Soziofeuilleton II

Der mystische Postmodernismus ist ein utopistischer Scherz und kulturelle Realität zugleich. Die bewußte Wahrnehmung der, dem Phänomen zugrundeliegenden Prozesse stellt eine immanente, politische Notwendigkeit der heutigen Gesellschaft dar. Soziologische Trends beschreiben seit langem eine fortschreitende, gesamtgesellschaftliche Bewegung hin zu einer sich verstärkenden Auflösung tradierter Rituale und die Abkehr von aus der Zeit gefallenen Dogmen. Eine zerfasernde, individualisierte Zelebrierung von Sein und Erleben, oft unter Zuhilfenahme biologischer Mittel und moderner Technologie tritt an die Stelle prämoderner Kulturtechniken.

Zwar mag auf den ersten Blick kein substanzieller Unterschied festzustellen sein – alte Dogmen und Rituale werden durch neue abglöst – wenn der althergebrachten Kirchenbesuch am Sonntagvormittag einer „postmodernen“ individual-mystifizierten Variante weicht – besispielsweise dem Besuch eines Biergartens, bei dem – über Smartphones gebeugt – unüberhörbar „Germanys next Topmodell“ rezitiert wird. Im Endeffekt ist der Weihrauch und Messwein mit Bier und nicht wenig Oberklassenschnee getauscht worden, die Psalme über Esther, Lillith und Maria Magdalena wichen denen über Juliana, Stefanie und „die Schwarze“ –

Und doch: die Technologie wechselte von analog zu digital, jede Minute kann potentiell eine neue  Bibel aus dem Netz weltweiter Kreativität entstehen – und alsbald konsumiert werden. Die sich vergegenwärtigende Beliebigkeit der Inhalte gebiert Fliehkräfte und damit einhergehende, privatwirtschaftliche und politische Positionierungen, um die schwindende Relevanz weiterhin zu repräsentieren, zu be-/erhalten. Dies fördert jedoch auf Dauer gewaltige, gesellschaftliche Widersprüche.

Die inhärente, zynische Komik des mystischen Postmodernismus besteht unter anderem darin, retardierter Widerhall einer alten, aufklärerischen und einer weiteren, noch älteren, schamanistischen Erkenntnisfähigkeit zu sein. Das ambivalentere Wertgefüge der Postmoderne und eine Verkomplizierung von technologischen Errungenschaften begünstigen interessanterweise atavistische Tendenzen. So konnten jungsteinzeitliche Geräte  von fast jedem Individuum einer Gruppe verstanden, genutzt und – mehr oder weniger gut – angefertigt werden, hingegen werden viele Geräte heutzutage zwar noch verstanden und genutzt, aber die Fähigkeit zur Reproduktion der Alltagstechnologie ist durch Spezialisierung und aufwändige Fertigung fast vollständig verloren gegangen, an Stelle des zeitraubenden, aber anschaulichen Fertigungsprozesses ist  Lohnarbeit und der abstrakte, zu opfernde Geldwert getreten.

Dies führt in breiten Schichten der Gesellschaft zunehmend zu einer oft unbewußten Mystifizierung von Technologie, die sich bspw. im zu beobachtenden Amulettcharakter von Smartphones oder auch Laptops, Konsolen bei jungen Menschen äußert – die Fähigkeit zu sozialer Interaktion, zum ewiglichen Zeitvertreib wird als Abbild der eigenen sozialen und angenehmen Existenz in einen „Wunderstein“ hineinprojeziert und das rein Funktionale wird nach und nach „geheiligt“.
Nun könnte man an dieser Stelle einwenden, die Menschen der Jungsteinzeit hätten ebenso besonders „schöne“ Werkzeuge besessen und deren Bearbeitungs-Prozesse spiritualisiert, weil sie sich über diese unter anderem sehr mit ihrer (damals schon teilweise spezialisierten) Gruppenposition identifizierten.

Bringt also fortschrittlichere Technologie zusehends ein Cargo-Cult-artiges Verhalten hervor? Nicht unbedingt, denn das Gehirn hat noch viel ungenutzen Platz zum Verständnis zusehends komplizierterer Technologie und Kultur übrig. Nach und nach wird vieles davon zu Allgemeinwissen – zudem sicherlich auch tanshumanistisches „Enhancement“, ebenso wie biologische, psychoaktive Bewußtseinserweiterung Verbreitung finden wird. Jedoch kann diese  grundsätzliche Entwicklung von verschiedenen Faktoren negativ beeinflußt werden, einer davon besteht beispielsweise in der dämmerhaften Gleichmütigkeit der Gesellschaft, deren Ursache in einer anachronistischen Organisation besteht und deren Schlafmützigkeit immer wieder Brandherde wie Fremdenfeindlichkeit gebiert.

Es ist paradox: desto mehr wir wissen, handeln, lernen können, desto erstarrter wirken politische, wirtschaftliche bürokratische Strukturen. Das alte Raumfahrer-bei-Lichgeschwindigkeit-altert-langsamer-als-Erdbewohner-Problem. Die Reformationsfähigkeit der Gesellschaft, die diesbezügliche Willigkeit der Eliten (beides endlich) und die utopistischen, akzelerationistischen  Potentiale der neuen Technologien (exponentiell) sind dermaßen aus dem Takt geraten, dass es schon fast süß schief klingt. Politsche Notwendigkeit: das Schöne, Wahre – und eben auch: das den Zynismus überwindende Melancholisch-Komische – als ein, trotz Verzweiflung ‚blind Hoffendes‘ jenes Gefüges zu entdecken, zu analysieren, zu zelebrieren.  Mir kommen die  Beatles in den Sinn: ‚Just a Northern Song‚.

