narziss

                                     „crede mihi, verum gaudium est res severa“ (Seneca)

 

ununterbrochen leidet narziss : kreidet

auf der stelle dir ’ne bagatelle an

flehst du : hör auf : brüllt er

du vieh : das ist die nachtrittgarantie

 

leid andrer leute : ihm eine freude

höchste freude : die fühlt er : wenn du

stumm gehorchst : merken wirst du’s

nicht : scherzverzerrt ist sein gesicht

 

dass du zu kuschen hast : ist klar

er schwingt den hammer : ich

narziss : der jammerpeter : ich bin

wunderbar : du bist nur : mein fußabtreter

 

du sollst keine welle machen : immer sei bereit

vergebens suchst du seinen körper ab nach

einem wechselschalter : selbstliebe & verletzlichkeit

unzertrennlich bis ins alter : bis ans Ende

 

seines Lebens : hoffst du noch : auf sachverstand : für

ernste sachen : an denen du dich freust : sind

für ihn nur tand : böse kann er drüber lachen

er will : dass du ihn liebst und alles andere bereust

 

 

Heliozentrischer Feuilletonismus

„Was soll aus Europa bloß werden?“ fragen dieser Tage viele etablierte Vertreter einer, gemessen an der Anzahl ihrer Wirkungsträger doch sehr rar gesäten, publizistisch aktiven Öffentlichkeit ihre (noch) Millionen an Rezipenten. Das ist oft natürlich rhetorisch gemeint, denn die Frage impliziert zugleich eine, zumeist tendenziöse Bestandsaufnahme: „Was ist eigentlich aus Europa geworden?“ und in der Folge ein: „Was war Europa jemals und – für wen?“.

Und diese Fragen können, werden sie im Sinne Marcuses in einer negativ geladenen öffentlichen Stimmungslage („die Griechen sind faul und verdienen keine Hilfe“) gestellt, in Form einer „repressiven Toleranz“ bzw. „repressiven Transparenz“ zurechtgeschwiegen werden. So haben gesamtheitlichere Auffassungen des Komplexes keine Chance, den dumpfen Tenor des Mainstreams auf eine höhere Stufe des Verständnisses zu befördern – und damit auch  progressive, out-of-the-box Lösungen, die nicht nur Schulden, sondern auch Arten der Kooperation umfassen würden, in den Fokus der gesamtgesellschaftlichen Debatte zu rücken — also die Chance zu erkennen ein wirkliches, gemeinsames Projekt zu initiieren.

Doch einer solchen Entwicklung stehen ebenjene Institutionen im Weg, die durch ihre fiskalischen Daumenschrauben eine andere, syndikalistische Politik aus den Köpfen verbannen – genauer: die Chance auf ein notwendig falsches Bewußtsein (natürlich auch von Europa aber eigentlich einer ganzen Welt!), voller Tatendrang und Idealismus, also echten, elektrisierenden Zielen, die nicht nur mehr eine gescheiterte Vision reflektieren, sondern zudem einen Bezug zur Realität – zum zeitnahen Erfühlen von Veränderungsbereitschaft von Denkschemata innerhalb der kritischen Masse einer insgesamt reifenden Gesellschaft.
Wie geschichtlich oft nach einer gescheiterten, ausgehöhlten Ideologie oder Erlähmung einer Macht geschehen, wurde eine Generation von  Desillusionierten geschaffen, die zu großen Teilen eine  Leere verspürt, so dass in der Masse Dumpfheit darin zu gären vermag – und ein Versumpfen der intellektuellen „Klasse“ droht.

Bis zu einem gewissen Punkt vermehren sich sich negative Gedanken, sowie positive Gedanken gegenseitig, das kann gerade für Kampagnen gut exerziert werden, aber es nutzt sich natürlich recht schnell ab, auch im Fall „Europa?!“ wird das so sein, wenn es sogar nicht lange schon soweit ist.
Der existenzielle Widerspruch wird stillschweigend akzeptiert:  dass ein Europa – oder natürlich die Welt – Wettbewerb als Bindeglied von Volkswirtschaften forciert – und diese damit zwingt sich gegenseitig zu verfrühstücken, ohne zugleich offen und ehrlich zu sagen: „Ach komm, das ist nur ein Spiel und vor der nächsten Runde setzen wir eh wieder alles zurück auf Null, ich gewinn ja sowieso“.
Da hätten die Deutschen ja mal wieder so ’ne Fresse, weil sie ja die Feier in ihrem „Haus Europa“ immer bezahlen müssten (-und auf Dauer feststellen würden, dass sich ein übertriebenes Leistungsdenken eben nicht lohnt, sondern nur den Rücken krumm macht). Ja, der Herr der Burg (Festung) bezahlt nun mal die Zeche, das ist im Feudalismus, wie im Neofeudalismus gleich. Und wie bei den Fuggern oder Rothschilds waren die festiven Fürsten und Könige immer schön hoch verschuldet.
Aber jene Kontinuität, ob nun, wie dieser Tage Technokraten an der Macht sind, die dauerhaft abgehört und, wenn sie nicht mitspielen, mit Dossiers erpresst werden, oder ob Olaf der Doofe von seinen verschlagenen Hofleuten manipuliert wurde, die historische Kontinuität der zerstörerischen Kraft des Wettbewerbs um das Kapital ist offensichtlich, somit auch seine instrumentale und sogar klerikal-ritualisitische – und in der Folge dissoziative – Wirksamkeit. Das Stichwort Verteilungsgerechtigkeit lockt, als etwas – so wird es eingeimpft – erstens unerreichbares und deshalb zweitens abzutreibendes, kein Schwein hinter dem Ofen hervor, dabei wird dieser Diskurs doch täglich geführt, nur eben von oben: „Es kann nur besser werden, wenn dies oder das von der Masse genommen wird, das wird denen schon noch zeigen, dass die sich mehr anstrengen müssen.“

