Natürlich hatte Mutter vorher jede noch so kleine Spur, die sie verraten könnte, unkenntlich gemacht. Hatte aus allen Briefumschlägen ihre Adresse herausgeschnitten, aus allen Kassenzetteln die Nummer ihrer Bonuskarte. Jedes Mal wurde es schwieriger, den Müll zu entsorgen. Mehr und mehr Mülltonnen waren mit einer Kette verschlossen. Oder standen hinter einem verschlossenen Tor. Und wo nicht, da lauerte einer, brüllte aus dem siebten Stock herunter: „Dich zeig‘ ich an!“ Schnell, so schnell sie konnte, rannte sie weg, nicht wissend, ob der die Nummer vom Auto aufgeschrieben hatte.
Manchmal traf sie die anderen, die genauso wie sie den Müll entsorgten, die Troglodyten. Die wohnten in Räumen, am Ende von Schächten, in die das immer gleiche Licht fiel, am Morgen, am Mittag, am Nachmittag, am Abend. Immer das gleiche, eigenartige Licht. Monochromes Tageslicht. Manchmal traf sie auch die Akolythen. Die standen an der Straßenkreuzung um ein leeres Ölfass, in dem irgendetwas verbrannte, schwarzer Rauch stieg auf, erst kringelnd, dann spitz nach oben steigend.
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Standen um die Tonne herum und starrten auf ihre Smartphones, auf denen irgendetwas geschah. Ein Kater vielleicht, der auf einer Sommerterrasse versuchte, seinen Kopf aus einer Plastedose zu befreien. Eine Figur mit unendlichen vielen Leben, die immer wieder versuchte über den selben Abgrund zu springen und immer wieder in die Speere stürzte. Die Akolythen bemerkten Mutter nicht. So viele Leben, die aus den Händen rutschen. Ohne zu fallen. Immer wieder. Glibberig. Vergeblich die Versuche, diesen Pudding an die Wand zu nageln, zu schrauben. Je fester die Hände zupacken, um so schneller rutschen die Leben. Formlose Ungeduld. Vertrauen auf die Zukunft. Aber geduldig sein kannst du nur, wenn du der Zukunft vertraust. Wenn du heute keine Angst vor dem Morgen hast. Was Mutter nicht wusste, war, dass sie gemeinsam mit den Troglodyten und den Akolythen am Rande einer verborgenen Geometrie lebte.
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Die Straße, wo der Vater im Auto wartete, war ein Schlauch, wie die Straße daneben, wie die anderen Straßen. Gebaut von Architekten, die Topfpflanzen im Treppenhaus als Grünflächen zählten. Vater hatte Angst. Dass sie Mutter entdecken würden. Dass man die Schläuche mit Polizeikordons umzingeln würde. Und die Straßen durchkämmen. Darum hatte Vater seine Taucherbrille, die er immer im Auto hatte, von Mutter entsorgen lassen. Zwanzig Jahre hatte er sie im Auto gehabt. Doch jetzt hatte er im Radio gehört, dass sie einen zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt hatten, in Hamburg, sechs Monate, wegen einer Taucherbrille, einem Stadtplan und einem schwarzen Pullover. An einem sonnigen Tag.