der angler

der angler liebt die nacht : mit lichtern
sucht er im see : was sich im dunkeln
locken läßt : ruhlose geduld

darin üben sich die männer : reglos
scheints : im liegestuhl : die angel
aufgespannt wie ein gewehr : das zielt

ins nichts : die frauen schleppen
eimerchen und brötchen hinterher und dann
verschwinden sie : verstecken sich im schlaf

die kinder wecken sie : da putzt der mann
die beute : unterm wasserhahn
mit kleinem messer holt er die innereien

raus : wirft kopf und schwanz zurück
um großen fang zu locken : er kostet nur
den schlaf : der angler braucht ihn nicht

Dies ist kein Tischgespräch

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Bei Konsum kaufe ich drei von den gummiartigen Broten im Angebot und trage sie in einer durchsichtigen Plastiktüte nach Hause. Von Konsum bis ins Haus sind es ungefähr drei Minuten zu Fuß. Die Plastiktüte torkelt neben mir her und ihr Knistern beruhigt mich. Die Farbe erinnert an Pfefferminze und gut gestrichene Zimmerwände, die in halbdunklen Räumen und vor Zimmerpalmen von diskreter und sorgfältiger Farbwahl zeugen. Das Glatteis ist mit Salz bestreut, so dass ich den Weg unfallfrei überstehe. Ich schließe die Tür auf und gehe die drei Etagen hinauf. Auf jeder Etage kommt mir ein anderer Geruch entgegen, Wischwasser im Erdgeschoss neben den Briefkästen, meiner ist leer bis auf einen Prospekt von Márkt, der Wurstwaren anpreist. Ich werfe ihn ungelesen in die Papiertonne. In der ersten Etage riecht es schon nach Abendbrot, Knoblauch, und der Duft von frisch gebackenem Brot lässt mich an die Habseligkeiten in meiner Tüte denken. Ich weiß, dass sich in meinem Kühlschrank ein nur wenig angeschnittenes Stück Butter befindet. Der Wohlgeruch aus der ersten Etage steht für Besuch und gesunde Beziehungen. Die zweite Etage ist dunkel und ich ahne, dass hier vor kurzem ein glückliches Paar die Treppen hinuntergegangen sein muss, ein blumiger Damenduft mischt sich unter den herben Duft von Rasierwasser, wahrscheinlich gibt es den auch als Deodorant. In der Küche lege ich die minzgrüne Tüte ab, öffne den Kühlschrank und hole die Butter heraus. Ich schneide etwas von dem steinharten, nur wenig eingedrückten Stück ab und lege es auf eine Scheibe von dem gummiartigen Brot. Da ich Sehnsucht nach Romantik habe, knipse ich das Deckenlicht aus und schiebe den Stecker einer Lichterkette in die Dose. Steinharte Butter auf gummiartigem Brot, Schummriges aus der Lichterkette und leise Musik aus der Retorte sind meine Restromantik. Der Schnee fällt in sanften Flocken vor dem Fenster auf den Boden.

 

 

sommeryoga

in der sommerhitze gelingt askese
selten besser
sind da schon die schneetage
wenn die zehen
auch ohne versenkung
abfrieren

Das Wochenende

am wochenende rücken sie an : in dichten
kolonnen kreuzen die wagen die bahn : parken
auf schürfiger heide : bevorzugt der platz

am see : blick aufs andere ufer : sehnsuchtsvoll
düster vernebelte berge : dafür lohnt es sich
daß mama und papa werktags vorausfahren

die stelle besetzen : den wagen abstellen
die trutzburg errichten : mit wasser und strom
die versorgung sichern : wenn am wochenende

die erwachsenen töchter nachkommen : mit oder ohne
aktuellem mann : der grill glüht : bald
glühen auch die stirnen : nur das herz ist kalt

Tante Adelheid erschreckt ihren Nachbarn

Um es gleich vorweg zu sagen, die geschichte handelt nicht von Tante Adelheid und auch nicht von ihrem nachbarn. Sondern davon, wie der beton meine katze gefressen hat. Völlig unpoetisch.

