Berlin, Scheunenviertel

Geschichte alter Berliner Straßen
dümpelt in muffigen Kellern,
in kohlenstaubschwarzem Dunkel,
wo fette Ratten das Pfeifen einstellen,
sobald die verängstigte Hausfrau
die Szene betritt.

In den Straßen noch der Geruch
armer Leute. Fassaden, bunt,
wollen Geschichte vergessen machen,
Geschichte, die nicht vergehen kann,
sich einnistet ins Mauerwerk als
Mal des Jahrhunderts.

Und du weißt,
deine Schritte führen dich
durch die Welt der Verschwundenen,
du betrittst den Granit der Straßen
in den namenlosen Tod,
verstört von so viel Schrecknis.

Glashaus

Sie trug ein Haus aus Glas um ihren Körper. Alles, was sie empfand, prallte daran ab, drang nicht nach außen. Doch immer wieder stieß es an die harten Wände und schmerzte, wenn es im Ausfallswinkel zu ihr zurückkam.
Eines Morgens hörte sie ein leises Klopfen an der Tür. Der durchdringende Klang ließ die Kuppel sanft erbeben. Sie horchte auf und legte ihre Hand auf die Begrenzung. Doch die Hand auf der anderen Seite war fort.

Das Glashaus schluckte das Sonnenlicht, denn es war kein gewöhnliches Glas. Nicht einmal der Mond schien am milchigen Glashimmel, der sie von der Welt abschirmte.
Die Glasfrau unterschied sich wesentlich von anderen Menschen. Die meisten wurden heller, wenn sie liebten. Ein Schimmern drang aus ihren Augen und legte sich als dünne Schicht über die Haut, dass alles an ihnen glitzerte und funkelte. Bei ihr war das anders. Das Material um sie herum nahm Stahlen auf, und sie blieb dunkel.

Häufig versteckte sich der Himmel hinter einer finsteren Wolkendecke. Doch immer wieder riss ein Windhauch Löcher hinein. Das Licht ergoss über alle Menschen feine Perlen, und die Gesichter und Hände glänzten.
Die Perlen kamen aus dem Wind, der die Geschichten in sich trug. Dieser Wind hatte nämlich eine ganz besondere Eigenschaft: Alles, was einmal auf dieser Welt passierte, wirbelte noch in ihm herum. Es gab helle und dunkle Perlen. An das Licht hefteten sich nur die hellen. Ihre kleinen Löcher füllten sich mit neuen Sätzen, wenn sie sich auf die Menschen legten. Oft bildeten sie ganze Reihen, bis ein Windstoß kam und sie wieder in sich aufnahm. So trugen sie Gedanken und Ereignisse von einem Ort zum anderen, und die Menschen lasen begierig, was der Perlenwind ihnen brachte.
Eines vermochten sie jedoch nicht. Sie konnten kein Glas durchdringen. Deshalb brachten sie keine Worte von anderen Menschen zu jener Frau hinter dem Glas. Es befanden sich zwar ein paar Perlen im Innern der Kuppel, doch niemand konnte sie sehen, da die Dunkelheit den gesamten Innenraum ausfüllte. Die Glasfrau blieb für die anderen stumm. Und auch die Menschen außerhalb der Kuppel hielten Abstand und versuchten nicht, ein Gespräch zu beginnen. Für gewöhnlich klopfte niemand an das Glas.

Die meisten liebten den Glanz und die bunten Perlen, und manchmal sammelten sie einzelne und banden sie sich um den Hals. Dieses Verhalten blieb nicht immer ohne Folgen. Zuweilen war es nämlich möglich, durch die Perlenketten in einen anderen Geschichtsstrang zu gelangen und so das Leben nicht wie gewohnt fortzusetzen. Einige Menschen griffen begierig in die aufgewirbelte Farbenpracht und warteten nicht, bis die Perlen heruntersanken, denn sie wollten stets anderes erleben. Sie waren geradezu unersättlich, diese Wirkung für sich auszunutzen und das Leben durch neue Geschichten zu verändern.
Bei Nacht befanden sich jedoch auch schwarze Perlen in den Ketten. Sie waren so schwer, dass sie am Hals drückten und rote Stellen hinterließen. Meistens zertrennten die Menschen dann das Band, denn ihre Haut war nicht daran gewöhnt.

