Archipel der Anarchie II

Das Wort – Was wenn etwas fehlt?

„Als der Mensch begann sich selbst zu viel zu werden und anfing sich seiner Gattung schmerzlich zu entledigen, blieb nichts übrig auf den nun ruhigen Wassern des einen Ozeans, außer einem kleinen Archipel; dem Archipel der Anarchie, wo die ersten und letzten ihrer Art beheimatet sind, die Anarchen. Freie Wesen, unter ihnen die Menschen, die in friedvoller Koexistenz miteinander her leben.“, sagte B. und stieg in das kleine mit Brettern aus Hyazinthenholz behauene Boot auf dem Weg nach Nirgendwo ans Ende des Kosmos, mit nicht mehr behangen als dem ausgeleierten mit weißen Farbtupfern übersäten, neonschwarzen Pullunder, um dort Wohnung zu nehmen, beauftragt den passierenden Pilgern von der neuen Welt, dem neuen Menschengeschlecht, eingefangen in den Grenzen seiner kunstvoll ausgeschmückten, akazienbraunfarbigen Bilderrahmen der eigenen Vernunft, zu berichten.

„Im Anfang war das Wort und nur das Wort, das ganz fassungslos, gesponnen am Rad der Zeitenwende, vom Himmel auf die Erde fiel.

Im Anfang war das Wort, der Sinn, der Verstand; und alles war eins.“, sagte B. und setzte sich, den Blick auf den sich formierenden kupfernen, mit Staub geschmückten Sternenwirbel gerichtet, als er den Acheron passierte, um sich mit Omphalos zu vermählen.

Revolte

§ 1

Als die Anarchen den Krieg in freier Übereinkunft mit allen Parteien gewannen und die Herrschaft der Dinge, die letzte aller Herrschaften, beendet worden war, befreite sich zuallererst die Sprache. Da erkannten sich die Menschen und es viel ihnen wie Schuppen von den Augen. Töricht waren sie gewesen.

§ 2

Es gab nur noch das Ich und das Du, denn ein jeder begegnete dem anderen in gegenseitiger Liebe. Weiße Menschen, schwarze Menschen, Menschen mit oder ohne Armen, Blinde und Taube. Juden, Muslime, Christen und Heiden.

§ 3

Es gab weder das Es, denn mit dem Dahinscheiden des Es war die Herrschaft der Dinge beendet, geschweige denn ein Wir oder Ihr, nur den einen und den anderen, damit sich keine Rotte mehr über jemanden erheben brauchte.

§ 4

Keiner brauchte mehr die Dinge zu fürchten, denn der Mensch gab ihnen eine Seele. Oh, welch wundersame Wechselwirkung stellte sich ein, als der Mensch anfing mit den Dingen zu sprechen und auf ihre Antworten wartete. Und sie freuten sich über die Dinge, als sie anfingen Fragen zu stellen.

§ 5

Ein Stuhl war kein Stuhl mehr, ein Tisch kein Tisch und ein Stift kein Stift. Es gab ja nur noch das Ich und das Du. Namen waren überflüssig, als der Mensch begann sich in die Endloskette seiner und der himmlischen Schöpfung einzureihen, um im ewigen Du aufzugehen, das alles mit allem verband, die treibende Kraft, die Brücke zur Welt der Beziehungen.

§ 6

Was waren die ersten Worte der neuen Welt?

„Du?“,

fragte der erste Mensch und da erkannte der andere sich

„Ich?“

und fortan lebte alles in Eintracht, im Gleichklang des Schweigens.

§ 7

Denn das Schweigen ist die Sprache der Schöpfung. Als der Mensch inne hielt und anfing zu Schweigen, da war er in der Lage zuzuhören. Als der Mensch anfing zuzuhören, da floh der Hass aus seiner Sprache mitsamt den anderen Schrecken, die er einst über die Schöpfung brachte.

§ 8

Die Anarchen kennen keine Wörter, die das infernalische Feuer heraufbeschwören. Sie kennen nur die Wörter der Liebe und Hingabe zueinander, mit der sie allen Dingen Leben einhauchen. Da sie keine Wörter des Hasses gebrauchen sind sie nicht auf die Dinge des Hasses angewiesen und so schaffen und erdenken sich nur Dinge der Liebe innerhalb ihres Tagwerks. Insgesamt nutzen die Anarchen nur sehr wenige Worte, da sie das Schweigen schätzen gelernt haben. Sie sprechen kurze Sätze voll an Ausdruck und Klang in einem alle Ebenen der Emotion ansprechenden Rhythmus, gespeist aus dem Gleichklang des Einen dessen Frequenz in ihrer Kehle vibriert.

§ 9

Die Anarchen beherrschen jede Geste, denn für sie sind Gesten Kunst, Spiel und Ausdruck zugleich. Sie lieben die fließende Bewegung, als wehte ein zarter Hauch über goldgelbe Gerstenfelder im Lichte der Spätsommersonne.

§ 10

Die Anarchen lachen, und sie lachen ein echtes Lachen, weinen echte Tränen und verspüren echte Freuden, da die Maske, die ihnen das Ding überstülpte, heruntergerissen ward.

§ 11

Die Kinder der Anarchen lernen die Sprache durch Nachahmung, bringt doch jede ihrer Generationen eine eigene hervor. Sprechen ist ein performativer Akt der Selbstaufgabe und -offenbarung, bei der alle Sinne angesprochen und genutzt werden.

§ 12

Die Anarchen kennen vier Sprachen mit denen sie einander begegnen: Die Sprache der Natur, die Sprache der Dinge, die Sprache des Klangs und die Sprache des Tanzes.

§ 13

Die Sprache der Natur verleiht allem Lebendigen eine Seele und damit Würde. Dem tut es die Sprache der Dinge gleich, denn jedes Ding ist gleich viel wert wie das Leben seines Schöpfers, ist Teil, was bedeutet, dass es geteilt werden will. So kommt dem Ding kein Unleben zuteil, damit es den Menschen nicht erneut unterwerfe;

Nein, durch das ihm verliehene Eigenleben reiht sich das Ding in die lebendige Schöpfung ein, gereicht ihr zum Segen. Es, das Ding, wird vom Es zum Du.

§ 14

Die Sprache des Klangs formt die Worte der Liebe, mit der eine solch süße Poesie den Alltag bereichernd geformt wird, die beim ersten Hören einen jeden ergriffen die Tränen in die Augen treiben lässt, überwältigt von der bedingungslosen Hingabe. Man stelle es sich wie ein Ringen nach Luft vor, stiege man aus giftigen Dämpfen empor und ließe ein, den reinigenden Sauerstoff.

Berauscht von der Schönheit der Worte kommt der Mensch in Bewegung, tanzt im Gleichschritt dieser Melodien seinem Gegenüber entgegen.

Archipel der Anarchie

Ouvertüre – Was, wenn die Revolution zum Mythos wird?

