Kaunas 2017

Hinterm Schwan : der seinen Hals reckt
In den Himmel : begegnen sich
Nemunas und Neris : zerstäuben im Licht

Vereint im spitzen Kies : festgekettet
Schaukelt die Boje : eine Ente läßt sich
Treiben : die Jungen im Stromschatten

Landen im Gegenüber : wir tollen
Friedlich über die Wiesen : welch Duft
Welche Weite : die Angel surrt

Ins Heu graben sich Liebende : mit ihren Handys
Wer weiß : wen sie beiwohnen lassen
Wir sammeln Perlmuttsplitter : und frösteln

Nach Sonnenuntergang : die Möwen kreischen
Als begänne hinterm Ufer das Meer : wie vergeßlich
Ist unsere Generation : wie glücklich

Schutt (2)

Willi hatte eine Idee. Er schrieb sie auf die Rückseite des Schnipsels. In winziger Schrift. Das Papier war löchrig. Die Worte, die Willi in die Löcher schrieb, sind für immer verloren.

 

Geschmolzener Teer, gebrochene Regale,
das Werk der Kräne, der Betonmischer,
Kälte stürzte das Vordach
Kälte sprengte die Fugen.
Das Dach ruiniert, die Rohre geplatzt,
die Kabel vermodert. Scherben.
Die Gräber aufgelöst,
die Grabsteine zerbrochen.
Erbe um Erbe schwindet.
Warenströme, befreit, stürzten über ________
______________ Einkaufswagen schwamm
____________________________ und leuchtete
__________ ist ein _____________________
____________________ Stätte ________

 

Schutt

Der kreative Schutt, die Gladiolen, das Gras.  (frau kleist, am 6. Juli 2017 um 19:19)

Gestern wühlte der Willi im Schutt vor dem Poco. Wühlte darin herum. Dachte, er fände etwas. Eine Kinderwagenradspeiche. Ein Medaillenband. Ein Schalmeienmundstück. Ammoniten. Etwas in der Art. Da hielt er eine alte Photographie in der Hand. Fast verblichen. Irgendetwas konnte er darauf noch erkennen. Drei Dinge. Den Frühling. Etwas, das zu lang war. Und Gongula. Eigentlich war das dem Willi noch zu viel. Trotzdem nahm er den Schnipsel mit.

Floris

er entglitt
sich selbst

wie eine
straßenbahn

entgleist.

er zog
an
der zigarette,

die lange
rauchsäule,
blassgelbe
solopartie.

ziegenlederne
handschuhe,

die
gefaltete stirn
zeichneten
linien.

 

Das Erotische ist ein Störgeräusch

Heute: Er verbrannte an Clawdia, wie eine Motte am Licht

(Für diese Idee wurden Ideen von frau kleist, Rapunzel und Thomas Mann durch den Wortwolf gedreht. Die Überschrift „Das Erotische ist ein Störgeräusch“ ist (C) 2017 by frau kleist. Diese Überschrift wurde direkt von frau kleist geklaut, ohne sie vorher zu fragen.  Das ging so: Da betrat frau kleist also den Poco und hatte also diese Idee dabei, und wollte weiße Farbe erwerben, und sie fragte eine Mitarbeiterin dort, wo denn hier das Weiß wäre, also die Farbe weiß, also nicht die Schuhschränke und nicht den Schutt sondern einfach genug Weiß, doch das konnte die Mitarbeiterin nicht beantworten, denn das Weiß schlechthin, das führten sie nicht, also sie hätten Polarweiß und Arktik-Weiß und Naturweiß und Klimaweiß, außerdem gäbe es in der Lichtabteilung noch warmweiß und neutralweiß und tageslichtweiß, und in der Glasabteilung gäbe es noch milchweiß, aber als sich frau kleist gerade den Unterschied zwischen Polarweiß und Arktik-Weiß erklären ließ, da sprang ich hinter dem Schraubengrabbeltisch hervor, blendete die Idee mit einer dreifachen Mischung aus warmweiß und neutralweiß und tageslichtweiß aus dem Weißwerfer, sie, die Idee, geblendet, taumelte orientierungslos in Duschkopfabteilung, verfing fast in einer Peperonipflanze in der Gartenabteilung und fiel dann auf die Kreissäge in der Holzabteilung, aber zum Glück war ich da, rettete sie vor der sicheren Kürzung, und weil ich sie gerettet hatte, da ging sie mir mit.

Der Originaltext von frau kleist und lautet übrigens:

 Das Erotische ist ein Störgeräusch

Heute: Das Ehepaar vom schlechten Russentisch

(Dieser Beitrag wurde von frau kleist am 2. Mai 2017 um 21:09 Uhr geschrieben.)