Als die Frau hinter dem Glas das Pochen hörte, wusste sie zuerst nicht, was das für ein Geräusch war, denn sie hatte es schon Jahre nicht mehr vernommen. Plötzlich schaute sie ungläubig umher. Tatsächlich legte jemand sein Gesicht auf das Glas. Was bewog ihn zu dieser ungewöhnlichen Geste?
Offenbar versuchte ein Mann, das Schattenspiel im Innern zu deuten, aber der Hintergrund war ebenfalls dunkel, sodass er nur grobe Konturen wahrnahm. Wie er so dastand und in sie hineinschaute, blieb ein Schwarm bunter Perlen auf seinem Rücken hängen. Woher kamen die vielen Worte, mit denen sie sich füllten? Erst trieben sie durcheinander und trafen immer wieder an einer anderen Stelle auf. Doch bald schon hoben sie in einer Formation ab. Die umstehenden Menschen wunderten sich über das Gebilde und verfolgten es mit den Blicken, denn ein solches Muster hatten sie noch nie zuvor gesehen.
Der Spaziergänger hatte von dem Schauspiel hinter seinem Rücken jedoch nichts bemerkt. So sehr er sich auch bemühte, er konnte nichts erspähen, was ihm von Bedeutung erschien. All seine Anstrengungen ließen ihn nicht die Perlenworte erkennen, die immer schneller um die Glasfrau wirbelten. Schließlich zog er von dannen.

Berlin inmitten

Stadt, die mir
zugefallen, gestorben im Inferno
und wieder auferstanden,
Stadt mit ihrem Gestöhn in den Nächten,
dem Wolkenmeer über Häusern,
dem grauenden Tag.

Als sei mir
jeder Bordstein bekannt, als sei
selbst das Unwetter über den
Dächern ein Du. Und doch, fremd
die Stadt, fremder noch als die
eigene alternde Haut.

In den Höfen
brütet der Juni, Brachen in
Straßen, deren Namen halb vergessen,
weisen auf Lecks, die ihr Echo werfen
in die sonderbare Lautlosigkeit
des frühen Stadtsommers.

Menschenscheu

Jetzt saß niemand als eine einzelne etwa dreißigjährige Dame darin, die in einem Buche las, aber dabei vor sich hin summte und mit dem Mittelfinger der linken Hand immerfort leicht auf auf das Tischtuch klopfte. Als die jungen Leute sich niedergelassen hatten, wechselte sie den Platz, um ihnen den Rücken zuzuwenden. Sie sei menschenscheu, erklärte Joachim leise, und esse immer mit einem Buche im Restaurant. Man wollte wissen, dass sie schon als ganz junges Mädchen in Lungensanatorien eingetreten sei und seitdem nicht mehr in der Welt gelebt hatte.

(Zbg., S.17)

Schattenplätze

Unter der S-Bahn-Brücke
sammeln sich die längst Vergessenen,
die Aussortierten, kämpfen im Sommer
um einen Platz im Schatten. Trotzig
hocken sie auf dem Straßenpflaster,
bieten das Bild untröstlichster Verzweiflung
und Wiesenblumen an. Manchmal lächelt eine,
so beweisend, dass es ihr gut geht,
und so taugt sie zur Dokumentation
eines realen Beispiels
selbstverschuldeten Elends.

Nachtgedanken

Wenn alle Sätze schon gesagt sein sollten,
die je die Dichter kunstvoll aufgeschrieben,
und wenn das dumpfe Schweigen nur geblieben,
schlägt bald der Ungeist seine frechen Volten.

Nie wurde braves Ducken dir entgolten,
der Widerspruch hat dich recht oft getrieben,
er ist die böse, rabenschwarze Sieben.
Und wärest doch so gerne unbescholten.

Dir fremd und von dir selbst wie losgerissen,
bemühst du dich, die Zeit zu überleben,
hoffst, dass dir eine kleine Sonne scheint.

Du wühlst dich nachts ins warme Ruhekissen,
sagst dir: Es wird sich alles, alles geben.
Und weißt es doch genau: Dass du gemeint.

