Archive for März, 2010

Ganga

Mittwoch, März 31st, 2010

Westlich von Haridwa läßt du die Kälber
aus deinem Euter trinken : du Kuh
aller Flüsse & Flüßchen : die Indiens
Norden durchfließen : der Himalaya
gibt dir die Milch seiner Gletscher : damit du
den Indern als heiliges Tier auf allen Straßen
nachlaufen kannst : ich schwimme & tobe
in dir : ohne vorm Wassergang die Hände
zu falten & sammle Steine auf
die du gestreift hast in Jahrtausenden : einst
konntest du tausend Kilometer fließen : ohne
einen Tropfen Klarheit zu verlieren : jetzt
baden in Varanasi nur noch die Todesnahen
Ganga : rote Flecken hinterläßt du
Typhusartige : auf der Haut
als Zeichen des Fortschritts

Kommt & endet

Mittwoch, März 31st, 2010

Es ist noch märz & schon fiel heute
Schnee : der winter kommt & endet
Nicht : wir ziehen ein langes gesicht
Die flocken treiben am fenster vorbei : so wird
Es weitergehen : in wattekoks wird eingehüllt
Alles : was wir sehen & wir
Werden eingelullt von diesem märz
Im schnee : april & maien
so kann es weiter schneien : du brauchst
Dich nicht beeilen : was für ein terz
um wetters scherz

Anfang

Dienstag, März 23rd, 2010

Das Joch ist ein Geschmeide,
Darin die Steine grell
Wie bunte Fenster funkeln
Und blenden’s Auge schnell.

Das Jochbein ist ein Knochen,
Daran der Fasern viel
Und Schwer im Winde
Zucken – Lächeln zu dem Spiel.

Die Beine sind zwei Bügel
In schwarzen Trichtern
Tief noch schlummern
Alte Knochen, die lange keiner rief:

Der Himmel – eine Feste
In Wasser wo du schliefst

Die Abtei

Dienstag, März 23rd, 2010

(Öffnung der Almanache II)

Wir Zöglinge tragen unsere Herzen auf schneeigen Stirnen.
Das Siegel der nackten Füße aus fünfhundert Jahren
ist den Steintreppen eingeschrieben.
Wenn wir durchs Tal gehen, Hand bei Hand
und immer einer hinter dem andern
eilen unsere Silberstimmchen uns züchtig voran.

Alle Abende nehmen wir heimlich den Duft
des Weihrauchs mit in die Betten.
Die Glockentöne legen sich schwer auf die Brust
die nicht atmen will, wenn die eine Hand
das Gebet spricht und die andere
sich im Feuer verzehrt.

Die müden Patres haben auch ein Herz zu verschenken.
Sie schmücken es mit den Dornen der Winterschlehe
und reinigen so ihr geschwätziges Blut.
Wie ein Klingelbeutel springt es von Hand zu Hand
und hört doch nicht auf, vor sich hin zu murmeln.

O, daß die Nächte nun wieder kürzer werden
wie die Kerzen vor dem gestrengen Altar!
In den Gängen türmt sich der Schnee
der vergeblich seiner Erlösung harret.
Die hohen Feste – Ostern, Pfingsten, Fronleichnam –
fädelt der Raureif auf seine Perlenschnur.

sonntagabend

Dienstag, März 23rd, 2010

sonntagabend wacht

der fremde

feuer schürend überm waldesrand

alles sagend unverstellten blickes

so wacht

in dämmerstund verhallter stimmen

dunkler heime – hoflichter

so wacht

in tausend räumen

die güte um ihre mythen

so wacht

im schatten hereinbrechender nacht

um sträucher der hänge

vertrockneter erde endloser gipfel

so wacht

der begebenheiten um ihre mythen

so wacht

in herzlicher vernunft

endloser stunden wiegend

leidenschaftlich

ströme atemberaubender nächte

so wacht

Das Schloss

Montag, März 22nd, 2010

Trübsaltage, von den Decken bröckelt der Stuck.
Auf Rokokopolstern plustern sich Kakadus.
In der Sofaecke nestelt der König an seiner Perücke.
Ein Diener tritt ein: Ihre Post, Majestät.
Der Regulator tickt ununterbrochen.
Das Fräulein spinnt mit nur einem Finger verschämte Etüden.
Ums Spinett flattern Trauermotten.

Ein Feuer wird in den Kamin getragen.
Die Depeschen liegen versiegelt auf dem Sekretär.
Die vergilbten Tapeten riechen nach Ziegenkäse.
Ein Galan in Pantoffeln öffnet ein Fenster.
Wie auf Kommando beginnen alle zu frösteln.
Das Fräulein hat sein Spiel unterbrochen.
Soll ich dich flöhen? fragt es mit zaghafter Stimme.

Der gepuderte König winkt aus seinen Kissen.
Für sein Spiegelbild kann das Ja oder Nein heißen. Er seufzt.
Der Galan hat die Flasche mit Portwein entdeckt.
Der Diener reicht ihm ein geschliffenes Glas.
Ein Stallbursche mit geschwärztem Gesicht schaut zum Fenster herein.
Die Stadt brennt an allen Enden! ruft er.
Ein weißer Kakadu nützt die allgemeine Verwirrung zur Flucht.

Ossip Mandelstam, Verse vom unbekannten Soldaten

Mittwoch, März 17th, 2010

<1>

Mag diese Luft also Zeuge sein,
Weithin reichendes Herz,
Und in den Hütten, allbekannt, steht der
Ozean ohne Fenster – Schmerz.