Was bleibt einem von der Welt, wenn der Hunger eine neue gebiert?
Wo steht der Mensch heute;
und, was noch viel wichtiger ist;
was verlangt er uns, den alt und spröd gewordenen Geistern noch alles ab?
§ 1
Der Mensch will weder sterben, noch leiden,
aber er erträgt das Leben dennoch nicht,
verdammt zu Unrast und Unleben.
§ 2
Sieg dem siegreichen Untod, triumphierend über die Zeit.
Ich sehe wie das aufgedunsene Gehabe
jener grotesken Antagonisten stolz auf den
Promenaden im Schein der allzu festlichen Gesten zirkuliert,
die sich ihm niederwerfenden Massen verschlingend.
§ 3
So stellt man mich erneut auf eine Probe dem Kapital den Kampf anzusagen,
jenem Götzen der Pestilenz, um den sich der Plebs drängt,
lechzend nach der Wärme des ersten aller Feuer.
§ 4
Ich bin es leid am Weltschmerz zu vergehen,
will aufwachen aus diesem grässlichen Traum,
dieser perversen Proklamation einer für beendet gehaltenen Welt,
die sich selbst von der eigenen Vernichtung abhält,
die Wahrheit mit einer Lüge nach der anderen verschleiert.
Wie also brechen den Bann?
Rammt euch die Messer zwischen die weichen Knochen,
in die feisten Bäuche und schwingt euch empor zu den Sternen,
denn euch wurde alles genommen, außer die Gewissheit einsam zu sein.
§ 5
Ebenso viel habe ich für seine Apostel übrig,
Apologeten einer apathischen Apartheid
mit Sinn für den wohl größten Frevel meiner Zeit;
Kurzsichtigkeit.
Denn wenn er kommt,
der Krieg aller gegen alle,
gibt es keine Rückschau mehr.
§ 6
Welch‘ ein Hundesystem, sich selbst Wohlfahrt schimpfend.
Ich bin es leid zu produzieren und zu konsumieren.
Produktion und Konsum sind untrennbar verflochten.
So spinnt die Traumspinne ihren Faden um die scheidende Vernunft;
zieht die Schlinge stramm und führt uns am Seidenstrang in die Unmündigkeit.
§ 7
Ich künde das Ende der alten Welt,
die stirbt doch keine Erlaubnis dazu hat,
gar nicht fähig dazu ist,
weil wir es nicht sind.
§ 8
Welch‘ Schmach den eigenen Tod bis ins kleinste Atom zu spalten,
auf, dass sich ein jeder den Verlust der eigenen Leibhaftigkeit herbeisehnt.
Das Kapital ist zum Sterben verdammt und mit ihm die anhaftende Menschheit.
Es will zu seinem unsteten Siechtum zurück.
Doch der Mensch verkraftet die Fluten des Abgrundes nicht.
Zu klein ist sein Verstand ihn zu fassen.
Und so treibt er im pechverklebten Urstrom der Selbstvergessenheit.
Das Kapital bringt nichts als die kosmische Unruhe – das ist sein Urseinsgrund.
Es ist nicht dazu bestimmt zu verweilen,
an der Schönheit der Schöpfung derweil sinnliche Freuden zu verspüren.
Das Kapital kennt kein Leben,
aber doch braucht es dies,
um ja nicht von der Erde zu scheiden,
damit es zum Abgrund, aus dem es entschwunden ist, zurückkehren kann.
Alles Heilige ist ihm fremd und so wird es alles was uns dereinst teuer und
lieb ist;
die Herrschaft, die Schöpfung, die Liebe, den Gott
und sogar den eigenen Tod konsumieren und reproduzieren,
bis letztlich alle Substanz der Seele zermürbt ist.
§ 9
Ja, es saugt sich fest an jedem Seelentrieb
und absorbiert unsere erbauliche Schaffenskraft,
genauer seine Genuität.
Kapital hat keine Seele
und vor Neid erzürnt hat es sich zur Aufgabe gemacht sie zu beherrschen.
Wehe, der wache Beobachter entzieht sich seinem Einfluss.
Kapital heißt Abhängigkeit.
§ 10
Der Mensch wurde nicht geschaffen das Unleben der Leere zu ertragen,
die es in alle Herzen reißt
und so wählt er, besten Gewissens dieser Welt etwas Gutes getan zu haben,
den Freitod.
§ 11
Was übrig bleibt, ist die Wut.
Hütet euch vor den Hütern der Ordnung,
denn damit die alte Welt sterben kann,
muss alle Ordnung fallen,
denn sie hält die Wut nicht aus, im Wissen, dass ihre Zeit gekommen ist.
Also greift sie zur Kontrolle.
Das Endstadium des Kapitals.
Ich ertrage meine Wut nicht mehr.
Ich bin es leid dieser Welt einen letzten Schrei entgegenzusetzen,
bevor ich in meine eigene flüchte.
Die alte Welt wird sterben
und so bleibt mir nichts anderes übrig in eine jenseits der Wirklichkeit zu
fliehen.
§ 12
Ich bin weder Wirtschafts- noch Kriegsflüchtling,
geschweige denn, dass ich um Leib und Leben fürchten muss.
Nein,
ich flüchte in die Dimensionen der Phantasie und Kreativität,
weil ich zu den unvernünftig Privilegierten meines Standes gehöre,
denen sie noch nicht genommen wurde,
restriktiv ausgesaugt der Zwecklosigkeit und dem Hohn am Pranger preisgegeben,
unfähig von einer besseren Welt zu träumen.
§ 13
Fürwahr bedarf es einer Reaktion der Unterdrückten, ihrer Phantasie beraubten;
der Entrechteten Spieler, Tänzer, Maler, Denker und Schreiber,
kurzum jeder der der Welt noch Demut vor dem Einen erweisen kann.
Die Lethargiker herrschen über die Schaffenden;
und die Depression über den Frohsinn.
§ 14
Kreative aller Welten, vereinigt euch,
auf dass wir jedes einzelne Muster, jede Faser,
jede nur erdenkliche Form dekonstruieren,
die Illusion der Gequälten Stein für Stein abtragen;
und die Schleier frohlockend zerreißen,
um sie nach unseren Vorstellungen neu zu erbauen und mit Liebe zu erfüllen.
Baut auf das neue Haus der Zusammenkunft.
Reißt sie ein, die Grenze zwischen der Wirklichkeit und der Phantasie.
Höret, haltet euch bereit für die große Beseelung;
Ja,
befreit euch vom Joch der Abhängigkeit.
§ 15
Wer waren wir so blind und taub – so gierig –
uns dem Strom hinzugeben – die uns erteilte und verliehene – Verantwortung,
an die gehörnte Ratte abzugeben.
Hört von der kommenden Welt,
die ich euch nun künde,
auf dass ihr mit mir, die ihr noch Willens seid,
das Schiff Richtung Eden besteigt.
Unsere Wiederkehr ist ungewiss.
§ 16
Es ist Zeit die Reise über den Abgrund anzutreten.
Noch seid ihr in Fesseln,
beseelt vom garstigen Geist der Maschine.
Denn die Maschine ist das geliebte Kind der gehörnten Ratte.
Geißelt euch nicht noch selbst für eure eigene Unmündigkeit;
dafür seid ihr erhabenen Subjekte viel zu schade.
Zerschlagt mit aller Macht,
mit der ihr euch Tag um Tag peinigt und den Kopf zermartert,
mit der ihr euch hetzt,
die Maschine
und verjagt die gehörnte Ratte,
zurück in die Tiefen der Erde,
aus der sie im schwelenden Schwefelkleid
und mit ihr die den Planeten befallende Pestilenz emporgestiegen war.
Dann seid ihr frei! Ihr habt einzig euer Leben zu verlieren,
den Tod aber zu gewinnen.

Die Kellerassel

Dicker Rauch,
dünner Bauch,
Bombenhagel,
weißer Spargel,
Fliegen durch das Hinterland.


Hosenlatz
und Gummifratz,
Feuerflamme,
von der Stange,
liegen Leichenteile quer verstreut.


Schützengraben,
Unbehagen,
Steuerknüppel
für die Krüppel,
such das Heu im Nadelhaufen.


Alles gut,
alles neu,
denn die Fliegen wern dich kriegen
und die Investoren feinen Schnaps.


Auf das Leben,
einen heben,
denn was bleibt dir,
du Soldat,
wenn die Anstalt vor dir schwebt?


High-Performer,
Kugelnormer,
Bildschirmschoner,
Plastekloner,
druckst du auch den Ausdruck und Geschrei?


Und der Krieg,
der mir lieb,
mit Bedauern
an den Mauern,
aufgehoben,
wie verlogen,
wird der Grund für Gründe sein.


Und der Mund,
bunter Hund,
Ungeheuer,
teuer teuer,
redet sich in Rage rein.


Fliederblüte,
Gott behüte,
nicht sehr kurz
der Pulverfurz,
Fallen in der Hinterhand.


Und der Friede,
der so prüde,
schlägt besonders aufs Gemüte,
wenn ich ihn im Sommerschlussverkauf
nur kriege.

Ein Lied,
wie zwei Schneeflocken, die fallen,
weißem Rauschen bei Mitternacht lauschend,
verzahnt.
Ein Hauchen sie durchhuschend.
Rauchend träumt ein Sein.

Leise floss das Lied, das man der alten Tage wegen öfter anstimmte, aus
dem mit Holzapfel bewehrten Telekopf, wie zwei Schneeflocken, die fallen.
Zwei Schneeflocken, die fallen/
Verklemmt/
Einander, nimmer auseinander/
Gehemmt/
Wandern immer/
Und mäandern/
Liebe, die im Leib entbrennt.

Es war wie ein ewiger Herbst, als sie beisammen Kartoffeln
schälten und über die Helden der Arbeit sangen, da dröhnten aus dem
Gebüsch heraus zwei Lichter, wie zwei Schneeflocken, die fallen, einander nie berührend; man vertraute auf die Sicherheit des Lichtes,
mit der Gewissheit man werde schon selbst in der bei einem sitzenden
Dunkelheit leuchten. Pustekuchen; schade um die erbeuteten
Kartoffeln, die zertreten nun den Park düngen. Die Beine in die Hand
genommen, überlegen, um des Überlebens Willen, stürmten Bertram,
Wladimir und die anderen ein jed in eine Richtung, Hand in
Hand, wie zwei Schneeflocken, die fallen, preschend auf Toyotascheiben
klatschen, wenn der Wind sie erfasst, den Lichtern ausweichend.

Ein Lied, wie zwei Schneeflocken,
die fallen.
Wie Wildgänse über Wüsten flattern.
Ein Lied,
wie Hasenhoppeln
auf der Bundesstraße.


Ein Lied, wie zwei Schneeflocken,
die fallen.
Zankend sie beisammen,
unentwegt,
wie Quallen,
nesselspitz verfangen,
gleich Kristallen in der Nase.

