Nachtgedanken

Wenn alle Sätze schon gesagt sein sollten,
die je die Dichter kunstvoll aufgeschrieben,
und wenn das dumpfe Schweigen nur geblieben,
schlägt bald der Ungeist seine frechen Volten.

Nie wurde braves Ducken dir entgolten,
der Widerspruch hat dich recht oft getrieben,
er ist die böse, rabenschwarze Sieben.
Und wärest doch so gerne unbescholten.

Dir fremd und von dir selbst wie losgerissen,
bemühst du dich, die Zeit zu überleben,
hoffst, dass dir eine kleine Sonne scheint.

Du wühlst dich nachts ins warme Ruhekissen,
sagst dir: Es wird sich alles, alles geben.
Und weißt es doch genau: Dass du gemeint.

Auf den Dächern

sitzen Spatzen,
lösen sich Ziegel aus Erinnerung.
Ich sehe Mutter am Bügelbrett,
wie sie den Tag glättet.
Draußen bist du Schneekönigin
mitten im Frühling,
hängt sie Wäsche
und alte Regeln an die Leine,
die mit den Worten der Nachbarn flattern.
Zwischen Unkraut lauern Nacktschnecken
und andere Feinde,
baust du Schlösser
und braust Mittel
für tote Fliegen.

Erst am Abend
stürzt dich Mutters Stimme
von den Zinnen
deiner Welt.

Stäbchen und Zäpfchen. Fragmente

(2. Fassung)

stäbchen und zäpfchen
trafen sich
im wald

stäbchen war ein hampel
mann, zäpfchen
wurde laut

***

zäpfchen und stäbchen
trafen sich
im zimmer

stäbchen, eine pampel
muse, zäpfchen mousse
au chocolat

***

stäbchen und zäpfchen
treffen sich
im raum

stäbchen ein computer
bildschirm – zäpfchens
sonnenuntergang

soonenuntergang, reeloaded:

sonne setzen rosé

eine drehung der
vergangenheit
Color in certain places nahm
die zukunft aus making the outlines
and herrschend

structural planes
unbeeindruckt seem more
energetic

versenkte den hoch

fahrenden titel
Antoni Gaudí
ging

hinaus und lehrte
poesie trennte
auf
und

quirlte ihm rumpel

pumpel staub planeten
rollen über.

Entfernungen

Wieder der
Sterbemonat November.
Heute beschreibe ich mein Leben ohne dich,
Ungereimtes in zwölf Zeilen.

Immer die Flucht
hinter die Vorhänge der Zeit.
Und dieser Ozean verkannter Sätze
zwischen uns.

Ohne Anlass
fällst du mir ein, wie einem Bettelarmen
der teure, der unentbehrliche
verlorene Groschen.

ankündigung einer reise (ansichtskarte)

du lebst nicht mehr
in dieser stadt
neigen dichter zu abschiedsgedichten
hast du wort gehalten
und bist gegangen
zurück bleiben ablagerungen von feinstaub
aufgewirbelt und verweht
vom fahrtwind vorbeiziehender autos
alles sehr theatralisch
ein gebinde aus silben
stelle ich ins fenster
acht silberlinge zahlst du
dem zwerg für jeden zauberspruch

Tischgespräche IV

Mancher wäre gerne seinen Tisch los doch ihm fehlen vier Beine.

Er saß lange auf die Platte. Dachte. Buchenholz, exotischer. Das fast zehnjährige Protokoll eines Scheiterns auf der Suche nach dem Feuer war der gefeaturete Affront, der zusammenformte. Danach haengt im alten Klischee der Zopf wie ein Zaunpfahl den Turm herunter. In der Vorhalle vom Finanzamt starb er schließlich den kleinen Tod. In Herbstlaub, Kind und Gartenlaube. Genug Holz gemacht. Späne fallen. Das Ende nach dem Ende nur eine neue such*

 

 

Swanns weibliche Welt

In Combray eine Treppe & die erste

x  Stufe – verbrannte Erde.

Nicht Hinterhof, nicht Kreuzberg %

xx  wo Milch & Honig fließen.

Ich bin Baal oder ein

xy  schwarzes Loch.

