamten  ver­wert­baren Eigentums auf dem Planeten gehört. Nachdem der sogenannte Mittelstand, der sich im sogenannten »blühenden Kapitalismus« noch als Rückgrat der Gesellschaft wähnte, in Wirklichkeit aber lediglich Vorteile aus einer ihm wohlgesonnenen Steuergesetzgebung gezogen hatte, nun mit Hilfe unserer unmißverständlichen, der Gesundheit und damit dem Volkswohl dienenden Dekrete zur Aufgabe seiner Geschäftstätigkeit und damit als Wirtschaftssubjekt un­wider­ruflich liquidiert wurde, gerät die Entscheidungsbefugnis über sämtliche wirt­schaftlichen Fragen automatisch in die Hände der hochkonzentrierten Elite.“

Die Große Vorsitzende legte eine kurze Pause ein. „Sie werden Verständnis dafür haben“, flüsterte sie, „daß ich Ihnen keine Namen nennen kann.“ Wieder eine wohldosierte Pause von ein paar Bruchteilen einer Sekunde. „Doch Sie sind frei, noch sind Sie frei, selbst zu denken“, fügte sie schmunzelnd hinzu.

„Die Abschaffung der kleinbürgerlichen Gier, die uns auf diesem Wege für alle Zeiten gelingt, wird in den ersten Monaten durch großzügige soziale Maß­nahmen abgefedert. Zunächst erhalten die bankrotten Mittelständler einen Verdienstausfall. In dieser Zeit sind sie angehalten, sich nach abhängigen Beschäftigungen in den exponentiell wachsenden Elitefirmen umzuschauen. Gelingt ihnen dies nicht, werden wir sie dauerhaft staatlich alimentieren – Lenin und Genossen würden sich wundern über derart humanistische Regungen. Wir haben aus der Geschichte gelernt. Niemand soll uns vorwerfen, wir seien Extremisten. Nein, wir nutzen den Sozialismus gezielt als historisches Interregnum, um eine höhere Konzentration des Kapitals zu erreichen: Kapitalismus durch Sozialismus!, lautet die Devise. Sie fragen, was hat dieser, wissenschaftlich begründete, ökonomische Wandlungsprozeß mit der Verkündung der Kulturrevolution zu tun?“

An dieser Stelle hob die Große Vorsitzende belehrend den Zeigefinger: „Vielleicht erinnern Sie sich an den Spruch: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Früher fühlten wir uns – ich meine mich und meine Partei –  dieser Botschaft ver­pflichtet. Wenn wir jetzt verlangen, daß sich die Bevölkerung in breiten Kreisen auf die Dualität von Schuften und Fressen einschränkt und aufhört, ihre wertvolle Arbeitszeit durch Besuche in Theatern, Museen, gar Opern und Ballett­häu­sern zu vergeuden, brauchen wir Stille. Ich meine Stille in den Köpfen. Es darf einfach keine querulatorischen Spinner mehr geben, die mit Phantasie und Satire an die ver­flosse­nen Zeiten des »blühenden Kapitalismus« erinnern. Die Kulturrevolution ist die notwendige Begleitmusik für die Geburt der neuen, hochkonzentriert-kapitalistischen Gesell­schaft. Konkret gesagt genügt es, wenn wir vier staatlich genehmigte Opern in ausgewählten Häusern spielen. Titel wie Mit der Maske Berge erklimmen, Der Sieg des Abstandsgebotes in den Kindergärten, Die Schönheit geimpfter Körper und Die sieben Prinzipien der Freiwilligen Unterwerfung erscheinen nicht nur geeignet, sondern auch hinreichend, um die Bevölkerung im niemals endenden Kampf um die Gesundheit bei Laune zu halten. Atmet tief!“

Mit diesen Worten verabschiedete sich die Große Vorsitzende, verbeugte sich vor dem eingebildeten Publikum und lächelte ein letztes Mal in die Kamera.

Die Farbe von November

Von | 8. November 2020
Sturmschwalben ziehen über das Watt.
Das Meer atmet lauter.
Du sammelst Fragen,
die das Wasser tiefer spülte
als meine Worte.
Dort hinten ist die Sehnsucht
weites Hügelland,
und ihre Gräser schweigen.

Ein Bild von ihr hängt schief
noch immer zwischen Bücherwand und Tür.