Veni mecum

Aufbruch im Schatten
zu den Fjorden des Echos
Du bist doch Regenmacher
hast du erzählt
in sanften Nebelschleier
komm mit mir
zu den Wettern
Dort wo Gewitter tollen
Dort wo bunte Blitze tanzen
tobend überm Tal
komm mit mir
Barfuß über Stoppelfelder
bis zum Horizont
unsere Gedanken
seufzen am Wegesrand
lass die Steine mit uns reden
sprachlos wegweisend
Regentropfen hüpfen
Nomaden sind wir geworden
auf der Suche nach der Seele
wirf die Zweifel in den Wind
komm mit mir
begreife ewige Schöpfung
komm

ich, oder du nimmst Weidenkätzchen

aus dem Baum – ein dunkler Gang, Allee,

und unterirdisch reichen Wurzeln

sich die Hand, wie in der Luft sich Kronen

über dir – und oder mir – berühren; wir

nehmen das Angebot zur Tunnel-, oder

Nebelfahrt; ich oder du, vergessen wir, und

diffundieren in ein Blätterdach, ein

Wurzelwerk, in Stämme, die für uns

der Tunnel sind: ein langer Atem vor

dem Nicht der weichen Nebelschrift

im sommer

im sommer tun alle das gleiche : ins grüne
fährt selbst der schwarzseher : selbst

technikgläubige werfen ihre kinder
in die luft : lahme mütter toben über wiesen

platziern am strand die sonnenbrille rettend
im gesicht : niemand will erkannt werden

im strom : niemand hört auf zu genießen
niemand will der erste sein : jeder der letzte mensch

Fasanenartige am Straßenrand, die Knochen

blicken ratlos in den Tag: und Kalk

wird Straßenkreide, Eingeweide, die mit Blut

Umgebendes als Blüte auf dem Asphalt knospen lassen, wir

nehmen den Eindruck einer Feder mit, die Fächer,

Daunen-, Prachtgefieder; und die Federkiele, noch

in Haut;

im angestammten Tintenfass.

wir malen Wolken an die Pappeln,

die den Fluss umgeben – und wir schrecken

etwas auf: als wir beschließen, uns nicht umzudrehen

Rückkehr nach Xanadu

Moosgrün taumeln wir, beschwingt
durch endloses Stillen, her und hin,
kreisen, wo kein brauner Wind
je wehen und keine Sonne
rote Schatten werfen wird;
nicht fallen, noch schreiten Seelen. Dort,
ungewiss frei, erblühen Zwischenweltnebel,
drehen, als gelbe Angst, als lila Tanz Fragen,
umspielen Seidenwolken orangene Lager
und gebettet in blassrosa Düfte,
von azurenen Händen bewogen,
bleckt ein grausam strahlendes All
seine nachtschwarzen Zähne.

Tischgespräche III

zum 150. Geburtstag von Frank Wedekind

„Mein lieber Freund, es gibt Weltseele und Weltgeist. Doch Ihre Prosa erscheint mir wie eine zu groß geratene Unterhose, die schlaff über der Wäscheleine hängt.“

ein Tropfen Wein fällt aus der Wolkenlosen,

rote Träne auf der trocknen Flur – kein Haus,

kein in die Luft geschriebner Tisch, und kein

Balkon, von dem aus Regen fällt. ein Tropfen

Wein, und ohne Rebe, ohne Blume, bleibt

auf trockner Flur allein – und Tränen

laufen blutig in die Bodenlose

[6] shades of grey

summergreen city breath
rock a little red world
free vicious fire
swipe over muddy waters
bronzen little lady so
blue on turquoise sheets
of orange write
of black please
and all the windy streets
you slightly wish to blow
white in time

ich wär dabei, wir würden Fliegen töten

weil wir nie etwas zuleide täten: nicht

dem engen Antlitz, dass du bist, nicht mir,

nie mehr, als nur dein Antlitz; und

wir würden Flügel zählen, rückwärts

auf die Null, und schillernd Zahlen, und wir

könnten nicht mehr fliegen. und wir würden

Körper stapeln, die Tracheen

hätten aufgehört zu atmen. und wir würden

alles tun, allein zu sein. ich nichts,

du alles, ganz allein

In Memoriam

„Fritzchen! Komm jetzt endlich runter da!“ „Nur einen noch, Papa, bitte!“
Die entnervte Stimmlage seines Vaters duldete nun keinen Widerspruch mehr.
„Nein!!! Jetzt sofort!“, röchelte er. Der glühend heiße Julivormittag forderte unerbittlich seinen Tribut. Michel war mit seinem kleinen Sohn in einer ihnen fremden Stadt gestrandet und nichts lief so, wie er es sich vorgestern Abend noch ausgemalt hatte.
In sich fühlte er eine unheilvolle Melange aus Überforderung und Enttäuschung aufsteigen, verspürte unendlichen Durst. Das Shirt, wurde ihm schlagartig klar, war viel, viel zu eng.

