Echo auf: Pessoa, Buch der Unruhe (Tagtraum)

„Wie gut tut es der Seele, unter einer stillen hohen Sonne diese strohbeladenen Fuhrwerke, diese noch zu verpackenden Kisten, diese langsamen Passanten eines in die Stadt versetzten Dorfes schweigen zu sehen! Ich selber, der sie vom Fenster des Büros aus anschaut, in dem ich ganz allein bin, bin übersiedelt. Ich bin auf einmal in einer stillen Ortschaft in der Provinz, ich erstarre in einem unbekannten Dörfchen und, weil ich mich anders fühle, bin ich glücklich.“ (Aus dem Portugiesischen übersetzt von Georg Rudolf Lind)

In diesem Café scheint die Atmosphäre angenehm zu sein. Die Frau an der Theke redet freundlich mit einem Kunden, und ich schlage meinen Freundinnen vor, uns hier reinzusetzen. Wir haben uns schon länger nicht gesehen, und ich freue mich, mit ihnen wieder etwas Zeit zu verbringen. Wir bestellen uns Latte und Kuchen, und Monica erzählt uns, was sie in den letzten Monaten gemacht hat.

„Stellt euch vor, ich war seit November nicht mehr im Kino. Jetzt läuft gerade ein Marvel Film, aber der  scheint nicht besonders interessant zu sein. Sie spielen immer dieselben Sachen ab, ich habe keine großen Hoffnungen.“

              Chris stimmt mit ein: „Ich hab den gesehen. Ich muss echt zugeben, ich bin kein Marvel Fan, deshalb ist meine Bewertung da nicht so zuverlässig. Ich war mit meiner Schwester im Kino, und wir sind beide unzufrieden rausgekommen. Obwohl sie diese Filme normalerweise mag.“

              Ich schau auf die Zuckerdose. „Ich hab gehört, vielen gefällt der nicht, die die vorherigen Filme nicht gesehen haben.“ Ich habe mal wieder vergessen, Zucker zu kaufen.

              „Genau das hab ich mir auch gedacht,“ meint Monica.

              Mein Blick fällt auf ein Poster, dass hinter Chris hängt. Es ist die Aussicht auf London und die Themse. Normalerweise hängt man immer Bilder von berühmten touristischen Sehenswürdigkeiten auf, wie den Big Ben oder London Eye. Dieses Plakat zeigt aber das Kunstmuseum Tate. Viele würden das nicht als London wiedererkennen. Ich war jedoch vor einigen Jahren dort und habe es besucht. Ich erinnere mich an eine ganz bestimmte Ausstellung, bei der ein Film rund um die Uhr lief. Man konnte sich zu jeder Uhrzeit in den Saal setzen und beobachten, wie Ausschnitte aus allen möglichen Filmen die genaue Uhrzeit des Tages darstellten. So hieß der Film auch: „The Time“, weil er rund um die Uhr die aktuelle Uhrzeit anzeigte. Ich fand die Idee schon damals so kreativ und originell, dass ich den ganzen Tag dort hätte verbringen können. Ich habe gehofft, dass ich einige Filmausschnitte wiedererkennen würde, und versuchte, mich an Filme zu erinnern, in denen man explizit die Zeit sagt oder zeigt. Bis auf Neujahrsfilme konnte ich mich an nichts erinnern. Aber ich konnte schlecht bis um Mitternacht im Museum bleiben. Ich weiß, dass es so einen Tag gab, an dem das Museum nachts offen ist und man dann den gesamten Film sehen konnte. Leider war das an dem Tag nicht der Fall. Und ich war sowieso mit meiner Freundin unterwegs, und wir hatten einen Tagesplan. Ich hatte vor, ihr noch Buckingham Palace zu zeigen, bevor sie abreisen musste. Tatsächlich gestand sie mir an dem Tag, dass sie den Film so ruhig anschauen konnte, ohne regelmäßig panisch auf die Uhr zu schauen, weil die Uhrzeit durch den Film immer sichtbar war. Wie ironisch, dass Menschen, die immer hetzen und aktiv die Uhrzeit verfolgen, sich entspannen, sobald die Uhrzeit durchgehend sichtbar ist. Wie verschieden wir doch sind. Ich bin in dem Sinne das genaue Gegenteil. Das erinnert mich; ich habe sie schon länger nicht gesehen. Vielleicht sollten wir uns mal wieder treffen und etwas Zeit miteinander verbringen.

              „Was meinst du? Sollen wir uns den Film zusammen anschauen?“ reißt mich Monica aus meinen Gedanken.

              „Welchen?“ frage ich verwirrt.

              „Hast du wieder nicht zugehört?“

              „Ah, sorry, war nicht mit Absicht.“

              „Dachte ich mir schon. Ich meine den neuen James Bond Film. Ich kann nachschauen, ob der am Freitag läuft, da haben wir alle Zeit.“

              „Ja, das klingt gut. Ich bin dabei.“

Anastasia Keller

Mein Tagtraum

Es ist ein warmer Tag in Moskau. Ich kann kaum glauben, dass ich nicht zur Uni muss, weil die Sommerferien begonnen haben. Ich sitze auf einer Bank im Park, wo ich eine Unmenge Zeit mit Lesen oder einfach mit Nachdenken verbringe. Heute ist es Bernhard Schlink, dessen Roman „Der Vorleser“ ich genieße.

Plötzlich halte ich inne, schaue auf, und Tausende von Bildern gehen durch meinen Kopf. Hanna Schmitz ist ständig umgezogen, und ich muss schon lange in derselben Stadt bleiben. Hanna ist ständig geflohen, und eigentlich würde ich auch gerne fliehen. Weg von allem und allen. Dorthin, wo ich noch nie gewesen bin. Es gibt so viel zu sehen, so viel zu entdecken. Es gibt so viele nette Menschen, die ich noch nicht kennengelernt habe, und so viele Erfahrungen, die ich noch nicht gesammelt habe.

In meinen Gedanken reise ich zuerst nach Polen, dorthin, wo sehr viele meiner Vorfahren herkommen. Danzig (Gdansk), Breslau (Wroclaw), Warschau…Wie sehne ich mich nach diesen Städten, obwohl ich nur eine gesehen habe. Ich würde gerne echte polnische Äpfel probieren, die, die den ganzen Sommer das Sonnenlicht genossen haben. Die polnische Sprache wird für mich wie echte Musik klingen, und ich würde die gerne lernen. So wohl würde ich mich in Polen fühlen, weil es in meinem Blut etwas gibt, was mich mit diesem Land verbindet.

Dann geht es nach Deutschland. Hier fehlen mir einfach die Worte. Jede meiner Fasern, jede einzelne Zelle in meinem Körper liebt dieses Land, seine Geschichte, seine Kultur, seine Sitten und Bräuche. Marina Zwetajewa hat Deutschland ihre Liebe gestanden, Das tue ich auch, indem ich ihr Gedicht zitiere:

Germanien, meine tiefste Neigung,               ???????? – ??? ???????!

Germanien, ach, mein edler Wahn!               ???????? – ??? ??????!

Mehr brauche ich nicht zu sagen…

Und dann geht es weiter…Österreich, die Schweiz, Belgien, Luxemburg, Liechtenstein, die Slowakei, Tschechien, Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Schweden. Norwegen, Finnland, Ungarn, Kroatien… Sogar Moldawien, Weißrussland und die Ukraine würde ich gerne sehen. Man sagt, es lohne sich nicht, diese Länder zu besuchen, weil sie arm sind. Aber sie haben doch ihre eigene Kultur und Geschichte. Wie können die Länder, die sowas haben, nur arm genannt werden? Nein, so kann es nicht sein. Ich muss unbedingt dorthin.

Und dann ist noch die ganze Welt vor mir. Ich gehe barfuß durch New York und fühle mich wahnsinnig klein im Vergleich zu den Wolkenkratzern. Und es ist nicht der einzige Ort in den USA, den ich zu Gesicht bekommen möchte…Kalifornien, Florida, Texas und natürlich Alaska.

Und dann weiterreisen, durch ganz Nordamerika. Es gibt noch Kanada, Kuba, Mexiko, Jamaika, Haiti, Costa Rica. Man kann ewig aufzählen. In Südamerika gibt es auch so viel zu sehen. Zum Beispiel habe ich noch nie den brasilianischen Karneval erlebt, und das muss ich unbedingt tun.

Viele Menschen glauben an Stereotype über den Iran. Doch ich weiß, dass das Land nicht so ist, wie man es im Fernsehen sieht. Jetzt sind meine Gedanken in Teheran…Ich kaufe Mandeln und Gewürze auf einem kleinen Markt. Mein Kopf ist mit einem bunten Tuch bedeckt, und ich sehe wie eine orientalische Schönheit aus (nur mit blonden Haaren, aber warum denn nicht?).

Nichts kann mich von meinem Traum, die Welt zu sehen, abhalten. Afrika ist auch eines meiner Reiseziele. Egal, was dort passiert, eines Tages werde ich den Kontinent sehen.

Jetzt gibt es noch Australien, Ozeanien und natürlich Asien. Ich wurde im asiatischen Teil Russlands geboren und es wird an der Zeit sein zurückzukehren. Die letzte Station meiner langen Reise wird meine Heimatstadt sein. Chabarowsk…Vor zwei Jahren habe ich dich verlassen. Ich habe mir ständig eingeredet, ich komme mal vorbei, aber es ist nie passiert. Doch irgendwann muss man zurückkehren, und wenn auch nur für kurze Zeit. Meine Seele will zu dir, auf deine Straßen mit altertümlichen Gebäuden, zu unserem breiten Fluss, schließlich in die Taiga. Ein Teil von mir will auch zu den Eltern. Das kleine Mädchen ist jetzt groß, aber dieser Teil will nie erwachsen werden. Wer weiß, vielleicht ist es besser so…

Ein bellender Hund reißt mich aus meinen Gedanken. Ich lasse das Buch fallen. Der Herr eilt auf mich zu, um sich zu entschuldigen.

„Macht nichts“, sage ich. „Ich habe einfach nachgedacht…“

Nastja Matjasch

Echo auf: Claude Lévi-Strauss, Traurige Tropen (Kapitel „Sonnenuntergänge“)

Für die Wissenschaftler sind Morgendämmerung und Abenddämmerung ein und dieselbe Erscheinung, und schon die alten Griechen waren dieser Ansicht, denn auch sie bezeichneten sie mit demselben Wort, das sie, je nachdem, ob es sich um den Abend oder den Morgen handelte, durch ein anderes Attribut ergänzten. Diese Vermengung veranschaulicht sehr deutlich das vorherrschende Bemühen um theoretische Spekulationen sowie eine eigentümliche Vernachlässigung des konkreten Aspekts der Dinge… (Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer)aus urheberrechtlichen Gründen werden bei allen folgenden Beiträgen von „Echo auf…“ nur Ausschnitte aus dem Text vorangestellt

Beschreibung eines Naturphänomens

Der Anstieg ist lang und anstrengend. Der Boden ist sehr instabil, und man rutscht ständig auf den leichten, schwarzen vulkanischen Steinen aus. Der Atem geht schwer wegen der Gase, und die Luft riecht stark nach Schwefel.  Es ist überall dunkel, das einzige Licht ist da ganz oben, auf der Spitze. Ein intermittierendes rotes Licht erinnert uns daran, wo unser Ziel liegt. Die letzten Meter sind eine riesige Herausforderung, denn der Pfad ist unglaublich steil und rutschig, man muss ständig husten und die Augen brennen. Aber endlich sind wir da. Es ist schwierig, in der Dunkelheit die echte Entfernung abzuschätzen, aber nicht mehr als 50 Meter von uns entfernt zeigt sich auf dem nebenstehenden Gipfel der Krater des aktiven Vulkanes Pacaya. Eine knallrote und blaue Flamme taucht von der Öffnung auf, ragt einige Meter hoch und löst sich im schwarzen Himmel auf . Eine graue und schwere Wolke aus unterschiedlichen Gasen strömt kontinuierlich aus dem Vulkan und steigt entlang dem Berghang ab und verschwindet in der Dunkelheit. Kleine Aschenteilchen schweben in der Luft und erschweren das Sehen. Ein rollendes, dröhnendes Geräusch kommt aus der Tiefe des Vulkans und hebt die ohnehin schon majestätische Szene noch mehr hervor. Entlang einer Seite des Pacayas fließt ein Rinnsal von Lava bergab: die glühende Linie kontrastiert mit dem Schwarzen der Landschaft.

Erica Amistadi

Das Ende der Freiheit?

Hallo, mein Name ist Walter Thümler. Ich bin Schriftsteller. Wenn ich mich heute erneut zu Wort melde, dann weil wir alle Zeugen einer großen Kultur­transformation sind, deren zen­trale Adresse wir selbst sind, unser Menschsein. Dazu ein paar Bemerkungen.

