Sonnige Abschnitte (2)

Natürlich hatte Mutter vorher jede noch so kleine Spur, die sie verraten könnte, unkenntlich gemacht. Hatte aus allen Briefumschlägen ihre Adresse herausgeschnitten, aus allen Kassenzetteln die Nummer ihrer Bonuskarte. Jedes Mal wurde es schwieriger, den Müll zu entsorgen. Mehr und mehr Mülltonnen waren mit einer Kette verschlossen. Oder standen hinter einem verschlossenen Tor. Und wo nicht, da lauerte einer, brüllte aus dem siebten Stock herunter: „Dich zeig‘ ich an!“ Schnell, so schnell sie konnte, rannte sie weg, nicht wissend, ob der die Nummer vom Auto aufgeschrieben hatte.
Manchmal traf sie die anderen, die genauso wie sie den Müll entsorgten, die Troglodyten. Die wohnten in Räumen, am Ende von Schächten, in die das immer gleiche Licht fiel, am Morgen, am Mittag, am Nachmittag, am Abend. Immer das gleiche, eigenartige Licht. Monochromes Tageslicht. Manchmal traf sie auch die Akolythen. Die standen an der Straßenkreuzung um ein leeres Ölfass, in dem irgendetwas verbrannte, schwarzer Rauch stieg auf, erst kringelnd, dann spitz nach oben steigend.

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Standen um die Tonne herum und starrten auf ihre Smartphones, auf denen irgendetwas geschah. Ein Kater vielleicht, der auf einer Sommerterrasse versuchte, seinen Kopf aus einer Plastedose zu befreien. Eine Figur mit unendlichen vielen Leben, die immer wieder versuchte über den selben Abgrund zu springen und immer wieder in die Speere stürzte. Die Akolythen bemerkten Mutter nicht. So viele Leben, die aus den Händen rutschen. Ohne zu fallen. Immer wieder. Glibberig. Vergeblich die Versuche, diesen Pudding an die Wand zu nageln, zu schrauben. Je fester die Hände zupacken, um so schneller rutschen die Leben. Formlose Ungeduld. Vertrauen auf die Zukunft. Aber geduldig sein kannst du nur, wenn du der Zukunft vertraust. Wenn du heute keine Angst vor dem Morgen hast. Was Mutter nicht wusste, war, dass sie gemeinsam mit den Troglodyten und den Akolythen am Rande einer verborgenen Geometrie lebte.

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Die Straße, wo der Vater im Auto wartete, war ein Schlauch, wie die Straße daneben, wie die anderen Straßen. Gebaut von Architekten, die Topfpflanzen im Treppenhaus als Grünflächen zählten. Vater hatte Angst. Dass sie Mutter entdecken würden. Dass man die Schläuche mit Polizeikordons umzingeln würde. Und die Straßen durchkämmen. Darum hatte Vater seine Taucherbrille, die er immer im Auto hatte, von Mutter entsorgen lassen. Zwanzig Jahre hatte er sie im Auto gehabt. Doch jetzt hatte er im Radio gehört, dass sie einen zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt hatten, in Hamburg, sechs Monate, wegen einer Taucherbrille, einem Stadtplan und einem schwarzen Pullover. An einem sonnigen Tag.

Sonnige Abschnitte

Ein guter Tag für Mutter, den Hausmüll extern zu entsorgen, war ein Tag mit sonnigen Abschnitten. Ich meine, ein Tag mit so Streifen. Aus Sonne, wie Caramellstreifen in Vanilleis. Was sehr Süßes und Kalorienreiches, cremig in der Konsistenz. Die Finger gleiten durch die Tastatur wie durch Sahneeis. Und man beginnt davon zu erzählen, wie es war, als Mutter den Hausmüll extern entsorgte: Im Stadtpark, bei Real, vor dem Blumenladen, hinter der Sparkasse – überall, wo es private, aber zugängliche Tonnen, öffentliche Abfalleimer und Papierkörbe gab. Deren Materialität von goldenen Sonnenstreifen durchwirkt wurde wie cremiges Vanilleeis von Caramellsouflee. Vater wusste solche Tage zu schätzen, denn er durfte im Auto sitzen bleiben. Und Musik hören, so lange Mutter draußen war. Vorher hatte sie kleine Tüten gebastelt. Bei Rossmann oder DM ganze Lagen von Tüten abgerissen und eingesteckt, zu Hause den Müll rein geschaufelt und fest zugeknotet, damit auch ja nichts mehr raus konnte. Trotzdem durfte es an dem Tag nicht unbedingt grau sein oder regnen. Die Mitbüger und -bürgerinnen sollten doch keinen Verdacht schöpfen, was geschehen konnte, wenn sie eine ältere Dame an Müllkübeln bei Regen sahen. Bei Sonne war das normal. Es gab ja auch die Flaschensammler, gegen die keiner was hatte. Mit wem Mutter jedoch nicht gerechnet hatte, war mein Onkel. Der liebte schon immer die Natur, Licht und auch kremiges Eis. So waren Tage mit sonnigen Abschnitten Tage, an denen er gerne draußen filmte.

