Mein Restzüngeln lässt nicht locker. Amorph. So wie dein Blick ausschnaubt. Als wär dir fast etwas Gelungenes aus deiner Speichelspur gelungen. Ein kaum so vernachlässigtes Zischen zwischen deinem Schweigen. Ging ich doch vorhin, da war es noch Mittag an einem Sonnensamstag, an 2 Alten vorbei, sie sass da, er stand mit seiner Einkaufstüte vor ihr … und hörte nur, als er sagte, dass sie so schlau wären wie wir Menschen … Da begrub ich Kant zum letzten Mahl: benutzte er etwa zu selten seinen Unterlaib, war nichts für ihn zum Geniessen, leider lauerte Dionysos ihm nie auf, sonst wär ihm, Kant, wohl viel eher aufgegangen, dass er die Vernunft nicht mehr richtfertigen müsse im Angesicht des aufklärerischen Wahnsinns …
Septemberfenster
Die Sonnendukate vegetierte seit Stunden auf der entgegengesetzten Seite. Der Blick ging aufs Fensterbrett und auf die Blöcke aus der Kaiserzeit gegenüber, fröhlich saniert oder sträflich vernachlässigt. Die Häuser reflektierten ein vorsichtiges Ziegel-Ocker-Orange, komplementär zum Ultramarin darüber. Eine Stubenfliege, einzeln, tauchte an der Fensterscheibe. Mit einem harmlosen Pusten beförderte ich sie, die gerade halb schwebend, halb krabbelnd – wie ein Mauszeiger, wie etwas, das man abschütteln möchte -, die Scheibe abzirkelte und entlangglitt, in die linke Ecke. Da merkte ich, dass sie lahm war. Ein kurzes, intervallartiges Brummen, gestoppt vom Fensterglas. September – Monat der lahmen Fliegen! Jahre blätterten sich durch das Hirn. Jahre, in denen der Altweibersommer mit auf dem Abstieg befindlichen Insekten nur so protzte. Als dieser Bilderstrom zum Halten kam, erkannte ich, dass in diesem Jahr kaum ein sterbender Flugkörper meine Räumlichkeiten besucht hatte. Voran es lag, vermochte ich nicht zu beantworten. Vielleicht weiß Paral darüber mehr. Auf dem Fensterbrett stand eine klotzig bemalte Vase.
ziertratschherbarium
(altweibermutation)
ein duft wie von kaffee & wurstgulasch hier
tagesreste und gurkengerüchte
blühen wieder wie wilde flecken auf
mattschimmernden tischgebetstafeln
melancholisch üppig überziehen
klappernde attitüden & affirmationen
kunstvoll bespuckte//bestickte bildschirme
bunte einfalt in geilheit
oh wir sängen fortwährend
ein jeder ein geborgtes lied
vor sich hin
was eine hübsche
krähenwiese nicht
ersetzen kann
Sonntagsgespräche
Deine Tante hat Sekt gebracht. Zum Frühstück. Deine Tante, meine Schwägerin. In die Werkstatt. An ihrem Geburtstag. Und was Süßes dazu. Stell dir vor, zum Sekt was Süßes! Es ist ja nicht meine Sache. Das muss jeder selber wissen. Und danach hat sie Gäste. Nicht viel Zeit. Hat nur den Sekt aufgemacht, eine Viertelstunde Frühstück, dann wieder an die Arbeit. Die haben alle Hände voll zu tun. Und dann lief letzte Woche das Papier nicht durch. Die Bogen zu großformatig. Für die Maschine. Das konnten sie nicht