Archive for Februar, 2012

Colibri

Mittwoch, Februar 29th, 2012

Im Ort gibt es das Café Colibri. Genauer gesagt heißt es „Pastelarias Colibri II“.Colibri II liegt an einer Verkehrsinsel mit drei Palmen und wenigen Verkehrsschildern. Von hier aus geht es zum Supermercado Apolónia und auch ins etwas größere Nachbardorf Guia. Dort findet man Pastelarias Colibri I.Colibri II bildet die Ecke eines „Centro Commercial“, das keines ist. Neben „Alisupermarket“ ist auch alles andere, was weiß auf grünem Grund angekündigt steht (Hairdresser oder Nagelstudio), geschlossen, leer, zu verkaufen: „Vende Se“. Nur im Café Colibri summt das Leben und lockt mit köstlichem Nektar alle an, die in diesem künstlichen Ort an der Algarve überwintern. Rote Plastikstühle und -Tische stehen auf dem Platz vor dem Eingang.Bei schlechtem Wetter drängen sich die Einheimischen an den Tischen direkt hinter dem Eingang mit Blick auf den großen Fernseher. Man quält sich nicht mit Politik, es laufen immer Shows. Hauptsache Unterhaltung. Um die Ecke an den Fenstern sitzen die Touristen und schauen durch die gläsernen Scheiben hinaus auf die leere Straße. Hauptsache Ausblick. Die Theke ist bestückt mit Torten, Pasteten, Kuchen und anderen Leckereien, allen voran die hausgemachten Samosas. Alles hier ist „Fabrico Próprio“, hausgemacht. Das zurückhaltende Lächeln aus den dunklen Augen der Bedienungen in weinroten Pullovern umhüllt alles mit heller Freundlichkeit. Ich nenne dieses sanfte Lächeln, das mir einzigartig auf der Welt erscheint, das „portugiesische Lächeln“.Hinter der Theke glänzen die Spirituosen auf blanken Regalen: Whiskey, Likör, Port. Dazwischen lagern die Süßigkeiten und Knabbereien: Kaugummis, Lollies, Erdnüsse, Kinderschokolade .Jung und Alt kommt hier zusammen, und über allem schwebt der Vogel Colibri.Auf den Papier-Servietten, mit denen man das fettige Gebäck in der Hand hält und auf den Pappschächtelchen, in denen man eine Pastela Nata, ein Tortenstück aus Zucker und Eiweiß mit gelb klebendem Überzug oder weiß-braun karierten Kuchen mit Buttercreme oder das Samosa mit nach Hause nimmt, prangt das Bilde des in der Luft stehenden Colibri. Der Körper ruhig, die Flügel flatternd (ich denke an den Strandläufer und seine rotierenden Beinchen) hält er eine Torte an einer Schleife in seinem langen, spitzen Schnabel wie der Storch ein neugeborenes Baby: „Es ist eine Torte!“

meeresrauschen

Dienstag, Februar 28th, 2012

( sentiment bearish)

wo sind die eisblumen
überall nur schaumkronen
schaumwein schaumschläger schaumermal
welche wellenlänge
meine deine keine
eiswürfel im schrank
muschelbeklappert stehe ich da
und die da können fliegen
die schwarzen käppchen auf schneeweißen wölkchen
mit ihrem seidensegel
bei mir fliegt nur das fischbrötchen
aus der hand in den sand
meer is heut nich

Österreich.

Dienstag, Februar 28th, 2012

Uhhh, ich sehe, wie Sie Ihre Augen verdrehen. Es gibt keinen schöneren Moment als den, der vom nächsten nichts weiss. Ihn vielleicht nur erahnt. Als sich ganz aufzulösen.

So wie ich Ihre letzte Mail noch in Erinnerung habe: Ihre Wenigkeit, so schrieben Sie, sei wieder in Berlin. Und während Sie, an unserem Tisch in der Kurfürstenstrasse – übrigens ist mir überhaupt nicht aufgefallen, dass Sie keiner der Kellnerinnen besondere Aufmerksamkeit zuteil werden liessen –, vom Tod des Vergil erzählten, kam mir der Gedanke, in Ihre Wenigkeit ein d einzufügen. Was ich Ihnen sogleich sagen musste. Ich glaube, ich hab Sie sogar unterbrochen, und hatte das Gefühl, dass es o.k. sei. Denn Sie sind waren nicht in Ihrem Gedanken.