Ach, was sind doch die Sterne mitteilsam!
Alles müssen sie schauen – wofür? -
Für das Urteil zur Richter- und Zeugenschaft,
Für den blicklosen Ozean – Schmerz…

Regen, grußloser Sämann, erinnert sich noch
- und sein schmerzloses Manna zeugt -
Wie vielblättrige Kreuze deuteten hoch
Auf den Ozean oder den Keil.

Werden kalte und krumme Menschen hier
Töten, frieren und hungern hart, -
In seinem Grabe, sehen wir,
Liegt der unbekannte Soldat.

Lehre mich, krummes Schwälblein, das
Nicht mehr fliegt,
Wie dieses luftige Grab
Ohne Steuer und Flügel mein eigen wird,

Und für Lermontow Michail
Werde ich: Einstehn mit meinem Wort,
So wie der Bucklige Buckel sieht
Am luftig-durchlöcherten Ort.

<2>

In Gestalt leise zuckender Weinbeeren
Bedrohen uns diese Welten,
Und es hängen als Städte leinfarben,
Als goldenes Sich-Räuspern, Verleumdungen,
Mit von giftiger Kälte Waldbeeren
Breitgeschmierter Sternbilder Festungen -
Goldene Tötungen Fette…

<3>

Arabisches Mischfutter, Bruchsuppe,
Licht zum Strahl zermahlener Schnelle,
Und mit Fußsohlen schief wie Kruppe
Steht der Netzhautstrahl auf der Stelle.

Millionen für Geld getöteter Färsen
Trampelten frei einen leeren Pfad, -
Gute Nacht, alles Gute für sie
Im Namen der hüttigen Festungen.

Himmel, nicht anzueignender Graben -
Himmel von Toden, gratis und verzinster -
Auf deiner Spur, von dir weg, areté,
Tragen die Lippen mich durch das Finster, -

Für Schutzwälle, Bombentrichter und Ossip-Geröll,
In denen er zögerlich atmend erstarb:
Umgewendete – purpurner, pockengewölbter
Sich an die Erde schmiegender Genius des Grabs.

<4>

Gut stirbt die Infanterie,
Und gut singt der nächtliche Chor
Über dem leicht geballten Lächeln Schwejks,
Und über der Vogel-Lanze Don Quijotes,
Und über des Ritters Vogel-Fuß-Ballen.
Und es hält mit dem Menschen Freundschaft der Krüppel -
Beide werden ihre Arbeit finden,
Und’s bekloppt die Einfriedung des Jahrhunderts
Die Holz-Krücken-Familie -
Hey, Menschheit, – Erdball!

<5>

Soll denn dafür sich Schädel entwickeln
Bis zur Stirn – zwischen Schläfen weit,
Damit in seine teuren Höhlen
Nicht hineinreiche der Krieger Geleit?
Es entwickelt sich Schädel durch Leben
Bis zur Stirn – zwischen Schläfen weit,
Saubere Risse höhnen der Sicherheit,
Seine Kuppel sagt: So ist es eben,
Denken schäumt – selbst im Traum sich ergeben -
Schüsselsgrund jetzt und Heimaten Heimat hier -
Aus Sternennarben genähter Helm -
Glückes Käppchen – Vater Shakespeares…

<6>

Eschene Klarheit, Bergahorns Scharfblick
Eilt leicht gerötet in sein Haus,
Gleichsam mit Ohnmachten überschwemmen sie
Beide Himmel mit trübem Brand.

Verbündet erscheint uns nur das Nützliche,
Vorn ist nicht Durchfall, sondern Durchmessen,
Und zu kämpfen für Luft zum Atmen -
Diesen Ruhm der Vorbilder kannst du vergessen.

Und, das Bewusstsein überschwemmend
In der Leere halbohnmächtigen Seins,
Schlürf ich denn wahllos diese Brühe,
Verspeise den eigenen Kopf unterm Brand?

Wurde denn dazu die Hülle erschaffen -
Liebreiz des Leichten im leeren Raum,
Damit Sternenweiß ohne Atem
Leicht gerötet eilt in sein Haus?

Hörest du, Muhme des himmlischen Tabor,
Nacht, was wird sein jetzt und einst?

<7>

Es füllt sich mit Blut die Aorta
Und zischt durch die Reihen leis’:
- Bin geboren vierundneunzig…
- Bin geboren neunzig und zwei…
Und, in der Faust wie Wolgatreidler
Presse ich der Geburten Jahr, und
Es zischelt der blutleere Mund selbst weiter:
Bin geboren nachts, vom zweiten zum dritten
Januar – im Jahre neunzig und eins
Einem schlechten Jahr – und die Jahrhunderte
Ziehn mich in ihren brennenden Kreis.

1. – 15. März 1937

Robinson Crusoe (7)

Montag, März 15th, 2010

Beziehungen: Nähe, Ferne

Wenn du nicht hier bist, bist du dort.
In Gedanken jage ich dir nach.
Manchmal treffe ich dich.
Dann werden wir ein Paar.
Von mir selbst schließe ich auf dich.
Du bist so freundlich, das gut zu heißen.
Dein starrer Blick weist in die Ferne.
Noch weiß ich nicht, wohin.

Ganga morgens

Dienstag, März 9th, 2010

flott strömt sie dahin : so schnell
daß sie die heerscharen orangefarben
gekleiderter pilger nicht bemerkt : die langsam
auf der brücke über sie hinweg schreiten : während
eine horde raftingbegeisterter darunter wegtreibt : den runden
schädel mit einem helm gegen harten aufprall bewehrt