Später, sehr viel später, arbeitete ich das Material auf: Mutter am Müllkübel bei Real, schimpfend in graugrüner Hose, Mutter hinter dem Blumenladen, als sie dabei erwischt wurde, wie sie kleine Müllpäckchen in die blaue Altpapiertonne gab, Mutter vor der Norddeutschen Landesbank mit ihrem Datencontainer. Und auf jedem dieser Filme schien die Sonne in köstlich kremigen Streifen. Mutter, aus dem Dunkel einer Überdachung hervorkommend, im Stechschritt, die Kamera fokussiert eine Biotonne im Vordergrund. Die Camera erhellt den Weg vor Mutter. Mutter kommt an der Biotonne an, die sie, gleich der Kamera, nur von der anderen Seite, die ganze Zeit im Blick gehabt haben muss. Sie klappt die Tonne auf und lässt einen dickeren Sack hineingleiten. Pfui Teufel!

 

Zimmer ohne Sonne

Ein eigenartiges Licht fiel in den Raum. Als hätte jemand einen Drahtkäfig auf uns niedergelassen. Auf bunte Tiere. Puten, Tiger, Papageien, Salamander. Ein dünner Streifen Himmel über dem Haus vor dem Fenster, sonst nichts. Wir hatten das Zimmer am Morgen, am Mittag, am Nachmittag, am Abend besichtigt. Immer das gleiche, eigenartige Licht. Monochromes Tageslicht, mono no aware, ständige Wärme. Eduard drängte. Worauf wartest du? Die Stimmung in meinem Herzen hatte das Niveau des Meeresplateaus erreicht. Gern hätte ich leuchtende Fische angeknipst. Draußen spielten Kinder im Sonnenschein, machten Lärm, der durch die dichten Fenster den Eindruck des Abgeschiedenseins eindringlicher an mich heran ließ. Ich habe geträumt. Ich habe geträumt, das Kätzchen sei ins Schaumbad entglitten, ich zog gerade den Mantel an, um den untersetzten Mann, den du anhimmeltest, zu treffen, ich hatte mich so in die Ärmel des Mantels verkeilt, dass das Kätzchen fast ertrunken wäre, bevor ich es ergreifen konnte. Es war voller Schaum und vollkommen glatt. „Die Kommode kann dort hin.“ Die Ecke, in die Eduard zeigte, war in einem tiefen blaugrau gestrichen.

NSK STAAT

Ich bin jetzt Staaatsbürgerin. Staatsbürgerin des NSK STAATS. War ganz einfach. Nur den Antrag ausfüllen, Umschlag zu, Briefmarke draufkleben, 24 Euro überweisen. Das kann jeder. I, Eleadora Stein, being of sound mind and body, hereby declare that the information provided above is true and correct. Heute habe ich meinen Pass bekommen. Den echten. Dunkelgrün. Mit Wappen. Mein Foto ist drin. Damit komme ich überall hin. Über jede Grenze. Habe es schon probiert. In Schöna, da bin ich mit der Fähre rüber nach Hrensko, Oblaten kaufen. Da wurde ich auf dem Rückweg kontrolliert, weil ich so einen großen Rucksack hatte. Habe meinen NSK Potni List gezeigt. Das war alles in Ordnung. Der erste universale Staat für alle. Braucht kein Staatsgebiet. Nur ein paar Symbole und Rituale. Wahlen und so. Mehr braucht ja ein Staat nicht. Ein immaterieller Zustand. The NSK State denies in its fundamental acts the categories of (limited) territory, the principle of national borders, and advocates the law of transnationality. Das ist ja genauso wie damals, Paulus gegen Peter. Paulus hat ja gewonnen. Jeder kann Christ sein. Nicht bloß Juden. Und jeder kann Staatsbürger werden im NSK STAAT. Wirklich jeder. Macht doch mit. Ist ein Schritt hin zur geistigen Öffnung. The passport is a document of a subversive nature and unique value. So Symbole haben es mir ja angetan. Da bin ich total Fan von. Da will ich ja auch wissen, was der geheime Inhalt von scheinbar einfachen Symbolen ist. Die gibt es ja, diese Wirkungen, diese Verbindungen zwischen den geometrischen Formen und ihrer Wirkung auf mich. Der Malewitsch, der konnte ja dann nicht mehr. Der hatte ja das Schwarze Quadrat gemalt. Und danach gibt es ja nichts mehr. ART IS FANATICISM THAT DEMANDS DIPLOMACY.

O.T. (fast f.A.)

Was für ein Tag! Die guten Menschen nehmen ihre Maske ab, und sichtbar werden Terror, Angst und Allmachtsphanthasie.
Was für ein Tag! Die schlechten Menschen sind wie stets aufs Ihre nur bedacht, was jedermann sofort erkennt als: Blasphemie.
Nun kommt die Nacht. Schlaf still, und träume süß

Rasenmähen: Zu welchen Zeiten ist es erlaubt?

Wir merkten schon lange, dass der Samstag als Werktag gilt. Mein Vater hat da nämlich immer Rasen gemäht. Schön ordentlich und mit System. Bis die Vögel und die Engel ihm ihre Weise sangen. Rund um die Bäume herum. Da fragen Sie noch, ob wir ihm dies erlaubten? Jeder Rasenmäher ist seither Musik in unseren Ohren. Schon das Wort „Rasen mähen“ löst Gefühlsstürme in uns aus. Glückliche! Wie die Glöcklein Rauschen. Vater und der grüne Rasen – zwei, die ohne einander nicht zurecht kämen. Wenn Vater im Winter nicht mähen konnte, wurde er traurig und brannte die Zeitung an. Die Tablette ließ er drin. In normalen Wohngebieten darf man seinen Rasen lediglich Werktags mähen, also von Montag bis Samstag. Sonntags und an Feiertagen darf der Rasenmäher gar nicht verwendet werden. Ausnahmen sind hier lediglich sehr leise Spindelmäher, Elektrorasenmäher und Mähroboter, sofern dadurch keine anderen Personen gestört werden. Nein! Wir wurden nicht gestört, wir wurden glücklich gemacht.