Hinter der Tarnkappe einer zum Killervirus aufgebauschten neuartigen Vi­rus-Infektion wird der Mensch umdefiniert. (Ich bezweifle nicht, dass für einen kleinen Teil der vorerkrankten oder im­mungeschwächten Bevölkerung das Vi­rus eine ernstzunehmende Gefahr bedeutet). Umdefinierung des Menschen heißt, man legt ihn sich neu zurecht. Politik und Ökonomie orientieren sich fort­an nicht mehr am Men­schen, sondern umge­kehrt, dieser muss sich an ihnen ori­entieren. Die Frei­heits- und Abwehrrechte, die bitter erkämpft wurden und u.a. im Grundge­setz ihren Aus­druck ge­funden haben, passen nicht mehr ins neue Bild vom Menschen. Von je­nem „ge­schaffen nach dem Bilde Gottes“ ist dieses unendlich weit entfernt. Im Zuge dieser Umdefi­nierung wird das Grundgesetz scheibchen­weise ausgehebelt ohne Hoffnung auf Wiederhers­tellung. Das Recht auf körper­liche Un­versehrtheit, das Recht auf Unverletzlichkeit der Wohnung, das Ver­sammlungsrecht, um nur einige Grund­rechte zu nennen, werden zu Gü­tern, die nur Beken­nern zur Konformität ge­währt werden. Und diese bedeutet aktuell ein nachge­wiesener Impfschutz in unauflösli­cher Verbindung mit der Einstimmung in Überwachung und Verfol­gung per Smartphone. An­scheinend empfindet nur eine Minderheit diesen Frei­heitsverlust als Freiheitsverlust. Die großangelegte Panikmache hat ein Si­cherheitsbedürfnis geweckt, das geradezu wollüstig je­den Gedanken an Freiheit ver­bietet. Aber wollte man denn jemals frei sein? drängt sich die Frage auf. Ab jetzt sol­len wir uns an Politik und Öko­nomie orientieren, und nicht umge­kehrt. Der Bäcker backt nicht mehr das Brot, das ich essen möchte, sondern ich muss das es­sen, was er anbietet. Für diesen Rollentausch werde ich umfassen­der und unausge­setzter Mani­pulation ausge­setzt. Ich verler­ne, eigene Wünsche zu for­mulieren oder auch nur zu empfin­den. Ich werde de-individualisiert. Damit ich in dieses Programm einstimme, wird mir die Sicher­heit der Herde versprochen. War „Herde“ ehemals ein Begriff, der nur auf Tiere An­wendung finden durfte, so ist seine Anwendung auf den Men­schen heute un­bedenklich. Her­den-Immunität heißt das Zauberwort, womit ein zoon-biologis­tisches Programm dem Men­schen überge­stülpt wird. Das Kollek­tiv winkt mal wie­der als Rettungsanker. „Das In­dividuum“, so könnte es auf meinem Bildschirm stehen, „wird nicht mehr unterstützt“. Die große Kultur­transformation heißt „vom Indi­viduum zur Herde“. Initiation und Erkennungs­zeichen meiner Zugehörigkeit zu dieser Herde sind ein medizinischer Eingriff, hier „Impfung“ genannt, wodurch ich meinen Körper unter­werfe, und ein Smartpho­ne oder Chip, womit ich mein Grundrecht auf Freizügigkeit, sprich meine nicht nachverfolgbare Bewegungs­freiheit, aufgebe.

Ich kann über mein Smartphone fernbedient werden, genauso wie ich über mein Smartphone meine Gerä­te fernbediene. Jetzt braucht es keine Demokratie mehr, denn mein Wunsch und Wille sind auf meinem Smartphone ablesbar. Ich brau­che auch kein Eigentum mehr, denn als zur Her­de gehörig, gehört mir alles, weil ich alles leihen kann. Es müssen keine überflüs­sigen Dinge mehr produ­ziert werden, weil man weiß, was ich wünsche, oder besser, weil man mir ge­sagt hat, was ich mir wün­sche. Es bedarf folglich nur noch einer kleinen Pro­dukt-Auswahl. Das spart Ressourcen, wie jeder zugeben muss. Die Welt ist lenkbar geworden. Niemand muss mehr auf narzisstische Eventualitäten Rück­sicht nehmen, auf Sonderwün­sche, selbstherrli­chen Verbrauch. Die Freiheit war ein Missver­ständnis oder anders, die Vor­stellung von Frei­heit gab es nur, weil es keine techni­sche Bewältigung der Welt gab. Dieses Umdenken, diese große Umerziehung … dafür braucht es eine Erzählung, ei­nen Hebel. Eine Seuche ist eine Erzählung, die eingängig und leicht erzählt ist, denn Gesundheit ist so ziemlich der einzige Wert, der noch übrig ge­blieben in ei­ner längst zur Simula­tion herunterge­kommenen Demokratie. Demokratie, die Plutokratie geworden ist, Herrschaft des Geldes, in wel­cher nun ein nicht demo­kratisch legitimierter technokratischer Absolutismus, der niemandem re­chenschaftspflichtig ist, die gesichtslose Führung übernimmt.

Die Seuchen-Erzählung handelt im imaginären Raum, den wir digital besetzt halten, der uns asep­tisch, uns unberührbar macht. Darum braucht die Seu­chen-Erzählung kaum wis­senschaftliche Evi­denz, und wenn doch, dann wird die Evi­denz zahlenmystisch herbeigezaubert, braucht kaum Bestä­tigung in der Erfah­rung. Ein Foto von der Intensivstation genügt, auch wenn man im ganzen Land­kreis keinen ernsthaft von der Seuche Heimgesuchten kennt. Kurz: Die Seuche gibt es im Fernse­hen. Die Krankheit aber gibt es wirklich. Ihrer wäre man je­doch leicht Herr ge­worden, wenn man es gewollt hätte.

Also noch einmal: die Herde. Diese fürchtet nun die noch nicht der Herde Ein­verleibten. Jene wer­den zu Zersetzern der Sicherheit, zu einer Quelle der Angst. Man darf, man muss sie verfolgen, be­strafen, ausgrenzen. Die Initiation durch den medizinischen Ein­griff, das Aufgeben des Selbstbe­stimmungsrechts über den eigenen Körper, die Einstimmung ins Überwachtwerden per Smart­phone, das alles soll umsonst ge­wesen sein, nur weil ein paar Unbelehrbare eine egois­tische Freiheit be­haupten? „Die haben das Ghetto gewählt, und sie bekom­men das Ghetto. Da können sie sich gegen­seitig mit der Seuche töten“. So oder ähn­lich klingt der Stamm­tisch der Herde.

Vor diesem Hintergrund ist die große absolutistische Transformation eine Klei­nigkeit. Sie hat alle heute re­levanten Argumente auf ihrer Seite: Gesundheits­schutz, Klimaschutz, Res­sourcenschutz. Das Wagnis der Freiheit hat sie aller­dings geopfert und mit der Freiheit auch das Recht, das Men­schenrecht. Jetzt mag die Maschine schnurren, aber der Mensch, ob er noch singt, singt ohne einges­perrt zu werden?

Die Zerstörung der Welt ist seit langem grundgelegt im mechanisti­schen Vor­stellungsmodell von Welt. Die große Transformation erweitert jetzt diese Zer­störung auf den Men­schen, indem sie ihm die Freiheit nimmt, sich nicht mehr anschickt, der Freiheit politisch gerecht zu werden, sondern an ihre Stelle Angst und Überwachung setzt.

Walter Thümler

Januar 2022

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Offene Briefe an die Entscheider

Dieser Beitrag sammelt Offene Briefe, Studien und Dokumente, die für Verhältnismäßigkeit, streitbare Wissenschaft, Kunstfreiheit und kritische Diskussion sprechen. Die Texte formulieren Forderungen, Vorschläge und Bitten, die Engführung der öffentlichen Diskussion auf virologische Panik und Repression zu beenden. Stattdessen gilt es, den bürgerlichen Freiheiten wieder den Rang einzuräumen, der ihnen gebührt. Seit zwei Jahren werden wir mit zunehmender Willkür auf dem Verordnungsweg eingeschränkt, obwohl Verordnungen den geltenden Gesetzen – erst recht dem Grundgesetz – nachgeordnet sind. Sie dürfen Gesetze präzisieren, sie aber nicht außer Kraft setzen. Die angeordnete Ausschaltung der Grundrechte, wie wir sie erlebt haben, bringt die Rechtsordnung insgesamt ins Wanken. Dagegen erhebt sich – zu Recht – Protest, dagegen sprechen die hier versammelten Texte.

Die Texte sind chronologisch geordnet, können durch einen Klick heruntergeladen und als PDF geöffnet werden; inhaltlich geben sie stets die Meinung der Autorin, des Autors oder der Autoren wieder, nicht meine.

Echo auf: Virginia Woolf, Ein eigenes Zimmer

„Da Fakten so schwer zu erlangen sind, will ich mir nur einmal vorstellen, was geschehen wäre, wenn Shakespeare eine wunderbar begabte Schwester gehabt hätte, sagen wir, mit Namen Judith.“ (Aus dem Englischen übersetzt von Heidi Zerning)

Das vergessene Leben von Maja Einstein

Albert und Maja waren die Nachkommen von Hermann und Pauline Einstein, einem jüdischen Ehepaar aus der Mittelschicht. Die beiden Einstein-Kinder verbrachten die meiste Zeit ihres jungen Lebens in Deutschland. Ihr Vater war Mitinhaber eines Unternehmens, das elektrische Geräte herstellte, und ihre Mutter blieb zu Hause und kümmerte sich um Haus und Familie. Maja und Albert erhielten eine breite Ausbildung, und Maja promovierte in Romanistik an der Universität Bern.

Aber es kam der Tag, an dem Albert erfolgreicher war als Maja, und die Dinge änderten sich dramatisch. Alle schenkten Albert ihre Aufmerksamkeit, während sie pausenlos lernte, um klüger zu sein als ihr angebeteter Bruder. Eines Tages beschloss sie aus Verzweiflung, das Land zu verlassen und nach Brasilien zu gehen. Dort konnte sie zumindest als die intelligenteste Frau ihrer Zeit anerkannt werden. Man hat nie wieder etwas von ihr gehört.

Paulina Dönmez

Der innere Monolog von Puschkins Schwester

Ein neuer Tag in Sankt Petersburg. Der letzte, den ich hier im Herbst verbringe und dann geht es zurück in das leere und einsame Dorf, wo keine Seele zu finden ist, mit der ich mich unterhalten und der ich meine heimlichen Gedanken anvertrauen könnte. Das Einzige, was ich an der Situation gut finde, ist, dass ich jetzt mehr Freizeit haben werde, um Gedichte zu schreiben. Gedichte, die nie veröffentlicht werden. Ich mag Puschkins Schwester sein. Ich mag so begabt sein wie er (wenn nicht viel begabter). Aber das nützt nichts, denn ich bin vor allem nur eine Frau. Nur eine Frau…Und doch bestimmt diese Tatsache mein Schicksal. Eine Frau kann keine Gedichte schreiben. Eine Frau kann die Welt nicht entdecken. Eine Frau kann ihre Meinung nicht äußern. Alles, was sie kann, ist leise und hübsch sein, um Männern zu gefallen. Männer…unsere größte Unterstützung und unser größter Fluch. Sie gründen ganze Städte, erobern andere, regieren Reiche, kämpfen für den Frieden, werden berühmt und genießen das Leben in vollem Maße, all seine Seiten…

Und was bleibt einer Frau? Der Haushalt, der Mann, der ständig alle Hände voll zu tun hat und sie an einigen Nächten besucht, Kinder, die sie nach diesen Besuchen bekommt, und lange Tage voller Einsamkeit in einem Dorf, wenn die ganze Familie nicht in der Hauptstadt ist.

Es wäre lustig, wäre es nicht so traurig. Ich weiß, was mir zukommt, obwohl ich mein Leben noch gar nicht gelebt habe. Weil ich nur eine Frau bin. Eine Frau und nicht mehr… Aber ich weiß: es kommt die Zeit, und endlich werden Frauen das Recht bekommen, sich zu äußern, dafür zu kämpfen, was ihren Herzen lieb ist. Und sie werden ihr Ziel erreichen. Sie werden mehr sein als „nur Frauen“.

Die Schwester von Alexander Puschkin hat recht. Die Zeit wird vergehen, und bekannt werden solche Frauen wie die Schwestern Bront?, Mary Shelley, Jane Austen, Virginia Woolf, Louisa May Alcott und Margaret Mitchell. In Russland wird man von Marina Zwetajewa, Anna Achmatowa und Bella Achmadulina erfahren. Aber sie, die Schwester von Alexander Puschkin, die noch begabter ist als ihr Bruder, wird nie berühmt sein und in Vergessenheit geraten. Sie und Tausende von anderen unglaublich begabten Frauen, die ihr ganzes Leben ihre Last tragen werden – die Last des Frauenseins.

Nastja Matjasch

Gefahr im Verzug

Hallo, mein Name ist Walter Thümler. Ich bin Schriftsteller.

Ein Schriftsteller meldet sich normalhin durch das Buch zu Wort. Wenn ich heute diesen direkten Weg wähle, dann, weil Gefahr im Verzug ist.

Ich habe Angst, dass mein Land zum dritten Mal in nicht einmal hundert Jahren in das faschistische Wir zurückfällt, und das wieder im Gestus der Gutmeinigkeit, im gemutmaßten Wissen um das Heilkonzept. Und wieder scheint es eine Koproduktion mit Österreich zu werden.

Zu Beginn der Corona-Krise im Frühjahr 2020 ist Deutschland falsch abgebogen. Statt die vulnerablen Gruppen wirksam gegen Covid 19 zu schützen, hat man den riesigen Rest der Bevölkerung im Lockdown eingesperrt. Unserem natürlichen Immunsystem erschlafften die Muskeln. Massenimpfungen taten ein Übriges. Hätten wir die Risikogruppen wirkungsvoll geschützt und die Intensivbetten aufgestockt statt sie abzubauen, und hätten wir zum ersten Mal die Pflegekräfte gerecht entlohnt, statt sie zur Impfung zu zwingen, dann wären wir Übrigen vielleicht an Covid erkrankt, zumeist jedoch ohne davon etwas zu merken. Dann hätten wir heute eine kollektive Immunisierung, wie die meisten Länder ohne Lockdown und mit geringer Impfquote sie haben. Für niemanden ist es noch ein Geheimnis, dass hohe Impfquoten fast überall große Infektionszahlen im Gefolge haben wie Israel, Gibraltar, Seychellen oder Singapur es überdeutlich zeigen.

Wir haben im Frühjahr 2020 aus einer Mücke einen Elefanten gemacht. Und seither haben wir mit diesem Elefanten zu tun, solange zu tun, bis wir den Mut finden, wie­der die Mücke zu sehen. Und das hieße, sofort mit den Massenimpfungen aufzuhö­ren, wenn möglich an Covid 19 zu erkranken und eine natürliche Immunisierung zu gewinnen. Für jeden, der das nicht will, der schütze sich durch selbstauferlegtes Mas­kentragen, Abstandhalten, der meide Kontakte zu symptomatischen Personen oder lasse sich freiwillig impfen, wenn er das Risiko denn eingehen will. Das wären von der Vernunft gebotene Maßnahmen. Aber gerade diese Vernunft hat uns einmal mehr verlassen. Wir wollen jetzt auf wahnbestimmte, hysterische Weise ein Virus gefan­gensetzen, dessen größte Freude es ist, Hase und Jäger zu spielen. Dafür müssen wir jetzt alle sechs Monate die gesamte Weltbevölkerung impfen mit einem Impfstoff, der eine Gentherapie ist und sich erst in der klinischen Testphase befindet. Das heißt, wir sind alle Probanden. Welche gesundheitlichen Folgen das haben wird, ist vollends un­bekannt.

