Blutrot,
rutschige Härchen.
Mückenlarven
im Inneren.
Blassgelb,
eifersüchtig.
Zusammengerolltes Blatt
mit Naht,
Adern,
Kobralilie
äußerlich schlicht.
Blutrot,
rutschige Härchen.
Mückenlarven
im Inneren.
Blassgelb,
eifersüchtig.
Zusammengerolltes Blatt
mit Naht,
Adern,
Kobralilie
äußerlich schlicht.
Rauchsäule,
dünn.
Ein Himmel,
ohne Sterne.
Füße,
nackte
Abwesenheit.
Eine Gasse,
aus Liebe &
Schmerz.
(Karl Kraus saß im Café Landtmann. Die Geräusche von der Straße klangen liebevoll, vertraulich.)
Wir alle leben in einer Maschine. Betreiben eine Maschine. Schreiben, klicken. Wir alle sind eine Schreibmaschine. So seit 10 Jahren real. Ob das Literatur sei? Na ja, in der Literatur ist alles erlaubt. Wenn es gut ist. Vom Mord bis zum Ehebruch, Beleidigung, Selbsterhöhung und Fall, selbst Himmelfahrt und Gang durch die Hölle. Auch umgekehrt: Gang durch die Hölle, Punkt. Nichts was darauf folgen könnte. Wie ist die literarische Himmelfahrt möglich? Ja will denn das überhaupt jemand? Ja will das überhaupt jemand lesen?
Als ich zum erstenmal Dostojewski las, war mir nach 5 Seiten so schlecht, dass ich hätte kotzen können.
Gogol. Tynjanow. Wie der Mantel gemacht ist. Scheint hier alles unter Privatbespaßung zu laufen: (Antigone) Hilfe, die Spinner sind da.
Erst in der Romantik sind sie alle wieder beisammen, die guten Seelen. Warum eigentlich? Kein Ort, nirgends. In meinem privaten Leseritual war das die Grenze, es kam zum Eklat. Unvorstellbar. Die Kraft des inneren Monologs in der Wirklichkeit. Literatur, das Unvorstellbare?
Nehmen wir es pragmatisch: Da benimmt sich jemand ungehörig. Eine Verehrerin. Ein Stalker. Und alles aus Liebe.
Zur Wahrheit? Zum Text? Oder dann doch zu sich selbst? Sagen wir mal so. Literarisches Blumengießen als eine äußerst delikate, zutiefst romantische Inszenierung. Nichts dagegen zu sagen.
Der Kampf der Stimmen im polyphonen Roman ist eine Wirklichkeit. Weniger möchte man wohl heute auch gar nicht mehr.
Aber spätestens hier stellt sich ein Problem ein. Nennen wir es, böse Buben wie wir es hier nun einmal alle sind – schwere Mädchen und leichte Jungs – – von Butler rückwärts durch Foucault hindurch – – – Prototypen des Philosophiemuffelns, alles falsch! Ende der Genieästhetik, nennen wir es einfach Gegel.
bist du tot, aber stellst
fest: bombensicheres
Ding, alles geht
weiter: Wie? Warum?
Stoff für neun Opern, oder
Sieben Leben hat die Katze
Der Strom der Zeit scheint immer in dieselbe Richtung zu fließen. Vielleicht steht die Zeit. Kann sich die Zeit beschleunigen oder verlangsamen. Wo liegt ihr Ursprung. Preisfrage der Physik. Uhren und Kalender. Zeit ist ein sich ständig wiederholender Prozess. Quarzkristall. Tickt eine absolute Uhrzeit. Atome haben eine natürliche Frequenz. Alles was schwingt, kann als Uhr verwendet werden. Zwei Fledermäuse wohnen bei mir in der Scheune. Öffne eine Tabuzone, erzähle eine Sache von Anfang an, geh zurück in die Vergangenheit. Das geht. Un- oder Überpersönlich. Durch den Schlauch der Zeit oder drum herum, geht nicht. Unsere Vorstellung von Vergangenheit Gegenwart Zukunft ist möglicherweise nur eine Illusion… Rätsel, Individuelles und Anonymes, Fremdes trifft aufeinander. Seltsam, etwas verrenkt, stimmungsvoll, befremdlich. Den Sounds, den Emotionen… des Alltags, der Fluss, das Einzig-Artige im Banalen…
Dessen bedacht, was nur zu ahnen, nicht jedoch zu wissen uns die Jugend gewährt,
jagte ich, unerschrocken, ja geblendet wie viele, dem Ruhme nach.
Nicht Lukrez, nicht Catull webten, leise Verse flüsternd, ein Sprache hegendes Netz;
die Zeit, daselbst sie regend Anteil nimmt an irdischen Belangen,
sie träumte mir vor – ich verfing mich darin.