Ganz anders die Stimmung bei Fritzchen: selbst hier, in der brüllenden Sonne, gab es etwas für ihn zu entdecken. „Papa, warum stehen hier so viele Steine? Papa, weshalb haben manche von denen so große Risse? Papa, warum haben die Männer ohne Haare dahinten eben so komisch gelacht, nachdem der mit der Zigarette etwas gesungen hat?“

Michel und Fritzchen waren schon um vier Uhr früh unter wiederholtem, sorgenvollem Gestöhne von Mama Claudia mit einem Korb voller Butterbrote und einer dicken Mappe voller Ermahnungen und Stadtkarten im Kofferraum aufgebrochen, denn um spätestens halb fünf, so hatte sich Michel überlegt, wollte er auf der Autobahn Berlin entgegenrollen. Er rechnete mit knapp drei Stunden Fahrt.

Die Uhr an seinem schweißnassen, schwarzhaarigen Arm zeigte nun 11:11. Als sie ungefähr um halb acht mit der Parkplatzsuche begonnen hatten, war er noch frohen Mutes gewesen: „Das schaffen wir, Fritzchen, das schaffen wir schon“. Michels Murmeln wurde jedoch verzweifelter mit jeder Runde, die er im anschwellenden Berufsverkehr drehen musste.
Dann endlich hatte er einen halben Parkplatz ergattern können – das Heck ragte zwar etwas auf eine Einfahrt, doch keiner der vielen Polizisten, die in der Nähe standen, guckte herüber. Nachdem er sich seinen Sohn unter den Arm geklemmt hatte, sprintete Michel, ohne an den Picknickkorb im Kofferraum zu denken, in einem für seine Verhältnisse ungeahnten Affentempo los.
–
Morgengrauen. Etwas rauscht. Claudia kommt ihm in den Sinn. ‚Michel, pass bitte auf dich auf.‘ Ja,ja. Frauen, was wissen die schon. Er dreht am Radio, bis er einen klaren Empfang hat, hofft auf Nachrichten, Sport. Mist, nur ein Kultursender, ein Stück aus der, wie heisst sie noch gleich? Ah ja, Dreigroschenoper. Er schaltet schnell weiter.
–
„Papa, wohin laufen wir?“ „Da wo die vielen anderen Menschen auch hin wollen, siehst du doch.“
‚Was geht? Wo bist du? Isch warte! Wie, die haben im Fernsehn gesagt, dass schon dicht is?! Kein Scheiss, Digger??! Aber echt ey, was ne verfickte Scheisse, solche Wichser! Ja, Mann! Alda, isch sach nur Huuuu-rrr-eeensöhne!!‘
Es durfte nicht sein. Michel versuchte auszublenden, was er eben im Vorbeigehen bei dem jungen, aufgebracht telefonierenden Einheimischen mitgehört und ansatzweise entschlüsselt hatte.

Weiter. Singende Leute, irgendwo. Deutschland vor, noch ein Tor. Deeeeutschlaaand, Deeeutschlaaand! Die Menge wurde dichter, Fritzchen bestand darauf, auf die Schulter genommen zu werden. Es ging nicht mehr voran. Nach einer Viertelstunde hörten sie in einiger Entfernung Frakturen einer Lautsprecheransage „…aufgrund von… tut uns leid…“
Die Menschen um sie herum zogen langsam und enttäuscht ab.

„Wann sehen wir die Weltmeister denn endlich?“, fragte Fritzchen, leicht quengelig.
Michel sah sich um, das heißt, eigentlich wollte er ganz weit weg sein, blickte durch alles um ihn herum hindurch. „Tja,…also…“
„Wo gehen die ganzen Leute jetzt hin, Papa?“ Fritzchens erneute Frage hatte ihn in ins Hier und Jetzt zurückgeholt. Vielleicht war noch nicht alles verloren. Man musste nur eins und eins zusammenzählen, dachte er. Wenn die Helden in Kürze am Himmel erscheinen würden, hätten sie den Weg vom Flughafen bis zum Brandenburger Tor ja noch in einem Bus zurückzulegen. Dort könnten Fritzchen und er vielleicht einen Blick auf sie erhaschen und die Reise wäre nicht ganz umsonst gewesen.

