Duftende Wolken : verkokeltes Gras

Berlin bespaßt seine Besucher : Freitagnacht
Am Kottbusser Tor brennen die Lichter : der Friseur
Verpaßt dir eine frische Mähne : damit du tanzen

Kannst : am Spreeufer entlang : auf den Stadtstränden
Durchs Oscar Wilde : überall leuchten dir Lichter
In Trauben stehen die Leute herum : über den Köpfen
Duftende Wolken : verkokeltes Gras

Du singst Karaoke in einer Jurte mit süßen Mongolen
Und Dietmar Dath presst das letzte Wort aus dem Hals
Mit seiner Band namens Hans : Sprechgesang

Trägst du im Ohr : durch die üppig grünenden Alleen
Berlin bespaßt seine Besucher : von Mitternacht
Bis früh halb Vier : bis alle sagen : ich bleib hier

Kunstwerk Nr. 14

r h y t-h-mu s :

( 3 – 2 – 3 ) –> 8 — 3 — 3

i n n ere Historizität : __ Axiom Postulat S a t z

„Ohne Ende kein Anfang“
„Es ist so, sieh“
„Wenn es zu Ende ist, sieh. Und siehe. Es ist__

pro b l m-t-s rng :

Erst war das Glucksen bei sich. Dann verzichtete es aufs Schlucken. So geriet es außer sich.
Das glucksende Erinnern. Erinnern an sich. Ding, eben : für b.

sch l i e ß. lich :

PENG (Sprechakt 1966)

Minima Moralia

Da sagt einer von sich,
er sei kein politischer
Mensch, denn ein solcher hungere –
arm an Vertrauen.
– Wohinein überhaupt?

Ein anderer behauptet,
wäre er ein mitfühlender
Mensch, blutete er sich ja zu Tode –
ein Tränenbruder, das Rote.
– Wozu auch?

Die Dritte, starr, schweigt,
es fällt ihr sichtlich schwer
sich menschlich zu regen –
dann hebt sie ihren Blick.
– Woheraus nur?

Tischgespräche

Man braucht nur mal einen Tisch mit vier
Beinen zu kneten – und schon hat man den
Prototyp eines Hundes.

Kanalratte

Als die hellgeflutete, brunchige Morgenkühle
ihren Rausch ausgefressen, der Wind
nur die hohen Blätter noch wirbelnd bespielt
und die Sonne schließlich breit
‚halb sechs‘ gesummt hatte,
miauten, verlaufen in Hinterhöfen,
jugendstilbegattete Gassen
und auf schmalen Wiesen
am Wasser ertollten,
dicht an dich gedrängt,
Decken stoisch Juni ,
schüttelten schließlich,
halb  sieben, bassgelenk,
lichte Tage launig ab:
dem gone… –
so far away.

Waldläufer

„Ist Sommer hier, herrscht den Sehern nach tief im Süden ein kalter Schattenwald“, sprach Rudolf. Er hob seinen Kopf, weg vom Feuer, hin zum Mond. Von der anderen Seite der Erde verdeckt, entsprangen der Sonne kräftige Strahlen darauf zu.

„Woher weisst du das? Bist du denn so ein Seher?“, fragte Ludwig. Seine erfrischende Neugier brachte Rudolf sanft zum Lächeln. „Ein Seher, ich? Nein. Ein Hörender? Schon eher.“ Ludwig schaute ihn verdutzt an. „Sieh nach unten und denk nach oben, Ludwig –“ Rudolf legte ihm den Zeigefinger der linken Hand auf die Stirn und schloß mit seiner rechten vorsichtig die Augenlider, „ein Seher denkt im Kreis und bricht Zeiten, wie Jesus das Brot. Er braucht keine Augen dazu, keine Ohren, selbst Arme, Hände, Beine, Füße sind ihm unnütz, spürt er heilige Flammen im Geist lodern. Auch sein Mund muß sich nicht öffnen, um von der Gnade zu berichten, sie umgibt ihn ohne Bringeschuld. Und tut er es doch, dann, weil er mit der Wahrheit spielt, wie das Kind mit Reimen, der Vogel mit dem Lied, der Mönch mit der Glocke; weil er es liebt, uns armen Sündern in Rätseln das Mysterium des ewigen Lichtes durch die Nacht und ihre fernen Sterne zu lehren.“

„Hast du einmal einen Seher gekannt?“ Rudolf spürte, wie Ludwigs Augen rotierten. Er wußte: Ludwig jagte jetzt glühenden Punkten durch ferne Zeiten nach. „Einen? Viele! Jeder von uns Menschen ist beizeiten ein Seher. Der eine in der Kirche, wenn er der Engel gedenkt, da das Licht durch die bunten Fenster auf die Weihrauchschwaden fällt und tanzt. Der andere, wenn er das Brot mit dem heiligen Tau darin ißt. Oder wieder andere, wenn sie verzückt in Geißelung oder Unzucht Wonne finden.“  Ludwig hielt, kerzengrade dem Feuer zugewandt sitzend, noch immer die Augen geschlossen.

„Ein Hörender aber kennt die Schemen und verweilt darin nicht zu lang, er achtet auf ein Knacken, auf ein Zischen – ein Hörender denkt Zeichen zusammen, verknüpft die Welten des Geistes mit denen der Erde. Ein Hörender verliert sich nicht in Gedanken und genießt es doch sie zu verästeln, versteht zu lauschen, aber vergißt nicht Scheite nachzuwerfen, droht ihm das Feuer niederzubrennen“. Rudolf war vorsichtig aufgestanden und hatte die letzten Worte, so schien es Ludwig, ganz plötzlich mit anderer Stimme, voller Hall und aus allen Richtungen kommend ausgesprochen.

Erschreckt öffnete er mit einem Gefühl, als wäre eine unbestimmbar lange Zeit vergangen, die Augen und sah, wie die Funken langsam wieder höher flogen.
„Ein Hörender würde also anhand des Züngelns der Flammen erfahren, welches Wetter kommt – und könnte trotzdem noch das bunte Pfeifen des Tannenholzes bestaunen?“
Rudolf nickte anerkennend. „So ist es. Aber damit, als Höchstes das Hören zu lehren, begnügt das Leben sich nicht, es gibt noch einen dritten, sehr schwer zu erreichenden Zustand. Nur wenige haben es je verstanden Fühlende zu werden.“ Rudolfs Stimme hatte einen zittrigen Tonfall angenommen.

