In eigener Sache

So – nach langer Zeit meldet sich der Admin mal wieder. Was verborgen blieb: in den letzten Wochen hat sich immer wieder unsere Jury getroffen und die Beiträge der letzten zwei Jahre – von April 2014 bis März 2016 – gelesen, durchforstet und ausgewählt: Wir planen Band 8 der gedruckten Inskriptionen, der vielleicht schon im Sommer spätestens im Herbst erscheinen soll. Demnächst schreiben wir alle Autoren der ausgewählten Beiträge an…

Und dies heißt auch, dass das Motto der gesplitterten und gestundeten Zeit nun Geschichte ist – obwohl es noch angezeigt wird. Bitte schreibt uns eMails an post@l-lv.de und teilt uns eure Vorschläge für Themen der nächsten Periode mit. Wir sind gespannt!

Still-Leben

Jahr um Jahr geht
ins Erinnern ein, und noch immer
derselbe Märchenmond,
dieselben Paradiese.

Schwer drückt die Zeit
auf die Seelen, die schon
gestorben sind an den Kriegen
oder am Leben.

Unendlich die Nacht,
die kalt in die Fenster weht
mit ihrer Trostlosigkeit, der Angst
vor dem Dunkel.

Und wir denken,
das alles müsse für ewig sein,
unwandelbar, dieses Ungreifbare,
das uns gefangen hält.

die entdeckung amerikas | kar freitag

I
das tier biegt sich im wind
das tier ist ein kind
das kind kehrt heim
aus dem krieg
über das gebirge ziehen
herden von küchenschellen
und steinbrech

du wirfst ein dorf in die landschaft
konzentrisch bewegen sich kreise
von ferne darauf zu
fliehen die kinder
mit den tieren in den wald

das kind ist alt sehr alt
viel älter als die welt
als mama und papa
nicht so alt wie die drachen
vielleicht zwei jahre oder vierhundert

tauben gestreut in augen
blicke weit weg

II
mit großer geduld essen wir
falterflügel in der hoffnung
dass wir fliegen lernen
und durchsichtig werden
dass der tag uns heimat bietet
und die nacht uns loslässt
ein anderes mal wollen wir
fische sein eins mit dem schlamm
am grunde des meeres
überhäufen wir unsere kinder
mit schmerzen um ihnen ein langes leben
wie unseres zu ersparen

III
die schatten der hauswände stürzen auf den gehweg
von den dächern weht schnee
du wechselst in die mitte der straße
bei der u-bahnstation am warschauer platz

triffst du zwei dichter
von früher
auf polnisch singen sie dir lieder von schwarzstörchen
auf der reise über die ebenen und flüsse
zittern deine lippen
wenn du an jacek denkst und andrzej
auch sie waren dichter und sangen
von den zügen in die lager
als sie kinder waren und auf gleisen spielten

IV

tauben gestreut in augen
blicke weit weg
in deine wohnung kehren stimmen zurück
leise
und laute
sitzt du in kurzen hosen
draußen im sandkasten und bist
indianer
in den gebüschen lauern die feinde
ruft mutter vom fenster zum essen
eine tote amsel in einer pappschachtel
begräbst du neben dem holunder

vom zahnradkranz springt eine fahrradkette
knallt auf das gehwegpflaster
durch den schmiedeeisernen zaun eines vorgartens
beobachtet dich häuptling großer wolf
wie eine büffelherde ziehen die autos
an deinem gestürzten pferd vorüber

dicht über das prairiegras schweben
flugzeuge durch die geöffneten fenster
einer leeren wohnung
fährt vater zur see und mutter
begleitet die amsel ein stück
auf ihrem weg zum himmel

 

Allschallué

Dann ertönte vor dem klaren, sternschwangeren Nachthimmel Afrikas eine sprechende Trommel. Ihr Klang ahmte das Auf und Ab freundlicher Scherze, heftiger Streits, entrückter Körper nach, das fragende Schluchzen unbewußt verwobener Dimensionen – und stellte somit  unwillkürlich jedem Hörer, egal welchen Charakters, die Frage nach dem letzten Geheimnis. Ebenjene Frage, deren Form schon ihre unfassbare Antwort vielversprechend andeutet und doch zugleich auf ewig verschattet.