Auf den Dächern

sitzen Spatzen,
lösen sich Ziegel aus Erinnerung.
Ich sehe Mutter am Bügelbrett,
wie sie den Tag glättet.
Draußen bist du Schneekönigin
mitten im Frühling,
hängt sie Wäsche
und alte Regeln an die Leine,
die mit den Worten der Nachbarn flattern.
Zwischen Unkraut lauern Nacktschnecken
und andere Feinde,
baust du Schlösser
und braust Mittel
für tote Fliegen.

Erst am Abend
stürzt dich Mutters Stimme
von den Zinnen
deiner Welt.

Stäbchen und Zäpfchen. Fragmente

(2. Fassung)

stäbchen und zäpfchen
trafen sich
im wald

stäbchen war ein hampel
mann, zäpfchen
wurde laut

***

zäpfchen und stäbchen
trafen sich
im zimmer

stäbchen, eine pampel
muse, zäpfchen mousse
au chocolat

***

stäbchen und zäpfchen
treffen sich
im raum

stäbchen ein computer
bildschirm – zäpfchens
sonnenuntergang

soonenuntergang, reeloaded:

sonne setzen rosé

eine drehung der
vergangenheit
Color in certain places nahm
die zukunft aus making the outlines
and herrschend

structural planes
unbeeindruckt seem more
energetic

versenkte den hoch

fahrenden titel
Antoni Gaudí
ging

hinaus und lehrte
poesie trennte
auf
und

quirlte ihm rumpel

pumpel staub planeten
rollen über.

Entfernungen

Wieder der
Sterbemonat November.
Heute beschreibe ich mein Leben ohne dich,
Ungereimtes in zwölf Zeilen.

Immer die Flucht
hinter die Vorhänge der Zeit.
Und dieser Ozean verkannter Sätze
zwischen uns.

Ohne Anlass
fällst du mir ein, wie einem Bettelarmen
der teure, der unentbehrliche
verlorene Groschen.

ankündigung einer reise (ansichtskarte)

du lebst nicht mehr
in dieser stadt
neigen dichter zu abschiedsgedichten
hast du wort gehalten
und bist gegangen
zurück bleiben ablagerungen von feinstaub
aufgewirbelt und verweht
vom fahrtwind vorbeiziehender autos
alles sehr theatralisch
ein gebinde aus silben
stelle ich ins fenster
acht silberlinge zahlst du
dem zwerg für jeden zauberspruch

Tischgespräche IV

Mancher wäre gerne seinen Tisch los doch ihm fehlen vier Beine.

Er saß lange auf die Platte. Dachte. Buchenholz, exotischer. Das fast zehnjährige Protokoll eines Scheiterns auf der Suche nach dem Feuer war der gefeaturete Affront, der zusammenformte. Danach haengt im alten Klischee der Zopf wie ein Zaunpfahl den Turm herunter. In der Vorhalle vom Finanzamt starb er schließlich den kleinen Tod. In Herbstlaub, Kind und Gartenlaube. Genug Holz gemacht. Späne fallen. Das Ende nach dem Ende nur eine neue such*

 

 

Swanns weibliche Welt

In Combray eine Treppe & die erste

x  Stufe – verbrannte Erde.

Nicht Hinterhof, nicht Kreuzberg %

xx  wo Milch & Honig fließen.

Ich bin Baal oder ein

xy  schwarzes Loch.

Schwarzer Körper? Meine Ausstrahlung

yy  lässt sich nur gequantelt begreifen.

Was heißt: weder Quantenchaos noch

xxy  Chromosomengeometrie

The * has gone but he’s not forgott’n
xyy  forgott’n forgott’n forgott’n

Worüber hinaus Größeres nicht mehr
ganz ist

Das Ganze Eine Un teil trennbar
e  schlinge ich  xxx  in mich durch

* _ _

So hätte es sein können: Ein erfülltes Liebesleben

its only raining because of you.

