Emotion heißt Bewegung

Nein. Jetzt haue ich drauf: Es gibt Aschenbecher, die klimpern, halbvolle Gläser, die klirren, Wecker, die wecken, Zigaretten, die brennend vom Tisch hüpfen. Dieser lernt gerade das Zittern. Es ist kurz vor Mist! Ich schreie dir ins Gesicht, ja, du, Professor Doktor in spe, ich weiß, was dich bewegt, aber deine Sache hat mit dem vegetativen Nervensystem zu tun, jedes Tier sondert Gülle ab, und nichts wird das bringen, denn, wie mein alter Chemielehrer, ja, der mit dem bespritzten Kittel, sagte, von Nichts kommt Nichts, weil dir die Synapsen fehlen. Emotion, sage ich, deutlicher und ohne Resonanz, Emotion kommt von lateinisch emovere und das heißt sich bewegen, beweg‘ dein Gesäß, steuere meinetwegen mit dem Schwanz gegen, Emotion ist gleich Masse mal Beschleunigung, und weil dir dafür die Synapsen fehlen, kommen wir kein Zentimeterchen voran. Du bist nicht dick, du bist nicht schwer, und ich habe keine Angst vor Nähe. Jede Tier sondert Gülle ab und hat die dafür nötigen Synapsen. Doch bei dir ist jede Absonderung vergebliche Liebesmüh. Du kriegst auf die Glocke und merkst nichts davon. Der Tisch steht still. Im Park ist es ruhig. Die Zigarette glimmt.

Alice

Mein Fahrrad klappert über das Kopfsteinpflaster. Es ist ein relativ freundlicher Februarmorgen, an dem die Sonne von Ferne das Grau durchscheint. Ich fahre die Heerstraße entlang in Richtung Kölnstraße. Hier parken die Autos immer besonders blöd; immer in zweiter Reihe, so dass man ständig anhalten und auf dem Stück Einbahnstraße entgegenkommenden Autos ausweichen muss.

Eine dunkelblaue Vespa kommt auf mich zu geknattert. Eigentlich müsste ich ausweichen, doch die Vespa nimmt Kurs auf meine Straßenseite. Kurz bevor ich den Fahrer anfluche, der nun schon fast frontal auf mich zukommt und mit der ausgestreckten linken Hand auf und ab winkt, sehe ich unterhalb seines ebenfalls dunkelblauen Helms auf der dunkelblauen Jacke die Aufschrift: POLIZEI.

„Guten Morgen“, grüßt der Polizist freundlich, und während ich noch überlege, ob dieser Vespafahrer wirklich ein Polizist ist, sein kann, klärt er mich auf, dass hier gegen die Einbahnstraße auch das Radfahren nicht erlaubt sei.

Als mir ein: „Hä, seit wann denn das?“ entfährt, lächelt er mich freundlich an, sagt: „schon immer“, und bevor ich noch eine dumme Bemerkung machen kann, kneift er ein Auge zusammen, zwinkert mir zu und wünscht mir eine „gute Fahrt“.

Verdutzt wende ich mein Fahrrad und biege, wie automatisch dem freundlichen Polizisten gehorchend, in die nächste Seitenstraße ein. Also radle ich dieses Mal eben durch die Georgstraße und gelange über die Adolfstraße in die Kölnstraße. Fahre rechts an den Straßenbahnschienen entlang, am Ümit-Market vorbei, schräg gegenüber liegt der Aldi und wieder rechts: die Kölnstraße 127.

Und nun sehe ich zum ersten Mal in all den Jahren, die ich in dieser Stadt wohne, dass sich dort die Haustür öffnet. Eine Frau kommt aus dem Haus. Auf hohen Schuhen geht sie die Treppen hinunter, durchquert den steinernen Vorgarten, öffnet das schmiedeeiserne, mit goldenen Blüten verzierte Tor und tritt auf die Straße hinaus. Ich muss aufpassen, nicht vor Staunen und Starren mit den Fahrradreifen in die Straßenbahnschienen zu schliddern oder auf den Randstein zu schrabben.

