man weiss manchmal nicht wie nah nähe ist … man lebt aber meist gegen sein leben … sucht die schöhnen momente … es giebt sie ganz oft so nah bei dir … selbst da verliert sich zum glück dein begreifen …

man weiss manchmal nichts

Worte beim sich Anblicken.

Üw … mit der M13 in einer Neunziggradkurve an unserer Turnhalle vorbeigeschlittert … hätt ich dich da nicht untern Tisch … aba du warst ja geschlecht…ähgeschäftlich unterwegs … alles wie im Park … also nicht zwischen uns … ausser den schwingungen die nicht nachlassen zwischen gewissen menschen … bei denen geht man in den erinnerungen nicht ganz anders heran: die kommen immer wieder auf einen hinzu … geschlittert … oder so …

endlos treppen herunter …

 

Vice versa: Traum

Da ist es genau umgekehrt: da fehlt das Moment der Beherrschung. Da nimmst du jedes Rot eines Mundes oder läufst endlos Treppen herunter. Da hast du die existenziale Aufforderung endlich verloren, dich als Sinn zu fordern/formen/verlieren.

 

Ganz schwierige Ausgangslage immer wieder: bei jedem Satzanfang. Wie seine Gefühle verbergen, und wie allein nur noch die Achillesferse zum einzigen Atemorgan wird. Wie „das Leiden der Seele, die nicht ihren Sinn gefunden hat“ (Alfred Adler), in eine  halbwegs gelungene Gebärde hineinquetschen und aus der von innen arbeitenden Beschämung des Gesichts nehmen.

ich denke wir habn gute atemchancen.

Entweder man versteht mich falsch. Oder falscher. Beleidigt. Ängstlich. Mich beleidigt nur meine eigene Angst.             

Schreie. Schneie. In dich. Ein. Wen(d)igkeit, WiPf, meinte ich vorhin, als ich von diesem Buchstaben sprach, der mich zu einem Lachen führte zwischen uns. Denn wir müssen, müssen schon, uns nicht in der Wirklichkeit treffen. Sie beäugt uns nur.

Mittlerweile denke ich, dass wir unter einem zerbröckelnden Himmel ganz gute Atemchancen haben. 

am anhirn verlebt …

Wir schreiben uns unsere Verwundungen aus dem falschen Gesicht. Wir schleifen uns die Scham aus Tinte ins Blut. Denn nur dort waren wir eins. Nur dort haben wir uns berührt. Ohne Klang heimlich. Wie alles mit Resten von seiner Gehäutung.

Es bleibt aber auch das nicht ohne Hintertriebenheit. Es bleibt nichts von deinen geheimnis ohnezungen anhirn gelebten Verletzungen zurück. Jetzt kannst du ganz in Seele deine Träume fortsetzen. Nach 24 Jahren. 

Doch Gras Fressen.

Wir streifen uns in unseren Ängsten.

Mich liebkost gerade das Versehnte. Getränte. Zusammen Brechende. Alles nur ein Aufschub, ein von sich ohne Antwort bleiben, kein Einsamkeitswahn, ein Reformulieren eines selbstverleumderischen Zugeständnisses. Berlin bei Nacht: du solltest öfters den Tag Tag sein lassen. Wie Zungen, die sich später einmal begegnen werden. Wie auf Gras schlafwandeln, das die Kühe nicht fressen. 

Sachsenburg : Spinnerei

Verwunschener Ort : düster atmen die Fundamente
Der Baracken in den Nebel : blaugraues
Rauschen der Zschopau : es gibt sich Mühe
Die Erinnerung zu übertönen : hier war nichts
Als ein Bergwerk : Blei & Uran
Wo der Fluß sich teilt : am Fuße der Burg
Hörst du Kinderlachen : vergeblich mahnen die Angler
Den narzistischen Nachwuchs um Ruhe : niemand
Ahnt noch etwas von den Orgien der „Bewegung” : hier

halb frass.

und wolltest nur noch befreit werden von deinem letzten Verschlucken vielleicht hast dich gesucht und warst so weit weg von deinem Leib.

genugtuung.

Wie viel wenig Mitteilungsbedürfnis du mittlerweile hast. Die Welt klebt sich nun an dich. Du versuchst es ja nicht mal mehr. Leibst dich an ihr vorbei. Dein spitzer Dreischritt. Willst deine Verkommnis ehren. Wie dich selber aufspiessen. Niemand ahnte deinen Hinterhalt. Deine gebunkerten Gefühle. Aus denen du nun herausspringst. Ihr beide seid so feinsilbig.

