Funktion denken (2)

Zum Beispiel Russland: Schnee
ist das weiße Rauschen aller
unserer Objekte, Schwester, du

weißt wovon ich rede. Innen
war die zukünftige Kon
vention, die Invention definier

ter Gelegenheit; du wirst meine
Maske sein, wenn Puschkins
Urgroßvater sein <>

Wiederanstimmt: wieder und wieder!
Das eine Buch handelte von
Schwerindustrie, Tod & Enthusiasmus.

Kategorien oder Liebe … dein Haar
reicht von Neufundland bis
Florida – skythische Braut du – – eine

Pipi, Papa, Pupu, Popo… ja was denn nun?

„Mein Leben gähnt mich an wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus. Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, einige verwelkte Rosen und zerknitterte Bänder auf dem Boden, geborstene Violinen in der Ecke, die letzten Tänzer haben die Masken abgenommen und sehen mit todmüden Augen einander an.“ (Georg Büchner)

Für manche Menschen ist der Donnerstag gelb. Oder hellblau. Vielleicht Violett. Wie Viola, das Veilchen. V wie Violett war der erste Buchstabe im Vornamen meines Geliebten. Er hieß nach Oscar Wildes zweitem Sohn. Seine Mutter mochte den irischen Schriftsteller. Schon nach unserem ersten Treffen wusste ich, dass er seinen Namen hasste. Es war der Tag, an dem wir begannen, uns oft zu treffen, als er mir

Ich riß die Finger aus dem Mund und suchte nach einem Gummiband. In meinem Nähkasten lag eines, rot und fleischig. Ich wickelte es mir um, bis die Fingerspitzen blau zu werden begannen.

Staub fiel in feinen Körnchen von einer Packung, während ich sie aus dem Regal nahm. Aus dem blau gewürfelten Pappkarton zog ich ein eckig geformtes Flakon heraus, eher unscheinbar, mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit gefüllt.

Melisand hockte im Schneidersitz auf dem Sopha. Sie rauchte eine lange, schwarze Zigarette, als ich ihr Zimmer betrat, und sie las gedankenverloren in Oscar Wildes De Profundis. Sie blickte erst von dem Buch auf, als mein Parfum ihre Geruchsnerven streifte.

Was soll ich dir sagen, willst du es überhaupt wissen. Langweilt es dich nicht? Ach, ich sage dir was: manchmal langweilst du mich auch. Dein Geist ist nicht immer scharf oder kommt üppig zu wachsen, dein Körper ist oft müde und schlaff.

Meine Gedanken waren immer noch bei dem Gespräch, das ich am Freitag mit Virginia geführt hatte. Sie hatte zwar ein wenig durch die Blume gesprochen, wie sie es häufiger tat. Dennoch kam ich nicht davon los, was sie gemeint hatte, während sie es aussprach. Es hatte viel mit meinem Verhältnis zu Konrad Schmetteling zu tun. Genau genommen verband mich nichts mit Konrad Schmetteling. Es war ein Verhältnis, das sich abspielte, ohne daß etwas Nennenswertes geschah.

Melisand hatte begonnen, sich auszuziehen. Unter ihren Rüschen war sie nackt. Ihre Haut roch nach Nocturne de Caron und ich erinnerte mich vage an einen merkwürdigen Tagtraum.

hüftnah einspinnen

Efim Jurist schwebt durch Klänge : Piazzolla
Reißt sie in Fetzen : ich blicke auf deine ruhig

Übereinander geschlagenen Knie und sehe
Die Schwere nicht : ich spüre den Knoten

Mit dem wir uns hüftnah einspinnen
Um Mitternacht : den Fluchtweg

Immer im Blick : vergessen haben wir
Den Ausgang : die Lust am Entknoten

Ist größer als jedes Lamento : Jourist
Verhallt : Piazzolla endet jäh

Brennt die Zeitung an!