Einst gedachte ich Deiner als Spiegel meiner selbst,
in Sehnsucht nach einem besseren Sich.
Im Anrufen der lieben Göttin lag Angst vor der Leere,
aus einem finsteren Loch krochen – der Verzweiflung zum Trotz –
Ideen, formten mit Hoffnung getünchte Sätze;
obgleich Schatten nur, nützliche Schatten – Leere brennt.
Nun, da die Mysterien der großen Mutter nahen,
nun, da die von der Wildheit des Fleisches umschlichene Feinheit des Geistes
ein in lockende Furcht getränktes Lachen gebiert,
schwebt
an späten, hellen Tagen – frischer, noch warmer Asche gleich –
Ehre um Worte wie kleine Wolken Blüten küssen zur Nacht.
Epilog
Die Edlen, deren Glück, gemessen an dem der Gemeinen, nie schal zu werden droht, fahren ewig hin in Seeligkeit. Je wären Götter nur, keine Menschen, edel alle Gegensätze, alles woran Glück zu messen und wie es zu fassen sei zur Gänze her erleuchtet zu schauen.
Der Menschen Pfand, das Staunen, wiegt leicht und tanzt doch, wie Füchse um Hasen tollen, zur Freude der Himmlischen im windigen Sog der Tragödie als Feder der fragenden Waage.
Erst dachte sie, er sei ein älterer Mann. Irgendwie schienen seine Haare bereits zu grauen. Wie der Morgen vor einer Matheprüfung. Zuviel ist in Männerhand. Rosanna bedankte sich für das Mittagessen, das Philippa von ihrem letzten Geld bezahlt hatte und verabschiedete sich steif. Die Rolle, die sie wieder einmal für ihre Freundin übernommen hatte, bekam ihrem Magen ganz und gar nicht. Sie würde sich hinlegen müssen. Sofort, nachdem sie die Haustür aufgeschlossen hatte, sonst hätte alles ein übles Nachspiel. Sie würde noch weiße Gladiolen aus dem Blumenladen gegenüber mitnehmen, eine schmalzige Platte aus der Zeit ihrer Eltern auflegen, mit Xylophon, verhaltenen Geigen und so, und dann hoffen, dass ihr Magen sie in Ruhe ließ. „Na, haben meine Worte dich platt gemacht?“ stieg Philippas Stimme neben einer Blase im Wasserglas auf. Rosanna sah nur noch, wie sich Philippa mit Daniel Schneider am Arm sich wieder zu ihr an den Tisch setzte. Die Wolken am Himmel schienen so grau wie der Teint und die Haare dieses Mannes, der sich jetzt über sie beugte. „Ist Ihnen nicht gut?“
Er musste lange auf den Doc Check warten. Obwohl er bestellt war. Nun ist es beinahe schon dunkel. Der Arzt hat ihm gesagt: Er hat Alterszucker. Bitte rufen Sie hier nicht mehr an. Der Garten liegt in den ununterscheidbaren Farben des Abends vor ihm, die alten Garagen außer Sichtweite. Jetzt kommt Wind auf! Gewitter. Sturm. Die viel zu kleinen, ungenießbaren Äpfel schlägt der Sturm vom Baum ab. Reiß‘ die Welt entzwei, ein Blatt Papier! Ein Blatt Papier, die Krankenakte. Er tritt mit spitzem Schuh einen von den roten Äpfeln klein.
er trägt ein murmelndes und trauriges meer in sich
aus dem er gesänge schöpft
das land zu bewässern
mit sprache
einer konnte auf holz gehen
ein anderer auf stein
wieder ein anderer zeichnete linien ins blau des himmels
und vergaß zu trinken
die nadel im kopf
zerkratzt die rinde
zuwenig synapsen
den fluss zu decodieren
das bewusstsein
in artefakte
zerklötzert
eine universale Form
menschlicher Selbst
verwirklichung
Im Betrieb der Welt
eilen die Jahre vorbei
lasten auf uns.
Der Vollmond
kehrt wieder
nach einem Monat.
Eine Frühlingsblume verdorrt
zwischen Morgen und Abend.
Egal wie schön du bist,
du kannst die Falten nicht vermeiden
und auch deine Haare werden weiß
wenn das Alter dich klapprig macht:
schnell rufen sie deine letzte Nacht
und du schließt die Augen.
Der Tod ist überall:
Im Privatjet über Nizza
in den Favelas von Rio.
Unter zwei Meter Staub
werden wir liegen
ihr und ich.
Warum suchen wir im Sommer den Schatten?
Warum verstecken wir uns im Herbst vor dem Wind?
Bald wirst du dich trennen müssen.
Von den Freunden. Von der Familie.
Vielleichst hast du ein tolles Haus
mit Dingen darin, die du liebst.