Ihr Gedanke ist der Schicksalsschlag, von dem er selbst oder ich noch nichts weiss, Ihr Wurf von der Bühne, Ihre Stimme, die nicht mehr zum Himmel findet. Denn, so hab ich mich informiert, Sie waren auf dem Sprung zu einem Opernsänger nicht geringer Güte. Und nun sind Sie Botschaftsrat und nicht Alkoholiker.

Nein, völlig falsch. Ein Alkoholiker spricht weiter mit feuchter Aussprache, er spuckt und ist so, wie er sein will. Halbwegs. Klar: Dilemma. Er spiralt sich aus der Wirklichkeit, weil er immer weniger Kraft hat, ihr zu widerstehn. Sie überhaupt zu verstehn. 

Obere Gesichtshälfte.

Dienstag, Februar 28th, 2012

Auf den Vorderfüssen schleich ich mich an. Das Triumvirat meiner Zehen reisst dich dennoch aus dem Schlaf. Es gehn uns plötzlich ganz andre Gedanken durch den Kopf. Aus dem Anverpflüchtigen ist was geworden, bedeutest du mir mit einem Blick aus dem Dunklen. Du bist so seismographisch. Später schlachte ich mein Lechzen nach dir noch weiter aus, glaub mir. Aber du bist ein Reh mit scharfen Zähnen, das noch mal an seinem eigenen Lachen erstickt. Wie eine vergebliche Verhanfung darfst du dein Leben niemals betrachten, versprich mir das. Weil ohne uns zwei der Tisch ganz anders aussähe, ohne den feuchten Arschabdruck der vielen Flaschen und deiner fetten Weingläser. Mehr als meinen Quadratmeter brauch ich nicht. Von da aus säul ich mich ins Unendliche. Lach nicht. Sonst schieb ich dir schon am frühen Nachmittag die obere Gesichtshälfte aus dem Tag. Der kann eh nichts damit anfangen.  

Fussnote zu dir.

Dienstag, Februar 28th, 2012

An meinen Verdunklungen bin ich vorbei. Da kommt mir sogar meine Chesterfieldcouch entgegengeflogen. Auf der hab ich so schlecht geschlafen, als mein Bett voller Flöhe war, der Merle wegen. Alles was du spürst, ist so. Und dann wird es so. Ohne dich zu verweigern. Ohne dich zu mündeln. An den letzten Vergreiflichkeiten wär ich so gerne dabei gewesen. Aber ich war ja unbegreifbar. So zumindest hast du es mir an den Kopf geworfen. War natürlich grandioser Bullshit. Aber warum soll ich dir nicht auch das zugestehn. Es liegt immer alles in der Differenz oder im Abgrund zu dir.

Danach streif ich an der Entdeckung oder war#s die Entbahnung alles ohne Vorwurf alles alles nur nicht an der Lust seiner Gegenwärtigkeit vorbei. Vor Ablehnung entkomm ich mir nicht mehr. Es schreit das Blut in mir. Es klebt das Angetastete an mir. Es neuront so sehr. Wie wenn man eines Tages keine Rechenschaft mehr ablegen muss. Es ist alles ein aus dem Gedächtnis hauen. Und es wär’ mehr von mir übrig geblieben.

schrankmusik

Montag, Februar 27th, 2012

“ich hatte heute routane hauptuntersuchung”

quadrat zu rechteck zu quadrat

da noch eine schraube locker

fest bohrt die windung sich ins holz

ein fach für jedes sammelsurium

gut geschmierte scharniere

drehbare schlüssel

da steckt routine hinter.

Verlierübung.

Sonntag, Februar 26th, 2012

Danach Aufgabe deines Existierens. Zumindest immer noch Sehnsucht. Süchtig. Kleine Aufwachmissverständnisse. I know. Manchmal hab ich mich derart in der Nacht vertan, derart in der Nacht ins Kissen gebohrt, dass es am Morgen oder an anderen Verlierübungen auf dem Schädel liegt, wie herumgekrochen. Little peak. Understood heisst: darunterliegen. Darunterstehn ist wie nur unter einer Brücke, wie lange war ich da schon nicht mehr. Es stotterte damals ein Zug über mich durch meinen Kopf hinweg – und er ist es immer noch. Man greift seine liebsten Menschen nicht mit Metaphern an.

unter blinden

Sonntag, Februar 26th, 2012

oh ekle dominanz der augen
hier zählen wille inbrunst
& tastendes sentiment

uns blinden wäre
jeder einäugige
1 ketzer

Schmähschriften

Sonntag, Februar 26th, 2012

während vor Zeiten
hier riesige Schränke
und Türen aus den
Fenstern polterten -
großformatige Quadrate
& Rechtecke,
folgten Momente später
nur noch kleinere Eiswürfel.
(Jetzt unsichtbarer Nieselregen.)
Werft doch wenigstens
Tulpen herab,
in deren Blättern sich
Schmähschriften rollen.

