In Memoriam

“Fritzchen! Komm jetzt endlich runter da!” “Nur einen noch, Papa, bitte!”
Die entnervte Stimmlage seines Vaters duldete nun keinen Widerspruch mehr.
“Nein!!! Jetzt sofort!”, röchelte er. Der glühend heiße Julivormittag forderte unerbittlich seinen Tribut. Michel war mit seinem kleinen Sohn in einer ihnen fremden Stadt gestrandet und nichts lief so, wie er es sich vorgestern Abend noch ausgemalt hatte.
In sich fühlte er eine unheilvolle Melange aus Überforderung und Enttäuschung aufsteigen, verspürte unendlichen Durst. Das Shirt, wurde ihm schlagartig klar, war viel, viel zu eng.

Ganz anders die Stimmung bei Fritzchen: selbst hier, in der brüllenden Sonne, gab es etwas für ihn zu entdecken. “Papa, warum stehen hier so viele Steine? Papa, weshalb haben manche von denen so große Risse? Papa, warum haben die Männer ohne Haare dahinten eben so komisch gelacht, nachdem der mit der Zigarette etwas gesungen hat?”

Michel und Fritzchen waren schon um vier Uhr früh unter wiederholtem, sorgenvollem Gestöhne von Mama Claudia mit einem Korb voller Butterbrote und einer dicken Mappe voller Ermahnungen und Stadtkarten im Kofferraum aufgebrochen, denn um spätestens halb fünf, so hatte sich Michel überlegt, wollte er auf der Autobahn Berlin entgegenrollen. Er rechnete mit knapp drei Stunden Fahrt.

Die Uhr an seinem schweißnassen, schwarzhaarigen Arm zeigte nun 11:11. Als sie ungefähr um halb acht mit der Parkplatzsuche begonnen hatten, war er noch frohen Mutes gewesen: “Das schaffen wir, Fritzchen, das schaffen wir schon”. Michels Murmeln wurde jedoch verzweifelter mit jeder Runde, die er im anschwellenden Berufsverkehr drehen musste.
Dann endlich hatte er einen halben Parkplatz ergattern können – das Heck ragte zwar etwas auf eine Einfahrt, doch keiner der vielen Polizisten, die in der Nähe standen, guckte herüber. Nachdem er sich seinen Sohn unter den Arm geklemmt hatte, sprintete Michel, ohne an den Picknickkorb im Kofferraum zu denken, in einem für seine Verhältnisse ungeahnten Affentempo los.
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Morgengrauen. Etwas rauscht. Claudia kommt ihm in den Sinn. ‘Michel, pass bitte auf dich auf.’ Ja,ja. Frauen, was wissen die schon. Er dreht am Radio, bis er einen klaren Empfang hat, hofft auf Nachrichten, Sport. Mist, nur ein Kultursender, ein Stück aus der, wie heisst sie noch gleich? Ah ja, Dreigroschenoper. Er schaltet schnell weiter.
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“Papa, wohin laufen wir?” “Da wo die vielen anderen Menschen auch hin wollen, siehst du doch.”
‘Was geht? Wo bist du? Isch warte! Wie, die haben im Fernsehn gesagt, dass schon dicht is?! Kein Scheiss, Digger??! Aber echt ey, was ne verfickte Scheisse, solche Wichser! Ja, Mann! Alda, isch sach nur Huuuu-rrr-eeensöhne!!’
Es durfte nicht sein. Michel versuchte auszublenden, was er eben im Vorbeigehen bei dem jungen, aufgebracht telefonierenden Einheimischen mitgehört und ansatzweise entschlüsselt hatte.

Weiter. Singende Leute, irgendwo. Deutschland vor, noch ein Tor. Deeeeutschlaaand, Deeeutschlaaand! Die Menge wurde dichter, Fritzchen bestand darauf, auf die Schulter genommen zu werden. Es ging nicht mehr voran. Nach einer Viertelstunde hörten sie in einiger Entfernung Frakturen einer Lautsprecheransage “…aufgrund von… tut uns leid…”
Die Menschen um sie herum zogen langsam und enttäuscht ab.

“Wann sehen wir die Weltmeister denn endlich?”, fragte Fritzchen, leicht quengelig.
Michel sah sich um, das heißt, eigentlich wollte er ganz weit weg sein, blickte durch alles um ihn herum hindurch. “Tja,…also…”
“Wo gehen die ganzen Leute jetzt hin, Papa?” Fritzchens erneute Frage hatte ihn in ins Hier und Jetzt zurückgeholt. Vielleicht war noch nicht alles verloren. Man musste nur eins und eins zusammenzählen, dachte er. Wenn die Helden in Kürze am Himmel erscheinen würden, hätten sie den Weg vom Flughafen bis zum Brandenburger Tor ja noch in einem Bus zurückzulegen. Dort könnten Fritzchen und er vielleicht einen Blick auf sie erhaschen und die Reise wäre nicht ganz umsonst gewesen.