Irgendjemand wird darin wohnen.
Keiner der Bäume in deinem Garten
wird dich überleben.
Alles, was du mühsam angehäuft
Tag für Tag
wird mit einem Mal
verschleudert werden.
—— da rumpelt der ganze Glockenstuhl, da quietscht die Kette über die Zahnräder, da surrt der elektrische Motor, alles ganz regelmäßig, nur die Glockentöne fehlen, irgendwer war in der Nacht auf den Turm gestiegen, hatte etwas Weiches um den Klöppel gebunden, irgendetwas, und das schlägt jetzt gegen die Glocke, und nicht mehr berührt der Klöppel die Glocke, und so dröhnen nicht mehr die Glockentöne, aber das, was wir jetzt hören, sind ja auch die Glockentöne, sind genauso Glockentöne, diese Töne der ganzen Mechanik, die waren schon immer da gewesen, waren von Anfang an da gewesen, nur waren sie immer verdeckt vom Geklöppel, dieses Geklöppel, das jeden Morgen und jeden Mittag und jeden Abend losschepperte und den Tag teilte, jetzt ist es diese Mechanik, die den Tag teilt, und vor allem sind jetzt diese Töne weg, die wir ja immer hören, wenn die Glocke wirklich läutet, diese Töne, die nicht vom Klöppel kommen und nicht von der Glocke und nicht von der Mechanik, die aber trotzdem da sind, als ob da immer ein zusätzliches Geläut mitläuten würde, aber jetzt hören wir nur noch diese furchtbare Mechanik, hören wir genau die Töne, wo man ganz genau hört, was da klingt, was da die Ursache jedes einzelnen Geräuschs ist, und ich habe wirklich genug davon, werde also heute Nacht auf den Turm steigen und werde ihn entfernen, diesen entsetzlichen Lappen oder dieses Kissen oder diesen Lappen und dieses Kissen oder wasauchimmer da irgendwer da oben festgebunden hat, das werde ich alles herunter reißen ——
weimar drängten kalkstein und mergel in die stadt öffneten sich klüfte und schlossen sich wieder um sich erneut zu öffnen und zu schließen wie der atem der rohre unter den straßen der puls der kabel und leitungen darüber bist du auf dem weg in ein neues leben und ein stück weiter siehst du erdfälle dolinen tagbrüche unter deinen füßen ein wellengebirge zur tiefe am abend war der asphalt weich flüssig wie boden wie moor schwammen die autos zähltest du die bäume zwischen den häusern im park in schwimmbewegungen die vögel die krähen und zeisige die falter und schwärmer bauten fische nester zwischen korallenbäumen dolomitischen mergeln und tonsteinen bliebst du stehen und drehtest dich noch einmal um zu den schatten die dir von straßenlaterne zu straßenlaterne folgten den stimmen die dich riefen von der anderen straßenseite metallisch klang die nacht unter dem hundsstern tropften die perseiden auf dein kleid
du stehst barfuß auf dem kopfsteinpflaster lagen deine nicht ausgesprochenen wünsche
an der kirchturmuhr war ein zeiger gebrochen eine falsche zeit hing über der stadt
im geträumten leben war ich wach
wortschaften wohnen mit buchbaumhecken um die häuser
Rote Daddeln –
einmal zerschellt.
Eine Spalte Hirn
hoffnungslos
zerteilt in sich,
Kühlschrank-
poesie erzwingt
nichtnotwendig „Die Falte“.
Kinderzimmer zur Verfügung –
cum tempore.
Gedenkenfern,
Mozart unter Kerzenschein,
singt.
Aufgestaut
hinter meiner Eisschranktür
einen leiernden Reim.
Der Sommer, obschon laut Kalender in voller Blüte, ächzte bereits leicht verwelkt daher. Was, dachte sich der Wandel, könnte all den bunten Farben nun schmeicheln, da hoch ihre Zeit noch stünde?
Die leicht altkluge Stimme eines Mädchens, vielleicht 9 oder 10 Jahre alt, ertönt von der anderen Seite des Kühlregals. Sie will ihrer Mutter helfen, aus Tiefkühlpizzen im Angebot zu wählen.
Aber da ist mehr: sie prüft unbewusst, ob sie sich erwachsen verhalten kann und schießt dabei leicht über das Ziel hinaus, zudem sie – durchaus bewusst – die Aufmerksamkeit, die die Umgebung ihr daraufhin zuteil werden lässt miteinbezieht. Die Diskrepanz wirkt humoristisch und ernst zugleich, erinnert an die eigene Jugend – jene Phase, in der scheinbar alles besser gewusst und doch so vieles, was im Inneren vorging, zugleich verheimlicht wurde.
Oh Sommer, Wächter meiner Liebe, Strand meines Lebens, Mitte meines Fliehens. Holiday time.