Stand Mai 2015 sind die Zeiten zum Rasenmähen folgendermaßen geregelt: Montag bis Samstag dürfen Sie Ihren Rasen von 7 bis 20 Uhr mähen. Bei besonders lautstarken Geräten gelten allerdings einige Einschränkungen bzw. Ruhezeiten, die eingehalten werden müssen. Folgende Geräteklassen sind davon betroffen:

  • Rasentrimmer und Rasenkantenschneider
  • Vertikutierer
  • Freischneider
  • elektrische Heckenscheren
  • Laubsauger und Laubbläser
  • Motorkettensägen
  • Motorhacken mit Verbrennungsmotor
  • Motorhäcksler

Eine Bombe in Frankfurt

Was für ein Tag für das schreibende Gedächtnis! Blankos check, Univers_alpin, al PIN-Ideal? Die Pflicht zur Imagination, zur mühevollen Exploration von Konstellationen und Beziehungen, Personen und Scheinidentitäten hat sich in nichts aufgelöst; in Nichts. Der Roman im Roman, der die Wirklichkeit hinter der beschreibungsdurchsetzten Erzählung sein sollte, schreibt sich wie von selbst. Schreibt sich von Selbst zu Selbst, wie von allein. Schreibt sich allein, ohne Rücksicht und falsche Vorsichten. Und Vorsicht ist geboten!! Bist Du eine Schreibende oder wirst du geschrieben, lebst du schon oder träumst Du noch?? Ich/ich bin zwar identisch mit mir, aber ICH IST EIN ANDERER. Eine andere war dieses ich ohnehin immer schon. Immer schön. Immergut, was war das doch gleich … Das Immerwahr der Kunst, ihr Schwarzer Peter, nähert sich der Linie seiner Demarkation. So kehrt die Geschichte zurück ins eingefahrene Gleis, alle toten vereinend in diesem einzigartigen, dem zufällig Widerständigen, einem in sich geformten – Prellbock. Die Sünde ist auferstanden … Alle Toten vereinigend. Die Exzellenzinitiative hat sich ihre eigene Stabsstelle geschaffen. Was soll’s, so funktioniert Organisation, wenn sie funktioniert. Die Funktion ist eine Literatur außer sich. So wird er, der ewige Bock, Sünder uuserer selbst, … zur Sache für sich. Was soll’s, wie darf’s, will’s denn??? Such‘ Dir doch einfach Deinen Plot aus. Im vergangenen Herbst hatte diese Stadt ihr literarisches Happening, ein Roman war angekündigt worden, „Eine Stadt schreibt…“ – – und nun wird ein erstes Ergebnis sichtbar. Bedien‘ Dich, das alles ist nun Dein!!! Meine eigene Geschichte wurde in die Lage versetzt, sich hier auszuklinken. Ein letzter Koordinatenvergleich, bevor Peter als Fusion des nihil negativum mit dem nihil privativum seine – – – vorerst; nichtige Apotheose erlebt: Vor zweiundfünfzig Jahren heirateten die Erzeuger, vor zehn; einem Jahrmond folgten zwei ihnen nach. In der Tat ein Kuss, nicht nachts um halb drei und nicht an der Wolokolamsker Chaussee.

Sumpfkrüge

Blutrot,

rutschige Härchen.

Mückenlarven
im Inneren.

Blassgelb,
eifersüchtig.

Zusammengerolltes Blatt
mit Naht,

Adern,
Kobralilie

äußerlich schlicht.

Scheibenquallen

Rauchsäule,
dünn.

Ein Himmel,
ohne Sterne.

Füße,
nackte
Abwesenheit.

Eine Gasse,
aus Liebe &
Schmerz.

(Karl Kraus saß im Café Landtmann. Die Geräusche von der Straße klangen liebevoll, vertraulich.)

Fürst Jesus, der Idiot. Plädoyer

Wir alle leben in einer Maschine. Betreiben eine Maschine. Schreiben, klicken. Wir alle sind eine Schreibmaschine. So seit 10 Jahren real. Ob das Literatur sei? Na ja, in der Literatur ist alles erlaubt. Wenn es gut ist. Vom Mord bis zum Ehebruch, Beleidigung, Selbsterhöhung und Fall, selbst Himmelfahrt und Gang durch die Hölle. Auch umgekehrt: Gang durch die Hölle, Punkt. Nichts was darauf folgen könnte. Wie ist die literarische Himmelfahrt möglich? Ja will denn das überhaupt jemand? Ja will das überhaupt jemand lesen?
Als ich zum erstenmal Dostojewski las, war mir nach 5 Seiten so schlecht, dass ich hätte kotzen können.
Gogol. Tynjanow. Wie der Mantel gemacht ist. Scheint hier alles unter Privatbespaßung zu laufen: (Antigone) Hilfe, die Spinner sind da.
Erst in der Romantik sind sie alle wieder beisammen, die guten Seelen. Warum eigentlich? Kein Ort, nirgends. In meinem privaten Leseritual war das die Grenze, es kam zum Eklat. Unvorstellbar. Die Kraft des inneren Monologs in der Wirklichkeit. Literatur, das Unvorstellbare?
Nehmen wir es pragmatisch: Da benimmt sich jemand ungehörig. Eine Verehrerin. Ein Stalker. Und alles aus Liebe.
Zur Wahrheit? Zum Text? Oder dann doch zu sich selbst? Sagen wir mal so. Literarisches Blumengießen als eine äußerst delikate, zutiefst romantische Inszenierung. Nichts dagegen zu sagen.
Der Kampf der Stimmen im polyphonen Roman ist eine Wirklichkeit. Weniger möchte man wohl heute auch gar nicht mehr.
Aber spätestens hier stellt sich ein Problem ein. Nennen wir es, böse Buben wie wir es hier nun einmal alle sind – schwere Mädchen und leichte Jungs – – von Butler rückwärts durch Foucault hindurch – – – Prototypen des Philosophiemuffelns, alles falsch! Ende der Genieästhetik, nennen wir es einfach Gegel.