Wollen wir alle Menschen mit unserem Zeichen kennzeichnen und können wir es nicht ertragen, jemanden außerhalb dieser Kennzeichnung zu sehen? Eine Zwangs­impfung ist etwas anderes als eine Zwangstaufe. Eine Impfung berührt das Eigentum eines jeden Menschen: die körperliche Unversehrtheit und damit seine Würde. Und das ist nicht etwas, das uns vom Staat gegeben wird (auch nicht vom Grundgesetz), sondern diese gehört uns per Naturgesetz. Hier ist das Ende aller staatlichen Gewalt. „Aber“, sagt ihr, „eine Impfung ist ein Opfer für die Volksgesundheit, ein solidari­scher Akt“. Das hatten wir schon mal vor ca. achtzig Jahren oder? Die negativen Fol­gen der aktuellen Gentherapie sind zahlreich. Auch der Tod gehört dazu. Die positi­ven Folgen muss man indes suchen. Impfdurchbrüche ohne Ende, weiterhin schwere Verläufe. Der Geimpfte kann sich anstecken und ist ansteckend. Also, wofür dieses Experiment? Wie jede wahnbestimmte Politik will auch diese mit dem Kopf durch die Wand, kann keine Fehler zugeben, sondern befindet sich auf der Flucht nach vorn, obwohl sie in einer Sackgasse steckt. Das macht panisch, ungeduldig, ruft nach Gewalt und nach einem Sündenbock.

Faschistoides Denken und Verhalten ist stets ein Spalter. Es lebt von der Abstoßung. Wie konnte es passieren? Wo war die Vernunft, als Frauen als Hexen verbrannt, als Juden in Gaskammern geschickt wurden, nachdem man sie mit salamitaktischer Bür­gerrechtsentziehung nach und nach erniedrigt hat? Faschistoides Denken und Verhal­ten führt einen feigen Krieg gegen Minderheiten. Wie konnte es passieren, das Schlimme? Wir merken gar nicht, dass wir schon wieder Adjutanten dieses Schlim­men geworden sind. Angst und Panik verdecken uns das. Die Politiker hören nicht mehr, was sie sagen, sondern befinden sich in einer paranoiden Hörigkeit. Es ist ein Sog in die Gewalt. Darum gesellt sich das Militär jetzt auch dazu.

Wenn ich heute zur vorgerückten Stunde der bösen Verzauberung hier spreche, dann um allen Verantwortlichen zuzurufen: Lasst die Menschen friedvoll ihren Weg mit­einander finden. Sie sind schon erwachsen. Und stellt euch endlich schützend vor die Menschen, die euren Schutz brauchen. Aber nicht wieder diese Art von Schutz: Die Alten, damit sie sich nicht anstecken, einsam in den Heimen verenden lassen. Und lasst die Ungeimpften in Ruhe. Das sind Millionen Menschen aller Bevölkerungs- und Bildungsschichten. Ihr aber stellt sie unter Generalverdacht und überzieht sie mit Kollektivstrafen, ganz im Stil der Tyrannis. Der Verdacht genügt euch, um Millionen Bürger in Isolationshaft zu sperren. Statt dass ihr auf Deeskalation hinwirkt, betreibt ihr Eskalation. Euer Impfstoff ist gefährlich. Er hat nur eine bedingte Zulassung. Er ist erwiesenermaßen eine Farce, nein schlimmer noch, ein Pandemie-Beschleuniger. Denn keiner weiß, wann seine künstliche Immunisierung endet. Wäre der Impfstoff das, was ihr versprecht, gäb es kein Covid mehr, wäre längst Normalität eingekehrt. Stattdessen ist es schlimmer als je. Nebenbei bemerkt: Die Omikron-Variante wurde von doppelt Geimpften aus Süd-Afrika eingeschleppt.

Macht den Elefanten wieder zur Mücke. Helft uns, unsere Immunität zu stärken durch gute Ernährung, Kontakte, Sport, viel frische Luft anstelle von Quirlmief aus Klimaanlagen. Macht endlich ein Ende mit unterbezahlten Pflegekräften und Kran­kenschwestern, mit Notbesetzungen in Pflegeheimen und Hospitälern. Das wäre eure erste und wichtigste Aufgabe als die von uns Beauftragten. Beendet eure Flucht nach vorn und nehmt eine nicht-spalterische Vernunft an, die alle mit einbezieht. Wir ha­ben euch die Aufgabe anvertraut, das Boot mit allen Menschen an Bord zu steuern und nicht, damit ihr ein Drittel davon ins Meer werft. Euer Weltgenesungsmodell: Die gesamte Weltbevölkerung zu impfen, ist ein zerstörerisches und gewalttätiges Unternehmen. Es ist der traurige Beleg eines unsäglichen Hochmuts. Die Impfung muss alle sechs Monate wiederholt werden. Und vielleicht noch öfter. Willkommen in der Endlosschleife.

Tretet einen Schritt zur Seite. Vergesst die Panik, die ihr angesichts einer für die meisten harmlosen Erkältungskrankheit geschürt habt. Gebt euch selbst das Wort zu­rück.

Walter Thümler, Dezember 2021

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Großer Sprung zurück in die digitale Diktatur

Anstelle eines militärischen Anreiz- und Strafsystems, wie Shang Yang es etablierte, nutzt die KP moderne Informations­tech­nologie als durchgreifende Technik des Überwachens und Strafens. Doch Xi ist sich bewußt, daß der Legalismus allein das Potential hat, Revolten zu provozieren. Schließlich wurde Qin’s einiges China schon wenige Jahre nach seinem Tod von Rebellen hinweggefegt, die gegen den Militarismus Qin’s aufbegehrten. Indem Xi den Legalismus (Terror durch Überwachung und Loyalität durch strikte Anreize) und den Konfuzianismus (traditionelle konservative Werte) miteinander verschmilzt, versucht er die „kommunistische“ Herrschaft zu festigen und zu sta­bi­li­sieren.

Die Volksrepublik China hat zu diesem Zweck eine massive Zensur des Internets aufgebaut, die sich auf Techniken wie die „Große Firewall von China“ (Fánghuo chángchéng) oder den „Goldenen Schild“ (Jindùn gongchéng) stützt. Westliche Internetprodukte wie die Googlesuche oder Wikipedia sind nicht erreichbar. Konnten die Zensurmechanismen bis vor Kurzem noch durch Technologien wie VPN umgangen werden, so ist dies nicht mehr möglich und verboten. Wie im Westen begründet die chinesische Parteiführung die Einschränkung des Internets mit dem Schutz der Bevölkerung. Bei einem Vorbereitungstreffen des „Internet Governance Forum“, einer vom UN-Ge­neralsekretär ins Leben gerufenen Diskussions-Plattform, in Genf am 13.5.2009 rechtfertigte ein chi­nesischer Diplomat die Internet-Zensur der KP wie folgt, um die Teilnehmer zur Zurückhaltung mit Kritik auf­zufordern:

„Im Kampf gegen den Terrorismus und andere kriminelle Akte haben alle Staaten das Recht, zur Wahrung der Sicherheit des Staates und der Interessen seiner Bürger Inhalte bestimmter Internetseiten zu filtern. Und ich denke, alle Länder sind im Begriff, eben das zu tun.“ (zitiert nach Monika Ermert vom 14.5.2009)

Der 33jährige Li Wenliang, Augenarzt und KP-Mitglied, bemerkte als einer der ersten anhand klini­scher Beobachtung bei sieben Patienten das Auftreten einer schweren Lungenkrankheit, die an SARS aus den Jahren 2002/3 erinnerte. Seine Geschichte wirft ein Licht auf die Umstände, die zur Ausbreitung des Virus beigetragen haben, Umstände, die typisch sind für die Krisenreflexe einer Diktatur: Am 30. Dezember 2019 schrieb Li in einer WeChat-Gruppe an Arztkollegen, um vor dem Verdacht einer Infek­tions­krankheit zu warnen. Die chinesische Staatssicherheit las – wie ge­wöhnlich – mit. Bereits zwei Tage später, am 1. Januar 2020, berichtete die staatliche Nach­rich­tenagentur Xinhua, daß acht Personen wegen der Verbreitung gesundheitlicher Falsch­nachrichten im Internet belangt würden – ein Topos, der im weiteren Verlauf der Pandemie auch im Westen im Zusammenhang mit Löschungen auf Youtube oder Facebook wieder auftauchte. Zwei weitere Tage später wurde Li von der chinesischen Stasi vor­geladen und gezwungen, öffentlich zu bekennen, daß er unwahre Behauptungen verbreitet habe, die die soziale Ordnung störten. Im Stil der stalinistischen Selbstkritik und Selbstanklagen solle er sei­nen Fehler einsehen und Reue zeigen: „Wenn Sie weiter halsstarrig bleiben, Ihre Vergehen nicht bedauern und mit diesen illegalen Aktivitäten fortfahren, werden Sie strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen – haben Sie verstanden?“ (Quelle: Weibo, Post von Li Wenliang) Einen Monat später entschuldigte sich die Behörde bei ihm – da hatte das Virus bereits angefangen, sich zu verbreiten und weltweit von Regierungen und Nicht­regierungs­organisationen für die verschiedensten Zwecke ausgenutzt zu werden. Ironie des Schick­sals: Li verstarb wenige Tage später an den Folgen einer Lungenkrankheit, obwohl Tests auf SARS-Cov2 bei ihm negativ ausgefallen waren.

Xu Zhangrun, Juraprofessor an der Qinghua-Universität in Beijing, der bereits 2018 durch eine schonungslose Kritik am politischen System der Volksrepublik aufgefallen war, mit Berufsverbot belegt und ständig überwacht wurde, verfaßte vom 4. bis zum 9. Tag des 1. Mondmonats im Jahr Gengzi (28.1.-2.2.2020) eine Brandschrift, in der er den moralischen Zerfall der chinesischen Staats­macht kon­statierte, eine Welle der Empörung im Volk wahrnahm und den baldigen Niedergang der kom­­munistischen Herrschaft vorhersagte. Ursachen des Übels seien der Mangel an Mei­nungs­freiheit, das Monopol der KP, die Regierung zu stellen, und schließlich die Einmann-Herrschaft Xi’s innerhalb der kollektiven Führung.

„Der Grund liegt darin, daß die Staatsgewalt auf allen Ebenen erst die Redefreiheit beschneidet, Tatsachen ver­heimlicht und die Bevölkerung betrügt, anschließend die Verantwortung abschiebt und die Verdienste anderer für sich in Anspruch nimmt, während die beste Zeit zur Vorbeugung und Behandlung der Krankheit vor aller Augen un­genutzt verstreicht … Eigentlich wußten schon unsere Vorfahren: ›Dem Volk den Mund zu verbieten, ist schlim­mer, als einen reißenden Strom aufzuhalten.‹ (aus: Guoyu. Gespräche über den Staat) … Das derzeitige büro­kratische System ist von allgemeinem Mittelmaß geprägt, ausgelaugt und dekadent. Die chaotische Lage in der Provinz Hubei, wo sich zur Zeit die absurdesten und übelsten Szenen ereignen, beleuchtet nur einen kleinen Teil des ganzen Deasasters … Hinzu kommt, daß die staatlichen Autoritäten in den letzten Jahren die Repressionen weiter verstärkt und jede Entwicklung hin zu einer Zivilgesellschaft unterdrückt haben. Die Zensur nimmt von Tag zu Tag zu, wodurch genau jene Mechanismen geschwächt und eliminiert werden, die in einer Gesellschaft früh­zeitig auf Probleme aufmerksam machen. So in der aktuellen Coronavirus-Epidemie, bei der gerade deshalb, weil die Meldungen über erste Erkrankungen abgeblockt wurden, schließlich ganze Städte abgeriegelt werden müssen, und das Abwürgen persönlichen Engagements schließlich zum Tod von Menschen führt. Es ist leicht einzusehen, daß dies begleitet ist von einer skrupellosen Profitgier und dem platten Pragmatismus einer Politik, die schlimmer kaum sein kann. All das zeigt, daß jene Generation, die während der Kulturrevolution aufs Land verschickt worden war und anschließend, unter den besonderen Umständen ihrer Zeit, an die Macht gelangte, heute jeglicher Moralität und Vernunft entbehrt. Man darf zu Recht behaupten, daß diese Generation auf allen Ebenen der staatlichen Macht die unfähigste Führungselite seit vier Jahrzehnten darstellt … Mit repressiven Mitteln der Diszi­plinierung und Überwachung wird nun versucht, den Beamtenapparat dazu anzutreiben, sich weiterhin mit einer sinn­entleerten Abarbeitung von Verordnungen abzurackern und durchzulavieren. Und weil es sowohl an Rede­freiheit als auch an einem modernen bürokratischen System fehlt – von ›loyalen Ministern, die den Kaiser zu kritisieren wagen‹, wie wir sie aus der chinesischen Geschichte kennen, ganz zu schweigen –, hat die Peitsche der Re­pression weder Überwachung noch Einschränkung zu fürchten. Darüberhinaus herrscht die eiserne Faust der [von Xi eingerichteten] Nationalen Sicherheitskommission mit noch härterem Griff. Zuletzt wird alles stufenweise durch den ganzen Apparat nach oben geleitet, wo es in einer einzigen Person zusammentrifft. Diese aber ist ein Mensch aus Fleisch und Blut, der seiner Aufgabe mitnichten gewachsen ist … So ist es auch beim aktuellen Dea­saster von Wuhan: Konkret ereignet sich zwar alles an der Basis, doch die Wurzel des Problems liegt bei den Macht­habern in Peking, in diesem System, das sich um nichts anderes mehr dreht als um seinen eigenen Macht­erhalt … Das Land und die Bevölkerung werden heute mittels eines totalitären Big-Data-Kontrollsystems und dessen an Terror grenzender Zensur der gängigen Social-Media-Plattform WeChat regiert … Entsprechend hielt der scheinbare Übergang aus einem maoistisch-totalitären System zu einem autoritären Staat nach den Olym­pi­schen Spielen im Jahr 2008 zunächst inne, um dann abermals zu einem maoistisch orientierten Totalitarismus zu­rückzukehren, und zwar im Laufe der letzten sechs Jahr mit immer schnellerer Geschwindigkeit. Weil der Einsatz technologischer Mittel aufgrund unbegrenzter Staatshaushalte sich auf nahezu unerschöpfliche Finanzquellen stützen konnte, erleben wir heute einen Big-Data-Totalitarismus im Orwellschen Stil.“ (Xu Zhangrun, 2020)