Doch Michel kannte sich in Berlin nicht aus und der Stadtplan war, wie ihm jetzt dämmerte, ja noch im Kofferaum des Autos. Wieder am Parkplatz angekommen – unglaublich, wie heiß es um halb zehn im Sommer schon werden konnte – fehlte vom Wagen allerdings jede Spur.
Er wollte aus dem Alptraum erwachen. Kaum zu glauben, dass vorgestern noch der schönste Tag seines Lebens gewesen war. Sein Handy hatte er gottseidank bei sich, fiel ihm ein. Er würde die Polizei anrufen, fragen, wohin sein Auto abgeschleppt worden sei und sich mit Fritzchen auf den Heimweg machen. Ich schaff das schon, dachte er. Alles wird sich fügen.

Die Funkzelle war deutlich überlastet, sein Handy bekam kein Netz. Und während er wütend auf dem Display herumtippte, kriegte er nicht mit, wie eine Maschine relativ niedrig eine Schleife am Himmel drehte. Fritzchen jedoch fragte: „Warum fliegt das Flugzeug da so tief, Papa?“
„Nicht jetzt, Fritzchen… wie, was?“ Doch als er endlich seinen runden Kopf in den bulligen Nacken gelegt und seine Augen den Geräuschen der Triebwerke zu folgen versuchten, war die Fanhansa schon wieder hinter Häuserzeilen verschwunden. Noch immer bekam er kein Netz und zu allem Überfluß war sein Akku, seit einiger Zeit chronisch kurzlebig, leer. Was tun?
Er fragte Passanten nach dem nächsten Polizeirevier. Der sechste gab vor eine gewisse Ahnung, zu haben, „Da lang, vorne links, einmal rechts und dann wieder links – glaub ich.“ Fitzchen und Michel zogen, wie beschrieben, ab.
–
„Papa!!“ Fritzchens helle Stimme weckte ihn einmal mehr aus seinen, den bisherigen Tagesablauf merkwürdig apathisch Revue passieren lassenden Gedanken.
„Ich hab gefragt, warum die Männer ohne Haare dahinten eben so komisch gelacht haben, nachdem der mit der Zigarette was gesungen hat?“
Michel schleppte sich weiter, der Sonne entgegen. Etwas hallte von hinten wider. „Hahahaha!“ und „Nochmal!“ und „So brennen Juden, die Juden brennen so“ und „So paffen Deutsche, die Deutschen paffen so!“ Er sah nach Rechts. Steine, Steine mit Rissen. Er schaute an sich herunter: eine Uniform. Weiß. Ein wenig Gelb, vom Schweiß und feinem Sand, natürlich. Es wurde viel gebaut in Berlin, wieder.

Michel nahm seinen Sohn nun an die Hand. Obwohl es ihm schwer fiel, versuchte er auf den Jungen einzugehen „Weißt du, Fritzchen, bevor wir Deutschen das erste Mal Weltmeister im Fußball geworden sind, waren wir Weltmeister im… Boxen. Wenn da ein Gegner ordentlich was auf die Mütze bekommen hatte, musste der Gewinner nur pusten und der Verlierer kippte schon um, Piff-Paff, wie im Zeichentrickfilm, du verstehst schon. Daher kommt das, was die gesungen haben.“
„Hmm. Und warum hatten die alle keine Haare?“ „Siehst du doch bei mir, Stöpsel, wenn es Sommer ist, schwitzt man ganzschön doll. Das vermeiden die eben schlauerweise.“ Er blieb stehen, um Luft zu holen. „Außerdem wollen sie bestimmt verdecken, dass sie noch weniger Haare übrig haben, als der Papa.“ Michel versuchte sich an einem Lächeln, dem einzigen heute. „Achsooo. Und warum sind hier so viele Steine zum Hüpfen?“ „Du hast doch die ganzen Baustellen gesehen, die haben die hier schon mal hingestellt, um später die Aussenmauern damit zu bauen.“ „Aber die ganzen Steine mit den Rissen sind doch zu kaputt dafür, oder?“

Michel wusste nicht mehr, was er sagen sollte. Doch Fritzchen hatte sich plötzlich schon wieder losgerissen und war vorgestürmt: „Papa, Papaaa, da geht’s runter, wollen wir da rein, Ist bestimmt schön kühl da unten. Du, ich hab Durst, Papa.“ „Papa, was steht da auf dem Schild?“ „Ho-Lo-…“ „Papa, was ist denn mit dir, warum legst du dich auf den Boden?“ „Papa?!!!“

Anstatt dass, anstatt dass,
sie zu Hause bleiben in dem warmen Bett.
brauchen sie Spaß, brauchen sie Spaß!
Fragt`s ob man ihnen eine extra Wurst gebraten hätt?