Geschriebene Worte vermögen dir ein Schmunzeln zu schenken, ihre Nuancen eine Gänsehaut erzeugen, manchmal vielleicht gar einen Schweißausbruch. Aber eine Trommel aus weichem Fell, straffer Haut, einem wohlgeformten Stamm – eine solche Trommel, die zugleich spricht! – vermag den Geist so viel weiter zu tragen, raunte sie mir zu und schwieg dann – obgleich mir war, als ob sie inmitten meines Herzens unaufhörlich leise weiter flüsterte – bis zum Ende dieser reichen Nacht.

Märzensonne

Traurig die Schatten der Sonne
im März, die auf das Straßenpflaster
stürzen in die ewigen Zweifel,
die Unentschiedenheiten
des Menschen.

Entsetzlich das Wissen um die
Vergänglichkeit von Zeit – lebenslang
der Uhrschlag zwischen kalkigen
Wänden, mit dem Perpendikel
der Angst.

Und weiß, so weiß
überm Glanz der Erwartungen
die Märzensonne, deren Schatten
viel zu schwarz, als kämen sie
aus der anderen Welt.

DER KRIEG WAR AUS

für einen Moment, die Engel
hatten sich
von ihren Nadelspitzen erhoben
und ließen stumm im Gedächtnis die
sämtlichen Ziffern der Zahl
Pi abrollen.

Die Kurse an den Börsen
des Nordens standen still,
der atlantische
Ozean wiegte sich, wiegte
sich fast

allein unterm Mond.
Standbild der Geschichte.
Standfoto.

Morgenminiatur

Die Straße, die Häuser,
zehn Etagen, die Dächer
von Krähen und Tauben bewohnt,
Halbtote in späten Betten,
milchigen Traumstaub
in den Lidern.

Hauptstraßenwahnsinn
schon am Morgen, das Ding ohne
Anfang und Ende, und der neue Mensch
in verkrusteten Schläuchen, alt wie
das Klacken der Kirchturmuhr
im Rundlauf der Zeiten.

Die Straße, die Häuser,
die taube Sanftmut des Himmels –
gestaltlos weht Zukunft ins Haar,
morgens, wenn die Stadt sich
taumelnd dem Mahlwerk
des Tages ergibt.

Ostwestfalen Lippe

Auf Pirsch durchs Städtchen : das verschlafen
In den Abend dämmert : Spielhallen : Kneipen
Hier drehen sich die Türen : das Pflaster
Ruht : vereinzelt klappern Schuhe

Wer ist noch unterwegs : in dieser Frühe
Der Fluß strömt dunkel schweigend vor sich hin
Er wüßte zu erzählen : wer über die Brücke ging
Wer Zerstreuung sucht und wer das schnelle Glück

Die Füße wund : ich drehe meine Runde
Nichts hält mich auf : nichts zieht mich rein
Ich rolle mich im Schlaf : was für ein Kater

Ewige Blumenkraft

Fröhlich hüpfen kleine Frühlingstropfen auf dem Balkongeländer umher, ein wenig Wind pfeift leise und nicht gerade kalt dazwischen. Stiefmütterchen, gelb und blau, violett und orange leuchten heiter inmitten hellen Himmelsgraus.

Sprache – denke ich mir, fragen sie – kann Sprache uns erkennen? Lacht ihr mit uns, wenn ihr unsere Blüttenblätter flirrend segeln seht? Oder verlacht ihr viel eher unsere farbenprächtig zur Schau getragene, kindliche Eitelkeit?

Vorsichtig und einfühlsam, wie wohlwollende und aufmerksame Freunde, rutschen zwei kleine, spielende Tropfen das Blütenblatt der großen, gelben, nachdenklichen Anführerin herunter.

Was für eine Antwort würde dem hypothetischen Interesse der Stiefmütterchen an menschlicher Art und unseren Absichten wohl gerecht werden?

Vielleicht, dass auch unsere Körper  das Gleiten, da sie auf dem Parkett des Lebens elliptisch mit der Liebe zu dessen Gestalt  auftanzen genießen?