Die Frau dreht sich zur Haustür um und winkt. Ich gaffe sie an und versuche erfolglos, auch noch zu erkennen, wem sie zuwinkt.

Sie ist mittleren Alters, trägt das sehr blonde Haar kurz und glatt und ist stark geschminkt. Ihr schmaler, roter Mund leuchtet. Ihre Nase ist spitz und endet in einem kleinen Schlenker aufwärts. Sie trägt vornehme, doch altmodische Kleidung. Heller Rock, dunkle Jacke, Handtasche.

Sie ist nicht wirklich Alice, doch ich muss in ihr Alice sehen – wen denn sonst! Irgendein Zauber macht aus ihr Alice; oder ist sie die Zauberin? Wer ist sie unter dieser dicken Schicht Make Up?

Ich könnte mich kneifen. Fahre weiter, nehme aber nicht den nicht den kürzesten Weg nach Hause durch die Graurheindorfer Straße, sondern, weiß der Teufel warum, den Umweg über die Drususstraße.

Und dort sehe ich aus einem etwas auffällig parkenden, silbergrauen BMW einen Mann mit silbergrauem Haar steigen. Zuerst halte ich ihn für eine Erscheinung. Doch es ist keine Einbildung: dort steht der leibhaftige Dr. Grau und blickt suchend an einer Häuserfassade hinauf.

Nun frage ich mich doch, wer der Vespa fahrende Polizist ist, der mich – mit einem Augenzwinkern – auf diese Tour geschickt hat.

Der Papst mit den neun Schwänzen

Es war einmal ein Papst, der hatte neun Schwänze. Als der Papst nicht mehr genau wußte, ob ihm seine Kirche noch treu war, reichte er den Rücktritt ein und stellte sich tot. Auf diese Weise konnte er fabelhaft beobachten, wie die Nachrufe auf ihn ausfallen würden. Knurrend legte er sich auf die gepolsterte Holzbank in seinen Privaträumen, hielt den Atem an und spitzte die Ohren.

O unser wunderbarer Papst, tönte es von allen Seiten. Das waren die Kardinäle, Meßdiener und zivilen Lakaien, die insgeheim einen Edelstein, eine dreihundert Jahre alte Handschrift oder einen unliebsamen Erlaß, den sie bei ihrer Aufwartung zufällig auf dem Schreibtisch des Papstes fanden, in ihre Tasche steckten und mitgehen ließen.

Ein miserabler, verschlossener, in allem enttäuschender Papst, rief unten vorm Fenster das Kirchenvolk. Es erbte nichts, es gewann keine Freiheit, aber sein Ruf hallte unheimlich durch den Nebel, der den Petersplatz einhüllte.

Wer hatte nun Recht? Der Papst auf seiner Holzbank ruhend, hatte beide Stimmen gehört und blieb unschlüssig. Wem sollte er die goldenen Petrusschlüssel anvertrauen? Den schmeichelnden Liebedienern, die vor ihm katzbuckelten und hinter seinem Rücken krumme Geschäfte machten? Oder dem motzenden Mob, der nach der Abschaffung des Zölibats verlangte, Frauen in den Priesterstan weihen wollte und am liebsten die ganze Moraltheologie in den Tiber warf?

Knurrend erhob sich der Papst von seiner Ruhebank, die Kardinäle und Lakaien erschraken. Schnell legten sie zurück, was sie vom Sekretär entwendet hatten oder schluckten ihre Beute unzerkaut, um sie an einem stilleren Ort aus dem Körperinneren zurückzugewinnen.

Das Kirchenvolk unten auf dem Platz erstarrte vor Überraschung, betete zur heilsamen Jungfrau und glaubte an ein göttliches Wunder, als es den Schatten des Papstes – untrüglich, es war der leibhaftige Papst! – hinter dem Fenster oben im Vatikan erkannte. Er gestikulierte, bewegte sich, er lebte!

Einige Wochen später starb der Papst wirklich. Er lag in vollem Ornat auf einer Bahre, wurde von sechs jungen Lakaien die Wendeltreppe von seinem Zimmer hinabgetragen, im Dom letztmalig ausgestellt und beerdigt.