Wage ich, In täglicher Leidenschaft ruhend, auf Gipfeln gereifter Ideen stolzierend, zu zweifeln?
Den Frühling, den Herbst und Winter gar missend? All die Schlachten, die Ungewissheit, das brennende Warten?
Spricht die bleierne Glocke der Angst zu mir, die im windstillen Sommertagsschlaf durch rotweingefärbte Träume dröhnt? Oder ist sie lediglich eine Konstante – wie all die Zeichen und Wunder, die zu mystifizieren wir uns aus Langweile oder Furcht angewöhnt haben?
Wahrhaft, obgleich sie erst im Winter erblüht sein wird: bereits jetzt streben die Sprosse dieser dunklen Blume himmelwärts.
+
_
Gebetsmühlendynamik, seltsames Wort, aus Gebet und Mühle und Dynamik, natürlich ist das deutsche Wort „Mühle“ bloß eine Übersetzung, hier wird ja gerade nichts gemahlen, keine Körner in Pulver verwandelt, hier ist es ein Mantra, eine heilige Silbe, ein heiliges Wort oder ein heiliger Vers, der außen auf einem Rad, eine Rolle oder Walze geschrieben steht, und entweder dreht man sie, indem man sie in die Hand nimmt und duch geschickte Bewegung der Hand zum Drehen bringt, oder man lässt sie sie vom Wind drehen oder vom Wasser, und hier geht es um das Erkennen, um zur Erleuchtung zu gelangen und dann zur Erlösung, ins Nirwana, ins Verwehen, also sich ins Große und Ganze aufzulösen, und irgendwie geht es ja auch darum, dieses Denken hier endlich aufzulösen, diesen Denken hier im Samsara, diesem Kreislauf aus Werden und Vergehen, endlich Schluss zu machen mit dieser Trennung zwischen Denken und Bedachten, dass also das Denken und das Bedachte endlich eins sind, dass man keine Worte mehr braucht und keine Vorstellungen, letztlich sind auch Namen nur sinnliche Materie, und jede Drehung eines Gebetsrads bringt uns Erkennen und Erlösung und Erleuchtung näher, und nicht nur den, der dreht, sondern ja auch alle anderen, auch die Kühe und die Krokodile und die Käfer und die Kornblumen und den Knöterich, und in der Dynamik geht es ja um Macht, um Macht mittels Kräften, also ist Gebetsmühlendynamik ein Begriff für eben diese Kräfte, die entfaltet werden durch das Drehen der Mantras, diese gewaltigen geistigen Kräfte hin zum Erkennen und Verlöschen und Verwehen, und Ästhetische Theorie beschäftigt sich ja mit einer Theorie der Kunst, also ob die Kunst ein Träger von Wahrheit ist, eine Wahrheitsprozedur würde Alain Badiou sagen, dass ein Kunstwerk zu Wahrheiten führt die ohne Begriffe auskommen, und diese Wahrheiten der Kunst sind nicht mehr oder weniger Wert als die Wahrheiten der anderen Wahrheitsprozeduren, wie Mathematik, Liebe, Philosophie oder Politik, alle diese Wege sind ja ganz eigene Wege zu Wahrheiten, und in der Kunst sollen ja die Wahrheiten irgendwie verrätselt sein, soll ja das Allgemeine im Besonderen aufscheinen, zeigt sich die Wahrheit eines ganzen Lebens in einem Paar Bauernschuhe, aber die Liebe ist ja nicht weniger verrätselt als die Kunst und die Politik und die Philosophie, und selbst die mathematischen Räume sind ja voller Rätsel, eigentlich ist ja die ganze Mathematik ein einziges Rätsel, bis heute weiß man ja nicht, was Zahlen eigentlich sind, da gib es nur irgendwelche Hilfskonstruktionen dass das Zeichen für die Nullmenge ja ein Zeichen ist und schon haben wir die eins herbeigezaubert, so einfach ist das, dann also, wenn die Ästhetische Theorie tatsächlich Gebetsmühlendynamik ist, dann ist also die Ästhetische Theorie etwas, was die Kraft eines Gebetsrades entfaltet, die Theorie wird hier zu dem, was zum Erkennen und Erleuchten und Verwehen führt, und das ist ja auch richtig so, zeigen sich doch in der Theorie selbst Wahrheiten, sie entfalten sich dort, genauso wie in jeder Theorie, wie in jedem Kunstwerk, wie in jeder Politik und in jeder Rechnung und in jeder Liebe, so ist also nicht nur die Ästhetische Theorie Gebetsmühlendynamik, oder besser Gebetsradsdynamik, sondern eben jede der Wahrheitsprozeduren, die Ästhetische Theorie ist Gebetsradsdynamik und die Mathematik ist Gebetsradsdynamik und die Poltik ist Gebetsradsdynamik und die Philosophie ist Gebetsradsdynamik und die Liebe ist Gebetsradsdynamik, jede Form der Wahrheitsprozedur ist Gebetsradsdynamik, und jetzt dreht sich diese Zeile, und hier sieht man auch, dass es ja keine Trennung zwischen Gefühl und Denken gibt, dass dies ja eins ist, und jetzt, am Ende dieses Textes, wenn wir diesen Text wie eine Leiter benutzt haben, ihn an ein Staubkorn Erkenntnis gelehnt haben und hinauf gestiegen sind, ein winziges Stückchen der Erleuchtung näher sind, jetzt müssen wir die Leiter wegwerfen, denn all diese Sätze sind ja unsinnig.