 

Die Idee des Klauens habe ich ebenfalls von irgendjemand geklaut. Allerdings ist die Idee von frau kleist wesentlich besser.)

herzen und ammoniten

die berufskrankheiten der dichter ziehen sich zurück
in die städte auf die wiesen
vor den städten die felder
und wälder jenseits des flusses
malt der himmel flugbilder von zugvögeln

fast reimlos
zeichnet mein mund
die konturen deines körpers nach
die linie deiner schulter deines nackens
pulst gegen den morgen

[wir dachten an vergangenes]
lyrisches fleckfieber

Weiß

Weiße Farbe ist doch nun wirklich etwas, das sich jeder hier leisten kann. (frau kleist, am 6. Juli 2017 um 19:19)

 

dieses Gedicht
ist ganz in weiß
die Fenster sind weiß
weißes Licht
eine weiße Tür
liegt aufgebockt als weißer Tisch
wir tragen weiße Kleider
weiße Sonnenbrillen
auf der Tür liegt ein Schachspiel
die Figuren aufgestellt
Bauern, Könige
alle Figuren sind weiß
alle Felder sind weiß
ein weißes Buch, die Enzyklopädie
der Weltmeisterkämpfe Band drei
auch die Schrift ist weiß
wir hören die Herzen der Figuren schlagen
wir spielen
wir wissen nicht
ob wir gewinnen oder verlieren

Ménage

Weite Kleider,

er malte
das rötliche Licht –

– Marzipan-
kirsche.

Erleuchtet
der erste
Satz,

laut und
nicht zum
Halten

Sanft starb
das Jahr.

Winter

Grau:
Am Nachmittag.

Der Gegenstand:
Nur für sich selbst.

Sie fühlte
die Farbe
inmitten.

Nachtgestalten
Suppenhallen
Die grüne Bar:

Im Raureif.

Leipzig, City: Wenn es hell wird

…und etwas anderes bleibt uns ja nicht übrig als zu erzählen und zu akzeptieren, es ist doch viel einfacher die Welt zu akzeptieren, wenn wir zu ihr „Es werde Licht“ sagen. (Wassili Busskläff)

Diese Woche: Bei Poco

Diese Woche ist es bei mir erstmal richtig hell geworden: Ich war bei Poco! Bei Poco Domäne, direkt auf dem Gelände an der Gießer Straße. Das ist schon ne tolle Gegend. Kaputtes Straßenpflaster, abbruchreife Häuser, viel Autonomie und breite Bürgersteige, für die man dicke Schuhsohlen braucht. Ansonsten ist die Sehnenzerrung vorprogrammiert. Ich also durch den Schutt durch zu Poco. Ich brauchte nämlich einen Schuhschrank. Und weiße Farbe. Ich dachte mir, man könnte zur Abwechslung auch mal was über das hell werden schreiben, und das geht am besten, in dem man bei sich selbst beginnt. Ich also rein zu Poco. Weiße Farbe ist doch nun wirklich etwas, das sich jeder hier leisten kann. Und ich kann das auch. Ich also rein. Hab mir gleich die für neunneununneunzig geholt. Werkzeug günstig daneben. Ich dachte an weiß und an grün und an die vielen Gartenkneipen, die jetzt in Leipzig wieder auf machen und mit Schnitzel locken. Oh nein, aber nicht mit mir! Bei mir gibt es heute Ruccola Salat. Weil da viel Sand dran ist, muss man den waschen – aber das macht die Zähne hart. Ach, naja, und die Farbe von Poco. Und der Schuhschrank. Leider kaufte ich am Ende doch nur die Farbe. Warum ich das mache? Mir zur Feier. Der kreative Schutt, die Gladiolen, das Gras. Weiß und Grün. Als ob du’s nicht hast kommen hören!

 

An Stiefeln

Protz und
Plunder
schwärzt sich
in Tüten

ich reiß‘ mir
den güldenen
Schal vom
Hals.

Sonne hat
zuhause
geschlafen

Unter dem
Kegel
seines
gestundeten
Scheins.