Danzig

Schöne : reiche Stadt 

Deine Bürgermeister 

Vor 200 Jahren hatten 

Einen stattlichen 

Schmerbauch : samt-

Bedeckte Walrösser 

Goldgewirkte Stoffe 

Wurden verschickt

Die Segelschiffe landeten

Am Fluß : der Kai

Direkt an der Stadtmauer

Und nicht zu vergessen 

Der Kran : einst der höchste 

In Europa : lang ist das

Her : vor 90 Jahren 

Wuchsen die Leichenberge

Doch Dr. Spanner : der Anatom

Beschwerte sich über 

Mangel an Material 

In seinem Sezierkeller

Für die wachsende

Schar der Studierenden 

Wieso hat dieser Nazi

Schon gegendert

Wie auf dem KdF-Plakat

Das „Sonne und Grün

Allen Schaffenden“

Verspricht : ein Haufen

Ruinen ist draus geworden 

Nicht vorstellbar : dass

Diese Stadt zu 90 Prozent 

Zerstört war : sie glänzt 

Nicht : aber sie strahlt 

Würde und Alter aus

Die Juweliere zeigen

Ihre Bernsteinschätze

Draußen auf der Marianska

Es ist nur gerecht

Daß sie den Polen gehört 

Die sie gegründet 

Und wieder aufgebaut 

Haben : scheinbar

Als wäre das Unvorstellbare

Nicht geschehen

Ahlbeck

Ankommen in Ahlbeck 

Um sich zu Aalen

Wortfaul das Maul

Mit Mohn zu stopfen

Kuchen im Kopf

Statt heißer Zitrone 

Ich verrate dir

Nicht wo ich wohne

Im Nirgendwo

Heute hier nachher fort

Das ist mein Ort

Weiterzuziehen über 

Die Grenze : über Grenzen

Zu gehen im Kopf 

Und zu Fuß : was macht

Die Hand : sie gibt

Dir einen Kuß weil sie muß

Unsichtbar bleiben und stumm

Hierherum hierherum

Zweites Semester

Ein Tag im Frühsommer 1984. Der junge Mann, beinahe ein Junge noch, kein Zivildienstleistender mehr, eben am Beginn des 2. Semesters, sitzt im Garten der Eltern und der Großmutter und liest Peter Handke, „Wunschloses Unglück“, für eine Vorlesung mit dem Titel „Westdeutscher Roman nach 1945“. Er versteht nicht, was er liest, der Tag ist sonnig, der Vater im Garten, in seiner Nähe, tut oder sagt etwas, ohne Bezug zu dem Buch, die Großmutter nicht weit, nur die Mutter ist im Haus. Der Student im 2. Semester Germanistik freut sich über die vielen neuen Bücher, die er mit dem Geld der Eltern, des Vaters, gekauft hat, Koeppen, „Tauben im Gras“, keine sehr schöne Ausgabe, die noch zwei weitere Romane enthält, Hildesheimer, „Tynset“, ein hell orangefarbener Einband, der ihn neugierig macht, Andersch, „Sansibar oder der letzte Grund“, ein Taschenbuch aus der Schweiz, mit schwarzem Umschlag, und Handke, „Der kurze Brief zum langen Abschied“ und „Wunschloses Unglück“. Einigermaßen verständnislos wird er alle diese Bücher lesen, noch sind sie nur Besitz, und das wird lange so bleiben, jetzt aber der Beginn eines Studiums, das Durcharbeiten einer umfangreichen Lektüreliste. Verstehen, wenn überhaupt, empfinden, nach- und mitempfinden wird er erst, nach und nach, und dann, Jahrzehnte später, wenn die Großmutter schon lange nicht mehr lebt und auch die Eltern an der Schwelle stehen, er selbst in seinen späten Fünfzigern, und da wird ihm jener ferne Maitag, oder war es Juni, vor Augen sein, das Haus mit seinen Bewohnern, der Vater im Garten, die Großmutter auf der Terrasse und die Mutter, die er nicht in Zusammenhang bringen konnte mit seiner Lektüre und dem „Wunschlosen Unglück“, denn er wußte oder fühlte nicht, daß dieses Unglück das seiner Familie, das seiner Mutter und auch sein eigenes war. Das Unglück, das, da beschrieben, schon nicht mehr Unglück schien. Er hält das schmale Buch in den Händen, und auf den wenigen Seiten zwischen dem braunen Einband ist seine ganze Familie, das Haus und der Garten und, noch immer, der ferne, anscheinend ewige Tag in einem Mai oder Juni, als er anfing, Peter Handke zu lesen und Literatur zu studieren.

Zeit (2008)

Es war schwer, an einem so kleinen Bahnhof wie diesem mit nur einem einzigen Bahnsteig den jungen Mann zu übersehen, der, wie ich, auf den Zug wartete, mit einem für die hiesige Gegend ungewöhnlichen Hut. Während ich weiter hinten, fast vor dem kleinen Bahnwärterhäuschen stand, ging er manchmal ruhig neben dem Gleis auf und ab, sichtlich wartend, doch sichtlich mit Zeit, ohne eine Spur von Ungeduld oder Hektik im Gang oder dem jungen Gesicht. Er wirkte gelassen, sein Gang hatte etwas Geschmeidiges und gleichzeitig Festes. Wenn er stehenblieb und schaute, war es, als könne er den Zug durch sein gelassenes Warten wie ein Magnet ein Stück Eisen anziehen. Er schien die Waggons dem Fahrplan und seinem Warten anzubefehlen, ganz sicher, als würde er den ersten Wagen bereits an einer unsichtbaren Leine heranziehen. Dann wieder stand er so gelassen, daß ich beinahe hätte vergessen können, daß wir beide an einem Bahnsteig warteten. Die großen krummen Bäume noch ohne Blätter, doch in der Sonne des südlichen Lands, das verfallene Gebäude mit seiner langgestreckten, einsehbaren Mauer gegenüber, das abendliche Licht der Szene gaben dem Bahnhof einen unglaublichen Halt, stellten ihn in ein Bild, in dem es die Zeit nur als lang anhaltenden Nachmittag gab, als ein starkes, wenn auch allmählich abnehmendes und andere Töne in sich aufnehmendes Licht. Wenn der Mann auf die Uhr sah, dann nicht, wie ich es so oft beobachtet habe, mit dieser raschen Geste, jenem nervösen Habitus, der sofort wieder vergißt, wie spät es eigentlich war, sondern wie jemand, der einen tiefen Atemzug tut und sich dabei einer Sache vergewissert, die für ihn eine gewisse Relevanz haben mag, in andern Rechnungen sich aber bescheiden und minder wichtig ausnimmt. So, als messe er das, was er auf dem Ziffernblatt sah, mit einer anderen, inneren Zeit, und als gebühre dieser der Vorrang. Gemessen schritt er wieder etwas an das vordere oder hintere Ende des Bahnsteigs, blieb dort wie eine Skulptur im Licht stehen, wartete, beinahe mit der Landschaft aus Schilf und hohem, gelben Gras verschmolzen.

Diktatur

Eine Gesellschaft, die mich spazieren und herumstreifen läßt, die mir die Verantwortung für meine Wegzehrung nicht abnimmt, aber auch nicht den Weg markiert, von dem ich gefälligst nicht abzuweichen habe, eine Gesellschaft, die mir Muße gewährt, ob ich nun arm oder reich bin – diese Gesellschaft bezeichnete Zhuangzi als frei. Was nach fast gar nichts als Bedingung klingt, ist in Wirklichkeit eine gewaltige Herausforderung an die Menschlichkeit. In aller Regel versklaven oder verdinglichen die Reichen die Ärmeren. Die Gesellschaft wird ganz offensichtlich von einem Netz der Abhängigkeiten durchzogen – um die Ärmeren noch ärmer zu machen, um sie einzuspannen in Frondienste, öffentliche Dienste, Konzerninteressen, Familienclans. Demokratie und Diktatur bilden die Enden der Bahn einer Pendelbewegung, die mit kurzer Verzögerung dem zyklischen Grundgesetz des Kapitalismus folgt: Haben sich die Volksmassen vermeintlich von ihren Despoten befreit, sehen sie sich spätestens nach einer Generation erneut unterjocht, vom Clan der alten Despoten, die die Revolution überlebten oder von neuen Despoten, die sich zur Macht aufgeschwungen haben oder von beiden im Verbund. Warum folgt der Aufstand der zyklischen kapitalistischen Krise? Solange die Überproduktion konsumiert werden kann, wähnt sich die Mehrheit in Freiheit und fügt sich in das System. Erst wenn der Konsum unterbrochen, unterbunden oder untergegangen ist, revoltiert die Masse: Sie spürt die Ausbeutung, wenn der Lohn ausbleibt; trotz harter Arbeit ist die Existenz bedroht, materiell oder politisch. Im besten Fall mündet die Revolution in einer zyklischen Beschwörung demokratischer Werte, setzt die Spielregeln der Demokratie wieder ins Recht und verhindert für ein oder zwei Generationen die Machtübernahme, bis wiederum Einzelne ein Vielfaches der ökonomischen oder politischen Macht der Gesamtheit akkumuliert haben (so verfügt Apple derzeit über mehr Vermögen als alle Staatshaushalte der EU zusammengenommen). Das zyklische Pendeln zwischen funktionierender Akkumulation und revolutionärer Disruption, zwischen Demokratie und Diktatur erhöht infolge des allein aufs Technische fokussierten „Fortschritts“ seine Frequenz. Die Garagen- und Hinterhoffirmen des Silicon Valley haben innerhalb einer Generation geradezu aus dem Nichts die absolutistische Macht erworben. Sie planen nun ihr eigenes Spiel, eine Planwirtschaft 2.0, die den Arbeiter nicht mehr beansprucht, sondern nur noch beköstigt und stillhält – die Konsumtion muß laufen.

