unaufhörlich : Konstanten

Die Reise mit dem Zug durch Thüringen
Gleicht dem Tauchen durch ein Landschaftsbild
Aus dem 18. Jahrhundert : sanft hingewellt

Ein lieblich ausgerollter Blätterteig
Gespickt mit spitzen Fichten : bunten Bäumen
Die Zeit bleibt stehen und der Atem auch

Erneuerung kreist unaufhörlich : Konstanten
Der Erinnerung : hier suchten manche
Ihre Liebe und verloren sich in den Tälern

Aufatmen

Dreizehn Jahre und drei Kritiken
älter, du hängst nun
als Ikone
über Schreibtischen.

Wohin werden sie dich
geleiten?
Wozu werden sie dich
befragen?

Dreizehn Jahre, die Abstände
zwischen den Ereignissen
suchen nun
ihre Logik in dir.

Du bist nicht mehr
der du bist –
Gletscherspalte & naive
Nachahmung.

Du bist nun eine
Frau mit einem Körper
aus Glas, Fensterscheibe –
Mauer – Eingangstür.

Ein Mensch in
der Blüte seiner Kraft,
ein Mann in seiner
Kindlichkeit.

Du bist nun das Kind
das du immer sein wolltest.

Zeit, endlich erwachsen zu werden

Der Schreibtisch wartet
auf dich wie ein
gealterter Geliebter,
sicher schwebst du
zwischen die Fächer des
Bücherregals.

Flieder? Tempera? Arsen?

Am Bahnhof warten sie auf dich,
immer wieder.
Am Bahnhof haben sie immer
eine offene Hand für dich übrig.

Was ist das

Die Würde des Menschen : du bist
Auf der Suche : irgendjemanden
Wird es geben : der dir entspricht
Ich bins nicht : den du suchst
Du strandest immer wieder

An denselben Inseln : immer gleich
Sehen sie aus : du träumst
Vom Paradies : wo du bis Mittag
Schlafen kannst und dann
Deinen Spaß hast : es sind immer

Wieder karge Eilande : auf denen
Du landest : aus der Ferne
Schön : von Nahem kahl und hart
Solange du suchst : bin ichs nicht
Mich hast du längst gefunden

Ich halte dir den Rücken frei
Damit du weiter suchen kannst
Ohne inneren Kompass : ohne
Festen Griff : ein Goldfisch
Bist du : schlüpfst durch alle

Hände : den Teich hältst du
Für die Welt : ich war auch
Auf der Suche : warf meine Angel
Aus : du hast angebissen
Und gezappelt : mich überkam

Die Angst : zurück ins Glitschige
Bist du geglitten : ich kralle mich
An dir fest : laufe von Ufer
Zu Ufer : wo bin ich : wen suchst du
Solange du suchst : bin ichs nicht

Du suchst und findest ständig
Irgendwen : mich läßt du stehn
Wie eine alte Tasche : da ist
Die Menschenwürde drin : versteckt
Ein Strandgut : das keiner kaufen

Will : liegengelassen : vergessen
Ich hab mich längst gefunden
Und wieder verloren in dir

November

Bevor wir gingen,
brachen wir die Tage des Schweigens an
und zehrten an ihnen.

Der Hunger hing in Winterfarben
an den Fingern.
Mit körniger Stimme rieselte er
ins Stundenglas der Liebe,

und das Laub brannte
den Sommer aus.

Erst gestern fand
ich mich zinnoberrot am Rand
der Nacht.

Altes Spiel

Das Sterben beginnt,
sobald du dich selbst belügst,
nicht weißt, wofür du noch kämpfen
kannst, warum du jeden Morgen
wieder erwachst.

An einem beliebigen Abend
beginnt es, an einem der blassen Abende
wie so viele andere, die du deiner
Lebensuhr abgerungen hast,
solch ein Abend wird es sein.

Fragen wirst du:
Warum hassen, warum lieben?
Du wirst die Antwort vergessen haben,
und deine Uhr gibt auf zwischen
zwölf und eins.

Badewanne

Heiß, fünfundvierzig
Grad mindestens
ab dreiunddreißig
seit Lesen wie Rotwein & Sex
kein Pardon, keine Frage
ein paar Worte
nach dem Joggen
wenn die Poren im Ge-
dächtnis besonders empfänglich
für Leid & Sinn, Unglauben aller Art

Auf der Flucht

Dann packst du einfach deine Siebensachen,
verschwindest spurlos, löst dich auf in Luft.
Wird Zeit, sich auf die Socken nun zu machen,
nur raus, nur raus aus dieser dumpfen Gruft!