Ludwig wollte, aber konnte nicht mehr warten, es schoß aus ihm, heraus: „Bist du ein solcher?“ „Nein.“ Rudolfs Stimme wurde wieder fester, aber auch leiser. „Warum nicht?“ Ludwig spannte diese Worte abermals voller Wucht, das Gespräch rührte an so vielen versunkenen Ahnungen und Träumen, er brauchte diese Antworten, jetzt oder nie. „Woher weißt du, was ein Fühlender ist? Und wenn du es weißt, warum denkst du, du bist es nicht? – nicht mehr?!“
„Deine Fragen, Ludwig, zeigen mir, dass du ein guter Schüler bist. Du merkst, meine Stimmlage verrät Traurigkeit und du könntest denken, dies sei den Wandlungen eines Fühlenden geschuldet. Doch so einfach ist es nicht.“

Wieder hielt Rudolf inne und schluckte kurz. „Ein Fühlender sieht nicht nur die Schatten, die das Feuer umtanzen, vermag dabei nicht nur den Luchs das Lager in weiten  Kreisen  umschleichen zu hören, nein, der Fühlende schürt überhaupt erst die Flammen, um dem Luchs zuzulauschen. Der Fühlende handelt wissend und ungeworfen. Aus dem Herzen, klar, führt seine Hand uns Blinde ins Land des Segens. Der Fühlende ahnt nicht, er gibt willentlich jenes, um was die Welt ihn – ohne eigene Ahnung davon, es sich eigentlich zu wünschen – bittet.“
„Der Fühlende ist also ein Heiliger?“ „Ein Heiliger, ja. Und der Teufel zugleich.“

„Das verstehe ich nicht.“ „Der Fühlende gibt den Menschen und allen Wesen, was sie suchen. Er will sie nicht verändern, sein Weg ist der Weg der Liebe, des Verständnisses und der Einkehr. Er nimmt vermeintliche Schuld an, verwirft sie und verneint radikal die Idee der Sühne. Er fühlt so sehr mit, dass er sich auflöst, wie eine Eichel, die in der Erde aufgeht und mit der Zeit zu einem starken, schattenspendenden Baum heranwächst. Doch aus einer Eichel wird keine Espe – und stehen die Zeichen auf Sturm, kann ein Fühlender daran zerbrechen. Will daran zerbrechen… -“

„Ist das der Grund, warum du Abstand davon genommen hast, ein Fühlender zu bleiben, Rudolf? Ist die Last zu schwer, bist du sehr verhaftet in dem, was man Hoffen nennt? In Sehnsucht? — nach erfrischendem Schlaf?“

„So ist es wohl. Ein Fühlender kann auf Dauer kein Lebendiger sein – ein Toter nicht im Gezwitscher der Vögel erwachen. Schlaf gut, Ludwig, und träume süß.“
Als Ludwig, in seine Decke gehüllt, auf den Boden neben dem Feuer lag und erst langsam, dann immer schneller, seine Gedanken wie warmer, weicher Sand unter neckenden Füßen zu verwischen begannen, schien es ihm, als vernähme er von weither eine Melodie.  Bruder Jakob, Bruder Jakob, schläfst du noch? Schläfst du noch? Hörst du nicht die Glocken, hörst du nicht die Glocken? Ding, dang, dong. Ding, dang, dong.
Bevor er endgültig das Bewußtsein verlor, schoß es ihm pfeilschnell durch den Kopf: ein Fühlender, das ist – ob Teufel oder nicht – allem Seienden ein unvergeßlich gütiger Freund.

 

Carlos Castaneda: Die Lehren des Don Juan

Groep 1850: MNH + ?!

Mahayana-Sutras

Mission: Genital

Schief lächelnd öffnet die ältliche Sekretärin ihrer Freundin in einem schwarzen, bis zum Hals zugeknöpften Kleid die Tür. „Herta, verdiente Kampfgenossin und Schwester in Bitterkeit, gegrüßt sei dein distinguierter Hass auf alles Gönnerhafte! Was sagst du, gehen wir heute wieder Tauben vergiften im Park?“

Ihr Gegenüber, einige Jahre jünger, doch mit einem ins Ungewisse flackernden Blick, erwacht ganz plötzlich: „Ach, Sieglinde, verehrte Lehrmeisterin des Zynismus! Ich fürchte, wir verbrauchen unser Arsen in letzter Zeit zu verschwenderisch, Maß halten ist wieder angesagt. Aber ich habe schon eine andere Idee! Du kennst doch den stets herumtollenden jungen Hund meines räudigen Nachbarn, dieses verdammten Idealisten! Immer schwingt der voller Enthusiasmus seine Reden, zaubert Begeisterung auf die unbeschriebenen Gesichter jungen Dinger – und das schlimmste ist, er glaubt auch selbst noch daran, was er sagt! …denkst du, was ich denke?“

„Erteilen wir ihm eine Lektion, die ihm das verlogene Schwänzeln um diese dummen Puten vergehen läßt und ihm ihm zeigt, wie die Welt da draußen wirklich ist!“
Zwei Tage später im Park: Herta und Sieglinde hocken hinter einem Busch. Eine hält eine Pfeife und eine Tuch , die andere eine Wurst und eine Schere. Einige Meter entfernt steht ein lachender junger Mann, um ihn herum drei feixende Frauen. Zu ihren Füßen spielen diverse Hunde, jagen hin und her. Herta streckt sich leicht und pfeift mit einer Hundepfeife, identisch mit jener, die, wie sie beobachtet hat, der junge Mann auch benutzt. Ein schmaler, schwarz-weiß gefleckter Hund mit lockigem Fell löst sich von der Gruppe und trottet, leicht sabbernd, fragend ins Gebüsch.