Hier kommt dann oft das als antiautoritär verschriene Gegen-Argument der „schwarzen Pädagogik“ ins Spiel und ein dezenter Hinweis auf ein Europa der „verschiedenen Geschwindigkeiten“, nach dem Motto von CDU-Strobl: „Der Grieche hat jetzt lang genug genervt!“ – der Grieche ist ein mongoloides Kind – vorzugsweise eines mit ADHS – das es ja (seufz) zu integrieren gilt. Und – noch bricht es am nur am Stammtisch hervor – das eigentlich nie, niemals – ohne uns – etwas wert wäre, weshalb mit (fiskalischer) Euthanasie gedroht wird: „Lern wenigstens Schuhe für Geld putzen! – und deine Puppe gib in meinen Treuhandfonds solang du Kost und Logis nicht abbezahlt hast“.
Wie eine böse, verbitterte Gouvernante des 19. Jahrhunderts herrscht ein Land (und wird zugleich beherrscht), nicht nur geopolitisch, sondern auch ideologisch; die Talking-Points, die Denklinien sind eingefahren, alles ist katalogisiert und planiert, die Subjekte laufen (besser: rollen) trotzdem blind umher, wozu auch sehen? Der geliebte, wilde Westen ist bereits entdeckt und platt gemacht worden. Und nun folgt eben der dekadent-degenerierte Osten.

Brecht zusammen diese Einöde auf?!! Von unten nach oben wächst dann wieder wieder was und, obwohl danach vielleicht noch immer alle blind sind, können sie sich, unter Umständen, in nicht allzu ferner Zeit, immerhin ein wenig lebendiger fühlen und trotz steter Dunkelheit  des Surrens der Libellen, des Duftes von Blumen und Gras, des kühlen, rauschenden Schattens eines Baumes erfreuen und Platon danken.

Adorno schrieb einmal, es sei barbarisch nach Auschwitz wieder ein Gedicht zu schreiben. Das sehe ich nicht so (und es war von ihm sicherlich auch eher provokativ gemeint – im Sinne einer generellen Kritik an Kultur, da ihr möglicher Missbrauch hin zum Faschismus führen kann). Es ist vielleicht pathetisch, kitschig, verzweifelt (und deshalb humoristisch?) romantizistisch, aber ist es nicht immerhin eine Antwort? Träumende Menschen. Menschen mit Zeit. Menschen mit Würde. Menschen mit Wissen. Menschen, die in heruntergebetete Aufzählungen monetärer Moral dialektisch einbrechen.
Es geht über das „dann gründe doch eine Partei“, „mach dies, mach das“ hinaus, es geht um die Erforderlichkeit des Weckens einer aufgeklärten und zugleich doch auch – warum nicht? – psychoaktiv-mystifizierenden Stimmung im Individuum. Und um dessen folgende Kommunikation zu den Nächsten, damit das Unausprechliche, was Blumenkinder, Revolutionäre, Wandervögel – meinetwegen aber auch Jakobswegler – verbunden hat, gestiftet wird: eine starkes inneres und positives Gefühl, eben nicht modernd-dumpf, sondern tief und leuchtend. („We had all the momentum; we were riding the crest of a high and beautiful wave.“ Fear and Loathing in Las Vegas).
Es bedarf also der Hoffnung und diese Hoffnung kann nur jenseits von Hegemoniedenken und Abschottung, jenseits von Oligarchieschonung und Bankenrettung, jenseits von Vorurteilen und Aufhetzung erwachsen.

Schließen möchte ich mit den für meinen Geschmack skeptischen, aber dennoch bedenkenswerten Worten, die Fernando Pessoa, der berühmte portugiesische Schriftsteller der Moderne dem Protagonisten seiner Geschichte „Ein anarchistischer Bankier“ einst in den Mund legte:
„Was will denn ein Anarchist? Freiheit – Freiheit für sich und die anderen, für die ganze Menschheit. Er möchte sich vom Druck der gesellschaftlichen Fiktionen befreien (…) sie zu vernichten aber zugunsten der Freiheit (…). Denn man kann gesellschaftliche Fiktionen um der Freiheit willen vernichten, um ihr den Weg zu ebnen, aber auch um neue gesellschaftliche Fiktionen heraufzubeschwören, die schon insofern nichts taugen können, als es sich wiederum nur um Fiktionen handelt. (…)
Bei dieser Freiheit die nicht behindert werden durfte, handelte es sich selbstverständlich um eine Freiheit der Zukunft und, in der Gegenwart, um die Freiheit derer, die von den gesellschaftlichen Fiktionen unterdrückt wurden.
Es versteht sich von selbst, dass wir nicht darauf achtgeben brauchten, ob wir vielleicht die „Freiheit der Mächtigen“, der Gutsituierten, all jener behinderten, die die gesellschaftlichen Fiktionen repräsentieren und von ihnen profitieren. Ihre Freiheit ist keine Freiheit, es ist die Freiheit zu tyrannisieren, also das Gegenteil von Freiheit.“

„Foucault“ – xy

Mein Hegel ist ein Clochard geworden.
Mein Kant bleibt Aufklärer.
Mein Nietzsche ist nun das Schwein, das er immer werden wollte.
Sei Geist der immer Schwein hat, vor allem Geist.
Sei was du bist, ohne Bedauern.
Sei was dich zu bedauern beansprucht.
Ich war kein Husserl, ich verstehe ihn nicht mal.
Ich war kein Deutscher, und euer Heidegger bleibe beim Altgriechischen wie wir unsere gestopfte Ente haben.
Ich habe Bergson gelesen und bin trotzdem ein politischer Mensch geworden.
Nicht mal Sartre hat mich daran gehindert – oh, und
wie mich das alles da ankotzt!