Am Bahnhof siehst du, es gibt viele Züge.
Nach Langensalza und auch nach Paris.
Und Brieselang? Das kennst du zur Genüge.
Was fehlt, das ist ein Zug ins Paradies.

Auf Wolken schweben, wo die Engel singen.
Wo alles Frieden und auch sonst gerecht.
Und du stehst da: Wer soll dich dahin bringen?
Was bleibt – du wirfst dich wieder ins Gefecht.

Der lächelnde Blitz

1
Zwischen
Bessarabien, Bukowina
und mehreren Kreisen Moldau
spannt sich eine Brücke
nach

Transnistrien
hinüber,

halb Regen-
bogen, halb

Luftspuk-
gebilde

2
Eiserne
Grenze quer zu
den Bahnschienen
Richtung Polen

3
Nord-
Nord-West

Der Schrei

Schreie der Krähen
zwischen Straße und Dächern,
und du beruhigst dein Blut,
verschluckst den Schrei,
der aus der Kehle will.

Still nun die Straße
wie zuvor, nur ein, zwei
Laute menschlicher Äußerung
hinter Gardinen, ein Nichts,
das nichts verbirgt.

Du sitzt und lauschst,
und du erlebst diesen Morgen
wie einen Freund, der mit dir
spricht als ein Wind,
ohne ein Wort.

Ode an die Septembersonne

Auf blauen Himmeln, in milder Luft
spielst unschuldig du, heller Ball;
will glauben du bleibst und
tilgst an nahenden Morgen
mein Frösteln im Sturm.

Umsorgst mich, geschminkt als junge Braut,
liebevoll wie ein altes Weib,
dessen Leib das letzte Mal gebar,
dessen Erinnerungen mit zarter Trauer in der Stimme
am flackernden Herde leise verwehen.

Schön bist du, Semptembersonne,
trittst dem Schicksalswinter stolz,
da diese vollen Stunden dein Vermächtnis führen
mit bewundernswertem Sehnen, Frühling im Geiste
und Sommer im Herzen entgegen.

die beteuerung der zeit

die wiesen hängen tief die felder
hundertschaften von seiltänzern
überqueren das meer

du berührst schmetterlinge
an deinen fingern falterstaub
du gibst mir das gefühl
dass ich gedichte zähmen kann
und den tag anhalten
auf dem fluss treiben steine

gott lässt für sich beten
ängste wachsen
zu einem martyrium

 

Boat People

Tief die Wasser des Mittelmeers,
die Fische erbrechen unterm Überangebot
menschlicher Leiber, und kein
hilfreicher Moses in Sicht.

Völkerscharen wälzen sich
durch die Straßen Europas – Schreckbild
jedes mittleren Angestellten, und die
es über das Meer geschafft haben,
Gestalten des Elends, gefesselt an Traum und
Trauma, erwärmen die Glieder an Feuern
brennender Asylunterkünfte.

Wir, vor den Bildschirmen, die uns
das Ausmaß deutscher Jämmerlichkeiten
nicht zumuten wollen, wenden uns ab,
verschließen, aufrichtig ergriffen,
die Türen unseres Arkadiens mit
dreifach doppelten Riegeln.

Alsóörs 2015

1
Der Balaton verspricht seinem Wasser, was Malev den
Passagieren abverlangt: Aus- und Einsteigen bei frei
schwebender Gangway, das Combi-Ticket Schiene-Luft
inbegriffen. Ökologisch? Na, klar – wo soll hier die Ver-
schmutzung noch herkommen? Die Enten putzen sich ihr Gefieder,
der römische Weinkeller lockt mit den neuesten Angeboten.
Die Sprache – das Mysterium schlechthin, pardon, behauptet sich
in jeder Aussage. Der August hängt über dem Wasser und glüht,
kein Pardon! in 1 Meter 20 Tiefe aus. Morgens um sechs
ist hier an den Zehenspitzen die Eisschicht zu spüren, mit der sich
die Seele bald bedeckt haben wird: Attila oder – pardon, wie bitte
war ihr Name? Meyer, Schulze, Lehmann bestellt ein neues Bier,
was antwortet ist nur – Schaum im Gedächtnis. Wieviel Gischt
ist nötig, eine Göttin zu gebären? Kein Pardon für das Gedächtnis!
wenn Zeitgenossen mit immer neuen Hammerschlägen Ereignis
für Ereignis unter der Oberfläche versenken; zurück bleibt all-
abendlich das Zittern eines Spiegels unter den Sternen. Zeitgenossen
versenken sich, die Gegenstände erwachen als Dinge unter einem
Himmel, der als eines der beiden ewigen Phaszinosa der Menschheit
gelten will. Tief in mir, knapp unter der zitternden Oberfläche
flüstert ein Dichter halbverständliche Worte, undeutlich & klar wie die Nacht.