1.

1.

 

    In einer abgedunkelten rosmarinfarbenen Mansarde lag Alban, unruhig träumend, auf seinem alten ausgelegenen Diwan, während der Klang der Mittagsglocken durch das geöffnete Fenster drang. Selbst die knarrenden Holzstufen der alten Eichentreppe, die einen Besuch ankündigten, ließ ihn seine Position auf der Couch, auf der er nun schon seit einigen Monaten unter derselben Decke lag, nicht verändern.

   Es wird Madeleine sein, dachte Alban, und beruhigte sich mit dem Gedanken, dass nur sie ihn so nenne. Aus einer Laune heraus, sagte er damals in der Schule seinem Banknachbarn, dass er sich seines normalen Namens entledigen wolle, schon lange fühle er sich nicht mehr angesprochen, wenn man ihn Bernhard nenne, erst recht nicht Bernhard Ohnegrund. Er schäme sich dessen, auch wenn er nicht so recht wisse, warum. Es sei halt so. Und kaum dass er den Satz ausgesprochen und damit eines seiner längsten Geheimnisse ihm entwichen war, begehrte Heinrich, sein Banknachbar, der es mittlerweile zu einem angesehenen Posten bei der Allgemeinen Ortskrankenkasse gebracht hatte, mit schriller Stimme auf, indem er den Namen Alban laut in den Klassenraum schrie, Bernie heißt ab jetzt Alban, endlich heißt er Alban, und alle anderen wurden aufmerksam und warfen ihre Blicke auf den Tisch von Heinrich und … Alban, dachte Bernhard in diesem Augenblick selbst. Dabei kam er sich gar nicht einmal so verraten vor. Dennoch war er überrascht, mit welcher Entschlossenheit Heinrich auf diesen Namen kam.

   Es war Madeleine. Alban erkannte sie stets an ihren Schritten, so wie er eigentlich jeden an seinem Schritt erkannte. Es war Madeleine mit einem Brief in der Hand. Der hat, sagte sie in ihrer sanften Stimme, unten auf der Treppe gelegen… – auf der dritten Stufe, dachte Alban… – auf der dritten Stufe, sagte sie, so wie immer. Albans Hauswirtin Mia hatte sich mit der Zeit angewöhnt, all das, was für ihn bestimmt war, auf die dritte Stufe zu legen. Aber nicht nur postalisch, sondern auch zum Verhungern. Denn oft stand für ihn dort auch etwas zu essen auf einem Teller eingepackt in silbernes Lackpapier, das so herrlich rasselt, wenn man es berührt. Und er berührte so oft wie möglich das Papier, wenn er mit dem Essen die Treppe wieder hinaufging. Er liebte dieses Geräusch. Wie er auch Madeleines Stimme liebte; sie hatte auf ihn eine ungeheuer beruhigende Wirkung. So weich. Und liebevoll. Ganz nah bei ihm.  

halb lang.

Auf meinen Schultern ertrug ich nur die Unerträglichkeit. Hinter dem Kopfkissen schäm ich mich frühs in den Morgen. Danach steh ich auf als ein Toter. Ich war immer eine Lüge.

* Wache auf und wundere mich, dass ich so klar im Traum war, endlich angekommen auf der anderen Seite, heiliges Getue des Wirklichen wie eine Schlange abgestriffen, lieb dich in meine seufzende Träne, sie antwortet mir selbst immer wieder. Bis ich mich endlich erfand. Und mich so auf meine Matratze legte, wie Blumen nie auf das Grab meiner letzten Muse. Allerletztes Gelächter. Und nun fahr ich dich an, weil auch du mir den Himmel nicht nimmst. Schämst dich aus Lust, mich zu mütigen. 

Wie verlebt.