Versuch einer Geschichte, Geschichte eines Versuches

Vorwort: Dieser Geschichte fehlt nicht nur Struktur, sondern auch ein rechtes Ende, denn ihr Anfang hat zugleich ihr Ende zum Thema – und wo ein echter Anfang fehlt, ist ein befriedigendes Ende leider wenig wahrscheinlich.

Es ist einer dieser indifferenten Tage Fürgegenlands. Sommer? Nicht-Sommer. Doktor? Nicht-Doktor. Göbeln? Oberlausitz. Der Mediziner vom Berge? Der Alte. Almdudler, Jägerhut und Zaunfinken zuwinken. Nachts dann raustreten, abschlagen und nachladen. Heim? Nicht heim. Du nicht? Und auch nicht du. Im Nachbardorf wurde ein jungsteinzeitliches Massengrab gefunden, eine Sippe, Exzellenz, liegt darin und allen wurden die Schädel gespalten. Ach? Blackie, brrr!! Bring Bier mehr mir. Containment-Container? Dorfdisko. Brand-ung? Satz-ung. Siegesgewiss? Spiel-Automat. Situiert? Statuiert: Abgehacktes, abgewracktes, abgekacktes, abgebranntes Land-Schland. Antizionistischen, staatskritischen Juden, Exzellenz, wird oft struktureller Antisemitismus vorgeworfen, und Selbsthass. So? Rajesh, beweg deinen currygelben Arsch hierher! Leih Geld mehr mir. Wie dünn ist die Schale dieser stinkenden Frucht, wie fruchtbar noch ihr Eierloch? Fliegenlarven irren nie. Monotomes Summen webt den Hass zäh in alle Winkel, extra dick für Mnfrd + Hildi & ihre kleine Frigida. Da werden Fragen – was gerecht ist, was ein Maß(stab) – mit einem, aus tiefsitzenden, neurotischen Angstkomplexen entsprungenen Nationalchauvinismus gemixt und das bräunliche Gebräu heißt dann Ex-it, ein wunderbares Abführmittel für alle Demokraturen und solche, die es noch werden wollen. Solidarität, ja – wer wollt sie nicht? Erst kommt das Brennen, dann die Wehr. Macht, ja – wer wollt sie nicht? Erst kommt der ewige Bund, dann das Gstz. Olaf, ein auf Wolken gebetteter Olaf, himmelblau flankiert, wird plötzlich in seiner Mittagsruhe gestört, fängt sodann erbost zu weinen an, als sich zehn verschiedene, für ihn jedoch zu neunundneunzig komma neunneunneun Prozent identische, afrikanische Dialekte auf dem benachbarten Grundstück wie mit Maschinengewehrsalven gegenseitig beharken. Mutter Gudrun und ihre Freundin Anja von gegenüber rufen zeitgleich die Polizei. Matthias, Gudruns Mann und Anjas Geliebter, postet auf Facebook, die Affen vermehrten sich bei ihnen immer schneller und benähmen sich gleichzeitig immer unverschämter. Olaf, ach! – unser aller kleiner Olaf, ärger dich nicht schwarz, sie sind einfach nicht – noch nicht! – richtig integriert, assimiliert, erdeutscht worden. Aber das wird schon. Ansonsten finden sich beizeiten bestimmt einige, heimelige Bio-Gruben, auch für Gudrun, Anja, Matthias und dich – ganz ohne Selbsthasskippa und sicher gut für ein paar tausend Jahre.

Die Philosophie, der Fluss, der aufrecht stehende Körper

Die Richtung ändert sich mit den Jahren. Möglichkeiten haben sich vereinigt, der Fluss aber behält seinen Namen. An den Ufern bleibt nichts wie es ist, aufrecht stehender Körper – du hast keine Chance gegen das Wasser.
Die Richtung wird mit jedem Gedanken neu bestimmt. Aus dem Geflecht der Verbindungen von Wörtern zu Sätzen, von Sätzen zum Blick in den Raum, den das Gedächtnis einnimmt, ersteht eine Landschaft.
Der Fluss fließt immer weiter, die Körper beginnen die Landschaft zu füllen, der aufrecht stehende Körper sieht sich zum Verwechseln ähnlich – ist das jenes Wesen mit Namen Mensch? Nein, das ist nur ein aufrecht stehender Körper.
Der Fluss verschwindet hinter einer Biegung. Der Körper setzt sich in Bewegung. Die Biegung verschwindet, der Fluss kehrt wieder. Die Bewegung dauert an, der aufrecht stehende Körper ist nun ein vorwärts schreitendes Wesen, aber die Erscheinung des Schreitens fehlt dem Wasser.
Der aufrecht stehende Körper war einmal ein vorwärts schreitender Körper. Der Körper kann sich daran erinnern. Der vorwärts schreitende Körper war einmal die Erinnerung einer Landschaft. Die Wörter können sich daran erinnern. Die Erinnerung war einmal eine Landschaft, durch die ein Fluss fließt.
Der aufrecht stehende Körper am Rande des Flusses, die Wörter sammeln sich zu Klumpen und treiben dahin. Da – einer springt aus dem Wasser und taucht wieder ein, der Blick in den Raum weitet sich ins Unsichtbare. Möglichkeiten werden sichtbar, die Landschaft aber scheint sich gleich zu bleiben. Eine Landschaft mit Fluss und darin ein aufrecht stehender Körper.
Da scheint sich etwas gleich zu bleiben angesichts des Rinnsals, das einmal Fluss genannt wurde. Ist das noch ein aufrecht stehender Körper? Das Wesen Mensch hat mit der Zeit die ganze Landschaft eingenommen, in der es nach wie vor fließt, in der sich die Richtung ändert, obwohl sich nichts mehr ändert in der Landschaft.