Doch Michel kannte sich in Berlin nicht aus und der Stadtplan war, wie ihm jetzt dämmerte, ja noch im Kofferaum des Autos. Wieder am Parkplatz angekommen – unglaublich, wie heiß es um halb zehn im Sommer schon werden konnte – fehlte vom Wagen allerdings jede Spur.
Er wollte aus dem Alptraum erwachen. Kaum zu glauben, dass vorgestern noch der schönste Tag seines Lebens gewesen war. Sein Handy hatte er gottseidank bei sich, fiel ihm ein. Er würde die Polizei anrufen, fragen, wohin sein Auto abgeschleppt worden sei und sich mit Fritzchen auf den Heimweg machen. Ich schaff das schon, dachte er. Alles wird sich fügen.

Die Funkzelle war deutlich überlastet, sein Handy bekam kein Netz. Und während er wütend auf dem Display herumtippte, kriegte er nicht mit, wie eine Maschine relativ niedrig eine Schleife am Himmel drehte. Fritzchen jedoch fragte: “Warum fliegt das Flugzeug da so tief, Papa?”
“Nicht jetzt, Fritzchen… wie, was?” Doch als er endlich seinen runden Kopf in den bulligen Nacken gelegt und seine Augen den Geräuschen der Triebwerke zu folgen versuchten, war die Fanhansa schon wieder hinter Häuserzeilen verschwunden. Noch immer bekam er kein Netz und zu allem Überfluß war sein Akku, seit einiger Zeit chronisch kurzlebig, leer. Was tun?
Er fragte Passanten nach dem nächsten Polizeirevier. Der sechste gab vor eine gewisse Ahnung, zu haben, “Da lang, vorne links, einmal rechts und dann wieder links – glaub ich.” Fitzchen und Michel zogen, wie beschrieben, ab.
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“Papa!!” Fritzchens helle Stimme weckte ihn einmal mehr aus seinen, den bisherigen Tagesablauf merkwürdig apathisch Revue passieren lassenden Gedanken.
“Ich hab gefragt, warum die Männer ohne Haare dahinten eben so komisch gelacht haben, nachdem der mit der Zigarette was gesungen hat?”
Michel schleppte sich weiter, der Sonne entgegen. Etwas hallte von hinten wider. “Hahahaha!” und “Nochmal!” und “So brennen Juden, die Juden brennen so” und “So paffen Deutsche, die Deutschen paffen so!” Er sah nach Rechts. Steine, Steine mit Rissen. Er schaute an sich herunter: eine Uniform. Weiß. Ein wenig Gelb, vom Schweiß und feinem Sand, natürlich. Es wurde viel gebaut in Berlin, wieder.

Michel nahm seinen Sohn nun an die Hand. Obwohl es ihm schwer fiel, versuchte er auf den Jungen einzugehen “Weißt du, Fritzchen, bevor wir Deutschen das erste Mal Weltmeister im Fußball geworden sind, waren wir Weltmeister im… Boxen. Wenn da ein Gegner ordentlich was auf die Mütze bekommen hatte, musste der Gewinner nur pusten und der Verlierer kippte schon um, Piff-Paff, wie im Zeichentrickfilm, du verstehst schon. Daher kommt das, was die gesungen haben.”
“Hmm. Und warum hatten die alle keine Haare?” “Siehst du doch bei mir, Stöpsel, wenn es Sommer ist, schwitzt man ganzschön doll. Das vermeiden die eben schlauerweise.” Er blieb stehen, um Luft zu holen. “Außerdem wollen sie bestimmt verdecken, dass sie noch weniger Haare übrig haben, als der Papa.” Michel versuchte sich an einem Lächeln, dem einzigen heute. “Achsooo. Und warum sind hier so viele Steine zum Hüpfen?” “Du hast doch die ganzen Baustellen gesehen, die haben die hier schon mal hingestellt, um später die Aussenmauern damit zu bauen.” “Aber die ganzen Steine mit den Rissen sind doch zu kaputt dafür, oder?”

Michel wusste nicht mehr, was er sagen sollte. Doch Fritzchen hatte sich plötzlich schon wieder losgerissen und war vorgestürmt: “Papa, Papaaa, da geht’s runter, wollen wir da rein, Ist bestimmt schön kühl da unten. Du, ich hab Durst, Papa.” “Papa, was steht da auf dem Schild?” “Ho-Lo-…” “Papa, was ist denn mit dir, warum legst du dich auf den Boden?” “Papa?!!!”

Anstatt dass, anstatt dass,
sie zu Hause bleiben in dem warmen Bett.
brauchen sie Spaß, brauchen sie Spaß!
Fragt`s ob man ihnen eine extra Wurst gebraten hätt?

Das ist dann die Sonn’ über Ber-lin.
Das ist der verdammte fühlst du mein Herz schlagen- Text.
Das ist das -Wenn du wohin gehst, geh ich auch wohin Jogi -.
Wenn die Liebe anhebt und die Sonne noch wächst.

Dieser Beitrag wurde von Faron Bebt am 16. Juli 2014 um 20:26 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

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