einrichten. Du, wir feiern ja schon lange nicht mehr. Ich will keine Einladungen. Das Essen, das Trinken. Das zu lange Sitzen. Zum Mittag fuhren schon die ersten Autos vor. Immer dieselbe Truppe. Die blonde Nelly. Haare wie eine Vogelscheuche, Stiefel bis zum Hals. Klunker drum. So ein billiges Flittchen. Wenn sie den Mund aufmacht, wird mir schlecht. Ihr kleiner Moppelhund. Wird immer fetter. Trägt ne Halskrause. Geld für den Tierarzt haben sie. Die läuft hier täglich auf dem Hof rum. Hat die nichts zu tun. Deine Tante sagt, Nelly, warum die Mühe beim Friseur, Nelly, du bist vierzig, da kuckt kein Mann mehr nach. Deine Tante hat Rollbraten gemacht. Ab in den Ofen. Mit Temperaturanzeige. Niedriggarkunst. Erzählt mir alles. Was sie macht. Im Unkraut, wenn ich abends draußen bin, erwischt sie mich. Auf dem Weg zum Mülleimer mache ich keinen Krach. Klappere nur leise mit den Plastikflaschen. Dann schläft sie schon. Oben alles dunkel. Das meiste ist irgendwie Übungssache. Ich schleiche über den Hof. Und dann mache ich das so. Morgens um vier stelle ich ihr den Geburtstagswein vor die Tür. Später wird sie sich bedanken. Mit Essen. Wir essen die Reste von der Feier gestern. Spaghetti, Tomaten und Gemüse. Kartoffelsalat, nicht zu fett, den isst dein Vater. Vier Schüsseln voll.
spiegel .
wir sind alle grazien + schrein :
nach (ein) wenig gesichtsverlust :
schein als wärs einmal unser gesicht .
brichst mir die kehlkopfsanfte verlogenheit .
kommst du ins gelaubte land wo noch nie ein baum
stand …
Wasser im Quadrat
Er ist durchscheinend, gedrängt, kompakt – kalt und kantig: Der Eiswürfel. Im Inneren spiegeln sich Kristalle aller Art. Die Lust an solcherlei Verfertigungen potenziert sich. Wasser im Quadrat lässt bei Berührung die Haut schmerzen, wird hierdurch aber selbst in die Formauflösung getrieben. Alle Formgebung, aller Formenzerfluss ist ein Phänomen der Thermodynamik, ein Phänomen der Munterkeit oder Trägheit der Moleküle. Sobald Wasser von Hand in die eiserne Form gefüllt und in ein kaltes Milieu gebracht, die sprudelnde Bewegung der Moleküle in den Ruhezustand verfrachtet wird, können sich schroffe, spitze, spannungsreiche und zugleich formschöne Dinge ereignen. Eingemacht ins Quadrat.
P passt.
P ist da. Sein immer schon schöhnes Gesicht besticht: Endlich – sich nur noch an sein eigenes Interesse wagen. Deine listige Evokation des Hierbleibens schuf mein nicht mehr feststellbares Lächeln.
Gefieder, kurz
Im Flur klimpert die Nachbarin mit Flaschen. Vielleicht will sie noch zum Container. Ich vermute, die Flaschen sind grün. Anfang Herbst. Die Abende machen es vor. Dunkeln zeitiger, und kühler. Im Flur ist es stumm, das Licht sicher schon aus. Vorgestern kamen junge Schwäne geschwommen, auf kurzer Zeile, und sie werden tranig schmecken. Das braune Gefieder, betrachtet am letzten warmen Tag.