Plötzlich

bist du tot, aber stellst
fest: bombensicheres

Ding, alles geht
weiter: Wie? Warum?

Stoff für neun Opern, oder
Sieben Leben hat die Katze

Zur Selbstbespaßung ist das doch hier nicht gedacht, oder?

Der Strom der Zeit scheint immer in dieselbe Richtung zu fließen. Vielleicht steht die Zeit. Kann sich die Zeit beschleunigen oder verlangsamen. Wo liegt ihr Ursprung. Preisfrage der Physik. Uhren und Kalender. Zeit ist ein sich ständig wiederholender Prozess. Quarzkristall. Tickt eine absolute Uhrzeit. Atome haben eine natürliche Frequenz. Alles was schwingt, kann als Uhr verwendet werden. Zwei Fledermäuse wohnen bei mir in der Scheune. Öffne eine Tabuzone, erzähle eine Sache von Anfang an, geh zurück in die Vergangenheit. Das geht. Un- oder Überpersönlich. Durch den Schlauch der Zeit oder drum herum, geht nicht. Unsere Vorstellung von Vergangenheit Gegenwart Zukunft ist möglicherweise nur eine Illusion… Rätsel, Individuelles und Anonymes, Fremdes trifft aufeinander. Seltsam, etwas verrenkt, stimmungsvoll, befremdlich. Den Sounds, den Emotionen… des Alltags, der Fluss, das Einzig-Artige im Banalen…

Fuga atque reversio (Flucht und Wiederkehr XV)

Dessen bedacht, was nur zu ahnen, nicht jedoch zu wissen uns die Jugend gewährt,
jagte ich, unerschrocken, ja geblendet wie viele, dem Ruhme nach.

Nicht Lukrez, nicht Catull webten, leise Verse flüsternd, ein Sprache hegendes Netz;
die Zeit, daselbst sie regend Anteil nimmt an irdischen Belangen,
sie träumte mir vor – ich verfing mich darin.

Einst gedachte ich Deiner als Spiegel meiner selbst,
in Sehnsucht nach einem besseren Sich.
Im Anrufen der lieben Göttin lag Angst vor der Leere,
aus einem finsteren Loch krochen – der Verzweiflung zum Trotz –
Ideen, formten mit Hoffnung getünchte Sätze;
obgleich Schatten nur, nützliche Schatten – Leere brennt.

Nun, da die Mysterien der großen Mutter nahen,
nun, da die von der Wildheit des Fleisches umschlichene Feinheit des Geistes
ein in lockende Furcht getränktes Lachen gebiert,
schwebt
an späten, hellen Tagen – frischer, noch warmer Asche gleich –
Ehre um Worte wie kleine Wolken Blüten küssen zur Nacht.

Epilog

Die Edlen, deren Glück, gemessen an dem der Gemeinen, nie schal zu werden droht, fahren ewig hin in Seeligkeit.  Je wären Götter nur, keine Menschen, edel alle Gegensätze, alles woran Glück zu messen und wie es zu fassen sei zur Gänze her erleuchtet zu schauen.
Der Menschen Pfand, das Staunen, wiegt leicht und tanzt doch, wie Füchse um Hasen tollen, zur Freude der Himmlischen im windigen Sog der Tragödie als Feder der fragenden Waage.

Rituale (2)

Erst dachte sie, er sei ein älterer Mann. Irgendwie schienen seine Haare bereits zu grauen. Wie der Morgen vor einer Matheprüfung. Zuviel ist in Männerhand. Rosanna bedankte sich für das Mittagessen, das Philippa von ihrem letzten Geld bezahlt hatte und verabschiedete sich steif. Die Rolle, die sie wieder einmal für ihre Freundin übernommen hatte, bekam ihrem Magen ganz und gar nicht. Sie würde sich hinlegen müssen. Sofort, nachdem sie die Haustür aufgeschlossen hatte, sonst hätte alles ein übles Nachspiel. Sie würde noch weiße Gladiolen aus dem Blumenladen gegenüber mitnehmen, eine schmalzige Platte aus der Zeit ihrer Eltern auflegen, mit Xylophon, verhaltenen Geigen und so, und dann hoffen, dass ihr Magen sie in Ruhe ließ. „Na, haben meine Worte dich platt gemacht?“ stieg Philippas Stimme neben einer Blase im Wasserglas auf. Rosanna sah nur noch, wie sich Philippa mit Daniel Schneider am Arm sich wieder zu ihr an den Tisch setzte. Die Wolken am Himmel schienen so grau wie der Teint und die Haare dieses Mannes, der sich jetzt über sie beugte. „Ist Ihnen nicht gut?“

Bitte rufen Sie hier nicht mehr an

Er musste lange auf den Doc Check warten. Obwohl er bestellt war. Nun ist es beinahe schon dunkel. Der Arzt hat ihm gesagt: Er hat Alterszucker. Bitte rufen Sie hier nicht mehr an. Der Garten liegt in den ununterscheidbaren Farben des Abends vor ihm, die alten Garagen außer Sichtweite. Jetzt kommt Wind auf! Gewitter. Sturm. Die viel zu kleinen, ungenießbaren Äpfel schlägt der Sturm vom Baum ab. Reiß‘ die Welt entzwei, ein Blatt Papier! Ein Blatt Papier, die Krankenakte. Er tritt mit spitzem Schuh einen von den roten Äpfeln klein.