Horizont

Samstag, Februar 25th, 2012

Ich schaue in den makellos blauen Himmel über einem weißen Dorf. Keine Menschenseele ist zu sehen weit und breit. Das Meer rauscht in die Stille hinein. Mein Blick streift über den Horizont, eine Katze auf weichen Pfoten. Die Fläche hinter dem Dorf bis zum Horizont ist mit Meer angefüllt. Blau an Blau liegen Meer und Himmel wie Bruder und Schwester aneinander. Oder wie Liebende, aneinandergeschmiegt, nah, vertraut. 

Er ist gefahren, den ich liebe. Dahinten, hinter den weißen Häusern fährt er nun. Er ist in eine menschenleere Fläche gefahren. Die Landschaft hat ihn verschluckt. 

Meine Gedanken heften sich an den Horizont. Sie balancieren auf dem Horizontstreifen wie Tänzerinnen. Der Horizont ist ein Seil, gespannt zwischen Brüdern, Schwestern, Liebenden. 

Neue Gedanken balancieren mit, kleine Eleven. Aufgepasst! Keine falle herunter in die menschenleere Fläche, die Landschaft, die Leere, das Blau. Alles verschwindet darin. 

Am Horizont sind nun Abschiede herangetanzt. Sie haben sich aufgereiht. Gute Abschiede und schlechte Abschiede. Trennung.

Ein Finger legt sich auf einen Riss in mir. Die Lippen öffnen sich einen Spalt unter dem Finger und flüstern: Psssst.

Er ist gefahren, den ich liebe.

Ich höre Musik. Meine Augen tanzen auf dem Meer mit den winzig weißen Schaumkrönchen, ganz weit draußen. 

Ich bade in Musik. Miles Davis, Trompete. Kind of Blue; ich schwinge hin und her im leichten Wind.

Wie nah wir uns waren, wie vertraut. Wie schön das Gefühl, die Zeit, wie weh der Abschied…

Er ist gefahren, den ich liebe.

Rach tot und süchtig.

Freitag, Februar 24th, 2012

Ein Niemand mit dem Hang, sich selbst zu vereiteln. Die Begegnungen mit den Hängen zum Niemand hängen dir zum Hals raus. Ich versteh es ein wenig. Glaub mir. Ausserdem kann man nicht immerzu alles von sich verlangen, sich abverlangen, dann geht man vor die … uuhhh mist das willst du ja nur hörn, komm lass uns auf den roten Felsen machen, klar werd ich dich hochfahren müssn, aber du kannst ja wenigstens ganz allein runtergehn. Ach, vergiss es. Du bist nicht nur in der Rache der Toten …

osterglocken

Donnerstag, Februar 23rd, 2012

den weg ins gras möcht ich beschreiten, weiter noch nach unten gleiten,

mich an braune kletten kleben, liegen möcht ich, knapp daneben,

über mir ein heller streifen, gummi zieht sich auf die reifen,

dicht davor narziss sich reiht, in dem gelben osterkleid.

adios

Donnerstag, Februar 23rd, 2012

auf ans meer. laufen. feiern. kochen. schöne menschen und grübelstop.

mittagsgespenster

Donnerstag, Februar 23rd, 2012

schöner morgen kätzchenverkehr ich seh dich in

gesprenkeltem blau und nenn die liebe liebreich beim namen

meine triadische familienblüte trägt die träge sonne bis es

beinahe zu spät ist für gängelnde zeilenmonster in einem

niederhängenden schlaf

Wie an Eislippen.