Im Westen vollzieht sich eine ähnliche Entwicklung, in umgekehrter Richtung: Im „Krieg gegen das Virus“ geraten die von den Verfassungen garantierten Grundrechte und der Datenschutz ins Hin­ter­treffen, werden Gesetze auf dem Verordnungsweg außer Kraft gesetzt, nachdem sich die Parlamente selbst entmachtet und die Entscheidungsbefugnis an die Exekutive abgegeben haben. Die private Pres­se, die wegen sinkender Werbeeinnahmen von Finanzspritzen amerikanischer Konzerne wie Google  abhängt, schaltet sich mit den öffentlich-rechtlichen Medien gleich. Im Hintergrund betätigt sich die Google-Tochter Youtube als Zensor und löscht Beiträge, in denen Ärzte über Impf­neben­wirkungen berichten – nach chinesischem Vorbild unter dem Vorwand der „medizini­schen Falsch­information“. Mit Hilfe der Digitalisierung von Test- und Impfzertifikaten wird ein Social Credit-System eingeführt: Nur wer sich den Verordnungen beugt, sich testen und impfen läßt und dies auf seinem Smartphone nachweisen kann, darf noch am gesellschaftlichen Leben teilhaben, einkaufen sowie Kultur­ein­rich­tungen und öffentliche Verkehrsmittel betreten. In Australien annulliert ein Minister persönlich das Visum eines von den Behörden ausgestellten Visums für einen ungenehmen Spitzen­sportler. Das System, im Westen bekannt unter den Namen Green Pass, 2G, 2G+ oder 3G, nähert sich dem chinesischen Vorbild an, ja übertrifft es hinsichtlich des Grades der Repression: Während im chinesischen System mehrere Variablen des Wohlverhaltens ausgewertet werden und den Zugang zu öffentlichen Dienst­lei­stungen schaffen, ist das westliche System – zunächst erst einmal – monofaktoriell auf Corona ausgerichtet. Hinsichtlich der  skrupellosen Profitgier und des platten Prag­ma­tis­mus der Politik läßt sich kein Unterschied zur chinesischen Nomenklatura fest­stellen: Maskenskandale und Intensivbettenlüge (DIVI-Gate) bilden nur die Spitze des Eisbergs, zu dem sich die Korruption höchster, demokratisch legitimierter Regierungskreise verdichtet hat. Ohne maßgebliche Interes­senskonflikte, die symp­to­matisch die Durchdringung der Politik mit Lobbyisten der Pharma- und IT-Industrie anzeigen, wäre die Corona-Krise gar nicht ausgerufen worden. Ein überschaubarer Club von Multi­mil­liar­dären, die vor 30 Jahren noch in Hinterhof-Garagen an Schaltkreisen oder Billigsoftware herumbastelten, hat Regierungen und Presseagenturen gekapert. Auch die Mittelmäßigkeit der Beamten, die sich mit einer sinn­entleerten Abarbeitung von Verordnungen abrackern und durchlavieren, unterscheidet den Westen nicht  von China. Die logische Widersprüchlichkeit der „Corona-Schutzverordnungen“ fällt bereits Schulabbrechern ins Auge, nur die Funktionselite hält eisern daran fest. Nachdem Behörden wie das RKI die Ermächtigung erhalten haben, die geltenden „Regeln“ auf ihrer Inter­net­seite zu veröffentlichen und ihnen damit ohne Debatte oder Ein­spruchs­mög­lichkeit sofortige Geltung zu verleihen, muß die rechtsstaatliche Verfassung des Westens zumindest im Bereich der Corona-Politik als außer Kraft gesetzt angesehen werden: Einzelpersonen können nach Gutdünken schalten und walten. Die Willkür der Definition, wer als „ge­impft“ oder „genesen“ gilt, wird  über Nacht für Millionen vom gesellschaftlichen Leben ausgegrenzte Bür­gern spür­bar.

These 12: Der Westen nähert sich im Eil­tempo dem technokratisch-totalitären Regime, für das die IT-Branche die Volksrepublik bewundert.

Xu Zhangrun ahnte, daß dies sein letzter Text sein würde – am 6. Juli 2020 wurde er von zwanzig Polizisten in Beijing verhaftet, wie die deutsche Vertretung in China am 9.7.2020 mitteilte. Der Dichter Yang Lian postete daraufhin: „This is another proof of Chinese government keeps the very nature of Mao’s authoritarian tradition, and taken off their face-mask of ›Reform‹ now, they are nothing but the enemy of Humanity and civilisation. Europe, be clear, stop to play your game of power and money with them!“

Auch Ren Zhiqiang – ein prominenter KP-Kritiker, Immobilienmakler und selbst Teil der Nomen­klatura, von manchen der chinesische Trump genannt – kritisierte in einem Essay, das sich viral verbreitete, die mangelnde Rede- und Pressefreiheit in der Volksrepublik. Die Angst der Macht­haber, öffentlich schlecht dazustehen, verhindere, daß auf akute Gefahren schnell reagiert werden könne, der Parteiführer zeige sich in neuen Kleider, gleiche in Wirklichkeit aber einem nackten Clown – daraufhin verschwand Ren im März 2020 in den Zellen der Stasi und wurde im September in einem Verfahren, das nur einen Tag dauerte, wegen Korruption zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt.    

Die chinesische Parteiführung hatte bereits im Laufe des Januar 2020 aus dem Vorfall gelernt. Zunächst galt es, die heimische Bevölkerung durch zur Schau gestellten Aktionismus zu beruhigen. Im Februar gingen die Bilder vom hektischen Bau zweier Krankenhäuser in Wuhan innerhalb von zehn Tagen um die Welt. Diese Bilder waren es, die die Welt alarmierte, gepaart mit den noch vor­sich­tigen Warnungen der WHO. Die KP verstand es, das Auftreten der ersten Krankheitsfälle in eine internationale Pro­pa­gandaschlacht umzumünzen. Sie sprach von einem „Volkskrieg“ und sogar von einem „totalen Krieg“ gegen das Virus, eine Rhetorik, die in Europa beispielsweise vom fran­zösischen Präsidenten begierig aufgegriffen wurde und auch die damalige deutsche Kanzlerin beeinflußte – d.h., die KP nahm die Fundamentalkritik ihrer internen Widersacher ernst, nachdem sie sie ausgeschaltet hatte, und bemühte sich, das Gegenteil zu beweisen.

Zu den quasi-militärischen Maßnahmen, die die kommunistische Parteiführung ergriff, gehört die Erfindung des „Lockdown“. Es handelte sich um eine vollständige, militaristisch gegen das eigene Volk gerichtete Abriegelung des Reiseverkehrs in beide Richtungen, erst in Bezug auf Wu­han, dann ausgeweitet auf die Provinz Hubei, während die Einwohner in ihren Wohnungen ver­harren sollten. Quarantäne hatte es schon seit Jahrhunderten zur Vorbeugung der Seuchen­ver­breitung gegeben: die von der Krankheit befallenen Menschen wurden isoliert. Die Maßnahme der KP ging über Quarantäne weit hinaus: Es wurden alle Menschen der Region in ihrer Wohnung eingesperrt, unabhängig davon ob sie gesund oder infiziert waren. Wenig später diente der von der kommunistischen Parteiführung erfundene Lockdown als Blaupause für die Pandemiebekämpfung im Westen. Ironie des Schicksals: Als die stellvertretende Minister­präsidentin Sun Chunlan im März 2020 Wuhan besuchte, um die Visite von Präsident Xi auf Potemkinsche Weise vorzubereiten, riefen die eingesperrten Bürger im Chor durch die geöffneten Fenster: „Jiade! Jiade! Dou shi jiade!“ („Fake!, Fake! Das ist alles Fake!“, zit. nach Kai Strittmatter, 2020) – Widerstand gegen die Un­ver­hält­nis­mäßigkeit der Maßnahmen, wie er auch im Westen aufkeimt.  

Die kommunistische Partei erklärte sich nach kurzer Zeit zum Sieger im „Krieg gegen das Virus“, etikettierte China um „vom Krisenherd zum Krisenheld“. Als im Westen zur Zermürbung der nicht genügend impfwilligen Bevölkerung ein Lockdown nach dem anderen verhängt wurde, feierten die Einwohner Wuhans längst wieder Massen­partys. Lokale Virusausbrüche, etwa im Juni 2020 in einigen Teilen Beijings, wurden lokal „aus­getreten“. China heizte seine Wirtschaft an und ver­zeichnete als einziges Industrieland im Jahr 2020 ein Wachstum – nicht zuletzt dank der naiven Milliar­denaufträge des Westens für Masken, Testkits und andere Gesundheitsprodukte.

Nach innen begriff die Parteiführung Corona als strategische Chance für den Ausbau des re­pres­siven Staates: hatte sie in den letzten Jahren bereits den Ausbau  in­for­mationellen Über­wachung (Internetzensur, Überwachungskameras, nachbarschaftliche Denunzia­tion) dank „fortschrittlicher“ künst­licher Intelligenz zum Staatsziel erhoben, so bot der Lockdown in Wuhan und Hubei die Mög­lichkeit, dem Volk ein Exempel zu statuieren, wozu die Regierung im Ernst­fall fähig ist: die räum­liche und informationelle Bewegungsfreiheit weitgehend ein­zu­schränken und den parteilichen Zen­tra­lismus gegen die seit den Reformjahren aufkeimenden Zentrifugalkräfte zu in Stellung zu brin­gen.

„Wie die Analyse der politischen Kommunikation im Lande nahelegt, bringt der durch COVID-19 ausgelöste nationale Krisenmodus eine Reihe von Vorteilen für die Herrschaft der Partei mit sich: Er erlaubt die resolute Durchsetzung zentraler parteistaatlicher Macht innerhalb einer Hierarchie politischer Steuerung, die im Normal­modus zur Fragmentierung neigt, im Krisenmodus aber zur strikten Durchsetzung von Vorgaben zwingt. Zugleich er­laubt er die Mobilisierung massiver materieller und ideeller Ressourcen, deren Einsatz im vaterländischen Krieg gegen das Virus angesichts der existenziellen Bedrohung dazu beiträgt, die Parteiherrschaft zu legitimieren und Kritik zu diskreditieren. Die Legitimität des Top-down-Durchgriffs und die dadurch erzeugte Effektivität des Krisen­managements verstärken einander, solange der Krisenmodus aufrechterhalten wird.“ (Heike Holbig, 2020)

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Solang tanzen wir

Wie tot ist dieses Land : wie ernst

Versucht die Alten es vorm Tod

Zu retten und läßt das Leben

Fahr’n ins Nichts : es könnte

Laut und bunt sein : nur

Im Traum noch : auf der Straße

Eil’n die Menschen

Regungslos vorbei

Verstecken ihr Gesicht : verstecken

Sich :  verfolgt von Angst

Ein Fangespiel ist dieses Treiben

Ersatz für : keiner glaubt’s

Den dritten Großen Krieg : der

Uns erspart nicht bleiben wird

Und solang tanzen wir auf uns’rem

Stern : gebären Chaos

Echo auf: Mustafa Khalifa, Das Schneckenhaus

„Ecos da escrita“, zu deutsch etwa „Echos des Geschriebenen“ – unter diesem Motto stehen einige ausgewählte Texte von Studentinnen einer Germersheimer Übung: Kreatives Schreiben: Zielsprache Deutsch. „Ecos da leitura“, „Echos der Lektüre“, würde es ebenso treffen. Schreibanlässe sind jeweils Auszüge von übersetzter Literatur, auf die die – nichtmuttersprachlichen – Studentinnen sprachlich reagieren sollten.

Ein erstes Beispiel ist der Anfang von Mustafa Khalifas Roman „Das Schneckenhaus“, eine Abschiedsszene auf dem Flughafen Orly…

Mustafa Khalifa, Das Schneckenhaus. Tagebuch eines Voyeurs (Deutsch von Larissa Bender)

Suzanne und ich saßen in einem Café am Pariser Flughafen Orly und warteten auf den Abflug. Nach sechs Jahren würde ich in mein Land zurückkehren.

Sogar in dieser letzten Viertelstunde wurde Suzanne nicht müde, mich zum Bleiben zu überreden. Immer wieder führte sie Argumente an, die ich schon kannte, seit ich ihr vor ein paar Monaten von meinem Entschluß erzählt hatte, in die Heimat zurückzukehren und dort zu arbeiten.

Ich komme aus einer arabischen Familie christlich-katholischen Glaubens. Die eine Hälfte der Familie lebt in Paris, weshalb mir in diesem Land alle Türen für das Studium offen gestanden hatten. Das Studium war mir leichtgefallen, unter anderem weil ich des Französischen schon vor meiner Ankunft in Paris mächtig gewesen war. Ich hatte Regie studiert und war ein ausgezeichneter Student gewesen. Und nun wollte ich nach meinem Abschluß in mein Land und meine Stadt zurückkehren.

Auch Suzanne stammte aus einer arabischen Familie, doch ihre Familie war ausgewandert und lebte in Frankreich. In den letzten beiden Studienjahren waren wir ein Paar gewesen und hätten sogar mit dem Segen beider Familien heiraten können, sofern ich nicht darauf bestanden hätte, nach Hause zurückzukehren, und sie, in Frankreich zu bleiben.