Dass auch unsere Seelen das in der Individualität der Liebe angelegte Missverständnis des unsicheren Fremden, des überheblichen Nahen trübt – und sie trotz allem stets jenen grinsenden,  mysteriös wie Polarlichter schweifenden, ach so vielversprechenden Ewigkeitskaskaden lüsterner Blumennebel nachschauen?

Das gelbe Stiefmütterchen richtet das Blütenblatt etwas auf,  ihr Durst ist vorerst gestillt.
„With a little help from my friends“ summt es dankbar, scheint mir, durch feinste Kapillaren.

 

 

Zwielicht

Träume ich, oder wache ich?
Friere ich, oder ist das Hitze?
Habe ich es nun begriffen?
Wird es nun gerade Winter, oder wird es Sommer?
Zwei plus zwei, oder zweimal zwei?
Zwei hoch zwei?
Hochzeit gar?
Bin ich noch in der Schule, oder ist das schon ein Altersheim?
Was feiern wir eigentlich?
Geburt? Begräbnis?
Kommt es denn auf mich wirklich an an diesem Staatsfeiertag?
Ist dieser Wille nun allgemein oder tut er nur so?
Tut was? Tut nichts?
Tut keinem was zuleide?
Keiner Fliege? Keinem Elefanten?
Verspricht dieser November einen April?
Ist es ein Traum, ist es ein Datum?
Bin ich zählend nun bei einer Million angelangt, oder ist es schon eine Milliarde?
Schach oder Go?
Bin ich die Regel oder eine Ausnahme?
Ist das nun Leben oder Sterben?

Lebenslügen

Die Glückzustände
werden rar, wir sind Leiber nur
voll Schmerz, in Rückspiegeln
Ertrinkende, das große Wort
führt der Verzicht.

Erinnern einzig,
mit dem Blick voll Erde, auf die
wir gekommen, damals, als die Winter
anbrachen, als die Krähen kamen
aus kalten Regionen.

Wir glauben es nicht.
Uns bräche das Herz, nähmen wir
kommende Entsetzlichkeiten zur Kenntnis,
wir versichern uns goldener Tage,
wir sind gar nicht hier.

Dies unser Licht.
Wir fliehen durch die Jahre,
suchen den Weg, der hinausführt aus
dem Verhängnis, doch wer
weiß schon, wohin.