Schwarzer Körper? Meine Ausstrahlung

yy  lässt sich nur gequantelt begreifen.

Was heißt: weder Quantenchaos noch

xxy  Chromosomengeometrie

The * has gone but he’s not forgott’n
xyy  forgott’n forgott’n forgott’n

Worüber hinaus Größeres nicht mehr
ganz ist

Das Ganze Eine Un teil trennbar
e  schlinge ich  xxx  in mich durch

* _ _

So hätte es sein können: Ein erfülltes Liebesleben

its only raining because of you.

Bis mein Liebesleben sie hinwegfegte. Die Wand des Hauses war weit entfernt, aber ich erkannte die Gestalt, die mir mit einem Arm zuzuwinken schien. Dann verschwand der Arm wieder. Die Fassade zeigte ihre Arabesken und ich ließ mich willig auf das Spiel ein. Ein Mann stand dort. Was tat er an diesem Abend auf dem weiten Platz? Wusste er, daß ich oft hierherkam, war er hier um mich zu treffen? Ich ging schwungvoller und streckte die Arme über dem Kopf. Ich fühlte mich schlank und groß. Wie leicht ging ich in den schwarzen langen Stiefeln, sie klangen, aber nicht hart, ich ging sicher und leicht. Der weite Platz war zu einem Karussell geworden und die Häuser waren Kunstwerke. Die Gestalt rückte näher, sie war es, dunkelhaarig, bleich und schlankwüchsig. Ich taumelte darauf zu und küsste die kühle Wand.

Ich traf Melisand in der Cafeteria. Sie trug eine dunkle Brille, wahrscheinlich um ihre Augen zu schonen. Die Sonne schien mäßig an dem Tag. Ich erkannte Melisand nicht gleich, doch dann umarmte sie mich. Ich nahm ihre Hand. „Was hast du da in deiner Tasche?“ Melisand lächelte geheimnisvoll. „Zeig’ ich dir später. Ich habe einen Hunger nach dem Vormittag. Tierisch. Ich könnte mit dir zwei Wildschweine verspeisen.“ Melisands schlanke Beine steuerten auf einen kleinen Tisch am Fenster zu. Wir setzten uns. Melisand bestellte Erdbeerkuchen, ich holte mir einen Salat vom Buffet. In meiner Tasche hatte ich einen lilienroten Lippenstift. Ich nahm ihn heraus und begann, Melisandes scharfkonturierte Lippen nachzuzeichnen, sie auszumalen, die jetzt von der Sonne ausgeblichen waren. Dann küsste ich sie (auf den Mund). Sie setzte ihre Brille endlich ab und wir sahen uns lange schweigend in die Augen.  Eine Frau im weißen Kittel nickte uns zu und stellte ein großes Stück Erdbeertorte mit Schlagsahne vor Melisand hin. Melisand aß davon, langsam und bedächtig, wie sie es immer tat. Sie pulte mit ihrem Löffel eine Erdbeere aus der Geléemasse und schob sie mir in den Mund. Sie lächelte wieder, öffnete ihre Tasche und zog ein unscheinbares, aber noch fast druckfrisches Taschenbuch heraus. Es waren Gedichte und Theaterstücke eines französischen oder belgischen Autors, im Original. Das Lächeln stand beständig auf Melisands Gesicht. „Melisand, gib mir noch eine Erdbeere, bitte.“ Melisand zog die letzte Erdbeere von ihrem Kuchen und wir zerteilten sie zärtlich von Mund zu Mund. Dann … klappte sie das Buch auf. Und las Gedichte in französisch, die überschrieben waren mit Titeln wie Langeweile oder AquariumErwartung oder Nachmittag.

Wie die Menschen gingen, wenn sie sich in den Straßen, den Gassen, den Alleen bewegten! Sie gingen unsinnig langsam, eigentlich gingen sie gar nicht. Sie betraten ein Geschäftshaus, ein Büro, die Bahn, die sogleich nahezu lautlos von der Stelle glitt. Sie sprachen untereinander in ihren Konventionen. Doch ich hatte Melisand nur noch einen flüchtigen Kuss geben können, bevor sie hinter den sich schließenden Türen der Bahn verschwand. Einen Moment stand ich gedankenlos an der Haltestelle, fand dann die Straße, in der ich wohnte. Ich war schon an der Haustür angelangt, als mir einfiel, daß Melisand mir die Adresse von dem Krankenhaus gegeben hatte, in dem Vivian lag. Ich zog die Notiz aus meiner Jackentasche und starrte eine Weile blind darauf. Dann warf ich sie weg. Wie Melisand mich angesehen hatte, als sie mir das zerknitterte Zettelchen reichte.