* Wie sie dich manchmal verlässt. Und doch verflügelt. Du hörst halt nie richtig zu. Wie sie aus dir anwächst. Wie verlebt. Aus deiner abgetränkten Ehrlichkeit vergess ich mich nie. Blosses Verebben. Greif mir ins Denken wie zwischen die Beine. Mein VerlorenVerlogenSeyn. Farbe auf die Zunge legen. Eintrocknen lassen. Wie unbarmHerzig. Aufgeschobnes Hoffen. Es wird in die Welt und aus mir das wie unter Palmen Ausgefranste mich ausfressen. Wird dir auch den spitzen Absatz ins Gesäss martern. Wird dir auch auflauern.

wider ausspucken …

eingeladen zum Augenöffnen weiter sich einsehnen im vom Traum wieder eingefangen Werden weiter aus dem Ausatmen sich nicht mehr selbst verführen klangstreifend an deinem ungekämmten Haar vorbei entlang verschlingend erinnerst du dich noch an den Typen der sich von jedem Augenblick anschreien dann aufsaugen dann wider ausspucken liess der nie da war also kein Leben führte also von aussen sich selbst streichelte und das erst begriff als er sich aus seinen Fingern nagelte

Papp. illusion.

Weisse Orchideen. Kennen ihre Gelbtu pfer. Pu drig essenzieren

sich bläuliche Raupen aus hellen Adergewölben,

dem Resthauch des Luftnest´s entgegen.

Betäubt entstaubt die Luft.

Für diesen zwinkernden Moment.

Magnificat

Soviel an Hybris auf einem Haufen, das stinkt zum Himmel. Mancher drückt sich gern selbst den Stempel auf. Wie er durch etwas hindurchkommt. Dabei scheut er sich nicht, heimlich mal dem Beuys in die Fettecke zu schauen. Sein Fuß gerät auch hier nicht ins Gleiten. Schön warm wird da der Arsch. Was so innerhalb einer Woche da hindurchrauscht, so durchgedrückt wird, unversehens, da reiben sich alle die Augen. Magnificat. In meinen Augen, in einem halben Jahr sind wir längst anderswo.

Arbeit für Erzengel

Durchstoßen
Durchleuchten
Wie Pflanzen wachsen
In der Architektur des Wassers
Die Seele zwischen Glück und Gutsein

Auf der Nadelspitzen ewigem Vektorgeklüft
Hämmert das menschliche Herz
Einen Weg durch die Himmel

In Zwiebelhäuten gewachsene Gedanken
Im Gedächtnis eingebrannt
Bis die Sonne aus ihrer
Bewegung heraus
Fällt
Wohin der Raum ihr den Weg weist

freude freude winterfreude

die hunde tragen mäntelchen
die damen rouge und rinde
der herr trägt börse und jackett
und manchmal auch das kinde
das kind trägt einen psychoknack
und seine barbie huckepack
so tänzelt das gesinde
wir haben alle einen knick
uns fehlt der aus-und überblick
so könnte man wohl meinen
die raben krächzen voller glück
denn sie
sie haben einen
in der krone
(das ist der gipfel)

Emotion heißt Bewegung

Nein. Jetzt haue ich drauf: Es gibt Aschenbecher, die klimpern, halbvolle Gläser, die klirren, Wecker, die wecken, Zigaretten, die brennend vom Tisch hüpfen. Dieser lernt gerade das Zittern. Es ist kurz vor Mist! Ich schreie dir ins Gesicht, ja, du, Professor Doktor in spe, ich weiß, was dich bewegt, aber deine Sache hat mit dem vegetativen Nervensystem zu tun, jedes Tier sondert Gülle ab, und nichts wird das bringen, denn, wie mein alter Chemielehrer, ja, der mit dem bespritzten Kittel, sagte, von Nichts kommt Nichts, weil dir die Synapsen fehlen. Emotion, sage ich, deutlicher und ohne Resonanz, Emotion kommt von lateinisch emovere und das heißt sich bewegen, beweg‘ dein Gesäß, steuere meinetwegen mit dem Schwanz gegen, Emotion ist gleich Masse mal Beschleunigung, und weil dir dafür die Synapsen fehlen, kommen wir kein Zentimeterchen voran. Du bist nicht dick, du bist nicht schwer, und ich habe keine Angst vor Nähe. Jede Tier sondert Gülle ab und hat die dafür nötigen Synapsen. Doch bei dir ist jede Absonderung vergebliche Liebesmüh. Du kriegst auf die Glocke und merkst nichts davon. Der Tisch steht still. Im Park ist es ruhig. Die Zigarette glimmt.

Alice

Mein Fahrrad klappert über das Kopfsteinpflaster. Es ist ein relativ freundlicher Februarmorgen, an dem die Sonne von Ferne das Grau durchscheint. Ich fahre die Heerstraße entlang in Richtung Kölnstraße. Hier parken die Autos immer besonders blöd; immer in zweiter Reihe, so dass man ständig anhalten und auf dem Stück Einbahnstraße entgegenkommenden Autos ausweichen muss.