Alles ganz normal
Du denkst wohl, wir sind den ganzen Tag im braunen Hemd herumgelaufen. Du hast so Vorstellungen. Das haben wir nur angezogen, wenn es nötig war. Wenn wir Vater auf dem Feld und beim Obst pflücken helfen mussten, konnten wir so etwas überhaupt nicht tragen. Das hätten die Mädchen nicht mehr flicken können, und es gab nur pro Junge ein Hemd. Die wurden rationiert. Wir hatten viel zu tun. In den Ferien mussten wir Spargel stechen. Die Königsdisziplin war es, die Wurzeln nicht zu beschädigen. Die Wurzeln sind das Feine. Ohne Wurzeln kein Spargelessen, kein Dorffest mit Vater an der Spitze. Wir wurden zu Feinarbeitern, zu Autodidakten. Aber Schularbeiten – da hab ich mich gedrückt vor. Vaters ganzer Stolz war mein Bruder. Der später bei der Nasa war, über Halbleiter und Frequenzübertragung in flüssigem Stickstoff promovierte. Abends im Bett hat er mir tolle Geschichten erzählt, davon, was für einen Schlag er bei den Mädchen hatte. Beim Schlachtfest war das schönste die Rotwurst. Aber die Ziegensülze, die war schlimm! Den ganzen Winter Ziegensülze, am Schluss war die schon ranzig, und sie wurde und wurde nicht alle. Zu Ostern gab es die Weihnachtsmänner aus Oma Berthas Süßwarenladen. Du würdest sagen, Kolonialwarenladen ist politisch nicht korrekt. So wie Negerküsse. Anschaulich klingt es trotzdem, sonst wärst du nicht dran interessiert, es aufzuschreiben. Gut, dass du im Internet so ein Laufband hast, auf das du schreiben kannst. Immer dranbleiben. Die Weihnachtsmänner schmeckten an Ostern schon komisch. Mein Bruder hat sie in die Ecke geschmiert. Deine Mutter sagt über mich, der isst alles, was ich ihm vorsetze. Nur bei Tomatensuppe verzieht er das Gesicht. Der Hund hier vorne, der mit dem umgeknicken Ohr, das war ein kluges Tier. Ein Glatthaarterrier. Wir hatten Steinfußboden in der Küche, wie bei Tante Käthe, den kennst du noch. Und wenn der Hund uns begrüßen kam, konnte er sich nicht halten und rutschte durch die halbe Küche auf uns zu. Wäre es damals bei uns zu Hause schon nach deiner Mutter gegangen, hätte der Hund auch allerhöchstens in die Küche gedurft.
Unsere hum. Bildung: Das Figurenlexikon 2
Der Zauberberg von Thomas Mann
Heute:
Der junge Mann, der zu guter Letzt eine „scheußliche Szene“ machte und „absolut nicht sterben wollte“.
– Hans Castorps Vetter Joachim bezeichnet so ein Verhalten als „unverzeihliche Schlappheit“
– Laut Joachim weiß Hofrat Behrens mit solchen Fällen umzugehen: „Stellen Sie sich nicht so an“, sagt er, und schon stirbt der Patient „ganz ruhig“.
– Hans Castorp ist der Meinung, dass „so etwas ganz entschieden“ nicht gehe, denn ein Sterbender sei „heilig“.
– Dem stimmt Joachim teilweise zu, wendet aber ein: “ wenn er sich doch aber so dermaßen schlapp benimmt!“
– Hans Castorp erstickt darauf hin in Lachen.
dahin verschwimmenden mundes .
Erst der Verzicht auf Anerkennung macht dich für die Wiese wieder zugänglich. Fürs Pflücken der Schattenmorellen am Sonntagnachmittag. Wie hast du dich dagegen gewehrt. Du rochst die Leere an deinen roten Fingern. Damals schon. Die verhehrende Leere des Tags. Bis hin zum Kopf mitsamt seines überschwänglichen Mundes. Es gibt stets ein besseres Verzeihn. Beim Beobachten seines dahin schwimmenden Mundes fühl ich mich gelassen. Ich werd aus meinem knechtischen Entwurf auch schweigend weiter nichts empfinden, nichts verschwinden, ein Objekt bleiben: Ich als erzwungene Anerkennung Liebe Gott (der den Funken in deinen Flügel schlagen lässt zum Verbrennen), Schöhnheit wächst nur aus deiner Einsamkeit: ein ständiges Nachsinnen als Leben. Ich will nie wieder in deine bösen Augen sehn … Lust oder: es funktioniert auch so, schriest du mich an. Lust Lust Lust sonst hau ab du krankes Hirn …
augenwinkeladvokat
Ich kann es Ihnen auch einen Zacken schärfer machen, wenn Sie wollen. Ich könnte mir Hunderte spitzer Zähne wachsen lassen, Ihr Herz schlüge schneller, ich könnte Ihre Nerven mit warmem Honig bestreichen, Ihnen den Rücken zerkratzen. Fühlen Sie meine Fingerspitzen trotz des Wassers? Sie müssen außerordentlich empfindsam sein, denn ich berühre Sie kaum. Möglich, dass noch einige Entfernung zwischen uns liegt und Sie wirklich nur den Schatten spüren, den meine Worte in Ihrem Kopf werfen. Ich weiß, dass es mir nicht zusteht, mich Ihnen anders zu nähern, als Sie es wollen. Möchten Sie ein Glas kühlen Riesling, eine Tasse grünen Tee? Es ist alles vorbereitet. Ich dachte mir, dass Sie raue Haut interessant finden würden. Ihre Empfindsamkeit spricht dafür. Ich werde sie für ein paar Augenblicke behalten. Die Gefahr der Verletzung verlangt, dass man nicht blindlings irgend etwas tut.