Bei unserem letzten Gespräch im Flughafen sagte ich resolut:

„Suzanne, ich liebe mein Land, meine Stadt. Ich liebe die Straßen und Gassen dort. Das ist keine banale Romantik, sondern ein tief empfundenes Gefühl. Ich erinnere mich noch immer an die Slogans auf den Mauern der alten Häuser in unserem Stadtviertel. Ich liebe sie, ich sehne mich nach ihnen. Außerdem möchte ich ein außergewöhnlicher Regisseur sein, ich habe viele Projekte und Pläne im Kopf. Ich habe große Ambitionen. In Frankreich würde ich ein Fremder bleiben, ich würde wie jeder andere Flüchtling hier jobben, und sie würden mir nur ein paar Brotkrumen hinwerfen. Nein, das möchte ich nicht. In meinem Land habe ich Rechte, dort bin ich niemandem zu Dank verpflichtet. Mit ein wenig Mühe kann ich es dort zu etwas bringen. Abgesehen davon, daß mein Land mich und meinesgleichen braucht. Deshalb ist mein Entschluß zurückzukehren endgültig, und jeder Versuch, mich umzustimmen, ist zum Scheitern verurteilt.“

Ein paar Minuten herrschte Schweigen. Wir vernahmen den Aufruf, es war Zeit für den Abflug. Wir standen auf und kippten den Rest unseres Bieres hinunter. Ich sah sie mitfühlend an, Tränen sammelten sich in ihren Augen. Sie warf sich mir an die Brust. Ich küßte sie flüchtig. Solche Situationen kann ich nicht ertragen.

„Ich wünsche dir alles Gute“, sagte ich.

„Ich dir auch. Und paß auf dich auf!“

Ich bestieg das Flugzeug.

(Aus dem Arabischen von Larissa Bender. Bonn, 2019. Original: Al-Qawqa’a: Yawmiyy?t Mutala??i?. 2008)

Texte zu Mustafa Khalifa, Das Schneckenhaus

Innerer Monolog Suzannes

Wie kann er mir so etwas antun? Nach allem, was wir zusammen erlebt haben, die vier Jahren an der Uni, das dunkle und feuchte Zimmer im Keller, die gemeinsamen Freunde… wie kann er jetzt alles hinter sich lassen und weggehen? Wir hätten heiraten und eine Familie gründen können. Wir hätten glücklich zusammen sein können, wie wir es bis jetzt gewesen sind. Es wird schwierig sein, ohne ihn. Meine kleine Schwester Fatima wird ihn furchtbar vermissen! Ich werde ihn furchtbar vermissen… Aber ich kann ihm nicht böse sein. Im Gegenteil, ich verstehe ihn. Natürlich musste ich versuchen, ihn zu überreden, dass er hierbleiben soll und, dass er hierhergehört. Das musste ich wieder und wieder versuchen, obwohl ich wusste, dass ich keine Chance hatte, sein Vorhaben zu ändern. Das konnte ich in seinen Augen sehen. Er war immer erfolgreich, ein ausgezeichneter Student und, später, bei seinen ersten Aufträgen und Projekten, ein talentierter Regisseur. Trotzdem habe ich auch in seinen glücklichsten Tagen einen Hauch von Melancholie bemerkt, die er ständig versuchte zu unterdrücken, bis sie ihn überwältigt hat. Ich weiß, dass er mich liebt und es auch ihm schwerfällt, dieser Entscheidung zu folgen. Gegen seine Gefühle kämpfend leerte er sein Bierglas und stand auf, überzeugt davon, seinem Schicksal zu folgen. Er küsste mich und wünschte mir alles Gute. Mir fiel nichts Anderes ein, und ich antwortete nur „Ich dir auch. Und pass auf dich auf“. Letztendlich wusste ich, dass ich ihn gehen lassen musste. Er wollte sich verbessern, bekannt werden, an wichtigeren Projekten teilnehmen. Bis dahin fühlte er sich nicht genügend anerkannt und ausreichend herausgefordert. Außerdem nahm die Sehnsucht nach der Heimat mit der Zeit ständig zu, bis er sich in Frankreich wie ein kompletter Fremder gefühlt hat. Obwohl er die Sprache beherrschte, versuchte er immer weniger Kontakt zu Leuten zu haben, bis er sich nur mit seiner und meiner Familie traf. Und jedes Mal, wenn es um Syrien ging, fingen seine Augen an zu glänzen und ein bitteres Lächeln änderte seine Gesichtszüge. All das war monatelang vor meinen Augen, aber ich habe es immer ignoriert. Ich habe gehofft, dass es nur eine Phase sein würde und, dass er sich eines Tages beruhigen würde und sein relativ neues Leben wieder zu schätzen wüsste. Seine Entscheidung war für mich also nicht ohne Gründe zustande gekommen. Ich konnte sie verstehen und sogar akzeptieren. Deswegen drehte ich mich um und lief Richtung Ausgang.  

Erica Amistadi

Der innere Monolog von Suzanne

(Mustafa Khalifa, Das Schneckenhaus)

Da sitzt er, der Mann, mit dem ich mein Leben verbinden wollte, der die letzten zwei Jahre mein ein und alles war, was ich ihm eigentlich nie gesagt habe. Und jetzt ist es zu spät für lange Reden über nicht ausgedrückte Gefühle. Wenn ich ihn jetzt anschaue, kommt er mir irgendwie fremd vor. Seine andere Seite ist zu sehen, diejenige, die in Syrien verliebt ist und dem Land zuliebe wirklich alles hinter sich lassen würde. Diese Seite habe ich bisher nicht gekannt.

Fremd wie nie beschrieben

Sieht mich mein Schicksal an

So schrieb Rilke. Und wie sehr passen diese Zeilen zur Situation.

Es ist an der Zeit, sich zu verabschieden. Ich bin bereit, Abschied zu nehmen, aber ich glaube, ich werde ihn nie ganz loslassen können. Er geht von mir weg, aber bei ihm bleibt etwas. Bei ihm bleibt ein Herz, und das Herz ist mein.

Anastasiia Matiash (Nastja Matjasch)

Innerer Monolog Suzannes

Es ist dann das Ende. Wer konnte damit rechnen, dass diese emotionale Verbundenheit mit unserem Land, die uns vor zwei Jahren zusammenbrachte, uns jetzt wieder trennen würde? Oder hätte ich es eigentlich noch früher bemerken können, dass das Heimweh, von dem wir ständig gesprochen haben, nicht wirklich so ein geteiltes Gefühl war, wie es das in meiner Vorstellung ist? An meine Kindheit in Syrien denke ich eigentlich gern zurück, aber nur als eine nostalgische Erfahrung, wenn es im Leben nichts gibt, um das ich mich sorge oder über das ich mich freue, also ja, Romantik, in seinem Wort. Aber wirklich zurück in das Land? Lieber nicht. Um ehrlich zu sein, verstehe ich ihn auch nicht ganz. Ist es nicht besser, die Erinnerung halt Erinnerung sein zu lassen? Und Regie, natürlich, seine Lebenskarriere. Ich liebe es tatsächlich, wenn er über seinen Traum spricht. Dass er sich die ganze Zeit über so sicher ist, was er will und sich von nichts abhalten lässt, erscheint mir wie immer so attraktiv, auch wenn uns diese Entschiedenheit jetzt zur Trennung führt. Ich konnte mir schon gut vorstellen, dass er mich eines Tages wegen seiner Arbeit verlassen würde. Es kommt immer ein „Syrien“ vor, wenn er mich nicht in seiner Zukunft sieht.

Ich hoffe nur, dass es in Syrien wirklich was Spannendes gibt, das auf ihn wartet, wie er es sich jetzt vorstellt. Alles Gute, meine Liebe.

Jing Lin

Ein Hintern, der „dezente Zurückhaltung“ ankündigt?

[…] Tapeten und den Landschaftsbildern umher, die er
für eine größere Seminararbeit sezierte, und dennoch entging
ihm nicht dieser Hintern, der ihm im Grunde dadurch auffiel,
dass er zunächst nichts Besonderes an sich hatte, dezente
Zurückhaltung ankündigte – ja sogar ein wenig dafür sorgte, […]

[…] Er war Gast in der Bibliothek, hielt hier und da Vorträge, schritt mit den Alten einher. Sortierte Karteikästen, nur um gesehen zu werden. Er hatte einen Schrank gemietet. Schrank, so nannten wir die Kabinette, in denen man allein für sich arbeiten konnte. Wer hierzu den Schlüssel besaß, hielt sich für einen Grundbesitzer. Wir, in den Reihen an den Tischen dagegen, wir waren das Fußvolk, waren die Knechte, die Lakaien.

Das Fünf-Punkte-Programm: Dekrete zum Ausstieg aus der Corona-Krise und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt

Über Ausstiegszenarien aus der Corona-Krise wird gegenwärtig nicht diskutiert. Jedem Versuch dazu wird mit dem „Argument“ begegnet, man müsse sich alle Möglichkeiten (zur Repression) offen halten, ja es gebe nun keine roten Linien, also kein Halten mehr, wenn es um Rücksicht auf irgendwelche verfassungsrechtlichen Grundsätze, sprich bürgerlichen Freiheiten geht. Im Anschluß an die im Parlament beschlossene „Beendigung der Notlage“ wurde – mit welcher Logik eigentlich? – ein Bundeswehr-General bestellt, der  das kommende Durchgreif-Kommando logistisch ko­ordinieren soll, obwohl die Bundeswehr im Innern doch gar nicht einfach so eingesetzt werden darf – der stolz verkündete Tabubruch läßt Schlimmes ahnen. Die deutsche Coronapolitik hat nunmehr den unrühmlichen Titel des Repressions-Weltmeisters erobert, noch vor Italien, China und Österreich – erschreckend daran: viele Deutsche merken es nicht.

Um so wichtiger ist es, ernsthaft den Ausstieg aus der Corona-Krise ins Auge zu fassen. Denn immer offensichtlicher treten die Folgen einer einseitigen Ausrichtung aller Politikbereiche auf ein einziges Thema zutage. Die Regierung, die gern anderen das Verbreiten von Falschmeldungen vorwirft, hat sich selbst in ein Kartenhaus aus Irrtümern und Achtelwahrheiten verkrochen. Der Blick aus dem Fenster ins Offene erscheint unmöglich. Tatsächlich aber kann sich die Bekämpfung von Infektionskrankheiten auf vier Säulen stützen:

1. Säule: Schutz der gefährdeten Menschen, im Falle von Covid der Hochbetagten und einschlägig Vorerkrankten

2. Säule: medizinische Versorgung der symptomatisch Infizierten, insbesondere eine wirksame Früherkennung und Frühbehandlung

3. Säule: Kontakteinschränkungen

4. Säule: ergänzend Impfungen, wenn die Wirkstoffe und die Art der Verabreichung die Übertragung der Infektion verhindern

2020, im ersten Jahr der Corona-Krise, bezogen sich fast alle Maßnahmen – ob es sich um Masken, Abstand oder Ausgangssperren handelte – auf Säule drei: Kontakteinschränkungen. 2021, im zweiten Coronajahr, kam Säule vier dazu. Die Impfung war an das Versprechen gekoppelt, daß sie der wichtigste Wirkfaktor sei, mit dem die Pandemie bekämpft werden könne. Sobald alle Menschen ein Impfangebot erhalten haben, sollte der Ausnahmezustand beendet werden, hieß es noch im März 2021 von höchster Regierungsseite. Es kam anders. Die Impfung hielt nicht, was von ihr versprochen wurde. Sie verhindert weder die Übertragung der Infektionskrankheit noch mindert sie in einem Umfang schwere Verläufe, daß man sie zum Eigenschutz als verläßlich bewerten kann. Impfdurchbrüche dominieren das Geschehen. Von den (teilweise als Immunreaktion beabsichtigten) Impfnebenwirkungen und den (langfristigen) Impffolgen ist dabei noch keine Rede. Die Kosten-Nutzen-Bilanz der Impfung sieht bisher enttäuschend aus. Wie geht die Politik damit um? Sie verschärft das Impfangebot zur Impfflicht, wohl wissend, daß damit der Ausbreitung der Infektion nicht Einhalt geboten werden kann, sondern im Gegenteil Escape-Varianten wahrscheinlicher werden, vor allem wenn die Impfkampagne mitten in eine laufende Welle hinein agiert.

Doch wie steht es um die Säulen eins und zwei? Die gefährdeten Menschen auf menschliche Weise zu schützen, ist keine leichte Aufgabe. Isolation und Wegsperren der Hochbetagten, wie es in vielen Pflegeheimen geschehen ist, bedeutet eine massive psychische Belastung, die in etlichen Fällen tödlich endet, vor allem bei dementen Heimbewohnern – nicht unbedingt in Form von Suiziden, sondern in Form von Verkümmerung und Vereinsamung. An die Stelle des Todes tritt der elende Tod – damit erreichen die „Schutzmaßnahmen“ das Gegenteil von dem, was sie vorgeben, erreichen zu wollen: die Dehumanisierung des Menschen. Also, Freunde, christlich ist das nicht! Denn der Mensch ist weder eine Maschine noch ein rein biologisches Wesen, sondern eine biopsychosoziale Einheit. Psychoneuroimmunologische Konzepte sind gefragt, wenn es um  den Schutz der vulnerablen Menschen geht. Abstandhalten und Tests können nur einen physischen Schutz bieten. Wichtiger aber ist es, das täglich alternde und vielfach geschwächte Immunsystem zu stärken: in erster Linie durch sozialen Kontakt, aber auch durch Bewegung, Spiel, Freude, Vitamine, frische Luft – Aus­gangssperren sind immunologisch Gift! –, Eigenverantwortung und Selbst­wirk­sam­keitserleben – sogenannte weiche Faktoren, die von bestimmten Interes­sens­vertretern nicht nur unterschätzt, sondern belächelt und letztlich ignoriert werden. Wer Forschungsansätze und die Therapiepraxis dazu kennenlernen möchte, findet reichlich Lektüre, z.B. bei Christian Schubert von der Uni-Klinik Innsbruck.

