Aus welcher Zeit
stammt eigentlich
das Wort
Autobahnmeisterei?
Aus welcher Zeit
stammt eigentlich
das Wort
Autobahnmeisterei?
Teil II
Seine letzten Sätze begleiten mich seit dem Tag im Frühling, an dem ich Vater zum Mittagessen holen sollte. Ich stürmte in das Schlafzimmer hinein und rutschte auf dem Hosenboden zu der bleichen Gestalt, die am Bettrand saß und mit entrücktem Blick auf das Blut starrte, das pumpend aus seinem Arm schoss. Auf dem Linoleumboden hatte sich ein roter See gebildet, dickflüssig und rot-lackiert. Ich saß in dem See, meine Hände badeten im warmen Blut. Ich rieche es noch heute, süß-sauer, wie meine Lieblingssauce im Asia-Shop, der sich neuerdings Indochine nennt. Von diesem Tag an sprach mein Vater noch einige wenige Wörter. Laute Worte im Schlafzimmer, gedrückte Worte am Küchentisch, weinerliche Worte in der guten Stube. Auf Knien flehte er die Mutter an, ihn bitte nicht allein zu lassen. Es gäbe sonst keine andere Möglichkeit für ihn, als die Kinder zu Krüppeln zu schlagen. Es dauerte nicht lange und mein Vater nahm das Abschleppseil und ging in den Wald. Da er nicht allein sein wollte, nahm er seine Kinder mit. Das war auch nicht weiter verwunderlich, hatte er es doch schluchzend, aber deutlich meiner Mutter angekündigt. Mein Vater war zwar kein Pendant, aber er hielt seine Ankündigung und schlug seine Kinder, also uns, in der Absicht, unser Leben zu beenden. Um sicher zu gehen, beugte er sich über die scheinbar leblosen kleinen Körper. Ich öffnete die Augen und sah das vertraute, seltsam weiße Gesicht. Es war umrahmt von schwarzem Haar, das in weichen Wellen bis zu den Augen fiel. Es waren blaue Augen,ungetrübt, groß und klar. Vaters volle Lippen, die leicht bläulich schimmerten, öffneten sich und eine Stimme, hoch und brüchig, flüsterte: „Das ist die Schuld deiner Mutter. Sie war sehr böse zu mir.“ Dann wendete er sich ab, ging einige Schritte durch den Wald auf der Suche nach einem staatlichen Baum und beendete sein Leben. Mein Vater stand an diesem heißen Augusttag in seinem dreiunddreißigsten Sommer.
Schnee weiß, graues Eis
Auf rissigem, geborstenem Grund.
Warme Flickendecke liegt auf ihm:
Die Wege der Verkehrsknotenstadt.
Und über ihr schwimmen die Wolken,
Decken das Himmelslicht zu.
Und über ihr hängt gelber Dunst,
Zweitausend Jahre ist sie alt,
Durchlebt unterm Scheinen des Sterns mit Namen Sonne…
Und zweitausend Jahre lang Krieg
Ohne besonderen Grund,
Dieser Krieg bleibt ewig jung –
Dauerpille gegen die Falten.
Auf der Erde schwimmt rot das Blut,
Die nächste Stunde saugt alles fort,
Die nächsten zwei zeigen Blumen und Gras,
Die nächsten drei töten allen Schmerz
Und erwärmen uns durch Licht des Sterns mit Namen Sonne…
Und wir kennen das alles sehr gut,
Kennen sie, die das Schicksal liebt,
Die da leben nach anderem Gesetz,
Die da sterben, ewig jung.
Sie kennen nicht die Worte ja und nein,
Alle Namen und Ränge ein Nichts,
Recken sich bis ans Himmelszelt,
Nicht im Traum und nicht für Geld –
Fallen brennend aus dem Himmel des Sterns mit Namen Sonne…
Salz hängt spröde an den Klippen
meiner Träume,
und die Wellen rauschen nur von fern.
Ich gleite von den windgepeitschten Hügeln.
Immer tiefer
falle ich zu dir.
Einst wiesen deine Blicke meerwärts,
blaue Ruhe vor dem Sturm.
Dann warf ich in dir Anker.
Wozu Gedichte? Die alte Frage
streicht den Kern der
Dinge einfach
durch.
Durchstreift die Gegend
zwischen allen
menschlichen
Angelegenheiten, ein Kater
mit Kopf Herz
& Schnauze.