Die Kardinäle ließen einen Kandidaten nach dem anderen für die Nachfolge aufmarschieren: aus Kanada, aus Kolumbien, aus Kenia, aus Kambodscha.

Keiner bestand die strenge Prüfung. Damit verhielt es sich so: Nach der gewöhnlichen Abfrage der theologischen Themen wurde der Kandidat einem peinlichen Verhör im engen Kreis unterzogen. Mit inquisitorischer Genauigkeit untersuchten die Kardinäle, ob der Kandidat tatsächlich, wie er behauptete, neun Schwänze besaß. Diese Ausstattung war unabdingbare Voraussetzung, um auf dem Papststuhl sitzen zu dürfen.

Der Kandidat aus Kanada kam dem Anspruch recht nahe, er hatte immerhin sieben Schwänze vorzuweisen. Der Kandidat aus Kolumbien nur einen, dafür war dieser besonders kräftig und ausdauernd. Der Kandidat aus Kenia hatte fünf, nicht weiter der Rede wert. Der Kandidat aus Kambodscha sogar acht, doch alle recht dünn und welk.

Keiner der Kandidaten bestand die Prüfung. Die Kardinäle waren ratlos. Kein weißer Rauch stieg vom Konklave auf. Da meldete sich auf dem Petersplatz ein Kind, genauer ein neunjähriges Mädchen aus dem niederen Kirchenvolk. Es bat die Kardinäle um eine Unterredung, die ihm gewährt wurde.

Welch Wunder, ein zweites göttliches Wunder. Nach wenigen Minuten stieg der ersehnte Rauch auf und ein junger Papst, in weißroter Robe, zeigte sich am Fenster, hob die Arme zum Himmel, drehte dem Volk unten entgegen der Etikette den Rücken zu, und das Volk erblickte neun prächtige Pferdeschwänze, sorgfältig geflochten, vom Haupt des jungen Papstes bis zu dessen Hüften wallen. Die Kardinäle lächelten entzückt und schwiegen. Das Kirchenvolk aber johlte vor Begeisterung, als wäre es auf einem Rockkonzert.  Die Hochzeit zwischen dem jungen Papst und der Kirche konnte gefeiert werden.

Frei nach den Gebrüdern Grimm

engel

die flügel ausgebreitet zu einer stadt
mit park und vor den toren wald
in den häusern stimmen
erinnerungen engel mörder
eine dichterin streunt durch die straßen
sprüht verse an die mauern
ist der tod durchsichtig
und wirft keinen schatten

im geträumten leben wäre ich wach

im geträumten leben wäre ich wach
lebte erinnerungen auf meine haut
ein tattoo
trüge den amethyst auf der brust
und das wasser zum brunnen
zöge kreise im achat
und auf dem wasser
an meiner seite ginge
dieser viel zu groß geratene engel
in der tram löste ich einen fahrschein für ihn
im kaufhaus wartete er vor den umkleidekabinen
bis ich ihm mein neues kleid vorführte
und früge er mich dann nach dem lied der amsel
ich sänge es ihm aus voller brust
zwischen den zweigen zitterte die sonne

Alles muss Bio sein, alles muss Öko sein: Ziegenkompost

Es ist nachts um drei und mir fällt zu diesem Thema absolut nichts ein. Erschöpft von Kälte und Arbeit, verfluche ich sie beide: die Natur und den Biorhythmus. Der beschert mir schon wieder schwache Texte mit ebenso schwachen Ideen. Mit verheißungsvollen, biokulturigen Über-Schriften, leicht geschlagen, weiß gesahnt und cremig gerührt, mit viel fetter Milch aus dem nahe gelegenen Ziegen-Euter, von der Ziege, die im Sommer die Balkonpflanzen unter ihren Hufen zerreibt und das Blau von den Schlüssenblumen knabbert. Ihr Gemecker ist im ganzen Haus zu hören. Und, warum schreibe ich schon wieder Mist. Ziegenmist, diesmal. Oben fährt jemand den Ziegenkompost und die Ziegengülle rein, damit alles in Zukunft noch besser gedeiht. Es wird immer später, und die Zeilen reden immer mehr davon. Gemecker, ein Geräusch ohne Inhalt. Ich scheuche den Bock aus dem Schlafzimmer und lege mich ins Bett. Damit ihr endlich Ruhe vor mir habt.