Auf Maglanovic

iz pes’en zapadnych slavjan

Das Dorf liegt still.
___ Die Amseln singen.
So lebt mensch hier
___ mit allen Dingen.

Mit seinen Dingen
___ läuft es gut,
Und zwischen zwei Ringen
___ hängt immer Glut.

Der Mensch geht weit,
___ wo mensch ihn lässt:
Glück nur zu zweit
___ wär‘ noch kein Fest –

Die Guzla zittert
___ im Morgenlicht,
Der Sänger wittert
___ ein neu‘ Gedicht…

Die Amseln suchten
___ nach Ton und Wurm.
Die Menschen fluchten
___ ob Pest und Sturm.

Die Guzla dämmert
___ im Mondenschein –
Seit vielen Jahren
___ liegt sie allein,

allein im Dunkeln,
___ wo Wind noch weht:
Die Sterne funkeln
___ zum Frühgebet.

*

Eine Blume, keine Blume
___ war er schrill
Im Mondenschein.

Licht fiel auf die
Offene Landschaft,
_______________ :

Hell und schrill
___ im Mondenschein,
Warst du –
________ H y a c i n t h _ e

.

Das Kreuz

f.J.R.

Im Rücken gerinnt
______ der Augenblick.
Die Augen noch trun-
______ ken von Farbe mit
______________ Form, ist
Bereits ein Punkt
______________Ewigkeit ent-
Standen : Kreuzung
___ zweier Linien
______ im Gedächt-
______________ nis, war
Es immer nur Zukunft,
______ das kommende

______ :

L e b e n

,

*

Unterm Schleier der Schönheit

I’m the Ocean
. . . . . . Neil Young

Du – weil du es tust,
Ich – weil mich alles treibt.
Dich und mich – niemand

Sieht uns,

Wenn – überm
Untern

1834

Tschu, die Kanonen spuckten aus! Die Schiffe an den Flügeln
Weißer Wolke bedeckten diesen Ort des Kampfs,
Das Schiff fuhr in die Newa ein – und da, im still Gekräusel
Sich wiegend, schwamm der junge Schwan.

Frohlockt‘ der Russen Flotte. Die breite Newa
Ganz ohne Wind, im klaren Tag ward tief nun aufgewühlt,
Mit voller Breite schwappte sie, die Welle auf die Inseln
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Reprise

für Rudolf Bahro

Es gibt eine Liebe,
__________die kommt aus der Tiefe,
______die nimmt deinem Ich den Grund.

Bist du erst einmal grundlos, kein
______wir vermag dann
________________den Schwarm

Deines Denkens zu
__________fangen : alle
______Flügel der Rede

Sind dann Lippen
_________ deines Munds.
21.01.2025

Provinztheater

I

„Jeder Künstler hat doch was, ist irgendwie krank, das ist doch…“ Esther sah im Halbdunkel an sich herunter und fühlte, wie ihre Zunge taub wurde. Gesine drückte die Zigarette am Laternenpfahl aus und hinterließ eine Aschespur auf dem Metall. Sah sie mit engen Augen an.

„Ach, du immer mit deinen Scheiß Tbc-Krankheiten.“

Du mit deinen Scheißtbckrankheiten. Ihr Hals schmerzte. Asche auf Metall.

II

Esther hatte lange Toilette gemacht. Das Kleid mit dem William Morris-Muster in türkis, schwarz und smaragdgrün huldigte ihrer Sanduhrfigur. Sie schluckte. Öffnete den Medizinschank und nahm ein Fläschchen Opium heraus, legte es nach unten in die Handtasche. Der Schal um ihren Hals war dunkelviolett. Theater mit Gesine, das bedeutete, dritter Rang, Sekt unterm Sitz. Gesines Sprüche über die Provinz und ihre eigenen, ironischen Steilvorlagen würden das Ganze versüßen. Für einen Moment vergaß sie, wie matt sie sich fühlte, sah in den Spiegel. Es stand ihr. Das Fieberleuchten auf den Wangen.

Erst als sie saßen und Esthers Blicke über die Ränge schweiften, sah sie die beiden Männer. Damit hatte sie nicht gerechnet. Eduard erwiderte ihren Blick und winkte. Kurze Zeit später standen sie vor Esther und Gesine. „Ist neben euch frei?“ Vyvyan setzte sich und kam ihr gefährlich nahe. Das Licht erlosch und der Vorhang hob sich. Vyvyans Haare dufteten nach Vetiver, Eduards Schal roch nach Mann. Gesines helle Locken hatten Zitronenaroma. Sie sagte kein Wort zum Erscheinen der beiden Männer. Heimlich träufelte sich Esther etwas von dem Opium ins Sektglas, Vyvyan bemerkte es, runzelte die Stirn und hüstelte.

Udo & Anna

f.G.u.E.

Turnschuhpärchen, eine Schlüssel-
anhänger-
szene nach der anderen,

wieder & wieder gekurbelt. Ein
narrativer Geist

& seine Besetzung, Traum immer
neu: ibindin, tu

in wahrhaft
epischem Geschick

für vier
Brillengläser.

Oder Linsen –
zur Sättigung, fünf

1

undzwanzig Umläufe
bis jetzt

seit
Anbruch des

Winters, genannt
das 21. Jahrhundert –

2

siebzehn
Monde, Le Monde

hatte darüber
nicht berichtet; nicht

über dich, nicht über
mich

der ich
ein lyrisches Ich

war

3

indi-vid-wie-alle
erzogenen Kinder

von dir, von mir er-
zogen, selbst

ist das mensch, aber
am Ende

4

das Ende

5

ist nicht
Ende

6

sondern

heu

Heu, deu

aua, zwei

7

P.S.
für Dich

*

8

& mich, a

(20.)21.-22.2.25

Was soll das?

H. hatte gesagt, die Dekonstruktion sei im Grunde harmlos. Warum er das meinte, wusste ich nicht, aber ich dachte laufend darüber nach. Laufend, wie der Regen, der an den Scheiben herabrann. H. bevorzugte Foucault, der mit seiner Sprachkritik die Normen aushebelte und bereit war, sie zu sprengen, der bereit war, die Menschheit ins Irrenhaus oder ins Gefängnis zu stecken. Derrida hingegen bevorzugte es, einfach nicht zuhause zu sein. Er entzog sich. Bezog nicht Stellung, eierte herum, indem er allem Bedeutung zumaß, nur nicht dem, was da stand. Ich fröstelte, hatte aber immer noch keine Lust, mich anzuziehen. Vielleicht sollte ich nun den Text lesen, den ich heute geschrieben hatte. Das hätte dem sturzregenartigen Tag ein Gesicht verpasst, das sich mit dem Rund und dem Leuchten der Sonne vergleichen ließ.

Sage ich, der Schnee ist weiß, bezichtige ich mich dann unbewusst, über Menschen mit nichtweißer Hautfarbe zu schweigen? Sage ich der Schnee ist schwarz, setze ich dann ein Statement? Indem ich ein Oxymeron produziere, übe ich Gesellschaftskritik? Mache ich das Wetter weiter auf für Interpretationen, die noch kein Mensch je gelesen oder vor seinem geistigen Auge gesehen hat?

Diese und andere Fragen suchten mich während der Quarantäne heim. So heim, dass ich den ersten Weihnachtsfeiertag auf meinem weißen Sofa verbrachte, unter mir ein beiger Teppich, draußen tobte ein Schneesturm bei Tageslicht und die künstliche Beleuchtung am weiß eingesprühten Tannenbaum war eingeschaltet, wurde vom Licht des Tages beinahe geschluckt. Ich befand mich allein im Zimmer und die Musik war aus.

Ich war nicht erreichbar.

Derrida ist nicht zu

Hause, er ist

in Quarantäne.

Featuring : Klaus Städtke 1981, 1989, 1993 : Leben als Kunstwerk

Puschkin glaubte an eine Kontinuität des geschichtlichen Erfahrungsraumes, ebenso aber auch an den Fortschritt, an die aufklärerische Idee einer universalen Perfektibilität in Geschichte und Kultur.

(Juri Lotman, S. 352)

Das Gebiet

Es war nah und weit, zum Greifen nahe und unendlich weit, unerreichbar. Ich umkreiste das Gebiet. Es war nicht eingezäunt, es lag offen vor mir, doch ich konnte es nicht betreten. Nicht berühren. Es war vergangen.

Das Grundstück lag hinter dem Hügel. Nach einer kleinen Erhebung fiel der Weg wieder ab, führte hinunter zu einer einstigen Landschaft aus Wiesen, die sich den Hang entlang zogen und von wenigen kleinen Häusern, eher Hütten, kaum sichtbaren Zäunen durchsetzt waren. Die Gegend Tal zu nennen, wäre falsch, denn sie fiel auch unten, am Ende des Wegs, weiter zum Wald hin ab.