Der Zeitreisende (denn so wollen wir ihn der Bequemlichkeit halber nennen) war im Begriff, uns eine geheimnisvolle Sache darzulegen.

(H.G. Wells, Die Zeitmaschine)

Flucht und Wiederkehr II

Alex marschiert, exerziert, Alex mit Pulle in der Hand, lila-blauem Iro und Nietenjacke gröhlt gaffend tuschelnde Touristen an, ob sie wüssten warum er so sei. Wenn nicht, dann sollten sie die Fresse halten. Alex am Alex. Alex an den Resten der Mauer, Alex, immer alles auf Ex. Alex verrät warum: Weil die Stadt scheisse ist. Scheisse kalt. Hart. Windig und bösartig. Will er eigentlich weinen, erzählt Alex mit verschwommenem Blick, springt er auf und rempelt einen der steifen Herren in Anzügen an, schreit und spuckt. Alex‘ Vater im Loch, seine Mutter auf dem Strich. Nur seine kleine Schwester sei stets bei ihm, ausser wenn sie, wie jetzt gerade, einige hundert Meter weiter schnorre oder neues Bier hole.
Alex ist nicht alt, aber das Leben, das er führt hat seinen Körper der Jugend beraubt.
Im Innern fühlt er wie ein verletztes, trotziges Kind, das auf der Suche nach verlorenem Urvertrauen brüllt und um sich schlägt. Früh morgens sticht die Kälte wie eine stumpfe Nadel, sagt Alex – damit kenne er sich ganz gut aus. Alex will grinsen, wie Jugendliche, die von Streichen berichten, aber ihm ist nicht zum Grinsen zumute und so verharrt sein Gesicht fast so steif wie das der Anzugmänner.

„Ist das ihr Ernst, Herr Rübenmöller? ‚Alex‘, wirklich? Das Thema ist seit fast 30 Jahren durchgelutscht, spätestens nachdem die Hosen sich an der Clockwork-Orange Figur dumm und dämlich verdient haben! Gibt es überhaupt heutzutage noch Punks in Berlin? Denn wenn es nach dem geht, was unsere Mitarbeiter sonst so verzapfen, ist die heutige Jugend weichgespült und kommt ganz ohne Subkultur und Protestgehabe aus. Schreiben Sie doch lieber über die Stipendiats-Vorbereitungen der angehenden Führungseliten, sie wissen schon – eben das, was die Kern-Leserschaft unseres Blattes dazu animiert ihren Kindern und Enkeln ein wenig mehr Feuer unter dem Hintern zu machen – und ihr Abo ein weiteres Jahr zu halten!“

„Aber Herr Töfte-Süß, sagten sie nicht gerade gestern zu mir, ‚gehen sie hinaus, finden sie etwas, was unsere Leser bewegt‘?“ Rübenmöller hat das Gefühl, als würde sein Magen unaufhaltsam in die Tiefe sacken.

„Ja, sind sie denn blöd?!! Ich meinte was über eine niedliche Katze, die auf einem Baum festsitzt, ein kleines Mädchen, das einen großen Hund umarmt, eine Hintergrundstory darüber, wie die Familie der neulich verunglückten Frau mit dem Verlust umgeht, sowas halt – nichts über dreckige Punks, verdammt noch mal!“

Rübenmöller wischt sich mit einem seltsam steifen Ausdruck die Tropfen aus dem Gesicht, bevor er sich, gebeugt auf Töfte-Süß‘ Schreibtisch, übergibt.