Bis mein Liebesleben sie hinwegfegte. Die Wand des Hauses war weit entfernt, aber ich erkannte die Gestalt, die mir mit einem Arm zuzuwinken schien. Dann verschwand der Arm wieder. Die Fassade zeigte ihre Arabesken und ich ließ mich willig auf das Spiel ein. Ein Mann stand dort. Was tat er an diesem Abend auf dem weiten Platz? Wusste er, daß ich oft hierherkam, war er hier um mich zu treffen? Ich ging schwungvoller und streckte die Arme über dem Kopf. Ich fühlte mich schlank und groß. Wie leicht ging ich in den schwarzen langen Stiefeln, sie klangen, aber nicht hart, ich ging sicher und leicht. Der weite Platz war zu einem Karussell geworden und die Häuser waren Kunstwerke. Die Gestalt rückte näher, sie war es, dunkelhaarig, bleich und schlankwüchsig. Ich taumelte darauf zu und küsste die kühle Wand.

Ich traf Melisand in der Cafeteria. Sie trug eine dunkle Brille, wahrscheinlich um ihre Augen zu schonen. Die Sonne schien mäßig an dem Tag. Ich erkannte Melisand nicht gleich, doch dann umarmte sie mich. Ich nahm ihre Hand. „Was hast du da in deiner Tasche?“ Melisand lächelte geheimnisvoll. „Zeig’ ich dir später. Ich habe einen Hunger nach dem Vormittag. Tierisch. Ich könnte mit dir zwei Wildschweine verspeisen.“ Melisands schlanke Beine steuerten auf einen kleinen Tisch am Fenster zu. Wir setzten uns. Melisand bestellte Erdbeerkuchen, ich holte mir einen Salat vom Buffet. In meiner Tasche hatte ich einen lilienroten Lippenstift. Ich nahm ihn heraus und begann, Melisandes scharfkonturierte Lippen nachzuzeichnen, sie auszumalen, die jetzt von der Sonne ausgeblichen waren. Dann küsste ich sie (auf den Mund). Sie setzte ihre Brille endlich ab und wir sahen uns lange schweigend in die Augen.  Eine Frau im weißen Kittel nickte uns zu und stellte ein großes Stück Erdbeertorte mit Schlagsahne vor Melisand hin. Melisand aß davon, langsam und bedächtig, wie sie es immer tat. Sie pulte mit ihrem Löffel eine Erdbeere aus der Geléemasse und schob sie mir in den Mund. Sie lächelte wieder, öffnete ihre Tasche und zog ein unscheinbares, aber noch fast druckfrisches Taschenbuch heraus. Es waren Gedichte und Theaterstücke eines französischen oder belgischen Autors, im Original. Das Lächeln stand beständig auf Melisands Gesicht. „Melisand, gib mir noch eine Erdbeere, bitte.“ Melisand zog die letzte Erdbeere von ihrem Kuchen und wir zerteilten sie zärtlich von Mund zu Mund. Dann … klappte sie das Buch auf. Und las Gedichte in französisch, die überschrieben waren mit Titeln wie Langeweile oder AquariumErwartung oder Nachmittag.

Wie die Menschen gingen, wenn sie sich in den Straßen, den Gassen, den Alleen bewegten! Sie gingen unsinnig langsam, eigentlich gingen sie gar nicht. Sie betraten ein Geschäftshaus, ein Büro, die Bahn, die sogleich nahezu lautlos von der Stelle glitt. Sie sprachen untereinander in ihren Konventionen. Doch ich hatte Melisand nur noch einen flüchtigen Kuss geben können, bevor sie hinter den sich schließenden Türen der Bahn verschwand. Einen Moment stand ich gedankenlos an der Haltestelle, fand dann die Straße, in der ich wohnte. Ich war schon an der Haustür angelangt, als mir einfiel, daß Melisand mir die Adresse von dem Krankenhaus gegeben hatte, in dem Vivian lag. Ich zog die Notiz aus meiner Jackentasche und starrte eine Weile blind darauf. Dann warf ich sie weg. Wie Melisand mich angesehen hatte, als sie mir das zerknitterte Zettelchen reichte.

Der Zeitreisende (denn so wollen wir ihn der Bequemlichkeit halber nennen) war im Begriff, uns eine geheimnisvolle Sache darzulegen.