Schnee

Mein Thema für heute lautet: Mathematische Vernunft. Das ist, soweit ich sehe, etwas Neues. Worüber bisher unter der Klammer des Mathematischen nachgedacht wurde, ist überschaubar: mathematische Theorie, mathematische Fragen und Probleme, mathematische Sprache, mathematisches Denken, mathematische Logik. Habe ich vielleicht etwas vergessen? Mathematische Bücher? Das sind die, in denen die Theorie drin steht. Mathematische Krimis? „Die Entdeckung des Unendlichen“ (David Foster Wallace) oder „Fermats letzter Satz“ (Ian Stewart) gibt es, aber sie werden – noch?! – kaum gelesen. Bücher über Einstein und die Relativitätstheorie haben es da leichter. Gibt es mathematische Romane? Ich kenne nur einen: Leopold Infelds „Wen die Götter lieben“. Auch mathematische Erzählungen scheinen nicht viel zahlreicher zu sein. Aber immerhin existieren sie, im Deutschen etwa Hans Magnus Enzensbergers „Der Zahlenteufel“, im Russischen dagegen Sergej Bobrovs „Magisches Einhorn“ (sowie seine Zwillinge Zwei- und Dreihorn…)
Zieht man hier mit dem Prädikat der mathematischen Unterhaltungsliteratur eine Klammer, affirmiert man die unsinnige Meinung, Mathematik sei in erster Linie für Mathematiker da, was rein formal, wenn auch für die meisten Menschen schwer nachvollziehbar, zu der Folgebehauptung führt, Mathematik (als Gegenstand mathematischer Unterhaltungsliteratur) sei unterhaltend. Na ja, seit einigen Jahrzehnten bildet sich immerhin eine Art Wissenschaftsjournalismus heraus, der das diesbezügliche mathematische Problem erkannt zu haben scheint und – wenn auch in scheinbar infinitesimalen Schritten – an seiner Auflösung zu arbeiten begonnen hat. Aber: „Die Geschichte der Null“ (Robert Kaplan) ist noch im Gange, und „Die erstaunliche Geschichte des Paul Erdös“ (Paul Hoffman) ist wohl nach wie vor nicht mehr als erstaunlich. Was mehr aber könnte sie sein…
Mathematische Drehbücher? Erzählungen von Genie und Wahnsinn, alle irgendwie berührend, alle ähnlich.
Mathematische Themen? Eine Domäne für Ingenieure, SciFi-Autoren und ihr Fachpublikum.
Mathematische Gedichte? So etwas wie die sog. konkrete Poesie. Vielleicht sogar Neue Musik, hier fällt die Unterscheidung von Regel und Ausnahme. Gesetz und Abweichung. Abweichende Abweichung. Fortgesetztes Abweichen.
Endlich sind wir im Fahrwasser einer mathematischen Vernunft. Von mathematischen Scherzartikeln kann also im Folgenden abgesehen werden.
Vernunft also. Was macht sie zu einer mathematischen? Kann es überhaupt eine nichtmathematische geben? Hegels vielleicht, aber bei der fragt es sich nach wie vor, inwiefern sie denn nun tatsächlich eine ist.
Zweifelhafte Vernunft, das 20. Jahrhundert liegt seit knapp zwei Jahrzehnten hinter uns. Ein 21. aber gibt es noch nicht – seit fünfzehn Jahren, scheint es, befindet sich die Menschheit in einem Zustand permanent nachdunkelnder geistiger Umnachtung.
Kriege werden nicht mehr erklärt, nur noch geführt. Hauptsache, der Feind stirbt. Über Recht und dergleichen reden wir nach dem Endsieg.
Information wird mit einem aufwändigen Urheberrecht privilegiert, die gleichen Souveräne bedienen sich weltweit auf den privaten Rechnern, als wäre dort alles gratis.
Die Öffentlichkeit ist ebenso geheim wie in ihrer ganzen Banalität scheinbar geheimnisvoll. Sie ist zu einer öffentlichen Heimlichkeit geworden.
Und: die verdienstvollen Einzelnen, die alles das nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten, werden als Schwerverbrecher gejagt und als Vaterlandsverräter gebrandmarkt.
Was ist mathematische Vernunft?

(Fortsetzung folgt)

Die relative Funktionslosigkeit, ja Brache ganzer Hirnregionen während des Essens war wahrscheinlich ein Glück für den Hirnbewohner, denn der Geist war durch die Jahrhunderte voll günstiger Bedingungen immer unruhiger geworden.

Romantik unserer Zeit

Was Himmel sei? Na klar, noch immer eine Feste zwischen den Wassern, welches uns Heutigen leichter erscheint als Luft. Entscheidend ist ihr Strömen. Im Zeitalter der Hoch- und Tiefdruckgebiete kommt es wie ehedem darauf an, mit der Grenze zwischen hier und dort die unzulässige Vermischung der Regionen des Raums zu verhindern – das Chaos. Ob nun Himmel, Windspiel oder Außengrenze: immer scheint es darum zu gehen, wie der Angst vor dem Unendlichen begegnet werden kann.

Al Andalus

Hier sind sie eingetroffen : mit flatternden
Wimpeln : am Fuß der Berge gelandet
Wie grüßen die Wälder : die Bäume
Winken : mit offenen Armen

Dunkle Krieger verließen das Schiff
Unbeeindruckt von Sonne und Mädchen : plünderten
Sie Dörfer und Siedlungen
Richteten die Säulen der Römer

Auf : zum Zeichen der Herrschaft
Über das Land mischten sie sich
Mit dem Volk : nach Generationen
Nicht mehr zu unterscheiden : da kamen die Ritter

Der Reinheit : haha : und metzelten
Im Namen Gottes nieder : was fremd schien
Im Namen des kindlichen Gottes
Im Namen der Liebe

Im Namen der Mutter Gottes
Winken die Bäume und strecken die Arme
Nach oben : dem von Wolken gekräuselten
Leicht überspannten Himmel entgegen

Funktion denken (2)

Zum Beispiel Russland: Schnee
ist das weiße Rauschen aller
unserer Objekte, Schwester, du

weißt wovon ich rede. Innen
war die zukünftige Kon
vention, die Invention definier

ter Gelegenheit; du wirst meine
Maske sein, wenn Puschkins
Urgroßvater sein <>

Wiederanstimmt: wieder und wieder!
Das eine Buch handelte von
Schwerindustrie, Tod & Enthusiasmus.