dein vater ist bekloppt. erst entkalkt er die kaffeemaschine und lässt die tablette drin. dann brennt er die zeitung an. das kleinkind kommt in den laufstall. die hunde von oma haben nicht gehorcht, weder der eddie, noch der purzel oder der lumpi. weil die oma immer diktieren wollte. das haben die sich nicht gefallen lassen. die waren so stur wie ihr frauchen. zur belohnung darfst du den hund ausführen, sagte oma, nachdem wir die botengänge für sie erledigt hatten. und immer war es windig. nachdem die hecke geschnitten war. der kirschbaum, die birken, alles flog im sommersturm zur seite. und dann hatte sie keinen vater mehr. der pflaumenbaum war innen hohl und brach in der mitte durch. am anderen tag sahen wir an den ästen ganze pakete von unreifen pflaumen. kommst du jetzt mit in den laufstall? ein feuerzeug und eine zeitung brauchen wir zum spielen. zum dein vater ist bekloppt spielen. hast du den teller leer gegessen. ich habe deiner oma kostgeld gegeben. für die innereien, die sie meinen jungs serviert hat. bei der oma essen wir nicht mehr. dein onkel sollte gärtner werden. für fünfzig pfennig mussten wir rüben hacken, der junge lag neben mir im kinderwagen. abends, wenn wir fernsahen, kam dein vater immer zu uns im grauen kittel aus der werkstatt. da kuckte der junge hinter dem vorhang. und du hast im auto gesagt, max und moritz wixen auf dem tonberg, ich saß vorne und du mit deiner mutter hinten. und du sorgst für mich. das hat sie mir hoch angerechnet, die mutter blume. deine mutter dagegen hat nicht locker gelassen. ihr dünkel, ihre arroganz, ihr schwarzes haar.

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Liebe (ein philofeministisches Groschenroman-Fragment)

„Du Schuft  und dein dir eigener boshafter, chauvinistisch getränkter Charakter kann mir gestohlen bleiben! Ab jetzt suche ich mir einen sensiblen Mann, einen, der mich auf Händen trägt, der mich, eine Frau, als vollwertigen Menschen ansieht und nicht nur als ein Stück Fleisch mit dem man alles machen kann und das erst plattgeklopft so recht genießbar wird.“

Sie wandte sich von ihm ab und obwohl sie sich unwillkürlich der Inszenierung dieses Abwendens – wie in den unzähligen von ihr so geliebten Schwarz-Weiß-Filmen – bewußt wurde, so war das in ihr brodelnde Konglomerat aus Traurigkeit, Wut, Hass und Sehnsucht nach Liebe doch so authentisch, dass die Mischung aus Geste und Vehemenz ihrer Emotionen ein winziges Lächeln in ihre Mundwinkel zauberte. Konnte es sein – hatte sie etwa Spaß an ihrer Rolle?

Während sie diese, ihr Selbst-Bewußtsein hinterfragenden Gedanken beseite schob und rasch nach seiner Reaktion auf ihre halbe Performance lugte, überraschte sie die mittlerweile in seinen Blick getretende, entwaffnende Milde.

„Ja, Endstation Sehnsucht, meine liebste Seeräuberjenny. Es ist wahr! Sicherlich bin ich ein epischer Schuft brecht’scher Proportionen!
Und manchmal ist’s mir – und scheint’s dir, ich kann es dir nicht verkennen – als wärst du jenem, auch mir beizeiten fremden Ich, nur Beiwerk, nur Zuckerguss dessen wahrer, egomanisch-selbstzerstörerischer Natur.

Doch was liegt darunter verborgen, was ist es, das dich – trotz allem – spielen, das dich lächeln, das dich deine Gefühle, obschon umherwirbelnd wie ein karibischer Sturm, tief, ruhig und klar in dessen Auge wissen lässt?“

Nun wandte er sich langsam, mit wohlkalkulierter Theatralik von ihr ab – jeder seiner nun folgenden Schritte schien einem Zweck zu folgen – und während er sich sicher sein konnte, dass sich ihre Hoffnung auf seinem Rücken sanft bettete, ertönten die ersten Klänge von Chopins zweitem Klavierkonzert.

