Archive for the ‘Realitätsschatten’ Category

Sie können das, ohne zu verzweifeln

Mittwoch, April 8th, 2020

Vyvyan stellte den Gartenstuhl, vom Nachbarn bei Nacht schnell entwendet und am nächsten Morgen grün lackiert, auf den Balkon. „Ich glaube, Tante Viola hat eine Seite an sich, das schiefe Stück einer Torte, an einer ihrer Flanken, aus ihrem Kleid entlang herausgeschnitten, eine Seite, die mich nicht mag. Sie redet zu mir und zugleich zeigt sie, dass sie mich übersieht. Onkel Albert ist froh über den nicht existierenden Skandal, diese Leerstelle, die nicht nur leer blieb, sondern im Antlitz ihrer entkleideten Banalität uns nun bereitwillig Jahr um Jahr dem Alter entgegen treiben lässt. Wir sind schon Kunst – für Nachfahren, die es chic finden, uns wieder zu entdecken.“

Christian, Albert und Violas Adoptivsohn, hatte den größten Teil des gesamten Zyklusses gekauft, Privat- und Familienkunst, Privat-und Familienbesitz, das petrifizierte Leben. Sie setzten sich nieder, Esther, Vyvyan, Eduard, Miranda, nach wie vor ein Quartett aus einem altmodischen Brettspiel, das leichter zu spielen war als Schach. Es schien vorhersehbar, nicht veränderbar und war nichts dergleichen. Albert und Viola, Kuchen und Würste essend. Eduard erzählte noch manchmal Professor Ehrenberg davon, der jetzt einen neuen Schüler hatte und Eduards Doktorarbeit längst in die zweite Auflage gebracht hatte. „Schreiben Sie Ihre Kritik über das Idyll. Sie können das, ohne zu verzweifeln. Sie beginnen einfach mit dem Satz, Idyllisches macht mich nervös und skizzieren virtuos die Darstellung eines mit Schafwolken beklebten Himmels. Sie tanzen für unsere Studenten Walzer mit ihrem Freund, und erleichtern ihnen jede Form der Lebensführung, sie führen andere aus ihrer Enge.“ Er sprach jetzt am Telefon mit Eduard so viel, wie er mit Vyvyan niemals Worte gemacht hatte. Er kam das Quartett an einem Wochentag im Kurpark besuchen, er hatte Benzin in die Luft geschleudert und verbrannt, Frösche und Igel überfahren. Sein silberner Audi 80 konnte selbst Tante Viola keinen bewundernden Blick entlocken. Schmerz und Leid waren zu einer grotesken, lächerlichen Plattheit, gleich den überfahrenen Tieren auf den Straßen, geronnen, und sie atmeten erleichtert auf, tranken ihren schwarzen Tee.

Moment der Schwere

Montag, März 30th, 2020

Eisen liegt nun auf den Häuten
mehr nicht
keine Schafe grasen
auch am Himmel kein Bewegen
ohne Trübung oder Aufwind
Frieren verfällt ohne Datum

Eisen breitet sich aus
der gewohnte Gang atemlos
geschnürt auch Erzschuhe und -hüte
eingepasst in Eisenmaßstäbe
tägliche Schnelldurchgänge durch die Magnetfelder
mit klackendem Handschlag

Atemrisse

Gemächlich aus dem Stillstand in Bewegung kommen  

Samstag, März 28th, 2020

Ostern : ein magisches Wort

Laßt uns Goethe als Mantra murmeln

Und uns langsam auf den Weg machen

Ein kleiner Spaziergang zu Ostern

 

Was ist daran schlimm : ein Verbrechen

Die Zukunft naht : wir können nicht weiter

In den Betten liegen und den Kindern

Beim Zocken zusehen : es gibt eine Zukunft

 

Gekrönt von Langsamkeit : wir wollen

Nicht zurück zum Hetzen & Jagen

Vollkommen ist : wer gemächlich geht

Mit dem Grundeinkommen zu Füßen

 

Schlurfen wir in die Zukunft : von Schritt

Zu Schritt das Tempo steigernd

Und rasch verlangsamend : gerade

Wie es paßt : nicht wie es diktiert wird

 

Vom Markt und sonstigen Schreihälsen

Wenn wir etwas in der häuslichen

Quarantäne gelernt haben : das eigene

Tempo : die Verständigung im Hintergrund

 

Untergrund : glaubt nicht : ihr Hirten

Daß wir euch dumpf hinterher trotten

Wohin immer ihr die schweigenden

Lämmer führen wollt : wenn das Gras

 

Aufhört zu wachsen : werden wir laut

Unser Blöken wird euch betäuben

Und den letzten Verstand rauben

Den ihr jetzt schon zu verlieren scheint

 

Ostern! : werden wir flüstern

Ostern! : werden wir schreien

Wenn ihr nichts von Erlösung gehört habt

Wir glauben euch nicht : glauben euch nicht

persistent

Mittwoch, März 25th, 2020

flüstern des atems am scheibenrand:
still es kommen nur die mit purpurnen zweigen
und gelben flügeln

gestorben dereinst über der zeit
schweig

es kommen nur
die schon immer ragten
wie türme

bis jenseits des aughorizonts
auf brennenden zungen verkohlte töne lila und
rot wie singendes glas die ränder
beschrieben weiß

und blau wie das meer
über bergen tief im geheimnis der krüge
zerschlagen

das pochen der blätter
gebrochener äste in ihrem blut gebeuteltes grün
über glimmendem braun auf geblendeten
spiegeln zerdrückt

wie ertrunken lauschten des nachts
in die falten des raums den jahren zwischen die stunden
greifend der abend zitternd im schwarzen kleid
still dreh dich nicht

in den lauen wind

Parabeln zur Pandemie 2: Die einäugige Alte oder vom Glück, im eigenen Bett sterben zu dürfen

