Autor-Archive: Viktor Kalinke

Über Viktor Kalinke

geb. in Jena, Studium der Psychologie und Mathematik in Dresden, Leipzig und Beijing, Kreativitäts-Preis der Hans-Sauer-Stiftung, Mitbegründer der Edition + Galerie Erata, Promotion, Professur, lebt in Leipzig.

Wesen und Schicksal der Dichtung in den „neuen Ländern“

Von | 20. November 2008

für Alfred Margul-Sperber In diesem Beitrag komme ich nicht auf die Dichtung – die Texte und ihre Verfasser – zu sprechen, sondern wende mich den Umständen, den Kontextbedingungen zu, die die dichterische Produktion in den neuen Ländern bestimmen. Diese Dichtung leidet – hier sei an ein Wort von Martin Buber erinnert – an ihrer Tragik,… Weiterlesen »

Herr Klopsig und Frau Edelsüß (4)

Von | 11. November 2008

Künstler und Angestellte Eine Gruppe wartete auf Herrn Klopsig, zwei oder drei Frauen und drei oder vier schwule Jünglinge. Herr Klopsig wußte nicht, woher sie wußten, daß er genau an dieser Stelle vorbeikommen würde. Sie warteten beim Zwischenhändler, wo er zwei neue Sorten Märkischen Weines bestellt hatte. Offenbar handelte es sich um eine Vorkostertruppe. Seitdem… Weiterlesen »

Herr Klopsig und Frau Edelsüß (3)

Von | 16. September 2008

Der Großschriftsteller Frau Edelsüß führte wirklich ein abwechslungsreiches Le­ben. Der fehlende Zwang, sich einer Erwerbstätigkeit zu­zu­wen­den, verleitete sie zu einer professionellen Sprung­haf­tigkeit, die in früheren Zeiten Universal­ge­lehrt­heit genannt wurde. Jetzt er­blickte man in einer solchen Vielseitigkeit das si­chere An­zei­chen für Dilletantismus. Frau Edelsüß – sich ihrer vor­nehmen Herkunft bewußt – zeigte sich gegen derartige niedere… Weiterlesen »

Herr Klopsig und Frau Edelsüß (2)

Von | 28. August 2008

Die aristokratische Prüfung Bereits in der bürgerlichen Gesellschaft gehörten Herr Klopsig und Frau Edelsüß einer Minderheit an: dem ehemaligen Adel. Doch während Herr Klopsig – mütterlicherseits – dem verarmten Landadel zugerechnet wurde (die Herkunft väterlicherseits war eine andere Geschichte), wurde Frau Edelsüß in ein Geschlecht hineingeboren, dem die europäische Hochkultur einige ihrer schönsten Blüten verdankte.… Weiterlesen »

Herr Klopsig und Frau Edelsüß (1)

Von | 25. August 2008

Geschwisterliebe Frau Edelsüß war eine blonde Frau und etwas dunkelhäutig. Mitunter ärgerte sie sich über ihr natürliches Blond und färbte sich die Haare dunkel. Dann wirkte sie arabisch oder kaukasisch. Sie war jünger als Herr Klopsig und mit puber­tärer Lust ausgestattet. Die beiden flogen mit bloßen Armen durch die Lüfte, indem sie sich am Ellbogen einhakelten und… Weiterlesen »

Aufbauabbau

Von | 1. Juli 2008

Mit der Pleite des Aufbau-Verlages verliert Ostdeutschland endgültig seine Stimme im Chor des bundesdeutschen Verlagswesens. Christoph Links hat in seinen Beiträgen (siehe: Was wurde aus dem „Leseland DDR“?, in: ders. (Hg.), Am Ziel vorbei, Berlin 2005) schon vor Jahren auf den ökonomischen Irrsinn hingewiesen, der eine gesamte Region zum Absatzmarkt degradiert, die Wertschöpfung aber liquidiert.… Weiterlesen »

Süße Provinz

Von | 23. März 2008

Süße Provinz +++ nicht hinaus : hinein wollen wir +++ immer tiefer : in die Berge +++ Schluchten hinab : mit gellendem Schrei +++ hinterm Bach liegt die Provinz anderer Zunge +++ ein reißendes Dazwischen : kälter als Eis +++ schreckt niemanden : die beiden Alten +++ sind als Jungen drüber gestiegen : zu einer Zeit… Weiterlesen »

