Auf dem Land hörst du die Stille : wenn ein Vogel
Schreit : der den Abflug nach Süden verpasst hat
Berlin ist nah : und doch bekämpfst du das Verlassensein
Mit Arbeit : Tierefüttern : Ausmisten : Kochen und Trinken
Das ist das Hobby der Nachbarn : sie hocken unter roten Lampions
Und löten sich die Rübe zu : du könntest Gitarre spielen
Oder Theater : die Kohlhaasbühne steht auf dem Anger
Doch es gibt tausend Gründe : die dagegen sprechen
Es gibt keine Kultur : wo Agrikultur herrscht
Früher war alles anders : früher gab es Feste und Stickereien
Tänze und Musik : da war der Bauer abends Musikant
Nicht nur Produzent : so konventionell
Ich verkläre die Vergangenheit : damit sie dient
früher gab es lange schlangen vor dem einzigen bücherladen in der nächstgelegenen kreisstadt … und „harzer grubenlicht“ für die kehle, damit auch der letzte geistesblitz erlischt. kunst fand im hinterraum statt, kultur auf der bühne im „willi agatz“. ich diener, du diener, wir diener. in der dunkelheit hat sich so mancher ver-gangen.
Vyvyan ist vermutlich der Empfänger, weil der Text ihn als diejenige Figur codiert, die von Carl und Guido mit Erotik, Eitelkeit und ästhetischer Inszenierung verbunden wird — nicht Eduard.
Mehrere Hinweise arbeiten darauf hin:
Die Widmung lautet: „Für unseren liebsten Dandy. Möge deine Schönheit nie unbemerkt bleiben.“
Das passt eindeutig stärker zu Vyvyan. Er wird im Text körperlich und stilisiert beschrieben: die Locke in der Stirn, das offene Hemd, die „zarte Brustbehaarung“, seine Theatralik und Empfindlichkeit. Er wirkt wie eine Figur, die Aufmerksamkeit erzeugt und genießt.
Eduard behandelt das Geschenk sofort mit ironischer Gelassenheit.
Er ist nicht überrascht, sondern sagt:
„Guido und Carl haben es wohl gut mit dir gemeint.“
Das klingt, als wüsste er bereits, dass Vyvyan in den Augen ihrer Freunde derjenige ist, dem man ein sexuelles, extravagantes oder provozierendes Geschenk macht.
Der Text etabliert Vyvyan als Objekt des Blicks.
Frau Schlimm wird nervös, als er sich zu ihr hinunterbeugt. Seine Erscheinung wird ausführlich beschrieben. Eduard dagegen bleibt funktional: Er schneidet Fleisch, kommentiert, beobachtet. Vyvyan wird betrachtet; Eduard betrachtet.
Der Rosettenspreizer ist nicht nur ein Sexspielzeug, sondern auch ein Charakterkommentar.
Das Geschenk ist übertrieben, dekadent, leicht skandalös — genau wie die ästhetische Atmosphäre um Vyvyan herum. Carl und Guido schenken also nicht einfach „irgendein“ erotisches Objekt, sondern eines, das zu seiner Persona als exzentrischer Dandy passt.
Auch die Dynamik zwischen Eduard und Vyvyan spricht dafür.
Eduard wirkt souverän und amüsiert, während Vyvyan errötet und benommen reagiert. Das Geschenk markiert Vyvyan als denjenigen, über dessen erotische Ausstrahlung im Freundeskreis gesprochen oder gescherzt wird.
Kurz gesagt:
Der Rosettenspreizer geht an Vyvyan, weil der Text ihn als sinnliche, performative, schönheitsbewusste und leicht exhibitionistische Figur inszeniert. Eduard ist eher der ruhige Gegenpol — weniger Objekt der Projektion, mehr ironischer Kommentator.