Mundwinkelarrest:
Du hast mich in eine Art Mundwinkelarrest genommen. Seidenüberzogene Lippen voll unnützer Stimmlichkeit. Wir brechen immer mal wieder von aussen in uns hinein. Dann lassen wir uns noch unloser. Als das angehäufte Leuchten unter deiner Haut.
Deine Schwule Stimme: violett
Zur minimalen Versuchung gehört ein abgerissenes Schnipsel Zukunft. Es klebt ein herrliches Stück Leben an mir. Es könnte zum Ersticken führen, o.k. zum Hirntod, um letzt nicht auch nicht mehr sich selbst zu gehorchen.
Du hast Flieder gelassen, so ein schwules Violett in deiner Stimme, hörst du dich davonflügeln. Du müsstest mir später, im Sommer vielleicht, in einer stillen Leere erklären, warum du dich aus den gelungenen Silben und den schon reifen Blättern gefressen hast – Mick nannte es mal: von der Muse zerfressen worden bist – und dann nie wieder von deinen Wörtern etwas wissen wolltest.
Wolltest du deine Unschuld doch zurückerobern?
Oder Klang mit Herzverschlagenheiten verwechseln?
Hab schon lange keinen Grashalm mehr zwischen die Zähne genommen. Da kommt man auf die komischsten Ideen im Zerläufnis des Tages. Ich leide halt am Bore-out. Es geht nicht darum, Millionen mit seinen Wörtern zu machen, es geht darum, danach blonde Grashalme zu züchten. Du wärst mir fast zu laut geworden. Wenn Weiber ihre Beine oder ihren Mund öffnen.
Man wird dich immer finden. Auch wenn du keine unschuldigen Lippen mehr hast. Dein Pornomund war die Reise wert. Vielleicht hat es damit zu tun, dass dich nur mehr noch Wörter interessieren, die dein Gewissen martern: ansonsten ist schreiben = ausradieren. Oder hast du noch Lust auf langgesässiges Vernunftschwallen? Sobald es geschrieben ist, muss es zerfallen: Avantmots.