Kein Fazit, keine Theorie der Ritualbeobachtung, höchstens ein kleines Gluonengewitter zum Ausklang der Sommermeisterschaft. Im Winter hatten diese Häuser noch Stiefel an, jeder Schaft ein abgehackter Mensch, damit die einhellig erzählte Geschichte auch auf ihr Brennholz kommt, wenigstens das Feuer nicht ausgehen lässt, Licht in der Dunkelheit, trübes Scheinen. Worauf es ankam war die Wärme auf der Haut. Nun jedoch geht es ums Manövrieren. Wie kommen all diese Kleidungsstücke an ihre Besitzer? Schuhe an Ästen, wohin wächst es? Nach oben hin ist immer genug Licht, sobald die Alleinstellungsmerkmale durch die Datenbanken offiziell beglaubigt sind, ewiger Schmott. Nach unten hin bleibt genug Dunkelheit für jeden, den kleinen wie den großen Tod. Wiedergeburt garantiert: durch den Willensakt, dessen Wollen eine Art Ereignislogik, Sterben auf Raten, also Leben unter umgekehrtem Vorzeichen generiert. Und natürlich, Auftauchen war schon immer Abtauchen ins Unbekannnte. Den Kleidungsstücken ist egal, in welche Richtung sie sich bewegen. Sie kennen nur den Unterschied von innen und außen:
Materie sucht Ich,
Sinnliche Materie
Sucht neue
Form der Anschauung.
Nach vorn und hinten, rechts und links hin geht es ums Gesicht. Wer wahrt wen, wessen Schein hat das Sagen in den Datenbanken … einzig die Drehung vermag das Vorwärts- oder Rückwärts-, das ewige Ausgestoßensein zu durchkreuzen. So wäre das Kreuz eine Idee, unverhoffte Begegnung zweier Linien auf ihrem Weg wer-weiß-wohin. Von daher ist Ästhetische Theorie tatsächlich Gebetsmühlendynamik, wenn nicht artistische Abweichung vom Geraden so doch wenigstens selbstlose Vermeidung des Krummen, Undefinierbaren.
P.S. War die Müritz nicht jener Ort, Wasser bis an den Rand, an welchem Klein-Heiner immer verprügelt worden ist? Oder war sie umgekehrt gerade jenes Meer, dessen Grenzen einen an den Onega-See denken lassen, eine Art Gewässer, dessen Inseln noch immer nicht alle einen Namen tragen, und wozu wäre der auch gut im Zeitalter der Koordinaten und ihrer kunstvollen Transformation? Letztlich sind auch Namen nur sinnliche Materie – und was heißt hier nur! wenn sie ein Unbegrenztes auf eine Weise zu bezeichnen die Kraft haben, die es in der Fülle seiner Begrenzungen zu einem Etwas, zu etwas Wahrnehmbarem werden lässt, oder umgekehrt das Lassen nur als Aufforderung stimmig vorstellbar bleibt, vorausgesetzt, der den Willensakt Denkende bliebe bei alledem ruhig, so ruhig etwa wie man es dem Auge des Zyklons immer noch nachsagt, und sei es auch nur eine angedichtete Ruhe inmitten rasender Bewegung, die als solche irgendwann endet, viel besser dagegen in der Art Frage, die der russische Dichter Lermontov mit jenem Segel verbindet, das immer einmal kurz im Nebel auftaucht, welcher selbst nur in Momenten die helle Bläue des Meers verdeckt – „Es blinkt ein einsam Segel…“ – das die hiesigen Längengrade wohl bisher nur im Buckower Konjunktiv zu erreichen die Kraft hatte.