Zeitraum

Morgenstunde in der sommerlichen Stadt. Auf einmal ist alles ganz still. Der Himmel strahlt hell, sehr hell sogar, doch von der Sonne ist nichts zu sehen. Nur eine dünne, mystisch leuchtende Wolkenschicht kriecht langsam darüber. Ich halte inne, gedenke. Gedenke des Nichts, denn nichts zu wollen oder zu müssen erscheint mir in diesem Moment die erste, wahre Freiheit zu sein. Dann gedenke ich der Opfer von Kriegen, des Hasses und seiner tausend fürchterlichen Erscheinungen, sowie der Opfer meines Egoismus‘. Anschließend all derjenigen, an deren Neurosen ich fast zerbröselte und die mich zugleich so reich mit Wissen beschenkten. Endlich gedenke ich der Liebe die ich erfuhr, weitergab und die ich noch stiften möchte. Kurz darauf setzt das Brummen wieder ein, Kinder spielen laut und Vögel zwitschern vergnügt weiter – und die Sonne zeigt sich. So, als ob sie nie verschleiert gewesen sei.

Vielleicht ist das alles Einbildung, Wunschdenken, eine Traumreise, ein Vergewissern, eine pantheistische Sehnsucht in einer funktionalen, aber traumatisch anmutenden Lebenswirklichkeit. Ich könnte jetzt putzen, mit kleinen Dingen den Tag alltäglich, normativ erträglich gestalten, doch mein Herz sehnt sich nach der goldenen Legende, nach unendlichem Sinn. Der leuchtende Himmel: mein Geist; die Stille: Lauschen nach mir selbst.

Am Ende fallen alle Illusionen ab, alles Gesagte, Geschriebene relativiert sich und übrig bleibt nur Ästhetik – Schönheit, Klang, Berührung. Als Wurm möchte ich wiedergeboren werden, für einen kurzen, staunenden, embryonalen Moment des Innehaltens.
Denn worin unterscheidet der Wurm sich wirklich? Er kriecht und frisst und paart sich und ist ebenso neugierig wie ich – im Rahmen seiner Möglichkeiten. Downsizing liegt im Trend, eine Perspektive jenseits von Neuronengeflechten, Hubbleteleskop und des acht-speichigen Dharma-Rades zu erhaschen wirkt tatsächlich ein wenig verführerisch.
Aber wie ernst meine ich es eigentlich mit dem ‚Aufgehen in der Natur‘? Reicht etwa eine Minute des Gedenkens oder doch nur lebenslange Übung in Gleichmut und Duldsamkeit? Hat die Generation Z eventuell recht  und ein durchschnittliches Leben, also etwas, das mir noch ferner als die Existenz als Wurm erscheint, ist in Wirklichkeit  erstrebenswerter als ich dachte?
Die Stille: Frage und Antwort zugleich. Where do I go? Follow the heavens. Where do I go? Follow the worms. Die Sonne trocknet mein Haar, aus meinen Ohren fließt Wasser ab.

Ein Nachruf zum Putztag

vater war für die sonne und den apfelbaum.

andere sagen: sie haben eine gute ehe geführt. nicht in liebe, auch nicht liebevoll. eine gute ehe. mit höhen und tiefen. und gegen ende mit stützstrümpfen.

der hausarzt sagt, ihre mutter hat allerlei zipperlein, aber die bringen sie jetzt nicht um. bleibt zu hoffen, dass sie die stützstrümpfe allein anbekommt.

Bekenntnis

Beschreibe ich die Trauer,

krümmt sich das Echo der Wörter

in meinem Leib wie ein

abgestorbener Fötus.

 

Ich, Schatten meiner selbst,

gefesselt an die Farblosigkeit des Heute,

verfang mich in den Netzen

der Reglosigkeit.

 

Alles versinkt.

Häuser, Straßen, Städte ein Konglomerat

versteinter Tristesse, die Trauer

legt sich auf Vögel und Bäume,

ernüchtert schleppe ich mich durch die

Wüste der Nichtigkeiten

 

Zeit der Umkehr.

Das Gewebe aus Hoffen

und brennender Lust aufs Ungewisse

hat seinen Glanz verloren, nur

diese Trauer, der Schmerz.

Putztag

Manchmal bröckeln die Stunden
vom Himmel
und brechen Ziegel
aus dem Dach der Kindheit.

An den Wänden haften Schreie,
wenn der Tag wieder in den Eimer
fällt. Mutter geht noch immer
durch die Zimmer
und wischt mit aufgelöstem Tagwerk
über die Regale.

Ich stehle mich in den Garten
und schaukle
über ihre Worte hinweg.

Am Apfelbaum hängt der Sommer
vor der ausgestreckten Hand.

