Serbien sehen!

Von | 16. März 2011

Die Verwandtschaft der Sprachen erzeugt die Illusion einer gemeinsamen Kultur. Doch die Geschichte und konfessionelle Gebundenheit der ehemals jugoslawischen Teilrepubliken könnten kaum unterschiedlicher sein. Jugoslawien war im Auge eines Ostblockbewohners die Alternative schlechthin: der Bruch mit Stalin, die Bewegung der paktfreien Staaten, auf Partizipation zielende kollektive Eigentumsformen und die beibehaltene Reisefreiheit – all dies erschien den Reformern von 1956 und 1968, die den Sozialismus bewahren und in ein menschenwürdiges System verwandeln wollten, geradezu anstrebenswert. Daß die Vorgeschichte einen tiefen Riß durch den Balkan getrieben hatte und daß Serbien dabei eine ganz eigene Rolle spielte, geriet in der Begeisterung für das föderative Jugoslawien aus dem Blick.

Das Morgenländische Schisma projizierte die Alleingeltungsansprüche des geplünderten Roms gegenüber dem kaiserlichen Konstantinopel auf den Balkan. Slowenien und Kroatien, die sich Venedig und den Habsburgern unterwarfen, um nicht dem osmanischen Reich eingegliedert zu werden, schienen aus Sicht der Orthodoxie an den Katholizismus verloren. Von der türkischen Herrschaft befreiten sich die Serben im Laufe des 19. Jahrhunderts selbst. Seitdem können sie nicht genug bekommen an Unabhängigkeit, Größe und Freiheit. Daß Serbien seine Unabhängigkeit ohne Unterstützung des Westens errungen hatte, war dem Westen gar nicht recht. Auf dem Berliner Kongreß 1878 wurde den Österreichern die Besetzung Bosniens erlaubt, nicht zuletzt, um den serbischen Plänen zuvorzukommen, sich einen Zugang zur Adria zu verschaffen. Im zweiten Balkankrieg, in dem Serbien und Griechenland gegen ihren einstigen Verbündeten Bulgarien kämpften, beanspruchte Serbien die Territorien des heutigen Mazedonien und des Kosovo. Nach dem Attentat von Sarajevo vermutete Österreich – im Einklang mit den Nachbarn Bulgarien, Rumänien und der Türkei – die Drahtzieher in Belgrad. Die Angst vor großserbischen Ambitionen diente als Vorwand, um den Ersten Weltkrieg vom Zaun zu brechen. Später, im Königreich Jugoslawien, beanspruchte Serbien die Hegemonie und provozierte damit die kroatischen und slowenischen „Brüder und Schwestern“.

Serbien blieb ein unberechenbarer Partner. Während des Zweiten Weltkrieges versuchte es lange, neutral zu bleiben. Erst unter dem Eindruck akuter Kriegsgefahr wandte sich die serbische Regierung den Achsenmächten zu, was vom Volk nicht honoriert und mit Demonstrationen für England beantwortet wurde, so daß Hitler Serbien kurzerhand bombardieren, erobern und zerstückeln ließ. Auch Stalin war der serbische Unabhängigkeitswille nicht geheuer. All das verschwand hinter der schillernden Kulisse des Tito-Kommunismus, des dritten Weges und der Illusion von der Realisierbarkeit einer Utopie.

Erst die Kriege der 1990er Jahre trübten den Glanz der jugoslawischen Idee. Die Nationalismen sind wie schwelende Wunden wieder aufgebrochen, scheinbar aus dem Nichts. Heute werden die Unterschiede zwischen den Sprachen betont und zum identitätsstiftenden Politikum. Die ungelösten Konflikte – die auch Konflikte des Westens sind – brachen wie ein Geschwür hervor: Nirgendwo prallen römische Kirche, Orthodoxie und Islam so dicht aufeinander wie auf dem Balkan. Die Hegemonie über die unter Tito formell selbständig gewordenen Teilrepubliken der SFRJ ließ sich militärisch nicht herstellen. Es scheint, als sollte dieser schöne Landstrich ausbaden, was in der Geschichte von Ost- und Westeuropa nur durch Abschottung in einem spannungsvollen Gleichgewicht gehalten wurde. Seit den Befreiungskriegen des 19. Jahrhunderts will Serbien mit dem Kopf durch die Wand. Ob es sich nach den Zerfallskriegen stärker dem Osten (Rußland) oder dem Westen (EU) zuwenden würde, blieb lange Zeit unklar.

Wenn Serbien literarisch in den Mittelpunkt rückt, dann geht es um Anerkennung: Literatur als Botschafter einer fremd erscheinenden Lebenskultur, einer trennenden religiösen Verwurzelung und einer pochenden Idee der Autonomie. Natürlich ist die Literatur am Ende machtlos. Sie ähnelt, um mit Paul Celan zu sprechen, einer Flaschenpost, und es ist ungewiß, ob sie den richtigen Adressaten erreicht. Serbien ins Zentrum zu stellen, bedeutet für den Westen eine Nachholestunde: Nur die Anerkennung des Eigenständigen kann zu dem Grad an Verständnis führen, der die Konflikte entschärft, die Serbien stellvertretend für den Westen und den Osten, gegen den Islam wie auch gegen den Katholizismus ausgefochten hat. Die serbischen Dichter greifen dieses Spezifikum ihrer Geschichte auf, aber sie beschränken sich nicht auf ein Nachdenken über Serbien. Dort, wo sie über den nationalen Tellerrand hinausblicken, wird ihre Dichtung für uns interessant. Crnjanski sammelt seine Beobachtungen über Deutschland am Ende der Weimarer Republik in Berlin. Pavlovi? fragt nach der Rolle der Religion in unserem postmodernen Leben und blickt dabei auch nach Indien als Wiege des Buddhismus. Lazi? interessiert die Mündigkeit der Frauen in einer vom orthodoxen Patriarchat geprägten Kultur. Tri?kovi? geht es um die universelle Funktion der Sprache und Tomaševi? fragt nach dem Hinterherhinken der Menschlichkeit hinter dem technischen Fortschritt – eine Frage, die sich gerade dem Westen in Zeiten der Krise ökonomischen Wachstumsdenkens stellt.

Kategorie: Rezensionen

Über Viktor Kalinke

geb. in Jena, Studium der Psychologie und Mathematik in Dresden, Leipzig und Beijing, Kreativitäts-Preis der Hans-Sauer-Stiftung, Mitbegründer der Edition + Galerie Erata, Promotion, Professur, lebt in Leipzig.

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