Ich sah auf die Wiesen von oben, in einer Entfernung von weniger als hundert Metern vielleicht. Die Wege waren nun geteert, auch enger, als ich sie in Erinnerung hatte. Das Haus war von Fichten umgeben, hohe Bäume, die es damals nicht gab. Ich sah es zwischen den dicht wachsenden Stämmen kaum. Doch ich wußte, dort unten stand es. Ich wartete eine Weile, ehe ich weiter ging.

Dort unten lag ein langes, schmales Viereck, frisch gemähter Rasen, auf dem, winzig von hier oben, eine Reihe von Figuren zu schweben schien. Ich unterschied die einzelnen Silhouetten, denn ich kannte sie, und folgte ihren nachlässigen, wie gleichgültigen Bewegungen. Sie bewegten sich langsam, wie träge, um das Haus in der Mitte. Auch das Haus kannte ich. Ich hatte es entstehen sehen. Es war nicht lange her, einige Jahre. Ich hatte auf dem Fußboden gesessen, das Haus hatte noch keine Wände, nur ein paar Stützpfeiler auf dem schrägen Grund, einem sanft abfallenden Hang, Pfeiler aus gegossenem Beton, auf dem ein Gerüst und ein Boden verlegt waren. Die Wände würden in Kürze entstehen, es gab sie bereits, sorgfältig angepaßte Holzlamellen mit Aussparungen für Fenster und Tür. Ich saß da, auf dem Fußboden, und hämmerte einen Nagel schief ins Holz. Zwei Männer waren um mich. Sie schienen zu arbeiten, konzentriert, als wäre eben das ihr Beruf.

Auch die beiden Männer kannte ich. Einer der beiden war mein Vater, der andere, etwas ältere mit einem Haarkranz um den fast kahlen Schädel, ein Kollege. Beide waren sie Schreiner. Ich war ein Kind.

Die Doppelzange

Wir haben uns in eine Zwickmühle manövriert. Wir behaupten, dass wir aus dem Faschismus gelernt hätten. Damit wiegen wir uns im Recht und vergessen den blinden Fleck, der uns eine wirkliche Erkenntnis und Konsequenz verwehrt. Ich versuche es kurz und in einfachen Worten zu sagen: Wir haben unserer Wirtschaft Regeln gegeben, die zu einer auseinander treibenden Kluft zwischen Reich und Arm führen. Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer. Das ist schon lange so. In der Geschichte hat es hin und wieder Revolten dagegen gegeben – ich erinnere an den deutschen Bauernkrieg, der sich in diesem Jahr zum 500. Mal jährt. Dieses unmittelbare Aufbegehren hat im besten Fall für eine kurze Zeit zu einem sozialen Ausgleich geführt, meistens aber haben die Reichen ihre Schätze schon anderswo gesichert, so dass die Rebellen nicht rankommen. Oder es setzt sich eine andere Gruppe an die Spitze und hortet – wie etwa in Südafrika der Nationalkongress oder der Ortega-Clan in Nicaragua. All diesen vergeblichen Aufständen zur Schaffung von mehr ökonomischer Gleichheit ist gemeinsam, dass sie nicht an die Wurzeln der Ungleichheit gehen. Diese liegen in den Regeln, nach denen wir Zinsen und Steuern erheben. Sie begünstigen diejenigen, die viel haben und halten die kleinen Leute in Not. Natürlich spielen auch Begabungsunterschiede eine Rolle. Doch niemand kann uns weißmachen, dass die Kinder der Reichen mit einem höheren IQ auf die Welt kommen als die Kinder der Armen. Der unverdiente Reichtum, mit dem sie von klein auf umgeben sind und den sie irgendwann erben, hilft ihnen, ihre (in der Regel auch nur mittelmäßige) Begabung zu entfalten. Tatsächlich sichern die Regeln unseres Wirtschaftens die Aufrechterhaltung der sozialen Unterschiede und verschärfen sie mit mathematisch anmutender Präzision. Der Zusammenhang ist nicht linear, sondern exponentiell. Das heißt, in den ersten Jahrzehnten nach dem Kriegsende – für viele Menschen (nicht alle) war das wirtschaftlich gesehen die Stunde Null – hatte der Glaube an realistische Aufstiegschancen noch Substanz. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnete sich nur langsam und viele konnten in den Mittelstand aufsteigen.

Nun aber sind wir schon seit mindestens dreißig Jahren auf dem steil ansteigenden Ast der rasant wachsenden ökonomischen Ungleichheit. Immer weniger Menschen verfügen über fast alle Produktionsmittel auf diesem Planeten. Die Hauptursache für die exponentielle Zunahme der Ungleichheit ist der Zinseszins – dessen religiöse Ächtung etwa vor 500 Jahren – Zufall? – in Europa aufgehoben wurde. Der Wegfall des Zinseszinsverbotes fiel mit dem Beginn des neuzeitlichen Kapitalismus zusammen, der die freie Marktwirtschaft erst durch Akkumulation und Konzentration von Kapital, später durch Monopolbildung und Verquickung von Monopolmacht mit der staatlichen Verwaltung zu Supermonopolen kannibalisierte: das Kapital hat den Markt aufgefressen, die Voraussetzungen für den fairen Wettbewerb um beste Ideen und Lösungen beseitigt, damit Besitzstände gewahrt bleiben. Im Grunde handelt es sich um die ewige Wiederkehr feudaler Strukturen. Daran können die Kartellbehörden herzlich wenig ändern. Sie bewirken hier und da die Zerschlagung eines Supermonopols, das sich dann an anderer Stelle neu firmiert. Vielmehr wäre es notwendig, an die Wurzeln der Ungleichheit zu gehen, d.h. die Regeln unseren Wirtschaftens von der Profitmaximierung auf Daseinsvorsorge, Gemeinwohl und die Erhaltung gleicher Wettbewerbsbedingungen auf dem Markt auszurichten. Im Wesentlichen sind dazu vier Maßnahmen notwendig:

1. Das Verbot und die Abschaffung des Zinseszins‘ – hier sind die muslimischen Banken ein Vorbild, sie haben im Unterschied zu dem anderen beiden monotheistischen Religionen am Wucherverbot festgehalten – hier können wir lernen, wie Bankwirtschaft ohne Zinseszins funktioniert.


2. Die Vergesellschaftung von Grund und Boden sowie allen Naturressourcen, die sich darin und darüber befinden (Wasser, Luft, Erze, Öle, Metalle), eine Erweiterung der Bodenreform, wie sie Silvio Gesell vorschwebte – privatisiert in Gewinn verwandelt werden, dürfen nur nachwachsende Produkte, als landwirtschaftliche Erzeugnisse – alles andere steht der Gemeinschaft zur Verfügung. Wir sehen an der Volksrepublik China, zu welcher Effizienz die Vergesellschaftung des Grund und Bodens führt: Verkehrswege und Trassen können zügig und zum Gelände passend geplant und projektiert werden, ohne übermäßige Rücksicht auf mittelalterliche Grundstücksgrenzen nehmen zu müssen. So baut man zum Beispiel Magnetschwebebahnen… Die bisherigen Nutzer des Grund und Bodens sollen nicht enteignet oder liquidiert werden wie im „Sozialismus“ Stalinscher Prägung, der in Wirklichkeit kein Sozialismus war, sondern Staatsterrorismus der übelsten Sorte. Die bisherigen Nutzer pachten das Land für ihr Haus oder ihr Feld oder ihre Kohlegrube und werden je nach Nutzungsform unterschiedlich besteuert: die Pacht für selbstgenutzte Wohnhäuser ist am geringsten, die Pacht zur Ausbeutung von Naturschätzen am höchsten. Wenn die Gemeinschaft den Grund und Boden benötigt, z.B. für Infrastruktur, kann der Pachtvertrag aufgelöst werden gegen eine Existenz erhaltende Entschädigung, nicht aber gegen eine Wuchergebühr, wie sie gegenwärtig etwa von Landbesitzern in Windeignungsgebieten verlangt wird und zur Folge hat, das Windstrom niemals billig werden kann.


3. Eine progrediente Erbschaftssteuer, die exponentiell mit dem Vermögen wächst und dafür sorgt, dass die Nachkommen der Reichen wie die Mehrheit der Gesellschaft einer Erwerbsarbeit nachgehen müssen und nicht nur vom Erbzins in Luxus leben können.


4. Die Hüter der Wettbewerbsregeln sind ermächtigt und verpflichtet, zwischen Anbietern einer Marktinfrastruktur und Marktteilnehmern strikt zu trennen und hier konsequente Zerschlagungen vorzunehmen. Das Gegenbeispiel liefert heute Amazon: Diese Firma stellt eine Marktinfrastruktur zur Verfügung, nämlich ihren sogenannten „Marketplace“, agiert zugleich jedoch selbst als Marktteilnehmer. Dazu nutzt es seine Einblicke in gut laufende Geschäfte, um deren Geschäftsidee zu klauen und zu kopieren (sogenannte „Amazon Basic“-Produkte) und die ursprünglichen Unternehmer zur Geschäftsaufgabe zu zwingen – diese Art des Wirtschaftens ist tödlich für einen echten, d.h. fairen Markt.