Der Geheimniszustand

Also das Thema dieses Jahr ist ja „Der Geheimniszustand“, ja? Und da haben sich ja jetzt auch schon viele beteiligt, richtig? Also die frau kleist zum Beispiel, und der Zhenja, und die crysantheme und der Kraba vel Jop, und der Wassili, und die rapunzel, und die Faron Bebt, und mein Schwager Theodor Holz und der Jens Rudolph, und die Sigune, und der Werner Weimar-Mazur, ja? Also die einen, die sind doch echt, ja, und die anderen, die sind nicht ganz so echt, also wie soll ich das sagen, das sind sozusagen Pseudonyme, ja? Also Werner Weimar-Mazur oder Jens Rudolph, das sind doch ganz bestimmt Pseudonyme, ja? Also, was ich jetzt fragen möchte, wenn man dann also jemand anderes ist, also sein Pseudonym, bleibt man da in da in dieser Rolle? Also ist frau kleist immer frau kleist, ja? Oder kommt doch manchmal der echte Mensch dahinter durch, dann fällt frau kleist aus ihrer Rolle? Aber es ist doch so, dass da auch vielleicht gar kein echter Mensch dahinter steht, dass also Kraba vel Jop bloß eine Rolle von rapunzel ist und rapunzel ist eine Rolle von Wassili, und so immer weiter? Dass es da gar kein Ende gibt? Oder, selbst wenn ein Name also einmal gar keine Rolle ist, wenn also rapunzel oder Zhenja echt sind, also der echte Zhenja und der echte Jens Rudolph hier ganz und gar echt sind, ist dann der echte Zhenja immer der echte Zhenja? Also vielleicht ist der echte Zhenja so viele Personen, und er ist dann also sowieso nie er selbst, richtig? Er ist also immer in einer Rolle, selbst wenn er er selbst ist? Oder ist Wassili auch mal der echte, nackte, ehrliche Wassili, so ganz ohne Rolle?

Daneben klebte eine tote Schmeißfliege.

Das ist ein Code, eine Signatur, 5 Kilogramm Buntwäsche, 3 Kilogramm weiße Unterwäsche, 7 Paar weiße Socken, 9 schwarze Strumpfhosen, das sieht man doch, das verweist doch auf eine ganz bestimmte Stelle in unserem unendlichen Blog, da, wo der vollständige Katalog aller Kataloge steht, der diesen Katalog selbst enthält, 5.3.7.9., das ist dort, wo der Troglodyt lebt, und er lebt dort seit wasweißich wievielen Jahren, er lebte schon dort, als der Willi hier angefangen hat zu arbeiten, keine Ahnung, wovon er lebt, wie er sich ernährt, vielleicht von Textskorpionen und Textpilzen, ich habe ihn mal gefragt, was er denn dort macht, und er sagte, er suche die Unsterblichen, und wer soll das denn sein, die Unsterblichen, habe ich ihn gefragt, vielleicht Mister Zhu oder Ciri, aber er wusste es auch nicht, du wirst es wissen, wenn du sie gefunden hast, jedenfalls ist da bei diesen Koordinaten 5.3.7.9. eine Stadt verborgen, eine gewaltige Stadt, umgeben von einer gewaltigen Mauer, und keiner weiß, wer dahinter lebt und ob überhaupt noch jemand dahinter lebt, der Willi hat sich jedenfalls viel mit ihm darüber unterhalten, der hat ihm auch die Wäsche gewaschen, der hatte ja ein gutes Herz der Willi, jedenfalls hatte ich zufällig dieses Buch gefunden, mit dieser Notiz, und natürlich wurde mir sofort klar, dass es eine Botschaft der Unsterblichen war, sie gab es also wirklich, und die wollte ich also schon immer finden, und ich machte mich also auf die Suche, in das Labyrinth dieses Blogs, auf die Suche nach den Unsterblichen, nach den Urhebern dieses Zettels.

(bericht des blinden bibliotecario dieses blogs)

porös

tiere II

november
war warm
november.

neugier.
licht.
hals.

mich gleich
aber ich
wollte noch

meine
beste
kraft

war
schwarz
wie
keine
farbe.

Deine Worte werfen keinen Schatten

Sie zwängten mein Leben
in sechsundzwanzig Buchstaben.
In den Leerzeichen
klangen die Töne
lauter
und widersprachen
dem Gesang der Lerchen.

Ich pflückte weiße Worte
von den Lippen
und legte sie in Zwischenräume.

Ohne Schatten hallten sie
durch meinen Tag.

Das Handmaschinchen

Leider können wir in diesem Fall kein weibliches Ich bemühen. Das Maschinelle war von je her den Männern zu geordnet – jedenfalls ist mir keine andere Tradition bekannt, oder sie wurde noch nicht geschrieben. Das männliche Subjekt jedoch zieht es traditionell vor, aus dem Natürlich-Schwergängigen etwas Künstlich-Leichtfließendes, es werde Licht, werden zu lassen. Und hierzu gehört auch das Handmaschinchen. Ein praktisches Gerät, leider nicht zeitgemäß, oder vielleicht doch, je nach dem auf welcher Technik es basiert.