2
Attila ist ein Name von Format.
Attila war ein Ökologe.
Attila brennt sich ein ins Gedächtnis.
Attila schläft. Schläft nur.
Attila ist der Beginn einer Serie von Ereignissen.
Attila war ein Berg.
Attila träumt von einer besseren Zukunft für alle.
Attila hat sein Zaumzeug fest in der Hand.
Attila hat einen Griff wie tausend Monde.
Attila lächelt, lächelt nicht mehr.
Attila hatte ein Erziehungsproblem.
Attila schweigt.
Attila Meyer, Schulze, Lehmann.
Attila.
Ich liebe dich.
Wann treffen wir uns wieder?
Am Balaton, in Alsóörs?

3
Und nächstes Jahr könnte es
ein Tempel sein.
Als vor fünfzig Jahren
die Verse erzitterten
unter der Wucht des
Gewissens war
ich noch nicht auf
der Welt: die Lebens-
mittelindustrie hatte gerade
die wasserundurchlässige Verpackung erfunden, der Papst
war ein Bruder im Geiste.
Kurz danach
feierte jemand seinen
hundertsten Geburtstag, da
war ich schon mit dabei.
Heute
hier in Alsóörs
kündigen sich Vierhundertjährige an.
Der Tempel steht
wie in biblischen Zeiten.

Jahrworte

getrieben von duftenden Frühlingswinden
verloren in rauschenden Sommernächten
verzaubert von geheimnisvollem Winterlicht
gezeichnet als Herbstzeitloser

Sommermorgen

Leb diese Frühe,
der Morgen öffnet die Augen
wie einer, der lange anderwärts
weilte, wo Erde und Sterne
sich zärtlich berührten.

Allein die Schatten
beweisen den Lauf der Sonne,
wenn sie über den Dächern deiner
Stadt aufsteigt wie die Göttin
von Samothrake.

Etwas wie Glanz in den
Straßen, die Mauern erhalten
die Farben zurück, und du hoffst
auf ein leises Glück, wofür
aller Sommer geschieht.

Und du weißt,
ein solches Glück gibt es
in Wahrheit nicht, leb diese Stunde,
ehe sie vergeht, ehe all deine
Sommer enden.

mittelsee

schmal in den wald geduckt hinter
bernau : mittelsee : schmaler see
wäre treffender : hier hat es uns

hin verschlagen : den tag durch
berlin gegurkt : am schönsten
freitag nachmittag : wenn alle

ausfahrtstraßen dicht sind : total-
sperrung auf der a10 : rückstau
bis pankow : wir löffeln suppe

und anatolische pfanne zur
überbrückung der zeit : die temperatur
steigt : die anspannung : bis wir

uns fallen lassen : mitten in den see

Man kennt das ja

Wer kennt nicht diese dummen blassen Tage,
wenn gar nichts klappen will und nichts passiert,
ach, solche Tage sind die reinste Plage.
Als ob das Leben stänkert und stagniert.

Wie blind läufst du durch alle deine Zimmer,
vergisst, was du vergessen hast und suchst,
hast keine Ahnung, nicht den kleinsten Schimmer,
stehst wie dein eignes Denkmal da und fluchst.

Und in der Küche kocht der Kaffee über,
auch Technik ist nicht mehr, was sie mal war.
Und deine Stimmung wird jetzt immer trüber,
nichts passt, die Welt wird unberechenbar.

Du fühlst so was von ungenauer Trauer,
dein Dasein trägst du mit verkniffnem Mund,
verschanzt dich hinter deiner innern Mauer,
die Seele fragt verzweifelt nach dem Grund.

Dir kommt der ganze schöne Tag abhanden,
durch den machst du mal einen dicken Strich.
Erst wenn er abends glücklich überstanden,
dann wirst du Mensch, vorbei der Tatterich.