dämonen (nachts)

Das nächste Mal wurde ich wach, als sich neben mir etwas regte. Draußen war es noch dunkel.
Zwischen den Kissen hörte ich Asja seufzen. „Asja?“ flüsterte ich. „Wo bist du gewesen?“ Asja richtete sich auf. „Was meinst du?“ fragte sie schlaftrunken. „Ich habe geschlafen. Wie ein Haufen Steine.“
Ich wusste nicht, was ich denken sollte.
Asja murmelte etwas Unverständliches und vergrub sich wieder in ihre Kissen.
Ich tastete nach ihrer Hand. Sie war eiskalt.

Die Gefühle, die Dinge

Ist die Schwerkraft in der Schwere
Oder kraft meines Willens?

Nur Raum der fehlt, grün
Hinter der Sonne?

Leuchtendes im Dunkel?
Dunkel? Schwarz

Was du nicht wollen kannst,
Schwer bleibt’s zurück.

In der Luft wirbelt das
Leichte, Eigen-
Schwere mit Gefühl.

Zurück bleibt die Spur
Eines Schmetterlings auf

Der Netzhaut, Maschen
Für die Erinnerung.

* * *

Erinnerung, Ein-
Bildung des Gedankens
Im Gedächtnis

dämonen (2)

Als ich die Balkontür zum Markplatz hin öffnete, begriff ich, was anders war. Draußen herrschte dichter Nebel. Ich sah weiße Schwaden aus meinem Mund aufsteigen und sich mit dem Nebel verbinden. Kaum konnte ich die Straßenlaterne erkennen, die unweit der Balkonbrüstung eine orangegelbe Lichtwolke ins wallende Nichts sickern ließ. In der Ferne heulte eine Sirene auf und verschwand wieder. Mich fröstelte und ich schloss die Balkontür. Auf dem Weg ins Schlafzimmer fiel mir auf, dass Asjas Jacke nicht am Haken hing. Im ersten Moment wollte ich sofort draußen nach ihr suchen. Vielleicht wollte sie sich die Beine vertreten, war vom Nebel überrascht worden und hatte sich verlaufen. Aber ich konnte schlecht durch die Straßen des schlafenden Städtchens laufen und fortwährend ihren Namen rufen. Also legte ich mich wieder ins Bett und starrte auf das dämmrige Licht hinter dem Vorhang.

der friederike kempner

der friederike kempner
mach ich ein gedicht
ich mach es ihr bei whisky
und bei kerzenlicht

der friederike kempner
singe ich ein lied
ich sing ihr zur gitarre
vom kleinen unterschied

der friederike kempner
steck ich gern eine blum ins haar
weil sie trotz dorn‘ und kröten
so eine dichterin war

For any Cwm and the Water-Veined Wild Folds

frei nach David C.

Mit dem Flüssigen im Körper

Dem Mädchen, weg von dem Ort

Unterm Baum. Sonne wie Durst

Auf den Schultern, der Rest ist Schnee

Von vorhin, Habicht und Haus

Über Steinen deren Idee das Rollen ist

Auf einer Bahn die nicht endet

Geschenk.

* Dieses Ausbrechen, an sich hängen, dieser dauernde Versuch, aus deinem Leben zu kriechen, dieses Scheitern, es zu verachten, Missgeburt, nun haben wir uns am Vernünfteln so lange entlanggelangweilt, nun verteib ich mir nur noch die Zeit mit meinen beiden kleinen Interessen, dem Mäandern und dem Revolutionieren des Gehorchens, hast du noch einen Satz (Blick), den ich kursiv uns anhängen kann. 