Das ist dann die Sonn‘ über Ber-lin.
Das ist der verdammte fühlst du mein Herz schlagen- Text.
Das ist das -Wenn du wohin gehst, geh ich auch wohin Jogi -.
Wenn die Liebe anhebt und die Sonne noch wächst.

Tischgespräche II

Ausschnitte aus den »Tischgesprächen«

»Meine Schäferhündin „Blondi“ ist in gewisser Hinsicht auch Vegetarier – sie frisst bestimmte Grasbüschel geradezu mit Behagen! Interessant ist, dass ihr das über Koliken hinweghilft. Wenn man das weiß, muss man sich doch wundern, wie vernünftig Tiere sind und genau wissen, was für sie am bekömmlichsten ist. Ich bin schon gespannt, ob meine neue Schäferhündin „Bella“ mit der Zeit auch eine Vorliebe für vegetarische Kost zeigt.«

»Die schlimmste Zeit im Jahr ist für mich der Parteitag in Nürnberg¸ das bedeutet für mich eine furchtbare Anstrengung. Am anstrengendsten ist das stundenlange Stehen beim Vorbeimarsch. Ein paar Mal ist mir schon schwindelig geworden. Man macht sich keinen Begriff, wie qualvoll das ist, stundenlang mit durchgedrückten Knien zu stehen. Allerdings: wenn der Parteitag vorbei ist, das ist für mich jedesmal so etwas Trauriges, wie wenn der Schmuck wieder vom Christbaum entfernt wird.«

 

Quelle: http://www.tischgespraeche.net/textauszuege.htm

Fähnlein Fried

Fürs schwarze Loch des Kollektivs
streben alle zwanzig Jahre etwa
zusammengewollene Fälle
ins Glied

Der Weltball aus Blut
für Kinder mit Herz
ist Meister in Deutschland
verblieben

Ganz blank geleckt
strahlt das Goldgesicht
zurück und tanzt
unschuldig wie ein Indianer

Uga-Aga-
Uga-Aga-
Bumm-Bumm-
Bumm

Nimm mir den Atem dann geh
wilder Rauch der Frühe
Uhhhhoooooo

In jeder Hütte kehr aus
Jaaaahaaaaaa

Ausschussware

Aus dem Nirgendwo schnuppert ein verträumter Gedanke, ein freundlicher Witz.
In weichen Schlieren kugelt Plasma verspielt durch vor Tiefe triefende Lichträume:

Richtig, also türkis zu handeln,
das heißt nämlich orangen unzutun,
was falsches, olivgrünes Wirken
gelb gebar, schwarz trägt und blau zeugt.

Das bunt vermischte Muster verliert sich im Spektrum der Ungenauigkeit, wird flacher, kantiger, einsamer. Ein gehetzter Geist, erschöpft, jedoch rasend davon, traurig aber streng – auf Anhieb nur dem Gewollten gegenüber mild – beschwört murmelnd, schwermütig – verstreut in dunklen, nur hier und da mit winzigen hellen Flecken gesprenkelten Hallen – die gnadenleere Endlosigkeit sich selbst bewußt gewordener Zeit. Versucht dennoch zu fliehen, erfolglos. An jeder Ecke stehen mehr oder weniger rechte Winkel. Halt! rufen sie und: Achtung! Stillgestanden! Haltung annehmen! Es gibt nur eine einzige zur Auswahl:

Gerade, rational abgrenzend, zuurrechnen
bedeutet nurmehr axiomatisch vorzudefinieren,
wie irrationale, ungeerdete Funktionen
potentiell interdimensional verlaufen können.

Etwas klingelt. Diesmal es ist ein Wecker, aber es hätte auch die Sitzungsglocke sein können. Ein karrieretauglich eingebetteter Politiker wächst nun wieder heran, allerdings nicht über sich heraus. Was anfangs noch anders, offen, sinnlich erschien – des Schlafes gerecht – entwickelt sich im Laufe eines halben Wochentages konsistent zu einer missbräuchlich sakrosankten Kalamität:

Die erfolgreiche Sicherheitspartnerschaft im Rahmen
jahrzehntelanger, vertrauensvoller Zusammenarbeit
aufgrund drittklassiger Spielereien als belastet darzustellen
entspringt -ungefasst, kopflos- gefährlicher Kurzsichtigkeit.