Zwischen den Stühlen

Nicht nach uns
werden Kriege sein, bluten
die Städte, brennen die Menschen,
verröcheln Ungeborene in den
Leibern der Mütter.

Nicht nach uns
werden die Davongekommenen
um Wasser flehen, um Brot, um Obdach,
das bisschen, was der Mensch
zum Leben braucht.

Nicht nach uns
werden Dichter die Schmerzen
der Liebe, die Schatten der Wälder,
die Wildheit der Meere und den
Ruf des Kuckucks besingen.

Unser Bleiberecht in der Welt
ist bemessen. Sorglos sitzen wir
zwischen den Stühlen des Gestern
und des Morgen. Auf eigene Rechnung
und ohne Gewähr.

streetview

leintücher spannen wir auf zu unserem himmel
meine haut
wird ruhiger und ruhiger
im winter
fällt in dieser gegend immer industrieschnee
du fragst den bettler
an der ecke jordan- kiesstraße
nach seinem einmal erlernten beruf
auf dem grünstreifen zwischen den richtungsfahrbahnen der stadtautobahn
zittergras

tztag,

mutter hatte läppchen genäht.

der backofen

darin sind weingläser geborgen,

tochter zur puppenstube.

 

pflaumenholz

 

Soziofeuilleton II

Der mystische Postmodernismus ist ein utopistischer Scherz und kulturelle Realität zugleich. Die bewußte Wahrnehmung der, dem Phänomen zugrundeliegenden Prozesse stellt eine immanente, politische Notwendigkeit der heutigen Gesellschaft dar. Soziologische Trends beschreiben seit langem eine fortschreitende, gesamtgesellschaftliche Bewegung hin zu einer sich verstärkenden Auflösung tradierter Rituale und die Abkehr von aus der Zeit gefallenen Dogmen. Eine zerfasernde, individualisierte Zelebrierung von Sein und Erleben, oft unter Zuhilfenahme biologischer Mittel und moderner Technologie tritt an die Stelle prämoderner Kulturtechniken.

Zwar mag auf den ersten Blick kein substanzieller Unterschied festzustellen sein – alte Dogmen und Rituale werden durch neue abglöst – wenn der althergebrachten Kirchenbesuch am Sonntagvormittag einer „postmodernen“ individual-mystifizierten Variante weicht – besispielsweise dem Besuch eines Biergartens, bei dem – über Smartphones gebeugt – unüberhörbar „Germanys next Topmodell“ rezitiert wird. Im Endeffekt ist der Weihrauch und Messwein mit Bier und nicht wenig Oberklassenschnee getauscht worden, die Psalme über Esther, Lillith und Maria Magdalena wichen denen über Juliana, Stefanie und „die Schwarze“ –

Und doch: die Technologie wechselte von analog zu digital, jede Minute kann potentiell eine neue  Bibel aus dem Netz weltweiter Kreativität entstehen – und alsbald konsumiert werden. Die sich vergegenwärtigende Beliebigkeit der Inhalte gebiert Fliehkräfte und damit einhergehende, privatwirtschaftliche und politische Positionierungen, um die schwindende Relevanz weiterhin zu repräsentieren, zu be-/erhalten. Dies fördert jedoch auf Dauer gewaltige, gesellschaftliche Widersprüche.

Die inhärente, zynische Komik des mystischen Postmodernismus besteht unter anderem darin, retardierter Widerhall einer alten, aufklärerischen und einer weiteren, noch älteren, schamanistischen Erkenntnisfähigkeit zu sein. Das ambivalentere Wertgefüge der Postmoderne und eine Verkomplizierung von technologischen Errungenschaften begünstigen interessanterweise atavistische Tendenzen. So konnten jungsteinzeitliche Geräte  von fast jedem Individuum einer Gruppe verstanden, genutzt und – mehr oder weniger gut – angefertigt werden, hingegen werden viele Geräte heutzutage zwar noch verstanden und genutzt, aber die Fähigkeit zur Reproduktion der Alltagstechnologie ist durch Spezialisierung und aufwändige Fertigung fast vollständig verloren gegangen, an Stelle des zeitraubenden, aber anschaulichen Fertigungsprozesses ist  Lohnarbeit und der abstrakte, zu opfernde Geldwert getreten.