Sonntag, März 22nd, 2020

Eine alte Frau verbrachte ihre letzten Tage im Pflegeheim. Sie war mit einem biblischen Alter von 86 Jahren gesegnet, hatte Mussolini, die deutsche Besatzung und schließlich die Nachkriegszeit durchlebt.  Ihre rüstige Tochter, die gerade ihren 60. Geburtstag gefeiert hatte, besuchte sie beinahe täglich. Die Alte war – soweit sie sich erinnern konnte – zufrieden. Sie war noch imstande gemächlich herumzulaufen, genauer gesagt: zu schlurfen,  und sich selbst anzukleiden, fühlte sich umsorgt und hegte nur noch einen Wunsch im Herzen: im eigenen Bett zu sterben. Tatsächlich dachte ihre Tochter zuweilen ernsthaft darüber nach, sie wieder zu sich nach Hause zu holen, um ihrer Mutter diesen letzten Wunsch zu gewähren.

Mitten im Sommer geschah etwas Eigenartiges: Von der Hitze bildeten sich rote Blasen auf der Haut der Alten, besonders auf den Wangen, die so sehr anschwollen, daß sie auf der linken Seite ein Auge zudrückten. Die Pfleger kümmerten sich rührend, legten Kompressen auf, es nützte nichts. Als die Schwellung nach drei Tagen nicht verschwand, riefen sie den Arzt, der stets ins Altenheim kam, wenn es gesundheitliche Probleme gab – das war praktisch jeden Tag der Fall. Die Blasen blieben und überwucherten das linke Auge. Die alte Frau ähnelte einer Leprakranken, doch es war kein Lepra. Eine neuartige, eine unbekannte Krankheit, raunte der Arzt und ordnete die Verlegung der Alten ins Krankenhaus an.

Die einäugige Alte wurde nun vom Hautarzt, von der Augenärztin, vom Internisten und schließlich vom Chefarzt inspiziert – niemand konnte eine klare Diagnose stellen, allen stand das Rätsel als Fragezeichen ins Gesicht geschrieben. Am folgenden Tag nahm die Hautärztin eine Gewebeprobe und schickte sie ins Labor. Es dauerte drei Tage, ehe ein Eilkurier die Ergebnisse der Untersuchung persönlich dem Chefarzt überbrachte, drei Tage, in denen die Blase unterm linken Auge der alten Frau weiter und weiter wucherte. Nun bildete er bereits einen Auswuchs, der mit der Stirn zu verwachsen schien.

Der Laborbericht enthielt im Telegrammstil folgende Mitteilung: „Neuartiger Bakterienstamm, aus der Famile der Mykobakterien, aber mit bisher unbekannter DNA, im Unterschied zu anderen Mykobakterien offenbar schnell ansteckend und mit kurzer Inkubationszeit.“ Der Bericht war per eMail zeitgleich ans Gesundheitsministerium in die Hauptstadt geschickt worden. Dort landete er jedoch mit etwa dreitausend weiteren eMails vom selben Tag im Postfach der Pressestelle und wurde nicht weiter beachtet.

Die alte Frau im Krankenhaus erfuhr nichts von den Laborergebnissen. Ihr wurde gesagt, es handele sich um eine seit langem bekannte, heilbare Krankheit, sie bekomme jetzt Medikamente und in ein paar Tagen werde die Blase wieder abschwellen. Die Alte schöpfte Hoffnung, daß ihr langgehegter Wunsch, zu Hause bei ihrer Tochter sterben zu können, nun doch in Erfüllung gehen könne. Sie bat um das Rezept und wollte sich nach Hause bringen lassen. Da erschien der Chefarzt persönlich zur Visite an ihrem Bett und erklärte ihr, das sei nicht möglich, sie müsse bleiben.

In der Zwischenzeit hatte ein Pfleger beim Feierabendbier mit einem Freund über die ungewöhnliche Alte mit dem zugeschwollenen Auge gesprochen. Dieser Freund war von Natur aus neugierig und hörte aufmerksam zu – er arbeitete bei der Lokalzeitung. Er entwickelte eine lebhafte Vorstellung von der Monsterkrankheit der Alten, stellte sich vor, wie nicht nur das Auge, sondern bald schon die Stirn und dann der ganze Kopf von der Blase überwuchert und eingehüllt sein würden – eine schauderhafte, Grausen erregende Vorstellung. Am folgenden Morgen streifte er sich einen grünen Kittel über, setzte sich einen Mundschutz auf und begleitete den Pfleger zur Arbeit ins Krankenhaus, ließ sich ans Bett der Alten führen, die nichts argwöhnte. Dort schoß er heimlich eine ganze Fotoserie von der Alten, genauer gesagt: von der Blase, die ihr Auge überwölbt hatte. Er kniete sich neben das Krankenbett, um aus schräger Perspektive von unten ein besonders eindrucksvolles Bild von der Größe der Blase einzufangen. Am Computer könnte er mittels der Auto­korrekturfunktion die rötlichen Stellen blutrot erscheinen lassen – es würde ein auf­sehendes Bild ergeben. Mit etwas Glück, genauer gesagt: wenn sich an diesem Tag kein anderes Unglück ereignete, würde das Bild auf der Titelseite landen.