Nach dem Ritterroman : zwischen Herbst und Venus
Hegel – ein geschichtsphilosophischer Unfall: Romantik statt politischer Theorie. Was die Junghegelianer und späteren dialektischen Historiker von ihm übernahmen, war mit dem unglücklichen Bewusstsein ein romantischer Gestus von Selbstbeschreibung. Es ist der anarchistisch konstituierte freie Wille der ästhetischen und politischen Avantgarde des 19. und 20. Jahrhunderts. Vorher hatte es so etwas nicht gegeben, die moderne Kunst entsteht erst mit der modernen Vergemeinschaftung von Individuen. Ihre Gesellschaft – noch immer Zukunft, Bedingungslosigkeit in der Bestimmung des Einzelnen als gleichberechtigtem Teil des abstrakten Ganzen: nicht einmal seine kommunikative Auflösung in die ständigen Differenzierungsprozesse der am Wohlstand fast ausgeglichenen Gesellschaftsgesellschaft vermag das romantische Leiden zu bannen; Gewissen ist ein untoter Aspekt menschlichen Lebens, und der Respekt vor jedem vom schlechten Gewissen befallenen Individuum hat seine Quelle im animalischen Antrieb nervlich bedingten Mitleids. Dabei war es doch zunächst das Problem der Freiheit gewesen, welches den Atem der jahrhundertealten Entfaltung des Gedankens bestimmt hatte. Zwischen himmlischem und irdischem Staat malten sich die Konturen der Engelhierarchien ins Blau permanent verlöschender Abenddämmerung, während jedes neue Morgenrot eine unvorstellbare Schöpfung von Ewigkeit versprach. Blickte man von Chartres nach Paris, konnte man in der Mütze des Königs das Auge blinken sehen, das hinter dem Kanal ein Druidengesetz in die Ecke des Klostergartens bannte. Auf den böhmischen Inseln ging die Saat auf, jahrhundertelanges Blühen der Gräser bis zur Habsburgischen Überschwemmung. War die Frage zunächst, welchen Vertrag das Parlament mit der Gemeinde, welches Recht der Gemeindevorsteher mit den animalischen Seelen zu teilen hatte, verschoben sich die Gewichte später auf die Erziehung des Freien zur gesitteten Folklore, des Unfreien zur Freiheitsfahne. Das moralische Gesetz wurde geboren, dieses Mal ohne Hebamme: ganz aus sich selbst heraus. Und mit der Selbstermächtigung des allgemeinen Gewissens, Zebramuster in den aus Nord und Süd zusammengemischten Familien, entstand der Mechanismus menschlicher Geschichte. Insofern kommt die Avantgarde aus der politischen Theorie. Ihr Schädeltrauma hat sie unheilbar zur Nüchternheit verdammt, der Rest an Unglück ist nur falsches Bewusstsein.
nachtgedanken
die luft ist steinernes erschauern
beton frisst endlich elfenbein
deine pinsel stehen still
engel werden kriminell
schweiss sitzt in den ritzen
wir lauschen im verein
mit den vögeln
trauern ihrer bunten lüge nach
jö schau die bäume
die bäume
die bäume wandern aus
wintersehnsucht
sommerhitze weicht auf. pigmentstörungen sichtbar. wintersehnsucht. klare konturen, klirrender verstand. kaminzauber auf dvd in ermangelung bargeldes. da geht die temperatur mal unter dreizehn grad, schon heizt der nachbar kräftig ein. dem gehts aber gut! würd gern den schlund stopfen. sauerstoff-absorber. mit brigitte. oder freundin. ildiko von kürthy tuts auch. selbst auf dem flohmarkt wird man die nicht los. druck auf dem kessel. zweiundzwanzig uhr ist deadline. nee, nich mit mir. ’s steigt von den füßen aufwärts. macht am nabel halt, fleucht nach draußen. saugt in mir. komm, lass uns.
sicherheitshinweis
packung nicht essen! enthält sauerstoff-absorber.
so wahr werden wie ein behinderter …
so wahr werden wie ein behinderter …
Ins Licht.
ich mit meinem Fuss deinen berührte, zuckte der noch ohnelichtete Tag und du schriebst endlich wieder ein Gedicht. Endlich mal nicht vom Morgen abwärts. Auf dein Ufer zu. Endlich ohne dass du dich fragtest, warum dein Schatten dich versäumen sollte …
Narzissus
Als die Journalistin dich fragte, ob das wahr sei, dass du ernstlich krank warst, wahrhaft dem Tode nah, trug ich ein Kleid meiner Mutter, wächsern im Gesicht, das Kleid mit applizierten Taschen. Mini, gedrillt im Sechziger-Stil. Weiße Plastikknöpfe auf lachsrosa Plissé, das Kleid ein Defilee, las ich Malarmé, später im Jahr, am Tisch in Oscars Restaurant, die Haare der Männer blond oder schwarz, Schachbrettkekse, Marmorkuchen, Cacao mit Haut, einen Brief schrieb ich dir, später noch. Glattes Haar auf den Schultern, Café au Lait auf Linie, Wintergeflock, ein kunstseidenes Mädchen in Lichtmaschinerie, Polyblend gefallen, ich glaube, ich faltete den Umschlag aus der Seite einer Brigitte mit der Werbung von Clandestine.
immer nur um sich herum.
