Suse,liebe Suse

Suse, liebe Suse

Ich war Schuhe kaufen. Das ist aus der Perspektive einer Frau gesehen mit Klischees behaftet. Die schlechten Witze darüber tragen alle einen langen Bart oder Barth, wie es die sozialistisch angemalte Jugend unseres Landes auf einem Plakat schreibt. Seit Monaten komme ich mir wie Aschenputtel reloaded vor, der Schuh ist im Kopf, nicht aber in den vielen Regalen aller Schuhgeschäfte meiner Stadt. Gestern nun fasste ich einen Entschluss: Ich ging in den Laden, die schwarzen Zahlen auf den mattgoldglänzenden Plättchen neben dem Schuh ignorierend, und griff zum Schuh. In diesem Moment war es zwischen uns geschehen. Das Leder des Schuhs und die Haut meiner Finger gingen eine Symbiose ein und ich ließ willig diese Liasson zu. Eine leicht untersetzte junge Verkäuferin mit entsetzlich abstoßenden Stiefeln, die man treffenderweise moonboots nennt, kam lächelnd auf mich zu. Ein fieser Satz angesichts der Modesünde an ihrem Fuß lag auf meinen Lippen, ich beherrschte mich und lächelte sanft zurück. Ist die Größe zutreffend? Nein, ich habe einen kleineren Fuß. Ich schau mal, setzen Sie sich doch, einen Kaffee vielleicht. Suchend schaute sie im Laden nach dem Kaffee. Eine Auszubildende mit dem vorgestrigen Namen Mandy brachte mir mit schüchternden Blick und zitterndem Händchen ein Tässchen. Ich sank in das Lederpolster hinter mir und überlegte, welche Strümpfe ich heute Morgen angezogen habe. Oh, Sie tragen Maripee, die Stimme der Verkäuferin schien über meine Wahl erfreut zu sein. Die Schuhe, die auf eine Liasson mit mir noch warteten, bewegten sich ungefähr auf gleichem Preisniveau. Nur, hauchte ich, an meinen Fuß lasse ich kein anderes Leder. Und nun gehen wir zum ersten Mal fremd. Ich versuchte, den Blick der Verkäuferin von meinen Strümpfen abzulenken und wollte ihr die Espressotasse in die Hand drücken. Mandy, sagte sie bestimmt. Sie interessierte sich nur für meinen alten Schuh. Ihr voyeuristischen Blick saugte den Moment auf, da ich meinen Reißverschluß an meinem alten schwarzen Schuh langsam aufzog. Ich stellte den warmen Stiefel zur Seite, vorn links beulte das Leder leicht aus und verriet unser Familiengeheimnis, Hallux valgus seit vier Generationen, der Absatz war zur Seite getreten. Ich schämte mich und erklärte, dies seien meine Lieblingsschuhe, ich trage sie auch im Bett. Ich verstehe das, lächelte sanft die Verkäuferin, aber es wird Zeit für Nneues, das Leder muss auch mal zur Ruhe kommen. Dankbar nahm ich ihre Erklärung an. Ich schlüpfte schnell und fast zu übersehen in den neuen Schuh. Die Verkäuferin klatschte in die Hände. Perfekt, das macht einen wunderbaren Fuß, es steht Ihnen ausgezeichnet. In einem irren Tempo zog ich den zweiten alten Schuh aus und stieg selbstbewusst in den anderen Schuh hinein. Ich stand auf, zog die Jacke aus, richtete die Haare und stellte mich vor den Spiegel. Ja, das sind meine Neuen! Wissen Sie, sagte ich zu der Verkäuferin, der Schuhkauf an sich ist kompliziert. Ich habe einen schmalen Fuß und suche seit Jahren so einen Schuh in genau dieser Farbe mit genau dieser Ziernaht. Die ist entscheidend, können Sie das verstehen? Ja, sagte die Verkäuferin mit den moonboots am Fuß im überzeugten Brustton. Die Ziernaht ist gerade für den schlanken Fuß einen optische Verlängerung und Teilung zugleich. Ich persönlich achte auch immer auf den Leisten. Und dieser hier, sie zeigte nach unten auf meine Füße, dieser hier hat eine fantastische Leistenpassform. Sie werden glücklich sein. Ich setzte mich, zog die neuen Stiefel aus, strich über das saubere, glatte Leder und bat die Verkäuferin, sie einzupacken. Dann schlüpfte ich in meine alten, ausgelatschten Treter. Als ich meine Jacke wieder anzog, hielt die Verkäuferin die ungetragene Version meiner ausgelatschten Treter in der Hand, schaute mir mit unanständig auffordernden Blick ins Gesicht. Ihre stimme verlor die sanfte Freundlichkeit und klang metallisch: Ein Klassiker, ich habe ihn in diesem Jahr wieder bestellt, möchten Sie ihn mittnehmen, es ist doch Ihr Lieblingsschuh. Irgendetwas knallte in mir durch, ich hielt ihren Blick stand und entgegnete: Ich sehe, wir zwei verstehen uns.

soundroom
pseudonym für eine in erfurt, würzburg und marburg studierte germanistin, die sich in den weichen kissen von inskriptionen ausruht von den merkwürdigkeiten ihres mittlerweile 15-jährigen berufsalltags in der verwaltung. = rapunzel = stefanie

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