Manchmal hat Alex es warm, nachts. An diesen Abenden pulsiert in seinen Adern  Methadon und er ist untergekommen bei einem Freund, der schreibt. Seine Schwester sitzt dann neben ihm und schaut sich alte Donald Duck-Hefte an. Die eigneten sich seiner Erfahrung nach ganz gut zum Lesen-üben, sagt der Freund.

Flucht und Wiederkehr

Gezeugt aus archetypischem Willen Leben zu preisen, gefangen in einer Zwischenwelt naiver Schaffensfreude, dem unsäglichen Regime eines mehr oder weniger beschränkten Reservoirs aus Träumen, Torheiten und Tabus unterworfen, verharrte das Bewußtsein, das unter Menschen Juliette genannt wurde, vor dem fast leeren Schaufenster Justines ehemaliger Boutique. Nur der, mit einem langen Schmiss versehrte, von abgebröckeltem Putz und Staub bedeckte, merkwürdig stolze Torso eines Dinges, das früher einmal eine vollständig funktionstüchtige Schaufensterpuppe gewesen sein musste, war noch hinter der dreckigen Scheibe zu erkennen.

Nackt werden wir geboren und nackt gehen wir von dieser Welt, nichts wird besessen, nichts gehört – und doch wird von dem, was uns kitzelt der unbewußte Ruf aus der Leere in die Leere erhört. Vor diesem unendlichen Schatten auf ewig versteckt  – und so für immer gewärmt, umhüllt, geborgen, ja weich gebettet: Justine.

Der schlafende Torso, Schöpfer seiner selbst, da im Innersten ungebrochen. Die leicht herausquellende Füllung am Riss nur Ausdruck teilhaftiger Individualität. Die Wunde: der Quell. Leid: der Fluss. Rostbraun wird die Sonne das benetzte Glas brennen.

Justines Kleider waren Juliettes Anker gewesen, hatten sie geerdet. Jene Röcke, die sich scheinbar nie vom Boden lösten, deren käfighafter Unterbau ihr zumindest die Illusion verlieh, über ein, wenn auch kleines, eigenes Territorium – nein  Königreich! – zu verfügen, das, einem  strengen Protokoll unterliegend, zwar täglich Staatsgäste unter Beachtung aller möglichen diplomatischen Gepflogenheiten zu empfangen und versorgen hatte – das aber de facto doch unabhängig war und bei Bedarf entschieden „na, na!“ zischen und die Delinquenten mittels eines unmissverständlichen Klappses unmittelbar ausweisen konnte, zumindest bis deren versoffene Armee gewaltsam einrückte.

Oh! Ursprung der Welt, welch Diamant! Geschliffen von Alexander, erneuerte Phryne,  die Hetäre, Thebens Wälle, dem Willen der Altvorderen  entgegen, sehr wohl  — sie richtete, mit einer Mischung aus zynischer Verachtung und überlegenem Stolz um sich blickend, ruckartig ihren imaginären Rock aus lustvollen, irdischen Versprechen und überließ, wie ein Kind zu den Göttern singend, die verblüfft kleinmütigen und zugleich unsicher erregten, vertrockneten Herrschaften einem unfreien, verhärmten Schicksal.

Erst der weit entfernte Schrei eines Hahnes, das matte Licht einer die Himmel mit Vergessen tünchenden Morgendämmerung und ihr zugleich einsetzendes, rasendes Zittern rissen  Juliette aus ihrer Trance. Bald würden bucklige Menschen vorbeischleichen, sich verschämt bekreuzigen, nur um  kurze Zeit später doch mit Decken heranzustürmen, sie sodann unter lautem Wehklagen an den Ofen ziehen, ihre Wunden mit leicht übertriebenem Fleiß versorgen, bevor sie später untereinander das Hohelied der eigenen Mildtätigkeit gegenüber jenem verstörten, jungen Ding, das gar Unaussprechliches erduldet haben musste anstimmten.

Aufbruch der Knospen

Ein Tag, so kahl
wie Bäume im Winter. Nichts, und doch,
der Sommer kommt, sobald sich
die Erde aus dem Schlaf windet, die Erde,
der blaue Stern.

Wir reden nicht von Gefühlen,
sie überdauern die Regen nicht, die aus
Melancholien stammen, die wir
uns nicht erklären können,
ob wir auch wollen.