Dies führt in breiten Schichten der Gesellschaft zunehmend zu einer oft unbewußten Mystifizierung von Technologie, die sich bspw. im zu beobachtenden Amulettcharakter von Smartphones oder auch Laptops, Konsolen bei jungen Menschen äußert – die Fähigkeit zu sozialer Interaktion, zum ewiglichen Zeitvertreib wird als Abbild der eigenen sozialen und angenehmen Existenz in einen „Wunderstein“ hineinprojeziert und das rein Funktionale wird nach und nach „geheiligt“.
Nun könnte man an dieser Stelle einwenden, die Menschen der Jungsteinzeit hätten ebenso besonders „schöne“ Werkzeuge besessen und deren Bearbeitungs-Prozesse spiritualisiert, weil sie sich über diese unter anderem sehr mit ihrer (damals schon teilweise spezialisierten) Gruppenposition identifizierten.

Bringt also fortschrittlichere Technologie zusehends ein Cargo-Cult-artiges Verhalten hervor? Nicht unbedingt, denn das Gehirn hat noch viel ungenutzen Platz zum Verständnis zusehends komplizierterer Technologie und Kultur übrig. Nach und nach wird vieles davon zu Allgemeinwissen – zudem sicherlich auch tanshumanistisches „Enhancement“, ebenso wie biologische, psychoaktive Bewußtseinserweiterung Verbreitung finden wird. Jedoch kann diese  grundsätzliche Entwicklung von verschiedenen Faktoren negativ beeinflußt werden, einer davon besteht beispielsweise in der dämmerhaften Gleichmütigkeit der Gesellschaft, deren Ursache in einer anachronistischen Organisation besteht und deren Schlafmützigkeit immer wieder Brandherde wie Fremdenfeindlichkeit gebiert.

Es ist paradox: desto mehr wir wissen, handeln, lernen können, desto erstarrter wirken politische, wirtschaftliche bürokratische Strukturen. Das alte Raumfahrer-bei-Lichgeschwindigkeit-altert-langsamer-als-Erdbewohner-Problem. Die Reformationsfähigkeit der Gesellschaft, die diesbezügliche Willigkeit der Eliten (beides endlich) und die utopistischen, akzelerationistischen  Potentiale der neuen Technologien (exponentiell) sind dermaßen aus dem Takt geraten, dass es schon fast süß schief klingt. Politsche Notwendigkeit: das Schöne, Wahre – und eben auch: das den Zynismus überwindende Melancholisch-Komische – als ein, trotz Verzweiflung ‚blind Hoffendes‘ jenes Gefüges zu entdecken, zu analysieren, zu zelebrieren.  Mir kommen die  Beatles in den Sinn: ‚Just a Northern Song‚.

Zeitraum

Morgenstunde in der sommerlichen Stadt. Auf einmal ist alles ganz still. Der Himmel strahlt hell, sehr hell sogar, doch von der Sonne ist nichts zu sehen. Nur eine dünne, mystisch leuchtende Wolkenschicht kriecht langsam darüber. Ich halte inne, gedenke. Gedenke des Nichts, denn nichts zu wollen oder zu müssen erscheint mir in diesem Moment die erste, wahre Freiheit zu sein. Dann gedenke ich der Opfer von Kriegen, des Hasses und seiner tausend fürchterlichen Erscheinungen, sowie der Opfer meines Egoismus‘. Anschließend all derjenigen, an deren Neurosen ich fast zerbröselte und die mich zugleich so reich mit Wissen beschenkten. Endlich gedenke ich der Liebe die ich erfuhr, weitergab und die ich noch stiften möchte. Kurz darauf setzt das Brummen wieder ein, Kinder spielen laut und Vögel zwitschern vergnügt weiter – und die Sonne zeigt sich. So, als ob sie nie verschleiert gewesen sei.

Vielleicht ist das alles Einbildung, Wunschdenken, eine Traumreise, ein Vergewissern, eine pantheistische Sehnsucht in einer funktionalen, aber traumatisch anmutenden Lebenswirklichkeit. Ich könnte jetzt putzen, mit kleinen Dingen den Tag alltäglich, normativ erträglich gestalten, doch mein Herz sehnt sich nach der goldenen Legende, nach unendlichem Sinn. Der leuchtende Himmel: mein Geist; die Stille: Lauschen nach mir selbst.