* * *

Die Rosen dufteten betörend an diesem frühen Sommerabend. Die drei Freunde beschlossem, ja was, es spielt eigentlich gar keine Rolle. Selten genug ist ein dritter Satz bereits so festgelegt, dass alle weiteren Worte auf den blauen Sack am Ende des Textes zusteuern müssen – ob sie nun wollen oder nicht.
Was also sagt mir dieser Duft, kann er uns überhaupt etwas sagen, es wäre eine Aussage über die Vergangenheit von derjenigen Art, wie. Eine Anzeige in der Zeitung. Texte kann man lesen, man kann sie schreiben oder aufgeben. Eine Flaschenpost – oder ein Päckchen unbekannten Inhalts?
Gefährlich, gefährlich wispert es in den Neuronen. Wo sonst, fragt sich der Mensch der Zukunft. In der Gegenwart ist jeder Text bereits ein Rechenschaftsbericht des Wortkünstlers an seine, vielleicht auch nicht seine Mitmenschen.
Mit dem vierten Absatz beginnt etwas Neues. Lassen wir den Text mit seinem zweiten Satz anfangen … es spielt eigentlich gar keine Rolle. Das Problem ist also nicht das Ende, es ist immer der Anfang.
Oder liegt es im Eigentlichen? Die zum Jargon verkommene Sprache ist leider kein Körper, den man begraben könnte wie einen toten Hund. Sie wehrt sich gegen denjenigen, der sie benutzt. Es ist der Weg zur Mülldeponie
und drei Freunde beschlossen … nichts, vierbeinig wie sie damals noch waren. Der Dreibeiner hatte noch nicht das Licht der Welt erblickt. Aber die Rosen dufteten bereits wie.
Ja, es spielt doch eine Rolle. Könnte gut sein, dass sie stinken. Der Mensch der Zukunft liest seinen Text und denkt nicht. Denkt nicht was zu denken vorgegeben in den Rosen, Säcken oder sonstigen Worten.

Tendenz: Sonnig.

Denn kaum war Mutter im Krankenhaus, nahm Vater das Feiern, das Essen und Trinken mit seiner Familie wieder auf. Vater – ganz wie der Tintenfisch ein Meister der Tarnung.

Neujahrsmorgen : Wroclaw

der Schnee hat Stille gebracht und er
verwandelt den Blick : ich blicke
vom Fenster auf : Türmchen und Zinnen
strecken ihre Ärmchen den Flocken

entgegen : wie schön! : die Sonnenuhr
zeigt nichts an : nicht mal die Mondphase
letzte Nacht wimmelte es auf dem Platz
das Volk versammelte sich : seit Jahren

schweigt der Erker unter der Uhr : früher
verkündete hier der Bürgermeister
die Neuigkeiten : Gesetze und Urteile
wurden sofort vollstreckt : am Pranger

stand Veit Stoß : nach seinem Rendezvous
mit fünf Jungfrauen : auch heute gäbe es
viel zu verkünden : und manch chattende
Jungfrau wünscht ihren Liebsten

am Pranger : wenn er mit anderen chattet
wie hässlich! : Eifersucht überlebt Innovation
Reformation und Gegenreform : archaisch
tief verwurzelt : kehrt sie als Racheengel

zurück : auf der Bühne wird bis um drei
Uhr nachts die Liebe besungen : als wäre
sie fortgegangen von uns : fortgegangen
vom Menschen : wir chatten und beschwören

sie : umsonst : ja : wir entwickeln
uns : einen Schritt vor und zwei zurück
Stille bringt der Schnee : schnell
rollt das Räumfahrzeug drüber : damit

wir wieder : wie gewohnt! : lärmen

geträumt : ich träumte

Ja : ich habe geträumt : ich träumte
Vom Großen Meister : einem untersetzten
Mann : den du anhimmelst : dem du

