Jugend mit Herzklopfen, wenn der Zug aus Westdeutschland in den Bahnhof Zoo einfuhr

Von | 2. Januar 2013

[…]Und überhaupt… Charlottenburg. Abendsonne über verfallener Pracht. Heute alles andere vergessen, beschließt Sam. Zum Teufel mit der Angst, die sich wie ein pelziges Tier schon wieder in den Nacken gekrallt hat. Heute so tun, als ob. Als ob eine reife Dame zufrieden auf die letzten Jahre blickt, während sie zum ersten mal seit ihrer Jugend wieder durch Charlottenburg streift. Da entlang wo Berlin noch Berlin ist, schillernd, wie ein Glas Danziger Goldwasser gegen das Licht gehalten. Sollen die doch den Osten der Stadt verunzieren mit ihren Bausatz-Bürohäusern und ihren Bubble-Tea-Filialen. Die Dame lächelt großmütig, trinkt ihren Tee aus einer Porzellantasse, wie damals während ihrer Jugend mit Herzklopfen, wenn der Zug aus Westdeutschland in den Bahnhof Zoo einfuhr. Augen zu, und sie steht wieder im ersten Waggon, zieht das Fenster herunter, von draußen strömt der Geruch nach Kohleöfen und einem Kännchen schwarzen Tee vom Bahnhofscafé herein. Was weiß die Dame denn? Oh, eine Menge! War bildkünstlerisch tätig, hat Tugendheldinnen gemalt, war immer dem Vorurteil ausgesetzt, malende und zeichnende Töchter aus dem aufstrebenden Bürgertum seien Dilettantinnen.

Und? Ihre Werke wurden gekauft, Stallgeruch entströmte denen, man ließ die malende Dame nicht verhungern; diese Bourgeoisie-Bande ließ ihresgleichen nie verhungern. Verhungern würden Künstlerinnen und Künstler, deren Los wäre das.

Die Dame lächelt schon wieder, sie weiß, wie befähigt sie ist. Sam aber wird das nie wissen. Da wo sie herkommt, im Kleinstbürgertum, hat man nicht mal die Traute die eigenen Kinder zu loben und zu lieben, wenn die sich weigern, mitzuducken. Adieu, Großmama, ich weiß noch immer nicht, dass mein Leben nicht so beschissen werden wird wie deines! Sam, eine Reisetasche über der Schulter, galoppiert die Bahnsteigtreppe des Bahnhofs Zoo hinunter, dann durch die Unterführung auf die Budapester Straße. Die Mauer wieder hoch, und das heiß geliebte Aroma vom Mittelpunkt der Stadt, das Charlottenburg-Aroma von Marzipan und altem Kognak entfaltet sich auf der Zunge… Sam schlägt die Augen auf. Wünscht man da Menschen zurück hinter eine Mauer? Wäre das eine Gemeinheit? Sind Menschen etwa glücklicher ohne ihre Mauern? Sam jedenfalls war nie glücklicher als in der abgeriegelten Stadt. Die anderen? Einmal durften sie nicht hinaus in die Welt, weil da das Böse lauerte, wenig später können sie nicht mehr hinaus in die Welt, weil das Böse da ist und seine Schwester, die Armut, mitgebracht hat.
Auf diese trostlose Erkenntnis prostet Sam sich mit einem Chambord zu. Und wie führt eine zum Establishment gehörende Dame ihren Nachmittag fort? Sie kauft Parfüm[…]

aus: Kreuzkölln Superprovisorium, alle Rechte bei Michason & May, Frankfurt

 

Kategorie: Trauersymmetrie

Über Ju3iane

Juliane Beer: geb. 1964 in Bonn, Autorin, Wirtschaftsübersetzerin, Kindheit und Jugend in Norddeutschland und Lon-don, 1986 nach Berlin gekommen und geblieben, nach viel Off-Theater um die Jahrtausendwende mit dem Schreiben begonnen. Zuletzt: Arbeit kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen, Roman, Berlin 2010 Nach viel Off-Theater fing ich um die Jahrtausendwende mit Prosa an. Daraus wurden bislang einige Romane und Beiträge in Anthologien und Magazinen.

2 Gedanken zu „Jugend mit Herzklopfen, wenn der Zug aus Westdeutschland in den Bahnhof Zoo einfuhr

  1. crysantheme

    . starker text. über die bohème. erinnert mich an das „kunstseidene mädchen“.

    . „im Kleinstbürgertum, hat man nicht mal die Traute die eigenen Kinder zu loben und zu lieben, wenn die sich weigern, mitzuducken.“

    das trifft es – mitten hinein. danke für diese klare und kluge ansage.

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  2. eisenhans

    ach ja, westalgie, westalgie. (wie sympathisch, dass natürlich auch dort „früher alles besser war“ … und so himmlisch nach niederegger und asbach uralt schmeckte) – jedoch: menschen, die „ohne ihre mauern glücklicher“ sind, kenne ich nun aber ne ganze menge! zugegeben: keine westberliner. die haben alle ihre einstigen privilegien verloren, genau wie die ostberliner parteibonzen, die armen. na, jetzt hamse da ja wenigstens das waldorf astoria – neue größe a la kudamm-paradies! sic transit gloria mundi.

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