Das Schloss

Trübsaltage, von den Decken bröckelt der Stuck.
Auf Rokokopolstern plustern sich Kakadus.
In der Sofaecke nestelt der König an seiner Perücke.
Ein Diener tritt ein: Ihre Post, Majestät.
Der Regulator tickt ununterbrochen.
Das Fräulein spinnt mit nur einem Finger verschämte Etüden.
Ums Spinett flattern Trauermotten.

Ein Feuer wird in den Kamin getragen.
Die Depeschen liegen versiegelt auf dem Sekretär.
Die vergilbten Tapeten riechen nach Ziegenkäse.
Ein Galan in Pantoffeln öffnet ein Fenster.
Wie auf Kommando beginnen alle zu frösteln.
Das Fräulein hat sein Spiel unterbrochen.
Soll ich dich flöhen? fragt es mit zaghafter Stimme.

Der gepuderte König winkt aus seinen Kissen.
Für sein Spiegelbild kann das Ja oder Nein heißen. Er seufzt.
Der Galan hat die Flasche mit Portwein entdeckt.
Der Diener reicht ihm ein geschliffenes Glas.
Ein Stallbursche mit geschwärztem Gesicht schaut zum Fenster herein.
Die Stadt brennt an allen Enden! ruft er.
Ein weißer Kakadu nützt die allgemeine Verwirrung zur Flucht.

Dieser Beitrag wurde von Thomas Böhme am 22. März 2010 um 12:50 Uhr geschrieben.

Genre: Realitätsschatten

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