Die Frage aus dem Kater
tönt hell, klar
strahlt das Licht
durch den Himmel.
Prolegomena eines elementaren
Strahlens, X
Quadrat der Rest
begegnet sich als Punkt
an der Grenze.
Ein Schlauchboot beladen
mit Resten, X
potenziert in der
Ansammlung Welle um Welle.
Die neunte trägt das Schicksal
unterm Scheitel:
Vorherbestimmt
die Wirkung der Elemente,
Vorherbestimmt alles
was geschehen wird nach
dem Gesetz –
wessen Gesetz? welche Begründung
dung für das Denken,
wessen Denken, Punkt
mitten im Satz.
Mitten in der Sprache ein
Ort, keine Mitte –
knapp
daneben blinkt
das erste Satzzeichen auf:
Stern & namenloses Streben
nach Eröffnung eines
Raums, abgetrennt
von allen menschlichen An
gelegenheiten…
Die Zeichen erscheinen in der Sprache
als Pilze des Universums.
Die Wesen erscheinen in der Welt
vor der Grenze allen Fragens
& Denkens.
Blinken
auf & verschwinden,
wer
kennt schon alle seine
Atome, X
potenziert in den gebrochenen
Dimensionen
der Zeit
des Raums
der Bewegung
vor aller Bewegung.
Und wieder verstrich eine Gelegenheit
menschlich zu sein,
wieder schob sich ein Stück
Sprache vor das Denken,
wieder schlug das Herz
dreimal ohne Pause
Opfer
wessen? nach dem Gesetz
von Ursache und Wirkung
Wir begriffen es nicht,
dieses Dorf mit dem offenen Himmel,
den verschlossenen Blicken.
Die Nachmittagssonne, die über dem
Anger lag, schien melancholisch,
als erinnerte sie sich
besserer Zeiten.
Wir mit unserem
Städterverstand liefen herum
um die verriegelte Feldsteinkirche,
vergewisserten uns ihrer Unversehrtheit,
pflückten Holzäpfel aus dem Pastorengarten,
bestaunten vermooste Grabsteine
ausgestorbener Adelsgeschlechter.
Es gab nichts zu sagen.
Wir hüteten uns, an verborgene Dinge
zu rühren, wir fanden die Worte nicht, hier
im Dorf der begrabenen Träume,
von dem vorzeiten ein Dichter schrieb,
er habe sogar den Namen vergessen
über so viel Traurigkeit.
Die Glückszustände werden rar,
Leiber sind wir, voll des Schmerzes,
Ertrinkende im Meer des Daseins.
Wir glauben es nicht.
Der Preis ist hoch:
Leben ist Verzicht, Verzicht ist Leben,
vorsorglich versichern wir uns
goldener Tage. Uns bräche das Herz,
nähmen wir kommende Entsetzlichkeiten
zur Kenntnis.
Erinnern einzig,
mit dem Blick auf die Erde, auf die wir
einst kamen. Unsere Lebensreise
ist nüchtern, auf Vorteil bedacht, leer
wie unsere Hände.
Wir sind auf der Flucht,
gefesselt an die Last verworfener
Einsichten, wir gehen unsere Wege, aber
wer weiß schon,
wohin.
So – nach langer Zeit meldet sich der Admin mal wieder. Was verborgen blieb: in den letzten Wochen hat sich immer wieder unsere Jury getroffen und die Beiträge der letzten zwei Jahre – von April 2014 bis März 2016 – gelesen, durchforstet und ausgewählt: Wir planen Band 8 der gedruckten Inskriptionen, der vielleicht schon im Sommer spätestens im Herbst erscheinen soll. Demnächst schreiben wir alle Autoren der ausgewählten Beiträge an…
Und dies heißt auch, dass das Motto der gesplitterten und gestundeten Zeit nun Geschichte ist – obwohl es noch angezeigt wird. Bitte schreibt uns eMails an post@l-lv.de und teilt uns eure Vorschläge für Themen der nächsten Periode mit. Wir sind gespannt!
Jahr um Jahr geht
ins Erinnern ein, und noch immer
derselbe Märchenmond,
dieselben Paradiese.
Schwer drückt die Zeit
auf die Seelen, die schon
gestorben sind an den Kriegen
oder am Leben.
Unendlich die Nacht,
die kalt in die Fenster weht
mit ihrer Trostlosigkeit, der Angst
vor dem Dunkel.