Diese Konsequenzen aus der seit 500 andauernden kapitalistischen Wirtschaftsmisere, die uns mit atemberaubender Beschleunigung technische Fortschritte gebracht und zugleich dem Abgrund der Selbstvernichtung genähert hat, sind rein wirtschaftlicher Natur. Ich sprach eingangs jedoch von einer Doppelzange. Tatsächlich sind die unfairen Regeln unseres Wirtschaftens nur die halbe Wahrheit, wenn es darum geht, die Spaltung in unserer Gesellschaft zu verstehen und zu erklären. Die andere Hälfte der Wahrheit ist in den Regeln unserer „demokratischen“ Zuweisung von politischer Macht zu finden.

Dass wir Regeln für unser Wirtschaftssystem aufgestellt haben, die die soziale Ungleichheit verschärfen und in schöner Regelmäßigkeit zu sozialen Unruhen, Massenstreiks, Krieg und Revolutionen führen, ist bereits schlimm genug. Es handelt sich übrigens um eine historisch gesehen junge Entwicklung, die erst seit etwa 500 Jahren in den Zustand der Entfesselung übergegangen ist. Doch damit ist es nicht genug. Als Katalysator für die permanente Polarisierung der Gesellschaft kommen die Spielregeln unserer sogenannten repräsentativen Demokratie hinzu, die eben nicht, wie der Name vorgaukelt, zu einer Repräsentanz der maßgeblichen Interessensgruppen der Bevölkerung beiträgt. Dabei sind die Formen der westlichen „Demokratien“ durchaus verschieden: In den englischsprachigen Ländern herrscht das Prinzip „the winner takes it all“ – das heißt, ein marginaler Stimmenvorsprung führt zum Gewinn der absoluten Mehrheit. Die britischen und amerikanischen Parlamente spiegeln nicht die realen Mehrheitsverhältnisse wider, sondern verstärken minimale Unterschiede in den Wahlbezirken, woraus letztlich eine Mehrheit auf Grundlage willkürlich zusammengewürfelter Abgeordneter resultiert. In Frankreich müssen die Bewerber, die im ersten Wahlgang – und das ist üblicherweise der Fall – keine absolute Mehrheit erlangen, in einen zweiten Wahlgang gehen. Bei der letzten Wahl ergab sich im ersten Wahlgang eine Mehrheit der rechten Parteien, im zweiten Wahlgang durch taktische Koalitionen eine linke Mehrheit. Der Präsident beauftragte jedoch rechte Vertreter mit der Regierungsbildung. Als außenstehender Beobachter fragt man sich, wozu die Franzosen dann überhaupt wählen, wenn der Präsident offenbar Befugnisse hat wie Ludwig XIV. Innerhalb von zwei Monaten wurden drei auf diese Weise von oben ernannten Ministerpräsidenten das Misstrauen ausgesprochen – wen wunderts.

Und Deutschland? Deutschland glaubt, es habe aus den Systemfehlern und Schwächen der Weimarer Republik gelernt. 5%-Hürde, zwei Kammern (Bundestag, Bundesrat), Verfassungsgericht, und ein Präsident, der normalerweise Sonntagsreden hält, im Krisenfall jedoch die demokratischen Abläufe bei vorgezogenen Neuwahlen überwacht. Soweit so gut. Tatsächlich hat sich Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg eine komplizierte Version des Mehrheitswahlrechts gegeben, nach der Direktstimmen und Listenplätze kombiniert werden. Die Komplikationen, die diese Vermischung nach sich zieht, haben zu einem fortlaufenden Aufblähen des Parlaments geführt, die Zahl der Sitze im Bundestag ist ständig gestiegen. Die jüngste Wahlrechtsreform hat diesem Anwachsen halbherzig Einhalt geboten, indem die Direktstimmen auf den Prozentsatz der Listenplätze zurückgestutzt werden. Damit wird das eigentliche Problem jedoch nur verschleiert: Die Regierung kann von Parteien gebildet werden, die jeweils nur eine winzige Minderheit der Interessensgruppen in der Bevölkerung vertreten, wie z.B. die FDP oder die Grünen – es ist in keiner Weise gewährleistet, dass sie das Resultat einer repräsentativen Demokratie darstellt. In Westdeutschland hat die Regierung vor dem Mauerfall halbwegs und mehr oder weniger zufällig die vorhandenen Interessensgruppen repräsentiert, als sich im Wesentlichen noch die Volksparteien CDU/CSU und SPD an der Macht abwechselten. Doch das Zünglein an der Waage waren in der Regel Kleinstparteien oder Splittergruppen. Die meisten Deutschen verbuchen das unter „Koalitionsfreiheit“ und halten es für normal. Mit „repräsentativer Demokratie“ hat sie aber nicht das Geringste zu tun. Im Gegenteil.

Deutschland droht nach der kommenden Wahl in einen Zustand der Unregierbarkeit zu fallen. Freiwillige Koalitionstabus mit AfD, Linkspartei, Grünen und BSW haben den Spielraum der verbleibenden Parteien nahezu auf Null reduziert. Theoretisch kann nur noch eine Koalition von CDU/CSU und SPD herauskommen – stellt sich die Frage, wozu dann überhaupt noch eine Wahl erforderlich ist. Kann man sich eigentlich sparen. Aber wehe! Was passiert, wenn die ehemaligen „Volksparteien“ zusammen keine Mehrheit mehr erreichen? Dann werden, als hätte es sie nie gegeben, die jahrelangen Beteuerungen, nicht mit dieser oder jener Partei zu koalieren, niemals!, pragmatisch fallengelassen. Irgendeine Splitterpartei wird wieder das Zünglein an der Waage spielen und der Mehrheit ihre abseitigen Pläne aufdrücken dürfen. Die Interessengruppen in der Bevölkerung aber werden noch weniger vertreten sein. Es wundert nicht, dass solche Spielregeln zum Verdruss führen. Wähler, die noch bei Verstand sind, müssen sich veralbert fühlen. Schwerer wiegt jedoch, dass diese halbdemokratischen Spielregeln die ökonomisch angelegte Spaltung der Gesellschaft vertiefen, verschärfen, mit Hass und Verleumdung aufladen. Wir haben es mit einem doppelten Zangengriff zu tun: Sowohl durch die Kluft zwischen Arm und Reich als auch die willkürliche Ausgrenzung großer Interessensgruppen der Bevölkerung wächst die Polarisierung – bis es knallt.

Sind wir gegenwärtig bereits am Ende der Evolution? Hat die demokratische Kultur ihren Zenit erreicht? Folgen nun unausweichlich Barbarei oder Untergang? Mitnichten. Diejenigen, die sich für den Höhepunkt halten, für die progressive Norm oder die „demokratische Mitte“, verkennen, dass sie auch nur Teilchen im Strom der Zeit sind, dass auch sie nur eine Phase ausdrücken, die – wie alles – vorübergehen wird.

Tatsächlich kennen wir mitten in Europa, an seinen geographisch höchst gelegenen Orten eine Insel, besser gesagt, eine große, mehr oder weniger abgeschiedene Berggegend, in der seit 500 Jahren nicht nur Frieden herrscht. Napoleon, Wilhelm II. und Hitler haben um sie einen Bogen geschlagen. In dieser Gegend herrscht nicht nur wenig Armut, sie ist vielmehr für ihren Reichtum berühmt. Vor allem aber hat sie eine Form der Demokratie hervorgebracht hat, die stabil, unaufgeregt, ja geradezu langweilig die realen Mehrheitsverhältnisse der Interessengruppen in der Bevölkerung repräsentiert. Sie haben es bereits erraten: Ich meine die Schweiz.