PS.: Der Grund hierfür lag stets in Marburg an der Lahn, dort, wo Ansichten noch Tradition hatten ohne es auch nur zu ahnen.

PS.: Fahren Sie auch gern Straßenbahn?

Und wie ich gerne Straßenbahn fahre, wie dort die Wege der Menschen für einen kurzen Moment vereint sind, wie sie da schweigend sitzen, aber leider versucht jeder, an den anderen vorbei zu blicken, vielleicht hätten sie sich ja etwas zu sagen, vielleicht würde sofort ein vertrautes Gespräch entstehen, oder vielleicht würden sie sie sofort merken, dass sie sich nichts zu sagen hätten, aber es kann ja auch geschehen, dass sie miteinander reden, ohne zu merken, dass sie sich nichts zu sagen haben, und sie glauben es nur, seltsam, wohin man von einer Straßenbahn gebracht wird, manchmal steigt man aus einer Straßenbahn aus, in die man zuvor gar nicht gestiegen war, ist plötzlich nicht in Mockau, sondern in Plagwitz, manchmal steigt man aus einer Straßenbahn, und man sieht sich einmal um, und da ist überhaupt keine Straßenbahn mehr, da gibt es keine Gleise, kein Wartehäuschen, keinen Straßenbahndraht, nicht einmal einen Weg, nur ein endloses Feld, und eine Staffel Mähdrescher lärmt und staubt am Horizont, und kein Wegweiser, und man geht und geht, bis man —–

Ein Elefant im Porzellanladen

Ich hole sie zum Spaziergang ab. Klingle kurz an der Tür, melde mich mit meinem gewohnten Satz. Sie zieht wahrscheinlich erst jetzt den Mantel an – überlegt, soll sie den langen nehmen, den fand er doch gut – und geht langsam die Treppe hinunter. Die beigen Stiefeletten klappern, das Holz gibt nach, die Vorstellung, dass jemand sie mit mir sehen könnte, gefällt ihr sicher nicht. „Irgendwie verdruckst“, hatte die Nachbarin zu ihr gesagt, als sie fragte, was hältst du von ihm, „dabei hab‘ ich ihn so fröhlich begrüßt.“ Ja, so ist er eben, denkt sie bestimmt, als sie mich vorsichtig umarmt. „Die Wege sind alle noch matschig.“ Sie lässt mich gleich wieder los. „Du wolltest ja spazieren gehen. Links oder rechts lang.“ „Geradeaus? Dann muss ich dich tragen.“ Ich sage das so dahin, und es klingt verwegen. Die Wege sind tatsächlich matschig. Sie schweigt. Ich erzähle von Leipzig und der Einwohnerstatistik, wie häufig hier wo geklaut wird und dass meine Eltern in ihrem Eigenheim in Mockau eine Alarmanlage installiert haben. Ich spreche von meiner Arbeit, dem neuen Projekt, durch das ich gehe wie ein heißes Messer durch Butter und von Swanhild H., einer echten Zicke, die mich gleich zu Anfang schikaniert hat. Die ihren Nachnamen hasst. Der Weg führt uns durch den Park an der Rennbahn entlang. Es dämmert bereits. In der Südstadt gehen wir noch ein ganzes Stück, ich bin nicht sehr gesprächig. Sie auch nicht. „Da hab ich mit meiner Tochter gewohnt“, sage ich und deute auf einen unscheinbaren Neunziger-Jahre-Bau, unten drin ein Bettengeschäft und dahinter ein Rossmann. Links daneben, in den alten Häusern, über den zerbrochenen Platten der Gehwege haben sich melancholische Cafés angesiedelt. „Gehst du häufig allein dorthin“, fragt sie mich. Ich werde pampig. „Nein, ich gehe nicht allein in Cafés.“ Sie läuft jetzt zwei Schritte hinter mir. „Mit wem dann?“ „Na, mit meinen vielen Freundinnen.“ Ich schaue in die Fenster und überzeuge mich von der Güte des Mobiliars. Sie weiß, dass ich allerhöchstens eine Freundin habe und den anderen, den verflossenen fünf oder sechs die Hölle wünsche. Eine bunt bezuckerte Torte in der Auslage fällt ihr auf. Eine Hochzeitstorte. Rosa begossen, fein wie eine Haut mit Perlen bestickt. „Das ist eine Homotorte“, sage ich. Sie sieht mir zum ersten Mal an diesem Tag ins Gesicht. Schnee liegt immer noch in der Luft wie ein verschlissener Vorhang. „Bist du homophob oder was?“ Sie versucht zu erkennen, ob sie vielleicht meine Hand nehmen kann. Ich weiche zur Seite. „Nein, ich bin nur etwas autistisch.“ „Was? Was heißt das? Wie meinst du das?“ Wir gehen noch zwei, drei, vier Meter weit. „Mit mir ist nichts. Ich meine das so, wie ich es gesagt habe. Klingelts?“ Sie weiß, ich lese Autoschilder und bilde Quersummen daraus..