Wer spricht von den
Apfelbäumen, die blühen werden,
wenn schon die Tage voll Licht schwinden
und die Züge immer noch
pünktlich fahren?

Wach bleibt das Erinnern.
Was große Worte? Wir haben sie
hinter uns. Sieh die schwangere Pappel
am Straßenrand, sieh den Aufbruch
der Knospen.

Alte Wege

Nebel zieht über das Moor,
und die Töne der Vögel zittern.

Einst schrieb die Zeit
Falter an Felsen.
Zwischen Heidekraut liegt das Leichte
unter meinen Füßen.

In der sumpfigen Wiese
sprachen wir uns stumm.
Jeder Laut wog schwer
und sank.

Gestern füllte ich die Taschen
mit fossilen Worten
und legte sie in Farben.
An ihren Rändern
ist die Sprache bunt.

Neue Themen

Die hohe Jury hat getagt und endlich den Beschluß gefaßt: für die nächste Inskriptionen-Ära laden wir euch ein, zu Themen, die die dänische Dichterin Inger Christensen inspiriert hat, eure Beiträge zu ordnen. Zur Auswahl standen Kategorien aus der Modewelt und aus der Welt der Mathematik/Geometrie – die jedoch nicht das Rennen gemacht haben… In ihrem berühmten Sonettenkranz „Schmetterlingstal“ und ihren Essays hat Inger Christensen zahlreiche peotologische Begriffe kombiniert, die ein erkenntnistheoretisches Interesse andeuten: Mysterium der Realitäten, Schatten der Wahrheit usw. Wir haben einige dieser Genitive aufgegriffen und mit Hilfe der Wortschöpfungskraft der deutschen Sprache zu zusammengesetzen Substantiven montiert, damit ihr beim Schreiben etwas Spielzeug habt …

Die neuen Kategorien Inskript 9

Tiere

„Es gibt ein Instinktverhalten, aber keinen Fortpflanzungstrieb. Dass daraus Nachkommen entstehen, ist bei Tieren nicht gewollt.“ Auf dem lockeren Boden hinterblieben die Abdrücke ihrer Schuhe. „Es ist den Tieren unbekannt, Eduard. Wollen oder nicht wollen setzt das Bekanntsein der Konsequenzen eines Verhaltens voraus. Gib deine Schönheit immer hin. Kein Tier ist dazu in der Lage.“ „Mein Lieber, du bist hoffärtig. Die Intentionalität ist auch bei Tieren vorhanden. Ohne Rechnen und Reden. Überhaupt – wenn auch in reduzierter Form – bei jedem Wesen mit einem Gehirn. Meine beste Kraft soll sein wie ein Trieb.“ Eduard trat auf eine Nacktschnecke.

Warum redeten die beiden über Tiere? Warum verschafften sie sich Nähe zu ihr, obwohl sie doch aneinander genug hatten, wie Katzen um einen besonders gehaltvollen Brei schlichen sie um Esther herum und rieben sich das Fell an ihr, bis die Funken stoben. Sie fühlte den Wind von einem großen Blatt. Dabei hoffte sie im Stillen, es möge der Glanz von einer neuen Seite sein.

 

Glücksschmied

Von den Schlägern
war nichts mehr zu sehen, als die
Polizei kam, nur der Obdachlose
in seinem Blut, das herumliegenden
Papptellern eine curryähnliche Färbung
verschaffte, hätte aussagen können,
wie er zu Tode kam.

Das Regionalblatt von A.
druckte angesichts der Sensation in einem
gediegenen Ostseebad das gerichtliche
Eingeständnis eines der Täter, dabeigewesen
zu sein, als er und seine Kumpel
dem Schlafenden so lange auf den Kopf sprangen,
bis sein hässliches Stöhnen verstummte.