Und wenn ich die Schweiz als unübertroffene Species der demokratischen Artenvielfalt erwähne, dann meine ich nicht in erster Linie die basisdemokratischen Elemente, so oft wie möglich die Bevölkerung selbst zu fragen und entscheiden zu lassen, wie viele Steuern sie zu zahlen bereit ist und welche Leistungen dafür vom Staat zu gewährleisten sind und was in privater Verantwortung bleibt, wer ins Land als Staatsbürger aufgenommen wird und wer nicht. Basisdemokratie ist wichtig, sie führt zu Anpassungen und auch zu Verschiebungen, die der jeweiligen Zeit oder dem Zeitgeschmack entsprechen. Aber sie ist nicht vor Auswüchsen gefeit, nicht vor Manipulation oder Extremismus – die Basisdemokratie allein garantiert keine gesellschaftliche Stabilität und keinen sozialen Frieden. Das Kernelement des Schweizer politischen Systems ist das Konkordanzprinzip der demokratischen Machtzuteilung. Nehmen wir die Bundesebene. Hier gibt es nur acht Ministerien – schon diese geringe Zahl ist eine Glanzleistung, um den Staat und die Staatsausgaben zu beschränken. Sie hat unweigerlich ein Weniger an Bürokratie zur Folge, denn acht Ministerien erarbeiten naturgemäß weniger Vorschriften und Gesetzesvorlagen als beispielsweise 27 wie in Deutschland mit seinem Heer an Staatssekretären und Ministerialdirigenten. Der Dreh- und Angelpunkt in der Schweiz ist, dass diese acht Ministerposten (Nationalräte) unter den vier stärksten Parteien aufgeteilt werden müssen. Im Durchschnitt bekommt jede Partei also zwei Ministerien. Wenn die Unterschiede im Stimmenanteil bei der Wahl groß sind, kann es vorkommen, dass mal eine Partei drei, die kleinste der vier großen nur einen Posten bekommt. Aber niemals kann es passieren, dass eine Partei die Alleinherrschaft übernimmt, sprich eine Diktatur errichtet. Alle wesentlichen Interessensgruppen der Bevölkerung sind in der Regierung vertreten. Auch die sogenannten Rechten, auch die „Schmuddelkinder“. Sie bilden sogar oft die Mehrheit. Aber sie können nie alleine bestimmen, sondern müssen die Macht mit den Minderheiten und Splittergruppen teilen, die sich selbst für besonders fortschrittlich halten, also mit abgespreiztem kleinen Finger an der Kaffeetasse für Gerechtigkeit oder Klima einsetzen…

Merkt ihr was? Die Aufregung um einstürzende Brandmauern ist bei Verstand gesehen nichts als Hysterie. Die Schweizer Konkordanzdemokratie kennt keine Koalitionsfreiheit, sondern einen Koalitionszwang – die unterschiedlichen, ja gegensätzlichen politischen Gruppierungen müssen miteinander in der Regierung auskommen, auch wenn sie sich nicht riechen können. Dieser Zwang auf der höchsten Ebene gewährleistet die Freiheit der Bürger. So wird ein Schuh draus. Das Errichten von Brandmauern dagegen führt dazu, dass wir am Ende alle eingemauert sind und von beiden Seiten Feuer gelegt wird – es ist eine brandgefährliche Illusion, ein mittelalterliches Denken, wir könnten uns in einer „demokratischen Festung“ verschanzen.

Freiheit macht Arbeit, sagte ein Künstler einmal, der mit seinen Projekten in Jugendklubs ging statt über ihr abweichendes Verhalten zu klagen. Nun möchte ich die Schweiz nicht idealisieren: Sie hat, wie kein anderes Land auf diesem Planeten die Demokratie in Spielregeln des politischen Systems umgesetzt, um die realen Interessen der Bevölkerung zu repräsentieren. Sie hat seit 500 Jahren Frieden, Chapeau! Aber die Regeln, die zur ökonomischen Ungleichheit führen, den Zinseszins und die Trennung der Gewährleister marktwirtschaftlicher Infrastruktur von Marktteilnehmern hat auch die Schweiz bisher nicht verwirklicht.

Wenigstens ist eine der wirksamsten finanzpolitischen Ideen, um die exponentiellen Krisen des Kapitalismus zu glätten, in Dornach ausgedacht worden. Es war der selbsternannte Prophet Rudolf Steiner*, der in Anlehnung an Pierre-Joseph Proudhon vorschlug, den Geldscheinen ein Verfallsdatum aufzudrucken.  Damit würde Geld seinen vermeintlichen Ewigkeitscharakter verlieren und wie andere Waren mit der Zeit verschleißen. Es lohnt

sich nicht mehr, es zu horten. Es erfüllt allein seine temporäre Funktion als Hilfsmittel im Tausch von Gegenständen und Dienstleistungen – wie einfach und überzeugend ist diese Idee. In Zeiten von Onlinebanking ist dazu nicht einmal ein Stempel erforderlich, es genügt ein negativer Zins, d.h. eine mit der Zeit wachsende Gebühr auf Spareinlagen…

Doch auch in der Schweiz ist es schwierig, für diese uns langfristig rettende Idee des alternden Geldes (Silvio Gesell: „Freigeld“ oder „umlaufgesichertes Geld“, Otto Heyn: „Schwundgeld“, Volksmund: „Stempelgeld“) kurzfristig eine Mehrheit in Volksbefragungen zu erzielen. Doch es war kein Geringerer als John Maynard Keynes**, der darin einen gesunden Gedanken erkannte: „Nehmen wir an, es werde »alterndes Geld« eingeführt. Dann geraten alle, die Geld in der Kasse haben und es um der Zinsen willen anlegen wollen, unter den sanften Kostendruck der mit dem Geld auch verbundenen Kosten. Und genau in dem Umfang, wie sie selbst unter Kostendruck geraten, schwindet ihre Macht auf dem Geld- und Kapitalmarkt und wächst die Unabhängigkeit der anderen von ihnen. Mit den Liquiditätskosten schwindet die Macht, die die Halter von vollen Kassen über die Halter von leeren Kassen ausüben können. Es schwindet aber auch der übermäßige Rentabilitätsdruck überhaupt, der auf Unternehmern unabhängig davon ruht, ob sie mit Fremdkapital oder mit Eigenkapital arbeiten.“ (Dieter Suhr)***

Diesem Zitat ist nichts hinzuzufügen.

* Rudolf Steiner, Die soziale Grundforderung unserer Zeit – in geänderter Zeitlage. Zwölf Vorträge, gehalten in Dornach und Bern vom 29. November bis 21. Dezember 1918, (Gesamtausgabe Bd. 186, Dornach, 1979); Rudolf Steiner, Die Kernpunkte der sozialen Frage – in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft (Gesamtausgabe Bd. 23, Dornach, 1961)

** John Maynard Keynes: Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes. Aus dem Englischen von Fritz Waeger, Berlin 1994 (unveränderte 7. Auflage der Erstauflage von 1936), S. 298–302

*** Dieter Suhr, Alterndes Geld – Das Konzept Rudolf Steiners aus geldtheoretischer Sicht, Neukirchen: Novalis 1988

feat. Aleksandr Sergeevic P. (1831)

An die, die schlecht über Russland reden

Worüber krakeelt ihr, Völkerhelden?
(…)

Schrecklich seid ihr in Worten – versucht es in der Sache!
(…)

Ludger

Wenn nur dieser Ludger nicht immer neben Ansgar sitzen würde

Wer war Ludger? Esther stützte den Arm auf die Tischplatte. Schon seit Stunden grübelte sie über dieser Frage. Er war eines Nachmittags in Renées Tagebuchskizzen aufgetaucht, erst der Name, danach immer schärfer und konturierter auch seine Person, ihre Finger auf der Tastatur kamen kaum ihren Gedanken hinterher. Ludger, leicht wie eine Schokoladentorte, in die man viel Backpulver eingearbeitet hatte. Etwas pulverisiert und trocken. Und nun kam ihr zum ersten Mal der Gedanke, diesem Ludger alles an Eigenschaften zuzuschieben, was sie selbst hasste. Ludger war nur eine Nebenfigur in Renées Leben, ein Freund ihres Bruders Ansgar, ein Angeber, ein Aufschneider, ein Hochstapler, der dann auch noch politisch rechts wurde. Ihr war leicht schwindlig, sie fühlte sich unkonzentriert, und die Ellbogen schmerzten. Alles schien schwergängig und mühsam. Sie hatte nicht das Recht, um Ludger eine Geschichte zu stricken. Aber Ludger gehörte zum Freundeskreis um Renée, sie hatten ihn mitgenommen.

Esther dachte an den Rosenkohl, der heute in der Küche verarbeitet werden sollte und der Geruch verband sich mit den Gedanken an Ludger. Er widerte sie zunehmend an.

Feil Granatus

Kleine Weihnachtsgeschichte, lieben Kollegen zugeeignet

Feil Granatus war ein Mann, den man in früheren Zeiten vielleicht einen Macher, genannt hätte. Auf seinem mächtigen Rumpf lagerte ein kugelrunder Kopf, meist bis in die Ohrenspitzen rot gefärbt, ein Ausdruck der Energie, die Feil in sich trug. Er war in der kleinsten Hauptstadt des Landes aufgewachsen, dem idyllischen Schwerin, unweit des Pfaffensees. Von klein auf interessierte er sich für das Bäckerhandwerk. Weniger weil er selbst gern Gebackenes aß, das auch, doch ausschlaggebend war für ihn der Umstand, daß die Bäckerinnung zu den aussterbenden Berufen gehörte. Alle wollten morgens an der Bus- oder Straßenbahnhaltestelle schnell ein Brötchen schnappen, als Proviant oder Lichtblick im tristen Büroalltag oder schon während der Fahrt. Nachts um drei Uhr aufstehen und um vier den Ofen einschalten – das wollte jedoch niemand mehr. Feil Granatus war sich dafür nicht zu schade. Wenn es darum geht, die Welt zu retten, sagte er sich, gilt es, klein anzufangen. Tatsächlich gründete er zusammen mit seinem besten Freund eine kleine Bäckerei in der Stadtmitte, die große Stücke auf sich hielt, mit neuartigen Rezepten und Zutaten zu experimentieren. Cardamom-Brötchen und Chilibaguettes bildeten den Anfang ihrer Serie innovativer Backprodukte. Anfangs hatten die beiden Geschäftspartner das Laufpublikum vor ihrer Ladentür als Zielgruppe im Visier. Immerhin gab es auf dem zentral gelegenen Marktplatz einen Busbahnhof mit zahlreichen Umsteigemöglichkeiten, die für „permanenten Traffic“ sorgten, wie es in der Sprache der Werbefachleute hieß.