Vier nach Schnaps und Bier

Im Großen Garten gehen die Geliebten
Mit dem Telefon am Ohr ziehn sie
Ihre Runden einerlei man spricht


Man lacht und geht im Kreis
Die verbrannten Kohlenhydrate
Zählt das Handy mit wieviel


PS das sagen sich die Männer
Ingenieure von der nahen Uni
Die Frauen fragen sich wie frei


Sie sein dürfen ohne gewisse
Bisse zu haben wenn sie halb
Vier nach Schnaps und Bier


Den Liebhaber verlassen
Der Freund dreht seine Runden
Im Großen Garten greift er den Geliebten


Auf und verliert die Fassung


					

[schaumgeboren]

gestern machte vater das tafelsilber
bei an- und verkauf zu geld
und verschwand mit großvaters alter schreibmaschine
mutter weint seitdem ohne unterlass
schriftsteller wolle er werden
verriet er mir in der tür
bis zur straßenecke schaute ich ihm nach
wo eine frau in grünem mantel auf ihn wartete
und mit küssen empfing
ab und zu denke ich
werde ich in die stadtbibliothek laufen
und nach vaters erstem roman fragen

 

 

 

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aus „wie ich schriftsteller wurde“, 2015

 


verfallen

neulich tauschte ich
mein langweiliges leben
gegen eine packung kekse
im sonderangebot
mehr sei es nicht wert
sagte die dame an der kasse
die mit dem violetten Lippenstift

narziss

                                     „crede mihi, verum gaudium est res severa“ (Seneca)

 

ununterbrochen leidet narziss : kreidet

auf der stelle dir ’ne bagatelle an

flehst du : hör auf : brüllt er

du vieh : das ist die nachtrittgarantie

 

leid andrer leute : ihm eine freude

höchste freude : die fühlt er : wenn du

stumm gehorchst : merken wirst du’s

nicht : scherzverzerrt ist sein gesicht

 

dass du zu kuschen hast : ist klar

er schwingt den hammer : ich

narziss : der jammerpeter : ich bin

wunderbar : du bist nur : mein fußabtreter

 

du sollst keine welle machen : immer sei bereit

vergebens suchst du seinen körper ab nach

einem wechselschalter : selbstliebe & verletzlichkeit

unzertrennlich bis ins alter : bis ans Ende

 

seines Lebens : hoffst du noch : auf sachverstand : für

ernste sachen : an denen du dich freust : sind

für ihn nur tand : böse kann er drüber lachen

er will : dass du ihn liebst und alles andere bereust

 

 

Heliozentrischer Feuilletonismus

„Was soll aus Europa bloß werden?“ fragen dieser Tage viele etablierte Vertreter einer, gemessen an der Anzahl ihrer Wirkungsträger doch sehr rar gesäten, publizistisch aktiven Öffentlichkeit ihre (noch) Millionen an Rezipenten. Das ist oft natürlich rhetorisch gemeint, denn die Frage impliziert zugleich eine, zumeist tendenziöse Bestandsaufnahme: „Was ist eigentlich aus Europa geworden?“ und in der Folge ein: „Was war Europa jemals und – für wen?“.

Und diese Fragen können, werden sie im Sinne Marcuses in einer negativ geladenen öffentlichen Stimmungslage („die Griechen sind faul und verdienen keine Hilfe“) gestellt, in Form einer „repressiven Toleranz“ bzw. „repressiven Transparenz“ zurechtgeschwiegen werden. So haben gesamtheitlichere Auffassungen des Komplexes keine Chance, den dumpfen Tenor des Mainstreams auf eine höhere Stufe des Verständnisses zu befördern – und damit auch  progressive, out-of-the-box Lösungen, die nicht nur Schulden, sondern auch Arten der Kooperation umfassen würden, in den Fokus der gesamtgesellschaftlichen Debatte zu rücken — also die Chance zu erkennen ein wirkliches, gemeinsames Projekt zu initiieren.

Doch einer solchen Entwicklung stehen ebenjene Institutionen im Weg, die durch ihre fiskalischen Daumenschrauben eine andere, syndikalistische Politik aus den Köpfen verbannen – genauer: die Chance auf ein notwendig falsches Bewußtsein (natürlich auch von Europa aber eigentlich einer ganzen Welt!), voller Tatendrang und Idealismus, also echten, elektrisierenden Zielen, die nicht nur mehr eine gescheiterte Vision reflektieren, sondern zudem einen Bezug zur Realität – zum zeitnahen Erfühlen von Veränderungsbereitschaft von Denkschemata innerhalb der kritischen Masse einer insgesamt reifenden Gesellschaft.
Wie geschichtlich oft nach einer gescheiterten, ausgehöhlten Ideologie oder Erlähmung einer Macht geschehen, wurde eine Generation von  Desillusionierten geschaffen, die zu großen Teilen eine  Leere verspürt, so dass in der Masse Dumpfheit darin zu gären vermag – und ein Versumpfen der intellektuellen „Klasse“ droht.

Bis zu einem gewissen Punkt vermehren sich sich negative Gedanken, sowie positive Gedanken gegenseitig, das kann gerade für Kampagnen gut exerziert werden, aber es nutzt sich natürlich recht schnell ab, auch im Fall „Europa?!“ wird das so sein, wenn es sogar nicht lange schon soweit ist.
Der existenzielle Widerspruch wird stillschweigend akzeptiert:  dass ein Europa – oder natürlich die Welt – Wettbewerb als Bindeglied von Volkswirtschaften forciert – und diese damit zwingt sich gegenseitig zu verfrühstücken, ohne zugleich offen und ehrlich zu sagen: „Ach komm, das ist nur ein Spiel und vor der nächsten Runde setzen wir eh wieder alles zurück auf Null, ich gewinn ja sowieso“.
Da hätten die Deutschen ja mal wieder so ’ne Fresse, weil sie ja die Feier in ihrem „Haus Europa“ immer bezahlen müssten (-und auf Dauer feststellen würden, dass sich ein übertriebenes Leistungsdenken eben nicht lohnt, sondern nur den Rücken krumm macht). Ja, der Herr der Burg (Festung) bezahlt nun mal die Zeche, das ist im Feudalismus, wie im Neofeudalismus gleich. Und wie bei den Fuggern oder Rothschilds waren die festiven Fürsten und Könige immer schön hoch verschuldet.
Aber jene Kontinuität, ob nun, wie dieser Tage Technokraten an der Macht sind, die dauerhaft abgehört und, wenn sie nicht mitspielen, mit Dossiers erpresst werden, oder ob Olaf der Doofe von seinen verschlagenen Hofleuten manipuliert wurde, die historische Kontinuität der zerstörerischen Kraft des Wettbewerbs um das Kapital ist offensichtlich, somit auch seine instrumentale und sogar klerikal-ritualisitische – und in der Folge dissoziative – Wirksamkeit. Das Stichwort Verteilungsgerechtigkeit lockt, als etwas – so wird es eingeimpft – erstens unerreichbares und deshalb zweitens abzutreibendes, kein Schwein hinter dem Ofen hervor, dabei wird dieser Diskurs doch täglich geführt, nur eben von oben: „Es kann nur besser werden, wenn dies oder das von der Masse genommen wird, das wird denen schon noch zeigen, dass die sich mehr anstrengen müssen.“

Hier kommt dann oft das als antiautoritär verschriene Gegen-Argument der „schwarzen Pädagogik“ ins Spiel und ein dezenter Hinweis auf ein Europa der „verschiedenen Geschwindigkeiten“, nach dem Motto von CDU-Strobl: „Der Grieche hat jetzt lang genug genervt!“ – der Grieche ist ein mongoloides Kind – vorzugsweise eines mit ADHS – das es ja (seufz) zu integrieren gilt. Und – noch bricht es am nur am Stammtisch hervor – das eigentlich nie, niemals – ohne uns – etwas wert wäre, weshalb mit (fiskalischer) Euthanasie gedroht wird: „Lern wenigstens Schuhe für Geld putzen! – und deine Puppe gib in meinen Treuhandfonds solang du Kost und Logis nicht abbezahlt hast“.
Wie eine böse, verbitterte Gouvernante des 19. Jahrhunderts herrscht ein Land (und wird zugleich beherrscht), nicht nur geopolitisch, sondern auch ideologisch; die Talking-Points, die Denklinien sind eingefahren, alles ist katalogisiert und planiert, die Subjekte laufen (besser: rollen) trotzdem blind umher, wozu auch sehen? Der geliebte, wilde Westen ist bereits entdeckt und platt gemacht worden. Und nun folgt eben der dekadent-degenerierte Osten.

Brecht zusammen diese Einöde auf?!! Von unten nach oben wächst dann wieder wieder was und, obwohl danach vielleicht noch immer alle blind sind, können sie sich, unter Umständen, in nicht allzu ferner Zeit, immerhin ein wenig lebendiger fühlen und trotz steter Dunkelheit  des Surrens der Libellen, des Duftes von Blumen und Gras, des kühlen, rauschenden Schattens eines Baumes erfreuen und Platon danken.

Adorno schrieb einmal, es sei barbarisch nach Auschwitz wieder ein Gedicht zu schreiben. Das sehe ich nicht so (und es war von ihm sicherlich auch eher provokativ gemeint – im Sinne einer generellen Kritik an Kultur, da ihr möglicher Missbrauch hin zum Faschismus führen kann). Es ist vielleicht pathetisch, kitschig, verzweifelt (und deshalb humoristisch?) romantizistisch, aber ist es nicht immerhin eine Antwort? Träumende Menschen. Menschen mit Zeit. Menschen mit Würde. Menschen mit Wissen. Menschen, die in heruntergebetete Aufzählungen monetärer Moral dialektisch einbrechen.
Es geht über das „dann gründe doch eine Partei“, „mach dies, mach das“ hinaus, es geht um die Erforderlichkeit des Weckens einer aufgeklärten und zugleich doch auch – warum nicht? – psychoaktiv-mystifizierenden Stimmung im Individuum. Und um dessen folgende Kommunikation zu den Nächsten, damit das Unausprechliche, was Blumenkinder, Revolutionäre, Wandervögel – meinetwegen aber auch Jakobswegler – verbunden hat, gestiftet wird: eine starkes inneres und positives Gefühl, eben nicht modernd-dumpf, sondern tief und leuchtend. („We had all the momentum; we were riding the crest of a high and beautiful wave.“ Fear and Loathing in Las Vegas).
Es bedarf also der Hoffnung und diese Hoffnung kann nur jenseits von Hegemoniedenken und Abschottung, jenseits von Oligarchieschonung und Bankenrettung, jenseits von Vorurteilen und Aufhetzung erwachsen.

Schließen möchte ich mit den für meinen Geschmack skeptischen, aber dennoch bedenkenswerten Worten, die Fernando Pessoa, der berühmte portugiesische Schriftsteller der Moderne dem Protagonisten seiner Geschichte „Ein anarchistischer Bankier“ einst in den Mund legte:
„Was will denn ein Anarchist? Freiheit – Freiheit für sich und die anderen, für die ganze Menschheit. Er möchte sich vom Druck der gesellschaftlichen Fiktionen befreien (…) sie zu vernichten aber zugunsten der Freiheit (…). Denn man kann gesellschaftliche Fiktionen um der Freiheit willen vernichten, um ihr den Weg zu ebnen, aber auch um neue gesellschaftliche Fiktionen heraufzubeschwören, die schon insofern nichts taugen können, als es sich wiederum nur um Fiktionen handelt. (…)
Bei dieser Freiheit die nicht behindert werden durfte, handelte es sich selbstverständlich um eine Freiheit der Zukunft und, in der Gegenwart, um die Freiheit derer, die von den gesellschaftlichen Fiktionen unterdrückt wurden.
Es versteht sich von selbst, dass wir nicht darauf achtgeben brauchten, ob wir vielleicht die „Freiheit der Mächtigen“, der Gutsituierten, all jener behinderten, die die gesellschaftlichen Fiktionen repräsentieren und von ihnen profitieren. Ihre Freiheit ist keine Freiheit, es ist die Freiheit zu tyrannisieren, also das Gegenteil von Freiheit.“

„Foucault“ – xy

Mein Hegel ist ein Clochard geworden.
Mein Kant bleibt Aufklärer.
Mein Nietzsche ist nun das Schwein, das er immer werden wollte.
Sei Geist der immer Schwein hat, vor allem Geist.
Sei was du bist, ohne Bedauern.
Sei was dich zu bedauern beansprucht.
Ich war kein Husserl, ich verstehe ihn nicht mal.
Ich war kein Deutscher, und euer Heidegger bleibe beim Altgriechischen wie wir unsere gestopfte Ente haben.
Ich habe Bergson gelesen und bin trotzdem ein politischer Mensch geworden.
Nicht mal Sartre hat mich daran gehindert – oh, und
wie mich das alles da ankotzt!

Versuch einer Geschichte, Geschichte eines Versuches

Vorwort: Dieser Geschichte fehlt nicht nur Struktur, sondern auch ein rechtes Ende, denn ihr Anfang hat zugleich ihr Ende zum Thema – und wo ein echter Anfang fehlt, ist ein befriedigendes Ende leider wenig wahrscheinlich.

Es ist einer dieser indifferenten Tage Fürgegenlands. Sommer? Nicht-Sommer. Doktor? Nicht-Doktor. Göbeln? Oberlausitz. Der Mediziner vom Berge? Der Alte. Almdudler, Jägerhut und Zaunfinken zuwinken. Nachts dann raustreten, abschlagen und nachladen. Heim? Nicht heim. Du nicht? Und auch nicht du. Im Nachbardorf wurde ein jungsteinzeitliches Massengrab gefunden, eine Sippe, Exzellenz, liegt darin und allen wurden die Schädel gespalten. Ach? Blackie, brrr!! Bring Bier mehr mir. Containment-Container? Dorfdisko. Brand-ung? Satz-ung. Siegesgewiss? Spiel-Automat. Situiert? Statuiert: Abgehacktes, abgewracktes, abgekacktes, abgebranntes Land-Schland. Antizionistischen, staatskritischen Juden, Exzellenz, wird oft struktureller Antisemitismus vorgeworfen, und Selbsthass. So? Rajesh, beweg deinen currygelben Arsch hierher! Leih Geld mehr mir. Wie dünn ist die Schale dieser stinkenden Frucht, wie fruchtbar noch ihr Eierloch? Fliegenlarven irren nie. Monotomes Summen webt den Hass zäh in alle Winkel, extra dick für Mnfrd + Hildi & ihre kleine Frigida. Da werden Fragen – was gerecht ist, was ein Maß(stab) – mit einem, aus tiefsitzenden, neurotischen Angstkomplexen entsprungenen Nationalchauvinismus gemixt und das bräunliche Gebräu heißt dann Ex-it, ein wunderbares Abführmittel für alle Demokraturen und solche, die es noch werden wollen. Solidarität, ja – wer wollt sie nicht? Erst kommt das Brennen, dann die Wehr. Macht, ja – wer wollt sie nicht? Erst kommt der ewige Bund, dann das Gstz. Olaf, ein auf Wolken gebetteter Olaf, himmelblau flankiert, wird plötzlich in seiner Mittagsruhe gestört, fängt sodann erbost zu weinen an, als sich zehn verschiedene, für ihn jedoch zu neunundneunzig komma neunneunneun Prozent identische, afrikanische Dialekte auf dem benachbarten Grundstück wie mit Maschinengewehrsalven gegenseitig beharken. Mutter Gudrun und ihre Freundin Anja von gegenüber rufen zeitgleich die Polizei. Matthias, Gudruns Mann und Anjas Geliebter, postet auf Facebook, die Affen vermehrten sich bei ihnen immer schneller und benähmen sich gleichzeitig immer unverschämter. Olaf, ach! – unser aller kleiner Olaf, ärger dich nicht schwarz, sie sind einfach nicht – noch nicht! – richtig integriert, assimiliert, erdeutscht worden. Aber das wird schon. Ansonsten finden sich beizeiten bestimmt einige, heimelige Bio-Gruben, auch für Gudrun, Anja, Matthias und dich – ganz ohne Selbsthasskippa und sicher gut für ein paar tausend Jahre.