Er bedaure die Tat, sagte er, aber
dieses arbeitsscheue Stück Mist ruhte
sich aus, während er und seine besten Freunde
rackern mussten, bis ihnen der Schweiß
aus den Poren rann. Und schließlich,
fügte er überzeugt hinzu, sei bekanntlich
jeder seines Glückes Schmied.

pilgerwege

aus dem fels breche ich blumen
brechen tauben aus deinen augen
spiegeln sich straßen in den klüften des himalaya
gewohnheitsmäßig schauen wir himmel
lassen monde unser haar streifen
und halten höllen in unseren händen
steine häufen wir zu gräbern auf
und am mittag knien wir vor erinnerungen nieder
die gebrochenen blumen tausche ich gegen silberlinge ein
und die tauben gegen gold
in deine augen streut der wind
sand aus heiligen ländern

Ein Telefon namens Nutella

für Gespräche mit dem Liebsten
Fahrplan-Auskunft, Orientierung im Gelände
auf der Suche nach dem Polarstern
Großer Bär im Taschenformat
brummt unaufdringlich
aber nachhaltig – alle Helfer
beisammen für den langen
langen Weg in die Wüste
übers Meer, das Große Geheul
könnte nicht unaufdringlicher
dringlich durchdringender
sein – X-ray for X-mas
Allen Ginsberg
hätte daran seine Freude
für uns alle die
wahre Freude finden können

Alle Helfer beisammen für
den Weg durch die
Institutionen
Perforationen
eines lang andauernden
Gelächters, Gelichter
vom anderen Ende des Universums
mit uns einträchtig
versammelt im Ladungs
verteilungsplan des
elektronischen Ge
dächtnisses & die Sehnsucht
nach dem Nullniveau

Eisheilige

Mein zerzaustes Gedächtnis
sammelt die Bruchstücke von Jahren,
ein Ziehen im Herzen, nichts weiter.
Was auch geschehen, das Große, das Kleine,
die Spuren verwischen sich.

Auch dieses
wolkenverhangene Pfingsten
ist morgen von gestern. Pfingsten? Ach,
was ist das, keine drei Rathaushähne
knarren danach.

Nichts Neues, immer
das Alte, wer erinnert sich noch, alles
kommt wieder, auch die alten Gestalten,
das frische Blut in mitleidlos
verzerrten Gesichtern.

Und wenn du mir sagst,
der Frost wird irgendwann gehen,
ich glaube es dir, schlurfen wir Eisheiligen
doch in Pantoffeln durchs Dasein
und erfrieren an uns.

Die Welt nach Durchqueren der Pforte zur Ewigkeit

Alles ist durchsichtig geworden.
Alles ist durchsichtig geworden.
Eine Grenze durchzieht den Blick,
die ist nicht mehr nur
Oberfläche von Dingen.

Wer bin ich? Was tust du?
Wem können wir unsere Fragen
stellen, wenn nichts mehr
seine Oberfläche
zeigt?

Zeig mir – Sag mir – Berühr‘ mich:
möchte ich dich bitten,
doch ich bitte dich
nicht.

Warum?

Alles ist durchsichtig geworden,
die Kraft
sich etwas zu wünschen
ist nur noch ein Etwas, nicht
der Erwähnung wert.

Warum erwähne ich
das überhaupt?
Haben diese Worte hier
überhaupt noch eine Kraft?

Warum sollten sie Kraft haben,
reicht es für sie nicht
sinnvoll zu sein?
Nein.

Warum? Warum?

Unter der Oberfläche
Ist das Unsichtbare, das nichts
aber auch gar nichts mit mir
zu tun hat.
Unter der Oberfläche
sieht alles seltsam verzerrt aus,
man möchte glatt
aufhören zu atmen.

Möchte ich dich bitten…
Deine Antwort greift ein in
meinen Zyklus
meinen Rhythmus – deine
Antwort bin ich
und nicht ich.
Nicht mehr

Was von der Rose blieb

Nicht meine Schuld,
dass die Schönheit lackierten Larven
gewichen, dem willigen Leugnen –
wer klug, schweigt sich aus der Welt,
hinter die Wand der Wörter.

Lichtlos gehen die Tage,
das kostbare gute Wort in der Schleuder
des Schlussverkaufs, und die Grimasse
jedes lächelnden Menschen
hat ihren Preis.

Wie sie wiederfinden
in dieser Welt zertretener Seelen,
jene Schönheit des Wirklichen, ohne die
selbst die prachtvollste Rose
zum Scheusal wird.