Die Stillstellung des Kopfes. Nach der Befreiung des Zwischenstandes: Was bleibt sind 1 Wahrheit. Oder das übliche Geplänkel.
Blütenwiderstand.
Ich hab mir vor dem Leben nie die Hosen ausgezogen, tat immer so, entzückt: wie einen Tunnel graben mit eigenen Fingern, aber bitte kein Dreck unter den Fingernägeln, das würde mich an den Rand der Sprachlosigkeit bringen. Kannst du das wollen, wie eine fast verlungerte Zunge im Blütenwiderstand zu schmollen, Lippen wie ein Aufbegehren, sein Leben zu verlängern im Verleumden: mit all der Strenge der Moral, um an sich vorbeizuschlingern.
kleines résumé (an h.)
relativ kurz der weg
den wir gegangen sind
unerreichbar das ziel
wenn wir bald verweh’n
war es nicht viel
und doch
das muss ich dir sagen
das stirbt auch keinen tod zurück
in meinen glücklichsten tagen
warst du
ja ja
das glück
Himbeere.
Dekonstruktion als methodisches Verhalten schreibt sich ein in eine Geschichte als die seine selbst: die Geschichte der Philosophie und damit die Geschichte als Problem der Sprache. Indem Dekonstruktion sich selbst problematisch geworden ist, ist ihr Bemühen, „die“ Bedingungen der Möglichkeit von Sinn und Bedeutung zu eruieren, zugleich immer auch ein Versuch, der die Bedingung seiner Unmöglichkeit darstellt. Mit dem Ausdruck Dekonstruktion scheint „etwas“ auf den Begriff gebracht worden zu sein, was dem philosophischen Geist unserer Zeit offensichtlich zusagt.
restsüsse
dunkler frühling war einsam bei uns poetisches karo wuchernde blösse frisst sich deine zunge durch meinen schritt klitorisse im schädel zungenschlägereien wer möchte nicht im leben bleiben voller morgenkühle mit füssen am himmel kaum eulenvogerln wo ist meine helle freude die wörter heilen vorbei wie meine magere mutter in knöchellanger erinnrung und schauer erregender eintracht du berserker du bist nicht aller stille gegenwart
Steile Karriere
Fräulein Pikante hatte eine herzallerliebste Tochter. Sie malte, spielte Flöte, turnte – Frl. Pikante schickte sie auf die Ballettschule. Dort wohnte sie wochentags im Internat und hatte ihre Ruhe. Den Vater ihrer Tochter hatte sie einst schon zu Beginn der Schwangerschaft verlassen, denn er war beruflich erfolgreich und verdiente gut. Frl. Pikante konnte es nur schwer ertragen, einen tätigen rastlosen Menschen in ihrer Nähe zu wissen, selbst aber ans Wochenbett gefesselt zu sein. Mit den Unterhaltszahlungen gab es nie Probleme und sie war befreit von Meinungsverschiedenheiten. Nun wirkte Frl. Pikante auch als Mutter nicht unattraktiv. Ein Jahr nach der Entbindung hatte sie ungefähr ihre frühere Gestalt zurückgewonnen, ja sie war noch schlanker, geradezu dünn geworden, derweil das Kind diverse Fettanteile aus ihr herusgesaugt hatte. Die etwas zahlreicher gewordenen Fältchen um die Augen als Folge durchwachter Nächte ließen sie gereift erscheinen, daß man beinahe nicht mehr Fräulein zu ihr sagen mochte.
