Kategorie-Archive: Gemütstiefe

Laterna Magica

Von | 15. Februar 2020

„Gerade dir muss doch klar sein, dass es solche schrägen Vögel gibt. Die nicht nur im Garten rumhumpeln, sondern sich kreativ betätigen wollen. Was also hast du gegen die Idee?“, hatte Eduard einen Monat zuvor gefragt, die Visitenkarte einer Kurklinik in der Hand. Seine Eifersucht war ein Spiegel, aus den Scherben der Geschwätzigkeit zusammengekehrt. Sie… Weiterlesen »

antianti

Von | 4. Februar 2020

Und am schlimmsten war immer noch der uneingestandene Neid der Erwachsenen auf die Kinder, der sich in der Rede ausdrückt, etwas müsse so sein. Nein: noch schlimmer als der uneingestandene Neid war das irgendwann auf ihn folgende Bekenntnis .. wozu auch immer

Novemberlicht (für M.)

Von | 9. Januar 2020

Die Pappelallee vergoldet. Wortfetzen hallen über den See. Glitzernde Wellen im schrägen Schein der blassen Sonne. Letzte Blumen begleiten Gedanken an den Sommer. Fröstelnd zieht der Boden sich zusammen, atmend in den Nebel, bedeckt sich mit Laub, – wie die Jungfrau mit dem Laken – alt und doch wieder unschuldig nach getaner Ernte. Vertrocknete Äpfel… Weiterlesen »

grauzeiten

Von | 29. November 2019

nun entblättert sich der baum still ist es draußen in der dämmerung atmen wir frieden berühren unsere sprache mit den küssen des fallenden regens ich erzählte dir von den herbsttagen der wind torkelte ums haus und auf dem tisch lagen gedichte von Hesse und Kästner die sehnsucht hängt schief im raum nächte fallen ins leere… Weiterlesen »

S.

Von | 18. November 2019

Tränen netzen mein Gesicht. So nah wie einst, so fern doch jetzt. Nicht mehr eigen Fleisch und Blut. Unbekannte Fremde, aufgebrochen ins Land ohne Halt. Zerstörung des Selbst auf unbekanntem Pfad, jenseits von Sinn und Verstand. Tastend ins Nichts, begleitet von düsteren Gestalten, ohne Liebe. Verlierend das eigene Ich. Trostlos rücklassend mich.

atemübungen mit lungenfischen

Von | 18. November 2019

wir machen atemübungen mit den lungenfischen survivaltraining im schlamm was das anbelangt sind sie uns voraus mindestens 200 millionen jahre auch beim totenkult den liedern und gebeten lungenfische glauben nicht an ein jenseits eine wiedergeburt oder auferstehung ewiges leben dauert bei ihnen höchstens 100 jahre von ihren ahnen haben sie die lungen und die traurigen… Weiterlesen »

lungenfische

Von | 18. November 2019

messe ich die welt mit dem maß der lungenfische sind drei nächte noch kein vers sieben kein gedicht öffne ich die tür zum totenreich für die stimmen formen sargnägel einen fluss heilige finsternis bleibe verdammte finsternis weiche atmen die lungenfische die tage stehen sterne immer am firmament krümmen sich ihre schatten gegen die unendlichkeit ewig… Weiterlesen »

Heimweg

Von | 3. November 2019

Manchmal falle ich in Zwischentöne, die drängender hallen als Menschen und Züge. Gedanken sterben an Ampeln. Wenn ich alles auf Rot setze, zerfällt mein Kopf über Unebenheiten der Zeit, hält der Atem nicht inne über unerledigten Dingen. Manchmal stoße ich ans Innere der Müdigkeit.

El año de los niños sagrados

Von | 30. September 2019

In der Grundschule, die ich heute im Rahmen einer Veranstaltung besuchte, hingen selbstbemalte Pappen aus. Die Sechs-bis Zehnjährigen, die sie erstellt hatten, besaßen offensichtlich ein ausgeprägtes Gespür für den ihren Alltag beherrschenden Zeitgeist und seine massenmedialen Abgesandten. Mir wurde ein wenig kulturrevolutionär zumute, als ich die Kunstwerke näher zu betrachten begann und erahnte, was sie… Weiterlesen »

Berliner Ballhaus

Von | 6. August 2019

Das also ist Berlin : ein Hinterhof Berliner Ballhaus : schwarz Biergarten : innen verwirbelt Farbig : alle Kontinente tanzen Hier : außer Australien Skepsis weicht der Sepsis Lächeln weicht dem Schwächeln Schnelle Schritte : fitte Mitte Zehweh dreht ums Viehknie Der Drink ist ein Wink : link Morgens um drei sind wir dabei Warten… Weiterlesen »

wolkenschnee

Von | 5. August 2019

dort wo ich deinen raum betrete in einer sprache die aus den augen fällt sozusagen ein liebesschweigen genau dahin möchte ich wie ein morgengedicht das den tau auf den lippen trocknet und die stürme des vergangenen sommers

Absage

Von | 5. Mai 2019

Wesentlich angenehmer Die Sterne, Als ein Todesurteil Unterschrieben von mir. Wesentlich angenehmer Blumen zu lauschen, Ein Flüstern: Er! – Neigen das Köpfchen, Wenn ich durch den Garten gehe, Als dunkles Eisen Von Wachenden, die Den töten Der mich töten will Und das ist der Grund, warum ich niemals Nein, niemals Staatsführer werde