Und wir denken,
das alles müsse für ewig sein,
unwandelbar, dieses Ungreifbare,
das uns gefangen hält.
I
das tier biegt sich im wind
das tier ist ein kind
das kind kehrt heim
aus dem krieg
über das gebirge ziehen
herden von küchenschellen
und steinbrech
du wirfst ein dorf in die landschaft
konzentrisch bewegen sich kreise
von ferne darauf zu
fliehen die kinder
mit den tieren in den wald
das kind ist alt sehr alt
viel älter als die welt
als mama und papa
nicht so alt wie die drachen
vielleicht zwei jahre oder vierhundert
tauben gestreut in augen
blicke weit weg
II
mit großer geduld essen wir
falterflügel in der hoffnung
dass wir fliegen lernen
und durchsichtig werden
dass der tag uns heimat bietet
und die nacht uns loslässt
ein anderes mal wollen wir
fische sein eins mit dem schlamm
am grunde des meeres
überhäufen wir unsere kinder
mit schmerzen um ihnen ein langes leben
wie unseres zu ersparen
III
die schatten der hauswände stürzen auf den gehweg
von den dächern weht schnee
du wechselst in die mitte der straße
bei der u-bahnstation am warschauer platz
triffst du zwei dichter
von früher
auf polnisch singen sie dir lieder von schwarzstörchen
auf der reise über die ebenen und flüsse
zittern deine lippen
wenn du an jacek denkst und andrzej
auch sie waren dichter und sangen
von den zügen in die lager
als sie kinder waren und auf gleisen spielten
IV
tauben gestreut in augen
blicke weit weg
in deine wohnung kehren stimmen zurück
leise
und laute
sitzt du in kurzen hosen
draußen im sandkasten und bist
indianer
in den gebüschen lauern die feinde
ruft mutter vom fenster zum essen
eine tote amsel in einer pappschachtel
begräbst du neben dem holunder
vom zahnradkranz springt eine fahrradkette
knallt auf das gehwegpflaster
durch den schmiedeeisernen zaun eines vorgartens
beobachtet dich häuptling großer wolf
wie eine büffelherde ziehen die autos
an deinem gestürzten pferd vorüber
dicht über das prairiegras schweben
flugzeuge durch die geöffneten fenster
einer leeren wohnung
fährt vater zur see und mutter
begleitet die amsel ein stück
auf ihrem weg zum himmel
Dann ertönte vor dem klaren, sternschwangeren Nachthimmel Afrikas eine sprechende Trommel. Ihr Klang ahmte das Auf und Ab freundlicher Scherze, heftiger Streits, entrückter Körper nach, das fragende Schluchzen unbewußt verwobener Dimensionen – und stellte somit unwillkürlich jedem Hörer, egal welchen Charakters, die Frage nach dem letzten Geheimnis. Ebenjene Frage, deren Form schon ihre unfassbare Antwort vielversprechend andeutet und doch zugleich auf ewig verschattet.
Geschriebene Worte vermögen dir ein Schmunzeln zu schenken, ihre Nuancen eine Gänsehaut erzeugen, manchmal vielleicht gar einen Schweißausbruch. Aber eine Trommel aus weichem Fell, straffer Haut, einem wohlgeformten Stamm – eine solche Trommel, die zugleich spricht! – vermag den Geist so viel weiter zu tragen, raunte sie mir zu und schwieg dann – obgleich mir war, als ob sie inmitten meines Herzens unaufhörlich leise weiter flüsterte – bis zum Ende dieser reichen Nacht.
Traurig die Schatten der Sonne
im März, die auf das Straßenpflaster
stürzen in die ewigen Zweifel,
die Unentschiedenheiten
des Menschen.
Entsetzlich das Wissen um die
Vergänglichkeit von Zeit – lebenslang
der Uhrschlag zwischen kalkigen
Wänden, mit dem Perpendikel
der Angst.
Und weiß, so weiß
überm Glanz der Erwartungen
die Märzensonne, deren Schatten
viel zu schwarz, als kämen sie
aus der anderen Welt.
für einen Moment, die Engel
hatten sich
von ihren Nadelspitzen erhoben
und ließen stumm im Gedächtnis die
sämtlichen Ziffern der Zahl
Pi abrollen.
Die Kurse an den Börsen
des Nordens standen still,
der atlantische
Ozean wiegte sich, wiegte
sich fast
allein unterm Mond.
Standbild der Geschichte.