So ge­schah es: der Reporter hatte Glück, das Bild wurde auf Seite eins abgedruckt. Der Chef­redakteur feuerte die Redaktion an, die Geschichte weiterzuverfolgen. Nun erhielt die alte Frau in ihrem einsamen Krankenzimmer dreimal täglich Besuch von jenem umtriebigen Redakteur, der nun noch eine Assistentin und einen profes­sionellen Fotografen im Schlepptau mitführte. In einem Tagebuch, das der Reporter als Blog im Internet vorab veröffentlichte und das in Auszügen nun eine eigene Kolumne der Lokalzeitung bildete, berichtete er von den Veränderungen und Wucherungen der Blase. Er schilderte die Gedanken der alten Frau, ihr Leid und ihre Schmerzen. Genauer gesagt schilderte er, wie er sich die Gedanken, das Leid und die Schmerzen der alten Frau vorstellte, denn sie sprach nicht mit ihm, hielt ihn in ihrer Gutmütigkeit weiterhin für eine Krankenpfleger, der sich um sie kümmere.

Inzwischen hatten die Zeitungsberichte auch die Hauptstadtpresse erreicht und das spektakuläre erste Bild, das der Reporter selbst noch auf Knien von der Blase ge­schos­sen hatte, schaffte es in die Abendnachrichten. Nun fiel auch im Gesund­heits­ministerium unter all den zahllosen eMails die Kurzmitteilung des Labortests in die richtigen Hände. Der zuständige Ministerialdirigent für subtropische Medizin nahm sich des Berichts an, hakte nach und ließ – gut gekühlt in diesem heißen Sommer – die Gewebeprobe in die Hauptstadt transportieren.

Nun nahmen die Dinge ihren Lauf. Ein Krisenstab wurde eingerichtet. Täglich berichtete die Pressestelle des Ministeriums. Die Meldungen wurden sofort von allen großen Sendern übernommen. Ohne daß es einer Anweisung bedurfte, überprüfte das Personal in sämtlichen Pflegeheimen, ob weitere alte Menschen ähnliche Symptome zeigten. Tatsächlich – niemand hätte es gedacht: der heiße Sommer hatte auch bei anderen Senioren zu Schwellungen aller Art geführt. Bei einem alten Mann war das linke Knie geschwollen, daß es einem Medizinball glich. Einer weiteren alten Frau  war die eigentlich schon schlaffe linke Brust aufgebläht, daß es schien, sie erwarte mit ihren 74 Jahren ein Kind.

Eines aber hatten alle Schwel­lungen, Wucherungen und Auswüchse gemeinsam: Sie waren stets auf der linken Körperhälfte zu finden. Nun kamen die Neurologen und Hirnforscher ins Spiel. Sie verkündeten, daß es sich um eine Anomalie der rechten Hirnhälfte handeln müsse, denn diese steuere die Vorgänge auf der linken Körperhälfte. Man müsse das Gehirn untersuchen, müsse den Stoffwechsel testen und mit radioaktiven Markern in Echtzeit die Blutströme zur Großhirnrinde unter die Lupe nehmen. Ein findiger Forscher entwickelte eine Methode, die Anomalien der Großhirnrinde mit Hilfe des EEG zu diagnostizieren, was den technischen und finanziellen Aufwand um ein Vielfaches minderte. Noch bevor der findige Forscher sein neuartiges Testverfahren kreuzvalidieren und veröffentlichen konnte, erging vom Ministerium der Erlaß, in allen Pflegeheimen, EEG-Elekroden anzuschaffen, das Personal zu schulen und sämtliche Bewohner der Heime zu überwachen.

Von nun an wurden täglich neue Alte in den Pflegeheimen aufgespürt, die auch ohne jede Schwellungs-, Wucherungs- und Blasen­symptomatik eine Anomalie auf der rechten Großhirnhälfte aufwiesen. Wegen der Befürchtung, den Gefahren, die von der Störung ausgingen, nicht gewachsen zu sein, veranlaßte das Pflegepersonal instinktiv bei der kleinsten Auffälligkeit, ja beim geringsten Hüpfer im rechtsseitigen EEG den Notarzt zu rufen. Der Notarzt war durch die täglichen, genauer gesagt: nunmehr stündlichen Sondernachrichten zu Schwellungen und Auswüchsen, bereits gut vorbereitet, genauer gesagt: gebrieft. Er überwies den Patienten sofort in die Intensiv­medizin. Dies geschah, wie man sich denken kann, in allen Pflegeheimen gleichzeitig, denn keines wollte seiner Verantwortung und Fürsorgepflicht für die alten Menschen nicht gerecht werden.

Also hieß es handeln, ohne zu zögern, keine kostbare Zeit verstreichen zu lassen. Die Ärzte auf den Intensivstationen wunderten sich. Sie fühlten sich dem Ansturm nicht gewachsen, wollten zugleich aber ihren jahrhundertelang gepflegten Hippokratischen Eid erfüllen – also schlugen sie Alarm. Mehrere hundert Chefärzte riefen am selben Tag den Gesundheitsminister an, die Telefondrähte glühten. Der Minister war jung und forsch, spürte den Tatendrang in seiner Brust. Wäre er doch eigentlich selbst Mediziner – in Wirklichkeit war er ein Kaufmann – und stellte sich vor, was es heißen würde, helfen zu wollen, aber nicht zu können, weil die Umstände katastrophal erschienen – dem mußte vorgebeugt werden. Vorbeugung war schon immer die beste Medizin. In Wirklichkeit standen die Mediziner bei älteren Patienten immer schon vor der Entscheidung, ob eine intensive Behandlung das Leid eher vergrößere oder viel­mehr eine Schmerzlinderung angezeigt sei. Dieses Dilemma gab es, seitdem es den Arztberuf gab – nichts daran war neu.