(H.G. Wells, Die Zeitmaschine)

Flucht und Wiederkehr II

Alex marschiert, exerziert, Alex mit Pulle in der Hand, lila-blauem Iro und Nietenjacke gröhlt gaffend tuschelnde Touristen an, ob sie wüssten warum er so sei. Wenn nicht, dann sollten sie die Fresse halten. Alex am Alex. Alex an den Resten der Mauer, Alex, immer alles auf Ex. Alex verrät warum: Weil die Stadt scheisse ist. Scheisse kalt. Hart. Windig und bösartig. Will er eigentlich weinen, erzählt Alex mit verschwommenem Blick, springt er auf und rempelt einen der steifen Herren in Anzügen an, schreit und spuckt. Alex‘ Vater im Loch, seine Mutter auf dem Strich. Nur seine kleine Schwester sei stets bei ihm, ausser wenn sie, wie jetzt gerade, einige hundert Meter weiter schnorre oder neues Bier hole.
Alex ist nicht alt, aber das Leben, das er führt hat seinen Körper der Jugend beraubt.
Im Innern fühlt er wie ein verletztes, trotziges Kind, das auf der Suche nach verlorenem Urvertrauen brüllt und um sich schlägt. Früh morgens sticht die Kälte wie eine stumpfe Nadel, sagt Alex – damit kenne er sich ganz gut aus. Alex will grinsen, wie Jugendliche, die von Streichen berichten, aber ihm ist nicht zum Grinsen zumute und so verharrt sein Gesicht fast so steif wie das der Anzugmänner.

„Ist das ihr Ernst, Herr Rübenmöller? ‚Alex‘, wirklich? Das Thema ist seit fast 30 Jahren durchgelutscht, spätestens nachdem die Hosen sich an der Clockwork-Orange Figur dumm und dämlich verdient haben! Gibt es überhaupt heutzutage noch Punks in Berlin? Denn wenn es nach dem geht, was unsere Mitarbeiter sonst so verzapfen, ist die heutige Jugend weichgespült und kommt ganz ohne Subkultur und Protestgehabe aus. Schreiben Sie doch lieber über die Stipendiats-Vorbereitungen der angehenden Führungseliten, sie wissen schon – eben das, was die Kern-Leserschaft unseres Blattes dazu animiert ihren Kindern und Enkeln ein wenig mehr Feuer unter dem Hintern zu machen – und ihr Abo ein weiteres Jahr zu halten!“

„Aber Herr Töfte-Süß, sagten sie nicht gerade gestern zu mir, ‚gehen sie hinaus, finden sie etwas, was unsere Leser bewegt‘?“ Rübenmöller hat das Gefühl, als würde sein Magen unaufhaltsam in die Tiefe sacken.

„Ja, sind sie denn blöd?!! Ich meinte was über eine niedliche Katze, die auf einem Baum festsitzt, ein kleines Mädchen, das einen großen Hund umarmt, eine Hintergrundstory darüber, wie die Familie der neulich verunglückten Frau mit dem Verlust umgeht, sowas halt – nichts über dreckige Punks, verdammt noch mal!“

Rübenmöller wischt sich mit einem seltsam steifen Ausdruck die Tropfen aus dem Gesicht, bevor er sich, gebeugt auf Töfte-Süß‘ Schreibtisch, übergibt.

Manchmal hat Alex es warm, nachts. An diesen Abenden pulsiert in seinen Adern  Methadon und er ist untergekommen bei einem Freund, der schreibt. Seine Schwester sitzt dann neben ihm und schaut sich alte Donald Duck-Hefte an. Die eigneten sich seiner Erfahrung nach ganz gut zum Lesen-üben, sagt der Freund.

Flucht und Wiederkehr

Gezeugt aus archetypischem Willen Leben zu preisen, gefangen in einer Zwischenwelt naiver Schaffensfreude, dem unsäglichen Regime eines mehr oder weniger beschränkten Reservoirs aus Träumen, Torheiten und Tabus unterworfen, verharrte das Bewußtsein, das unter Menschen Juliette genannt wurde, vor dem fast leeren Schaufenster Justines ehemaliger Boutique. Nur der, mit einem langen Schmiss versehrte, von abgebröckeltem Putz und Staub bedeckte, merkwürdig stolze Torso eines Dinges, das früher einmal eine vollständig funktionstüchtige Schaufensterpuppe gewesen sein musste, war noch hinter der dreckigen Scheibe zu erkennen.