Standfoto.
Die Straße, die Häuser,
zehn Etagen, die Dächer
von Krähen und Tauben bewohnt,
Halbtote in späten Betten,
milchigen Traumstaub
in den Lidern.
Hauptstraßenwahnsinn
schon am Morgen, das Ding ohne
Anfang und Ende, und der neue Mensch
in verkrusteten Schläuchen, alt wie
das Klacken der Kirchturmuhr
im Rundlauf der Zeiten.
Die Straße, die Häuser,
die taube Sanftmut des Himmels –
gestaltlos weht Zukunft ins Haar,
morgens, wenn die Stadt sich
taumelnd dem Mahlwerk
des Tages ergibt.
Auf Pirsch durchs Städtchen : das verschlafen
In den Abend dämmert : Spielhallen : Kneipen
Hier drehen sich die Türen : das Pflaster
Ruht : vereinzelt klappern Schuhe
Wer ist noch unterwegs : in dieser Frühe
Der Fluß strömt dunkel schweigend vor sich hin
Er wüßte zu erzählen : wer über die Brücke ging
Wer Zerstreuung sucht und wer das schnelle Glück
Die Füße wund : ich drehe meine Runde
Nichts hält mich auf : nichts zieht mich rein
Ich rolle mich im Schlaf : was für ein Kater
Fröhlich hüpfen kleine Frühlingstropfen auf dem Balkongeländer umher, ein wenig Wind pfeift leise und nicht gerade kalt dazwischen. Stiefmütterchen, gelb und blau, violett und orange leuchten heiter inmitten hellen Himmelsgraus.
Sprache – denke ich mir, fragen sie – kann Sprache uns erkennen? Lacht ihr mit uns, wenn ihr unsere Blüttenblätter flirrend segeln seht? Oder verlacht ihr viel eher unsere farbenprächtig zur Schau getragene, kindliche Eitelkeit?
Vorsichtig und einfühlsam, wie wohlwollende und aufmerksame Freunde, rutschen zwei kleine, spielende Tropfen das Blütenblatt der großen, gelben, nachdenklichen Anführerin herunter.
Was für eine Antwort würde dem hypothetischen Interesse der Stiefmütterchen an menschlicher Art und unseren Absichten wohl gerecht werden?
Vielleicht, dass auch unsere Körper das Gleiten, da sie auf dem Parkett des Lebens elliptisch mit der Liebe zu dessen Gestalt auftanzen genießen?
Dass auch unsere Seelen das in der Individualität der Liebe angelegte Missverständnis des unsicheren Fremden, des überheblichen Nahen trübt – und sie trotz allem stets jenen grinsenden, mysteriös wie Polarlichter schweifenden, ach so vielversprechenden Ewigkeitskaskaden lüsterner Blumennebel nachschauen?
Das gelbe Stiefmütterchen richtet das Blütenblatt etwas auf, ihr Durst ist vorerst gestillt.
„With a little help from my friends“ summt es dankbar, scheint mir, durch feinste Kapillaren.
Träume ich, oder wache ich?
Friere ich, oder ist das Hitze?
Habe ich es nun begriffen?
Wird es nun gerade Winter, oder wird es Sommer?
Zwei plus zwei, oder zweimal zwei?
Zwei hoch zwei?
Hochzeit gar?
Bin ich noch in der Schule, oder ist das schon ein Altersheim?
Was feiern wir eigentlich?
Geburt? Begräbnis?
Kommt es denn auf mich wirklich an an diesem Staatsfeiertag?
Ist dieser Wille nun allgemein oder tut er nur so?
Tut was? Tut nichts?
Tut keinem was zuleide?
Keiner Fliege? Keinem Elefanten?
Verspricht dieser November einen April?
Ist es ein Traum, ist es ein Datum?
Bin ich zählend nun bei einer Million angelangt, oder ist es schon eine Milliarde?
Schach oder Go?
Bin ich die Regel oder eine Ausnahme?
Ist das nun Leben oder Sterben?
Die Glückzustände
werden rar, wir sind Leiber nur
voll Schmerz, in Rückspiegeln
Ertrinkende, das große Wort
führt der Verzicht.
Erinnern einzig,
mit dem Blick voll Erde, auf die
wir gekommen, damals, als die Winter
anbrachen, als die Krähen kamen
aus kalten Regionen.
Wir glauben es nicht.