Berenike hieß das Café, in dem sich Rosanna und Philippa gern trafen. Hier saßen sie, bis die letzten schönen Herbsttage vorüber waren, am liebsten draußen. Nun regnete es seit Tagen. Die Kellner hatten vergessen, das Mobiliar vom Vorplatz wegzuräumen. So konnte das Holz in aller Ruhe aufquellen. Und der Stempel der ostdeutschen Designer-Marke „Theodor“ war an den Stühlen noch gut lesbar. Mit ausdruckslosem Blick nahm man die Bestellungen auf: Martini, xtra-dry. Dazu Törtchen mit Vanillepuddingfüllung und danach vielleicht noch Hähnchenflügel und gegrilltes Gemüse, mit viel Brot. „Zum Aufsaugen der Flüssigkeiten.“ Rosanna lächelte den Kellner an und legte die Korrekturfahnen für einen neuen Magazinartikel auf den Tisch. “So, Philippa. Nun kannst du es abgeben, ohne dich zu blamieren. Mein Stil wäre mir allerdings zu schade für dieses Revolverblatt. Denk vielleicht noch daran, dass die Leute gern was übers Essen lesen.“
Rosanna erinnerte sich an den größeren Aufmacher vom Juni, den sie für Philippa geschrieben hatte. Dieses Interview mit Daniel Schneider. Die Seiten ihres Exemplars waren vergilbt, so oft hatte sie es umgebrochen und Philippa daraus vorgelesen, sich immer wieder daran hochgezogen. Daniel Schneider sah zwar aus wie der Künstler, in den sie als junges Mädchen verliebt war, aber sonst fehlte ihm jegliches Charisma. Philippa war dazu verdammt, Interviews mit mittelmäßigen Lokalgrößen zu führen. Da war Daniel Schneider schon eine etwas größere Nummer. In der letzten Zeit wurde die Maske der Überheblichkeit etwas fahler um Rosannas Augen. Sie schlief schlecht. Sie schrieb es dem sinnlosen Nachdenken über Daniel Schneider zu. Vernarrt wie ein Schulmädchen in den halbgaren Jungen, hatte sie die Gelegenheit genutzt und ihn ohne Hemmungen angeflirtet, als Philippa auf dem Klo war. Philippa nahm es ihr nicht übel. Oder sie täuschte Gleichmut vor. Denn das konnte sie. Nun griff sie hastig nach dem Martiniglas und ihrer Brille. „Sag mal, hast du noch das Interview mit Schneider? Ich kann meins nicht finden. Und das war doch der Geniestreich dieses ereignislosen Sommers. Daniel Schneider mit nacktem Oberkörper zwischen uns beiden. So eine Hühnerbrust! Und die haben das tatsächlich gedruckt.“ Rosanna zuckte zusammen. Hatte Philippa Gedanken gelesen? Rosanna beschloss, ihrer Freundin endlich die Wahrheit zu sagen. „Daniel wusste, wer den Artikel über ihn geschrieben hatte. Er sagte beim Abschied zu mir, deine Freundin hat den Sarkasmus einer sauren Gurke, aber schreiben oder gar charmant sprechen, das kann sie nicht. Sie sollte noch ein wenig üben.“
Philippa hielt es für einen von Rosannas abgeschmackten Scherzen und reagierte nicht weiter darauf. Bis Rosanna sich über ihre Tasche beugte und ein lila Flakon herauszog. „Hab ich von Daniel. Lyra pour L’homme von Gilbert Asyl.“ „Darüber macht man keine Witze, Rosy. Lass stecken. Du magst eloquent und klug sein, aber mich erreichst du damit nicht.“
Philippa hatte Daniel Schneider in der Berenike interviewt. Da es bereits Mai war, musste sich sich beeilen, den Artikel bis zur geplanten Veröffentlichung im Juni fertig zu bekommen. Schneider war von der gemächlichen Sorte und ließ sich bitten. Mit Rosanna als Philippas Begleitung hatte er nicht gerechnet und reagierte leicht erregt. Wie ein Topf mit Milch, der überkocht und kurz vor dem Anbrennen ist, ging es Rosanna durch den Kopf. Aber zugleich durchstieß ein warmes Gefühl ihren Unterleib, denn die Augen, ja sein ganzes Gesicht, ähnelte unverkennbar dem, in den sie mit fünfzehn verliebt gewesen war. Rosanna ärgerte sich. So etwas Dummes, der Kerl hat doch überhaupt keinen Charme. Wie kannst du nur so blöd sein und Äpfel mit Birnen vergleichen. Am Ende taufst du ihn noch den deutschen Bryan Ferry.
Daniel Schneider, ein Name für einen schwitzenden und verpickelten Schuljungen, vollkommen durchsichtig und unkompliziert. Rosanna hatte ein Faible für undurchsichtige und komplizierte Männer. Wahrscheinlich war das der Grund dafür, dass sie schon länger allein war. Philippa hingegen hatte sich im letzten Jahr verlobt und redete für Rosannas Geschmack zuviel über Babykleidung. „Dann höre ich beim Magazin für ein Jahr uff und du kannst mich vertreten. Das wär doch was für dich, Rosanna, du würdest dich verbessern. Immer dieses Geklecker an der Uni auf halben Stellen. Das hält doch kein Mensch lange aus, nur du.“ Der sächsische Dialekt ihrer Freundin schlug Rosanna aufs Gemüt.