Mit mir war nichts. In einigen Monaten wird das Licht abends heller sein. Bis in die späten Stunden und in Schräglage wird es fließen, sich verwaschen. Sie wird mich dann einmal zu sich nach Hause, auf ihren Balkon mit den Rosenbüschen einladen. Vielleicht zu ihrem Geburtstag. Oder in den Tagen danach. Ich werde ihr sicher leichte Zigaretten mitbringen. Es sind gar keine Sterne am Himmel. Wahrscheinlich werde ich Sätze sagen wie, das ist die Milchstraße, oder, ich bin heute nicht so lustig. Sie gibt nicht auf. „Es zeichnet sie aus, dass sie die Hoffnung nie verlor“, hieß es in einem Film.

Freiheit im 21. Jahrhundert

Er, der Bibliothekar, hatte von irgendeinem Internethändler ein Armband geschenkt bekommen, das, mit allerlei Sensoren ausgestattet, nicht nur seine Herzfrequenz und seinen Blutdruck maß, sondern anhand einer Hautanalyse genau wusste, was und wie viel er aß und trank, ob er rauchte oder Drogen nahm, wo er sich befand, wie schnell er sich bewegte, und noch einige andere Daten mehr, es wusste sogar, welche Bücher er sich an der Ausleihe selbst ausgeliehen hatte, oder mit wem er wie lange geredet hatte und was diese Gespräche für eine Wirkung auf ihn hatten, wortgenau, und aus all diesen Daten und mit der Hilfe einer gewaltigen statischen Datenbank mit den Daten von Abermillionen anderer Menschen, errechnete ein mächtiger Algorhithmus in Echtzeit die ihm verbleibende Lebenszeit. Statt einer Uhrzeit zeigte ihm das Ding sein wahrscheinliches Sterbedatum an. Wenn er also an seiner Ausleihtheke zu viel Stress hatte, oder im Roten Stern sich zu sehr über irgendetwas aufregte, oder bei jedem Gespräch den vorgesetzten Beamten aus dem höheren Dienst, so konnte er auf seiner Uhr sofort ablesen, um viele Wochen sich dadurch seine Lebenszeit verkürzt hatte. Selbst wenn er eine Tragödie von Euripides las, verkürzte sich seine Zeit, wohl wegen der mit der Katharsis verbundenen Aufregung. Umgekehrt verlängerte sich seine Lebenszeit, wenn er nicht den Fahrstuhl, sondern die Treppe nahm oder wenn er mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr.

Bald verzichtete er auf alles, was seine Lebenszeit verkürzte. Er las nur noch leichte Literatur, trank keinen Wein mehr, aß viel Salat und versuchte seinen Chefs aus dem Weg zu gehen und ließ sich von der Ausleihtheke ins Magazin versetzen. Hier war er ganz allein. Und zu tun gab es auch nichts. Die Arbeit wurde von der automatischen Mechanik erledigt. Dort konnte er, immer mit Blick auf die Uhr, den ganzen Tag im unendlichen Labyrinth zwischen den Regalen joggen, Fahrradfahren, Yoga treiben, Bücher stemmen oder von Regal zu Regal springen. Seine Lebenserwartung verlängerte sich rapide. Er las schließlich keine Bücher mehr, auch seine Freunde waren für die Uhr viel zu aufregend. Die Verlängerung seine Lebenszeit war jetzt sein einziges Lebensziel. Er tat alles, was die Uhr von ihm erwartete. Seine Lebenserwartung vergrößerte sich jeden Tag ein Stück in Richtung der hundert Jahre. Die wollte er schaffen. Ein Jahrhundertmensch werden, wie es die Uhr ausdrückte.