Dinçer

er trägt ein murmelndes und trauriges meer in sich
aus dem er gesänge schöpft
das land zu bewässern
mit sprache

Ilhan

einer konnte auf holz gehen
ein anderer auf stein
wieder ein anderer zeichnete linien ins blau des himmels
und vergaß zu trinken

denkspurrillen

die nadel im kopf

zerkratzt die rinde

zuwenig synapsen

den fluss zu decodieren

 

das bewusstsein
in artefakte
zerklötzert

Lied

Im Betrieb der Welt
eilen die Jahre vorbei
lasten auf uns.
Der Vollmond
kehrt wieder
nach einem Monat.
Eine Frühlingsblume verdorrt
zwischen Morgen und Abend.

Egal wie schön du bist,
du kannst die Falten nicht vermeiden
und auch deine Haare werden weiß
wenn das Alter dich klapprig macht:
schnell rufen sie deine letzte Nacht
und du schließt die Augen.

Der Tod ist überall:
Im Privatjet über Nizza
in den Favelas von Rio.
Unter zwei Meter Staub
werden wir liegen
ihr und ich.

Warum suchen wir im Sommer den Schatten?
Warum verstecken wir uns im Herbst vor dem Wind?
Bald wirst du dich trennen müssen.
Von den Freunden. Von der Familie.

Vielleichst hast du ein tolles Haus
mit Dingen darin, die du liebst.
Irgendjemand wird darin wohnen.
Keiner der Bäume in deinem Garten
wird dich überleben.
Alles, was du mühsam angehäuft
Tag für Tag
wird mit einem Mal
verschleudert werden.

Die Glocke

—— da rumpelt der ganze Glockenstuhl, da quietscht die Kette über die Zahnräder, da surrt der elektrische Motor, alles ganz regelmäßig, nur die Glockentöne fehlen, irgendwer war in der Nacht auf den Turm gestiegen, hatte etwas Weiches um den Klöppel gebunden, irgendetwas, und das schlägt jetzt gegen die Glocke, und nicht mehr berührt der Klöppel die Glocke, und so dröhnen nicht mehr die Glockentöne, aber das, was wir jetzt hören, sind ja auch die Glockentöne, sind genauso Glockentöne, diese Töne der ganzen Mechanik, die waren schon immer da gewesen, waren von Anfang an da gewesen, nur waren sie immer verdeckt vom Geklöppel, dieses Geklöppel, das jeden Morgen und jeden Mittag und jeden Abend losschepperte und den Tag teilte, jetzt ist es diese Mechanik, die den Tag teilt, und vor allem sind jetzt diese Töne weg, die wir ja immer hören, wenn die Glocke wirklich läutet, diese Töne, die nicht vom Klöppel kommen und nicht von der Glocke und nicht von der Mechanik, die aber trotzdem da sind, als ob da immer ein zusätzliches Geläut mitläuten würde, aber jetzt hören wir nur noch diese furchtbare Mechanik, hören wir genau die Töne, wo man ganz genau hört, was da klingt, was da die Ursache jedes einzelnen Geräuschs ist, und ich habe wirklich genug davon, werde also heute Nacht auf den Turm steigen und werde ihn entfernen, diesen entsetzlichen Lappen oder dieses Kissen oder diesen Lappen und dieses Kissen oder wasauchimmer da irgendwer da oben festgebunden hat, das werde ich alles herunter reißen ——

weimar

weimar drängten kalkstein und mergel in die stadt öffneten sich klüfte und schlossen sich wieder um sich erneut zu öffnen und zu schließen wie der atem der rohre unter den straßen der puls der kabel und leitungen darüber bist du auf dem weg in ein neues leben und ein stück weiter siehst du erdfälle dolinen tagbrüche unter deinen füßen ein wellengebirge zur tiefe am abend war der asphalt weich flüssig wie boden wie moor schwammen die autos zähltest du die bäume zwischen den häusern im park in schwimmbewegungen die vögel die krähen und zeisige die falter und schwärmer bauten fische nester zwischen korallenbäumen dolomitischen mergeln und tonsteinen bliebst du stehen und drehtest dich noch einmal um zu den schatten die dir von straßenlaterne zu straßenlaterne folgten den stimmen die dich riefen von der anderen straßenseite metallisch klang die nacht unter dem hundsstern tropften die perseiden auf dein kleid

du stehst barfuß auf dem kopfsteinpflaster lagen deine nicht ausgesprochenen wünsche

an der kirchturmuhr war ein zeiger gebrochen eine falsche zeit hing über der stadt

im geträumten leben war ich wach

wortschaften wohnen mit buchbaumhecken um die häuser

Kinderzimmer

Rote Daddeln –

einmal zerschellt.

Eine Spalte Hirn

hoffnungslos

zerteilt in sich,

Kühlschrank-

poesie erzwingt

nichtnotwendig „Die Falte“.