Uns bräche das Herz, nähmen wir
kommende Entsetzlichkeiten zur Kenntnis,
wir versichern uns goldener Tage,
wir sind gar nicht hier.
Dies unser Licht.
Wir fliehen durch die Jahre,
suchen den Weg, der hinausführt aus
dem Verhängnis, doch wer
weiß schon, wohin.
Mein Thema für heute lautet: Mathematische Vernunft. Das ist, soweit ich sehe, etwas Neues. Worüber bisher unter der Klammer des Mathematischen nachgedacht wurde, ist überschaubar: mathematische Theorie, mathematische Fragen und Probleme, mathematische Sprache, mathematisches Denken, mathematische Logik. Habe ich vielleicht etwas vergessen? Mathematische Bücher? Das sind die, in denen die Theorie drin steht. Mathematische Krimis? „Die Entdeckung des Unendlichen“ (David Foster Wallace) oder „Fermats letzter Satz“ (Ian Stewart) gibt es, aber sie werden – noch?! – kaum gelesen. Bücher über Einstein und die Relativitätstheorie haben es da leichter. Gibt es mathematische Romane? Ich kenne nur einen: Leopold Infelds „Wen die Götter lieben“. Auch mathematische Erzählungen scheinen nicht viel zahlreicher zu sein. Aber immerhin existieren sie, im Deutschen etwa Hans Magnus Enzensbergers „Der Zahlenteufel“, im Russischen dagegen Sergej Bobrovs „Magisches Einhorn“ (sowie seine Zwillinge Zwei- und Dreihorn…)
Zieht man hier mit dem Prädikat der mathematischen Unterhaltungsliteratur eine Klammer, affirmiert man die unsinnige Meinung, Mathematik sei in erster Linie für Mathematiker da, was rein formal, wenn auch für die meisten Menschen schwer nachvollziehbar, zu der Folgebehauptung führt, Mathematik (als Gegenstand mathematischer Unterhaltungsliteratur) sei unterhaltend. Na ja, seit einigen Jahrzehnten bildet sich immerhin eine Art Wissenschaftsjournalismus heraus, der das diesbezügliche mathematische Problem erkannt zu haben scheint und – wenn auch in scheinbar infinitesimalen Schritten – an seiner Auflösung zu arbeiten begonnen hat. Aber: „Die Geschichte der Null“ (Robert Kaplan) ist noch im Gange, und „Die erstaunliche Geschichte des Paul Erdös“ (Paul Hoffman) ist wohl nach wie vor nicht mehr als erstaunlich. Was mehr aber könnte sie sein…
Mathematische Drehbücher? Erzählungen von Genie und Wahnsinn, alle irgendwie berührend, alle ähnlich.
Mathematische Themen? Eine Domäne für Ingenieure, SciFi-Autoren und ihr Fachpublikum.
Mathematische Gedichte? So etwas wie die sog. konkrete Poesie. Vielleicht sogar Neue Musik, hier fällt die Unterscheidung von Regel und Ausnahme. Gesetz und Abweichung. Abweichende Abweichung. Fortgesetztes Abweichen.
Endlich sind wir im Fahrwasser einer mathematischen Vernunft. Von mathematischen Scherzartikeln kann also im Folgenden abgesehen werden.
Vernunft also. Was macht sie zu einer mathematischen? Kann es überhaupt eine nichtmathematische geben? Hegels vielleicht, aber bei der fragt es sich nach wie vor, inwiefern sie denn nun tatsächlich eine ist.
Zweifelhafte Vernunft, das 20. Jahrhundert liegt seit knapp zwei Jahrzehnten hinter uns. Ein 21. aber gibt es noch nicht – seit fünfzehn Jahren, scheint es, befindet sich die Menschheit in einem Zustand permanent nachdunkelnder geistiger Umnachtung.
Kriege werden nicht mehr erklärt, nur noch geführt. Hauptsache, der Feind stirbt. Über Recht und dergleichen reden wir nach dem Endsieg.
Information wird mit einem aufwändigen Urheberrecht privilegiert, die gleichen Souveräne bedienen sich weltweit auf den privaten Rechnern, als wäre dort alles gratis.
Die Öffentlichkeit ist ebenso geheim wie in ihrer ganzen Banalität scheinbar geheimnisvoll. Sie ist zu einer öffentlichen Heimlichkeit geworden.
Und: die verdienstvollen Einzelnen, die alles das nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten, werden als Schwerverbrecher gejagt und als Vaterlandsverräter gebrandmarkt.