nachts

Mitten in der Nacht erwachte ich und hatte das deutliche Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung war. Vielleicht war es die Stille. Kein Auto war zu hören, kein Krakeelen von späten Passanten, selbst das Licht der Straßenlampen drang spärlicher als sonst durch die Vorhänge. Ich starrte eine Weile ins Dunkel des Zimmers und versuchte zu verstehen, was mich geweckt haben könnte. Dann sah ich die Umrisse des Kissenbergs neben mir. Kein Atemgeräusch war zu hören. Asja war nicht im Zimmer. In der Wohnung herrschte vollkommene Stille.
Ich stand auf und ging in die Küche. Alles war dunkel, nur der Kühlschrank summte plötzlich. Auch im Badezimmer war niemand. Ich trank kühles Wasser aus dem Wasserhahn. Ich schaltete das Licht erst in der Küche und dann im Wohnzimmer an und wieder aus. Ich lauschte angestrengt in die schweigende Nacht. Nichts. Keine Asja, keine Nachricht. Es war unwahrscheinlich, unwirklich, nicht zu erklären.

Prosastück.

es giebt nur zweierlei menschen:

die einen wolln sich finden im immer andern …

die andern wolln sich im beischlaf noch suchen …

wissen aber längst dass sie sich verloren haben …

nachtgeruch.

* Die alten Äste riebst du mir aus den Augen mit deinem selbstverspielten Wehklagen wir sind genauso gelogen zerfriss die Ränder deiner Blätter die dich fast erstickt haben so früh wird es nun schon hell unterm Lid es singt das Licht und denkt sich in dich rein und dreht sich auf deine Haut Liebelein vergiss das Atmen nicht Liebelein verschluck die sabbernden Fäden deiner letzten Sätze und stolper deinem Nachtgeruch hinterher du kotzt dich aus und stinkst wie häutest du dich vom Gestern immer noch ausgeworfen nun sind deine Schatten weiss zieh deinen kurzen Rock an ohne deine faule Haut mitten im See umarmte dich eine Alge und du erschrakst und wolltest nur noch befreit werden von deinem letzten Verschlucken vielleicht hast dich gesucht und warst so weit weg von deinem Leib.

Ausfarben.

Als wucherst du mit dir selbst: Wenn Johnny vor dir steht wie meine Evelyn. Wie besiegelt. Deshalb giebt es ja all die Kriege, all die Herausforderungen und Verirrungen Gewalt, kein Schamgefühl mehr, nur ein verlassen Sein, abgeseint. Provozierungsentkräftung: danach bleibst du mit deinen Sehnsüchten noch mehr allein. Nur in deiner Freitagskunst bist du unerhört geblieben. Danach die ewige Wiederholung: in deinem Kopf stopft es sich von selbst. Also will dein Leben sich nicht mal ausfarben. Hast du Herzvergessen. Rhythmisches Nachtfluten. Hast du mich vergessen wollen. Dein Schweigen umdonnert mich. Nicht lange. Wir warn uns so nah: du der Schweiger nimmst mich an deine so geklebte Hand, nimmst mich mit in deine Genügsamkeit Ausbrechen in dein bald letztes Lächeln: über dich hinaus werd auch ich nie sterben, Paul, ich schrei schreib schnei dich ein, so wie wir uns immer Geschichten erzählen ohne je unsern Blick voneinander zu lassn / ich versprech dir, hinter deine Übermalung zu kriechen. 

Abschied und Unruhe

Am Steuer meiner Arche stehe ich

Hoch spritzt die Gischt

Ich lecke das Salz von meiner Haut

Schweiß aus der Tiefe der Luft

De profundis

spricht das Meer

Ein grüner Zweig Gewissheit blüht

am Horizont

 

Ich höre den Eichelhäher

und die Unruhe des Windes

Ein Fiepen, ein Puls

Ein Wummern und Schreien

Glocken und Sirenen

hinter hypnotisierenden

Lichteraugen

 

Der Wunsch nach Bedeutung

liegt flach

über dieser fahlen Stadt

Er muss ein Licht sein,

dieser Wunscheswunsch

nach einer eigenen Zeit

 

Stadt

Fels

Straße

Spiegel

Baum

 

Ich klaube Erinnerungen;

setze sie zusammen

wie ein Mosaik

Einige Steinchen habe ich ausgetauscht,

eingewechselt, adoptiert

Die manipulierte Naturwahrheit

ist ein schön proportioniertes Mandala

Singe mir, Muse!