Mittwoch, Februar 22nd, 2012

berührung schrei mich in deine aufgründe liebst du auch meinen gaumen obwohl ich die tiefroten rosen wie wenn du hinter mir gestanden hättest wieder zurückgestellt habe ich vermisste pracht ausgemurmelte verwehungen dein aufduften mit jedem tag aus denen man mich minütig schneidet vervollkommnet wahrannahme auserwacht du weisst dazwischen darf die sonne somnabuhlen mit meinen sich dahinschleppenden widerholungen lass es ohne e lass es ohne e hast du gesagt und wurdest immer lauter immer lauter wie mich fesseln wie dich an mir vertun abtropfen bei mir im erinnern war noch nie juni es straucht sich meist alles auf und dann erscheinen du-aufschreie warum muss ich immer alles zerstören

kleine stecklinge

Mittwoch, Februar 22nd, 2012

die finger gabeln sich fort ins schweigen
der haut, essen ihr milchiges licht,
wurzeln im haar des vergessens.

ihr tippspiel flink und flunkerleicht
wie marionetten, handkehrum in
beugeschritten über die steckhecken

sonnenaufgang, sperlonga

Mittwoch, Februar 22nd, 2012

auf fingerdistanz
beugt sich die sonne
ins windfenster
unter dem giebel
ist das doppelgesichtige bett
morgen
der unverborgenheit

Sommer, Rollfilm, Kurzspule

Dienstag, Februar 21st, 2012

Sie redet und redet. Er sitzt neben ihr und hat winzige Seidenvorhänge in den Ohren. Der leichte Sommerwind lässt sie hin und her wehen. Wie gut. Sie redet immer soviel. Und so lange. Und so seltsam leise. Die Keime. Die Hausstauballergie. Die Flecke, die nie rausgehn. Grasflecke, das sind die schlimmsten. Willst du ein Würstchen. Da die Serviette. Wir müssen den Rasen berieseln. Sanfte Vokale rieseln aus ihrem Mund. Ein dünner Speichelfaden zieht sich von seinem sperrigen Kiefer hinab bis zum Teller. Echt Kobalt.

Sommer im Diaformat

Montag, Februar 20th, 2012

Machtest du auch
mit deinen Eltern
Urlaub in einer Ferienwohnung an der See,
(es sei Spätsommer,
sie legen die Beine hoch,
um sie herum
Bügelbrett, Kleiderschrank
offen, Inhalt herausgequollen,
Kinderzeichnungen,
halb beschriebene Blätter,
Kugelschreiber, unsortierte,
halb herunterhängende
Gardinen in durchsichtigem
wolkenweiß)

Draußen peitschte die stürmische See,
und ein vorgeschlagener gemeinsamer
Spaziergang würde von den Eltern kategorisch
abgelehnt (da war doch mal der Traum
von den Sommerurlauben,
als Mutter selbst bei Sonnenschein
so lange in der Ferienwohnung
aufräumte und putzte, dass ihr
nicht mehr zum Strand kamt.)

Und dann war die Sonne hinter
den Wolken (in technicolor)
verschwunden
und du wusstest, dass Du nie
erfahren würdest
, wie es
über den Wolken wohl
(grenzenlos) sei.

Lid.

Montag, Februar 20th, 2012

Marizz war neben Ludwig ein Mensch, der mich in meine Pfütze trieb. Keine Minute zu viel der Lüge. Aus-Blicke zeigen sich in kleinen Gesten. Wie sieht sie mich an, wie dreht sie sich zu mir herüber. Hält sie meinem Blick stand. Tschüss, du alter Wal. – Machs gut, du… Und sie schiebt ihr schönes Gesicht noch ein Mal durch die Tür, die sie schon von außen schließen wollte, um sich mit Tschüss Wampentier zu verabschieden. Ihre Aufmerksamkeit war eine Entschuldigung. So hat sie sich noch nie einem anderen Menschen gegenüber verhalten. Sie wundert sich über sich selbst. Ich spür es. Und dass ich zu fern für sie bin, muss sie sich einreden, denke ich; allein, dass sie das sagt, zeigt mir, wie viele Gedanken du dir nicht machst. Außerdem sei ich ja ein Stier und sie ein Krebs, das könne nie gutgehen, nie, das Schlimmste aber wäre für sie, einen Zwilling neben sich zu haben… Und ich bin im Aszendenten (Assistenten) genau ein solcher. Und ich spüre zum ersten Mal, dass wir aneinander vorbei reden, das Gleiche aber womöglich fühlen, und ich mich nicht verpflichtet fühle, sie zu einem Kaffee einzuladen. Seelengewand. Ohne Grammatik. Es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Es war Liebe im ersten Satz. Sich aufs Lid nehmen.