Was ist mathematische Vernunft?
(Fortsetzung folgt)
Die relative Funktionslosigkeit, ja Brache ganzer Hirnregionen während des Essens war wahrscheinlich ein Glück für den Hirnbewohner, denn der Geist war durch die Jahrhunderte voll günstiger Bedingungen immer unruhiger geworden.
Was Himmel sei? Na klar, noch immer eine Feste zwischen den Wassern, welches uns Heutigen leichter erscheint als Luft. Entscheidend ist ihr Strömen. Im Zeitalter der Hoch- und Tiefdruckgebiete kommt es wie ehedem darauf an, mit der Grenze zwischen hier und dort die unzulässige Vermischung der Regionen des Raums zu verhindern – das Chaos. Ob nun Himmel, Windspiel oder Außengrenze: immer scheint es darum zu gehen, wie der Angst vor dem Unendlichen begegnet werden kann.
Hier sind sie eingetroffen : mit flatternden
Wimpeln : am Fuß der Berge gelandet
Wie grüßen die Wälder : die Bäume
Winken : mit offenen Armen
Dunkle Krieger verließen das Schiff
Unbeeindruckt von Sonne und Mädchen : plünderten
Sie Dörfer und Siedlungen
Richteten die Säulen der Römer
Auf : zum Zeichen der Herrschaft
Über das Land mischten sie sich
Mit dem Volk : nach Generationen
Nicht mehr zu unterscheiden : da kamen die Ritter
Der Reinheit : haha : und metzelten
Im Namen Gottes nieder : was fremd schien
Im Namen des kindlichen Gottes
Im Namen der Liebe
Im Namen der Mutter Gottes
Winken die Bäume und strecken die Arme
Nach oben : dem von Wolken gekräuselten
Leicht überspannten Himmel entgegen
Zum Beispiel Russland: Schnee
ist das weiße Rauschen aller
unserer Objekte, Schwester, du
weißt wovon ich rede. Innen
war die zukünftige Kon
vention, die Invention definier
ter Gelegenheit; du wirst meine
Maske sein, wenn Puschkins
Urgroßvater sein <>
Wiederanstimmt: wieder und wieder!
Das eine Buch handelte von
Schwerindustrie, Tod & Enthusiasmus.
Kategorien oder Liebe … dein Haar
reicht von Neufundland bis
Florida – skythische Braut du – – eine
„Mein Leben gähnt mich an wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus. Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, einige verwelkte Rosen und zerknitterte Bänder auf dem Boden, geborstene Violinen in der Ecke, die letzten Tänzer haben die Masken abgenommen und sehen mit todmüden Augen einander an.“ (Georg Büchner)
Für manche Menschen ist der Donnerstag gelb. Oder hellblau. Vielleicht Violett. Wie Viola, das Veilchen. V wie Violett war der erste Buchstabe im Vornamen meines Geliebten. Er hieß nach Oscar Wildes zweitem Sohn. Seine Mutter mochte den irischen Schriftsteller. Schon nach unserem ersten Treffen wusste ich, dass er seinen Namen hasste. Es war der Tag, an dem wir begannen, uns oft zu treffen, als er mir
Ich riß die Finger aus dem Mund und suchte nach einem Gummiband. In meinem Nähkasten lag eines, rot und fleischig. Ich wickelte es mir um, bis die Fingerspitzen blau zu werden begannen.
Staub fiel in feinen Körnchen von einer Packung, während ich sie aus dem Regal nahm. Aus dem blau gewürfelten Pappkarton zog ich ein eckig geformtes Flakon heraus, eher unscheinbar, mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit gefüllt.
Melisand hockte im Schneidersitz auf dem Sopha. Sie rauchte eine lange, schwarze Zigarette, als ich ihr Zimmer betrat, und sie las gedankenverloren in Oscar Wildes De Profundis. Sie blickte erst von dem Buch auf, als mein Parfum ihre Geruchsnerven streifte.
Was soll ich dir sagen, willst du es überhaupt wissen. Langweilt es dich nicht? Ach, ich sage dir was: manchmal langweilst du mich auch. Dein Geist ist nicht immer scharf oder kommt üppig zu wachsen, dein Körper ist oft müde und schlaff.