***

Er war ein Dandy, der Extravaganzen schätzte, die er sich gar nicht leisten durfte: Debussy verdiente schlecht, Publikum und Kritiker waren ihm kaum gewogen, er selbst zweifelte an seinen Fähigkeiten und klagte 1893 in einem Brief: „Da bin ich nun 31 und meiner Ästhetik gar nicht sicher. Noch immer gibt es Dinge, die ich nicht fähig bin zu tun — zum Beispiel Meisterwerke zu erschaffen.“

(Der Spiegel, 5.1.1970)

die achte

Inskriptionen_8_im_Entstehen wb
Die achte Ausgabe der Inskriptionen ist am Entstehen: hier beim Zuordnen der Textauswahl in die künftigen Kapitel…

Weitere Geschichten vom Vater

Teil II

Seine letzten Sätze  begleiten mich seit dem Tag im Frühling, an dem ich Vater zum Mittagessen holen sollte. Ich stürmte in das Schlafzimmer hinein und rutschte auf dem Hosenboden zu der bleichen Gestalt, die am Bettrand saß und mit entrücktem Blick auf das Blut starrte, das pumpend aus seinem Arm schoss. Auf dem Linoleumboden hatte sich ein roter See gebildet, dickflüssig und rot-lackiert. Ich saß in dem See, meine Hände badeten im warmen Blut. Ich rieche es noch heute, süß-sauer, wie meine Lieblingssauce im Asia-Shop, der sich neuerdings Indochine nennt. Von diesem Tag an sprach mein Vater noch einige wenige Wörter. Laute Worte im Schlafzimmer, gedrückte Worte am Küchentisch, weinerliche Worte in der guten Stube. Auf Knien flehte er die Mutter an, ihn bitte nicht allein zu lassen. Es gäbe sonst keine andere Möglichkeit für ihn, als die Kinder zu Krüppeln zu schlagen. Es dauerte nicht lange und mein Vater nahm das Abschleppseil  und ging in den Wald. Da er nicht allein sein wollte, nahm er seine Kinder mit. Das war auch nicht weiter verwunderlich, hatte er es doch schluchzend, aber  deutlich  meiner Mutter angekündigt.  Mein Vater war zwar kein Pendant, aber er hielt seine Ankündigung und schlug seine Kinder, also uns, in der Absicht, unser Leben zu beenden. Um  sicher zu gehen, beugte er sich über die scheinbar leblosen kleinen Körper. Ich öffnete die Augen und sah das vertraute, seltsam weiße Gesicht. Es war umrahmt von schwarzem Haar, das in weichen Wellen bis zu den Augen fiel. Es waren blaue Augen,ungetrübt, groß und klar. Vaters volle Lippen, die leicht bläulich schimmerten, öffneten sich und eine Stimme, hoch und brüchig, flüsterte: „Das ist die Schuld deiner Mutter. Sie war sehr böse zu mir.“ Dann wendete er sich ab, ging einige Schritte durch den Wald auf der Suche nach einem staatlichen Baum und beendete sein Leben. Mein Vater stand an diesem heißen Augusttag in seinem dreiunddreißigsten Sommer.

 

Featuring Tsoi : X Quadrat : Stern mit Namen Sonne

Schnee weiß, graues Eis
Auf rissigem, geborstenem Grund.
Warme Flickendecke liegt auf ihm:
Die Wege der Verkehrsknotenstadt.

Und über ihr schwimmen die Wolken,
Decken das Himmelslicht zu.
Und über ihr hängt gelber Dunst,
Zweitausend Jahre ist sie alt,
Durchlebt unterm Scheinen des Sterns mit Namen Sonne…

Und zweitausend Jahre lang Krieg
Ohne besonderen Grund,
Dieser Krieg bleibt ewig jung –
Dauerpille gegen die Falten.

Auf der Erde schwimmt rot das Blut,
Die nächste Stunde saugt alles fort,
Die nächsten zwei zeigen Blumen und Gras,
Die nächsten drei töten allen Schmerz
Und erwärmen uns durch Licht des Sterns mit Namen Sonne…

Und wir kennen das alles sehr gut,
Kennen sie, die das Schicksal liebt,
Die da leben nach anderem Gesetz,
Die da sterben, ewig jung.