windjammer vorbei

volle ladung : ungeschützt
zur rechten zeit : angefeuert
mit einer handvoll handfester

lügen : halb glaubwürdig
um meine nerven zu schonen
ich kappe die ankerschnur

nicht : hänge an ihr : halte
verbindung : sende nicht mal
SOS : sondern massiere sie

stundenlang : täglich : hat sie
keine lust : schüchtern sei sie
und müde : müde war sie

gewiß auch und doch ging
sie ab : die kanone : was gehts
mich an : natürlich ist sie

selbstgerecht : immer unschuldig an allem
treulos sprechen wir von treuherzigkeit
versprechen uns die halbe ewigkeit

ist es gelogen : ists zu glauben
ich treibe frei im ungewissen
der rettungsring hat löcher : wer

klammert noch an ihm : sind wir
zu zweit : ist unsichtbar das arschloch
dazwischen : wann kommt festland

wann zieht der windjammer vorbei

Sommerzeittraumatmosphäre

Wolkenzungen schieben sich rasch über einen schmalen Julimond –
frische, kühle Nachtluft lässt Bäume geheimsnisvoll raunen;
das Spiel eines ersten, ins Wirbeln verliebten Blattes
flüstert, verzerrt gespiegelt in den aufgerauht-
ächzenden Wassern des Kanals, Herbst zu,
surrt Wandel den Himmeln entgegen,
und Wind tanzt dunkel-hoch —
ums Blatt wird Licht
am Horizont.

bächlein des philosophen

manche philosophen haben die erotik

einer staumauer von hinten : erhabenes

eintöniges grau: durch das nichts dringt

außer ein rinnsal : vernünftig reguliert

ob trockenheit : ob hochwasser

der pegel bleibt gleich : tippt ihn

das junge mädchen an : stürzt

das monument : ergießt sich die flut

Gedichte

sind verglaste Gebete,
Präparate
auf dem Objektträger

* * *

Seltsame Begegnung

Dreizehn Jahre und drei Kritiken
älter begegnete ich
in der Badewanne erneut
Mandelstam,
Osip Emiljevic.

Eigenartig, sagte er, diese
Geräusche auf dem Fluss
im Frühjahr
zweiunddreißig –
es blubbert wie Wassermusik
wenn Schubert und Mozart sich
durch fünf Wasserleitungen hindurch
unterhalten.

Seltsam, dass Gedichte nicht
altern. Seltsam, dass
sich Menschen nicht
ändern. Sie bleiben einfach
::::::::::::::::::::::::::::::sie selbst.

Die seltsame Farbe des Flieders
breitet sich auf dem Papier
aus, der Duft nach
Fichtensaft färbt das Wasser grün.

Die weite Landschaft
erfüllt das gegenwärtige
Denken mit durchsichtigem Brummen.

Unter der Wasseroberfläche
kocht es bei zwölf Grad.

Du lebtest noch in deiner
glücklichen Zeit, obwohl die
Trauer lange
schon Besitz ergriffen hatte von dir.

Die letzte Kritik
sollte für mich die erste
gewesen sein, und wie es scheint
fängt nach dreizehn Jahren
überhaupt erst etwas an.

* * *

Gedichte und Kaffee, in dieser Reihenfolge –
später Kaffee und ein

Gedicht : Gedicht : bitte

* * *

DU LEBTEST mitten im Schnee, kleiner Vogel
Und mein Haus war dein Haus.
Das Haus vor meinem Haus.
Ja, man kann das Tempo nicht
—————————————— erzählen
Es sei denn
mit Metronom. Schuster, Land-
________________________ vermesser –
Mein Schloss sei deines.
Und du, schwarzer Vogel
bleib, bleib Nachtigall

Der Schlag

Wenn weiche Körper aufeinander treffen, kann es ein weiches Geräusch geben.

Wenn harte Körper aufeinander treffen, muss es ein Geräusch geben.
Wenn weiche Körper beieinander bleiben, wird aus Geräuschen Berührung.
Harte Körper führen geradewegs in den Lehrsatz: eins und eins, so

Wird jeder Vers aufgesprengt am Ende.
Wird aus Berührungen ein Organ.
Entsteht die Frage nach der Syntax –

– aber, diesseits unserer Strophen-
form, den Klumpen zwischen vier
Fingern ermessend – wohin – – wo-

hin mit dem Rock’n Roll dieser Art Seele?

über überwachung

nichts haben wir : nichts sichert

uns : nun pfeifen es die vögel

von den dächern : als wüßten sie

bescheid : nur ich weiß nichts

 

davon : er hat die nacht

mit meiner braut verbracht : breit

lächelt mir die nachbarin entgegen

alles weiß sie : nichts : nicht nur

 

die philosophen in unsrer

aufgeklärten zeit : ich will nichts

als einfachheit und komme

über überwachung

 

nicht hinaus : wer weiß

komm : lass es : keine panik

erfolgreich ist in diesem spiel

die lüge : und : das spiel ist aus

???

Wieso gibts hier seit 2 Monaten keine Kommentare ? Wieso redet hier keiner mit keinem ? Was für eine eitle, langweilige Selbstgefälligkeit ! Sind Dichter wirklich solche Idioten ? Oder sinds einfach keine Dichter ?