Kurz: Gegen ihren Willen sie war wieder ein auf die Männerwelt anziehend wirkendes Weibsbild geworden. Ihr Talent, dem Gespächspartner jedes Wort im Mund herumzudrehen, hoffte sie, würde die Verehrer abschrecken. Tatsächlich fühlten sich von ihrem scharfen Verstand gerade die in Frauenangelegenheiten versierten, akademisch gelangweilten Herren herausgefordert, die zunächst auf eine intellektuelle Eroberung aus waren, es aber billigend in Kauf nahmen, wenn sie intime Folgen hatte. Fräulein Pikante betrachtete es als Sport, innerhalb einer Mensapause den eingebildeten Herren den Kopf zu verdrehen, Hoffnung zu wecken und am Ende der Fuffzehn die heiße Kartoffel fallen zu lassen. Zurück in ihrem Büro hatte sie Stoff zum Schwätzen und Kichern mit ihren Assistentinnen, die bald begannen, sich an ihr ein Beispiel zu nehmen. Doch diese Geschichten sollen hier nicht erzählt werden.
Eines Tages geschah es, daß es Frl. Pikante wider Erwarten nicht gelang, ihren mittäglichen Herausforderer abzuschütteln. Es handelte sich um ein Objekt, das genau das Gegenteil von Frl. Pikante selbst darstellte: Mr. Rumpel war gebürtiger Inder, stammte aber von britischen Vorfahren ab. Untersetzt, um nicht zu sagen kleinwüchsig, war er von rundlicher Gestalt und trug eine beachtliche blonde Mähne, die in vollkommenem Kontrast zu dem schwarzen Kurzhaarschnitt von Frl. Pikante stand. Zu Höflichkeit und Bescheidenheit erzogen, kannte sich Mr. Rumpel mit den Kulten in Kerala und Goa aus, hatte seine „Teepartys“ hinter sich und war im besten Sinne ein Freak, der über dem Hanf erstaunlicherweise sein logisches Denkvermögen nicht eingebüßt hatte und wie kein zweiter programmierte.
Frl. Pikante erkannte rasch das Potential, das Mr. Rumpel in sich barg und gedachte, es für ihre weitere Karriere zu nutzen. Dabei unterschätzte sie jedoch die emotionale Bindung. Gerade noch gelang es ihr, mit Mr. Rumpel ein date am Wochenende außerhalb der Mensa zu vereinbaren, was immerhin bedeutete, daß sie ihre Babysitterin engagieren mußte – ein Höchstmaß perönlicher Wertschätzung, geradezu eine Investition. Mr. Rumpel mußte sich also für sie amortisieren. Tatsächlich übernahm er fortan die statistische Auwertung ihrer qualitativen teilnehmenden Beobachtungen von „Genderperspektiven“, so daß sie ihre Artikel und Vorträge mittels empirischer Daten gegen Kritik und Verleumdung immunisieren konnte.
Gern hätte sie Mr. Rumpel eines Tages wie seine Vorgänger als heiße Kartoffel fallen lassen – doch: sie war in Abhängigkeit geraten. Wenn es sich nur um die Statistik gehandelt hätte, so hätte sie wohl einen Ausweg gefunden. Ab und zu gab es eine studentische Hilfskraft mit leidlicher mathematischer Begabung. Nein, die Höflichkeit und Bescheidenheit ihres Freundes erschwerten ihr die fällige Trennung. Er lebte weiter als Junggeselle in seiner Wohnung, besuchte einmal im Quartal seine alternden Eltern in London, war ansonsten aber immer zu Stelle, wenn sie ihn rief. Sie fand seine blonde Mähne richtig „süß“ und konnte es sich nicht ausmalen, wie es wäre, wenn sie sich irgendwann nicht mehr wie ein Spinngewebe auf ihrem Sofakissen ausbreitete. Armes Frl. Pikante.