Also er einmal zufällig nackt in den Spiegel blickte, sah er, dass er vollkommen dem Mann glich, den einst Leonardo da Vinci in Quadrat und Kreis gezwängt hatte. Sein Körper war so geformt, dass das Gesicht vom Kinn bis zum oberen Ende der Stirn und dem unteren Rand des Haarschopfes ein Zehntel der Körpergröße betrug, die Handfläche von der Handwurzel bis zur Spitze des Fingers ebenso viel, der Kopf vom Kinn bis zum höchsten Punkt des Scheitels ein Achtel. Vom unteren Teil des Kinns aber bis zu den Nasenlöchern war es ein Drittel der Länge des Gesichts selbst, ebenso viel von den Nasenlöchern bis zur Mitte der Linie der Augenbrauen. Von dieser Linie bis zum Haaransatz wird die Stirn gebildet, ebenfalls ein Drittel. Und der Mittelpunkt seines Körpers war der Nabel. Als er gerade einmal wieder von Regal zu Regal zu Regal sprang, den Blick auf seine Uhr gerichtet, rammte er mit dem Kopf eine Lampe, fiel und knallte auf den Beton und aus.

Dialog im Roten Stern

A: Du gehst auf die Straße, und schon stehst du mitten im Kapitalismus. Was kannst du dagegen machen? Also konkret meine ich?

B: Du hast ja auch Schuhe an.

A: Aber so kannst du dich doch nicht herausreden. Wenn du etwas verändern willst, dann musst du sofort damit beginnen, jetzt und hier.

B: Was meinst du denn jetzt?

A: Na, wenn du da Schuhe kaufst, dann unterstützt du doch das System. Selbst wenn du jetzt diese Ökosandalen nimmst, die gehören doch auch dazu.

Mittlerer Algorithmus

Aber er war Stolz darauf, Beamter im mittleren Dienst zu sein, hier an der Bücherausgabe einen großen deutschen Bibliothek, das war immerhin besser, als Designer von virtuellen Landschaften, auch wenn er sich manchmal fragte, ob er nicht selbst schon lange ein Algorithmus in einer virtuellen Landschaft war, überhaupt hatte er kürzlich in einem vielbeachteten Fachbeitrag gelesen, dass seine Stelle ja eigentlich verzichtbar war, weil doch das ein Algorithmus viel besser übernehmen könnte, er handelte doch selbst nach einem solchen, war es doch das Gleiche, was er tagaus, tagein tat, solche Algorithmen gab es ja schon, Google und Facebook und Amazon, die konnten die Kunden, so hießen die Leser ja schon in der Bibliothek, viel besser bedienen, weil sie doch jeden einzelnen von ihnen viel besser kannten als er, und die Kunden verließen sich auch schon längst auf die Entscheidungen von Google und Facebook und Amazon, und das würde sie ja viel glücklicher machen, wenn auch die Theke selbst von diesen Algorithmen bedient würde, dann standen also die selben Algorithmen auf beiden Seiten der Theke, und wozu mussten sie überhaupt noch in die Bibliothek kommen, das konnten doch gleich die Algorithmen für sie erledigen, zum Glück war er ja unkündbar, er musste sich nur noch passiv seiner Pensionierung entgegentreiben lassen, oder besser noch, war da nicht dieser Brunnen, in dem man so schön das Bewusstsein verlieren konnte, aber würden dann nicht die ein oder andere Leserin ihn vermissen, versuchte er doch immer freundlich zu sein, aber nie hatte ihn eine gefragt, nach seinem Lieblingsbuch gefragt, es war ein einziges Mal, dass er sich selbst getraut hatte, eine danach zu fragen, aber die kam seither nicht mehr an seine Theke, und da fragte er sich, ob das überhaupt sein freier Wille war, der da gefragt hatte, oder ob da nicht seine biochemischen Algorithmen die Kontrolle über ihn übernommen hatten.

Mittlerer Dienst

Nach etlichen Jahren an der Bücherausgabe einer großen deutschen Bibliothek studierte er erstmalig seine Gehaltsabrechnung etwas genauer. Und las dort die Berufsbezeichnung: „Beamter im mittleren Dienst“.

