Parabeln zur Pandemie 2: Die einäugige Alte oder vom Glück, im eigenen Bett sterben zu dürfen

Eine alte Frau verbrachte ihre letzten Tage im Pflegeheim. Sie war mit einem biblischen Alter von 86 Jahren gesegnet, hatte Mussolini, die deutsche Besatzung und schließlich die Nachkriegszeit durchlebt.  Ihre rüstige Tochter, die gerade ihren 60. Geburtstag gefeiert hatte, besuchte sie beinahe täglich. Die Alte war – soweit sie sich erinnern konnte – zufrieden. Sie war noch imstande gemächlich herumzulaufen, genauer gesagt: zu schlurfen,  und sich selbst anzukleiden, fühlte sich umsorgt und hegte nur noch einen Wunsch im Herzen: im eigenen Bett zu sterben. Tatsächlich dachte ihre Tochter zuweilen ernsthaft darüber nach, sie wieder zu sich nach Hause zu holen, um ihrer Mutter diesen letzten Wunsch zu gewähren.

Mitten im Sommer geschah etwas Eigenartiges: Von der Hitze bildeten sich rote Blasen auf der Haut der Alten, besonders auf den Wangen, die so sehr anschwollen, daß sie auf der linken Seite ein Auge zudrückten. Die Pfleger kümmerten sich rührend, legten Kompressen auf, es nützte nichts. Als die Schwellung nach drei Tagen nicht verschwand, riefen sie den Arzt, der stets ins Altenheim kam, wenn es gesundheitliche Probleme gab – das war praktisch jeden Tag der Fall. Die Blasen blieben und überwucherten das linke Auge. Die alte Frau ähnelte einer Leprakranken, doch es war kein Lepra. Eine neuartige, eine unbekannte Krankheit, raunte der Arzt und ordnete die Verlegung der Alten ins Krankenhaus an.

Die einäugige Alte wurde nun vom Hautarzt, von der Augenärztin, vom Internisten und schließlich vom Chefarzt inspiziert – niemand konnte eine klare Diagnose stellen, allen stand das Rätsel als Fragezeichen ins Gesicht geschrieben. Am folgenden Tag nahm die Hautärztin eine Gewebeprobe und schickte sie ins Labor. Es dauerte drei Tage, ehe ein Eilkurier die Ergebnisse der Untersuchung persönlich dem Chefarzt überbrachte, drei Tage, in denen die Blase unterm linken Auge der alten Frau weiter und weiter wucherte. Nun bildete er bereits einen Auswuchs, der mit der Stirn zu verwachsen schien.

Der Laborbericht enthielt im Telegrammstil folgende Mitteilung: „Neuartiger Bakterienstamm, aus der Famile der Mykobakterien, aber mit bisher unbekannter DNA, im Unterschied zu anderen Mykobakterien offenbar schnell ansteckend und mit kurzer Inkubationszeit.“ Der Bericht war per eMail zeitgleich ans Gesundheitsministerium in die Hauptstadt geschickt worden. Dort landete er jedoch mit etwa dreitausend weiteren eMails vom selben Tag im Postfach der Pressestelle und wurde nicht weiter beachtet.

Die alte Frau im Krankenhaus erfuhr nichts von den Laborergebnissen. Ihr wurde gesagt, es handele sich um eine seit langem bekannte, heilbare Krankheit, sie bekomme jetzt Medikamente und in ein paar Tagen werde die Blase wieder abschwellen. Die Alte schöpfte Hoffnung, daß ihr langgehegter Wunsch, zu Hause bei ihrer Tochter sterben zu können, nun doch in Erfüllung gehen könne. Sie bat um das Rezept und wollte sich nach Hause bringen lassen. Da erschien der Chefarzt persönlich zur Visite an ihrem Bett und erklärte ihr, das sei nicht möglich, sie müsse bleiben.

In der Zwischenzeit hatte ein Pfleger beim Feierabendbier mit einem Freund über die ungewöhnliche Alte mit dem zugeschwollenen Auge gesprochen. Dieser Freund war von Natur aus neugierig und hörte aufmerksam zu – er arbeitete bei der Lokalzeitung. Er entwickelte eine lebhafte Vorstellung von der Monsterkrankheit der Alten, stellte sich vor, wie nicht nur das Auge, sondern bald schon die Stirn und dann der ganze Kopf von der Blase überwuchert und eingehüllt sein würden – eine schauderhafte, Grausen erregende Vorstellung. Am folgenden Morgen streifte er sich einen grünen Kittel über, setzte sich einen Mundschutz auf und begleitete den Pfleger zur Arbeit ins Krankenhaus, ließ sich ans Bett der Alten führen, die nichts argwöhnte. Dort schoß er heimlich eine ganze Fotoserie von der Alten, genauer gesagt: von der Blase, die ihr Auge überwölbt hatte. Er kniete sich neben das Krankenbett, um aus schräger Perspektive von unten ein besonders eindrucksvolles Bild von der Größe der Blase einzufangen. Am Computer könnte er mittels der Auto­korrekturfunktion die rötlichen Stellen blutrot erscheinen lassen – es würde ein auf­sehendes Bild ergeben. Mit etwas Glück, genauer gesagt: wenn sich an diesem Tag kein anderes Unglück ereignete, würde das Bild auf der Titelseite landen.

So ge­schah es: der Reporter hatte Glück, das Bild wurde auf Seite eins abgedruckt. Der Chef­redakteur feuerte die Redaktion an, die Geschichte weiterzuverfolgen. Nun erhielt die alte Frau in ihrem einsamen Krankenzimmer dreimal täglich Besuch von jenem umtriebigen Redakteur, der nun noch eine Assistentin und einen profes­sionellen Fotografen im Schlepptau mitführte. In einem Tagebuch, das der Reporter als Blog im Internet vorab veröffentlichte und das in Auszügen nun eine eigene Kolumne der Lokalzeitung bildete, berichtete er von den Veränderungen und Wucherungen der Blase. Er schilderte die Gedanken der alten Frau, ihr Leid und ihre Schmerzen. Genauer gesagt schilderte er, wie er sich die Gedanken, das Leid und die Schmerzen der alten Frau vorstellte, denn sie sprach nicht mit ihm, hielt ihn in ihrer Gutmütigkeit weiterhin für eine Krankenpfleger, der sich um sie kümmere.

Inzwischen hatten die Zeitungsberichte auch die Hauptstadtpresse erreicht und das spektakuläre erste Bild, das der Reporter selbst noch auf Knien von der Blase ge­schos­sen hatte, schaffte es in die Abendnachrichten. Nun fiel auch im Gesund­heits­ministerium unter all den zahllosen eMails die Kurzmitteilung des Labortests in die richtigen Hände. Der zuständige Ministerialdirigent für subtropische Medizin nahm sich des Berichts an, hakte nach und ließ – gut gekühlt in diesem heißen Sommer – die Gewebeprobe in die Hauptstadt transportieren.

Nun nahmen die Dinge ihren Lauf. Ein Krisenstab wurde eingerichtet. Täglich berichtete die Pressestelle des Ministeriums. Die Meldungen wurden sofort von allen großen Sendern übernommen. Ohne daß es einer Anweisung bedurfte, überprüfte das Personal in sämtlichen Pflegeheimen, ob weitere alte Menschen ähnliche Symptome zeigten. Tatsächlich – niemand hätte es gedacht: der heiße Sommer hatte auch bei anderen Senioren zu Schwellungen aller Art geführt. Bei einem alten Mann war das linke Knie geschwollen, daß es einem Medizinball glich. Einer weiteren alten Frau  war die eigentlich schon schlaffe linke Brust aufgebläht, daß es schien, sie erwarte mit ihren 74 Jahren ein Kind.

Eines aber hatten alle Schwel­lungen, Wucherungen und Auswüchse gemeinsam: Sie waren stets auf der linken Körperhälfte zu finden. Nun kamen die Neurologen und Hirnforscher ins Spiel. Sie verkündeten, daß es sich um eine Anomalie der rechten Hirnhälfte handeln müsse, denn diese steuere die Vorgänge auf der linken Körperhälfte. Man müsse das Gehirn untersuchen, müsse den Stoffwechsel testen und mit radioaktiven Markern in Echtzeit die Blutströme zur Großhirnrinde unter die Lupe nehmen. Ein findiger Forscher entwickelte eine Methode, die Anomalien der Großhirnrinde mit Hilfe des EEG zu diagnostizieren, was den technischen und finanziellen Aufwand um ein Vielfaches minderte. Noch bevor der findige Forscher sein neuartiges Testverfahren kreuzvalidieren und veröffentlichen konnte, erging vom Ministerium der Erlaß, in allen Pflegeheimen, EEG-Elekroden anzuschaffen, das Personal zu schulen und sämtliche Bewohner der Heime zu überwachen.

Von nun an wurden täglich neue Alte in den Pflegeheimen aufgespürt, die auch ohne jede Schwellungs-, Wucherungs- und Blasen­symptomatik eine Anomalie auf der rechten Großhirnhälfte aufwiesen. Wegen der Befürchtung, den Gefahren, die von der Störung ausgingen, nicht gewachsen zu sein, veranlaßte das Pflegepersonal instinktiv bei der kleinsten Auffälligkeit, ja beim geringsten Hüpfer im rechtsseitigen EEG den Notarzt zu rufen. Der Notarzt war durch die täglichen, genauer gesagt: nunmehr stündlichen Sondernachrichten zu Schwellungen und Auswüchsen, bereits gut vorbereitet, genauer gesagt: gebrieft. Er überwies den Patienten sofort in die Intensiv­medizin. Dies geschah, wie man sich denken kann, in allen Pflegeheimen gleichzeitig, denn keines wollte seiner Verantwortung und Fürsorgepflicht für die alten Menschen nicht gerecht werden.

Also hieß es handeln, ohne zu zögern, keine kostbare Zeit verstreichen zu lassen. Die Ärzte auf den Intensivstationen wunderten sich. Sie fühlten sich dem Ansturm nicht gewachsen, wollten zugleich aber ihren jahrhundertelang gepflegten Hippokratischen Eid erfüllen – also schlugen sie Alarm. Mehrere hundert Chefärzte riefen am selben Tag den Gesundheitsminister an, die Telefondrähte glühten. Der Minister war jung und forsch, spürte den Tatendrang in seiner Brust. Wäre er doch eigentlich selbst Mediziner – in Wirklichkeit war er ein Kaufmann – und stellte sich vor, was es heißen würde, helfen zu wollen, aber nicht zu können, weil die Umstände katastrophal erschienen – dem mußte vorgebeugt werden. Vorbeugung war schon immer die beste Medizin. In Wirklichkeit standen die Mediziner bei älteren Patienten immer schon vor der Entscheidung, ob eine intensive Behandlung das Leid eher vergrößere oder viel­mehr eine Schmerzlinderung angezeigt sei. Dieses Dilemma gab es, seitdem es den Arztberuf gab – nichts daran war neu.

Unser junger Minister bat also den Ministerpräsidenten, eine Kabinettsrunde ein­zuberufen. Auf dieser Sitzung wurde der nationale Gesund­heits­notstand ausgerufen. Die Krankenhäuser müßten ausgebaut, neue Inten­sivstationen eröffnet, alle sonstigen Operationen vertagt und alles auf die Rettung der alten Menschen aus den Pflegeheimen, die dem Schwellungs- und Wucherungstod nahe standen, ausgerichtet werden – koste es was es wolle, das gebiete unsere Menschlichkeit und Solidarität.

Tatsächlich offen­barten sich auf den Intensivstationen schwerste Fälle von sterbens­kranken 82-, 78- und 89jährigen. Den in Transportern eilends hergekarrten Alten aus den Pflegeheimen bekam der Umzug auf die Intensivstationen, sagen wir es diplomatisch, nicht gerade gut. Sie vermißten ihre vertrauten Pfleger, die vor wenigen Tagen noch kleine Scherze, Späße und nette Bemerkungen für sie übrig hatten. Stattdessen wurden nun blinkende Meßgeräte um sie herum aufgebaut. Viele wurden an den Tropf gehangen, erhielten prophylaktisch einen künstlichen Darmausgang. Jeder menschliche Kontakt war durch Mundschutz und Plexiglasbrille auf der Nase der Ärzte und Krankenschwestern vorbeugend geschützt. Denn die Patienten schleppten ihre langwierigen Krankheiten, an denen sie schon seit Jahren laborierten, auf die Intensivstationen, Krankheiten, die bei ihnen als unheilbar galten: Krebs, Lungenentzündungen, Schlaganfälle, Diabetes, In­kon­tinenz. Die Intensivstationen mutierten landesweit zu Geronto-Intensivstationen. Doch die Patienten ver­mißten die Palliativärzte, die ihnen wenigstens den Schmerz zu lindern vermochten. Allein der Ortswechsel verursachte bei manchen einen Schock, von dem sie sich nicht erholten.

Es kam, wie es kommen mußte – auf den Geronto-Intensivstationen stieg die Todesrate rasant an, ein Umstand, der sich nicht verheimlichen ließ, denn die Sozial­ar­beiter der Krankenhäuser waren nun fortlaufend damit beschäftigt, Be­stat­tungs­institute anzurufen und mit der Abholung der Verstorbenen zu be­auftragen. Schließlich traten die Bestatter wegen Überlastung in einen Streik und wandten sich an die Presse. Eine überaus alarmierende Schlagzeile machte die Runde: „In der Gruppe der über 80-Jährigen ist die höchste Sterblichkeitsrate zu ver­zeichnen.“ Kaum zu glauben! Tatsächlich berichtete ein Magazin nach dem anderen über dieses phänomenale Phänomen. Starben nicht in normalen Zeiten schon mehr als zweitausend Menschen am Tag eines natürlichen Todes, ohne daß außerhalb der eigenen Familie darüber gesprochen wurde? Die Regierung bemühte sich redlich, das Erschreckende dieser Nachricht klein zu halten – auch für eine einstmals demokratisch gewählte Regierung empfiehlt sich eine gewisse Strategie der Volksverdummung, damit die Panik nicht anschwelle, genauer gesagt: in die richtige Richtung gelenkt werde.

Um die Ausbreitung der hoch ansteckenden, bisher unbekannten Schwel­lungs- und Wucherungskrankheit einzudämmen, erließ die Zentralregierung Tag für Tag neue Gesetze: Schulen und Hochschulen zu besuchen, sich in ein Café zu setzen, seiner Arbeit nachzugehen, ja selbst sich die Haare schneiden zu lassen, wurde kurzerhand verboten. Eine Diskussion zu all diesen Dekreten, die der Form nach den Dekreten Lenins nach der Oktoberrevolution im fernen Petrograd, einem alten Freund unseres seligen Mussolini, nicht unähnlich waren, blieb der Regierung Gott sei Dank erspart. