Ausschussware

Aus dem Nirgendwo schnuppert ein verträumter Gedanke, ein freundlicher Witz.
In weichen Schlieren kugelt Plasma verspielt durch vor Tiefe triefende Lichträume:

Richtig, also türkis zu handeln,
das heißt nämlich orangen unzutun,
was falsches, olivgrünes Wirken
gelb gebar, schwarz trägt und blau zeugt.

Das bunt vermischte Muster verliert sich im Spektrum der Ungenauigkeit, wird flacher, kantiger, einsamer. Ein gehetzter Geist, erschöpft, jedoch rasend davon, traurig aber streng – auf Anhieb nur dem Gewollten gegenüber mild – beschwört murmelnd, schwermütig – verstreut in dunklen, nur hier und da mit winzigen hellen Flecken gesprenkelten Hallen – die gnadenleere Endlosigkeit sich selbst bewußt gewordener Zeit. Versucht dennoch zu fliehen, erfolglos. An jeder Ecke stehen mehr oder weniger rechte Winkel. Halt! rufen sie und: Achtung! Stillgestanden! Haltung annehmen! Es gibt nur eine einzige zur Auswahl:

Gerade, rational abgrenzend, zuurrechnen
bedeutet nurmehr axiomatisch vorzudefinieren,
wie irrationale, ungeerdete Funktionen
potentiell interdimensional verlaufen können.

Etwas klingelt. Diesmal es ist ein Wecker, aber es hätte auch die Sitzungsglocke sein können. Ein karrieretauglich eingebetteter Politiker wächst nun wieder heran, allerdings nicht über sich heraus. Was anfangs noch anders, offen, sinnlich erschien – des Schlafes gerecht – entwickelt sich im Laufe eines halben Wochentages konsistent zu einer missbräuchlich sakrosankten Kalamität:

Die erfolgreiche Sicherheitspartnerschaft im Rahmen
jahrzehntelanger, vertrauensvoller Zusammenarbeit
aufgrund drittklassiger Spielereien als belastet darzustellen
entspringt -ungefasst, kopflos- gefährlicher Kurzsichtigkeit.

Kurz vor Ende der Sitzung fliegt dem Politiker aus der Zuschauertribüne eine Taschenbuchausgabe von Heinrich Bölls “Die verlorene Ehre der Katharina Blum” entgegen. Ein Saalordner entfernt die ominöse Schrift, ein anderer die unscheinbare Rentnerin. Der Politiker verabschiedet sich bei den einflußreichen Parteifreunden und macht sich auf den Weg. Zu seiner Lieblingsbrücke, natürlich. Er überlegt, ob er irgendwann einmal davon herunterspringen sollte, aus Liebe – zu sich selbst, wie er denkt – aber entscheidet sich, kaum überraschend, dafür, noch ein wenig mit der Beantwortung dieser Frage zu warten. Sicher: zwar segelten so manche erfolgreich über die Brüstung, doch sprangen sie nicht alle freiwillig. Viele hingen plötzlich auch fest und baumelten bald farblos an zuvor unsichtbaren Stricken. Des Politikers verinnerlichter Hirntaktpräsident verbittet sich alle mit diesen Komplexen zusammenhängenden Gedanken aufs Schärfste. Draußen, vor der Tür des hohen Hauses sehnt sich ein kleiner Junge nach Schlaf, nach bunten Träumen ohne Angst und ohne Lügen. Da links, schau an, eine hübsche Kleingartenkolonie. Er gähnt, voller Vorfreude, zufrieden: Feierabend.

Dieser Beitrag wurde von Faron Bebt am 11. Juli 2014 um 13:22 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

Keine Kommentare »

Noch keine Kommentare

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag.

Hinterlasse einen Kommentar