Das ist keine Struktur

„Eduards Ansicht nach musste alles erklärbar sein. Gedehnte Stunden bekamen eine physikalische oder psychologische Gleichung aufgedrängt, fragwürdigen oder verstörenden Bildern unterlegte er den Gedanken, dass es am Grunde aller Strukturen, dass es in all diesen noch unentdeckten Wasserwelten etwas gäbe, das der Struktur entgegenwirkte, sie auflöste. Doch er wusste, die Basis für alle Dinge im Universum war letztlich Struktur. So wie die DNA die Struktur für alle Lebewesen bildete.“ (crysantheme, 6. Juni 2017 um 21:24)

Eduard übersah dabei, dass er selbst in einer Struktur lebte, einer Erzählung, die von den Biologen und Lehrern, den populären TV-Sendungen und den Eltern erzählt wurde, wonach Leben eben nur das war, was eine DNA hatte. Er musste also, aber darauf kam er nicht, Edmund Hs. Aufruf „Zurück zum Leben!“ folgen, wenn er dieser Struktur entkommen wollte, musste also alles abwerfen, was er gelernt hatte, und wieder ganz von vorn beginnen. Vielleicht würde Eduard dann bemerken, dass auch diese seltsame Kartoffel, die durch das All eierte, zwar keine DNA hatte, aber doch ein Lebewesen war. Und dass sie keiner Struktur folgte, dass sie sich zwar blendend mathematisch beschreiben ließ, aber verstehen konnte er sie nicht, weil er ja auch glaubte, dass er nur etwas verstanden hätte, wenn er eine Struktur gefunden hätte. Aber Eduard, zufällig beim Surfen im Internet, stieß auf diesen Beitrag hier, und das war ein Ereignis in seinem Leben, und irgendwie stand er jetzt vor der Frage, die Strukturen loszuwerden, ohne zugleich neue Strukturen zu errichten. Eduard musste das Denken verflüssigen. Und das war es, dass war die Lösung für seine Frage, es musste doch Lebewesen geben, deren Basis sozusagen eine verflüssigte DNA war.

Übrigens hatte Eduard, obwohl er immer auf Tauchfahrt in noch unentdeckten Wasserwelten war, noch nie einen Grottenolm gesehen, einen Proteus anguinus, auch Wassersalamander genannt. So war es Edmund bis heute nicht möglich gewesen, die natürlichen Lebensgewohnheiten des Grottenolms zu untersuchen. Einer seiner Hypothesen nach existierte ein Grottenolm jeweils nur im Bewusstsein eines anderen Grottenolms und so ad infinitum. Es gäbe damit auch kein “ich”, bzw. das Ich eines Grottenolms wäre jeweils die Erzählung einer Erzählung.

Eduard dichtete, in einer seiner wenigen freien Stunden übrigens das viel diskutierte Gedicht

„Heut habe ich ein Wort gelernt : von einer Taucherin“

das er unter seinem Pseudonym Theodor Holz am am 15. Juni 2017 um 23:38 veröffentlichte. Er übersah dabei, dass Grottenolme nicht quaken, sondern knurren. Hätte er mal Frau Kleist gefragt. Seltsamerweise stellte er sich, oder Theodor Holz, häufig die Frage, was denn eigentlich die DNA der Poesie sei.

In einer anderen Erzählung übrigens, aber die wird hier nicht erzählt, waren Grottenolme kleine Drachen, die da in irgendwelchen kalten nassen Klüften vom Wunsch nach Wärme bestimmt waren, und so also, wie auch die Giraffen lange Hälse bekamen, weil sie unbedingt die Kirschen ganz oben fressen wollten, so also die Fähigkeit entwickelten, Feuer zu speien, zum Leidwesen manch verirrten Mopses, aber wie ich schon erwähnt habe, das ist eine, also eigentlich zwei ganz andere Erzählungen, die hier auf keinen Fall erzählt werden sollen, hier nicht und auch nicht im Radio im hinteren Musikschränkchen mit dem Grün nachglimmenden Licht, aber Vyvyan hatte ja eigentlich voll und völlig recht, Bilder sind allemal die besseren Erzählungen, viel besser als Texte.

P. Ostkost (Flucht und Widerkehr XIII)

Wenn ein sehr fröhlicher Mensch einmal nur lacht
zier’n sein Gesicht Schatten der Nacht.

Und wenn Frieden im Blick eines Freundes dir sagt
da ist nichts mehr, worüber er klagt,

dann ist  Leben uns nah und so fern,
ist Liebe hegen die Gabe des Herrn,

und ein altes Lied klingt dabei sacht
wie ein Traum, der über uns wacht,

wie ein Trunk, in Freude gegärt,
ein Jauchzen, das ewiglich währt,

ein Tanz wie aus fließendem Sand —
eines Glücks, das die Zeiten verband.