Unser junger Minister bat also den Ministerpräsidenten, eine Kabinettsrunde ein­zuberufen. Auf dieser Sitzung wurde der nationale Gesund­heits­notstand ausgerufen. Die Krankenhäuser müßten ausgebaut, neue Inten­sivstationen eröffnet, alle sonstigen Operationen vertagt und alles auf die Rettung der alten Menschen aus den Pflegeheimen, die dem Schwellungs- und Wucherungstod nahe standen, ausgerichtet werden – koste es was es wolle, das gebiete unsere Menschlichkeit und Solidarität.

Tatsächlich offen­barten sich auf den Intensivstationen schwerste Fälle von sterbens­kranken 82-, 78- und 89jährigen. Den in Transportern eilends hergekarrten Alten aus den Pflegeheimen bekam der Umzug auf die Intensivstationen, sagen wir es diplomatisch, nicht gerade gut. Sie vermißten ihre vertrauten Pfleger, die vor wenigen Tagen noch kleine Scherze, Späße und nette Bemerkungen für sie übrig hatten. Stattdessen wurden nun blinkende Meßgeräte um sie herum aufgebaut. Viele wurden an den Tropf gehangen, erhielten prophylaktisch einen künstlichen Darmausgang. Jeder menschliche Kontakt war durch Mundschutz und Plexiglasbrille auf der Nase der Ärzte und Krankenschwestern vorbeugend geschützt. Denn die Patienten schleppten ihre langwierigen Krankheiten, an denen sie schon seit Jahren laborierten, auf die Intensivstationen, Krankheiten, die bei ihnen als unheilbar galten: Krebs, Lungenentzündungen, Schlaganfälle, Diabetes, In­kon­tinenz. Die Intensivstationen mutierten landesweit zu Geronto-Intensivstationen. Doch die Patienten ver­mißten die Palliativärzte, die ihnen wenigstens den Schmerz zu lindern vermochten. Allein der Ortswechsel verursachte bei manchen einen Schock, von dem sie sich nicht erholten.

Es kam, wie es kommen mußte – auf den Geronto-Intensivstationen stieg die Todesrate rasant an, ein Umstand, der sich nicht verheimlichen ließ, denn die Sozial­ar­beiter der Krankenhäuser waren nun fortlaufend damit beschäftigt, Be­stat­tungs­institute anzurufen und mit der Abholung der Verstorbenen zu be­auftragen. Schließlich traten die Bestatter wegen Überlastung in einen Streik und wandten sich an die Presse. Eine überaus alarmierende Schlagzeile machte die Runde: „In der Gruppe der über 80-Jährigen ist die höchste Sterblichkeitsrate zu ver­zeichnen.“ Kaum zu glauben! Tatsächlich berichtete ein Magazin nach dem anderen über dieses phänomenale Phänomen. Starben nicht in normalen Zeiten schon mehr als zweitausend Menschen am Tag eines natürlichen Todes, ohne daß außerhalb der eigenen Familie darüber gesprochen wurde? Die Regierung bemühte sich redlich, das Erschreckende dieser Nachricht klein zu halten – auch für eine einstmals demokratisch gewählte Regierung empfiehlt sich eine gewisse Strategie der Volksverdummung, damit die Panik nicht anschwelle, genauer gesagt: in die richtige Richtung gelenkt werde.

Um die Ausbreitung der hoch ansteckenden, bisher unbekannten Schwel­lungs- und Wucherungskrankheit einzudämmen, erließ die Zentralregierung Tag für Tag neue Gesetze: Schulen und Hochschulen zu besuchen, sich in ein Café zu setzen, seiner Arbeit nachzugehen, ja selbst sich die Haare schneiden zu lassen, wurde kurzerhand verboten. Eine Diskussion zu all diesen Dekreten, die der Form nach den Dekreten Lenins nach der Oktoberrevolution im fernen Petrograd, einem alten Freund unseres seligen Mussolini, nicht unähnlich waren, blieb der Regierung Gott sei Dank erspart. Denn wegen der Befürchtung, sich mit der hochansteckenden Schwellungs- und Wucherungskrankheit zu infizieren, hatte das Parlament – in Abwesenheit der Abgeordneten – einstimmig beschlossen, sämtliche Sitzungen für die kommende Zeit auszusetzen und dem Ministerpräsidenten, er nannte sich nun in alter Tradition wieder Duce, sämtliche Vollmachten zu übertragen.

Den Krankenhäusern blieb angesichts des Streiks der Bestattungsinstitute nichts anderes übrig, als die Armee zu bitten, die Leichen, die sich in den Kühlkellern stapelten, abzutransportieren – was der Ministerpräsident kraft seiner präsidialen Machtfülle mit einem Federstrich genehmigte. Die Bilder vom Militärkonvoi voller Leichen in Friedens-, aber Krisenzeiten gingen um die Welt. Kurzerhand wurden in allen zivi­lisierten Staaten EEG-Elektroden für die Alters- und Pflegeheime angeschafft. In manchen Staaten wurden auch die geschlossenen Psychiatriestationen und Hochsicherheitsgefängnisse in die diagnostische Präventionsmaßnahme integriert.

Nun nahmen die Dinge ihren Lauf. Der Weltgesundheitsverein (WGV e.V.) gab welt­weit anerkannte Empfehlungen heraus, die in der weiten Welt der vernünftigen und aufgeklärten Re­gierungen in Gesetze und Verordnungen umgewandelt wurden. Manchem Autokraten half diese Maßnahme, die Menschen mit Verweis auf die Ge­sund­heitsrisiken von Protesten und Demonstrationen gegen eine verfassungswidrige Ver­längerung der Amtszeit abzuhalten – wer hätte gedacht, daß sich die grassierende Infektion, die schauderhaft anzusehenden Wucherungen und Schwellungen, vor allem aber die unsichtbaren Anomalien auf der rechten Hirnhälfte, die glücklicherweise nun mit Hilfe des EEG sichtbar wurden, derart förderlich von den bestehenden Eliten ausnutzen ließen?