Sie kennen nicht die Worte ja und nein,
Alle Namen und Ränge ein Nichts,
Recken sich bis ans Himmelszelt,
Nicht im Traum und nicht für Geld –
Fallen brennend aus dem Himmel des Sterns mit Namen Sonne

Ebbe

Salz hängt spröde an den Klippen
meiner Träume,
und die Wellen rauschen nur von fern.

Ich gleite von den windgepeitschten Hügeln.
Immer tiefer
falle ich zu dir.

Einst wiesen deine Blicke meerwärts,
blaue Ruhe vor dem Sturm.
Dann warf ich in dir Anker.

Gedichte a priori

Wozu Gedichte? Die alte Frage
streicht den Kern der
Dinge einfach
durch.

Durchstreift die Gegend
zwischen allen
menschlichen
Angelegenheiten, ein Kater
mit Kopf Herz
& Schnauze.

Die Frage aus dem Kater
tönt hell, klar
strahlt das Licht
durch den Himmel.

Prolegomena eines elementaren
Strahlens, X
Quadrat der Rest
begegnet sich als Punkt
an der Grenze.

Ein Schlauchboot beladen
mit Resten, X
potenziert in der
Ansammlung Welle um Welle.

Die neunte trägt das Schicksal
unterm Scheitel:
Vorherbestimmt
die Wirkung der Elemente,
Vorherbestimmt alles
was geschehen wird nach
dem Gesetz –

wessen Gesetz? welche Begründung
dung für das Denken,
wessen Denken, Punkt
mitten im Satz.

Mitten in der Sprache ein
Ort, keine Mitte –
knapp
daneben blinkt
das erste Satzzeichen auf:

Stern & namenloses Streben
nach Eröffnung eines
Raums, abgetrennt
von allen menschlichen An
gelegenheiten…

Die Zeichen erscheinen in der Sprache
als Pilze des Universums.
Die Wesen erscheinen in der Welt
vor der Grenze allen Fragens
& Denkens.

Blinken
auf & verschwinden,
wer
kennt schon alle seine
Atome, X
potenziert in den gebrochenen
Dimensionen

der Zeit
des Raums
der Bewegung
vor aller Bewegung.

Und wieder verstrich eine Gelegenheit
menschlich zu sein,
wieder schob sich ein Stück
Sprache vor das Denken,
wieder schlug das Herz
dreimal ohne Pause
Opfer
wessen? nach dem Gesetz
von Ursache und Wirkung

Namenloses Nest

Wir begriffen es nicht,
dieses Dorf mit dem offenen Himmel,
den verschlossenen Blicken.
Die Nachmittagssonne, die über dem
Anger lag, schien melancholisch,
als erinnerte sie sich
besserer Zeiten.

Wir mit unserem
Städterverstand liefen herum
um die verriegelte Feldsteinkirche,
vergewisserten uns ihrer Unversehrtheit,
pflückten Holzäpfel aus dem Pastorengarten,
bestaunten vermooste Grabsteine
ausgestorbener Adelsgeschlechter.

Es gab nichts zu sagen.
Wir hüteten uns, an verborgene Dinge
zu rühren, wir fanden die Worte nicht, hier
im Dorf der begrabenen Träume,
von dem vorzeiten ein Dichter schrieb,
er habe sogar den Namen vergessen
über so viel Traurigkeit.

Lebenslügen

Die Glückszustände werden rar,
Leiber sind wir, voll des Schmerzes,
Ertrinkende im Meer des Daseins.
Wir glauben es nicht.

Der Preis ist hoch:
Leben ist Verzicht, Verzicht ist Leben,
vorsorglich versichern wir uns
goldener Tage. Uns bräche das Herz,
nähmen wir kommende Entsetzlichkeiten
zur Kenntnis.

Erinnern einzig,
mit dem Blick auf die Erde, auf die wir
einst kamen. Unsere Lebensreise
ist nüchtern, auf Vorteil bedacht, leer
wie unsere Hände.

Wir sind auf der Flucht,
gefesselt an die Last verworfener
Einsichten, wir gehen unsere Wege, aber
wer weiß schon,
wohin.