Allerlei vermeintliche Wahrheiten
Über mich erzählst : von dem du
Erlösung erhoffst vor deiner Flucht

Nach Amerika : doch er ist schwul und lässt
Sich von dir nicht becircen : souverän
Stolziert er davon : ich erblicke

Seinen wackelnden : halbbekleideten
Hintern : ein Pavian ist unser Meister
Von seiner Gunst hängen wir ab : er

Lobt und er tobt : er zieht
Die Strippen : damit wir
Nicht aufhören zu tanzen

osmose der zeit

die türen sind in die schlösser gefallen
selbst erinnerungen vermögen nicht
sie wieder zu öffnen
die raubtiere haben sich schlafen gelegt
nur für diese eine nacht
in der du ausruhen kannst
über die felder gehen
und den schnee

Inwendig

Hängen geblieben
vom nicht Losgewordenen

Die Augen schwärzeln
tiefe Unendlichkeit

sehnt sich in mir

Verflossene Gebierde
steuert uferlos
aufs trunkene Meer

Wallend schreiten
Stücke aus korianderblüten
blasser Haut

nuancieren Ähren
deines vergessenen
Wunderseins

Ungeheuer Schweigen

Bewahren die Schönheit
des Menschen, der Städte, der Verse.
Wie finde ich mich in die Schuld
der Kriege, des zerstörten Lebens,
des belanglosen Gedichts, des Hauses,
in dem ich die traurigsten Nachmittage,
am Ende mich selbst vergesse.

Dieses Schweigen.
Dieses mundlose Ungeheuer, das unser
Entsetzen verleugnet, jedes verwandelt
in niemals Geschehenes und
selbst unsere Schreie umformt, umlügt
in taubensanftes Säuseln
kindischer Klagen.

Entehrt alle Schönheit,
Landschaften verkrüppelt, die Jahre
der Häuser übertüncht, als sollten sie
die Male verschweigen, die das Verdrängen
bis in die Sparren schlug, ohne Besinnen,
ohne Erbarmen mit uns
des Aufbegehrens Entwöhnten.

Windgeschützt

Zum zweiten Mal hat jetzt der Hund vor unsere Tür geschissen. Aber es muss ein kleiner Hund gewesen sein. Oder ein Fuchs. Ich frag mal bei Rossmann nach Hundeex. Oder ich nehme Teebaumöl. Das riechen die nicht gern. Ein Lappen mit Essig soll auch gut helfen. Warum der sich auch gerade in unseren Hauseingang setzt. Vielleicht ist es da schön windgeschützt. Sagt H. Der hat Sinn für Natur. Und ein Herz für Tiere. So ein Lehrmeister. Warum der Hund wohl einen windgeschützten Ort zum Scheißen braucht.

Paris

18ter november deine haut
bereitet sich auf den winter vor
letzte woche sprachen dichter über sprache
eichelhäher
tausendgüldenkraut
giersch
gestern wurden freundschaftsspiele im fußball abgesagt
heute beobachtest du eine gruppe kinder beim schulgang
spiegelt sich der schneehimmel in einer pfütze
wir atmen neonlicht
ich beobachte deine schulterblätter
und meine hand legt sich auf deine halb entblößte brust
die stadt der liebe schließt ihre tore

Ich dacht da is ne Leiche drin

Dein Vater hat so oft im Auto gesessen und gewartet. Und deine Mutter, die hat schon lange nicht mehr richtig  für deinen Vater gekocht. Wenn der mal ne Mettwurst wollte, musste er sie wieder aus dem Einkaufswagen rausnehmen, weil deiner Mutter das zu teuer war. Aber Toastbrot haben sie gekauft, immer Toastbrot, ich habe mich gefragt, wie kann man soviel Toastbrot essen. Nichts Vernünftiges, kein Obst, kein Gemüse, nur abgepackte Sachen. Dein Vater musste so oft warten. Das ist doch langweilig für einen Mann. Aber dann musste er überall halten, wo öffentliche Müllkübel waren. Da hat nämlich deine Mutter ihren Hausmüll rein entsorgt. Wenn sie einer gesehen hätte dabei und angezeigt, dann hätte sie einen Zettel wegen Ordnungswidrigkeit erhalten. Dein Vater wusste, dass das verboten ist. Aber er kam nicht dagegen an. Bei der kannste das vergessen, sagte er. Und dann die Schreibmaschinen und der Computer im Weizenfeld, kucken se mich nicht so an, sagte der Bauer, ich weiß, dass Sie das nicht waren. Wenn der da mit dem Mähdrescher drüber gefahren wäre. Ich sah den riesen Plastiksack und dacht da is ne Leiche drin. Das hat se gemacht, deine Mutter. Dein Vater hat sich einfach nicht mehr dagegen gewehrt. Wollte nur noch seine Ruhe haben. Was sollte er auch machen. Das war so ein Guter. Und hat einfach aufgehört zu atmen.

unaufhörlich : Konstanten

Die Reise mit dem Zug durch Thüringen
Gleicht dem Tauchen durch ein Landschaftsbild
Aus dem 18. Jahrhundert : sanft hingewellt

Ein lieblich ausgerollter Blätterteig
Gespickt mit spitzen Fichten : bunten Bäumen
Die Zeit bleibt stehen und der Atem auch

Erneuerung kreist unaufhörlich : Konstanten
Der Erinnerung : hier suchten manche
Ihre Liebe und verloren sich in den Tälern

Aufatmen

Dreizehn Jahre und drei Kritiken
älter, du hängst nun
als Ikone
über Schreibtischen.

Wohin werden sie dich
geleiten?
Wozu werden sie dich
befragen?

Dreizehn Jahre, die Abstände
zwischen den Ereignissen
suchen nun
ihre Logik in dir.

Du bist nicht mehr
der du bist –
Gletscherspalte & naive
Nachahmung.

Du bist nun eine
Frau mit einem Körper
aus Glas, Fensterscheibe –
Mauer – Eingangstür.

Ein Mensch in
der Blüte seiner Kraft,
ein Mann in seiner
Kindlichkeit.

Du bist nun das Kind
das du immer sein wolltest.

Zeit, endlich erwachsen zu werden

Der Schreibtisch wartet
auf dich wie ein
gealterter Geliebter,
sicher schwebst du
zwischen die Fächer des
Bücherregals.

Flieder? Tempera? Arsen?

Am Bahnhof warten sie auf dich,
immer wieder.
Am Bahnhof haben sie immer
eine offene Hand für dich übrig.

Was ist das

Die Würde des Menschen : du bist
Auf der Suche : irgendjemanden
Wird es geben : der dir entspricht
Ich bins nicht : den du suchst
Du strandest immer wieder

An denselben Inseln : immer gleich
Sehen sie aus : du träumst
Vom Paradies : wo du bis Mittag
Schlafen kannst und dann
Deinen Spaß hast : es sind immer

Wieder karge Eilande : auf denen
Du landest : aus der Ferne
Schön : von Nahem kahl und hart
Solange du suchst : bin ichs nicht
Mich hast du längst gefunden

Ich halte dir den Rücken frei
Damit du weiter suchen kannst
Ohne inneren Kompass : ohne
Festen Griff : ein Goldfisch
Bist du : schlüpfst durch alle

Hände : den Teich hältst du
Für die Welt : ich war auch
Auf der Suche : warf meine Angel
Aus : du hast angebissen
Und gezappelt : mich überkam

Die Angst : zurück ins Glitschige
Bist du geglitten : ich kralle mich
An dir fest : laufe von Ufer
Zu Ufer : wo bin ich : wen suchst du
Solange du suchst : bin ichs nicht

Du suchst und findest ständig
Irgendwen : mich läßt du stehn
Wie eine alte Tasche : da ist
Die Menschenwürde drin : versteckt
Ein Strandgut : das keiner kaufen

Will : liegengelassen : vergessen
Ich hab mich längst gefunden
Und wieder verloren in dir

November

Bevor wir gingen,
brachen wir die Tage des Schweigens an
und zehrten an ihnen.