Zum Glück wußte niemand von ihrer Beziehung, sie achtete streng darauf, sich in der Öffentlichkeit mit Mr. Rumpel nicht blicken zu lassen. In der Mensa hatte er stets einen Platz auf der gegenüberliegenden Seite einzunehmen, damit niemand auch nur den leisesten Verdacht an ihrer Autarkie schöpfen konnte. Klara Klarsack hatte sie erfolgreich abgewimmelt, nun überraschte sie den Lehrkörper mit der Empfehlung, Mr. Rumpel auf den Listenplatz Nummer eins zu setzen. Er sei ein ausgewiesener Gender-Forscher, habe einschlägige Publikationen vorzuweisen und auch die Frage nach der Stammwürze sei von ihm souverän, ja geradezu revolutionär beantwortet worden.
Mr. Rumpel hatte nach der Niederlage von Frau Klarsack genügend Zeit, eine originelle Erklärung dieses Phänomens auf den Etiketten der Bierindustrie zu finden, zu dem man ihn mit Sicherheit bei seinem Probevortrag befragen würde. Die Stammwürze, dozierte er in seinem lieblichen englischen Akzent, stehe in einem signifikanten Zusammenhang zur Oktanzahl. Er habe durch seine Forschungen unwiderlegbar nachweisen können, daß Männer, die eine höhere Stammwürze beim Biergenuß bevorzugten, auch Benzin mit höherer Oktanzahl tankten. Wer Original Pilsner mit 12° trinkt, könne seinem Auto doch auch nur Super mit 100 Oktan zumuten. Was in gewisser Weise einen Widerspruch darstelle, wenn Trinken und Fahren unmittelbar aufeinander folgten, dann wäre eine niedrigere Oktanzahl eigentlich sicherer. Dies aber könne als Hinweis interpretiert werden, daß es betreffenden Männern nicht in erster Linie auf Sicherheit ankomme, sondern auf Kräftemessen. Ein offenes Forschungsfeld sei der Zusammenhang zwischen Stammwürze und Oktanzahl bei Tankerinnen. Vermutlich lasse er sich bei ihnen nicht beobachten.
Frl. Pikante klopfte lange und laut Beifall, auch die übrigen Mitglieder der Berufungskommission schlossen sich ihrem Votum an. Mr. Rumpel hatte sich zudem nicht in müßige Sophismen zum Alkoholgehalt verstrickt. Er besaß die für den Eintritt in den Lehrkörper erforderliche Klarheit – konsequenterweise konnte er sich als berufen betrachten.
eingereiht
Lenin war meine erste Leiche… Ja, das war noch vor meiner Großmutter.
Wir haben stundenlang angestanden, unglaublich diese Schlange, es hat geregnet, sie haben uns vorgelassen, weil wir Ausländer waren, dabei hatten wir einen Schirm, wie die meisten anderen auch, alles Einheimische, mit Klappstuhl und Proviantkorb, das mußt du dir vorstellen, eingereiht und seelenruhig versitzen und verstehen die ihre Zeit, einen halben Tag, einen ganzen, und alles nur, um am Ende einen Blick auf eine aschfahle Leiche zu nehmen.
waschsalon
was sind wir leichtens zu erschüttern.
da ist einer, getrieben und gespalten, wie so viele, und schreibt, und nicht mal unoriginell, von unserm körperlichen wahn. und ja, da unterläuft die überschreitung. der grenzen. doch wer legt die denn fest. und andrer wahn, der impliziert den übergriff, mit name und adresse, durchaus nicht gut. aber sind wir denn ein waschsalon. ihr garant für sauberkeit und frische. jedem seine waschtrommel. schmuddelkinder reiner art.
ich beiße bald ins gras. aber es wird mir ein vergnügen gewesen sein, hier sowohl von kleist als auch van hengel gelesen zu haben. und manches andre mehr. salut.
votze lecken.
bin doch zu was fähig! zur unzurechnung …
suche noch nach einem nachweis … einem zeugnis …