AUGUST

grasnacht schneidet den himmel das größere stück gehört dir im geäst vogelmenschen im gefieder stimmen die sprache hat die amsel verlassen singen jetzt im garten dämonen jeden tag lege ich futter aus und fallen die vogelmenschen beobachten mich um das haus schleichen leoparden

late nite am abend das update vom häuserkampf von holzschnitt zu holzschnitt nur die pixel sind echt und das blut am hemd des kameramanns digital sterben ist dasselbe wie analog du kannst nicht wegzippen an den ufern mäanders gehst du ins landesinnere

in die hand gelesen die linien deiner handinnenflächen sind wie ein netz aus geleisen einmal fährt dein zug durch eine flusslandschaft weiter in abschiedsebenen und zu fernen heimwehbergen ein anderes mal durch einen verschneiten märchenwald aus dem dich der ruf eines eichelhähers weckt in der schlafmohnlinie kauern zwei kleine nacktschnecken

ithaka in die augen ziehen berge eine ganze herde ihre hufe donnern über das gras in die augen ziehen wälder ein verschneites geäst aus überlandleitungen verzweigt sich über die felder wie stämme stehen die masten auf lichtungen legen sich deine hände von irgendwo stimmen schatten und gesichter du sprichst mit den eulen über die haut ziehen pferde kondensstreifen teilen den himmel in verschiedene königreiche von fern das schlagen des windes

schwimmerin blau trochitenkalke strecken ihre stielglieder einem wellengebirge entgegen ein meer ist ein himmel in quallenden gewändern fliegen rochen stille entgegen ruhen in schlammigem boden stimmen aus anderen himmeln anderen gebirgen meeren von fischen durchpflügt und armen

personenbezogene daten atem meine haut frisst mich auf wiegen sich fische in einer hand treiben unschuldsvermutungen über arme und schultern das weiße an einem hals fängt an zu sprechen sagt ein schmerz gleitet mit deiner stimme in ein vergessen zum mund geführt ein becher und ein aurorafalter tastet auf deinen lippen gift

sommerfahrt hinter dem zugfenster flieht landschaft vor meinem blick verschwimmen im angelaufenen atem wald und vögel alle zurück gelassenen himmel meiner mitreisenden ein aurorafalter steht still in der sommerluft schleichen berglöwen durch die gänge und abteile hockt prinz eisenherz in einer ecke und liest gedichte in der ferne das pfeifen eines anderen zuges

gefügekunde das traurige im blick von zoogorillas kopfüber in die stille zu den hautflüglern sagen die amseln am ende eines langen frühjahrs streifen durch eine schneenacht unbedacht einzelne stimmen wie der tagbruch von schiefern und gneisen gefügerelikte früherer gebirgsbildungen haben einen genauen plan wie die flügel von insekten und vögel im streulicht eines morgens oder die sich verändernde haut von echsen und raubtieren bringst du die ordnung der sprache in anarchie hautflügler und amseln sage ich dir schärfen die sinne

freizeitpark künstlich ist die welt geworden mit gras- und buschland hinter ebenen märchenwälder schneeberge im gleißenden sonnenlicht teilen kondensstreifen den himmel in hoheitsgebiete verschiedener könige sitzen prinzessinnen und prinzen in flugzeugen auf dem weg in einen neuen süden unter ihnen ganz klein überlandleitungen nur wäsche fehlt darauf das wäre ein richtiger spaß flusslandschaften ziehen durch regenwälder ein rudel berggorillas und waldelefanten grüßen hinauf und in der nacht breiten sich lichter von metropolregionen wie ein sternenhimmel über dem boden aus unten ist oben und oben erlassen könige neue gesetze und strafen fernsehshows quizsendungen und ein weltweites netz mit freundschaften sozialen kontakten stimmlosen gesprächen lachender gesichter über kleine bildschirme große datenbanken und krankheiten scheinen verschwunden vergessen verbannt in ferne reiseziele warten fremde viren krebs lepra und pest wenn ich nachts in wachträumen bei dir liege und das leopardenmuster auf deiner haut nachfahre mit den augen fragst du wohin wir auswandern werden wenn der distelfalter den schmetterlingsflieder wieder verlässt

adelante auf einem marktplatz im süden schweben stimmen ein wie tauben sitzen leute in cafés und lesen gedichte hinter der säule des brunnens singt einer arbeiterlieder der zeiger der kirchturmuhr bleibt stehen auf der stunde des kampfes ziehen worte durch die nacht von straße zu straße mit frauen mädchen und jungen burschen ganz nah ruft das meer aus seiner einsamkeit kehren wellen und möwen zurück an den strand und barken mit toten darin

nighthawks reloaded ankara – istanbul in die schneenacht einer stadt legen sich gesichter und stimmen mit adonisfaltern und jungen mädchen zwischen scheinwerfer von autos bäume mit zwei drei quadratmeter erde schmecken unsere küsse nach himmel und süden und frühjahr mit berganemonen nach abschied über nassem asphalt blitzen elektrische lichtbögen aus den oberleitungen der tram uns mitten ins herz du gehst langsam durch diese nacht der schnee ist dein brautkleid wie tausend sonnen leuchtet dein antlitz bis unsere hände sich trennen hinter dem lokschuppen und die straßen im morgengrauen verschwimmen

ihre kinder essen salzstangen und lügen zwischen häuserzeilen lesen männer in orange papier auf müll und andere opfergaben keine frauen gehen über straßen silberreiher fliegen über ihren köpfen autos in blau und mauersegler nur ein ulmen-harlekin weiß noch nicht wohin

vorabend ukraine über den download eines bergahornwaldes zieht ein schwarm stare ein gebirge aufgeworfen zu falten tritt zutage das sanfte in schiefern und gneisen die lügen der eltern über den krieg im upload des tages flugbilder von hautflüglern schreiben gesichter in den himmel liest du fratzen heraus schattenwürfe von tragflächen auf menschen echsen und schnee

ohne titel schreie in meinem rücken ein raubtier reißt fleisch mikrosilber auf meiner haut neben nierenrinde dem gedicht fehlen flügel beine arme und ein auge zu einem mensch ein mund und ein ohr zu einem tier eine hirnanhangdrüse zu einem baum in diese tage aus weichselholz lassen stimmen die beskiden fallen entlegene täler fern von allen eisen- und autobahnen von jedem meer nur zwei tagesreisen weit ein meerauge in diesem binnenland tragen góralen an ihren hüten muschelschalen im rücken ein schlafender ritter wacht über einen untergegangenen himmel du legst dich zu ihm

zeitvertreib sukkulententage und –nächte stehen spalier lange schaue ich kranichen nach bis ich nur noch schneeberge sehe rote autos passieren elektrische felder himmelwärts eine getriebene du dürstend nach einem ende ohne verglühen einer sonne ein mond lacht über so viel einfalt

nibelungen unter linden liegen überlandleitungen und gebrochene schallmauern und das sollen die hellsten tage sein an denen man schon zum abendessen licht braucht eine nehrung ein haff und ein bernsteinfarbenes meer der tag ist nichts wert über elektrischen feldern schwärmen schillerfalter in der ferne rollende waggons flugzeuge heulen andrzej ist fort und jacek tot ma?gorzata weint schon lange nicht mehr wir schneiden weidenruten und aus dem knochen eines hühnerbeins schnitzen wir eine flöte

initiation am lautesten ist jacek und ma?gorzata schläft leitplanken sind wie die banden eines billardtisches klacken kugeln bei jedem stoß zittert weißes gefieder du spannst dein haar zwischen masten zu einem netz aus erinnerungen wir teilen den schatten eines silberreihers unter uns auf die felder neben der autobahn sind elektrisch vorbei ziehen fahrendes volk und navigierende stimmen zurück bleiben kehllaute als ma?gorzata erwacht wird jacek still

amphitrite segel gesetzt fährt ein schiff auf und ab in einem wellengebirge versteinerte muscheln im schlepptau am grund tone und mergel seeweibslieder ahoi blühen seerosen und –lilien rauh ist das meer und klüftig wie kalkstein schönheit hat etwas zu tun mit unkraut jäten in gedichten und am meeresgrund deine stimme verrät es wie ein seebeben wachsen korallen bäume nur langsamer tauchen wir durch kaltwasserfronten auf schuppigem gefieder

urknall hypothesen zu blütenstaub zerfallen stimmen aus weltenräumen kommen apollofalter und saugen zwischen planeten und sternen lyrische partikel über flügel von mauerseglern hat sich himmel ergossen langsam tropfen verse um verse auf meinen balkon gehen weiße schuhe neben mir her durch ein land aus wünschen und schnee weiter in ein land der amseln dort sprechen gedichte mit mir

tagebucheintrag „kierling, 3. juni 1924“ gestrichen eine dohle atmet nicht mehr über ihr gefieder legen sich laub und verse an einen fluss fliegt sie im winter in eine goldene stadt frisst käferlarven knacken flügel im frost geht eine frau über eine brücke auf der anderen seite stimmen wie hufedonnern von büffelherden über prairiegras tauchen zerfledderte kondensstreifen in abendrot blicke und bekannte gesichter eine dohle atmet nicht mehr über ihr gefieder legen sich laub und verse an einen fluss fliegt sie im winter in eine goldene stadt

Wo geschieht die Bewegung?

so kriechlich/ so tauglich/ so nautisch gerüchtlich

so abgründig/ oberfächerlich/ so allwäglich

so anpässlich/ so gewohnlich/ so konförmlich

so normärlich

norm / spärlich
…………………………..

„Die Normalität ist eine gepflasterte Straße. Man kann gut darauf gehen. Doch es wachsen keine Blumen auf Ihr.“

– Van Gogh

inneneinrichtung

früher dachte ich
die spinne
in der ecke meines zimmers
wäre meine mutter
vater
verließ uns
als ich zwölf war

rush hour

über der stadt in deiner stimme
amselzittern verse
aus einem omnibus
häuserschatten
kinderaugen
lugen in einen sich öffnenden himmel

erkannt : uns

haben wirs geschafft : wir verbergen

uns : unter einem dach

borgen uns geborgenheit : umhüllen

kraut mit kraut : halten

uns : unser kind

haben wirs geschafft : haben wirs

erkannt : uns

jon.

in grönland habe ich einen wal
geschlachtet schon vor jahren
und später in einem straßencafé
in paris ein gedicht
darüber geschrieben am ende des boulevards
senkte sich die sonne
in den laufenden verkehr

 

isostasie (mit den amseln verlassen / die königskinder die stadt)

wenn der sommer anfängt werden die tage
kürzer da wir in den nächten leben
macht es uns nichts aus
du sagst espenlaub

 

die würfel

fallen : wir fallen mit

hinunter : hinauf

die hormone : drehen

am zeitrad : um das

die katze streicht

schmeichelnd : fauchend

die würfel : fallen

und wir fallen mit

Gesternmorgen

Heute morgen, als ich auf den Balkon trat, erinnerte ich mich schlagartig an einige jener wunderbaren Tage meiner Jugend, die sich so mit sensorischen Erinnerungen aufgeladen haben, dass sie scheinbar unvergeßlich, ja geradezu unsterblich geworden sind.

Im Frühsommer, Ende Juni, kurz vor Beginn der Sommerferien, die im Norden stets recht früh einsetzen, zeichnete sich bereits in den frühen Morgenstunden ab, dass das Wetter es in den kommenden Stunden gut mit den Menschen meinen würde.