Die Philosophie, der Fluss, der aufrecht stehende Körper

Die Richtung ändert sich mit den Jahren. Möglichkeiten haben sich vereinigt, der Fluss aber behält seinen Namen. An den Ufern bleibt nichts wie es ist, aufrecht stehender Körper – du hast keine Chance gegen das Wasser.
Die Richtung wird mit jedem Gedanken neu bestimmt. Aus dem Geflecht der Verbindungen von Wörtern zu Sätzen, von Sätzen zum Blick in den Raum, den das Gedächtnis einnimmt, ersteht eine Landschaft.
Der Fluss fließt immer weiter, die Körper beginnen die Landschaft zu füllen, der aufrecht stehende Körper sieht sich zum Verwechseln ähnlich – ist das jenes Wesen mit Namen Mensch? Nein, das ist nur ein aufrecht stehender Körper.
Der Fluss verschwindet hinter einer Biegung. Der Körper setzt sich in Bewegung. Die Biegung verschwindet, der Fluss kehrt wieder. Die Bewegung dauert an, der aufrecht stehende Körper ist nun ein vorwärts schreitendes Wesen, aber die Erscheinung des Schreitens fehlt dem Wasser.
Der aufrecht stehende Körper war einmal ein vorwärts schreitender Körper. Der Körper kann sich daran erinnern. Der vorwärts schreitende Körper war einmal die Erinnerung einer Landschaft. Die Wörter können sich daran erinnern. Die Erinnerung war einmal eine Landschaft, durch die ein Fluss fließt.
Der aufrecht stehende Körper am Rande des Flusses, die Wörter sammeln sich zu Klumpen und treiben dahin. Da – einer springt aus dem Wasser und taucht wieder ein, der Blick in den Raum weitet sich ins Unsichtbare. Möglichkeiten werden sichtbar, die Landschaft aber scheint sich gleich zu bleiben. Eine Landschaft mit Fluss und darin ein aufrecht stehender Körper.
Da scheint sich etwas gleich zu bleiben angesichts des Rinnsals, das einmal Fluss genannt wurde. Ist das noch ein aufrecht stehender Körper? Das Wesen Mensch hat mit der Zeit die ganze Landschaft eingenommen, in der es nach wie vor fließt, in der sich die Richtung ändert, obwohl sich nichts mehr ändert in der Landschaft.

windjammer vorbei

volle ladung : ungeschützt
zur rechten zeit : angefeuert
mit einer handvoll handfester

lügen : halb glaubwürdig
um meine nerven zu schonen
ich kappe die ankerschnur

nicht : hänge an ihr : halte
verbindung : sende nicht mal
SOS : sondern massiere sie

stundenlang : täglich : hat sie
keine lust : schüchtern sei sie
und müde : müde war sie

gewiß auch und doch ging
sie ab : die kanone : was gehts
mich an : natürlich ist sie

selbstgerecht : immer unschuldig an allem
treulos sprechen wir von treuherzigkeit
versprechen uns die halbe ewigkeit

ist es gelogen : ists zu glauben
ich treibe frei im ungewissen
der rettungsring hat löcher : wer

klammert noch an ihm : sind wir
zu zweit : ist unsichtbar das arschloch
dazwischen : wann kommt festland

wann zieht der windjammer vorbei

Sommerzeittraumatmosphäre

Wolkenzungen schieben sich rasch über einen schmalen Julimond –
frische, kühle Nachtluft lässt Bäume geheimsnisvoll raunen;
das Spiel eines ersten, ins Wirbeln verliebten Blattes
flüstert, verzerrt gespiegelt in den aufgerauht-
ächzenden Wassern des Kanals, Herbst zu,
surrt Wandel den Himmeln entgegen,
und Wind tanzt dunkel-hoch —
ums Blatt wird Licht
am Horizont.

bächlein des philosophen

manche philosophen haben die erotik

einer staumauer von hinten : erhabenes

eintöniges grau: durch das nichts dringt

außer ein rinnsal : vernünftig reguliert

ob trockenheit : ob hochwasser

der pegel bleibt gleich : tippt ihn

das junge mädchen an : stürzt

das monument : ergießt sich die flut

Gedichte

sind verglaste Gebete,
Präparate
auf dem Objektträger

* * *

Seltsame Begegnung

Dreizehn Jahre und drei Kritiken
älter begegnete ich
in der Badewanne erneut
Mandelstam,
Osip Emiljevic.

Eigenartig, sagte er, diese
Geräusche auf dem Fluss
im Frühjahr
zweiunddreißig –
es blubbert wie Wassermusik
wenn Schubert und Mozart sich
durch fünf Wasserleitungen hindurch
unterhalten.