engere wahl

Montag, Februar 20th, 2012

unüberschaubare möglichkeiten
undurchschaubare vielfalt
wir sind zu wählen verdammt

wahlen im sekundentakt
unvergleichliche alternativen
unbeschreibliche listen

hungrig verlässt der jäger
den schwarm

doch vorletzte cigarre …

Montag, Februar 20th, 2012

Verfolgungsringe: als hättest du es aufgegeben, deine Vergangenheit erobern zu wolln. Als hättest du mich endlich gefragt. Wie nach dem Streicheln eines Tomatenstrauchblattes. Es riecht so verdammt gut. Als wollte meine Nase die Finger ganz in sich einziehn. Auffressen. Wie immer wieder Liebe an sich spürn.

Verlockend der Blick über dem Abbrand deiner letzten Cigarre. Du bist nun sogar über deine schwerste Krankheit hinweg. Du hast dein Verlangeweilen überwunden. Nichts greift mehr aus deinem Ungenügen ins falsche Teint/Teinible/terrible: wie die Gesichtsverkraftungen von damals, als die Welt sich dir vorspielte, als sei sie etwas Bedeutendes. Und nun plantschst du mit deinen Füssen im Wasser. Und versteckst dich so gern. Dein grosses Maul von einst war schon ein Hilfeschrein.

Strandläufer

Montag, Februar 20th, 2012

I

Ich habe die Strandläufer entdeckt: Es sind kleine Vögel, die an der Wasserlinie entlang rennen. Mit ihren dünnen Füßchen können sie unglaublich schnell rennen. Kommt eine Welle, fliegen sie nicht auf, sondern rennen ihr voran wie kleine Herolde, das Ende der Welle voraussagend. Sie tragen dieses Wissen in sich, die Wellen-Vorhersage.

Ich beobachte einen Strandläufer, der einer Welle entgegen läuft. Die Welle rollt ihre weiße Zunge auf dem ockerfarbenen Strand aus, der Strandläufer ändert die Richtung, rennt der schäumenden, gezackten Zunge voraus. Der Strandläufer scheint in Funkkontakt mit der Welle zu stehen, haarscharf läuft er an der Linie entlang, die sie in den Sand zeichnet. Die kleinen Füßchen scheinen wie Propeller unter seinem Körper zu rotieren.

Später treffe ich eine Gruppe von Strandläufern. Ziellos laufen sie herum, fliegen auf, finden keinen Funkkontakt zu den mächtigen Wellen, die von weit her gerollt kommen. Die aus ungeheurer Tiefe entstanden sind, aus der Erdbewegung, der Anziehung von Erde und Mond. Und die kleinen dummen Strandläufer haben keine Ahnung davon, sind wie die dummen Menschen, die ziellos herumlaufen und nichts mitbekommen vom kosmischen Funkkontakt zwischen Wellen und Strandläufer.

II

„Der Tag ist frisch!“, rufe ich in den Morgen hinein, in den feuchten Sand stapfend, am Strand entlang ausschreitend. Ich sammle Holz. Begegne Menschen, die wie ich früh morgens am Strand sind. Sie schauen mich freundlich an, grüßen, sie lachen mir ins Gesicht, sehen begeistert aus, strahlen, wenn ihr Blick auf mein Holzbündel fällt.

„Ja, ich mache Feuer hier!“, höre ich mich ins blank gewaschene Blau des Himmels rufen. Die Gesichter der Menschen sitzen auf Möwenleibern und fliegen über mich hinweg.