Nackt werden wir geboren und nackt gehen wir von dieser Welt, nichts wird besessen, nichts gehört – und doch wird von dem, was uns kitzelt der unbewußte Ruf aus der Leere in die Leere erhört. Vor diesem unendlichen Schatten auf ewig versteckt  – und so für immer gewärmt, umhüllt, geborgen, ja weich gebettet: Justine.

Der schlafende Torso, Schöpfer seiner selbst, da im Innersten ungebrochen. Die leicht herausquellende Füllung am Riss nur Ausdruck teilhaftiger Individualität. Die Wunde: der Quell. Leid: der Fluss. Rostbraun wird die Sonne das benetzte Glas brennen.

Justines Kleider waren Juliettes Anker gewesen, hatten sie geerdet. Jene Röcke, die sich scheinbar nie vom Boden lösten, deren käfighafter Unterbau ihr zumindest die Illusion verlieh, über ein, wenn auch kleines, eigenes Territorium – nein  Königreich! – zu verfügen, das, einem  strengen Protokoll unterliegend, zwar täglich Staatsgäste unter Beachtung aller möglichen diplomatischen Gepflogenheiten zu empfangen und versorgen hatte – das aber de facto doch unabhängig war und bei Bedarf entschieden „na, na!“ zischen und die Delinquenten mittels eines unmissverständlichen Klappses unmittelbar ausweisen konnte, zumindest bis deren versoffene Armee gewaltsam einrückte.

Oh! Ursprung der Welt, welch Diamant! Geschliffen von Alexander, erneuerte Phryne,  die Hetäre, Thebens Wälle, dem Willen der Altvorderen  entgegen, sehr wohl  — sie richtete, mit einer Mischung aus zynischer Verachtung und überlegenem Stolz um sich blickend, ruckartig ihren imaginären Rock aus lustvollen, irdischen Versprechen und überließ, wie ein Kind zu den Göttern singend, die verblüfft kleinmütigen und zugleich unsicher erregten, vertrockneten Herrschaften einem unfreien, verhärmten Schicksal.

Erst der weit entfernte Schrei eines Hahnes, das matte Licht einer die Himmel mit Vergessen tünchenden Morgendämmerung und ihr zugleich einsetzendes, rasendes Zittern rissen  Juliette aus ihrer Trance. Bald würden bucklige Menschen vorbeischleichen, sich verschämt bekreuzigen, nur um  kurze Zeit später doch mit Decken heranzustürmen, sie sodann unter lautem Wehklagen an den Ofen ziehen, ihre Wunden mit leicht übertriebenem Fleiß versorgen, bevor sie später untereinander das Hohelied der eigenen Mildtätigkeit gegenüber jenem verstörten, jungen Ding, das gar Unaussprechliches erduldet haben musste anstimmten.

Aufbruch der Knospen

Ein Tag, so kahl
wie Bäume im Winter. Nichts, und doch,
der Sommer kommt, sobald sich
die Erde aus dem Schlaf windet, die Erde,
der blaue Stern.

Wir reden nicht von Gefühlen,
sie überdauern die Regen nicht, die aus
Melancholien stammen, die wir
uns nicht erklären können,
ob wir auch wollen.

Wer spricht von den
Apfelbäumen, die blühen werden,
wenn schon die Tage voll Licht schwinden
und die Züge immer noch
pünktlich fahren?

Wach bleibt das Erinnern.
Was große Worte? Wir haben sie
hinter uns. Sieh die schwangere Pappel
am Straßenrand, sieh den Aufbruch
der Knospen.

Alte Wege

Nebel zieht über das Moor,
und die Töne der Vögel zittern.

Einst schrieb die Zeit
Falter an Felsen.
Zwischen Heidekraut liegt das Leichte
unter meinen Füßen.

In der sumpfigen Wiese
sprachen wir uns stumm.
Jeder Laut wog schwer
und sank.