Kategorien oder Liebe … dein Haar
reicht von Neufundland bis
Florida – skythische Braut du – – eine

Pipi, Papa, Pupu, Popo… ja was denn nun?

„Mein Leben gähnt mich an wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus. Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, einige verwelkte Rosen und zerknitterte Bänder auf dem Boden, geborstene Violinen in der Ecke, die letzten Tänzer haben die Masken abgenommen und sehen mit todmüden Augen einander an.“ (Georg Büchner)

Für manche Menschen ist der Donnerstag gelb. Oder hellblau. Vielleicht Violett. Wie Viola, das Veilchen. V wie Violett war der erste Buchstabe im Vornamen meines Geliebten. Er hieß nach Oscar Wildes zweitem Sohn. Seine Mutter mochte den irischen Schriftsteller. Schon nach unserem ersten Treffen wusste ich, dass er seinen Namen hasste. Es war der Tag, an dem wir begannen, uns oft zu treffen, als er mir

Ich riß die Finger aus dem Mund und suchte nach einem Gummiband. In meinem Nähkasten lag eines, rot und fleischig. Ich wickelte es mir um, bis die Fingerspitzen blau zu werden begannen.

Staub fiel in feinen Körnchen von einer Packung, während ich sie aus dem Regal nahm. Aus dem blau gewürfelten Pappkarton zog ich ein eckig geformtes Flakon heraus, eher unscheinbar, mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit gefüllt.

Melisand hockte im Schneidersitz auf dem Sopha. Sie rauchte eine lange, schwarze Zigarette, als ich ihr Zimmer betrat, und sie las gedankenverloren in Oscar Wildes De Profundis. Sie blickte erst von dem Buch auf, als mein Parfum ihre Geruchsnerven streifte.

Was soll ich dir sagen, willst du es überhaupt wissen. Langweilt es dich nicht? Ach, ich sage dir was: manchmal langweilst du mich auch. Dein Geist ist nicht immer scharf oder kommt üppig zu wachsen, dein Körper ist oft müde und schlaff.

Meine Gedanken waren immer noch bei dem Gespräch, das ich am Freitag mit Virginia geführt hatte. Sie hatte zwar ein wenig durch die Blume gesprochen, wie sie es häufiger tat. Dennoch kam ich nicht davon los, was sie gemeint hatte, während sie es aussprach. Es hatte viel mit meinem Verhältnis zu Konrad Schmetteling zu tun. Genau genommen verband mich nichts mit Konrad Schmetteling. Es war ein Verhältnis, das sich abspielte, ohne daß etwas Nennenswertes geschah.

Melisand hatte begonnen, sich auszuziehen. Unter ihren Rüschen war sie nackt. Ihre Haut roch nach Nocturne de Caron und ich erinnerte mich vage an einen merkwürdigen Tagtraum.

hüftnah einspinnen

Efim Jurist schwebt durch Klänge : Piazzolla
Reißt sie in Fetzen : ich blicke auf deine ruhig

Übereinander geschlagenen Knie und sehe
Die Schwere nicht : ich spüre den Knoten

Mit dem wir uns hüftnah einspinnen
Um Mitternacht : den Fluchtweg

Immer im Blick : vergessen haben wir
Den Ausgang : die Lust am Entknoten

Ist größer als jedes Lamento : Jourist
Verhallt : Piazzolla endet jäh

Brennt die Zeitung an!

dein vater ist bekloppt. erst entkalkt er die kaffeemaschine und lässt die tablette drin. dann brennt er die zeitung an. das kleinkind kommt in den laufstall. die hunde von oma haben nicht gehorcht, weder der eddie, noch der purzel oder der lumpi. weil die oma immer diktieren wollte. das haben die sich nicht gefallen lassen. die waren so stur wie ihr frauchen. zur belohnung darfst du den hund ausführen, sagte oma, nachdem wir die botengänge für sie erledigt hatten. und immer war es windig. nachdem die hecke geschnitten war. der kirschbaum, die birken, alles flog im sommersturm zur seite. und dann hatte sie keinen vater mehr. der pflaumenbaum war innen hohl und brach in der mitte durch. am anderen tag sahen wir an den ästen ganze pakete von unreifen pflaumen. kommst du jetzt mit in den laufstall? ein feuerzeug und eine zeitung brauchen wir zum spielen. zum dein vater ist bekloppt spielen. hast du den teller leer gegessen. ich habe deiner oma kostgeld gegeben. für die innereien, die sie meinen jungs serviert hat. bei der oma essen wir nicht mehr. dein onkel sollte gärtner werden. für fünfzig pfennig mussten wir rüben hacken, der junge lag neben mir im kinderwagen. abends, wenn wir fernsahen, kam dein vater immer zu uns im grauen kittel aus der werkstatt. da kuckte der junge hinter dem vorhang. und du hast im auto gesagt, max und moritz wixen auf dem tonberg, ich saß vorne und du mit deiner mutter hinten. und du sorgst für mich. das hat sie mir hoch angerechnet, die mutter blume. deine mutter dagegen hat nicht locker gelassen. ihr dünkel, ihre arroganz, ihr schwarzes haar.

http://www.braunschweiger-zeitung.de/

Liebe (ein philofeministisches Groschenroman-Fragment)

„Du Schuft  und dein dir eigener boshafter, chauvinistisch getränkter Charakter kann mir gestohlen bleiben! Ab jetzt suche ich mir einen sensiblen Mann, einen, der mich auf Händen trägt, der mich, eine Frau, als vollwertigen Menschen ansieht und nicht nur als ein Stück Fleisch mit dem man alles machen kann und das erst plattgeklopft so recht genießbar wird.“

Sie wandte sich von ihm ab und obwohl sie sich unwillkürlich der Inszenierung dieses Abwendens – wie in den unzähligen von ihr so geliebten Schwarz-Weiß-Filmen – bewußt wurde, so war das in ihr brodelnde Konglomerat aus Traurigkeit, Wut, Hass und Sehnsucht nach Liebe doch so authentisch, dass die Mischung aus Geste und Vehemenz ihrer Emotionen ein winziges Lächeln in ihre Mundwinkel zauberte. Konnte es sein – hatte sie etwa Spaß an ihrer Rolle?

Während sie diese, ihr Selbst-Bewußtsein hinterfragenden Gedanken beseite schob und rasch nach seiner Reaktion auf ihre halbe Performance lugte, überraschte sie die mittlerweile in seinen Blick getretende, entwaffnende Milde.

„Ja, Endstation Sehnsucht, meine liebste Seeräuberjenny. Es ist wahr! Sicherlich bin ich ein epischer Schuft brecht’scher Proportionen!
Und manchmal ist’s mir – und scheint’s dir, ich kann es dir nicht verkennen – als wärst du jenem, auch mir beizeiten fremden Ich, nur Beiwerk, nur Zuckerguss dessen wahrer, egomanisch-selbstzerstörerischer Natur.

Doch was liegt darunter verborgen, was ist es, das dich – trotz allem – spielen, das dich lächeln, das dich deine Gefühle, obschon umherwirbelnd wie ein karibischer Sturm, tief, ruhig und klar in dessen Auge wissen lässt?“

Nun wandte er sich langsam, mit wohlkalkulierter Theatralik von ihr ab – jeder seiner nun folgenden Schritte schien einem Zweck zu folgen – und während er sich sicher sein konnte, dass sich ihre Hoffnung auf seinem Rücken sanft bettete, ertönten die ersten Klänge von Chopins zweitem Klavierkonzert.

* * *

Die Rosen dufteten betörend an diesem frühen Sommerabend. Die drei Freunde beschlossem, ja was, es spielt eigentlich gar keine Rolle. Selten genug ist ein dritter Satz bereits so festgelegt, dass alle weiteren Worte auf den blauen Sack am Ende des Textes zusteuern müssen – ob sie nun wollen oder nicht.
Was also sagt mir dieser Duft, kann er uns überhaupt etwas sagen, es wäre eine Aussage über die Vergangenheit von derjenigen Art, wie. Eine Anzeige in der Zeitung. Texte kann man lesen, man kann sie schreiben oder aufgeben. Eine Flaschenpost – oder ein Päckchen unbekannten Inhalts?
Gefährlich, gefährlich wispert es in den Neuronen. Wo sonst, fragt sich der Mensch der Zukunft. In der Gegenwart ist jeder Text bereits ein Rechenschaftsbericht des Wortkünstlers an seine, vielleicht auch nicht seine Mitmenschen.
Mit dem vierten Absatz beginnt etwas Neues. Lassen wir den Text mit seinem zweiten Satz anfangen … es spielt eigentlich gar keine Rolle. Das Problem ist also nicht das Ende, es ist immer der Anfang.
Oder liegt es im Eigentlichen? Die zum Jargon verkommene Sprache ist leider kein Körper, den man begraben könnte wie einen toten Hund. Sie wehrt sich gegen denjenigen, der sie benutzt. Es ist der Weg zur Mülldeponie
und drei Freunde beschlossen … nichts, vierbeinig wie sie damals noch waren. Der Dreibeiner hatte noch nicht das Licht der Welt erblickt. Aber die Rosen dufteten bereits wie.
Ja, es spielt doch eine Rolle. Könnte gut sein, dass sie stinken. Der Mensch der Zukunft liest seinen Text und denkt nicht. Denkt nicht was zu denken vorgegeben in den Rosen, Säcken oder sonstigen Worten.

Tendenz: Sonnig.

Denn kaum war Mutter im Krankenhaus, nahm Vater das Feiern, das Essen und Trinken mit seiner Familie wieder auf. Vater – ganz wie der Tintenfisch ein Meister der Tarnung.

Neujahrsmorgen : Wroclaw

der Schnee hat Stille gebracht und er
verwandelt den Blick : ich blicke
vom Fenster auf : Türmchen und Zinnen
strecken ihre Ärmchen den Flocken

entgegen : wie schön! : die Sonnenuhr
zeigt nichts an : nicht mal die Mondphase
letzte Nacht wimmelte es auf dem Platz
das Volk versammelte sich : seit Jahren

schweigt der Erker unter der Uhr : früher
verkündete hier der Bürgermeister
die Neuigkeiten : Gesetze und Urteile
wurden sofort vollstreckt : am Pranger

stand Veit Stoß : nach seinem Rendezvous
mit fünf Jungfrauen : auch heute gäbe es
viel zu verkünden : und manch chattende
Jungfrau wünscht ihren Liebsten

am Pranger : wenn er mit anderen chattet
wie hässlich! : Eifersucht überlebt Innovation
Reformation und Gegenreform : archaisch
tief verwurzelt : kehrt sie als Racheengel

zurück : auf der Bühne wird bis um drei
Uhr nachts die Liebe besungen : als wäre
sie fortgegangen von uns : fortgegangen
vom Menschen : wir chatten und beschwören

sie : umsonst : ja : wir entwickeln
uns : einen Schritt vor und zwei zurück
Stille bringt der Schnee : schnell
rollt das Räumfahrzeug drüber : damit

wir wieder : wie gewohnt! : lärmen

geträumt : ich träumte

Ja : ich habe geträumt : ich träumte
Vom Großen Meister : einem untersetzten
Mann : den du anhimmelst : dem du

Allerlei vermeintliche Wahrheiten
Über mich erzählst : von dem du
Erlösung erhoffst vor deiner Flucht

Nach Amerika : doch er ist schwul und lässt
Sich von dir nicht becircen : souverän
Stolziert er davon : ich erblicke

Seinen wackelnden : halbbekleideten
Hintern : ein Pavian ist unser Meister
Von seiner Gunst hängen wir ab : er

Lobt und er tobt : er zieht
Die Strippen : damit wir
Nicht aufhören zu tanzen

osmose der zeit

die türen sind in die schlösser gefallen
selbst erinnerungen vermögen nicht
sie wieder zu öffnen
die raubtiere haben sich schlafen gelegt
nur für diese eine nacht
in der du ausruhen kannst
über die felder gehen
und den schnee