Leipzig nießt

Von | 21. März 2008

Die Messe ist gelesen, ich schlage die Montagszeitung auf und sehe: Nießen. Jetzt muß ich den Namen doch erwähnen. Der Überschrift wegen. Ein fülliger Barde mit rotblondem Haar, rotblondem Bart, schwarzer Brille. Der im Neuen Rathaus die Arme hochreißt wie ein gedopter Radrennfahrer auf der Zielgeraden. Kämpferisch, sportlich, wie der Liebhaber des Pferderennsports, der zwei Tage vorher die… Weiterlesen »

Nur Traum

Von | 28. Februar 2008

Ein neues Zeitalter hat begonnen. Niemand hat es gedacht, doch nun ist es da. Wie konnte es geschehen? Zuerst wurde das Rauchen verboten. Unter dem Vorwand der Gesundheitsprävention. Die Leute nahmen es hin und saßen fortan ohne ihren Glimmstengel in den Kneipen, glaubten, das wäre alles. Die Regierung fühlte sich ermutigt. Als nächstes war das… Weiterlesen »

Bär : l : in : Aale

Von | 17. Februar 2008

Verloren ist der Tag an einen kahlen Zweig : kontrastreich stachelt er ins Abendrot auf meinem Teller tummeln sich die Zahlen die Schornsteine am Horizont : sie fallen aus dem Lot Die Nacht ist kurz mit Liebe & Verbrechen du hast es nicht gehalten : dein tödliches Versprechen abgewirtschafteten Spelunken fliehst du in die Arme &… Weiterlesen »

abg

Von | 27. Januar 2008

welcher könig hat hier +++ gehaust : durch die zerbrochnen scheiben +++ faucht der sturm : hier kannst du +++ dame sein : oder ass : das ist die frage +++ hier drehst du auf dem rad deine runden +++ deine lakeien sind fortgerannt : kein geschäft +++ geht gut : außer der senfladen dort… Weiterlesen »

früher : erfrorener

Von | 14. Januar 2008

vom Reif bedeckt : ein Zeichen ersehnter +++ Kälte : der Morgen steigt kuglig aus den weißen +++ Hügeln empor : wie früher : erfrorener +++ Winter : niemand sehnt sich nach dir +++ Sehnen : unaussprechliches Wort +++ neuromantisch : unmöglich +++ der Morgen kugelt über die Hügel : als wäre keine Zeit +++… Weiterlesen »

Kleine Freuden : zum Fest

Von | 30. Dezember 2007

Im Keller : die Kindheit : morgen kehrt Vater aus der Dämmerung zurück : vergebliche Hoffnung : keine Sauna heizt so ein : daß sein Hirn noch weiter wächst : stecken bleibt der Familien- friede im schwellenden : rot anlaufenden Hals : dieser Diktator hat nichts mehr zu sagen : die Kinder bekommen ihre eigenen Austicker… Weiterlesen »

Autodafé

Von | 22. Oktober 2007

Reif auf den Büschen : wo wir uns versteckt haben voreinander : wo wir die Feuer feierten jedes Mal : wenn wir vorbeiliefen : im Mund den Verrat : Asche auf den Feldern körniger Nebel : aufsteigend aus den Furchen bevor uns der Tag aufheizt in unseren Glasgehäusen schau nur : wie wir aufwirbeln : ohne Wind während draußen… Weiterlesen »

Mostar

Von | 20. September 2007

Die dünne Haut der Häuser : sprechend durchlöchert : von Motten zerfressen ausgehöhlt : ausgebrannt : schreiend auf dem Berg das Kreuz : stammelnd im Tal die schlanken Türme der Moscheen die Geliebte hat einen amerikanischen Paß fast kein Haar auf dem Kopf : schweigt das ewige : trostlose Treiben in den Kafanas : ohne… Weiterlesen »