Gestern füllte ich die Taschen
mit fossilen Worten
und legte sie in Farben.
An ihren Rändern
ist die Sprache bunt.

Neue Themen

Die hohe Jury hat getagt und endlich den Beschluß gefaßt: für die nächste Inskriptionen-Ära laden wir euch ein, zu Themen, die die dänische Dichterin Inger Christensen inspiriert hat, eure Beiträge zu ordnen. Zur Auswahl standen Kategorien aus der Modewelt und aus der Welt der Mathematik/Geometrie – die jedoch nicht das Rennen gemacht haben… In ihrem berühmten Sonettenkranz „Schmetterlingstal“ und ihren Essays hat Inger Christensen zahlreiche peotologische Begriffe kombiniert, die ein erkenntnistheoretisches Interesse andeuten: Mysterium der Realitäten, Schatten der Wahrheit usw. Wir haben einige dieser Genitive aufgegriffen und mit Hilfe der Wortschöpfungskraft der deutschen Sprache zu zusammengesetzen Substantiven montiert, damit ihr beim Schreiben etwas Spielzeug habt …

Die neuen Kategorien Inskript 9

Tiere

„Es gibt ein Instinktverhalten, aber keinen Fortpflanzungstrieb. Dass daraus Nachkommen entstehen, ist bei Tieren nicht gewollt.“ Auf dem lockeren Boden hinterblieben die Abdrücke ihrer Schuhe. „Es ist den Tieren unbekannt, Eduard. Wollen oder nicht wollen setzt das Bekanntsein der Konsequenzen eines Verhaltens voraus. Gib deine Schönheit immer hin. Kein Tier ist dazu in der Lage.“ „Mein Lieber, du bist hoffärtig. Die Intentionalität ist auch bei Tieren vorhanden. Ohne Rechnen und Reden. Überhaupt – wenn auch in reduzierter Form – bei jedem Wesen mit einem Gehirn. Meine beste Kraft soll sein wie ein Trieb.“ Eduard trat auf eine Nacktschnecke.

Warum redeten die beiden über Tiere? Warum verschafften sie sich Nähe zu ihr, obwohl sie doch aneinander genug hatten, wie Katzen um einen besonders gehaltvollen Brei schlichen sie um Esther herum und rieben sich das Fell an ihr, bis die Funken stoben. Sie fühlte den Wind von einem großen Blatt. Dabei hoffte sie im Stillen, es möge der Glanz von einer neuen Seite sein.

 

Glücksschmied

Von den Schlägern
war nichts mehr zu sehen, als die
Polizei kam, nur der Obdachlose
in seinem Blut, das herumliegenden
Papptellern eine curryähnliche Färbung
verschaffte, hätte aussagen können,
wie er zu Tode kam.

Das Regionalblatt von A.
druckte angesichts der Sensation in einem
gediegenen Ostseebad das gerichtliche
Eingeständnis eines der Täter, dabeigewesen
zu sein, als er und seine Kumpel
dem Schlafenden so lange auf den Kopf sprangen,
bis sein hässliches Stöhnen verstummte.

Er bedaure die Tat, sagte er, aber
dieses arbeitsscheue Stück Mist ruhte
sich aus, während er und seine besten Freunde
rackern mussten, bis ihnen der Schweiß
aus den Poren rann. Und schließlich,
fügte er überzeugt hinzu, sei bekanntlich
jeder seines Glückes Schmied.

pilgerwege

aus dem fels breche ich blumen
brechen tauben aus deinen augen
spiegeln sich straßen in den klüften des himalaya
gewohnheitsmäßig schauen wir himmel
lassen monde unser haar streifen
und halten höllen in unseren händen
steine häufen wir zu gräbern auf
und am mittag knien wir vor erinnerungen nieder
die gebrochenen blumen tausche ich gegen silberlinge ein
und die tauben gegen gold
in deine augen streut der wind
sand aus heiligen ländern