Säule zwei ist bisher in Deutschland ausgefallen. Zumindest hören wir von der Regierung nichts dazu und in den öffentlichen Medien wenig. Wenn wir einmal den Vergleich zu HIV ziehen: ein wirksamer Impfstoff wurde in den letzten Jahrzehnten nicht gefunden. Kontakteinschränkungen sind für die Infizierten geboten und strafrechtlich sanktioniert: als ungeschützter Geschlechtsverkehr, ansonsten nicht. Die soziale Integration HIV-positiver Menschen ist eine gesellschaftliche Herausforderung, die zu einem funktionierenden flächen­deckenden Netzwerk der Aidshilfe geführt hat. Die Entwicklung wirksamer, effektiv lebens­erhaltender Medikamente hat Quantensprünge gemacht: HIV-positive Menschen können fast normal leben.

Es wird Zeit, vom heimlichen Vorbild der Pocken-Impfung wegzukommen, wenn es um eine Strategie im Umgang mit der Corona-Krise geht, und sich am Umgang mit dem HI-Virus zu orientieren: eine Impfung, die zur Ausrottung des Coronavirus führt, hat sich als Illusion erwiesen; die Nebenwirkungen und Risiken sind momentan nicht kalkulierbar, weil unzureichend erfaßt. Also erscheint es vernünftig, sich auf ein Leben mit dem Virus einzustellen – was für die überwiegende Mehrheit der Menschen, die dank ihres natürlichen Immunsystems nur einen asymptomatischen Verlauf zeigt, den mit Abstand gesündesten Weg darstellt. Die Politik steht vor der ehrenvollen Aufgabe, die Irrtümer zuzugeben, das Machtspiel zu beenden, die Deeskalation einzuleiten, die Weisheit der Bevölkerung ernst zu nehmen, statt sich auf handverlesene Experten zu verlassen, die in Interessenskonflikte verwickelt sind. Dazu wäre ein politischer Charakter von Nelson Mandela oder Martin Luther King vonnöten. In Aussicht ist er nicht.

Also sind die medizinischen Ressourcen auf die Früherkennung und frühe Behandlung von symptomatisch infizierten Menschen zu lenken. Hier gibt es – weitgehend unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung – in den letzten beiden Jahren erhebliche Fortschritte, mit denen es möglich ist, schwere Verläufe in den allermeisten Fällen zu verhindern. Zahlreiche Länder machen es vor und haben uns, was den Rückgang der Infektionszahlen betrifft, weit überholt: Mexiko, Schweden, Südafrika… Als Hindernis steht dabei hierzulande die medizinisch grob fahrlässige Quarantäne-Regel im Weg: Statt den betroffenen Menschen mit symptomatischer Infektion me­dizinisch beizustehen, schicken wir sie in die Isolation und geben dem Virus 10 oder 14 Tage die Chance, sich ungestört im Körper zu vermehren. Hier kommt es aber auf Geschwindigkeit an, um die Virenvermehrung zu stoppen – und dazu gibt es mittlerweile eine Reihe erfolgversprechender Mittel. Medizinische Einzelheiten finden sich beispielsweise in den Präventions- und Behandlungs­protokollen für der „Front Line COVID-19 Critical Care Alliance“ (FLCCC). Als Beispiel möchte ich außerdem  Carragelose erwähnen, ein natürlicher Stoff, der aus Rotalgen gewonnen wird, einen Schutzfilm als physikalische Barriere bildet und auf diese Weise verhindert, daß Viren die Schleimhaut infizieren, ihre Erbinformation in die Schleimhautzellen einschleusen und sich dort vermehren und ausbreiten. Vorteilhaft ist nicht nur, daß der Wirkstoff dort ansetzt, wo auch der Virus angreift, nämlich im Nasen-Rachen-Raum statt in der Muskulatur wie bei der herkömmlichen Impfung in Oberarm oder Gesäß. Vielmehr funktioniert dieser Mechanismus bei vielen weiteren Erkältungsviren, nicht allein dem Coronavirus, auf das die öffentliche Diskussion gegenwärtig in geradezu psychopathologischer Weise fixiert ist. „Ein Carragelose-haltiges Nasenspray bewirkt eine 80-prozentige relative Risikoreduktion für eine Infektion mit SARS-CoV-2“, sagt Prof. Dr. Ulrich Schubert, Forscher am Virologischen Institut des Universitätsklinikums Erlangen. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene empfiehlt dem Klinikpersonal auf COVID-19-Stationen schon seit Dezember 2020 die Verwendung von Carragelose-Nasen­sprays. „Aber auch die Allgemeinbevölkerung kann damit ihre persönlichen Schutz­maßnahmen zur Vorbeugung erweitern“, sagt Ulrich Schubert. „Angesichts der In-vitro-Daten bin ich davon überzeugt, daß der breite Einsatz von Carragelose-Sprays gerechtfertigt ist und einen Nutzen haben kann. Zum einen wirkt Carragelose praktisch nebenwirkungsfrei gegen SARS-CoV-2, zum anderen schützt sie auch gegen verschiedene Erkältungsviren, wofür es umfangreiche Belege aus dem Labor und aus klinischen Studien gibt. Jede verhinderte oder verkürzte Erkältung reduziert insgesamt die Belastung unseres Gesundheitssystems, das jede Entlastung gebrauchen kann.“

Was haben wir davon in den öffentlichen Medien gehört oder gesehen? Welche Nasenspray-Experten wurden in die endlosen Talkshowrunden eingeladen? Welche Rückendeckung und finanzielle Unterstützung finden Ansätze zur medizinischen Versorgung von Covid-Patienten im Frühstadium sowie zur aktiven Gesundheits-Selbstfürsorge bei den „Gesundheitsministern“? Statt positiv und konstruktiv dem Einzelnen Sinn und Orientierung, Zukunftsperspektiven und Eigenverantwortung zuzusprechen und damit den Zusammenhalt der Gesellschaft zu stärken, hagelt es von Seiten der Regierenden falsche oder leere Versprechungen, Halbwahrheiten und Widersprüche, einseitige Fixierung auf die vierte Säule der Impfungen, schließlich gesellschaftlich hochgefährliche Ausgrenzung, Diskriminierung, Verbote, Drohungen, Schwarzmalerei, Panikmache, Hysterie und eine Generalisierung der Angst. Wieviel Naivität ist nötig, um bei einer derart hohen Dosis an toxischer Kommunikation noch auf demokratische Zustimmung in der Bevölkerung zu hoffen?

Hier soll es weder um eine Abrechnung mit den allgemein beklagten Mißständen noch um eine detaillierte medizinische Handreichung für die Therapie von Covid-Patienten gehen. Vielmehr ist zunächst eine grundsätzliche Neuorientierung gefragt, eine Strategie, die aus der Sackgasse, in die uns die Politik der ehemals bürgerlichen Parteien gelenkt hat, herausführt zur Normalität, d.h. zu den bürgerlichen Grundrechten und Freiheiten. Ich fasse die notwendigen Schritte in fünf Punkten zusammen:

1. Covid ist als eine normale Infektionskrankheit zu behandeln: d.h. symptomatisch Erkrankte erhalten eine Differentialdiagnostik nach den üblichen Regeln der ärztlichen Kunst, damit die unspezifischen Erreger der Erkältungssymptome nach ihrer jeweiligen Ursache unterschieden und medizinisch behandelt werden können; das vermeintliche Verschwinden der Grippe und des Keuchhustens im Zuge der sogenannten Corona-Pandemie ist eindeutig als Artefakt infolge einseitiger Tests zu interpretieren. Allgemein gilt im Falle von Virusinfektionen der Grundsatz: Auf die Früherkennung kommt es an. Reine Quarantäne als überholtes, mittelalterliches Rezept der sozialen Isolation ist zu vermeiden, vielmehr sollen Symptome durch Multiplextests im breiten Spektrum nicht nur auf ein mögliches, sondern auf sämtliche bekannten Erkältungsviren überprüft werden, damit Ärzte die entsprechenden Therapeutika evidenzbasiert im Früh­stadium anwenden können. Die Fixierung auf ein einziges Infektionsvirus ist obsolet. Die Berücksichtigung der natürlichen Vielfalt der krankheitsverursachenden Erkältungsviren bei symptomatisch Erkrankten soll wieder medizinischer Standard werden, um eine individuell angemessene Behandlung zu ermöglichen.

2. Flächendeckende PCR-Tests und Antigen-Schnelltests bei gesunden Personen entsprechen nicht den Validierungsvorschriften dieser Verfahren, sind als ungültig zu bewerten und mit sofortiger Wirkung zu unterlassen. Insbesondere sind die Corona-Massentests an Schulen einzustellen, da sie weder epidemiologisch noch medizinisch ins Gewicht fallen. Um sowohl im Einzelfall, z.B. beim Besuch hochbetagter Verwandter, als auch für die öffentliche Gesundheit zu einer konstruktiven Teststrategie zu wechseln, sind Tests zum Nachweis der T-Lymphozyten („Gedächtniszellen“) als langanhaltende Immunantwort auf die verschiedenen Infektionsviren heranzuziehen. Mit dem Test auf aktive Gedächtniszellen sind folgende Vorteile verbunden: a) das Testergebnis gibt Auskunft über den Status der aktiven Immunabwehr der getesteten Person, b) das Testergebnis gilt nicht nur kurzfristig für 24 oder 48 Stunden, sondern langfristig über Jahre und ist daher geeignet, der positiv getesteten Person Selbst­vertrauen in ihre natürliche Immunabwehr zu geben. Es entsteht ein psychoneuroimmunologischer Kreislauf der Selbstverstärkung des Immun­systems. Zugleich wird das Gesundheitssystem massiv entlastet. Überflüssige Intensiv­kapazitäten, die im weltweiten Vergleich vor allem in Deutschland gewuchert sind, können dann tatsächlich abgebaut werden. Denn sie werden letztlich nur mit Patienten „aufgefüllt“, um die Profitinteressen der Krankenhausbetreiber zu befriedigen. (Wie kommt es, daß Schweden mit 5 Intensivbetten besser klarkommt als Deutschland mit 27 Intensivbetten pro 100’000 Einwohner?)

3. Menschen, die über keine T-lymphozytäre Immunantwort verfügen, können auf Wunsch Ganzvirus-Impfstoffe erhalten, im Fall von Corona z.B. „Sinovac“, „Valneva“, „Soberana“ oder am besten „Mambisa“ – diese Impfstoffe regen eine breitere Immunreaktion an als die momentan eingesetzten gentherapeutischen mRNA-Präparate, die bestenfalls eine Immunantwort auf Fragmente des Spikeproteins hervorrufen, das sich infolge permanenter Mutationen rasch ändern kann. Die europäische Medizinagentur EMA, die sich in den letzten Monaten vor allem durch unterschwellige Marketing-Aktionen für Biontech/Pfizer und sonst nichts hervorgetan hat, also durch Verhinderung von Konkurrenz und Marktwirtschaft, sollte diese weltweit erprobten Wirkstoffe auch in Europa zulassen. Außerdem werden die nachhaltig unkalkulierbaren Risiken und Nebenwirkungen der ungenügend erprobten und erforschten mRNA-Impfung vermieden. Im Falle von aerosolbasierten Virusinfektionen – dies betrifft nicht nur, aber auch Coronaviren – sind öffentliche Fördergelder vor allem für Wirkstoffe einzusetzen, die eine Anwendung in Form von Nasenspray ermöglicht.

4. Langanhaltende, in der Regel über Jahre hinweg wirksame Immunität gegenüber ansteckenden Er­kältungsviren wird vor allem durch die natürliche Infektion ermöglicht, die bei gesunden Per­sonen den Königsweg zur Erhaltung der Gesundheit sowohl für den Einzelnen als auch die Gesellschaft insgesamt beschreibt. Im Fall des Coronavirus ist unstrittig, daß die „Gefährlichkeit“ des Virus vor allem vom Alter der Person abhängt. Sämtliche Kontakteinschränkungen für die Allgemeinbevölkerung – im Neusprech künstlich als „Lockdown“, „2G“, „2G+“ oder „3G“  bezeichnet  – sind mit sofortiger Wirkung aufzuheben. Sie bedeuten eine Geißelhaft der Mehrheit der ungefährdeten Bevölkerung zugunsten eines kleinen Teils der gefährdeten Bevölkerung, mit anderen Worten: eine Verwechslung von allgemein- und spezialpräventiven Maßnahmen, die, wenn man sie konsequent durchsetzte, zu massiver gesellschaftlicher Unruhe führen würden. Sämtliche Grundrechte, qua Geburt jedem Menschen durch die Ver­fassung bedingungslos garantiert, sind ohne Abstriche wieder einzusetzen. Anstatt Kontakte sozialphobisch zu vermeiden, ist es aus immunologischer und epidemiologischer Sicht wünschenswert, daß die Bevölkerungsteile, die kein oder nur zu einem verschwindend geringen Prozentsatz bei einer Coronainfektion ein schweres Atem­wegssyndrom erleiden würde, durch soziale Kontakte eine aktive Immunabwehr heraus­bilden und zugleich ihre psychische Gesundheit stärken können. Nach der aktuell vor­herrschenden, angstorientierten Ideologie („Team Vorsicht“) mag diese Strategie paradox erscheinen. Angst ist bekanntermaßen ein schlechter Ratgeber. Kurzatmiges Denken verstrickt sich in Widersprüche. Wer die Angst vor der Freiheit und dem sozialen Kontakt verinnerlicht hat, der schaue auf vorbildliche Länder, die von Beginn der Pandemie an auf Lockdown-Maßnahmen verzichtet haben, z.B. Taiwan oder Schweden: Sie haben die Corona-Krise, in der wir noch immer so scheinbar ausweglos tief stecken, seit langem überwunden, nein, sie haben die Corona-Krise lediglich von außen beobachtend erlebt und in erster Linie wirtschaftlich zu spüren bekommen, weil in den Ländern um sie herum die Lieferketten etc. eingebrochen sind. Also: keine Angst vor der Freiheit! (Die FDP hat sich ohne Not noch vor dem Abschluß der Regierungsbildung als er größter Verräter der bürgerlichen Freiheit erwiesen – welche Lobby steckt wohl dahinter?) Wenn wir uns die Hände geben und miteinander in Kontakt sind, wenn wir feiern und tanzen, trainieren wir unser Immunsystem! Laßt euch von den Ideologen der Angst nicht einschüchtern und in die (psychische) Krankheit treiben! Vor­sichts­maßnahmen sind nur dort zu treffen, wo Menschen aus persönlichen Gründen nicht (mehr) in der Lage sind, eigenverantwortlich für ihren Selbstschutz zu sorgen, z.B. bei einer Demenzerkrankung oder geistigen Behinderung – hier ist es erforderlich, daß Fremdfürsorge die Selbstfürsorge ergänzt, nicht nur in Hinsicht auf die Gesundheit, sondern auch in anderen Fragen des Alltagslebens.