Blaue Kleckse, vom Zufall der Rotation irgendwo aufgeprallt

Kinderzimmer zur Verfügung –

cum tempore.

Gedenkenfern,

Mozart unter Kerzenschein,

singt.

Aufgestaut

hinter meiner Eisschranktür

einen leiernden Reim.

Augusteische Sentenzen (Flucht und Wiederkehr XIV)

Der Sommer, obschon laut Kalender in voller Blüte, ächzte bereits leicht verwelkt daher. Was, dachte sich der Wandel, könnte all den bunten Farben nun schmeicheln, da hoch ihre Zeit noch stünde?

Die leicht altkluge Stimme eines Mädchens, vielleicht 9 oder 10 Jahre alt, ertönt von der anderen Seite des Kühlregals. Sie will ihrer Mutter helfen, aus Tiefkühlpizzen im Angebot zu wählen.

Aber da ist mehr: sie prüft unbewusst, ob sie sich erwachsen verhalten kann und schießt dabei leicht über das Ziel hinaus, zudem sie – durchaus bewusst – die Aufmerksamkeit, die die Umgebung ihr daraufhin zuteil werden lässt miteinbezieht. Die Diskrepanz wirkt humoristisch und ernst zugleich, erinnert an die eigene Jugend – jene Phase, in der scheinbar alles besser gewusst und doch so vieles, was im Inneren vorging, zugleich verheimlicht wurde.

Oh Sommer, Wächter meiner Liebe, Strand meines Lebens, Mitte meines Fliehens. Holiday time.

Wage ich, In täglicher Leidenschaft ruhend, auf Gipfeln gereifter Ideen stolzierend, zu zweifeln?
Den Frühling, den Herbst und Winter gar missend? All die Schlachten, die Ungewissheit, das brennende Warten?

Spricht die bleierne Glocke der Angst zu mir, die im windstillen Sommertagsschlaf durch rotweingefärbte Träume dröhnt? Oder ist sie lediglich eine Konstante – wie all die Zeichen und Wunder, die zu mystifizieren wir uns aus Langweile oder Furcht angewöhnt haben?

Wahrhaft, obgleich sie erst im Winter erblüht sein wird: bereits jetzt streben die Sprosse dieser dunklen Blume himmelwärts.

„Von daher ist Ästhetische Theorie tatsächlich Gebetsmühlendynamik.“ (chlebnikov)

Gebetsmühlendynamik, seltsames Wort, aus Gebet und Mühle und Dynamik, natürlich ist das deutsche Wort „Mühle“ bloß eine Übersetzung, hier wird ja gerade nichts gemahlen, keine Körner in Pulver verwandelt, hier ist es ein Mantra, eine heilige Silbe, ein heiliges Wort oder ein heiliger Vers, der außen auf einem Rad, eine Rolle oder Walze geschrieben steht, und entweder dreht man sie, indem man sie in die Hand nimmt und duch geschickte Bewegung der Hand zum Drehen bringt, oder man lässt sie sie vom Wind drehen oder vom Wasser, und hier geht es um das Erkennen, um zur Erleuchtung zu gelangen und dann zur Erlösung, ins Nirwana, ins Verwehen, also sich ins Große und Ganze aufzulösen, und irgendwie geht es ja auch darum, dieses Denken hier endlich aufzulösen, diesen Denken hier im Samsara, diesem Kreislauf aus Werden und Vergehen, endlich Schluss zu machen mit dieser Trennung zwischen Denken und Bedachten, dass also das Denken und das Bedachte endlich eins sind, dass man keine Worte mehr braucht und keine Vorstellungen, letztlich sind auch Namen nur sinnliche Materie, und jede Drehung eines Gebetsrads bringt uns Erkennen und Erlösung und Erleuchtung näher, und nicht nur den, der dreht, sondern ja auch alle anderen, auch die Kühe und die Krokodile und die Käfer und die Kornblumen und den Knöterich, und in der Dynamik geht es ja um Macht, um Macht mittels Kräften, also ist Gebetsmühlendynamik ein Begriff für eben diese Kräfte, die entfaltet werden durch das Drehen der Mantras, diese gewaltigen geistigen Kräfte hin zum Erkennen und Verlöschen und Verwehen, und Ästhetische Theorie beschäftigt sich ja mit einer Theorie der Kunst, also ob die Kunst ein Träger von Wahrheit ist, eine Wahrheitsprozedur würde Alain Badiou sagen, dass ein Kunstwerk zu Wahrheiten führt die ohne Begriffe auskommen, und diese Wahrheiten der Kunst sind nicht mehr oder weniger Wert als die Wahrheiten der anderen Wahrheitsprozeduren, wie Mathematik, Liebe, Philosophie oder Politik, alle diese Wege sind ja ganz eigene Wege zu Wahrheiten, und in der Kunst sollen ja die Wahrheiten irgendwie verrätselt sein, soll ja das Allgemeine im Besonderen aufscheinen, zeigt sich die Wahrheit eines ganzen Lebens in einem Paar Bauernschuhe, aber die Liebe ist ja nicht weniger verrätselt als die Kunst und die Politik und die Philosophie, und selbst die mathematischen Räume sind ja voller Rätsel, eigentlich ist ja die ganze Mathematik ein einziges Rätsel, bis heute weiß man ja nicht, was Zahlen eigentlich sind, da gib es nur irgendwelche Hilfskonstruktionen dass das Zeichen für die Nullmenge ja ein Zeichen ist und schon haben wir die eins herbeigezaubert, so einfach ist das, dann also, wenn die Ästhetische Theorie tatsächlich Gebetsmühlendynamik ist, dann ist also die Ästhetische Theorie etwas, was die Kraft eines Gebetsrades entfaltet, die Theorie wird hier zu dem, was zum Erkennen und Erleuchten und Verwehen führt, und das ist ja auch richtig so, zeigen sich doch in der Theorie selbst Wahrheiten, sie entfalten sich dort, genauso wie in jeder Theorie, wie in jedem Kunstwerk, wie in jeder Politik und in jeder Rechnung und in jeder Liebe, so ist also nicht nur die Ästhetische Theorie Gebetsmühlendynamik, oder besser Gebetsradsdynamik, sondern eben jede der Wahrheitsprozeduren, die Ästhetische Theorie ist Gebetsradsdynamik und die Mathematik ist Gebetsradsdynamik und die Poltik ist Gebetsradsdynamik und die Philosophie ist Gebetsradsdynamik und die Liebe ist Gebetsradsdynamik, jede Form der Wahrheitsprozedur ist Gebetsradsdynamik, und jetzt dreht sich diese Zeile, und hier sieht man auch, dass es ja keine Trennung zwischen Gefühl und Denken gibt, dass dies ja eins ist, und jetzt, am Ende dieses Textes, wenn wir diesen Text wie eine Leiter benutzt haben, ihn an ein Staubkorn Erkenntnis gelehnt haben und hinauf gestiegen sind, ein winziges Stückchen der Erleuchtung näher sind, jetzt müssen wir die Leiter wegwerfen, denn all diese Sätze sind ja unsinnig.