Die dubiose Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit erwies sich als wahrer Segen: nicht zuletzt für die Natur, die aufatmen konnte, auch für die gesunden Menschen mittleren Alters, die eingesperrt in ihren Wohnungen, sich nicht mehr mit Gedanken um die richtige Politik martern, nicht mehr täglich zur Arbeitsstelle und von dort durch den elenden Stau zur Schule hetzen mußten – es kehrte Ruhe ein, genauer gesagt: Friedhofsruhe. Und diese bekam der überwiegend gesunden Bevölkerungsmehrheit sehr gut, als wäre sie eine für alle angeordnete Erholungskur. Die Alten stürben sowieso, ob im Heim oder auf der Intensivstation, das war kein großer Unterschied. Die Mächtigen aber konnten mächtig auftrumpfen und keiner verübelte es ihnen.

Wen haben wir vergessen? Ach so, unsere alte Frau, der wegen der Blase unterm Auge vom Chefarzt verboten worden war, nach Hause zu gehen. Beinahe hätte ich es ver­säumt zu erzählen, daß ihre Schwellung Ende August langsam zurückging. Vielleicht waren die etwas kühleren Temperaturen daran schuld. Der Chefarzt wollte sie dennoch nicht entlassen, war sie doch so etwas wie eine Symbolfigur geworden: Patientin Null. Ihre Tochter versuchte, mit dem Anwalt gegen die Entscheidung vorzugehen. Wenigstens sollte ihre 86jährige Mutter in häusliche Quarantäne entlassen werden. Dort würde sie doch für niemanden außer ihre Familie eine Gefahr darstellen. Der Chefarzt ließ den Anwalt mit Verweis auf das Infek­tions­schutzgesetz abblitzen – das sei in der heutigen Zeit nicht erlaubt. Die Alte stelle immerhin eine Gefahr für die Allgemeinheit dar und ihre Tochter mache sich strafbar, wenn sie ihre Mutter zu Hause beherberge. Der Anwalt wiederum erlaubte sich, das Gesetz zu erwähnen, das kürzlich erst verabschiedet worden war und laut Verfassung jedem Menschen das Sterben in den eigenen vier Wänden garantiere, wenn er wolle sogar mit Beihilfe zum Suizid, z.B. bei starken Schmerzen. Da hatte der Chefarzt nur ein müdes Lächeln übrig, erwiderte, er müsse sich noch um die vielen anderen Patienten auf der Geronto-Intensivstation kümmern, leider habe er keine Zeit. Er bemüßigte sich nicht einmal, den Rechts­beistand des Krankenhaus­es von diesem Einwand zu informieren. Erst als die Tochter drohte, die Krankenkasse vom sinnlosen, aber doch recht kostenintensiven Aufenthalt ihrer nunmehr symptomfreien Mutter in Kenntnis zu setzen, zögerte der Chefarzt keine Sekunde: Er konnte wohl unterscheiden, worauf es ankam und worauf nicht.

* Musik soll sein

Sonntag, März 22nd, 2020

.

Nicht Musik soll sein,
wo mein Herz
am Abgrund lauert.

Nicht Musik soll sein,
wo so viele
Flüche gedacht!

Auf der Zunge Flügeln,
in Weihrauchs
Nebeln zerfällt

sogar eines
wahren Gedanken
Pracht . . .

Nicht Musik soll
sein, wo der
Abgrund dauert.

Der Gedanke
abseits der Seele
wütet im Nichts.

Seine Wahrheit
macht dem
Denken arg

zu schaffen.
Die Seele ein
Nichts, tränen-

leer

,

19.11.19

Pandemische Paradoxien 1: Krankheitsfolgen vs. Folgen der Krankheitsbekämpfung

Mittwoch, März 18th, 2020

Taiwan und Südkorea zeigen, daß der Umgang mit der Infektion anders gehen kann, ohne unkalkulierbare ökonomische Kollateralschäden, die beim Über­bie­tungs­wett­bewerb der Länder hier billigend in Kauf genommen werden: ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen sollen sich schützen und geschützt werden, es wird flächendeckend getestet, Erkrankte sollen zu Hause bleiben, sofern sie – wie es in der überwiegenden Mehrzahl der Fall ist – nur milde Symptome zeigen; Apps zeigen in Echtzeit, wo sich Infektionsherde und wo sich medizinische Hilfsmittel wie Atemmasken befinden; im Februar wurden die Schulferien verlängert. Die gesamte Bevölkerung prophylaktisch nach Hause zu verbannen, die Grundrechte (Versammlungsfreiheit, Recht auf Bildung) auszuhebeln und die Wirtschaft durch Stillegungen nachhaltig zu ruinieren – diesen Schritt haben Südkorea und Taiwan wohlweislich unterlassen. In der Abwägung von Kosten und Nutzen, in der syste­mischen Gesamtbilanz dürften sich solche Maßnahmen nicht rechtfertigen lassen – wir haben es weder mit Cholera, der Spanischen Grippe noch mit TBC zu tun.

Die politischen Entscheider hierzulande werden sich möglicherweise binnen kurzem einer veränderten gesell­schaftlichen Situation gegenübersehen: Dann geht es nicht mehr um die Gesundheit von 5 bis 20 Tausend, sondern um die Existenz von 5 bis 10 Millionen Menschen – allein die „Solo-Selbständigen“ sind Millionen. Soziale Unruhen werden die europäischen Länder ergreifen, und Politiker werden sich mit der Frage auseinander setzen, wie sie im Moment des Eiferns und der Machtanmaßung auf Grundlage des Infektionsschutzgesetzes, das Ganze aufs Spiel setzen konnten. Sie werden sich Veranwortungslosigkeit vorwerfen lassen müssen, indem sie unter dem Vorwand der Verantwortung und Solidarität, den wirt­schaftlichen Niedergang für fast alle verursacht haben.