Meine Gedanken waren immer noch bei dem Gespräch, das ich am Freitag mit Virginia geführt hatte. Sie hatte zwar ein wenig durch die Blume gesprochen, wie sie es häufiger tat. Dennoch kam ich nicht davon los, was sie gemeint hatte, während sie es aussprach. Es hatte viel mit meinem Verhältnis zu Konrad Schmetteling zu tun. Genau genommen verband mich nichts mit Konrad Schmetteling. Es war ein Verhältnis, das sich abspielte, ohne daß etwas Nennenswertes geschah.
Melisand hatte begonnen, sich auszuziehen. Unter ihren Rüschen war sie nackt. Ihre Haut roch nach Nocturne de Caron und ich erinnerte mich vage an einen merkwürdigen Tagtraum.
Efim Jurist schwebt durch Klänge : Piazzolla
Reißt sie in Fetzen : ich blicke auf deine ruhig
Übereinander geschlagenen Knie und sehe
Die Schwere nicht : ich spüre den Knoten
Mit dem wir uns hüftnah einspinnen
Um Mitternacht : den Fluchtweg
Immer im Blick : vergessen haben wir
Den Ausgang : die Lust am Entknoten
Ist größer als jedes Lamento : Jourist
Verhallt : Piazzolla endet jäh
dein vater ist bekloppt. erst entkalkt er die kaffeemaschine und lässt die tablette drin. dann brennt er die zeitung an. das kleinkind kommt in den laufstall. die hunde von oma haben nicht gehorcht, weder der eddie, noch der purzel oder der lumpi. weil die oma immer diktieren wollte. das haben die sich nicht gefallen lassen. die waren so stur wie ihr frauchen. zur belohnung darfst du den hund ausführen, sagte oma, nachdem wir die botengänge für sie erledigt hatten. und immer war es windig. nachdem die hecke geschnitten war. der kirschbaum, die birken, alles flog im sommersturm zur seite. und dann hatte sie keinen vater mehr. der pflaumenbaum war innen hohl und brach in der mitte durch. am anderen tag sahen wir an den ästen ganze pakete von unreifen pflaumen. kommst du jetzt mit in den laufstall? ein feuerzeug und eine zeitung brauchen wir zum spielen. zum dein vater ist bekloppt spielen. hast du den teller leer gegessen. ich habe deiner oma kostgeld gegeben. für die innereien, die sie meinen jungs serviert hat. bei der oma essen wir nicht mehr. dein onkel sollte gärtner werden. für fünfzig pfennig mussten wir rüben hacken, der junge lag neben mir im kinderwagen. abends, wenn wir fernsahen, kam dein vater immer zu uns im grauen kittel aus der werkstatt. da kuckte der junge hinter dem vorhang. und du hast im auto gesagt, max und moritz wixen auf dem tonberg, ich saß vorne und du mit deiner mutter hinten. und du sorgst für mich. das hat sie mir hoch angerechnet, die mutter blume. deine mutter dagegen hat nicht locker gelassen. ihr dünkel, ihre arroganz, ihr schwarzes haar.
„Du Schuft und dein dir eigener boshafter, chauvinistisch getränkter Charakter kann mir gestohlen bleiben! Ab jetzt suche ich mir einen sensiblen Mann, einen, der mich auf Händen trägt, der mich, eine Frau, als vollwertigen Menschen ansieht und nicht nur als ein Stück Fleisch mit dem man alles machen kann und das erst plattgeklopft so recht genießbar wird.“
Sie wandte sich von ihm ab und obwohl sie sich unwillkürlich der Inszenierung dieses Abwendens – wie in den unzähligen von ihr so geliebten Schwarz-Weiß-Filmen – bewußt wurde, so war das in ihr brodelnde Konglomerat aus Traurigkeit, Wut, Hass und Sehnsucht nach Liebe doch so authentisch, dass die Mischung aus Geste und Vehemenz ihrer Emotionen ein winziges Lächeln in ihre Mundwinkel zauberte. Konnte es sein – hatte sie etwa Spaß an ihrer Rolle?
Während sie diese, ihr Selbst-Bewußtsein hinterfragenden Gedanken beseite schob und rasch nach seiner Reaktion auf ihre halbe Performance lugte, überraschte sie die mittlerweile in seinen Blick getretende, entwaffnende Milde.
„Ja, Endstation Sehnsucht, meine liebste Seeräuberjenny. Es ist wahr! Sicherlich bin ich ein epischer Schuft brecht’scher Proportionen!