Saraj : evo : 2006

Von | 27. August 2007

An der alten orthodoxen Kirche steht niemand nach Kerzen Schlange : es fließt wieder der Strom in den Leitungen : die Werbetafeln blühen : niemand übernachtet im Keller : draußen sitzt es sich gut in kühler Luft an Juliabenden : wer denkt hier an Granaten : ein Bier die Tatrabahn humpelt wieder durch die Straßen… Weiterlesen »

O Wuppertal

Von | 17. August 2007

O Wuppertal : daß ich mich deiner erbarme du Chemnitz des Westens : verlassene Schwerindustrie : verhastete Arbeiterstadt : nur von Zeit & Regen verschlissener als deine Schwester im Osten : ein Systemwechsel ist vonnöten : damit neue Herrscher dich wiedererrichten auf den zertrümmerten Nachkriegs- fassaden & dich umbenennen : ein Name den du verdient… Weiterlesen »

Karstige Berge

Von | 9. August 2007

Montenegrinische Frauen : stolz wie die karstigen Berge entlang der schmalen Küste : wie es scheint unbesteigbar : doch auch hier gibt es für den Wanderer markierte Wege : am Morgen zeigt sie dir mit Vergnügen die blauen Flecken am Oberarm : ein verschmitztes Lächeln huscht über das strenge Gesicht : aber kein Blick in… Weiterlesen »

Hauptstraße : Dresden

Von | 15. Juli 2007

Sitzen & Gehen : Fischgeruch ohne Meer : das gelbe Haar der Frauen Brummen der Fahrzeuge im Hintergrund : anorganisches Hüsteln der Platane : vergeßliche Aggregatzustände des Sommers : eingewickelt in Salzteig : schwer verdauliches Lachen gerissener Dichter : am Erdende wer viel verkauft : hat schon verloren

Orpheus : im Sommer

Von | 15. Juli 2007

Wo Orpheus singt : ist Sommer er hat sich gesammelt : nicht gesungen ich habe nichts gehört : er hat seine Verkörperungen versammelt : die Geister blieben unsichtbar : wir haben geflüstert : gestammelt hätte er doch : hätte er doch uns in Tiere verwandelt : dich & dich & dich & mich : damit… Weiterlesen »

Wo Zweifel ist, wächst auch die Verzweiflung …

Von | 24. Juni 2007

Das Wesen Mensch Laudatio zu einer Ausstellung von Jens Ossada, Schloß Rochsburg Das Wesen Mensch — wer denkt da nicht an die Kreatur, die Schöpfung Gottes. Oder, um ein anderen Glaubenssatz zu benennen, an die „bio-psycho-soziale Einheit Mensch“. Den Maler und Skulpturenbauer Jens Ossada beschäftigt die Frage, worin das Wesen des Menschen besteht, ohne sich… Weiterlesen »

Skandale inflationär

Von | 14. Mai 2007

Skandale versucht jeder zu inszenieren, der im Kulturbetrieb tätig ist. Tanz mit einer Klobürste im Haar splitternackt auf der Straße – was früher ein gemeiner Schulwitz war, mit dem man den Nachbarjungen ärgerte (heute heißt es mobbte), gerät zur scheinbar freiwilligen Selbstinszenierung. Das Zauberwort heißt Aufmerksamkeit. Sie verschafft Ruhm & Geld. Indem jeder nach ihr… Weiterlesen »

Außenprüfung

Von | 14. Mai 2007

Heute hat mich Franz Kafka besucht : ein Schmalhans Finanzbeamter : mit wachem Blick inspizierte er meine Räume : die Küche : zum Schluß fragte er : wo ich schlafe : es gibt kein Bett bei mir : nur ein Klappsofa das schien ihm sympathisch zu sein : ein sparsamer Typ den er hier überprüfe :… Weiterlesen »

Relativitätstheorie

Von | 4. Mai 2007

Wenn man älter wird : verkürzt sich die Zeit mit der Familie zugebracht : für einen Jungen erscheint eine Stunde wie ein Tag : eines Tages erscheint ein Tag mit der Familie wie eine Stunde die Eltern sind alt geworden : die Geschwister verstreut : glücklich : wer noch Eltern & Geschwister hat Die Dichter… Weiterlesen »