Eine dunkelblaue Vespa kommt auf mich zu geknattert. Eigentlich müsste ich ausweichen, doch die Vespa nimmt Kurs auf meine Straßenseite. Kurz bevor ich den Fahrer anfluche, der nun schon fast frontal auf mich zukommt und mit der ausgestreckten linken Hand auf und ab winkt, sehe ich unterhalb seines ebenfalls dunkelblauen Helms auf der dunkelblauen Jacke die Aufschrift: POLIZEI.

„Guten Morgen“, grüßt der Polizist freundlich, und während ich noch überlege, ob dieser Vespafahrer wirklich ein Polizist ist, sein kann, klärt er mich auf, dass hier gegen die Einbahnstraße auch das Radfahren nicht erlaubt sei.

Als mir ein: „Hä, seit wann denn das?“ entfährt, lächelt er mich freundlich an, sagt: „schon immer“, und bevor ich noch eine dumme Bemerkung machen kann, kneift er ein Auge zusammen, zwinkert mir zu und wünscht mir eine „gute Fahrt“.

Verdutzt wende ich mein Fahrrad und biege, wie automatisch dem freundlichen Polizisten gehorchend, in die nächste Seitenstraße ein. Also radle ich dieses Mal eben durch die Georgstraße und gelange über die Adolfstraße in die Kölnstraße. Fahre rechts an den Straßenbahnschienen entlang, am Ümit-Market vorbei, schräg gegenüber liegt der Aldi und wieder rechts: die Kölnstraße 127.

Und nun sehe ich zum ersten Mal in all den Jahren, die ich in dieser Stadt wohne, dass sich dort die Haustür öffnet. Eine Frau kommt aus dem Haus. Auf hohen Schuhen geht sie die Treppen hinunter, durchquert den steinernen Vorgarten, öffnet das schmiedeeiserne, mit goldenen Blüten verzierte Tor und tritt auf die Straße hinaus. Ich muss aufpassen, nicht vor Staunen und Starren mit den Fahrradreifen in die Straßenbahnschienen zu schliddern oder auf den Randstein zu schrabben.

Die Frau dreht sich zur Haustür um und winkt. Ich gaffe sie an und versuche erfolglos, auch noch zu erkennen, wem sie zuwinkt.

Sie ist mittleren Alters, trägt das sehr blonde Haar kurz und glatt und ist stark geschminkt. Ihr schmaler, roter Mund leuchtet. Ihre Nase ist spitz und endet in einem kleinen Schlenker aufwärts. Sie trägt vornehme, doch altmodische Kleidung. Heller Rock, dunkle Jacke, Handtasche.

Sie ist nicht wirklich Alice, doch ich muss in ihr Alice sehen – wen denn sonst! Irgendein Zauber macht aus ihr Alice; oder ist sie die Zauberin? Wer ist sie unter dieser dicken Schicht Make Up?

Ich könnte mich kneifen. Fahre weiter, nehme aber nicht den nicht den kürzesten Weg nach Hause durch die Graurheindorfer Straße, sondern, weiß der Teufel warum, den Umweg über die Drususstraße.

Und dort sehe ich aus einem etwas auffällig parkenden, silbergrauen BMW einen Mann mit silbergrauem Haar steigen. Zuerst halte ich ihn für eine Erscheinung. Doch es ist keine Einbildung: dort steht der leibhaftige Dr. Grau und blickt suchend an einer Häuserfassade hinauf.

Nun frage ich mich doch, wer der Vespa fahrende Polizist ist, der mich – mit einem Augenzwinkern – auf diese Tour geschickt hat.

Der Papst mit den neun Schwänzen

Es war einmal ein Papst, der hatte neun Schwänze. Als der Papst nicht mehr genau wußte, ob ihm seine Kirche noch treu war, reichte er den Rücktritt ein und stellte sich tot. Auf diese Weise konnte er fabelhaft beobachten, wie die Nachrufe auf ihn ausfallen würden. Knurrend legte er sich auf die gepolsterte Holzbank in seinen Privaträumen, hielt den Atem an und spitzte die Ohren.