Seltsam, dass Gedichte nicht
altern. Seltsam, dass
sich Menschen nicht
ändern. Sie bleiben einfach
::::::::::::::::::::::::::::::sie selbst.

Die seltsame Farbe des Flieders
breitet sich auf dem Papier
aus, der Duft nach
Fichtensaft färbt das Wasser grün.

Die weite Landschaft
erfüllt das gegenwärtige
Denken mit durchsichtigem Brummen.

Unter der Wasseroberfläche
kocht es bei zwölf Grad.

Du lebtest noch in deiner
glücklichen Zeit, obwohl die
Trauer lange
schon Besitz ergriffen hatte von dir.

Die letzte Kritik
sollte für mich die erste
gewesen sein, und wie es scheint
fängt nach dreizehn Jahren
überhaupt erst etwas an.

* * *

Gedichte und Kaffee, in dieser Reihenfolge –
später Kaffee und ein

Gedicht : Gedicht : bitte

* * *

DU LEBTEST mitten im Schnee, kleiner Vogel
Und mein Haus war dein Haus.
Das Haus vor meinem Haus.
Ja, man kann das Tempo nicht
—————————————— erzählen
Es sei denn
mit Metronom. Schuster, Land-
________________________ vermesser –
Mein Schloss sei deines.
Und du, schwarzer Vogel
bleib, bleib Nachtigall

Der Schlag

Wenn weiche Körper aufeinander treffen, kann es ein weiches Geräusch geben.

Wenn harte Körper aufeinander treffen, muss es ein Geräusch geben.
Wenn weiche Körper beieinander bleiben, wird aus Geräuschen Berührung.
Harte Körper führen geradewegs in den Lehrsatz: eins und eins, so

Wird jeder Vers aufgesprengt am Ende.
Wird aus Berührungen ein Organ.
Entsteht die Frage nach der Syntax –

– aber, diesseits unserer Strophen-
form, den Klumpen zwischen vier
Fingern ermessend – wohin – – wo-

hin mit dem Rock’n Roll dieser Art Seele?

über überwachung

nichts haben wir : nichts sichert

uns : nun pfeifen es die vögel

von den dächern : als wüßten sie

bescheid : nur ich weiß nichts

 

davon : er hat die nacht

mit meiner braut verbracht : breit

lächelt mir die nachbarin entgegen

alles weiß sie : nichts : nicht nur

 

die philosophen in unsrer

aufgeklärten zeit : ich will nichts

als einfachheit und komme

über überwachung

 

nicht hinaus : wer weiß

komm : lass es : keine panik

erfolgreich ist in diesem spiel

die lüge : und : das spiel ist aus

???

Wieso gibts hier seit 2 Monaten keine Kommentare ? Wieso redet hier keiner mit keinem ? Was für eine eitle, langweilige Selbstgefälligkeit ! Sind Dichter wirklich solche Idioten ? Oder sinds einfach keine Dichter ?

AUGUST

grasnacht schneidet den himmel das größere stück gehört dir im geäst vogelmenschen im gefieder stimmen die sprache hat die amsel verlassen singen jetzt im garten dämonen jeden tag lege ich futter aus und fallen die vogelmenschen beobachten mich um das haus schleichen leoparden

late nite am abend das update vom häuserkampf von holzschnitt zu holzschnitt nur die pixel sind echt und das blut am hemd des kameramanns digital sterben ist dasselbe wie analog du kannst nicht wegzippen an den ufern mäanders gehst du ins landesinnere

in die hand gelesen die linien deiner handinnenflächen sind wie ein netz aus geleisen einmal fährt dein zug durch eine flusslandschaft weiter in abschiedsebenen und zu fernen heimwehbergen ein anderes mal durch einen verschneiten märchenwald aus dem dich der ruf eines eichelhähers weckt in der schlafmohnlinie kauern zwei kleine nacktschnecken

ithaka in die augen ziehen berge eine ganze herde ihre hufe donnern über das gras in die augen ziehen wälder ein verschneites geäst aus überlandleitungen verzweigt sich über die felder wie stämme stehen die masten auf lichtungen legen sich deine hände von irgendwo stimmen schatten und gesichter du sprichst mit den eulen über die haut ziehen pferde kondensstreifen teilen den himmel in verschiedene königreiche von fern das schlagen des windes

schwimmerin blau trochitenkalke strecken ihre stielglieder einem wellengebirge entgegen ein meer ist ein himmel in quallenden gewändern fliegen rochen stille entgegen ruhen in schlammigem boden stimmen aus anderen himmeln anderen gebirgen meeren von fischen durchpflügt und armen

personenbezogene daten atem meine haut frisst mich auf wiegen sich fische in einer hand treiben unschuldsvermutungen über arme und schultern das weiße an einem hals fängt an zu sprechen sagt ein schmerz gleitet mit deiner stimme in ein vergessen zum mund geführt ein becher und ein aurorafalter tastet auf deinen lippen gift

sommerfahrt hinter dem zugfenster flieht landschaft vor meinem blick verschwimmen im angelaufenen atem wald und vögel alle zurück gelassenen himmel meiner mitreisenden ein aurorafalter steht still in der sommerluft schleichen berglöwen durch die gänge und abteile hockt prinz eisenherz in einer ecke und liest gedichte in der ferne das pfeifen eines anderen zuges