Auf der Halde (5)

Kein Fazit, keine Theorie der Ritualbeobachtung, höchstens ein kleines Gluonengewitter zum Ausklang der Sommermeisterschaft. Im Winter hatten diese Häuser noch Stiefel an, jeder Schaft ein abgehackter Mensch, damit die einhellig erzählte Geschichte auch auf ihr Brennholz kommt, wenigstens das Feuer nicht ausgehen lässt, Licht in der Dunkelheit, trübes Scheinen. Worauf es ankam war die Wärme auf der Haut. Nun jedoch geht es ums Manövrieren. Wie kommen all diese Kleidungsstücke an ihre Besitzer? Schuhe an Ästen, wohin wächst es? Nach oben hin ist immer genug Licht, sobald die Alleinstellungsmerkmale durch die Datenbanken offiziell beglaubigt sind, ewiger Schmott. Nach unten hin bleibt genug Dunkelheit für jeden, den kleinen wie den großen Tod. Wiedergeburt garantiert: durch den Willensakt, dessen Wollen eine Art Ereignislogik, Sterben auf Raten, also Leben unter umgekehrtem Vorzeichen generiert. Und natürlich, Auftauchen war schon immer Abtauchen ins Unbekannnte. Den Kleidungsstücken ist egal, in welche Richtung sie sich bewegen. Sie kennen nur den Unterschied von innen und außen:
Materie sucht Ich,
Sinnliche Materie
Sucht neue
Form der Anschauung.
Nach vorn und hinten, rechts und links hin geht es ums Gesicht. Wer wahrt wen, wessen Schein hat das Sagen in den Datenbanken … einzig die Drehung vermag das Vorwärts- oder Rückwärts-, das ewige Ausgestoßensein zu durchkreuzen. So wäre das Kreuz eine Idee, unverhoffte Begegnung zweier Linien auf ihrem Weg wer-weiß-wohin. Von daher ist Ästhetische Theorie tatsächlich Gebetsmühlendynamik, wenn nicht artistische Abweichung vom Geraden so doch wenigstens selbstlose Vermeidung des Krummen, Undefinierbaren.
P.S. War die Müritz nicht jener Ort, Wasser bis an den Rand, an welchem Klein-Heiner immer verprügelt worden ist? Oder war sie umgekehrt gerade jenes Meer, dessen Grenzen einen an den Onega-See denken lassen, eine Art Gewässer, dessen Inseln noch immer nicht alle einen Namen tragen, und wozu wäre der auch gut im Zeitalter der Koordinaten und ihrer kunstvollen Transformation? Letztlich sind auch Namen nur sinnliche Materie – und was heißt hier nur! wenn sie ein Unbegrenztes auf eine Weise zu bezeichnen die Kraft haben, die es in der Fülle seiner Begrenzungen zu einem Etwas, zu etwas Wahrnehmbarem werden lässt, oder umgekehrt das Lassen nur als Aufforderung stimmig vorstellbar bleibt, vorausgesetzt, der den Willensakt Denkende bliebe bei alledem ruhig, so ruhig etwa wie man es dem Auge des Zyklons immer noch nachsagt, und sei es auch nur eine angedichtete Ruhe inmitten rasender Bewegung, die als solche irgendwann endet, viel besser dagegen in der Art Frage, die der russische Dichter Lermontov mit jenem Segel verbindet, das immer einmal kurz im Nebel auftaucht, welcher selbst nur in Momenten die helle Bläue des Meers verdeckt – „Es blinkt ein einsam Segel…“ – das die hiesigen Längengrade wohl bisher nur im Buckower Konjunktiv zu erreichen die Kraft hatte.