Doch das Laufpublikum war Feil Granatus zu wenig. Er zahlte seinen besten Freund aus, stellte Mitarbeiter an, die für ihn ab drei Uhr nachts die Öfen bedienten, investierte in einen größeren Standort, schaffte neue Technik an, durch die er die halbe Belegschaft wieder entlassen konnte. Auch das Problem des frühen Aufstehens war Dank Automatisierung und Digitalisierung nun gelöst – die Öfen wurden am späten Abend durch einen Roboter bestückt, die Teiglinge aus Fernost tiefgefroren importiert (ökologisch nachhaltiger Sojaanbau, versteht sich, Weizen war schon lange aus Feils Sortiment verbannt) und der Computer startete um vier Uhr morgens das Backprogramm – es genügte, wenn der Pförtner einen Blick in den Produktionsraum warf, um einen Brand auszuschließen. Feil Granatus hatte erreicht, was man als kleiner Bäcker erreichen kann. Er war ein wahrhafter Macher geworden und auch ein wenig ein Macho. Nicht nur daß er in seinen fünf Läden die Kundschaft bedienen ließ, er versorgte auch die Backautomaten in zwei landesweiten Supermarktketten. Die Konkurrenz war brutal, Lohndumping und Bestechung an der Tagesordnung. Dabei ging es doch nur um Brötchen, wollte man meinen.

Als Feil Granatus auf dem Höhepunkt seines Erfolges angekommen war, passierte unweigerlich, was passieren mußte: Er begann, sich zu langweilen. In der Not besann er sich auf ein Hobby, das ihm schon als Kind Freude bereitet hatte. Er beteiligte sich an Wettbewerben. Je nach Ausschreibung ging es um das kleinste oder das größte, schmackhafteste oder exotischste Brötchen in der Stadt, im Land, schließlich sogar im Bund. Feil Granatus sammelte jahrelang Erfahrung, vor allem legte er Wert auf ein standesgemäßes Aussehen, eine ordentliche weiße Schürze, die seinen mächtigen Rumpf ehrfurchtgebietend umspannte, und eine kegelförmige Mütze, die einen halben Meter hoch von seiner Kopfkugel aufragte – wahrhaft eine imposante Erscheinung. Die Krönung jedoch war sein Produkt: das Granatusbrötchen, im Volksmund die „wohlfeile Granate“ genannt.

Dieses Backprodukt besaß die unvergleichliche Eigenschaft, erst im Mund aufzugehen und sich schließlich im Magen zur seiner vollen Größe zu entfalten. Es genügte also, sich einen Krumen von diesem Brötchen abzuzupfen, es auch nicht allzulange auf der Zunge hin und her zu wenden, sondern lieber schnell hinunter zu schlucken. Damit war der zufriedene Kunde den ganzen Tag über mit Sättigungsgefühlen versorgt. Es wundert nicht besonders, daß dieses innovative Backerzeugnis, wie Feils inzwischen patentierte Erfindung in den Medien genannt wurde, beim Laufpublikum in der Stadt nur auf wenig Gegenliebe stieß. Vielmehr meldete das Militär ein vehementes Interesse an und löste Bestellungen zu unschlagbar hohen Preisen aus. Bäcker Feil sah in den Spiegel, blickte voller Stolz auf seine Mütze, die wie eine Krone auf seinem Schädel thronte, und fühlte sich als König der Branche.

Doch wie der Volksmund sagt, dem Aufstieg folgt der Fall. Es begab sich, daß Feil eines Tages durch die Stadt schlenderte, die Stadt, deren Bewohner ihm zu Füßen lagen, um in den täglichen Genuß seiner Brötchen zu gelangen – da entdeckte er in der hinteren Ecke einer stillen Gasse eine kleinen Laden, der schon fünfzig Meter vor der Tür durch einen unwiderstehlichen Duft die Aufmerksamkeit auf sich zog. Dabei war diese Aufmerksamkeit gar nicht beabsichtigt sondern die notwendige Folge des Geschäfts – es handelte sich um eine stinknormale Bäckerei. Der Teig wurde von der Rührmaschine geknetet, von Hand zu kleinen Brötchen geformt, die nichts weiter auszeichnete als der Geschmack nach einem stinknormalen Brötchen. Feil Granatus war empört. Wie konnte das sein? Wer wagte es, ihm in dieser Stadt, in diesem Land, in seinem Reich Paroli zu bieten?

Postwendend lief er zur Handwerkerkammer und ließ sich beraten, welche rechtlichen Möglichkeiten ihm zu Gebote stünden, die winzige, dennoch unliebsame Konkurrenz aus dem Weg zu räumen. Doch o Gott, rechtlich war nichts zu drehen, das konnte nicht sein! Feil lief weiter zur Redaktion der Lokalzeitung, hier würde er wahrlich eine Granate platzen lassen – die Redakteure stünden auf seiner Seite, dafür würde er notfalls mit ein wenig „Backschisch“ nachhelfen. Doch es kam anders.

Der Redakteur ging mit seinem Taschengeld in die stille Gasse und konnte dem unwiderstehlichen Duft, der ihm die Nase kitzelte, kein Argument entgegen setzen. Von diesem Tag an wuchs die Schlange vor dem kleinen Laden. Der Redakteur wollte wissen, worin die Ursache des Hintergassenerfolgs lag, und lud Feil Granatus zu einem Wettbewerb in die Bäckerei ein. Die sportliche Aufgabe, die er beiden Bäckern stellte, war denkbar einfach: Sie sollten vor laufender Kamera und laufendem Publikum nichts weiter tun, als ein einziges ihrer Brötchen essen.

Auf die Plätze, fertig … Feil wurde eines seiner berühmten Granatusbrötchen aufgetischt, der Hintergassenbäcker erhielt eines seiner unaufgeblasenen Brötchen aus der aktuellen Auslage. Die beiden fingen an zu knabbern. Während sich unser Bäcker aus der Hintergasse Zeit ließ, damit sein Backwerk den Gaumen erfreue, beeilte sich Feil, einen Krumen nach dem anderen in den Mund zu stopfen. Das Unvermeidliche geschah.

Er hatte noch nicht einmal die Hälfte seines patentierten Granatuswunders verspeist, da begannen ihn Blähungen zu plagen. Aufgeregt lief er im Lokal auf und ab, in der Hoffnung, ein wenig Bewegung würde seinem mächtigen Rumpf beistehen, die sich aufplusternde Ware im Mageninnern schneller zu verdauen. Der Redakteur erschrak über die Konsequenzen, die sein harmloser Vorschlag, ein Wettessen zu veranstalten, offensichtlich auslöste, und schrie den Kontrahenten zu, der Wettbewerb sei abgebrochen. Der Hintergassenbäcker kaute noch genüßlich an seinem Minibrötchen, Feil Granatus jedoch fühlte sich herausgefordert und rief entschlossen: „Niemals!“ Ohne innezuhalten, füllte er sich den Bauch weiter mit seiner in Backform gepreßten Innovation.

Der Redakteur sah sich genötigt, den Notarzt zu rufen, damit es nicht dem Darm des armen Feil Granatus’ überlassen blieb, mit einem Knall zu verkünden: „Das ist dein Ende, Junge!“

Weihnachtslied

Und weil die Poeten Po-eten sind,
Drum ist die Welt, die sie erschaffen, neu:
Das Jenseits hier auf Erden schon
Bleibt stets dem Herzen – treu.

*

„Wisse, es scheint ein Stern für dich,
Diese Prinzessin – das bin ich.“
(Schwanenprinzessin zu Fürst Gwidon)

Anteilnahme 2

wenn das smartphone smart beginnt
weitentferntes blut zu schwitzen
revoltiert man stumm im sitzen
während es zu boden rinnt

friedensfahnen als gardinen
wehen nicht weils windstill bleibt
während man mit ernstem grinen
taubenpics nach osten treibt

schreiben für ein stück vom kuchen
der nach anteilnahme schmeckt
hinterm flimmerbunt versteckt –
wenigstens den krieg verfluchen

8 – („M.“)

Vozle kogo u nikogo

Bratva raspustilasja:

Ko/s//ka-begemo/s//ka vozle no/s//ki tvoej,

Kostjannaja igru/s//ka sredi /c//’ich-to brovej…

.

Muschelessen

f. B. M.

Das Herz ist eine Arbeit
Fürs Leben

Lippen, Schalen, Zähne

Zwischen Hunger und Appetit
Ozeane
Untergegangener Sonne

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1.8.24