Die Luft war mild, Vögel zwitscherten fröhlich und es roch aus allen Winkeln nach Sommer. Ich zog mir dann, voller Vorfreude, eine kurze Hose sowie Sandalen an und radelte, oft mit einem Lied im Ohr und summend, zur Schule. Auf dem Weg genoß ich den anschmiegsamen Fahrtwind, schnupperte den verschiedenen Gerüchen von zarten Blumen, erwachenden Wiesen und brünftigen Bäumen nach und dachte sehnsüchtig an die hübschen Mädchen in meiner Klasse. Manchmal war ich auch ein wenig traurig, würde ich die gerade heimlich Angebetete doch bald sechs Wochen lang nicht mehr sehen.

Diese Viertelstunden, diese Frühsommermorgen sind mir heute, ein knappes Vierteljahrhundert später noch so nah, dass ich das Gefühl habe, es sei erst gestern geschehen, als ob der zehnjährige Junge in mir, mit einem Lied auf dem Lippen, voller Hoffnung und zugleich süßer Melancholie, nie verschüttet worden sei von den folgenden, dahinrasenden Jahren. Wie relativ die Zeit doch zu wirken vermag.

Und so fremdelte ich heute Morgen auch nicht mit dem Gedanke an das Alter, denn ich war mir sicher, dass mir diese so tief eingebrannten Erinnerungen an magische Stunden niemals vergehen, dass Jugend nie fern sein würde, wenn es mir stets aufs Neue gelänge, den Duft von jenen warmen Frühsommermorgen zu erhaschen.

Verlorene Freunde – Odyssee des weißen Schiffs

Wie ein tollwütiges, kratzendes Geräusch stellt sich mir die Lebenslage mancher Menschen, die ich kenne, dar. Nicht unbedingt als ein Geräusch, das per se ein unangenehmes Gefühl hervorrufen möchte, doch als eines, deren Urheber sich nicht anders zu helfen wissen, als durch disharmonisches Auftreten Aufmerksamkeit zu erregen.

Da jaulen, krächzen Seelen, gezeichnet von Einsamkeit, Sucht, verinnerlichten Erwartungshaltungen der oft besserwisserischen ‚Erfolgreicheren‘ um sie herum und wer wäre ich, ihr Unglück reglos abzutun? Das Dilemma ist nur, wie jenem schalen Beigeschmack beizukommen ist, der sich offenbart, da bewußt wird, nicht wirklich helfen zu können, liegt eine Lösung doch allein in ihrer eigenen Hand — aber sei dies der Wahrheit letzter Schluss? Ich zögere.

Wie Sirenen sitzen sie auf den Felsen der Kliffe ihrer Probleme, rufen, wie sie wähnen, erlösende Schiffe herbei, die doch alle niemals anzulanden bestimmt sind, sondern lediglich dazu, desgleichen zu zerschellen und deren wenige Überlebende ebenso an den Gefilden der Verdammten stranden.
Sie haben Angst davonzuschwimmen, die starke, unterirdische Strömung zu überwinden, im Sog der Haltlosigkeit zu ertrinken und so verhungern sie langsam aber sicher, leiden an emotionalem Skorbut, einzig genährt von angespültem Mitleids-Aas ohne Zukunfts-Vitamine, kämpfen mit halbtoten Neuankömmlingen um die besten Plätze auf der Promenade der Verzweiflung – wissen nicht vor und nicht zurück.

Vielleicht irre ich nicht in meinem Zögern, vielleicht können wir tatsächlich trotz allem etwas tun: wir, die (ohr)gestopften Seefahrer sollten ihnen Sirenen werden, sollten ihnen zusingen, leuchten, damit sie ihre Angst überwinden, sich in die Brandung  zu stürzen, auf dass wir sie schließlich an Bord hieven können. Dennoch: das Fenster für die Rettung ist klein, verlieren sie doch nach und nach Zähne, Ohren, Augen und fallen, wagen sie nicht rechtzeitig von selbst zu springen, eines nicht allzu fernen Tages in den Malstrom, der unter ihnen tost, können unsere Rufe nicht mehr hören, das rettende Seil nicht mehr erspähen;
ihr Platz auf den Klippen der Ungewissheit bleibt niemals lange frei.

A day in the life (Liebe, Sommer, Diesseits)

Inmitten einer Wiese liegen zwei Körper. Das Gras ist tief und weich und sich darin zu betten gefällt beiden offensichtlich sehr. Hände und Füße räkeln sich, ahnen Halme, Blumenkränze, spüren Haut. Käfer, Ameisen und Mücken existieren heute für sie nicht, nicht an diesem Tag, da ihnen diese Wiese die Mitte des Universums ist. Um sie herum leuchten lila Rhododendren, roter Klatschmohn und gelbe Wasserlilien wie wohlwollende Freunde. Die den Körpern eigenen rosa-orange lächelnden Gesichter strahlen, in pastellene Ornamentik getüncht, bedingungslose Freude aus.

Sie sind sich sicher, nichts wollen sie, denn alles was sie brauchen, haben sie im Hier und Jetzt. So sehr lächeln sie ob der sie umfassenden Wunder der Natur, ihrer Liebe zum Moment, dass die jenes Überflußes ungeübten Gesichtsmuskeln leicht zu schmerzen beginnen – kann es ein süßeres Leid geben? Ein erfrischender, befreiender Schauer inbrünstigen Lachens hallt, getragen von der milden Wärme des ersten wahren Sommertages über das Land. Es ebbt in Glucksen ab und kehrt in jenem wissenden Lächeln, das alle Zeiten zu durchdringen vermag, wieder ein.

Zwischen dionysischer Lust am Wegfall aller Grenzen und der meditativen Einkehr in die Erkenntnis der Unveränderbarkeit des Seienden liegt nichts weiter als ein Wimpernschlag; die Körper auf der Wiese akzeptieren diesen Dualismus ohne Murren, denn es ist Sommer und ihre Hände liegen ineinander und ihre Gedanken flüstern sich das vernommene Versprechen von Ewigkeit zu.