gefügekunde das traurige im blick von zoogorillas kopfüber in die stille zu den hautflüglern sagen die amseln am ende eines langen frühjahrs streifen durch eine schneenacht unbedacht einzelne stimmen wie der tagbruch von schiefern und gneisen gefügerelikte früherer gebirgsbildungen haben einen genauen plan wie die flügel von insekten und vögel im streulicht eines morgens oder die sich verändernde haut von echsen und raubtieren bringst du die ordnung der sprache in anarchie hautflügler und amseln sage ich dir schärfen die sinne

freizeitpark künstlich ist die welt geworden mit gras- und buschland hinter ebenen märchenwälder schneeberge im gleißenden sonnenlicht teilen kondensstreifen den himmel in hoheitsgebiete verschiedener könige sitzen prinzessinnen und prinzen in flugzeugen auf dem weg in einen neuen süden unter ihnen ganz klein überlandleitungen nur wäsche fehlt darauf das wäre ein richtiger spaß flusslandschaften ziehen durch regenwälder ein rudel berggorillas und waldelefanten grüßen hinauf und in der nacht breiten sich lichter von metropolregionen wie ein sternenhimmel über dem boden aus unten ist oben und oben erlassen könige neue gesetze und strafen fernsehshows quizsendungen und ein weltweites netz mit freundschaften sozialen kontakten stimmlosen gesprächen lachender gesichter über kleine bildschirme große datenbanken und krankheiten scheinen verschwunden vergessen verbannt in ferne reiseziele warten fremde viren krebs lepra und pest wenn ich nachts in wachträumen bei dir liege und das leopardenmuster auf deiner haut nachfahre mit den augen fragst du wohin wir auswandern werden wenn der distelfalter den schmetterlingsflieder wieder verlässt

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initiation am lautesten ist jacek und ma?gorzata schläft leitplanken sind wie die banden eines billardtisches klacken kugeln bei jedem stoß zittert weißes gefieder du spannst dein haar zwischen masten zu einem netz aus erinnerungen wir teilen den schatten eines silberreihers unter uns auf die felder neben der autobahn sind elektrisch vorbei ziehen fahrendes volk und navigierende stimmen zurück bleiben kehllaute als ma?gorzata erwacht wird jacek still

amphitrite segel gesetzt fährt ein schiff auf und ab in einem wellengebirge versteinerte muscheln im schlepptau am grund tone und mergel seeweibslieder ahoi blühen seerosen und –lilien rauh ist das meer und klüftig wie kalkstein schönheit hat etwas zu tun mit unkraut jäten in gedichten und am meeresgrund deine stimme verrät es wie ein seebeben wachsen korallen bäume nur langsamer tauchen wir durch kaltwasserfronten auf schuppigem gefieder

urknall hypothesen zu blütenstaub zerfallen stimmen aus weltenräumen kommen apollofalter und saugen zwischen planeten und sternen lyrische partikel über flügel von mauerseglern hat sich himmel ergossen langsam tropfen verse um verse auf meinen balkon gehen weiße schuhe neben mir her durch ein land aus wünschen und schnee weiter in ein land der amseln dort sprechen gedichte mit mir

tagebucheintrag „kierling, 3. juni 1924“ gestrichen eine dohle atmet nicht mehr über ihr gefieder legen sich laub und verse an einen fluss fliegt sie im winter in eine goldene stadt frisst käferlarven knacken flügel im frost geht eine frau über eine brücke auf der anderen seite stimmen wie hufedonnern von büffelherden über prairiegras tauchen zerfledderte kondensstreifen in abendrot blicke und bekannte gesichter eine dohle atmet nicht mehr über ihr gefieder legen sich laub und verse an einen fluss fliegt sie im winter in eine goldene stadt

Wo geschieht die Bewegung?

so kriechlich/ so tauglich/ so nautisch gerüchtlich

so abgründig/ oberfächerlich/ so allwäglich

so anpässlich/ so gewohnlich/ so konförmlich

so normärlich

norm / spärlich
…………………………..

„Die Normalität ist eine gepflasterte Straße. Man kann gut darauf gehen. Doch es wachsen keine Blumen auf Ihr.“

– Van Gogh

inneneinrichtung

früher dachte ich
die spinne
in der ecke meines zimmers
wäre meine mutter
vater
verließ uns
als ich zwölf war

rush hour

über der stadt in deiner stimme
amselzittern verse
aus einem omnibus
häuserschatten
kinderaugen
lugen in einen sich öffnenden himmel

erkannt : uns

haben wirs geschafft : wir verbergen

uns : unter einem dach

borgen uns geborgenheit : umhüllen

kraut mit kraut : halten

uns : unser kind

haben wirs geschafft : haben wirs

erkannt : uns

jon.

in grönland habe ich einen wal
geschlachtet schon vor jahren
und später in einem straßencafé
in paris ein gedicht
darüber geschrieben am ende des boulevards
senkte sich die sonne
in den laufenden verkehr

 

isostasie (mit den amseln verlassen / die königskinder die stadt)

wenn der sommer anfängt werden die tage
kürzer da wir in den nächten leben
macht es uns nichts aus
du sagst espenlaub