O unser wunderbarer Papst, tönte es von allen Seiten. Das waren die Kardinäle, Meßdiener und zivilen Lakaien, die insgeheim einen Edelstein, eine dreihundert Jahre alte Handschrift oder einen unliebsamen Erlaß, den sie bei ihrer Aufwartung zufällig auf dem Schreibtisch des Papstes fanden, in ihre Tasche steckten und mitgehen ließen.

Ein miserabler, verschlossener, in allem enttäuschender Papst, rief unten vorm Fenster das Kirchenvolk. Es erbte nichts, es gewann keine Freiheit, aber sein Ruf hallte unheimlich durch den Nebel, der den Petersplatz einhüllte.

Wer hatte nun Recht? Der Papst auf seiner Holzbank ruhend, hatte beide Stimmen gehört und blieb unschlüssig. Wem sollte er die goldenen Petrusschlüssel anvertrauen? Den schmeichelnden Liebedienern, die vor ihm katzbuckelten und hinter seinem Rücken krumme Geschäfte machten? Oder dem motzenden Mob, der nach der Abschaffung des Zölibats verlangte, Frauen in den Priesterstan weihen wollte und am liebsten die ganze Moraltheologie in den Tiber warf?

Knurrend erhob sich der Papst von seiner Ruhebank, die Kardinäle und Lakaien erschraken. Schnell legten sie zurück, was sie vom Sekretär entwendet hatten oder schluckten ihre Beute unzerkaut, um sie an einem stilleren Ort aus dem Körperinneren zurückzugewinnen.

Das Kirchenvolk unten auf dem Platz erstarrte vor Überraschung, betete zur heilsamen Jungfrau und glaubte an ein göttliches Wunder, als es den Schatten des Papstes – untrüglich, es war der leibhaftige Papst! – hinter dem Fenster oben im Vatikan erkannte. Er gestikulierte, bewegte sich, er lebte!

Einige Wochen später starb der Papst wirklich. Er lag in vollem Ornat auf einer Bahre, wurde von sechs jungen Lakaien die Wendeltreppe von seinem Zimmer hinabgetragen, im Dom letztmalig ausgestellt und beerdigt.

Die Kardinäle ließen einen Kandidaten nach dem anderen für die Nachfolge aufmarschieren: aus Kanada, aus Kolumbien, aus Kenia, aus Kambodscha.

Keiner bestand die strenge Prüfung. Damit verhielt es sich so: Nach der gewöhnlichen Abfrage der theologischen Themen wurde der Kandidat einem peinlichen Verhör im engen Kreis unterzogen. Mit inquisitorischer Genauigkeit untersuchten die Kardinäle, ob der Kandidat tatsächlich, wie er behauptete, neun Schwänze besaß. Diese Ausstattung war unabdingbare Voraussetzung, um auf dem Papststuhl sitzen zu dürfen.

Der Kandidat aus Kanada kam dem Anspruch recht nahe, er hatte immerhin sieben Schwänze vorzuweisen. Der Kandidat aus Kolumbien nur einen, dafür war dieser besonders kräftig und ausdauernd. Der Kandidat aus Kenia hatte fünf, nicht weiter der Rede wert. Der Kandidat aus Kambodscha sogar acht, doch alle recht dünn und welk.

Keiner der Kandidaten bestand die Prüfung. Die Kardinäle waren ratlos. Kein weißer Rauch stieg vom Konklave auf. Da meldete sich auf dem Petersplatz ein Kind, genauer ein neunjähriges Mädchen aus dem niederen Kirchenvolk. Es bat die Kardinäle um eine Unterredung, die ihm gewährt wurde.

Welch Wunder, ein zweites göttliches Wunder. Nach wenigen Minuten stieg der ersehnte Rauch auf und ein junger Papst, in weißroter Robe, zeigte sich am Fenster, hob die Arme zum Himmel, drehte dem Volk unten entgegen der Etikette den Rücken zu, und das Volk erblickte neun prächtige Pferdeschwänze, sorgfältig geflochten, vom Haupt des jungen Papstes bis zu dessen Hüften wallen. Die Kardinäle lächelten entzückt und schwiegen. Das Kirchenvolk aber johlte vor Begeisterung, als wäre es auf einem Rockkonzert.  Die Hochzeit zwischen dem jungen Papst und der Kirche konnte gefeiert werden.