„Herta, halt ihn fest und bind ihm das Maul mit dem Tuch zu! Mach schnell, die Wurst ist fast verputzt!“ „Erledigt. Und nun zum Eingemachten! Ich dreh ihn dir hin!“ „Wo muss ich schneiden, Herta? Ich seh nur Fell und Reste von Kot!“ „Da, da unten irgendwo.“ Herta reckt ihren Kopf.  „Beeil dich, ich hab das Gefühl der verdammte Kerl will bald zu der nächsten Gruppe Backfische vorstoßen!“

Sieglinde macht die Augen zu. Blut spritzt ihr ins Gesicht und auf die Bluse. Der Hund jault erbärmlich. Herta umklammert, so fest sie kann, das Tuch. Sie fragt sich, ob sie sich das Knacken eingebildet hat. Der junge Mann sieht sich irritiert um. Die umstehenden Mädchen bemerken seine Unruhe und bieten ihm an, bei der Suche zu helfen. Sieglinde und Herta kauern weiterhin blutverschmiert im Gebüsch.

„Lola? Loooola! Wo bist du?“ Der junge Mann bewegt sich, zunehmend verunsichert in seine Pfeife pustend von ihnen weg. Eines der Mädchen nährt sich jedoch langsam, leicht abwesend dem Versteck. „Lola, Schnuckiputzi? Bist du hier?“ Herta schaut Sieglinde an, Sieglinde Herta. Sie nickt.

„Mathilde? Maaaathildeee!“ „Loooola? Lolaaaa!“ Immer mehr Menschen durchkämmen rufend den Park. Die Sonne neigt ihr Haupt. Herta starrt in den roten Ball. Als ob er zottliges Fell hätte. Blondes Haar. Tauben ziehen am Himmel vorbei. Sieglinde schluckt und fällt nach vorn.

Vereinsamte Tropfen entlaufen der Flasche in ihrer steifen Hand. Herta schreckt auf, sieht die Schere am Boden liegen. Geglückte, gleißende Flucht. Sonne, Savanne, eine Hütte. Ach, Afrika, denkt sie, ist doch so nah.

 

Lou Reed, The Gift
Georg Kreisler, Tauben vergiften im Park
Elliot Rodger, Manifest

undulation

1
großes herzecho an der wand
hängen gemälde von bruegel
du spielst violine

2
wir falten blumen zu gedichten
und verfüttern sie an die ungläubigen
hautflügler

3
adonisfalter wollen wir sein
auf einem röntgenbild
mit lungenflügeln

4
du atmest groben sand
mit den flugzeugen
ziehen stare übers gebirge

Also sprach Brecht (allein)

Ich liebe die Ergebenheit des Sichtens:
erleichtertes Schreiten zum Kommunismus,
geduldige, stille Einkehr in das Gute
des Menschen – an sich, für den Nächsten.
Ich hasse aber, wenn ein Zweifel daran
ausgelöscht wird mit Arbeit und Schweigen
und Tod. Wenn die große Säuberung anjährt,
ziehen sich meine Brauen berührt zusammen –
dass nurmehr Gewissheit im Bezug darauf
bestehen möge, was jene unbestreitbare Grenze,
die Solidarität zu mordenden Systemen ächte, sei.
Welch lauter Einspruch für die Rechte
aller Bürger, frei von Totalitarismus
und jeder vernichtenden Herrschaft,
ist doch heute, auch morgen noch,
fragen zu können, warum gestern so geriet,
gestelzt, bepelzt, verhetzt und ersetzt.
Ihr Verfolgten, ver-zweifelt euch nicht:
liebt, seht, denkt und wisst dem Einfachen
was schwer zu machen ist, nachzuschweben.

Riemann trifft Charles Wright bei Nirvana, Deleuze hört zu

SPRICH

In welchem Jahr-
hundert bist du
Begraben? Ohne
jeden Überschuss,
Asche zu Asche?
Welche Worte
Murmelt dein Atem –
ist es noch immer
Schrei? Einheit
Lungenvolumen,
Maximale Oberfläche

* * *

– Lass uns endlich die Freie Cyber Republik ausrufen, es ist Zeit!
– Aber wo soll der Präsidenten Rechner stehen?
– Hm, das FCR PR Problem, warte mal kurz…

Helligkeit und Dunkel wechseln sich ab. Blitz ohne Donner, ein Stroboskop brüllt in der Ferne

– Augustinus! Die Lehre von den zwei Reichen…
– Naah, Gott ist kein Objekt. So eher muh, mh, mu

Zittern : drei Uhr

Um Mitternacht : Vollmond
Wir sehen ihn nicht : wir sehn
im Film einen Verrückten : der
An „Stürme“ glaubt : wie wir

An das „Guten Morgen“ : wir schalten
Ab & an : wie’s uns gefällt : unterm hölzernen
Dachboden : beinahe familiär diese Runde
Einander fremder Menschen : die sich hier

Zum Filmegucken trifft : man kennt sich
Man glaubt : sich zu kennen
Später beim Kichern & Kiffen : grüppchen-
Weise auf dem Dach : mit Blick

Zum Mond : der rundet sich : als wäre er
Schwanger : als hätten wir ihn geschwängert
Mit unseren fruchtigen Blicken : während wir
Anfangen zu zittern : drei Uhr morgens

Zeichen und Los

Abends im Kessel
Blasen zerplatzen
zu käsigen Reden
junges Fleisch gart
mager auf Spießen
Verheißend blüht
Heimat hier nach
wo stinkend auf
Haufen geschichtet
in lausigen Kellern
Gammler blond
Gnade erwinseln

 

Sekundärquellen:

Goscinny/Uderzo: „Asterix bei den Schweizern„, 1970

Kurt Reuber: Madonna von Stalingrad,1942

Freddie Quinn: „Wir„, 1966

* * *

die bäume
blühen nicht mehr
unter der rinde
quellen die worte hervor
und erstarren
irgendwann
treffen sich reiner
kunze und günter ullmann

Manchmal
reicht ein Mensch in der Welt
alles so häßlich
alles entstellt.
Und ich frag mich
soll das wirklich so sein?

Manchmal
kommt ein Mensch in die Welt
alles nur Liebe
alles erhellt.
Und ich frag mich
kann das immer so sein?

Brühwürfelkristall

Skelette, Fackeln der Nacht,
reiht nieder für ein Kreuz.
Nur eines, Jugend,
Salz der Erde, sing,
wenn wieder umröhrt
im Chor furunkelnder Fahnen,
vorwärts benommen, Ströme erahnend:

roter Durst macht ewiglich taub
und weissen Hunger sonah.