Ein Telefon namens Nutella

für Gespräche mit dem Liebsten
Fahrplan-Auskunft, Orientierung im Gelände
auf der Suche nach dem Polarstern
Großer Bär im Taschenformat
brummt unaufdringlich
aber nachhaltig – alle Helfer
beisammen für den langen
langen Weg in die Wüste
übers Meer, das Große Geheul
könnte nicht unaufdringlicher
dringlich durchdringender
sein – X-ray for X-mas
Allen Ginsberg
hätte daran seine Freude
für uns alle die
wahre Freude finden können

Alle Helfer beisammen für
den Weg durch die
Institutionen
Perforationen
eines lang andauernden
Gelächters, Gelichter
vom anderen Ende des Universums
mit uns einträchtig
versammelt im Ladungs
verteilungsplan des
elektronischen Ge
dächtnisses & die Sehnsucht
nach dem Nullniveau

Eisheilige

Mein zerzaustes Gedächtnis
sammelt die Bruchstücke von Jahren,
ein Ziehen im Herzen, nichts weiter.
Was auch geschehen, das Große, das Kleine,
die Spuren verwischen sich.

Auch dieses
wolkenverhangene Pfingsten
ist morgen von gestern. Pfingsten? Ach,
was ist das, keine drei Rathaushähne
knarren danach.

Nichts Neues, immer
das Alte, wer erinnert sich noch, alles
kommt wieder, auch die alten Gestalten,
das frische Blut in mitleidlos
verzerrten Gesichtern.

Und wenn du mir sagst,
der Frost wird irgendwann gehen,
ich glaube es dir, schlurfen wir Eisheiligen
doch in Pantoffeln durchs Dasein
und erfrieren an uns.

Die Welt nach Durchqueren der Pforte zur Ewigkeit

Alles ist durchsichtig geworden.
Alles ist durchsichtig geworden.
Eine Grenze durchzieht den Blick,
die ist nicht mehr nur
Oberfläche von Dingen.

Wer bin ich? Was tust du?
Wem können wir unsere Fragen
stellen, wenn nichts mehr
seine Oberfläche
zeigt?

Zeig mir – Sag mir – Berühr‘ mich:
möchte ich dich bitten,
doch ich bitte dich
nicht.

Warum?

Alles ist durchsichtig geworden,
die Kraft
sich etwas zu wünschen
ist nur noch ein Etwas, nicht
der Erwähnung wert.

Warum erwähne ich
das überhaupt?
Haben diese Worte hier
überhaupt noch eine Kraft?

Warum sollten sie Kraft haben,
reicht es für sie nicht
sinnvoll zu sein?
Nein.

Warum? Warum?

Unter der Oberfläche
Ist das Unsichtbare, das nichts
aber auch gar nichts mit mir
zu tun hat.
Unter der Oberfläche
sieht alles seltsam verzerrt aus,
man möchte glatt
aufhören zu atmen.

Möchte ich dich bitten…
Deine Antwort greift ein in
meinen Zyklus
meinen Rhythmus – deine
Antwort bin ich
und nicht ich.
Nicht mehr

Was von der Rose blieb

Nicht meine Schuld,
dass die Schönheit lackierten Larven
gewichen, dem willigen Leugnen –
wer klug, schweigt sich aus der Welt,
hinter die Wand der Wörter.

Lichtlos gehen die Tage,
das kostbare gute Wort in der Schleuder
des Schlussverkaufs, und die Grimasse
jedes lächelnden Menschen
hat ihren Preis.

Wie sie wiederfinden
in dieser Welt zertretener Seelen,
jene Schönheit des Wirklichen, ohne die
selbst die prachtvollste Rose
zum Scheusal wird.

***

Er war ein Dandy, der Extravaganzen schätzte, die er sich gar nicht leisten durfte: Debussy verdiente schlecht, Publikum und Kritiker waren ihm kaum gewogen, er selbst zweifelte an seinen Fähigkeiten und klagte 1893 in einem Brief: „Da bin ich nun 31 und meiner Ästhetik gar nicht sicher. Noch immer gibt es Dinge, die ich nicht fähig bin zu tun — zum Beispiel Meisterwerke zu erschaffen.“

(Der Spiegel, 5.1.1970)

die achte

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Die achte Ausgabe der Inskriptionen ist am Entstehen: hier beim Zuordnen der Textauswahl in die künftigen Kapitel…