Re: Reflexionen aus dem beschädigten Leben (Flucht und Wiederkehr XXIX)

Von | 20. Februar 2019

Archie tänzelt, hält das Spielzeuggewehr erst vor die Brust, dann über die Schulter, als schieße er eine Bazooka ab, schließlich hält er es sich vor das Geschlecht, „Phew, phew, phew“, seine Stimme klingt hoch, es wirkt absurd. Um ihn herum lacht die Menge, wirft Münzen. Archie, dessen Sonnenbrille schief über seinem fehldenden Auge sitzt, simuliert… Weiterlesen »

wir waren atomdichter

Von | 16. Dezember 2018

wir waren atomdichter und sprachen mit den basalten unsere eltern zogen über die gletscher unseren kindern gaben wir namen wie sonnenschein zukunft oder hoffnung auf ein besseres leben warten wir noch auf den schneefeldern hinter dem fjord landeten drohnen geophysikalische messungen der schwere und des magnetfelds von spalteneruptionen einer paläoerde trieben fremde forscher ins land… Weiterlesen »

Salomenia (Flucht und Wiederkehr XXVIII)

Von | 17. November 2018

Das junge Mädchen wandelte, des ewig brennenden Himmels reich, Welten, verschwebte inmitten halb rauwinkliger, halb erträumter Städte, passierte gelb und blau mit einer Lilaterne, schwamm hungersüß als Morgengrau, hetzte geifernd um die Schluchten. Rückwärtig schwärmwankte die Prozession im Gleichschritt, schrillte verzerrt umspulte Liturgien, eine obsidiannadelnde Klangwolke, die Tiefenwahn umschlang, versank vor fahlem Springgiftlicht. Um keine… Weiterlesen »

Youth of Today (Flucht und Wiederkehr XXVII)

Von | 27. Oktober 2018

Schweine suhlen sich im Schlammbad, sie grunzen laut, rempeln und beißen, werden mit Abfällen gemästet und schließlich geschlachtet. Der Schweinebraten auf meinem Brötchen schmeckt heute ungewöhlich saftig, was wohl eher der Butter, denn der Qualität des Fleisches zuzuschreiben ist. In der U-Bahn, die aus der Innenstadt kommend Richtung Langenhorn fährt, sitzen zwei Jungen, denen dieser… Weiterlesen »

Dr. Zsäsegs Mind Machine (Flucht und Wiederkehr XXV)

Von | 5. September 2018

Versuchen Sie einen Text zu imaginieren, in der eine Protagonistin handelt, ohne auf einen Mann angewiesen zu sein. Eine Geschichte, die von vorne bis hinten auf jeglichen Anflug reaktionärer Zynik verzichtet, in der keine von Herkunft, Aussehen und Bildung ausgehenden Vorurteile kolportiert werden, keine Reduktion auf Geschlecht, Weltanschauung oder Geschmack vorgenommen wird – eine Geschichte… Weiterlesen »

gesang elf

Von | 2. August 2018

ich wollte dich nach dem weg fragen doch du warst verschwunden auch der weg war nicht da so ließ ich mir vom rebhuhn sagen wie die nächste weinernte ausfallen würde ich versuchte mich in einen tisch einzufühlen eine stehlampe einen kanarienvogel oder ein efeublatt ganz egal was hauptsache in irgendwas eines abends wäre es mir… Weiterlesen »

Anasthasia (Flucht und Wiederkehr XXIV)

Von | 5. Juni 2018

Tief in dich tauchend, gedenkst du wirklich zu sein? Unter all diesen sozialen Perücken, emotionalen Häuten, logischen Knochen, moralischen Organen: Was ist der Kern aller idealistischen, progressiven Gedanken, aller tiefenpsychologisch genährten, abgeklärt austherapierten und nie kopierten Sehnsüchte? Welcher Bewußtseinsschleier verhüllt deine gehetzte, versetzte, verletzte, mit Narbgewebe umnetzte Seele – selbst vor dir? Lebenswunder, schenke  Sommerlicht… Weiterlesen »

Solidaritätskippa oder die Reise zum toten Mehr (Flucht und Wiederkehr XXII)

Von | 25. April 2018

Dieses eine, seltene Gefühl, das einen beispielsweise überkommt, wenn im Frühling der Himmel grau, windig und regnerisch, aber die Blätter der Straßenbäume jung und grün sind, wenn beschmierte Klinker-Häuserwände sich mit kleinen, bunten Altbauladengeschäften abwechseln – die eine Hälfte des Gesichtes traurig sein und die andere lächeln will. Kurz vor Beginn der ersten Intifada steht… Weiterlesen »

A Day In The Life (Flucht und Wiederkehr XXI)

Von | 22. März 2018

„Elle est de Livron-sur-Drôme“, flüsterte ein Geist. „Liesville-sur-Douve!“ ein anderer, „Les Sables-d’Olonne!“ der Dritte. Oh, das kenne ich, da war ich schon, erinnerte  sich der Zeitreisende mit großen Augen und ein Sommer streichelte seine Neuronen. Die Sonne schien hell, ein Wesen – mir zutiefst ähnlich und doch fremd, eines lebendigen Spiegelbildes gleich – saß in… Weiterlesen »