„Jeden Abend, sobald es dunkel ist, mache ich Feuer im Kamin“, rufe ich ihnen zu. „Der Rauch steigt aus dem Schornstein in die Nacht, und die Sterne läuten wie Glocken. Ich entzünde Bambus, Treibholz, kleingebrochene Zweige nehme ich zum Anfeuern. Palmenholz ist am Besten, um ein tolles Feuer in Gang zu bringen. Dann kommen die dicken Korkeich-Scheite hinzu. Die brennen die ganze Nacht. Eukalyptusholz riecht gut. Man kann auch die kleinen Kapseln des Eukalyptusbaumes dazuschmeißen. Sie enthalten das ätherische Öl. Und dann die Nase hineingesteckt in den Kamin und das Gesicht über die Glut gehalten – wie wunderbar es riecht! Die Hitze steigt in meine Atemwege. Sie macht mich zu einem glühenden Holzscheit. Zum Schornstein hinaus mit den dunklen Gedanken! Hier gibt es nur große Wolken, Winde, Wetter und Wellen! Wettermächte, die sich unter dem hohen Himmel zum fairen Kampf versammeln. Sich stellen. Nicht feige sind. Eins zu eins wird gekämpft, und wer gewinnt, triumphiert! Der Gegner aber zieht sich vornehm zurück. Jeder Tag hier ist frisch und neu, und der Himmel ist immer hoch.

So laufe ich am Strand entlang, klein und dunkelhaarig wie die Menschen von hier, ein Holzbündel tragend, an den Frühsportlern vorbei, den Fischern, den Möwen.

Ich renne auf eine herannahende Welle zu, sie wird größer, steigt, bricht, fällt und rollt mir nun ihre schäumende Zunge entgegen. Ich ändere die Richtung, laufe ihr voraus auf den ockerfarbenen Sand, landeinwärts. Der weiße Zungenrand zeichnet sich in den Sand hinein, und ich laufe mit, habe Wellenfunk, sende, empfange und rufe: „Welle ahoi! Strandläufer, Strandläufer, Strandläufer!“

DIE TAUBE

Montag, Februar 20th, 2012

Ich spüre sie, die Taube. Oft ist sie morgens da. Dann bist auch du da. Du liegst neben mir. Kein Fremder mehr, doch muss ich mich jedes Mal wieder an dich gewöhnen. Ich stelle fest, dass du anders bist, als die Männer vorher. Du nimmst sie wichtiger als ich. Die Gewissheit, dich im Schlaf berühren zu dürfen, lässt mich sorglos neben dir liegen. Du bist nicht der hunderterste Mann, sondern der ersehnte. Auch du bist nicht ohne Makel. Seit ich eine Brille trage, sehe ich nicht mehr rosarot. Ein Bedauern schleicht sich ein, dir erst heute begegnet zu sein. Das Gestern tut noch weh. Unsere Stunden sind in Zuversicht getaucht. Liebe wird zur Brücke. Werde ich beim Hinübergehen einbrechen? Die Taube trippelt vor unserem Dachfenster. Sie scharrt und gurrt. Unruhe zieht ein. Wolkengesichter ändern sich sekundenschnell. Eine Aussicht in Pastelltönen. Die Menschen auf der Strasse ahnen nicht, was hier oben los ist. Landeplatz der Taube ist die Regenrinne. Wir wehren uns gegen jegliche Gewöhnung. Zwischenhinein steigst du in die Hosen. Auch die Taube verlässt mich. Beobachtet sie unser Lippenballett? Manchmal befürchte ich, sie könnte unsere Nähe zerreißen: Der Schnabel pickt an die Scheibe. Ein Flügel wird zur Hand. Im Zimmer steht eine Gestalt im silberblauen Kleid. Sie packt uns und wirft uns auf die Strasse. Auf dem Asphalt sind wir umringt von neugierigen Blicken. Ein Krankenwagen hält. Auf die Bahre mit den Beiden. Traumscherben bleiben liegen. Wir werden getrennt befragt. Die Wahrheit redet sich zu Tode. Jetzt sitzt die Taube auf dem Fenstersims und lacht sich grün und blau. Auf einmal schiebt sich neue Farbe ins Bild: weiße Wände, weiße Schürzen, weiße Laken. Die Taube trägt einen Farbtopf im Schnabel. Sie kichert und malt alles schwarz. Spürt sie unsere Verzweiflung? Ja, denn sie kennt die Sehnsucht, die Flügel wachsen lässt. Wohin fliegen wir? Das weiß die Taube ganz genau. Sie wird es keinem zutragen.

Frauke Ohloff

Litera et Plüsch

Sonntag, Februar 19th, 2012

(Tantengewisper. Ein Stück in rosa Velours.)

I

Er hat ein Wasserbett gekauft. Es verbraucht Strom. Er weiß Bescheid. Er hat Zeit. Er packt sein Wasserbett aus, befüllt es, rückt es an die passende Stelle. Morgens um neun scheint ihm nun, bei gutem Wetter, die Sonne mitten ins Gesicht. Er hat Vorhänge, in tintenblau, vor die Fenster gehängt. Er stellt sein Wasserbett schön warm ein. Die erste Nacht auf dem neuen Bett wird er nun erleben können.