Und manchmal ist’s mir – und scheint’s dir, ich kann es dir nicht verkennen – als wärst du jenem, auch mir beizeiten fremden Ich, nur Beiwerk, nur Zuckerguss dessen wahrer, egomanisch-selbstzerstörerischer Natur.
Doch was liegt darunter verborgen, was ist es, das dich – trotz allem – spielen, das dich lächeln, das dich deine Gefühle, obschon umherwirbelnd wie ein karibischer Sturm, tief, ruhig und klar in dessen Auge wissen lässt?“
Nun wandte er sich langsam, mit wohlkalkulierter Theatralik von ihr ab – jeder seiner nun folgenden Schritte schien einem Zweck zu folgen – und während er sich sicher sein konnte, dass sich ihre Hoffnung auf seinem Rücken sanft bettete, ertönten die ersten Klänge von Chopins zweitem Klavierkonzert.
Die Rosen dufteten betörend an diesem frühen Sommerabend. Die drei Freunde beschlossem, ja was, es spielt eigentlich gar keine Rolle. Selten genug ist ein dritter Satz bereits so festgelegt, dass alle weiteren Worte auf den blauen Sack am Ende des Textes zusteuern müssen – ob sie nun wollen oder nicht.
Was also sagt mir dieser Duft, kann er uns überhaupt etwas sagen, es wäre eine Aussage über die Vergangenheit von derjenigen Art, wie. Eine Anzeige in der Zeitung. Texte kann man lesen, man kann sie schreiben oder aufgeben. Eine Flaschenpost – oder ein Päckchen unbekannten Inhalts?
Gefährlich, gefährlich wispert es in den Neuronen. Wo sonst, fragt sich der Mensch der Zukunft. In der Gegenwart ist jeder Text bereits ein Rechenschaftsbericht des Wortkünstlers an seine, vielleicht auch nicht seine Mitmenschen.
Mit dem vierten Absatz beginnt etwas Neues. Lassen wir den Text mit seinem zweiten Satz anfangen … es spielt eigentlich gar keine Rolle. Das Problem ist also nicht das Ende, es ist immer der Anfang.
Oder liegt es im Eigentlichen? Die zum Jargon verkommene Sprache ist leider kein Körper, den man begraben könnte wie einen toten Hund. Sie wehrt sich gegen denjenigen, der sie benutzt. Es ist der Weg zur Mülldeponie
und drei Freunde beschlossen … nichts, vierbeinig wie sie damals noch waren. Der Dreibeiner hatte noch nicht das Licht der Welt erblickt. Aber die Rosen dufteten bereits wie.
Ja, es spielt doch eine Rolle. Könnte gut sein, dass sie stinken. Der Mensch der Zukunft liest seinen Text und denkt nicht. Denkt nicht was zu denken vorgegeben in den Rosen, Säcken oder sonstigen Worten.
Denn kaum war Mutter im Krankenhaus, nahm Vater das Feiern, das Essen und Trinken mit seiner Familie wieder auf. Vater – ganz wie der Tintenfisch ein Meister der Tarnung.
der Schnee hat Stille gebracht und er
verwandelt den Blick : ich blicke
vom Fenster auf : Türmchen und Zinnen
strecken ihre Ärmchen den Flocken
entgegen : wie schön! : die Sonnenuhr
zeigt nichts an : nicht mal die Mondphase
letzte Nacht wimmelte es auf dem Platz
das Volk versammelte sich : seit Jahren
schweigt der Erker unter der Uhr : früher
verkündete hier der Bürgermeister
die Neuigkeiten : Gesetze und Urteile
wurden sofort vollstreckt : am Pranger
stand Veit Stoß : nach seinem Rendezvous
mit fünf Jungfrauen : auch heute gäbe es
viel zu verkünden : und manch chattende
Jungfrau wünscht ihren Liebsten
am Pranger : wenn er mit anderen chattet
wie hässlich! : Eifersucht überlebt Innovation
Reformation und Gegenreform : archaisch
tief verwurzelt : kehrt sie als Racheengel
zurück : auf der Bühne wird bis um drei
Uhr nachts die Liebe besungen : als wäre
sie fortgegangen von uns : fortgegangen
vom Menschen : wir chatten und beschwören
sie : umsonst : ja : wir entwickeln
uns : einen Schritt vor und zwei zurück
Stille bringt der Schnee : schnell
rollt das Räumfahrzeug drüber : damit
wir wieder : wie gewohnt! : lärmen