Die Auswirkungen der menschengemachten Katastrophe aufgrund von Fehl­entscheidungen wird die Auswirkungen der Pandemie um ein Vielfaches über­treffen. Am Ende wird man feststellen: Operation gelungen, Patient tot. Erstaunlich, wie wenig nötig ist, um ein funktionierendes Gemeinwesen mit kurzatmigen „wissen­schaftlichen“ Begründungen abzuwürgen. Zum Beispiel wurde der Vergleich von Christian Drosten (Podcast #Update 12 und 13) mit der Spanischen Grippe in den Jahren 1918-20 aus dem Kontext gerissen und zur Begründung der flächen­deckenden Schulschließungen herangezogen. Naiv von einem Wissenschaftler zu glauben, daß Medien und politische Entscheider wie Wissenschaftler mit Infor­mationen umgehen – also abwägen, in Zweifel ziehen, Gegenhypothesen überprüfen.

Nun läßt sich im Zeitraffer beobachten, wie Dystopien soziale Realität werden. Die Ent­scheider haben sich verrannt und sonnen sich darin, „Macher“ zu sein. In Wirklichkeit sind sie Getriebene einer Eigendynamik, die sie als Einzelne gar nicht mehr stoppen können. Nun heißt es für alle, die keiner „Risikogruppe“ angehören: Versteckt euch nicht, laßt euch keine Angst einflößen, sondern erhebt eure Stimme für die systemische Vernunft, zeigt den Entscheidern, daß sie den falschen Weg gewählt haben.

In der Abwägung ist der Ruin aller betroffenen Länder nicht zu rechtfertigen – daß die Aus­wirkungen der menschengemachten Katastrophe die Folgen einer Pandemie um ein Vielfaches übersteigen, kann nicht in unserem Interesse sein! Auch nicht im Interesse der Erkrankten. Länder wie Südkorea und Taiwan machen es vor, wie man Corona begegnen kann, ohne wirtschaftlich bankrott zu gehen.

 

zur feier

Montag, März 16th, 2020

hohläugiger blick
mit augen von jenseits der schatten
ins schwarz der äonen
hingemeuchelt

an tischen aus fels
unbehauen sitzen wir stumm
im geschleiften gebein

zum gelächter der irren
die reichen uns wein aus mitternachts-
trauben wallt das blut bis über
die ufer

uralter gesänge
gen morgen erhängt
am stirngebälk

krähte der hahn viermal
das pochen im brustgewölbe verebbt
gebrochen jedwede geste kalt-
gepresst

gebeugt das tosende
zungenbein alle augen vom schlaf
umwölkt

Es gibt eine Liebe

Samstag, März 14th, 2020

Giwi Margwelaschwili

Eine Schachpartie in einer Küche
Ewig unvollendet
Ewig neu

/

Es gibt eine Liebe, die kommt aus der Tiefe

ephemer

Sonntag, März 8th, 2020

rauscht in der brust
traumverloren im innern der knochen
abgegolten

am rande des hirns
synapsentaumelnd neuronen-
geflochten hingeschüttet
in singenden
staub

tagblind und nacht-
vergessen ursprungsgerissen
wie totes segment

käme einer
höbe das wort aus erstarrter
zunge ließe es stürzen
blutrot

hinab ins zerstäubte
gedicht käme und fiele
vom silbenrand

den würgte
der achtlose sohlentritt kadenz-
zerschlagen mit stumpfer
gewalt

streue ich wind in die lippen-
asche

morgens

Dienstag, März 3rd, 2020

eine Hand hält sich am Zwielicht
hellmorgens vor dem Absturz ins Getriebe
wieder das Frühjahr im Aufwachen
Ungeduld der Vögel der prallen Knospen
den soundsovielten Lebenstag anfangen
Visionen sprießen lassen
bis klimaxähnlich die Mauer
höher ist als die Hoffnung
bis ein Brand entfacht
im unterschiedenen Dunkel
deine Hand lodert
durchs halboffene Fenster
in den nackten Morgen
das Schweigen nicht zu versäumen

Leipziger Buchmesse: abgesagt

Dienstag, März 3rd, 2020

Natürlich konnte Aldous Huxley 1932 nicht wissen, wie ein Fledermaus-Virus zuerst China, dann die Menschheit im Jahr 2020 in Atem hält. Großereignisse werden abgesagt, Arbeiter bei vollem Lohnausgleich in häusliche Quarantäne geschickt – man könnte geneigt sein zu glauben, es sei eine gute Zeit zum Lesen und für die Literatur.

Tatsächlich können Texte dramaturgisch kaum spannungsgeladener sein: Im mentalen Wechselbad wird einerseits verkündet, die Infektion verlaufe mild und Panik sei zu vermeiden. Andererseits wird im Halbstundentakt die Mortalitätsrate durchgesagt. Im Stil der Frontberichterstattung heißt es, der Virus rücke in Richtung Berlin vor. Nun hat er Leipzig “erobert” … (Noch ist hier niemand infiziert.)

Über die an der gemeinen Virusgrippe Verstorbenen wird kein Sterbenswörtchen verloren. Geschweige über die Verkehrstoten, Opfer von Krieg und Hunger und all jenen eigentlichen Katastrophen, an die wir uns längst gewöhnt haben. Verrücktwerden eingeplant.