 

die monstranz der tortentanten

Sonntag, Februar 19th, 2012

(1 cleines caffee & cuchen couplet)

in ermangelung von worten (begeisterungsschweigen?)
protzen wir mit torten (aber bitte mit französisch creme)
und zwar aller sorten (denn : das können wir!)

testergebnis : literatur ist es nicht neu ist es nicht
aber dieser unerschütterliche früchtestolz

1 gedicht (allerdings: voll mainstream)

(helau! mit abgespreiztem kleinem kafffètassenfinger)

bürgersöhne 2

Samstag, Februar 18th, 2012

die mit der uniform trara

die mit den bärenjungen

der stadtmajor der fähnerich

die eskadron das tamborcorps

freischießen will gelernt sein

und die wahl

der bürgerschaffer

ist schließlich einer der wichtigsten

punkte der jährlichen bürgerversammlung

die herren

bürgerschaffer

dürfen den flottkuchen servieren

bei der schafferkaffeetafel

rangeln die schausteller

um die freien plätze und

der bürgermeister

der ist auch dabei

der muss es schließlich

genehmigen

wir uns einen

über alles

Coccolithophoriden

Samstag, Februar 18th, 2012

CoccolithophoridenIch drücke meinen Rücken in das weiße Bett. Unter mir die Matratze, über mir weiße Bettdecken, zwei übereinander, darüber eine Wolldecke. Ich ruhe, ich träume, ich denke. Ich halte die Augen geschlossen. Hinter meinen Lidern wandern Gedanken hin und her. Sie hinterlassen Spuren, Abdrücke. Feiner Kalkstaub rieselt herab. Herab an meinen Meeresgrund sinkt er und lagert sich dort ab. Schicht für Schicht entsteht ein ganzes Gebirge unter Wasser. Tiefseefische kommen angeschwommen, beleuchten es mit bunten Lampen und staunen. Irgendwann ist mein Gedankengebirge so hoch, dass es über den Meeresspiegel hinausragt und dort von der Sonne beschienen wird. Dann sieht es aus wie die Kreidefelsen von Rügen.Im Meer gibt es winzige Algenkrümel, die Licht sammeln, Sauerstoff produzieren und Kleinkrebsen als Nahrung dienen. Nach ihrem Ableben sinken ihre kalkigen Schalen an den Meeresboden und wachsen dort zu Gebirgen heran. In Rügen zum Beispiel ragt ein solch weißes Kalkgebirge hoch über das Meer hinaus. Die Algenkrümel mit Kalkschalen heißen Coccolithophoriden. Das heißt übersetzt: „Stein tragende Samenkörner“. Millionen können in einem Liter Wasser schwimmen. Täglich sinken Myriaden abgelebter Coccolithophoriden an den Meeresboden. Auf Satellitenbildern kann man ganze Coccolithophoriden-Teppiche im Meer leuchten sehen. Ihre Kalkpanzer reflektieren die Sonne. Unter dem Mikroskop kann man ihre Schönheit bewundern: Die Kalkschalen-Formationen sehen wie bezaubernde Blütengebilde aus.Gestatten Sie, wollen Sie einmal meine Gedanken sehen? Sie sehen aus wie Coccolithophoriden. Hier, unter dem Mikroskop, schauen Sie! Es gibt zwei Zustandsformen, die ineinander übergehen. Sie heißen Holo- und Heterococcolithophoriden. Unglaublich, wie schön das aussieht, wenn sich eine Heterococcolithophoride aus einer Holococcolithophoride schält! Einem Wissenschaftler gelang es, diesen Moment unter dem Mikroskop zu fotografieren. In einem Magazin habe ich das preisgekrönte Foto gesehen.Ich liege im Bett, unablässig rieselt der weiße Coccolithophoridenstaub meiner Gedanken an meinen Grund. Ich kratze an meinem Unterwasser-Gebirge, mit den Fingernägeln, der Zunge, den Zehen, während ich auf dem Rücken liege und der Wind auf der Dachterrasse an allem rüttelt und alles durcheinander bringt, was er zu fassen bekommt. Er fährt unter die Armlehne des Plastikliegestuhls, hebt ihn hoch, wirbelt ihn herum, schleppt und stößt ihn über die Terrasse. Er klappert mit meiner Muschelsammlung. Ich habe sie in der ersten Woche hier zusammengetragen und auf einer ovalen Marmorplatte angeordnet. Manchen Muscheln habe ich Namen gegeben: „Sonnenaufgang“, „Aladin“, „Huckepack“, „Petit Blanc“, „Stella“, „Dicker Jakob“. Jeden Tag habe ich die Neuankömmlinge fotografiert. Mein Muschelgedächtnis. Muschellieder, Muschelgesänge, Muschelgeflüster, Muschelgespräche, denke ich. „Kreatives Muschelcoctail“, schreibt eine Freundin.Von meinem Bett bis zur Dachterrasse ist es nur ein Schritt.Wenn die Sonne aufgeht, ergießt sich das Licht über den Himmel, die Terrasse, das menschenentleerte, weiße Dorf aus Coccolithophoridenstaub. Die Gehsteige sind aus weißen Steinchen zusammengesetzt wie Gedankenmosaike. Erinnerungen an die Zeit, als es hier noch Menschen gab. Lichtsammler, Wahrheitssucher, Erkenntnisforscher, denke ich.Das Licht schwebt wie ein Teppich über dem Dorf, den Häusern, Gehwegsteinchen, der Dachterrasse und mir. Es hüllt uns alle ein, es sinkt aufs Meer, verwebt sich in Gold- und Silberplatten mit der Meeresoberfläche, fällt als Funken in die grünen Haare der langbeinigen Palmen (sie stehen auf einem Bein wie Flamingos) oder sinkt als Goldgelb in die Augen der Katzen, die mit dem Wind durchs verlassene Dorf streichen.Das Dorf ist weiß, die Augen der Katzen sind goldgelb. Der Himmel ist blau, tagblau, nachtblau, weiß, schwarz, gelb, dottergelb, schwefelgelb, goldgelb, rosa, orange, violett, purpurn. Die Wolken sind grau, weiß, schwarz; von der Sonne angestrahlt tragen sie die Farben des Himmels. Das Meer ist blau, grün, schwarz; es trägt weiße Schaumkronen. Der Strand ist ockerfarben, heller oder dunkler, gelber oder röter, je nachdem, wie viel Feuchtigkeit enthalten ist. Er ist von Dünen oder Felsen begrenzt. Hinter ihm beginnen das Land und das Gebirge.Am Strand liegen vom Meer geformte Muscheln und Steine, Treibholz, Teile von Fischerutensilien, Netze, Korken, Plastik. Möwen schweben über dem Strand und dem Meer. Sie schreien, fliegen, suchen Nahrung, sammeln sich an Fischerbooten, sitzen auf Klippen, fliegen auf.Unter ihnen leuchten Coccolithophoridengebirge.