Singe ein Lied

auf die Mathematik!

 

Am Steuer meiner Arche stehe ich

Hoch spritzt die Gischt

Du leckst mir das Salz von der Haut

Schweiß aus der Tiefe des Meeres

De profundis

spricht die Luft

Wir halten Ausschau

nach dem grünen Zweig

am Horizont

Wir halten zusammen

und lassen das Ufer

los

dämonen (1)

Gegen Mittag erreichten wir, während ich auf dem Beifahrersitz im Halbschlaf von einer Horde grauer Lemuren träumte, die im Regen über die Straße tollte, die letzte Hügelanhöhe vor dem Städtchen. Es roch nach Staub und warmem Asphalt, bald würde eines dieser kurzen aber heftigen Augustgewitter über uns und unseren neuen Heimatort niedergehen.
Asja saß angespannt hinter dem Steuer. Mit zu viel Gas ließ sie den Kleinbus über das Kopfsteinpflaster abwärts holpern und blickte dabei alle paar Sekunden in den Rückspiegel, um sicherzugehen, dass der große weiße Umzugs-LKW hinter uns den Anschluss nicht verlor. Das Rattern des Kopfsteinpflasters schreckte mich auf, umhüllte uns dröhnend, es war unmöglich irgendetwas zu sagen.
Asja wirkte wie eine hungrige Katze kurz vor dem Sprung. Ich roch den herben Duft ihrer Haare und versuchte ihr zuzulächeln, aber sie bemerkte es nicht. Als wir an einer Kreuzung warten mussten, legte sie mir, ohne mich anzusehen, kurz ihre Hand auf den Oberschenkel, die dort eine heiße Spur hinterließ, und pustete sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Vor uns ragte die spitze Kupfernadel des Stadtkirchturms in den unruhigen Himmel, Fähnchen und Werbebanner an den Geschäften flatterten im Wind, Staubwolken jagten hier und da durch die Gassen den Berg hinauf.
Wir fuhren die Hauptstraße hinunter auf einen alten Steinbogen zu, der zwischen den alten Häusern brückenartig die Straße überspannte. Übermütig johlend durchquerten wir ihn, als wäre er das Ziel einer jahrelangen Reise.

Nazi-Punk : reif für die Insel

„Ist David C. eigentlich jünger als Billy I.?“

„Hm, schwer zu sagen. Jung sind’se beide nich mehr.“

„Und was kam nochma danach?“

„Demokratie?“

 „Hm.“

verzagen

das schweigen
gebrochen am wasser
trunken die schattenrisse der bäume
zwischen himmel und erde
liebesperlenmusik
schweiss zerquetschter
sommernächte
bilder erdunkelt und fern
wie donnergrollen

glückselige meldodei
ihrer finsterheit schwärmerei
ein leuchten ein leuchten
meertief und golden
ich flieh in dich hinein
wie kann ich leben
weidwund dir erlegen
eine sehnsucht senkt mir
das herz

in deiner ruhe
liegt meine trotzige kraft
nimmerlaut und nimmersatt
länger die schatten nie fallen
diese typen mit deinem hut
kann ich nicht verschmerzen
ihre ahnungslose wärme
you are my favourite
work of art

wie kann ich leben
unter’m bösen stundenmond
ohne deine brandstiftende haut
gekettet an meine roten feuer
das schaff ich doch nie
rück mich zurück
ins grasgrüne licht
so kann ich dich
endlich träumen

aus. satz. olé!

wieviel gramm wiegt ein jahrzehnt ? heute noch in den fünfzigern. morgen einfach 60. sechzig und aus. das klingt doch schon wie aussechzig, ich meine das mit den pusteln, das, was jeder gerne meidet. aber wie sagt der rühmkorf so tröstlich : etwas marodes, gedacht für die nacht, noch diesseits des todes zum flimmern gebracht
olé!

schmeiß und flieg

…mal wieder die worte über borte werfen…( ja doch, das is spitze )

http://www.youtube.com/watch?v=hxIuwe1mbmk&playnext=1&list=PLC5ZyVVTorKOKofsep6njAHE9JXI9KL8-&feature=results_video

Wie über mich.