Die Perepetie drückt sich im Bedauern eines Feuer­wehr­hauptwachtmeisters aus, dass sein erkrankter Kollege noch keine Temperatur messen konnte – die Meldung brachte es in die Abendnachrichten.

Davon können die literarischen Neuerscheinungen dieses Frühjahrs nur träumen. Entgegen der Beteuerungen von gestern wurden die Leipziger Buchmesse und das Lesefest „Leipzig liest“ – mit tausenden Veranstaltungen die soziale Seele des Literaturbetriebs – nun doch abgesagt. Sicherheit geht vor. Zugleich ist es die Konsequenz einer kollektiven Hysterie, von der sich – kaum zu wagen, anders zu hoffen – auch die Buchbranche hat anstecken lassen.

Natürlich konnten wir im Herbst 2019, als das Programm für dieses Frühjahr geplant wurde, nicht wissen, wohin es die Welt treibt. Doch es scheint, als hätten es die Autoren bereits geahnt…

Gebet nicht für Marilyn Monroe

Dienstag, März 3rd, 2020

Du lebtest wie ein Junge und starbst wie ein Junge. Ein junger Mann,

Letzter Kniefall aus der Sicht
Gottes, Beweis:
Hartherzigkeit des Hirten,
Karol König, Kriegers Hinterland. Kommunismus
& Antikommunismus,
champ-contrechamp. Was noch?
Wünsche:
1. Die Erde sei blau wie eine Orange.
2. Die Anzahl der Engel, die auf einer Nadelspitze Platz finden, sei stets größer als die der Toten.
3. Friede sei mit Dir.
Amerika, Amerika – “… singing!”

als vibrato a.D. zwölf tage vor 22.10.

Bublava

Donnerstag, Februar 13th, 2020

Heimgesucht von Sabine : geht im Dorf
Zwischen den Bergen der Strom aus
Ohne Strom wird es dunkel und kalt

In Bächen strömt Schmelzwasser
Die Straßen hinab : über Nacht
Ist wieder alles weiß : die Räder

Der Lifts stehen noch zwei Stunden still
Bevor sie sich weiter drehen und drehen
Bequemes Abenteuer der Selbstüberwindung

Bublava
Babluva
Blablavu

abhängig

Freitag, Februar 7th, 2020

deine Worte
das Rauschen von Muscheln
am Ohr
dem Kind war es
das ganze Meer

Gesang der Wale
dröhnende Bohrinseln
Geschmack von Salz
von Öl im Gefieder
Friedhofstille

deine Worte brennen
über harten Narben
über das weite Meer

(..Waren.)

Freitag, Januar 17th, 2020

n.a.d.M.

Zwischen den Zähnen
Unter den Bäumen
Quillt es hervor
Träume
Eines unbekannten
Körpers, Sternbilder
Ohne Sterne -
Geraden
Abstrakte Unendlichkeit
Kurz vor Erfindung der Geometrie

* * *

Ein Geschehen
Dessen Eckpunkte
Wir sind und nicht sind
Kinder
Von Eltern, deren Eltern Kinder

versunken

Sonntag, Januar 12th, 2020

die feine Reibung von Kieselsteinen
erzeugt ein Knirschen
das ich Schritt für Schritt genieße
umgeben von Natursteinen Zwergkiefern
und wiegenden Gräsern
hier springt ein Bach über Felsen
beruhigt sich im See
Spiegelbild und Tiefe
Mythen steigen auf
am Feuer
an Höhlenwände gezeichnet
vertraute Spuren
die entblößen

Am Rosenberg (Sorbisch Kemnitz)

Dienstag, Dezember 31st, 2019

Über Berge in die Klamm geraten
Barock thront die Kirche auf dem Fels
Rosa Mandelblüte im Dezember
Kohlestaub rieselt leise durchs Fenster

Die Sonne hab ich im Nebel gesehen
Auf dem Vulkan mit vier Geistern getanzt
Weiße Dämmerungen über geklöppeltem Schnee
Haltet inne : Freunde : kehrt ein

Papierschlangen kreiseln vom Himmel
Munter murmelt das Wasser im Tal
Kleine Welten : eingekästelt von Fichten
Einer Umgebindehütte im Wald

Grün leuchten die Berge im Januar
Die Glöckchen bimmeln : wie immer
Wir wissen nicht : wie es früher war
Schön oder hart oder wunderbar

windergeticht

Samstag, Dezember 28th, 2019

in den nebel geschriehen kräen
haggen die aucken
aus
dem schnee

vorbereitung

Freitag, Dezember 13th, 2019

versehentlich
wurde ein wolf angeschossen
gestern am nachmittag
in der fußgängerzone
zwischen dem gebäude der warenhauskette und dem feinkostimbiss
erschraken die kauflustigen passanten
und fremden weihnachtsmarktbesucher
beim knall des schusses beim anblick
des blutes
verschüttete ein mann seinen glühwein
versehentlich gestern
fing es kurz darauf an zu schneien
die spur des angeschossenen tieres
führte in die tiefgarage
eine hetzjagd begann
jeder wollte als erster den wolf erlegen
vor dem festbeginn
am abend rief der bürgermeister
den notstand aus
forderte er truppen der streitkräfte um hilfe an
der örtliche fernsehsender schickte ein kameratea

jede liebe

Freitag, November 29th, 2019

hat ihre eigene sprache
vom flüstern
bis zum wörterfall

bleibt manchmal nur
das gewicht des schweigens

Rückkehr

Mittwoch, November 27th, 2019

Auf gewohnter Straße. Bäume, Lichter, Plakate färben das Gedächtnis. Hauseingänge riechen nur hier so. Mein Gang wird schneller, die Schatten dunkler. Ich höre die Fragen ihrer Gesichter.
Auf dem Stadtplan irre ich zwischen Namen. Taste die Stadtmauer entlang. Durch den grauen Graben hinauf zur Burg. Falken stechen in den Horizont. Er glüht. Am Drehkreuz kehre ich um, sinke in das Tal. Weit bis zur Bergkette. Bin da. Ohne Ort.