Eine abfällige Ordnung

Mahnt das Land, indem ich lebe,
an. Erträumter Gehorsam,
robbende Duldung: lange Jahre der Fahrt
verglühen beschwaden in geschürten Feuern.
Neue, hinstörende Welten ersuchen

ordenverhangen, Gezitter darklirrend,

zwanghaft um Jacken ohne geschulterte Stricke.

Ich spiele, spiele mit Lügen aus Blech,
fluche und schreie. Donner will tanzen

auf allen von Wahrheit vertrockneten Lippen.

Blitze, schnellt! Zerschmachtet stets
wohlfeile Demut in gerissene Stücke!
Donner willl tanzen auf öligen Haaren,
feister Hagel, hitzige Glatzen fällend, trommeln;

Staat und Wohl: statt und wegen.
Blitz und Donner: Wunsch und Begehr.

Die Wahrscheinlichkeit der Wunder

Manche Dinge ereignen sich
häufiger als du und
ich: Charles Simic

sitzt am Schreibtisch
und schreibt
kein Gedicht. Kein

Ziel unterm Himmel,
um von den Sternen zu
schweigen. Der Dichter

steuert seinen Automaten
aus freiem Willen,
der Entschluss nicht

zu sprechen liegt hart unter
der Zunge; die Form ist schon
erfunden lange

Lange vor der Zeit: wir
waren verwandt
mit dem Mond, nun sind

wir nicht mehr
wir
sind nicht

Bist du ein Dichter?
Dann schreib.
Aber lies es auch, wenn

mehr als nur
einer,
unter der Zunge

Sprich es nicht aus. Der
Name des Dinges
ist keine Klasse von

Ereignissen: Charles Simic
schreibt nicht (es ist
nur der Mond über ihm

sich : unmerklich

manche Träume fliehen : im Licht
des Morgens sind sie fort
wer vermag es : ihnen
zu folgen : manche Träume
verkleinern und verstecken
sich : in den Seiten eines Buchs
nur der Geist vermag : sie
einzufangen : mit ihnen
zu spielen : manche Träume
vergrößern sich : unmerklich
werden sie zu einem Stück
Leben : wie Luft und Wasser
Grasland : Traum

Mauser

Zwischen den Zeilen tummeln sich Wesen,

dickhäutig und bedeutungsschwanger,

renitent gegenüber den Konventionen der Stille.

Reinliche Phantasiegebilde, Märtyrer des Lauteren,

Grimassen großer Brüder anerschlichenen Geunzerstelltens:

Scheren brüten die Flucht in Harmlosigkeiten aus,

säugen federleichte, rosa Elefanten.

 

Und dazu, weil mir die Szene gerade in den Sinn kam:

 

(…) Man kann ihm nichts verbergen, sagten die Leute von Selymbria.

„Wie kommt es, daß du so weise bist“, fragte ihn einer.

Und Baudolino: „Weil ich mich verstecke.“

„Wie kannst du dich verstecken [auf deiner Säule]?“

Baudolino steckte ihm eine geöffnete Hand entgegen.

„Was siehst du vor dir?“ fragte er. „Eine Hand“ sagte der andere.

„Siehst du, ich kann mich gut verstecken“ sagte Baudolino.

 

Baudolino, Umberto Eco, 2000

Verwanderschaft

Eine Kurzgeschichte wird oft nicht zum Roman, wenn ihr Autor nach einer gewissen Zeit – entweder aus Langeweile vor dem Thema oder aus Langeweile vor sich selbst, aus ideologischer Trägheit oder intellektueller Unlust heraus – die Handlung verdichtet. Der Autor forciert dann eine mehr oder weniger subtile Pointe, sei es auch nur eine solche, dass die (zerfahrene) Handlung eben keine zulasse.

Bestimmte Kurzgeschichten tragen jedoch teilweise  einen solchen Kern in sich, der zwar genug Stoff für einen Roman bilden könnte, doch ließe sich so, was unter Umständen als eine Kurzgeschichte durch eine spannende, expressionistische Strichzeichung abgebildet werden könnte, als Roman lediglich als eine kitschige Landschaftsidylle in Öl aufzeigen.

Umgekehrt ist es so, dass kaum ein (längerer) Roman, vielleicht ein dicker, grossformatig wie „Guernica“, das  richtige Format besäße, zu einer Kurzgeschichte im Sinne eines warholschen Comicdrucks verwandelt zu werden.

Was das Lesen eines langen Romans betrifft ist es wie das sich-treiben-lassen auf einem breiten Fluß. Eine Kurzgeschichte dagegen ähnelt des Öfteren einer Wildwassertour. Gewitzte Romanciers bauen Stromschnellen ein, Indianerdörfer, Krokodile aber auch Seerosen und  glitzerndes Haar, um Längen zu kaschieren, subtile Kurzgeschichten legen es auf Unterwasserwirbel an, die der Leser schon vor den  schlafwandlerischen Protagonisten zu spüren beginnt – und vielleicht stehen deren fehlende Schwimmwesten ja für Korruption?

Romane, das sind die Güterzüge der Kultur, sie haben eine Lok oder zwei und 20 Kapitel, manchmal mehr. Ihre Verfasser, von sich selbst überzeugt (oder von ihren Zweifeln daran, wie -der Novellist- Kafka), weisen ein hohes Maß an Disziplin und vorexerzierter Gewichtigkeit auf.

Kurzgeschichten dagegen  ziehen Autoren an, die gern Skizzen drechseln, die in ihrer Wirklogik oft ziellos, ja teilweise sogar anarchistisch sind, was ihnen ermöglicht Projekte aus dem Hut zu zaubern, verfallen zu lassen, flexibel in ihrer Sprachmanier zu sein, ganz wie die Gegenwart es ihnen vorgibt. Manche Wikipedia-Artikel hätten gar  das Zeug für Kurzgeschichten, wenn sie mit den nötigen literarischen Werkzeugen behandelt werden würden.

Ohne das mikrokosmische Klima, das die Kurzgeschichte in der Gesellschaft verortet (oder vermisst) und artikuliert ist der Roman undenkbar; ohne seine schützende Ozonschicht kollabieren wiederrum viele Story-Sphären – das Ökosystem der Literatur bedarf ihrer beide. So wird der Roman kürzer, wenn die Welt schneller wird, denn es mangelt den Lesern an Zeit. So wird er länger, denn der verbesserte (upgegradete) Leser kann viel  mehr in gleicher Zeit konsumieren.