Die Bohrmaschine

Mein Bot ist immer noch nicht da. Statt dessen weht die schwarze Fahne. Vor meinem Fenster. Dass sie nicht mehr rot ist, habe ich den Wechseljahren zu verdanken. Da wechselt eben so manches, auch die Gesinnung. Das steht schon in Brehm’s Thierleben. Manches, wie die political correctness, krümelt und bröselt hinter der Tapete vor sich hin – dank der dubiosen Bohrmaschine, die der Bot beim letzten Mal hier angesetzt hat. Das alles ging nicht tief genug, wie man an den Löchern in der Wand erkennen kann. Wahrscheinlich hat der Stuhl zum Gang gefehlt. Zum Tiefgang: Auch mit einem beschnittenen Schwanz ist gut Wedeln.

Tiefenrausch

Heut habe ich ein Wort gelernt : von einer Taucherin
Seit sieben Jahren sitze ich : am Grund des Brunnenlochs
Nun tauch ich langsam auf : nur nicht zu schnell

Der Tiefenrausch hat mich erfaßt : ich nehms
Mit Fröschen auf : als wär’n sie Ungeheuer
Seit sieben Jahren quake ich am Grund : hab

Meinen Schwanz im Schlamm
Gewälzt : was ist das für ein Amt
Im Brunnenloch : was ist das für ein Stolz

Welch kleine Welt : ich sah das Meer
Wer holt mich : langsam hoch
damit ich das Bewußtsein nicht verlier

Rettung einer Welt

Nachts, der Sommer sucht seine andere Hälfte, beginnen sie zu arbeiten. In unscheinbarer Umgebung, die übergroßen Brocken porösen Materials auf den Schultern, bahnen sie einen Weg. Sie mögen ein Ziel verfolgen, sie folgen nur ihrer Natur. Arbeiter sind sie in einem Staat, der nicht der Staat der Menschen ist. Ihre Natur besteht darin, Arbeiter zu sein und Arbeiter zu bleiben. Arbeiten, immer weiter, bis sie liegen bleiben. Arbeiten bis zum Umfallen.
Die Nacht hat ihr samtenes Tuch aufgeschlagen. Musikanten kündigen sich an in der Dunkelheit. Es ist eine Musik in porösem Raum. Geräusche blitzen auf und verlöschen, Glühwürmer beleuchten ein unpersönliches Gedächtnis. Die Dunkelheit weiß genau, wohin. Ihr Gestus ist ein demokratischer, wer auch immer in ihr wohnt bleibt unsichtbar. Musikanten dienen der Gottheit, damit Glühwürmchen einen Grund zum Fliegen erhalten: Start- und Landeerlaubnis für die Erinnerung.
– „Immer bleiben die Engel aus am Ende“
– – „In der Zeit des Verrats/ Sind die Landschaften schön.“

Endlich wieder Erbauliches

„Du solltest das tragen, was du immer getragen hast, das, worin ich dich, worin wir alle dich kennen gelernt haben. Jetzt ist nicht die Zeit für dich, zu zeigen, dass du auf eine einfache, proletarische Art krank sein kannst.“

Vyvyan hatte die im Schreibpult seiner Tante gefundenen Schriftstücke in Bilder verwandelt, die viel Ähnlichkeit, viel Wesensverwandtschaft mit dem aufwiesen, was man bislang über die messbaren Formen der Ozeanplaneten wusste. Er hatte die floralen, noch irdischen, geometrisch geordneten Formen wie Gummibänder auseinandergezogen, eine tiefe Unterströmung, die sich loslöste und nicht wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurückfand. Eduard hatte Passagen über Wasserplaneten hinzugefügt, weil er meinte, man müsse dies erklären. Eduards Ansicht nach musste alles erklärbar sein. Gedehnte Stunden bekamen eine physikalische oder psychologische Gleichung aufgedrängt, fragwürdigen oder verstörenden Bildern unterlegte er den Gedanken, dass es am Grunde aller Strukturen, dass es in all diesen noch unentdeckten Wasserwelten etwas gäbe, das der Struktur entgegenwirkte, sie auflöste. Doch er wusste, die Basis für alle Dinge im Universum war letztlich Struktur. So wie die DNA die Struktur für alle Lebewesen bildete.

wir nähern uns norden

für Rebecca Zinke

liegt dein gesicht zwischen zwei monden
zerfließt schnee
waren die konturen deiner augen
einmal licht einmal nacht
ein anderes mal

trafen wir uns auf altem kristallin
langsam fangen die falten an
meine geschichte zu erzählen

granatglimmerschiefer faltengebirge
aus knotenschiefern
baute ich das dach eines hauses

im mittagslicht schimmert cordierit
cordieritblau beugt sich der himmel
über das dorf
in seiner unwissenheit wirkt er einsam
allein ein eremit
unter den einzelgängern der bergdohlen
gleicht deine stimme dem knistern in eis
wir nähern uns norden