Ein Vogel, komisch
vor Stolz, zeigt
sein Gefieder.
Du holst
für mich nie
den himmel
her
–
Käfigstäbe,
Liebesmakel,
.
Samtfüße
streifen seine
nieder.
Wir wissen nicht was
in diesem Gedicht steht
es wechselt die Worte
wenn es uns sieht
inszeniert sich für uns
was es wirklich ist
wissen wir nicht.
Tritt ein, bring Schutt herein. Warum sich die Schuhe abtreten oder sie sogar ausziehen? Kein Teppich kann so kostbar sein als dass er nicht durch Schuttspuren von draußen noch kostbarer würde.
Schutt, was ist das überhaupt, eine Anhäufung von Bruchstücken, etwas, das einmal größer war, das verwittert und erodiert ist, und immer noch verwittert und erodiert, Bruchstücke, sich immer weiter aufsplitternd, erst irgendetwas Großes, dann Blöcke, Blockmeere, und sie zersplittern weiter, Schotter, Geröll, Kiesel, Sand, und die können ja auch wieder versteinern, wieder größer werden, oder sie verschwinden, Sand, Staub, Wind, oder sie werden wieder eingeschmolzen, wieder zu glühender Lava, jedes Bruchstück eine Erinnerung, eine kantige oder abgerundete Erinnerung, man kann sie wieder auflesen, bevor sie ganz verschwindet, und noch mehr Bruchstücke suchen, die vielleicht dazugehören, oder auch nicht, man weiß es nie, und man kann sie auf einen Schreibtisch legen, das Bruchstück, irgendein Bruchstück, in irgendeinem Blockmeer gefunden, es wieder und wieder in die Hand nehmen, es wenden, von allen Seiten betrachten, und Gedichte darüber schreiben, darüber meditieren, und dann, wenn im Winter die Sonne tief steht, und alles lange Schatten wirft, dann taucht sie plötzlich auf, auf dem Bruchstück, die Erinnerung, eine Spirale vielleicht, ein Ammonit, nur der Abdruck eines Ammoniten, und sooft man dann auch wieder in das Blockmeer zurückkehrt und alles absucht, der Ammonit, die originale Spirale aus Perlmutt, bleibt verschwunden, für immer verschwunden, nur der Abdruck ist noch da, in der tiefstehenden Wintersonne, und da kann man wieder Bruchstücke sammeln, und aus den Bruchstücken Steinmenschen, Steinfrauen und Steinmänner errichten, Bruchstück auf Bruchstück schlichten, Steinfrauen und Steinmänner aus Erinnerungen, aus Erinnerungen, die vorher vielleicht nicht zusammengehört haben, jetzt aber zusammengehören, unbeweglich stehen sie da, diese Steinfrauen und Steinmänner, zeigen den Ort, wo man schon gesucht hat, wo man keinen Ammoniten gefunden hat, und irgendwie gibt es ja auch nur ein Original, aber immer zwei Abdrücke, immer zwei Spiralen, uns es kann ja auch passieren, dass sich der Abdruck wieder füllt, gefüllt wird von irgendetwas, der Abdruck eines Abdrucks entsteht, der Abdruck einer Erinnerung, die selbst wieder zur Erinnerung wird, und so ins Unendliche, und da stehen die Steinfrauen und Steinmänner, stehen inmitten des Blockmeeres, stehen da im Sommer und im Winter, im Schneesturm und im Regen, und sie weisen uns die Wege, weisen die Wege durch die Block- und Kieselmeere, und diese Meere finden wir überall, finden sie auf dem Ružovský vrch und in der Czarny Kociol und am Elbufer, wenn das Wasser niedrig ist, und an der Ostsee vor Swantegard und natürlich auch mitten in Leipzig und mitten in Berlin, aber nicht immer sind sie oben die oberste Schicht, oft ist da schon längst der Urwald darüber gewachsen, oder eine ganze Stadt, oder eine Stadt auf der Stadt auf der Stadt, Schicht für Schicht, und dieses Blockmeer finden wir nur wieder, wenn wir graben, wenn wir da unten Kanäle oder eine U-Bahn bauen, aber manchmal haben wir Glück, und da liegt der Schutt herum, unter den Büschen, neben dem Spielplatz.