Der Hunger hing in Winterfarben
an den Fingern.
Mit körniger Stimme rieselte er
ins Stundenglas der Liebe,

und das Laub brannte
den Sommer aus.

Erst gestern fand
ich mich zinnoberrot am Rand
der Nacht.

Altes Spiel

Das Sterben beginnt,
sobald du dich selbst belügst,
nicht weißt, wofür du noch kämpfen
kannst, warum du jeden Morgen
wieder erwachst.

An einem beliebigen Abend
beginnt es, an einem der blassen Abende
wie so viele andere, die du deiner
Lebensuhr abgerungen hast,
solch ein Abend wird es sein.

Fragen wirst du:
Warum hassen, warum lieben?
Du wirst die Antwort vergessen haben,
und deine Uhr gibt auf zwischen
zwölf und eins.

Badewanne

Heiß, fünfundvierzig
Grad mindestens
ab dreiunddreißig
seit Lesen wie Rotwein & Sex
kein Pardon, keine Frage
ein paar Worte
nach dem Joggen
wenn die Poren im Ge-
dächtnis besonders empfänglich
für Leid & Sinn, Unglauben aller Art

Auf der Flucht

Dann packst du einfach deine Siebensachen,
verschwindest spurlos, löst dich auf in Luft.
Wird Zeit, sich auf die Socken nun zu machen,
nur raus, nur raus aus dieser dumpfen Gruft!

Am Bahnhof siehst du, es gibt viele Züge.
Nach Langensalza und auch nach Paris.
Und Brieselang? Das kennst du zur Genüge.
Was fehlt, das ist ein Zug ins Paradies.

Auf Wolken schweben, wo die Engel singen.
Wo alles Frieden und auch sonst gerecht.
Und du stehst da: Wer soll dich dahin bringen?
Was bleibt – du wirfst dich wieder ins Gefecht.

Der lächelnde Blitz

1
Zwischen
Bessarabien, Bukowina
und mehreren Kreisen Moldau
spannt sich eine Brücke
nach

Transnistrien
hinüber,

halb Regen-
bogen, halb

Luftspuk-
gebilde

2
Eiserne
Grenze quer zu
den Bahnschienen
Richtung Polen

3
Nord-
Nord-West

Der Schrei

Schreie der Krähen
zwischen Straße und Dächern,
und du beruhigst dein Blut,
verschluckst den Schrei,
der aus der Kehle will.

Still nun die Straße
wie zuvor, nur ein, zwei
Laute menschlicher Äußerung
hinter Gardinen, ein Nichts,
das nichts verbirgt.

Du sitzt und lauschst,
und du erlebst diesen Morgen
wie einen Freund, der mit dir
spricht als ein Wind,
ohne ein Wort.

Ode an die Septembersonne

Auf blauen Himmeln, in milder Luft
spielst unschuldig du, heller Ball;
will glauben du bleibst und
tilgst an nahenden Morgen
mein Frösteln im Sturm.

Umsorgst mich, geschminkt als junge Braut,
liebevoll wie ein altes Weib,
dessen Leib das letzte Mal gebar,
dessen Erinnerungen mit zarter Trauer in der Stimme
am flackernden Herde leise verwehen.

Schön bist du, Semptembersonne,
trittst dem Schicksalswinter stolz,
da diese vollen Stunden dein Vermächtnis führen
mit bewundernswertem Sehnen, Frühling im Geiste
und Sommer im Herzen entgegen.

die beteuerung der zeit

die wiesen hängen tief die felder
hundertschaften von seiltänzern
überqueren das meer

du berührst schmetterlinge
an deinen fingern falterstaub
du gibst mir das gefühl
dass ich gedichte zähmen kann
und den tag anhalten
auf dem fluss treiben steine

gott lässt für sich beten
ängste wachsen
zu einem martyrium

 

Boat People

Tief die Wasser des Mittelmeers,
die Fische erbrechen unterm Überangebot
menschlicher Leiber, und kein
hilfreicher Moses in Sicht.