S.

Montag, November 18th, 2019

Tränen netzen
mein Gesicht.
So nah wie einst,
so fern doch jetzt.
Nicht mehr eigen
Fleisch und Blut.
Unbekannte Fremde,
aufgebrochen ins
Land ohne Halt.
Zerstörung des Selbst
auf unbekanntem Pfad,
jenseits von Sinn
und Verstand.
Tastend ins Nichts,
begleitet von
düsteren Gestalten,
ohne Liebe.
Verlierend das eigene Ich.
Trostlos rücklassend mich.

nachahmung

Montag, November 18th, 2019

der dichter ahmt vogelstimmen nach
……
der dichter ahmt steine nach
……
                                              (aus Zbigniew Herbert, Gleichnis)

ihre textur ist seine handschrift
auf einem blatt des welkenden bergahorns
in seine rinde ritzt er chiffren der zeit
da ist eine klinge aus tönendem erz
die schneidet die glasfaserkabel und kehlen
der braunzungigen und braunzahnigen werwölfe
aus dem osten kommen sie in riesigen rudeln
da ist ein gefäß aus irdenem steinzeug
darin bewahren wir auf die schlagenden herzen unserer feinde
stellen sie aus in museen und liveshows
um nachahmer abzuschrecken
kein gedicht ist die nachahmung des todes wert

V.

Dienstag, November 5th, 2019

Nicht gesehen von dir,
schmerzte,
trieb mich weiter und weiter.
Nie wirklich gekannt,
gehalten von dir,
machte mich haltlos.
Zeitlose Ewigkeiten in der
Vergangenheit,
Längst vorbei, vermeintlich,
Ruhelosigkeit bis heute.

Endlose Zeiten heute
lassen dich sehen.
Im Jetzt.
Aber das Vergessen
ist schneller
als das Verstehen.
Langsames Verschwinden,
Verblassen,
ohne Wiederkehr,
ohne Abschied.

_ _ *

Donnerstag, Oktober 31st, 2019

Das Perfide an der Rede vom Krieg der Geschlechter ist der Umstand, dass die Männer ihn erfunden haben. Frauen hätten also überhaupt nur eine Chance, ihn zu gewinnen, wenn sie ihn sich zu eigen gemacht hätten. Sie taten das, indem sie ihre Nachkommen als Waffe einsetzten. Aber: “… niemals nur als Mittel, immer auch als Zweck.” (Kant) So kam es, dass sogar die Menschheit als Ausdruck des Bedürfnisses, sich seines Verstandes ohne Leitung durch einen anderen zu bedienen, in Verruf geriet. Stattdessen bräuchte es einen weiblichen Arminius, der das männliche Imperium zu stürzen als seinen Stern über sich hängen weiß.

Ilo

Sonntag, Oktober 20th, 2019

Sie war das Paradies mit der Welt die sie erschuf.
Sie war das Paradies.
Sie war das Para dies.
Sie war das Paradies mit der Welt die sie erschuf.
Sie war das Königreich.
Sie war der Boden, der herabfallende Stern.
Aus ihren Lippen brach die Musik.
Aus ihren Augen sprachen Herzen.
Sie war das Königreich der Sonne.
Des herabgleitenden Gletschers, aus tiefsten schneeweißen Bergen.
Sie ist die glitzerndste Träne im Sternenteich.
Sie war das Paradies mit der Welt die sie erschuf.

Fundsache

Donnerstag, Oktober 17th, 2019

ein Schlüssel
verloren
die Gartentüre offen
in der Abenddämmerung

er hängt an nichts an niemandem
der Faden verloren
in Ereignissen
Irrtümern

die Erinnerung ist abgerissen
ein Fund ohne Anfang
stellt Fragen

/ / *

Sonntag, Oktober 13th, 2019

featuring fried gomringer etc.

sofa profanica

fehlt das
i
lässt sich der
: : : : : : : arsch
hemmungslos
darauf
nieder

ein zeichen ein zeichen
stumm
visuell
i
die stimme
im innern
bricht hin
aus / /

au
ssssssssssssssssss
in
schreibschrift niedergelegt
spürt
man die kette-kette

kett-e-e-e-e-e

stimm
Apparat in Bewegung
“ist das nicht obszön?!”

i-a, au, U

der Abschlus
ein Schuss

i-n-s/d-u-ng-k//l
kl

vice versa

Irrtum schlechthin
oder
konkrete Musik,
Artikulation des eigenen Herzschlags bei 50 Hz, Brummen
auf der Leinwand / des
Auges oder Blatt//Pa
pier, frei
händig durch ein Bullauge gehalten

wand geflecht knoten

du (aporizmo Nr. 67)

solltest endlich aufhören
von den falschen leuten
geld anzunehmen

oc:

Es (Aporismo ’68)

riecht nach kinder
kacke und heil
igem geist

* * *

heiligem stockendem
stinkigem fauligem
odem

odem, atem -
autem
aut.at

(serie #1)

Vogelvau, Treppenwitz und das Kettensägenmassaker

der garten steht still / in den straßen warten die unbeugsamen

Montag, Oktober 7th, 2019

pulst blut im ohr
und der atem hält an
die stimme gelähmt
die stimmbänder gedehnt
reise ich
in eine zeitlose zeit