Frei nach den Gebrüdern Grimm

engel

die flügel ausgebreitet zu einer stadt
mit park und vor den toren wald
in den häusern stimmen
erinnerungen engel mörder
eine dichterin streunt durch die straßen
sprüht verse an die mauern
ist der tod durchsichtig
und wirft keinen schatten

im geträumten leben wäre ich wach

im geträumten leben wäre ich wach
lebte erinnerungen auf meine haut
ein tattoo
trüge den amethyst auf der brust
und das wasser zum brunnen
zöge kreise im achat
und auf dem wasser
an meiner seite ginge
dieser viel zu groß geratene engel
in der tram löste ich einen fahrschein für ihn
im kaufhaus wartete er vor den umkleidekabinen
bis ich ihm mein neues kleid vorführte
und früge er mich dann nach dem lied der amsel
ich sänge es ihm aus voller brust
zwischen den zweigen zitterte die sonne

Alles muss Bio sein, alles muss Öko sein: Ziegenkompost

Es ist nachts um drei und mir fällt zu diesem Thema absolut nichts ein. Erschöpft von Kälte und Arbeit, verfluche ich sie beide: die Natur und den Biorhythmus. Der beschert mir schon wieder schwache Texte mit ebenso schwachen Ideen. Mit verheißungsvollen, biokulturigen Über-Schriften, leicht geschlagen, weiß gesahnt und cremig gerührt, mit viel fetter Milch aus dem nahe gelegenen Ziegen-Euter, von der Ziege, die im Sommer die Balkonpflanzen unter ihren Hufen zerreibt und das Blau von den Schlüssenblumen knabbert. Ihr Gemecker ist im ganzen Haus zu hören. Und, warum schreibe ich schon wieder Mist. Ziegenmist, diesmal. Oben fährt jemand den Ziegenkompost und die Ziegengülle rein, damit alles in Zukunft noch besser gedeiht. Es wird immer später, und die Zeilen reden immer mehr davon. Gemecker, ein Geräusch ohne Inhalt. Ich scheuche den Bock aus dem Schlafzimmer und lege mich ins Bett. Damit ihr endlich Ruhe vor mir habt.

dämonen (nachts)

Das nächste Mal wurde ich wach, als sich neben mir etwas regte. Draußen war es noch dunkel.
Zwischen den Kissen hörte ich Asja seufzen. „Asja?“ flüsterte ich. „Wo bist du gewesen?“ Asja richtete sich auf. „Was meinst du?“ fragte sie schlaftrunken. „Ich habe geschlafen. Wie ein Haufen Steine.“
Ich wusste nicht, was ich denken sollte.
Asja murmelte etwas Unverständliches und vergrub sich wieder in ihre Kissen.
Ich tastete nach ihrer Hand. Sie war eiskalt.

Die Gefühle, die Dinge

Ist die Schwerkraft in der Schwere
Oder kraft meines Willens?

Nur Raum der fehlt, grün
Hinter der Sonne?

Leuchtendes im Dunkel?
Dunkel? Schwarz

Was du nicht wollen kannst,
Schwer bleibt’s zurück.

In der Luft wirbelt das
Leichte, Eigen-
Schwere mit Gefühl.

Zurück bleibt die Spur
Eines Schmetterlings auf

Der Netzhaut, Maschen
Für die Erinnerung.

* * *

Erinnerung, Ein-
Bildung des Gedankens
Im Gedächtnis

dämonen (2)

Als ich die Balkontür zum Markplatz hin öffnete, begriff ich, was anders war. Draußen herrschte dichter Nebel. Ich sah weiße Schwaden aus meinem Mund aufsteigen und sich mit dem Nebel verbinden. Kaum konnte ich die Straßenlaterne erkennen, die unweit der Balkonbrüstung eine orangegelbe Lichtwolke ins wallende Nichts sickern ließ. In der Ferne heulte eine Sirene auf und verschwand wieder. Mich fröstelte und ich schloss die Balkontür. Auf dem Weg ins Schlafzimmer fiel mir auf, dass Asjas Jacke nicht am Haken hing. Im ersten Moment wollte ich sofort draußen nach ihr suchen. Vielleicht wollte sie sich die Beine vertreten, war vom Nebel überrascht worden und hatte sich verlaufen. Aber ich konnte schlecht durch die Straßen des schlafenden Städtchens laufen und fortwährend ihren Namen rufen. Also legte ich mich wieder ins Bett und starrte auf das dämmrige Licht hinter dem Vorhang.