5. Strukturell ist die Rückabwicklung des 2003 in Deutschland eingeführten Fallpauschalen-Abrechnungssystems bei den Kran­ken­kassen die entscheidende Präventionsmaßnahme, um einer Perversion des „Gesund­heitssystems“ im Sinne der Profitmaximierung vorzubeugen. Finanzielle Fehlanreize werden sich im Versicherungssystem nie gänzlich vermeiden lassen. Das System der Fallpauschalen führt jedoch nicht nur im Falle von Covid und der lukrativen künstlichen Beatmung, sondern in zahlreichen Fällen der Apparatemedizin zu einer ungesunden, ja tödlichen Entwicklung, in der die Klinikprokuristen informell mehr Einfluß auf die Diagnose haben als die Ärzte. In der Folge kann sich unser hochgelobtes, sogenanntes „Gesund­heitssystem“ finanziell allein durch die Vergabe bestimmter Krankheitsdiagnosen selbst erhalten – mit anderen Worten: Wir haben dank McKinsey & Co. unser Gesundheitssystem in ein Krankheitssystem verwandelt. Hier bedarf es grundsätzlicher gesellschaftlicher Debatten, der Offenlegung von Finanzstrukturen und schließlich energische Richtungs­entscheidungen. Der momentane „Gesundheitsminister“ K. L. als einer derjenigen, die mit Ulla Schmidt 2003 die Einführung des Fallpauschalen-Systems zu verantworten haben, ist dafür die am meisten ungeeignete Personalie.

Fassen wir die fünf Punkte zusammen, mit denen der Ausstieg aus der Corona-Krise auf dem kürzesten und sichersten Weg gelingt:

1. Behandelt Covid als eine normale Infektionskrankheit, d.h. legt Wert auf Früherkennung im Einzelfall und eine angemessene medizinische Behandlung durch den Hausarzt anstelle von Quarantäne. Entlohnt die Hausärzte dafür entsprechend. Auf diese Weise können schwere Verläufe nahezu vollständig verhindert und die Krankenhäuser entlastet werden.

2. Ersetzt Antigen-Schnelltests und PCR-Tests durch Tests auf T-Lymphozyten und erkennt deren Wirksamkeit über einen Zeitraum von Jahren statt von ein bis zwei Tagen an.

3. Vergeßt die Impfpflicht mit experimentellen mRNA-Wirkstoffen und bietet stattdessen den Menschen, die noch nicht über eine natürliche Immunantwort auf die aktuellen Erkältungsviren verfügen auf freiwilliger Basis eine bewährte Ganzvirusimpfung an, am besten in Form eines Nasen­sprays. Die Inanspruchnahme dieses Angebots soll weder Privilegien noch Verbote nach sich ziehen.

4. Fördert soziale Kontakte für alle Menschen, die sich eines gesunden Immunsystems erfreuen – sie stärken damit ihre eigene Gesundheit und entlasten das öffentliche Gesundheitssystem. Mut zur Freiheit!

5.  Wickelt das System der Fallpauschalen (DRG) wieder ab! Wir brauchen ein an den Bedürfnissen der Menschen orientiertes Gesundheitssystem, das nicht in erster Linie Profitinteressen verfolgt.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!

Die bürgerliche Gesellschaft kann sich nicht ausruhen auf einst errungenen Siegen oder Zugeständnissen der herrschenden Kaste. Sie wird von Partikularkräften auseinandergerissen. Demokratie muß heute nicht erkämpft werden, sie muß überzeugen. Verliert eine einst demokratisch legitimierte Funktionärsschicht die Bürgernähe, selbst wenn sie nur eine vermeintliche Minderheit ausgrenzt, diskriminiert, verfemt und verfolgt, pflanzt sie damit den Spaltpilz.

Mit dem Advent 2021 beginnt zum zweiten Mal ein Winter, in dem die Menschen in die Vereinzelung geschickt und die Kultur stillgelegt wird. Sozialismus oder Barbarei – so  beschrieb Rosa Luxemburg im Ersten Weltkrieg den Scheideweg, an dem die Gesellschaft ihrer Meinung nach stand. Wir Nachgeborenen wissen, daß sich die Gesellschaft damals für die Barbarei entschied. Im April letzten Jahres formulierte Slavoj Žižek das Schlagwort angesichts der Herausforderungen und Zumutungen durch Corona um in Katastrophenkommunismus oder Barbarei. Heute stellen wir fest: Es macht keinen Unterschied.

Welche Perspektive bietet die aktuelle Politik? Gegenwärtig dreht sie das Rad von der vierten Welle / dritten Impfung weiter zur fünften Welle / vierten Impfung und so fort ad infinitum. Die aktuellen Meldeformulare des RKI für die Krankenhäuser reichen gerade bis zur 6. Impfung 2023. Die Phantasie- und Perspektivlosigkeit der politischen Entscheider ist es, die sie auf den vermeintlich bequemen Weg der Verbote, Einschränkungen und Zwangs­maßnahmen, bis hin zur (teilweisen) Impfpflicht verführt. Die von den Funktionären verbreitete Perspektivlosigkeit und die Behauptung, sie sei alternativlos, zieht die Zuspitzung der Lage nach sich: Wenn kein echter Kurswechsel vollzogen wird, werden die  Entscheider an den Punkt kommen, wo sie  nicht mehr können, und die Menschen, über deren Köpfe hinweg entschieden wird, werden nicht mehr wollen. Wie sprach Laozi, der große Weisheitslehrer der Menschheit, in Kapitel 72 seines Buches Vom Weg und der Wirkkraft?

Fürchtet das Volk Abschreckung nicht,
folgt der große Schrecken.

Ohne Enge sei Platz zum Wohnen,
ohne Überdruß der Lebensalltag.

Nur wer es nicht zum Überdruß reizt,
dessen wird es nicht überdrüssig …

Manche mögen sich an Lenin erinnert fühlen: „Erst dann, wenn die Unterschichten das Alte nicht mehr wollen und die Oberschichten in der alten Weise nicht mehr können, erst dann kann die Revolution siegen.“ (W. I. Lenin, Der ‘linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kom­mu­nismus, Berlin: Dietz 1959, S. 738)

Der Überdruß wächst. Solange Ausgrenzung, Diskriminierung und Diffamierung von staatlicher Seite betrieben werden, weitet sich der Kulturbarbarismus aus und es entwickelt sich eine revolutionäre Stimmung, erst in den Niederlanden und Belgien, dann in Österreich, jetzt in auch Deutschland. Die Ostdeutschen haben Erfahrung mit friedlichem Widerstand. Der System­zusam­menbruch von 1989 ist noch in frischer Erinnerung. Auch damals ahnten viele zunächst nichts davon und verharrten in ihrer Kleingartensparte (Osten) oder Wellnessoase (Westen), lenkten sich ab und betäubten sich mit Selbstbeschäftigung. Manch ein heutiger Ministerpräsident besuchte 1989 noch die Grundschule oder Polytechnische Oberschule – kein Wunder, daß sie kein Gespür für den autoritären Gestus haben, auf den lebenserfahrene Menschen allergisch reagieren, Gesundheit hin oder her.

Eine Bevormundung wie in der DDR will sich keiner mehr bieten lassen, schon gar keinen vormundschaftlichen Staat – das ist die Karte, die jetzt gespielt wird. Beide Seiten haben technisch aufgerüstet, das Internet ermöglicht schnelle Kommunikation und Netzwerkbildung. Was in Tunesien, Algerien, Georgien, der Ukraine, Weißrussland aus der Ferne nur demokratie­theoretisch ge­priesen wird, will man demokratiepraktisch hierzulande nicht eingestehen: eine orangene Revo­lution. Tatsächlich sind es die Eliten der repräsentativen Parteiendemokratie, die sich eigendynamisch, oder sagen wir eigenmächtig von der Bevölkerung abgekoppelt haben. 20 Monate Regieren auf dem Verordnungsweg hat autoritäres Durchgreifen salonfähig gemacht. Daß es um Gesundheit geht, nimmt der Regierung kaum noch jemand ab – dazu haben sich die öffentlichen Medien in zu viele, für jedermann und jedefrau offenkundige Widersprüche verstrickt, Stichwort „Vollaufen der Intensivbetten“ als scheinheilige „Begründung“ für sämtliche Freiheitsbeschränkungen, während im Hintergrund die vorhandene Bettenkapazität als Folge eines bis in die Wurzeln mit monetären Fehlanreizen aufgestellten, profitorientierten „Gesundheitssystems“ still und heimlich abgebaut wird. Wer es nicht glauben mag, blicke ins Ärzteblatt vom 10.12.2021: aktuell wurden 34 Kran­ken­häuser mit Mitteln aus dem staatlichen Strukturfonds geschlossen …

Wenn die Politik nicht in der Lage ist, das Gesundheitssystem so zu steuern, daß es für die Gesundheitsbedürfnisse der Bevölkerung da ist statt für diverse Profitinteressen, wenn sie nicht in der Lage ist, in den letzten Jahren – bereits lange vor Corona – politisch gesetzte finanzielle Fehlanreize im System rückabzuwickeln, d.h. das Fallpauschalensystem postwendend abzuschaffen, wenn sie sich stattdessen von den Interessenvertretern, die am (vermeintlichen) Kranksein der Menschen verdienen, vor sich hertreiben läßt, dann ist der Punkt erreicht, an dem sie der Bevölkerung die Schuld dafür nicht in die Schuhe schieben kann.

Ist das nun nur eine revolutionäre Stimmung, befeuert im Stundentakt von ein paar sozialen Medien, oder ist das schon eine revolutionäre Situation? Will die Bevölkerung nicht mehr – Stichwort: Es reicht! – wie es auf den Demonstrationen immer wieder zu hören ist, und die Re­gie­rungen können nicht mehr, was sich in immer hilfloser erscheinenden Polizeieinsätzen, mittler­weile bereits gegen Alte und Kinder zeigt?

In der „östlichen“, d.h. griechisch-römischen, „autoritären Demokratie“, die uns Europäern in die kulturelle Wiege gelegt wird, ist es Usus, daß die Mehrheit über die Minderheit hinweg entscheidet und sich im Recht fühlt. Im Unterschied dazu beruht die „westliche“, d.h. indigen-amerikanische Demokratie auf dem Grundsatz, die Minderheit nach ihrer Façon leben zu lassen. Denn unzufriedene Minderheiten bedeuten Explosivstoff für die gesamte Gesellschaft. Reife Gesellschaften schützen ihre Minderheiten gegen die überbordende Macht der Mehrheit. Die europäische Demokratie hat daraus 1789 ihren bis heute uneingelösten Wahlspruch Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit abgeleitet. Diese indianische Weisheit scheint den europäischen Regie­rungen während der Pan­demie abhanden gekommen zu sein. Stattdessen glauben die Funktionäre, sie könnten den (vermeintlichen) Mehrheits­willen mit Zwang und Gewalt durchsetzen. Damit heizen sie die Spannung an und steuern geraden­wegs auf jenen Kippunkt zu, den sie eigentlich umschiffen wollen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit werden der Bevölkerung nicht geschenkt, sondern müssen in jeder Zeit auf’s Neue eingefordert werden. Heute bedeuten sie das sofortige Ende jeglicher faktischen Ausgrenzung und Diskriminie­rung in Form von „1G“, „2G“ oder „3G“. Daran zeigt sich, ob die Demokratie lernfähig ist.

Kakao

Zweite Klasse Grundschule. Ich musste mit zu den wöchentlichen Einkäufen ins Metro-Center, sollte aber nicht in die Verkaufszone. Also wurde ich in der Cola-und-Fanta-Zone geparkt, durfte mich am Automaten bedienen – und bekam neue Stifte zum Malen. Die Eltern wussten, dass sie mich so für zwei Stunden ruhig stellen konnten.

Ich freute mich, dass ich einen Tisch zum Malen ergattert hatte. Dass keine fremden Kinder auftauchten, sei es um mich zu bewundern, zu ärgern, oder mir die Stifte wegzunehmen. Die meisten von ihnen wollten keine Stifte. Bockwürste wollten sie, schmissen sich auf den Boden und heulten. Nicht so ich. Ich erkannte den Platz, den ich mir selbst zugeteilt hatte, ging zielstrebig den Automaten an, wählte ebenso schnell das viel zu süße, kribbelige Getränk aus. Klappte das Etui auf. Stifte sind Waffen. Ich zeichnete Gondeln und Häuser, elektrische Leitungen und Plastiksäcke voller Unrat. Dicke Wolken und Hubschrauber. Rennende Menschen, oder solche, die ihre Gärten umgruben. Ich hatte mich tatsächlich zwei Stunden lang nicht vom Fleck bewegt – außer, um ein Gummitier in grün in eines in rot zu tauschen.

Ich strahlte vor Freude. Wie ein Atomkraftwerk. In der zweiten Klasse hatte ich noch nicht gelernt, das Wort Depression zu buchstabieren, geschweige denn, die dicken Wolken in meinen Zeichnungen als Auftakt schlechter Stimmung zu begreifen. Allerdings hatte ich bei Mutters wieder Auftauchen die Contenance verloren. Ich zeigte ihr eine Zeichnung, die mehr Schrift als Bild war. Und war nicht in der Lage gewesen, das Wort Kakao zu schreiben. Ich hatte also improvisiert. Das Ergebnis war verheerend.

Noch heute reagiere ich gelassen, wenn mich jemand in Grund und Boden kritisiert. Hat es mir doch schon damals den Antrieb gegeben, mich zu geistigen Höhenflügen aufzuschwingen.