Rituale (1)

Berenike hieß das Café, in dem sich Rosanna und Philippa gern trafen. Hier saßen sie, bis die letzten schönen Herbsttage vorüber waren, am liebsten draußen. Nun regnete es seit Tagen. Die Kellner hatten vergessen, das Mobiliar vom Vorplatz wegzuräumen. So konnte das Holz in aller Ruhe aufquellen. Und der Stempel der ostdeutschen Designer-Marke „Theodor“ war an den Stühlen noch gut lesbar. Mit ausdruckslosem Blick nahm man die Bestellungen auf: Martini, xtra-dry. Dazu Törtchen mit Vanillepuddingfüllung und danach vielleicht noch Hähnchenflügel und gegrilltes Gemüse, mit viel Brot. „Zum Aufsaugen der Flüssigkeiten.“ Rosanna lächelte den Kellner an und legte die Korrekturfahnen für einen neuen Magazinartikel auf den Tisch. “So, Philippa. Nun kannst du es abgeben, ohne dich zu blamieren. Mein Stil wäre mir allerdings zu schade für dieses Revolverblatt. Denk vielleicht noch daran, dass die Leute gern was übers Essen lesen.“

Rosanna erinnerte sich an den größeren Aufmacher vom Juni, den sie für Philippa geschrieben hatte. Dieses Interview mit Daniel Schneider. Die Seiten ihres Exemplars waren vergilbt, so oft hatte sie es umgebrochen und Philippa daraus vorgelesen, sich immer wieder daran hochgezogen. Daniel Schneider sah zwar aus wie der Künstler, in den sie als junges Mädchen verliebt war, aber sonst fehlte ihm jegliches Charisma. Philippa war dazu verdammt, Interviews mit mittelmäßigen Lokalgrößen zu führen. Da war Daniel Schneider schon eine etwas größere Nummer. In der letzten Zeit wurde die Maske der Überheblichkeit etwas fahler um Rosannas Augen. Sie schlief schlecht. Sie schrieb es dem sinnlosen Nachdenken über Daniel Schneider zu. Vernarrt wie ein Schulmädchen in den halbgaren Jungen, hatte sie die Gelegenheit genutzt und ihn ohne Hemmungen angeflirtet, als Philippa auf dem Klo war. Philippa nahm es ihr nicht übel. Oder sie täuschte Gleichmut vor. Denn das konnte sie. Nun griff sie hastig nach dem Martiniglas und ihrer Brille. „Sag mal, hast du noch das Interview mit Schneider? Ich kann meins nicht finden. Und das war doch der Geniestreich dieses ereignislosen Sommers. Daniel Schneider mit nacktem Oberkörper zwischen uns beiden. So eine Hühnerbrust! Und die haben das tatsächlich gedruckt.“ Rosanna zuckte zusammen. Hatte Philippa Gedanken gelesen? Rosanna beschloss, ihrer Freundin endlich die Wahrheit zu sagen. „Daniel wusste, wer den Artikel über ihn geschrieben hatte. Er sagte beim Abschied zu mir, deine Freundin hat den Sarkasmus einer sauren Gurke, aber schreiben oder gar charmant sprechen, das kann sie nicht. Sie sollte noch ein wenig üben.“

Philippa hielt es für einen von Rosannas abgeschmackten Scherzen und reagierte nicht weiter darauf. Bis Rosanna sich über ihre Tasche beugte und ein lila Flakon herauszog. „Hab ich von Daniel. Lyra pour L’homme von Gilbert Asyl.“ „Darüber macht man keine Witze, Rosy. Lass stecken. Du magst eloquent und klug sein, aber mich erreichst du damit nicht.“

Philippa hatte Daniel Schneider in der Berenike interviewt. Da es bereits Mai war, musste sich sich beeilen, den Artikel bis zur geplanten Veröffentlichung im Juni fertig zu bekommen. Schneider war von der gemächlichen Sorte und ließ sich bitten. Mit Rosanna als Philippas Begleitung hatte er nicht gerechnet und reagierte leicht erregt. Wie ein Topf mit Milch, der überkocht und kurz vor dem Anbrennen ist, ging es Rosanna durch den Kopf. Aber zugleich durchstieß ein warmes Gefühl ihren Unterleib, denn die Augen, ja sein ganzes Gesicht, ähnelte unverkennbar dem, in den sie mit fünfzehn verliebt gewesen war. Rosanna ärgerte sich. So etwas Dummes, der Kerl hat doch überhaupt keinen Charme. Wie kannst du nur so blöd sein und Äpfel mit Birnen vergleichen. Am Ende taufst du ihn noch den deutschen Bryan Ferry.

Daniel Schneider, ein Name für einen schwitzenden und verpickelten Schuljungen, vollkommen durchsichtig und unkompliziert. Rosanna hatte ein Faible für undurchsichtige und komplizierte Männer. Wahrscheinlich war das der Grund dafür, dass sie schon länger allein war. Philippa hingegen hatte sich im letzten Jahr verlobt und redete für Rosannas Geschmack zuviel über Babykleidung. „Dann höre ich beim Magazin für ein Jahr uff und du kannst mich vertreten. Das wär doch was für dich, Rosanna, du würdest dich verbessern. Immer dieses Geklecker an der Uni auf halben Stellen. Das hält doch kein Mensch lange aus, nur du.“ Der sächsische Dialekt ihrer Freundin schlug Rosanna aufs Gemüt.

Moderne

Ein Vogel, komisch
vor Stolz, zeigt
sein Gefieder.

Du holst
für mich nie
den himmel
her

Käfigstäbe,
Liebesmakel,
.
Samtfüße
streifen seine
nieder.