Inwendig

Hängen geblieben
vom nicht Losgewordenen

Die Augen schwärzeln
tiefe Unendlichkeit

sehnt sich in mir

Verflossene Gebierde
steuert uferlos
aufs trunkene Meer

Wallend schreiten
Stücke aus korianderblüten
blasser Haut

nuancieren Ähren
deines vergessenen
Wunderseins

Ungeheuer Schweigen

Bewahren die Schönheit
des Menschen, der Städte, der Verse.
Wie finde ich mich in die Schuld
der Kriege, des zerstörten Lebens,
des belanglosen Gedichts, des Hauses,
in dem ich die traurigsten Nachmittage,
am Ende mich selbst vergesse.

Dieses Schweigen.
Dieses mundlose Ungeheuer, das unser
Entsetzen verleugnet, jedes verwandelt
in niemals Geschehenes und
selbst unsere Schreie umformt, umlügt
in taubensanftes Säuseln
kindischer Klagen.

Entehrt alle Schönheit,
Landschaften verkrüppelt, die Jahre
der Häuser übertüncht, als sollten sie
die Male verschweigen, die das Verdrängen
bis in die Sparren schlug, ohne Besinnen,
ohne Erbarmen mit uns
des Aufbegehrens Entwöhnten.

Windgeschützt

Zum zweiten Mal hat jetzt der Hund vor unsere Tür geschissen. Aber es muss ein kleiner Hund gewesen sein. Oder ein Fuchs. Ich frag mal bei Rossmann nach Hundeex. Oder ich nehme Teebaumöl. Das riechen die nicht gern. Ein Lappen mit Essig soll auch gut helfen. Warum der sich auch gerade in unseren Hauseingang setzt. Vielleicht ist es da schön windgeschützt. Sagt H. Der hat Sinn für Natur. Und ein Herz für Tiere. So ein Lehrmeister. Warum der Hund wohl einen windgeschützten Ort zum Scheißen braucht.

Paris

18ter november deine haut
bereitet sich auf den winter vor
letzte woche sprachen dichter über sprache
eichelhäher
tausendgüldenkraut
giersch
gestern wurden freundschaftsspiele im fußball abgesagt
heute beobachtest du eine gruppe kinder beim schulgang
spiegelt sich der schneehimmel in einer pfütze
wir atmen neonlicht
ich beobachte deine schulterblätter
und meine hand legt sich auf deine halb entblößte brust
die stadt der liebe schließt ihre tore

Ich dacht da is ne Leiche drin

Dein Vater hat so oft im Auto gesessen und gewartet. Und deine Mutter, die hat schon lange nicht mehr richtig  für deinen Vater gekocht. Wenn der mal ne Mettwurst wollte, musste er sie wieder aus dem Einkaufswagen rausnehmen, weil deiner Mutter das zu teuer war. Aber Toastbrot haben sie gekauft, immer Toastbrot, ich habe mich gefragt, wie kann man soviel Toastbrot essen. Nichts Vernünftiges, kein Obst, kein Gemüse, nur abgepackte Sachen. Dein Vater musste so oft warten. Das ist doch langweilig für einen Mann. Aber dann musste er überall halten, wo öffentliche Müllkübel waren. Da hat nämlich deine Mutter ihren Hausmüll rein entsorgt. Wenn sie einer gesehen hätte dabei und angezeigt, dann hätte sie einen Zettel wegen Ordnungswidrigkeit erhalten. Dein Vater wusste, dass das verboten ist. Aber er kam nicht dagegen an. Bei der kannste das vergessen, sagte er. Und dann die Schreibmaschinen und der Computer im Weizenfeld, kucken se mich nicht so an, sagte der Bauer, ich weiß, dass Sie das nicht waren. Wenn der da mit dem Mähdrescher drüber gefahren wäre. Ich sah den riesen Plastiksack und dacht da is ne Leiche drin. Das hat se gemacht, deine Mutter. Dein Vater hat sich einfach nicht mehr dagegen gewehrt. Wollte nur noch seine Ruhe haben. Was sollte er auch machen. Das war so ein Guter. Und hat einfach aufgehört zu atmen.