Völkerscharen wälzen sich
durch die Straßen Europas – Schreckbild
jedes mittleren Angestellten, und die
es über das Meer geschafft haben,
Gestalten des Elends, gefesselt an Traum und
Trauma, erwärmen die Glieder an Feuern
brennender Asylunterkünfte.

Wir, vor den Bildschirmen, die uns
das Ausmaß deutscher Jämmerlichkeiten
nicht zumuten wollen, wenden uns ab,
verschließen, aufrichtig ergriffen,
die Türen unseres Arkadiens mit
dreifach doppelten Riegeln.

Alsóörs 2015

1
Der Balaton verspricht seinem Wasser, was Malev den
Passagieren abverlangt: Aus- und Einsteigen bei frei
schwebender Gangway, das Combi-Ticket Schiene-Luft
inbegriffen. Ökologisch? Na, klar – wo soll hier die Ver-
schmutzung noch herkommen? Die Enten putzen sich ihr Gefieder,
der römische Weinkeller lockt mit den neuesten Angeboten.
Die Sprache – das Mysterium schlechthin, pardon, behauptet sich
in jeder Aussage. Der August hängt über dem Wasser und glüht,
kein Pardon! in 1 Meter 20 Tiefe aus. Morgens um sechs
ist hier an den Zehenspitzen die Eisschicht zu spüren, mit der sich
die Seele bald bedeckt haben wird: Attila oder – pardon, wie bitte
war ihr Name? Meyer, Schulze, Lehmann bestellt ein neues Bier,
was antwortet ist nur – Schaum im Gedächtnis. Wieviel Gischt
ist nötig, eine Göttin zu gebären? Kein Pardon für das Gedächtnis!
wenn Zeitgenossen mit immer neuen Hammerschlägen Ereignis
für Ereignis unter der Oberfläche versenken; zurück bleibt all-
abendlich das Zittern eines Spiegels unter den Sternen. Zeitgenossen
versenken sich, die Gegenstände erwachen als Dinge unter einem
Himmel, der als eines der beiden ewigen Phaszinosa der Menschheit
gelten will. Tief in mir, knapp unter der zitternden Oberfläche
flüstert ein Dichter halbverständliche Worte, undeutlich & klar wie die Nacht.

2
Attila ist ein Name von Format.
Attila war ein Ökologe.
Attila brennt sich ein ins Gedächtnis.
Attila schläft. Schläft nur.
Attila ist der Beginn einer Serie von Ereignissen.
Attila war ein Berg.
Attila träumt von einer besseren Zukunft für alle.
Attila hat sein Zaumzeug fest in der Hand.
Attila hat einen Griff wie tausend Monde.
Attila lächelt, lächelt nicht mehr.
Attila hatte ein Erziehungsproblem.
Attila schweigt.
Attila Meyer, Schulze, Lehmann.
Attila.
Ich liebe dich.
Wann treffen wir uns wieder?
Am Balaton, in Alsóörs?

3
Und nächstes Jahr könnte es
ein Tempel sein.
Als vor fünfzig Jahren
die Verse erzitterten
unter der Wucht des
Gewissens war
ich noch nicht auf
der Welt: die Lebens-
mittelindustrie hatte gerade
die wasserundurchlässige Verpackung erfunden, der Papst
war ein Bruder im Geiste.
Kurz danach
feierte jemand seinen
hundertsten Geburtstag, da
war ich schon mit dabei.
Heute
hier in Alsóörs
kündigen sich Vierhundertjährige an.
Der Tempel steht
wie in biblischen Zeiten.

Jahrworte

getrieben von duftenden Frühlingswinden
verloren in rauschenden Sommernächten
verzaubert von geheimnisvollem Winterlicht
gezeichnet als Herbstzeitloser