Kleine Eselei

Lieber Ottokar Spieler : großer Vorsitzender

Der Internationalen Regulationsbehörde für sämtliche

Fragen der Tiergesundheit : du kennst dich

Sicher aus mit der anspruchsvollen Haltung

Von Eseln : nicht zu viel : nicht zu saftig

Das Futter : lieber Verdorrtes

In Deutschland wächst die Übersterblichkeit

Der Esel dramatisch infolge hoher Fettwerte

Infolge falscher Ernährung : sie mögen

Die Sonne der Steppe und ein paar Disteln : all das

Ist dir bekannt : und dennoch behandelst du uns

als wären wir senkrechte Esel : die ihren Nietzsche

Schlecht verdaut haben & zu allem I-A sagen

I-A : I-A : Denkst du : warum sind die Esel so

Störrisch : statt weiterzugehen : bleiben sie stehen

Schon schwingst du den Stock : lieber Ottokar

Was dir störrisch erscheint : ist ihre Klugheit

Sie wissen : was für sie gut ist : HA-LE-LU-IA

Und blicken sich um : ob es auch den anderen

in ihrer Nähe gut geht : kein Grund

Zum Prügeln : großer erboster

Vorsitzender : wir haben Instinkt & Verstand

Während du dich selbst vergessen hast : wer

Den Tod nicht kennt :  hat nicht angefangen

Zu denken : und du kannst nicht einmal richtig zählen

Vom Missbrauch der Kunst

Jetzt ist es soweit: 2G. Also eigentlich 1G – denn nach einem halben Jahr wird das G der Genesenen schon wieder ausradiert. Fast die Hälfte der Menschen wird von Literatur und Musik ausgeschlossen. Warum? Es soll Druck auf die Menschen ausgeübt werden. Aber, man erinnere sich, gilt nicht der Grundsatz: „mein Körper gehört mir“? Vom Bundesverfassungsgericht so formuliert: „Der Staat hat von Verfassungs wegen nicht das Recht, seine erwachsenen und zur freien Willensbestimmung fähigen Bürger zu ‚bessern‘ oder zu hindern, sich selbst gesundheitlich zu schädigen.“ Es ist ganz einfach: Jeder kann selbst entscheiden, was er isst oder trinkt, was er sich spritzen oder abschneiden lässt. Und selbstverständlich darf der Staat in dieser Hinsicht keinen Druck ausüben. Er mag Wünsche und Hinweise äußern, aber er darf die Menschen nicht bedrängen, an ihren Körpern etwas zu verändern. Heute erfolgt der Druck durch den Entzug grundlegender Lebensnotwendigkeiten – wie eben dem Entzug der Kunst. Wer dem Druck nachgibt, der soll die Belohnung erhalten. Was ist das nur für ein jämmerliches Menschenbild! Und, so muss hier hinzugefügt werden, um eine (Geschäfts-)Messe besuchen zu können, da genügt weiterhin ein Test. Aber nicht für die Kunst. Die Kunst, die Literatur, die Musik, sie werden vom Staat missbraucht und benutzt – es gibt hier keine besseren Worte – um durch den Entzug von lebensnotwendiger Musik und Literatur die Menschen zur Verletzung ihrer körperlichen Unversehrtheit zu drängen. Das ist erbärmlich. Wie tief wollen wir noch sinken?

(Stand: November 2021)

Paris revisité

Da ist sie wieder : die heilige Stadt

Der Verliebten : vor dreißig Jahren

War ich das letzte Mal hier : nun

Mit Tochter wie zum ersten Mal

:

Der Staub : der Lärm : die Kolonnen

Der Lichter : sie haben nicht

Abgenommen : die Höflichkeit

Blieb erhalten : doch Liberté & Égalité

:

Hat die Seine weggespült

Im rasenden Tempo der Schlepper

Der Kellner im Lieblingscafé

Fragt nach meinem Pass

:

Sanitaire und reißt mir den Kaffee

Aus den Händen : obwohl er mich

Schon abkassiert hat : sein freundliches

Merci Monsieur maskiert den Faschisten

:

Verkauft nicht an Ungeimpfte!

Er fühlt sich im Recht : ich führe nur aus

Was die Regierung verordnet hat : sonst

Nimmt niemand die Verordnungen

:

So genau : die Sonne knallt auf den Triumph-

Bogen : frisch enthüllt : der Regen nieselt

Auf Notre Dame : frisch gelöscht

Ich weine beim Anblick der Hochzeit

:

Von Franz Marc in Witebsk : hier ging

Wahrhaftig eine Welt verloren 

In den erfundenen Unterschieden

Zwischen Mensch & Mensch : einst

:

Feierten : tanzten : küßten sie einander

Ohne Unterschied : geheiligt allein 

Von der Liebe : ihr ungleichen Brüder

ihr habt das Wichtigste vergessen



Die Prostata von Berlin

„Damals, da hatt ich es so schlimm im Gesicht, da musst ich Cortison nehmen.“ Sie hatten mich in diese Haut gesteckt. Aus der anderen Ecke des Zimmers kam ein schabendes Geräusch. Sie drehte sich herum. der Dreispitz stand ihr gut. Wie eine Flut von rotem Haar breitete sich die Decke über sie.

Seltsam, denkt sie heute, dass wir immer nur von solchen Gedanken gesteuert werden, bei all unserer Lebensführung, gehen wir in Richtungen, von denen wir nichts ahnen.

Grund genug, auf immer zu verschwinden.

Es war eine lange Prozession. Sie hatte nichts dazu beigetragen. Nimm sie ernst und lass sie etwas tun. Führe ich Bahn, viel und regelmäßig, wären Ideen da wie Fliegen an einem schwülen Sommerabend. Steckmücken, besser.

Wir suchen danach und dann findet es uns, für einen Moment, manchmal bleibt es auch länger. Ich lösche die Scheinwerfer über dieser Familie. Es wird kalt.

Opa hatte ne Geschlechtskrankheit. Und ist Trecker gefahren. Kann man sich da so was holen? Sowas, wurde den Kindern erzählt. Und nun kommt das düstere Familiengeheimnis ans Licht.

Sie wusste, dass Gustav Klimt drei uneheliche Kinder hatte.

Geheime Gänge, verdeckte Türen, dunkle Nischen:

Neulinker Fuß

Die Keule war ein Messer. Gelb und sehr scharf lag es auf der Anrichte bereit und wartete darauf, dass sie sich annäherte. Beiläufig streifte ihre Hand das Holz der Tischplatte und wischte das Messer über die Kante. Es stürzte auf ihren mit einem Pantoffel halb bekleideten linken Fuß und kam mit der Schneide auf. Ein kleiner Schmerz. Ein großer Schreck. Sie blickte hinab und erwartete eine blutige Fontäne. Doch da war nix. Doch nein, plötzlich merkte sie, dass sich der große Zeh nicht mehr bewegen ließ und seltsam abgespreizt nach außen zeigte. Die Sehne war glatt durchtrennt.

In der Klinik wurde ihr diese Sehne unter Teilnarkose wieder zusammengenäht. Die weitere Gesundung bedurfte eines längeren Zeitraums.

Vorerst war es ihr nicht möglich, ohne Hilfsmittel zu gehen. Sie lag darnieder. Viele Tage. Dann bekam sie einen sinnreich konstruierten Spezialschuh, mit dessen Hilfe ihr wieder die ersten Schritte in der Wohnung ermöglicht wurden. Dies alles war nur unter Zuhilfenahme mehrerer teilweise hochdosierter Schmerzmittel möglich. Die bisher als völlig selbstverständlich angenommene Beweglichkeit war für viele Wochen extrem reduziert.

Allmählich wagte sie sich wieder ins Freie. Anfangs kleine Ausgänge auf der Straße, rund um die Häuser in der Nachbarschaft. Dann wieder Spaziergänge im Park, wohldosiert und mit Hilfe von Wanderstöcken. Die Krücken hatten bereits ausgedient. Langsam kehrte die Beweglichkeit zurück.

Wichtige Teile des Organismus sind paarig geschaffen. Beide Beine brauchen sich in der Bewegung. Nur mit einem rechten Fuß ist freie Bewegung unmöglich. Es bedarf dazu der sinnvollen Ergänzung. Niemals würde man auf die Idee kommen, sich freiwillig und im Zorn  von seinem linken Fuß zu trennen. Der Körper als ursprüngliches Wunderwerk der Schöpfung wäre ohne fremde Hilfe nicht mehr lebensfähig und würde dahinsiechen.

Aus einem altlinken wurde durch Verletzung und Gesundung ein neulinker Fuß. Dieser heilte aus, und sie kann nun wieder frei durchs Leben gehen!

PS: Aufgrund der gegenwärtigen politischen Situation  musste diese kleine Geschichte etwas modifizieret werden. Das Messer zerstörte eigentlich ihren rechten Fuß…

Tönerne Krieger erobern das Abendland

Auch Aggression muss sich in heutiger Zeit dem viel zitierten Paradigmenwandel unterziehen. So schickte vor 70 Generationen ein chinesischer Kaiser die Kopien seiner besten Krieger in den Untergrund und verschied, wahrscheinlich im Bewusstsein, dass noch einiges zu tun sein würde bei der Eroberung der Welt. Man könnte auch sagen, die Aussaat einer Idee fand statt, ein Keim zukünftiger Welteroberung wurde mit geistiger Klarheit und großem handwerklichem Geschick der Erde zur Langzeitkonservierung übergeben. Obwohl das lokale Herrschaftsgebäude des besagten Kaisers schon wenige Jahre später zu großen Teilen Opfer eines Bauernaufstandes wurde, überdauerte die Idee im Verborgenen ungefähr 2000 Jahre.

Nun tauchen seit einigen Jahren diese Abbilder eines ehemals mächtigen Heers gehäuft in europäischen Metropolen auf. Auch kleinere Orte, die sich selbst sehr gern als kulturelles Zentrum sähen, werden von dieser Invasion nicht verschont. Da die ursprüngliche Anzahl der tönernen Krieger keinesfalls ausreichen würde, um so viele Museen zu füllen, kann der Beobachter dieses Phänomens nicht umhin, neben dieser zeitgemäßen und symbolischen Invasionsmethode auch eine ebenso geartete Art der Mobilisierung der Truppen im Reich der Mitte zu vermuten. Betrachtet man die Anzahl der derzeit vorgeführten Ausstellungen, so muss man vermuten, dass zumindest einige mit Handwerkern und Material wohl ausgestattete Manufakturen die logistische Basis für diese historisch einmalige Disloziierung von Eroberungstruppen im Ausland bilden. Möglicherweise ist ja auch schon ein besonderer Industriezweig zur Absicherung dieses speziellen Exports entstanden.

Eng verbunden mit dieser Wiederauferstehung kriegerisch daherkommender Tonfiguren ist die Tatsache, dass sich die einladenden Institutionen offenbar auch im Konsens mit einer durchaus zeitgemäßen Methode der Konfliktbehandlung befinden. Auch die lebendigen Soldaten der UNO-Friedenstruppen werden ja in der Regel von den betroffenen Regierungen selbst eingeladen und unterhalten.

Das wirtschaftswachsende große China beginnt also symbolisch damit, seine Truppen in die Konfliktgebiete der westlichen Welt auszusenden. Unsere heimischen Krisen sind natürlich in der Regel viel diffiziler und verlaufen gegenwärtig in den seltensten Fällen in Formen von offenem Mord und Totschlag. Jedoch stehen die aus der Ferne eingetroffenen Besatzungstruppen auch in diesem Falle nur für zeitweilige Befriedung.

Vielleicht auch nur für Befriedigung des Bedürfnisses nach Ablenkung und Unterbrechung einer mittlerweile als existenziell empfundenen Langeweile?

Windjammer

Müssen nicht klagen : vor der Küste

Weht meist steife Brise : furcht 

Das Haar und die Wellen : Felder

Der Endmoräne : alles ist hergetragen


Durch die Lüfte : stolz blähen sich

Segel überm Horizont : wenn wir

Diese Freiheit hätten : uns

Einander zuwehen zu lassen : nach


All den Stürmen : die hinter uns liegen

Weht hier ein laues Lüftchen : passend

Zum Alter : stürzen wir uns 

Bei Sonnenschein ins Wogende


In rötliches Licht getaucht : Kiefern

Die Genialität

i.m. Jegor Letov

Gesucht wird eine gemeinsame Formel für Freiheit und Unterdrückung (Th.W.A.)

__

ist ein Bündel von Genialitäten

Das Genie ein Bündel Nichts

Das es zu tragen hat

Freiheit Ausbund

ist ein Nichts

Das Genie ein Bündel

Bündel Selbst

Mündel der Welt

in Dingen befestigt

abgestoßen

Von allen Seiten angezogen

Idol

O Jesus! Nein

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‚An meinem Hemd ein Popel…‘ – ‚… ohne Namen!‘ —

so ist der Mensch im Weltall

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Der Bürger: Spion Gottes,

Bekenner einer Demokratie

Krater des Ungewissen

Gewiss nur der Tod

mitsamt seiner ungewissen

Unsterblichkeit

Mirabelle


Schöne gute Frucht : jenseits Majakowskis

Revolution : wer hat das nicht gewollt

Einen neuen Menschen anzuzetteln

Schön und gut soll er sein seit 2021 Jahren


Niemand hat es vermocht : kein Jesus

Marx noch Xi Jinping : wir haben

Eimerweise von dir genascht : als wir

Beinahe mittellos im reichen Europa 


Unterwegs waren : zu Hause angekommen

Pflanzte ich als erstes einen Mirabellenbaum

In diesem Jahr trägt er zum zweiten Mal : golden 

Fallen die Früchte zu Boden : zerplatzen


Ein klebriges Festmahl für Wespen & Spatzen

Auch ich komme nicht los von ihnen : träum

Mich zurück in die armselige Idylle

Der Freiheit : die wir bis gestern genossen haben

DAO

In fernen Tagen, wenn
Licht und Finsternis,
Herz und Verstand,
Wasser und Stein,
Welle und Teilchen,
Gedanke und Erinnerung,
Durch nichts
Sich unterscheiden,
Werden wir eingehen
In die Ewigkeit
Von Raum und Zeit
Am Ziel einer langen Reise.
Und niemand wird
Je von ihr erzählen.
Poetische Schwingungen,
Zarter Klang stummer Töne.
In allen Farben
Konturloses Schweigen.
Der Morgen danach
Wird ertrinken im Meer
Unendlicher Schönheit.