Überall im Schutt vor dem Poco standen Steinmännchen. Manche waren schon fertig. Andere wurden noch gebaut. Wieder andere waren schon wieder eingestürzt. Willi fragte sich, ob diese Steinmännerversammlung zufällig war. Natürlich, jeder der Troglodyten, zu denen auch Willy gehörte, hatte sein Steinmännchen allein gebaut. Und jeder glaubte, allein, weil er es wollte. Aber diese ganze Steinmännerversammlung der Troglodyten war doch nicht mehr zufällig. Willi versuchte, in der Aufstellung der Steinmännchen ein Muster zu erkennen. Linien, Kreuze, Spiralen. Irgendetwas, das einen großen Plan vermuten ließ. Und, wenn sie Wegzeichen waren, wohin wiesen sie? Woher kamen die Wege? Wohin führten sie? Von Steinmännchen zu Steinmännchen? Oder weit darüber hinaus? Zu dem verrosteten Eisenbahnwagen? Zum Völkerschlachtdenkmal? Zu diesem versteckten Menhir im Clara-Zetkin-Park, den keiner kannte?
Da das Imperfekt die vollendete Gegenwart ist, fragen wir uns, was in den letzten drei Tagen mit den Fleischstücken geschehen ist, die Willi in den Schutt geworfen hat. Wurden sie gegessen? Waren sie zum Zeitpunkt des Reinwerfens überhaupt noch genießbar? Wessen Fleisch wurde da in Stücke gerissen, zerschnitten, zerteilt, um als Köder für Ratten im Schutt zu landen? Woher wusste Willi so genau, dass es Ratten sein würden, die er anlockte – oder war hier der Wunsch Vater des Gedankens? Nun. Vielleicht ist das irrelevant, vielleicht bin ich ein Korinthenkacker. Willi warf Fleischstücke in den Schutt. Punkt. Wenn mich nur nicht permanent das Zipperlein der Unruhe und Ungeduld mit Willis Tun plagen würde. So eine Empfimpfung, dass es einfach nicht ausreicht, Fleischstücke in den Schutt zu werfen und abzuwarten, bis die Ratten kommen. Dass gleich der kürzeste Weg des Widerstandes gegangen wird, indem angenommen wird, dass die Ratten schon vorher da waren. Hiermit verhält es sich wie mit den Rätselbildern in der Hörzu: „Hier stimmt was nicht!“ Und der durchschnittliche Hörzu-Leser verbrachte manchen Freitag Mittag damit, des Rätsels Lösung zu finden. Hier stimmt was nicht. Dieser Satz führt nahezu immer zu einer zwanghaften Beschäftigung mit Dingen, die eigentlich nutzlos sind. Ob sie das Hirn auf Trab bringen, sei dahin gestellt.
Durch die Mitte meines Schweigens
zieht sich eine weiße Mine.
Nur selten spitze ich sie
am Verstand.
Mit jeder Regung
schreibt sie Spuren.
Ob du sie liest,
wenn unsre Worte nicht mehr halten
und lautlos in den Sprachfluss fallen –
Willi stand im Schutt. Unter einer Peitschenlampe. Die Ratten hatten sich um ihn versammelt. Ihnen hielt er folgende Rede:
In früheren Zeiten waren wir grausam zu euch. Haben euch gejagt, erschlagen und mit vergifteten Ködern getötet. Wir hatten unsere Gründe. Ihr trugt den Schwarzen Tod in euch. Ihr habt unsere Vorräte gestohlen. Ihr zahltet keine Steuern. Wir wollten unsere Häuser und Straßen für uns allein. Ihr ward einfach da. Irgendwelche Gründe eben. Wir wissen, daran habt ihr keine Schuld. Ihr habt euch in der Nacht versteckt, im Hinterhof, im Mauerwinkel, im Keller, unter dem Gullydeckel. Wir haben euch zu dem gemacht, was ihr seid. Wir glaubten, dass wir klüger sind als ihr. Wir glaubten, dass die Berge und das Gold und die Himbeeren und die Heringe und die Wurzeln und der Regen nur für uns gemacht wurden. Doch wir wollen diese Erzählung nicht mehr erzählen. Erzählt uns eure Erzählungen. Wir hören zu. Es gibt genug Vorräte. Wir impfen euch. Die Stadt ist riesig. Darin ist genug Platz für so große Wesen wie den Baumarkt oder die Straßenbahn oder den Ahorn, und so kleine wie die Schmeißfliege und die Gladiole und die Kellerassel. Überlegt es euch. Sagt uns in drei Tagen, ob ihr einverstanden seid. Wenn drei Tage nicht genügen, so warten wir fünf. Wenn fünf Tage nicht genügen, so warten wir sieben. Dann fragen wir euch wieder. Seid ihr einverstanden, so bleiben wir. Wenn ihr aber wollt, dass wir gehen sollen, dann gehen wir. Wenn ihr denkt, dass wir leer und und ohne Vernunft sind, dann gehen wir. Dann ziehen wir ab. Wir werden euer Urteil annehmen. So ist das.