Eins mit der Erde werdend, den durch eine tiefstehende Sonne von Farben gefluteten Abendhimmel bestaunend, faserige Nuancen darin zu erahnen, geheimnisvolle Muster zu erhaschen, raunen die Körper – siehst auch du? Ja, auch ich sehe.
Haar schmiegt sich an Haar, neugierige Blicke saugen Milliarden Jahre altes Licht ein und Gedanken schweifen zum Ursprung von Raum und Zeit. Das Teichgras, Halm an Halm, durchtränkt vom letzten, goldgelben Licht, durch eine kaum spürbaren Brise sanft gestreichelt, wiegt sich wissend; bald wird es Nacht.

Kerzen flackern, als blassrosa Marmorduft zu den glänzenden Körpern im Bade spricht: heiligt das Wasser, in seinen Wirbeln und Wogen bricht sich, stets im Fluss, immer und immer wieder die Zeit, verschmilzt, atmet Fläche, versinkt.
Säule, Spiegel, Schräge: der Raum, gefaltet, in plätscherndes Tappsen getaucht; wie im Tanze runden sich die Ecken, wird weich der Stein, und wärmt sich alles Kühle im Feuer der Augenblicke, da tiefschwarze, unendlich geweitete Pupillen, fragend und versichernd zugleich, die Nacht willkommen heißen.

Was wird

was werden kann aus uns : wir ahnen es

und bangen : wohin gehst du

wo bleibe ich : wir schreiben es im fieber

auf die fahnen : verraten uns

 

kaum dass wir angefangen : so treiben wir

so treiben wir uns voreinander her und sehnen

uns nach einfachheit und ruhe : wie unerreichbar

wie versteckt mein schlafanzug in deiner truhe

 

damit der fremde ihn nicht sieht : kommt er

zu besuch : wir finden und verstecken uns

aufs neue : wissen : aber glauben nicht

wem wir gehören : scheue blicke

 

werfen wir uns zu : so ist es gut

und so wird gut : was wird

Hawaii

Martin hatte angerufen und gesagt, dass es ihm schlecht gehe. Ob wir uns treffen können, war er ohne umschweife zum punkt gekommen.
Klar, hatte ich geantwortet.

Was ist los? fragte ich ihn.
Martin ist mein bester freund, und mein einziger.
In der zeitung las ich, dass ein radioteleskop auf Hawaii die am weitesten entfernte galaxie entdeckt habe.
Dreizehn komma acht milliarden lichtjahre entfernt. Dreizehn komma acht milliarden jahre sei das all alt. Die galaxie liege damit am rand des universums.
Was beunruhigt dich daran, fragte ich.
Wenn sich das all ausdehnt, waren wir vor dreizehn komma acht milliarden jahren eins mit dieser galaxie.
Wie konnte sie uns verlassen und sich derart weit entfernen? Weißt du eine antwort darauf?
Ich schaute ihn nur an.
Stell dir vor, das licht, das sie auf Hawaii von dieser galaxie empfangen haben, ist so lange unterwegs gewesen, wie das all alt ist. Genauso gut könnten wir heute am rand des alls sein.
Was soll ich darauf sagen? Stell dir vor, fuhr ich fort, wir hätten keine radioteleskope erfunden und entwickelt, wir wüssten garnichts von dieser galaxie am rande des universums.
Und stell dir weiter vor, in dieser galaxie hätten sie radioteleskope erfunden und entwickelt, und würden damit uns in einer entfernung von dreizehn komma acht milliarden lichtjahren entdecken. Sie würden annehmen, dass wir am rande des universums lebten. Das ist in der tat höchst beunruhigend. Was mich dabei aber tröstet, ist, dass wir garnicht wüssten, am rande des universums zu leben. Denn wir haben ja kein radioteleskop erfunden und entwickelt.

Was mich aber wirklich beunruhigt, ist, dass die menschen auf Hawaii am rande des todes leben.
Martin schaute mich an.
Ich verstehe, sagte er nach einer weile, ich verstehe.

Vielleicht hast du recht. Und nach einer pause: nicht nur auf Hawaii, auch wir hier in Mitteleuropa, leben am rande des todes.
Du und ich.

 

Der Stein der Weisen

Phosphor und Kupfer – Lernhilfen für die fügsame, vielfach in sich gefaltete
Struktur, man möchte Euch ansprechen können als Wesen das denkt, weil es ein denkendes Ding ist, – – – – – – – – —
Aber der Weg
_ _ _ _ _ _ _ _ _ _ ist weit vom atomaren Pentagondodekaeder über die menschlichen Formen der Hitze, Kälte und Wärme bis in die Zwischenräume der Sätze, wo der Sinn ein ausatmen bleibt. Aureole, Engelskrone in Raum & Zeit, Ausstülpung von Erinnerungen der Materie an die Kristallpotenz von Glyzinien und Impressionisten, es
Sei eine Treppe aus Photonen in der Dunkelkammer

Überm Stein

Joggen bei vierzig Grad
Dafür muss man schon verrückt oder verliebt sein:
Was schlimmer ist?
Das Klappern der Laute
Im Satz, ihre Spaltung
Wenn einfach nicht stimmt was da steht
Oder gestern stimmte, zufällig
Zusammengewürfelte Reihe von Augenblicken
Das sich selbst genügende Hämmern, bis alles Material
Zerbrochen oder zerstört –
Die Äpfel auf der Wiese
Werden ihren fauligen Duft entwickeln
Um sich darauf zu betten und
Tragen zu lassen
In die Niederungen, bis es wieder
Aufwärts geht in die Strudel