Kurz vor Ende der Sitzung fliegt dem Politiker aus der Zuschauertribüne eine Taschenbuchausgabe von Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ entgegen. Ein Saalordner entfernt die ominöse Schrift, ein anderer die unscheinbare Rentnerin. Der Politiker verabschiedet sich bei den einflußreichen Parteifreunden und macht sich auf den Weg. Zu seiner Lieblingsbrücke, natürlich. Er überlegt, ob er irgendwann einmal davon herunterspringen sollte, aus Liebe – zu sich selbst, wie er denkt – aber entscheidet sich, kaum überraschend, dafür, noch ein wenig mit der Beantwortung dieser Frage zu warten. Sicher: zwar segelten so manche erfolgreich über die Brüstung, doch sprangen sie nicht alle freiwillig. Viele hingen plötzlich auch fest und baumelten bald farblos an zuvor unsichtbaren Stricken. Des Politikers verinnerlichter Hirntaktpräsident verbittet sich alle mit diesen Komplexen zusammenhängenden Gedanken aufs Schärfste. Draußen, vor der Tür des hohen Hauses sehnt sich ein kleiner Junge nach Schlaf, nach bunten Träumen ohne Angst und ohne Lügen. Da links, schau an, eine hübsche Kleingartenkolonie. Er gähnt, voller Vorfreude, zufrieden: Feierabend.

blaue planetin

alte dame
im rhythmus
von tag und nacht
schwindelfrei und barfuß
im kreis
lauf
um die sonne
du gute
drehst dich

drehst dich
um dich selbst
du dicke alte
im flatterkleid
junges Mädchen
gestern noch
und tausend leben
tanzend

[8]

Auf einer Bühne aus Lust und Unlust pulsieren die Synapsen in ihrem Farbenspiel, permanente Verschiebung der Frequenzen zwischen dir & mir in Richtung der längeren Schatten – – _

Lang vorbei

Der Messebleistift ragt durchs Laub : im Gras
Spazieren Schwäne : sie fauchen furchtbar
Nahst du dich den Jungen : die Menschenkinder
Schaukeln jauchzend : die Flüsse überfluten

Öfter dieses Fleckchen Land : im Sommer
Wenn die Gletscher schmelzen : steigt das Wasser
Die Hoch + Tief : Betriebe stört das nicht
Sie ragen blechern übern Uferrand und laben sich

Das große Fressen : der Krieg ist lang vorbei
Klima ist lukrativer : wenn es schwankt
Der Main bei Frankfurt murmelt diese Botschaft
Jahr für Jahr : große Menschen verstehn

Die Murmelsprache nicht : sie brauchen Formeln
Um sich den Blick aufs Leben zu verstellen : lohnt es
Wer fragt das nicht : die kühl im Schatten
Sitzen : schaun ins Grüne und vergessen

Daß in hohen Türmen verlorne Söhne schwitzen

[9]

wo Zeit – – nichts ist als Brummen, Flimmern, Berührung im Schlaf – und die Besinnung eine Aufgabe für den Traumberg im Schutt: inneren Sinn / mit der Zunge das Gewölbe // erahnen ( & die Welt eine Höhle unterm Himmel, Beleuchtung von Synapsen auf einer Buhne aus Unlust

[10]

Die Welt als Kulisse für die Abenteuer der Seele auf dem Weg – – – in die Ewigkeit,
In seiner Jurte sitzend, Puschkin übersetzend

Kinderlandverschickung

Am Waldesrand zieh’n Feuerfüchse,
sie necken helles Blau mit Schwarz
und nadelnd tropfen Funken Tod.

Durch Ähren fliehen Friedensrehe,
sie strecken tiefes Gelb mit Braun
und panisch dreschen Hufe Stroh.

Im Dorfe toben Glockenstürme,
sie pumpen Tümpelgrün in Rot
und wütend grüßen Ketten Ruß.

Des Abends schweigen Hühnerställe –
Sommerstreichzeit, federweiß.

Luftstromschläge

Den ganzen kühlen
Tag schon peitscht
ein strenger Wind
durch volle Kronen

Wie dürre Trauerweiber
klagen biegsame Äste
ächzend taubengrauen
Wolken ewiges Leid

Schütteln verloren im
brüllenden Rausch weißer
Wehen tausende Kinder
den Himmeln entgegen

werktage

die zeit ist weiblich
und leichtfüßig
wie die nacht
fädelt sie jahrhunderte

und liebe ein
aus tüll
und grobem leinen

verspricht und hält
nicht mund noch hand