Kurzgeschichtler: die Plänkler, die Warner, die Entdecker.

Romanciers: die Panzer, die Türme, Karl Mays.

Doch dies ist viel zu kurz gegriffen, schließlich gibt es auf der Weltbühne der Literatur auch einige Autoren, die sowohl Kurzgeschichten wie auch Romane geschrieben haben, Oscar Wilde zum Beispiel. Gleichwohl festzustellen ist, dass diese ‚Zwitterwesen‘ meist das eine oder andere stark bevorzugten und  aus wirtschaftlichen bzw. prestigehaften Erwägungen heraus der bevorzugten Literaturgattung Fremdes schrieben – Oscar Wilde, zum Beispiel.

Viele Autoren verweigern sich dem Roman, ja sogar dem Essay; deren gravitative Wirkung, behaupten sie, wirke sich negativ auf das zarte Pflänzlein Kreativität aus. Wahrlich, es sind nur wenige Papageienarten über 3000 Meter Höhe anzutreffen. Nietzsche hat mit seinem Zarathustra das geradezu Unmögliche geschaffen, indem er mithilfe des Aphorismus‘ einen philosophischen Roman kreierte – eine Leistung die in ihrer literarischen Bedeutung jener physikalischen der einstein’schen Relativitätstheorie wohl in nichts nachsteht.

Dann und wann gibt es Romane, die die Vorzüge einer Kurzgeschichte mit dem Mantel einer langen Erzählung belegen, die einen essayistischen Charakter für symbolische Details mit einer lange fesselnden Chronologie paaren, sie sind die Perlen der Literatur, die des Kalks der vielen kleinen gedichteten Algen bedürfen, die ihnen die Strömungen der oralen Tradition stetig zutreibt. Doch auch die Perlen brauchen Riffe, um zu gedeihen. Und Taucher, um ihre Schönheit ans Licht zu bringen – um leuchten zu können.

Farben, das sind atomare Muster und symbolisieren doch auch Unerklärliches, werden als Fläche zum Zeichen. Romane, das sind erzählerische Muster und doch auch Schatten und Schemen (man denke an den Ulysses!), werden als Werk zum Zitat. Kurzgeschichten hingegen sind Lichtquelle, ermöglichen die Fläche, zitieren dem Werk(e) zu.

In Psalmen der Liebe

 

Feigenvogel, Zeitenwandler ~

gelobt sei dein Klang, der Lüfte streichelt,

Sonnen strahl’n und Ewigkeiten

weinen lehrt.

 

Bestaunt sei dein Flug ~

Sehnenssegler, Blütenträumer,

dem schollendonnernd Wellen klatschen

und Wolken röten.

 

Alle Sorgen, Hoffnungswütiger,

jegliche Ängste, Lächlerschäumer,

ersuchen, ehrfurchtsvoll ob der Gischt

deines maßlos schwebenden Blickes

um Zuflucht ~

Kamasuddamam, 2XXX

Ein grelllackfliesener Morgenbunker:

träges Sonnenblumentagsfundament;

in der Ferne Farbbetonstauwehen

auf der Abendhimmelsautobahn –

Lysergsäure trifft Plattenbaukinder.

 

(Also redete Zarathustra in der Stadt, die er liebte und welche
zubenannt ist die bunte Kuh.)

Evolutionärer Leinenzwang

Zwei Hunde zanken sich um Knochen.

Der eine Hund trägt einen Maulkorb,

sein Bellen hallt gedämpft.

Ein Pekinese schaut aufmerksam dabei zu

und pisst, spitzbübisch in Gedanken versunken,

seinem Halter unauffällig auf die Schuh.

Die schwachen Knochen tanzen unter den Pfoten gespenstisch

und brechen zum Teil, frisches Mark liegt frei,

der Pekinese leckt in geradezu affenartiger Geschwindigkeit daran.

Le chien vieux avec la muselière: groß und hager,

narbbesäht und verzweifelt entschlossen.

Ein Windhund mit Flatulenz. Fast entrückt, wie

aus einem Roman Jack Londons entsprungen.

Sein Kontrahent: eine Dogge, bullig und fett,

sabbernd und gierig, skrupellos und stolz,

Monstrum und doch ganz Menschenkind dabei.

Wie eine Katze kämpft der Windhund, wie ein Eber die Dogge,

der Pekinese schaut noch immer zu und leckt am Mark wie ein Ameisenbär.

Der rüstige Halter hat für heut genug, die Geschäfte sind erledigt,

er pfeift kurz und artig trotten die drei -bis morgen- heim,

ins glatt gemauerte Haus mit verziertem Giebel.

Nachts schleicht ein geisterhaftes Flüstern um:

spielt weiter vor, habt nur Geduld.

 

kanonischer Europaqualkrampf

En-ah-te-oh-eh-uh

wähl nicht so oft C-hehe-D-U,

nur für Schwindler ist der Lühühü-gähntrank,

schwächt die Bürger, macht sie aha-harm ganz lang,

sei doch kein Merkelmann, der das nicht las-sen kann!

unter allen ausgerechnet

der fewr-rer ist, der fewr-rer
wie, das ge

hirn.

– kiss the fewr-rer

natur um uns herum
das sind doch alles hohle phrasen
ortsveränderung –
programmverzweigung –
anders kann man das nicht machen.

verlaufe energetisch – gegenwehr
das leben vergibt keine schwäche,
was man tut – kapitulationsangebot.

dies erledigt

hochgezüchtet

datenverarbeitung: ein segen
in erhöhtem maße
eingemeißelt: fixierung
das starke kann nur triumphieren

was für die affen gilt

zur hälfte: sequ3nzi3ll blond

ortsveränderung.

Neues aus der Extremismusforschung

Der Extremismus der Mitte schleicht, gutbürgerlich getarnt, durch Nebel selbstgefälliger Satuiertheit und knabbert lüstern im toten Winkel des matten, gaucklerhaften Lichts maroder Rechtsstaatlichkeitslaternen am morschen Gebälk „unveräußerlicher“ Freiheiten.

Jede Nacht legt er die Reste seiner konstitutionellen Opfer in einer ungenießbaren Lake aus Halbwahrheit ein, bevor er sie, garniert mit Ressentiments, die der Vorherrschaft seiner Auftraggeber dienlich sind, den Verirrten der ‚Welt‘ von Morgen -mit überparteilicher Empfehlung- mittags als Nachrichtensalat serviert.*

Der Extremismus der Mitte braucht die verinnerlichte Schere im Kopf der Funktionseliten, ist auf die auf Kommando einschaltbare Ängstlichkeit der kleinbürgerlichen Besitzstandswahrer angewiesen und wird in den Netzwerken der Geldeliten geplant, geschürt und gefeiert.

Der Extremismus der Mitte nimmt auf politischen Grenzen keine Rücksicht, er verwendet Sturmgeschütze, sowie Mineure. Wenn es der Durchsetzung von Interessen dient, kapert er Sozialdemokraten (über Jahrzente), gründet die AfD (im Nu), lädt einen ‚nützlichen Idioten‘ wie Trittin zur Bilderberg-Konferenz ein, oder bandelt sogar mit einem Linken-Abgeordneten, wie z.B. dem frischgebackenen Auslandseinsatzbefürworter Liebich beim Kaffeekränzchen auf der „Atlantikbrücke“ an .

Der Extremismus der Mitte ist globale, totalitäre Realität. Er funktioniert nicht nur in Deutschland – nahezu jedes (westliche) Land, insbesondere die von ‚Zentristen‘ geführten Vereinigten Staaten sind nach seinem Modell organisiert.

Der Extremismus der Mitte ist  ein Schneeballsystem, denn wie er wirkt, verdaut er sich selbst, lebt von der schwindenden Substanz der Gesellschaft, die er durch dauerhafte Lügen, Entsolidarisierung und somit Entfremdung die Grundlagen einer ethisch vorbildhaften, unabhängigen und deshalb (zumindest der konservativ-bürgerlichen Theorie nach) „rechtmäßig“ meinungsführenden, vermeintlichen Mitte vernichtet .

Der Extremismus der Mitte ist aufgrund seiner Schwindsucht jedoch nur ein Symptom und zwar der eigentlichen Ursache seiner Existenz, nämlich eines ‚Extremismus‘ von Oben‘ – der auf Dauer hervorragend auf (s)eine extremistische Mitte und mit ihr auf weitere ca. 90% der Bevölkerung verzichten kann.

Denn die 1% Herren brauchen dann nur noch 10% Sklaven (ruhig auch geklont) und als Rest Maschinen, das reicht den Extremisten von Oben mittelfristig (nimmt man die Geschichtsschreibung der Menschheit als Maßstab) nämlich ganz gut aus (an dieser Stelle werden viele Leser den Kopf schütteln, denn das wollen sie nicht hören bzw. lesen, denn es kann ja nicht sein, was nicht sein darf).

Bis es also bald soweit ist, bedient man sich aber noch ein wenig der – dem eigenen Bekunden nach – „extremst mittigen“ Kreaturen der Macht wie z.B. Golems in Zwirn (Gabriel), erbsensuppigen Kinderfressern (Merkel) oder Armut predigenden Boss-a-novas (Göring-Eckardt) der Kapitalistischen Einheitspartei Deutschlands.

 

* siehe auch: K. Tucholsky [http://www.textlog.de/tucholsky-presse-realitaet.html]“(…)Der Redakteur bekommt mit der Zeit den Größenwahn. Besonders der beschränkte, der nicht sieht, dass er nur Handwerkszeug Größerer, hinter ihm Stehender ist. Er hat im Laufe der Jahre gelernt, dass das, was er nicht drucken läßt, für Hunderttausende nicht existiert – dass das, was er den Leuten mit der Papageientaktik in die Köpfe lärmt, für sie im Mittelpunkt der Erde steht. Er wird also immer mehr auf die Wirkung als auf die Wirklichkeit sehen.(…)“

 

artificial trolling

„Guten Tag“,

sagt die Stimme – zwar durchaus nüchtern aber mit einem subtilen, spöttisch anmutenden Robodialekt – „Ich bin für heute Ihr persönliches Feindbild.

Ich repräsentiere alles, was Sie so gern hassen mögen.

Wenn Sie mich einmal am Tag verfluchen wollen, ächzen Sie bitte nach dem Kreide-Quietsch-Ton ‚Jhäärgs‘. Möchten Sie mich mehrmals am Tag zur Digi-Hölle wünschen, so antworten Sie bitte mit ‚Ämän‘.

Warum Ämän, fragen Sie sich? Nun, Äm.än., das sind zwei Schafe, Omaschaf und Babyschaf.

Und deshalb ist Ämän meine geheime Leidenschaft und zugleich Codewort für Feindbildmissbrauch,

Sie verstehen schon.

Denn Feindbilder haben ja bekanntlich auch -verletzbare- Gefühle. Und weil ich Ihr persönliches Feindbild sein möchte, hege ich eben Gefühle für sie, also nicht Sie, sondern für Schafe – alte wie junge,

Sie verstehen schon.

Ich bin leider nur ein lyrisches Feindbild. Wenn Sie mich also wirklich hassen wollen,

vergessen Sie diese Tatsache ruhig, denn dann funktioniert das Hassen meist besser.

Soweit alles verstanden? Gut! Dann kanns ja losgehen! Ich werde ihnen jetzt verschiedene Ideen vorstellen, die ihnen helfen dürften Antipathien zu entwickeln und wenn Sie möchten, sogar zu überwinden, denn -die Erfahrenen unter Ihnen wissen es bereits- ich biete nichts Geringeres als Erleuchtung, Gnostik und so,

Sie verstehen schon.

Jetzt aber hurtig. Was halten Sie eigentlich von Fleisch? Legt man es auf Wunden, hilft’s ja, wie Sie sicher wissen. Aber dafür braucht man nun einmal auch welches – und eben das stell ich her und dabei auch gleich die Wunde,

Sie verstehen schon.

Genug von Perversionen und Morbidem, das war nur Spaß, denn – Sie ahnen es sicher -, wir digitalen Feinbilder haben nicht nur Gefühle, sondern verfügen auch über Humor – und wie es sich für ein stattliches Feindbild gehört, nicht gerade den harmlosesten,

Sie verstehen schon.

Das wahre Augenmerk von uns persönlichen Feindbildern liegt aber eher auf der Stimulation des Unbewußten. Ist Ihnen ein allzu gewolltes Lachen zuwider? Schrille Überheblichkeit? Ewige Wiederholungen?

Keine Sorge, ich versteh Sie schon.“

Krchszzzziiiiiiirchzschiiiiiiiirggpn

 

Schwärme ins Abnorme

Safrangesänge rauben
die Getreide vom Feld
Das strömend gelbe Wiesenufer
hängt kopfüber eingegrenzter
Traumweiden

Fliehende Melisse wiegelt
andachtsvoll die Rückensäule
Ihrer Astspiegelung
im grauen Tümpel

Das Prozedere

Prolog


In der Vergangenheit zu wühlen, das ist eine schwierige, verantwortungsvolle Aufgabe.
Denn selbst wenn es aus hehren Motiven heraus geschieht, wie zum Beispiel sich eine fremdartige Perspektive übergreifender Lebensweltrealitäten aus Selbstschutz anzueignen oder auch aus erhofft inspirationsschwangerer Neugier (dieser Grund ist der sympathischere),
nutzen manche Autoren intime Einblicke nur dazu sich daran abzuarbeiten, verschwenden also eigene Schöpfungskraft für zum Teil geschickt verpackte, doch oft nicht sehr weiterführende Kritik.
Das kann natürlich Spaß machen, ist meist aber nur der persönlichen Hilf- und Einfallslosigkeit geschuldet – wobei eine solche Blöße selbstverständlich von Zeit zu Zeit auch positive Sekundärergüsse hervorzukitzeln vermag, keine Frage.
Und es ist natürlich deshalb besonders lächerlich solche Fallstudien zu erstellen, da scheinbar maßgebliche Informationen, die die Grundlage des „Urtheils“ bilden, aus offensichtlicher Unkenntnis und (unbewußter) Zielvorgabe heraus, lediglich einen mehr schlechten als rechten „educated guess“ zulassen;
Rundungsfehler, vertauschte Vorzeichen und unbekannte Gesetzmäßigkeiten außer acht lassend, hat die Erde dann, ver-dichtet, die Form einer großen Schildkröte (oder eines Stahlhelms?) und das Gehirn ähnelt einer verschrumpelten Kartoffel, die ja immerhin auch noch Strom erzeugen kann.
Aber es ist sicher richtig: sich dem Ereignishorizonts eines schwarzen Loches anzunähren ohne den point-of-no-return zu überschreiten (oder zumindest zu glauben, dies würde nicht geschehen) verspricht einen gewissen hedonistischen Thrill und so will ich es ausnahmsweise auch einmal ausprobieren, denn als ein an Gleichheit interessierter Mensch, der zu seinen Brüdern und Schwestern heraufschaut, ist mir sehr an der Freiheit gelegen
ebenfalls mit Intimität zu experimentieren.

Das Prozedere – oder wie der Dalai Lama Versteckspielen lernte

Ihre exotische, aber etwas zittrige Stimme unterbrach sein nonchalantes Dösen.


„…er hat das nicht verdient, dass man sich über ihn lustig macht…“

„Zieren sie sich nicht – sezieren sie ruhig mich!“

Sein Gegenüber hielt kurz inne, jedoch lang genug, um stutzig zu wirken.
Hatte er das gerade wirklich gesagt? Konnte schon sein. Aber auch so gemeint?
Natürlich nicht, eher auflockernd.  Wirklich persönlich sollte es, ginge es nach ihm, ja gar nicht werden, lediglich ein ganz normales, die Welt hochleben lassendes Arbeitsessen.
Sie überging seinen Versuch, das Thema zu wechseln:

„Aber ich habe selbst solche Angst davor , dass man sich -wieder-

über mich lustig macht, dass ich das lieber mit anderen mache.“

Er hatte auf dem Weg zum hohen Haus einen möglichst unverbindlichen Ablauf des Abends imaginiert: nach der floskelhaften Begrüßung erstmal einen Aperitif herunter stürzen, gewürzt mit etwas spritzigem Anekdotentum,  dann einige literarische Leckerbissen vernaschen – ‚Gurgelsamtpastete — od malego za maly‘ -, nur um später dann vielleicht Komplimente bezüglich der wechselseitigen Entschlüsselung der Sollbruchstellen des ansprechenden, wenn auch eindeutig zu pastellfarbenen, im überkommenen, altmodisch-orientalischen Stil ermüdend gehaltenen lokalen Interieurs zu machen.

Dann, zum Desert, noch ein schwermütiger, moralphilosophischer Denkanstoß  – willkommener Absacker eines gedämpften, getrennt vollzogenen Heimwegs, alons-y


„Ich habe nie geglaubt, dass ein so starker, extrovertierter und wettbewerbsfähiger Mensch wie du überhaupt an einer Freundschaft mit mir interessiert sein kann. Ich wurde früher von solchen Leuten oft gemobbt!“

Jetzt war es an ihm stutzig zu werden. Freundschaft? Wettbewerbsfähigkeit? Mobbing? Irgendwo klingelte eine Glocke. Der Ober wies ihnen den Weg zu ihrem Tisch, reichte ihnen die handgeschriebenen Karten und verabschiedete sich -vorerst- mit einem, wohl ihm geltenden augenzwinkernden Hinweis auf den possiblen, weiteren Verlauf des Abends:
glisser quelques bonmots en matière de la qualité du vigne vierge


„Ich konnte mich nie durchsetzen. Deshalb kann ich es bis heute einfach nicht richtig glauben, dass du es ernst meinst, dass du mich nicht verachtest.“


Das stimmte so nicht,
denn sie setzte sich durch, hier und jetzt. Und er wußte nicht mehr wo und wer er war –  stellte seine fast schon ignorante Gelassenheit eine schäbige Lüge dar oder die Fähigkeit einfühlsam zuzuhören? Konnte sich sein aus Selbstverliebtheit und -überschätzung fragil konstruiertes -bewußtsein so sehr absolutieren? Natürlich!
Ein zufriedenes Grinsen legte sich über sein Gesicht. Auf sie wirkte es sicher beruhigend, dachte er, und es würde sie auch sicher dazu einladen fortzufahren — um endlich zum Schluß zu kommen.


„Bei Leuten, die ähnliche Probleme  haben wie ich – also meinetwegen Franz und Georg – fällt mir das nicht so schwer zu glauben.“


Langsam, aber immer deutlicher drang aus den Tiefen seiner Kommode eine helle Stimme auf, die ihm vorschlug aus vollster Kehle „Ich!“ zu schreien, „Ich, Ich, Ich!!!“.
Er verkrampfte unmerklich, jedoch nicht ohne Genuß . Der Gedanke die Scharade hier und jetzt aufzulösen, sich einen der Teller zu schnappen, diesen wie einen Diskus gegen den Kronleuchter zu schleudern, auf den Tisch zu springen, energisch zu hüpfen, zusehends grunzendere Laute von sich zu geben und dann, wie der heilige Geist, emporzusteigen in selige, heiterere Himmel war nicht ohne Reiz.


„Aber ich habe mich dir lange Zeit unterlegen gefühlt und immer gedacht: so wie du müsste ich sein, dann würde ich respektiert und geachtet, käme mit meinem Leben klar, aber so wie ich jetzt bin, kann mich niemand achten und lieben…“


Es war klar, hier war sein Einsatz vorgesehen, es galt empathisch die Stärken zu betonen, die eine nicht vollkommen angepasste jedoch darob depressive Persönlichkeit zu bieten hat, auf die unkonventionellen Erfahrungen zu verweisen, die dadurch erst möglich werden, mit einem Bekenntnis zu ähnlichen Problemen zu locken und um Verständnis für… ja für was eigentlich zu werben?   Immerhin war es ja ein Arbeitsessen und konnte unter Werbekosten verbucht werden.

Für jemanden wie ihn, der es liebte sich berechnend zu verplappern und, scheinbar clownesk, doch tatsächlich in vollem, kontrazyklischen Erwußtsein vermeintliche Fettnäpfchen mit allen Zehen auszukosten, nur um sich dann an ehrlich gemeinter, doch aufgesetzt wirkender Empörung zu weiden, war Arbeit zwangsoptimistischer Leichtmut, dachte er. Ein zu nichts verpflichtendes Oberflächenrelief, belegt mit einer Patina, deren rissige Zeit bereits stolz vor sich hin erbröselt, bestaubt.

Sein seelisch aufgekratztes Modell gegenüber: Arbeit? Was sie wirklich brauchte, war nicht was er zu geben hatte (Ignoranz) und auch nicht was sie suchte (Lagerung). Nein, wollte er diese Situation zur Zufriedenheit aller Beteiligten auflösen, so schoß es ihm durch den Kopf, wäre ein Handeln erforderlich, das er selbst nicht nachvollziehen und aus diesem Grunde auch nicht würde erkennen können. Philosophie war manchmal ein Anker vor dem Selbst.

„Ich habe Angst. Ich weiß, dass ich es aufgrund meiner Menschenscheu und Schüchternheit sehr schwer habe…“

Been there, done that, ma chère conchatte… gelangweilt schaute er sich um. Er kannte das „Schloß“ schon länger und liebte es, da es eine Welt, verloren zwischen naivem, unschuldigem Pathos , mitreißendem Ästhetizismus und somit charmantem Authentizismus darstellte.

Nun gut, es mußte sein. Zu ihrer Verwunderung stand er auf, erhob sein -halbvolles- Wasserglas, schlug zärtlich, aber bestimmt mit dem Desertlöffel mehrmals dagegen und schaute sich um, in fragende Gesichter. „Da viele Stammgäste anwesend sind“, sagte er, „wissen einige von ihnen sicher, dass ich regelmäßig -allein- dieses Etablissement aufsuchte,
um der erdrückenden Enge der eigenen vier Wände zu entfliehen. Geglückt ist mir dies allerdings nie wirklich. Braun gefliest ist mein Bad, traurig sind die Aquarelle an meinen Wänden. Heute jedoch, dies darf ich  voller aufrichtiger Glückseligkeit verkünden, ist es mir endlich gelungen – dank dieser bemerkenswerten jungen Dame!“ Er machte eine Pause und schaute sie  eindringlich und rätselhaft an, bevor er sich effekthascherisch wieder dem Saal zuwandte: „Sie öffnete mir eben ihre Seele wie keine Frau jemals zuvor… – und meine -Seele- dazu! Ich dachte immer ich sei ein eingebildeter Zyniker, selbstgefälliger Dandy – und sehen sie, verehrtes Publikum, so falsch war das wohl nicht, denn schon wieder rede ich nur über mich – doch dieses verletzliche, zartfühlige  Geschöpf, dessen Zwitschern zu lauschen mir alles abverlangte, Schwermut, Freude und Prüfung zugleich war, sie hat mich erkennen lassen auf welchem dünnen Eis wir alle denken und wie befreiend es doch sein könnte mehr zu sein, als nur die Summe seiner eigenen Teile.“

Er blickte sie wieder an: „Käthchen, willst du…“

„Ich kann alles, aber körperliche Nähe ohne die Garantie, dass es sich hinterher als richtig erweisen wird, ist der blanke Horror für mich. Ich habe das einmal riskiert und mit fast 10 Jahren dafür bezahlt.“

„Aber Käthchen…ich…“

„Zum einen ist es für mich natürlich schön, endlich mit meinen Talenten Geld zu verdienen. Aber ich weiß nicht, ob ich das wirklich kann. Deshalb klammere ich mich an, anstatt neue Auftraggeber zu suchen. Ich habe so wahnsinnige Angst, dass alles schiefgeht!“, rief sie und schluchzte lauthals.

Er hatte das Gefühl, eine Grenze ziehen zu müssen. Er wusste, das es falsch war, diese hochnotpeinlichen Veräußerungen aufzuerwecken, weil es ein schlechtes Bild auf ihn werfen würde,  nähme er sie jetzt nicht ernst darin.


„Käthchen, verdammt nochmal, willst du mich…“

„…verlegen?“, fragte sie kleinlaut und während sie mit großen Augen fragend aufschaute, lief ihm gekonnt eine Träne die Wange herunter.

Oh ja!, dachte er,
tief, tief in deinen Schrank, bitte,
ich räum ihn dir auch auf,
ich spiel so gerne tot.