Am Ende fallen alle Illusionen ab, alles Gesagte, Geschriebene relativiert sich und übrig bleibt nur Ästhetik – Schönheit, Klang, Berührung. Als Wurm möchte ich wiedergeboren werden, für einen kurzen, staunenden, embryonalen Moment des Innehaltens.
Denn worin unterscheidet der Wurm sich wirklich? Er kriecht und frisst und paart sich und ist ebenso neugierig wie ich – im Rahmen seiner Möglichkeiten. Downsizing liegt im Trend, eine Perspektive jenseits von Neuronengeflechten, Hubbleteleskop und des acht-speichigen Dharma-Rades zu erhaschen wirkt tatsächlich ein wenig verführerisch.
Aber wie ernst meine ich es eigentlich mit dem ‚Aufgehen in der Natur‘? Reicht etwa eine Minute des Gedenkens oder doch nur lebenslange Übung in Gleichmut und Duldsamkeit? Hat die Generation Z eventuell recht  und ein durchschnittliches Leben, also etwas, das mir noch ferner als die Existenz als Wurm erscheint, ist in Wirklichkeit  erstrebenswerter als ich dachte?
Die Stille: Frage und Antwort zugleich. Where do I go? Follow the heavens. Where do I go? Follow the worms. Die Sonne trocknet mein Haar, aus meinen Ohren fließt Wasser ab.

Ein Nachruf zum Putztag

vater war für die sonne und den apfelbaum.

andere sagen: sie haben eine gute ehe geführt. nicht in liebe, auch nicht liebevoll. eine gute ehe. mit höhen und tiefen. und gegen ende mit stützstrümpfen.

der hausarzt sagt, ihre mutter hat allerlei zipperlein, aber die bringen sie jetzt nicht um. bleibt zu hoffen, dass sie die stützstrümpfe allein anbekommt.

Bekenntnis

Beschreibe ich die Trauer,

krümmt sich das Echo der Wörter

in meinem Leib wie ein

abgestorbener Fötus.

 

Ich, Schatten meiner selbst,

gefesselt an die Farblosigkeit des Heute,

verfang mich in den Netzen

der Reglosigkeit.

 

Alles versinkt.

Häuser, Straßen, Städte ein Konglomerat

versteinter Tristesse, die Trauer

legt sich auf Vögel und Bäume,

ernüchtert schleppe ich mich durch die

Wüste der Nichtigkeiten

 

Zeit der Umkehr.

Das Gewebe aus Hoffen

und brennender Lust aufs Ungewisse

hat seinen Glanz verloren, nur

diese Trauer, der Schmerz.

Putztag

Manchmal bröckeln die Stunden
vom Himmel
und brechen Ziegel
aus dem Dach der Kindheit.

An den Wänden haften Schreie,
wenn der Tag wieder in den Eimer
fällt. Mutter geht noch immer
durch die Zimmer
und wischt mit aufgelöstem Tagwerk
über die Regale.

Ich stehle mich in den Garten
und schaukle
über ihre Worte hinweg.

Am Apfelbaum hängt der Sommer
vor der ausgestreckten Hand.

Vier nach Schnaps und Bier

Im Großen Garten gehen die Geliebten
Mit dem Telefon am Ohr ziehn sie
Ihre Runden einerlei man spricht


Man lacht und geht im Kreis
Die verbrannten Kohlenhydrate
Zählt das Handy mit wieviel


PS das sagen sich die Männer
Ingenieure von der nahen Uni
Die Frauen fragen sich wie frei


Sie sein dürfen ohne gewisse
Bisse zu haben wenn sie halb
Vier nach Schnaps und Bier


Den Liebhaber verlassen
Der Freund dreht seine Runden
Im Großen Garten greift er den Geliebten


Auf und verliert die Fassung


					

[schaumgeboren]

gestern machte vater das tafelsilber
bei an- und verkauf zu geld
und verschwand mit großvaters alter schreibmaschine
mutter weint seitdem ohne unterlass
schriftsteller wolle er werden
verriet er mir in der tür
bis zur straßenecke schaute ich ihm nach
wo eine frau in grünem mantel auf ihn wartete
und mit küssen empfing
ab und zu denke ich
werde ich in die stadtbibliothek laufen
und nach vaters erstem roman fragen

 

 

 

—————————————————–

aus „wie ich schriftsteller wurde“, 2015

 


verfallen

neulich tauschte ich
mein langweiliges leben
gegen eine packung kekse
im sonderangebot
mehr sei es nicht wert
sagte die dame an der kasse
die mit dem violetten Lippenstift