Castellabate : Platz des 10. Oktober

Samstag, Februar 18th, 2012

10. Oktober des Jahres 1123 : welcher Aufstand
wurde niedergeschlagen im Carcer der Burg
welcher Seeräuber ging an Land : seine Maria zu finden

wer wurde im Kreuzgewölbe erwürgt : vorm Bildnis
der heiligen Beate : Eifersucht wars
ihr wurde ein Denkmal gesetzt : darunter die Leiche

des jungen Geliebten : die Mauer des Palazzo
ist er hochgeklettert zu seiner Prinzessin
& stürzte ab : als sie ihn mit einem Topf

kochenden Wassers empfing : die mongolische Alte
haust seit zehn Jahrhunderten im Turm : ein Geschenk
Tschingis Khans an seine italischen Freunde

sie wird es wissen : was es mit diesem Platz auf sich hat
aber sie spricht nicht : mit niemandem
lächelt : fegt das Pflaster & schließt die Tür

parasitär

Samstag, Februar 18th, 2012

zuschanden im warten auf die gegenwart schlaf ich mit einer

zeile ein so blauenhaft schön welche farben sind dir meine

worte buchstäblichkeit oder eine geistverletzung auge an

auge scharwenzelt die räuberische tritonschnecke wie einsamkeit

zwischen uns ein ausgekühlter raum im zergehenden tag wann

wirst du mir fremd geworden sein im sommer such ich meine

sieben schmerzen zusammen wenn heller himmel uns nach

dem leben trachtet