Cy.

 

Wie über mich drübergehn. Sabbern. Mich zwischen meine eigene Haut zu drängen. Als obs von innen fein regnet. Oder sich etwas regt. Wie ein von sich selbst Ablösen. Ich spiele nur mein Empfinden als mein einzigstes Instrument. Verstehe sonst nichts vom Leben. Längst hat mein Berühren eine eigene Sprache gefunden. Wie ich dich suche. 

ohne ei

schwant nur dahin auf kurzer zeile keine lange weile in weiß über quanten nicht zeit eine klange linie auf langer gewelle die nicht nach findet und geht weile und lacht und kann nach hause nicht an den wasser kreise klinge wellen in kanten wer in der zeit sich nicht ehrt ist der dukaten nicht friss in an der sicht in zeit überwellt es sich trägt kurz auf zeile in einer der weile warum zeit ohne ei und sprung über die

cleaning my gun

du bist mir nicht ins aug’ gefallen aber ich dir sogleich in den rücken gesprungen beim rückwärts einworten gott weiss dass du ein grübchen hast das schlapp macht ab und zu wir hatten funken gerissen nein nicht das alte lied mit den zitronenküssen uns’re schreie sind eng beim wasser im mund zusammenlaufen wir sind ganz zunge die liebe ist immer konkret dieser moment er hatte recht du weisst schon der erregungszustand inmitten träumender knaben und halbgeköpfter weiber erkenne ich männer immer an ihren geräuschen nicht an ihren trainierten glücksformeln an dieses oder jenes leid an dich erinn’re mich in versen du bist wie ein countrysong die letzte strophe mit viel sahne und staubgeplatztem parkett back on boogy street und einer cohenschen coolness als wir an diesem feuerpilz hockten mit allem von gestern und ich erinnert worden bin im manischen schauder meiner verschwindungssucht von ferne das stimmengewitter der zwinkernde biologe please be true mit glück im spiel und sieben kindern da stopfte ich keine fragen mehr in ihre würgemäuler mit schweissfilm unterm nasenflügel tropfen wachträume rauf und runter ich tanze mit dir um den elenden klappergaul wenn wir uns in die büsche schlagen wie beim schulschwänzen damals mit dem bus nach h. taub aber mit blitzen unterm lid all meine liebe bettet dein gesicht gegen das gemetzel der gesetzestreuen als würden wir immer jünger und jünger eine singende belle starr im falsett mit jesse james bis kein ton mehr in unsrer trommel ist

Hemmungslos nicht heucheln

Ach, wie lang, lang ist´s her, seit Heiner Müller gegangen ist? Gestern war´s! Vor bald zwei Jahrzehnten. Müller war der erste aus der Riege des starken Jahrgangs (1929) der deutschen Literatur. Peter Rühmkorf ging 2008, Christa Wolf 2011. Was bleibt?
Mit uns sind Kunert und Enzensberger. Müller, Kempowski, Wolf und Kunert haben keinen Platz in Peter Rühmkorfs Reden „Über Kollegen“, die in dem Band „In meinen Kopf passen viele Widersprüche“ gebündelt sind. Keine Nachlaß-Ausgabe. Doch erstmals eine Sammlung von Schriften, die der Schriftsteller nicht nur en passant, hier und dort, dann und wann veröffentlichte. Altes also neu? Ja doch! Und: Nicht doch! Ist nur eine Frage der Geburt. Nicht fragen: Ran an den Band! Er ist für alle Generationen. Für alle, die gelegentlich gern ins Museum gehen. Sprich ins Literaturmuseum. Vor allem das der deutschsprachigen Worthäcksler. Ob Rühmkorf je mit einem derart schlichten Wort Maß nahm? Mit wenigen Worten sagte er, wer Kunstgewerbler, wer Künstler ist.
Peter Rühmkorf war ein Hemmungsloser, der nicht heucheln konnte. Er war kein krummer Geselle, der kroch. Er war ein kraftvoller Kritiker, der blitzschnell gepriesenen Koryphäen des Geistes, der Kunst, der Kultur… eine Kopfnuss verpassen konnte. Peter Rühmkorf hatte den Humor, sich zu erleichtern. Seine Sicht auf die Schreiberei und die Schreiber ließ er sich durch keine Nebelkerzen trüben und durch keine Weihrauchkerzen parfümieren. Peter Rühmkorf hat den Plauderern in der Literatur kein Pardon gegeben. Plauderte er, stimmte der Ton. So zog er die Leser seiner Literatur und Literaturbetrachtungen auf seine Seite. Dem Literaturerklärer liefen die Leute hinterher. Er selbst war, wie er selbst sagte, eine der „poetischen Naturen“, der schonungslos äußerte, was für Naturen die lieben Kollegen waren oder was nicht. Rühmkorf ist vergnüglich zu lesen. Selbst wenn er mit zusammengebissenen Zähnen spricht. Rühmkorf läßt sich das Vergnügliche nicht nehmen. Er muß schmunzeln. Er läßt schmunzeln. Auch, wenn´s Ohrfeigen gibt. Locker bleiben! Schön locker das Buch durchblättern. Wer sagt denn, dass Text für Text gelesen werden muß? Angefangen mit dem zu Adorno bis hin zu dem über Zuckmayer. Muß nicht sein. Rühmkorf gemäß, der sich auch nicht auf eine Linie trimmen ließ. Jeder kann herauspicken, was ihn zuerst neugierig macht. Auf diese Art läßt sich am ehesten herausfinden, wie sich der Autor bei den Lesern beliebt macht.
Peter Rühmkorf brachte die Literatur nie in Verruf. Er war ein verliebter Verteidiger der Literatur. Im Verurteilen groß, war er im Loben nicht kleinlich. Bestes Beispiel dafür sind im Buch seine Betrachtungen eines glorifizierten Großschriftstellers. Zuerst gibt Rühmkorf zu erkennen, dass er ganz und fest auf der Seite der Anti-Thomas Mann-Truppe steht. Gleichauf mit dem Kollegen Brecht, Döblin, Jahnn….. Abermals beim Nobelpreisträger nachgeschaut, läßt sich Rühmkorf dann doch vom „Zauberer“ verzaubern. Was ist geschehen? Der Kritikus der „Meisterwerke“ hat die Erzählungen als die Pfeiler der Thomas Mann-Literatur für sich entdeckt. Und er ist glücklich und preist. Mit ihm die Leser? Wenn den Lesern auch der eine andere Text entgleitet, bitte beide Augen auf den zu Werner Riegel (1925-1956). Neugierig bleiben! Selbst wenn einem der Name nichts sagt. Der seitenstärkste Essay des Bandes ist mehr als ein Freundschaftsdienst des Verfassers. Für den war Riedel „ein junger Geistesmensch mit nichts als Literatur im Kopf“, dessen „Zeitgeist bereits die Asche des Vergessens überdeckt“. Das schrieb Peter Rühmkorf Jahrzehnte später. Nicht nur rührendes Gedenken, ist der Essay ohne Asche. Er hat den Geist der Gegenwart. Er ist Ermunterung wie Ermutigung. Der Werner-Riegel-Essay ist´s wert, empfohlen zu werden wie der gesamte Band „In meinen Kopf passen viele Widersprüche“. Peter Rühmkorf war ein ständiger Entdecker in der Landschaft der Literatur, der in Abgründe schaute und ein verläßlicher Begleiter bei Aufstiegen war.

Peter Rühmkorf: In meinen Kopf passen viele Widersprüche. Über Kollegen. Hg. von Susanne Fischer, Stephan Opitz. Mit Dichterporträts von F.W. Bernstein. Wallstein Verlag: Göttingen 2012. 368 Seiten, Geb., ISBN 978-3-8363-1171-8

im nein

ein hin und her auf der stelle gepeinigtes herzunterlaufen im kummer des leibes liebeslos abgeworfen schlafunterlaufen im nein trag ich mein verfressenes herz kein huldigungskleid blickloses abendbrot woher genau nimmst du das herzzerreissende deiner stimme herbstprinzen schämen sich in ihren erigierten gesichtern hochschnellend zu tage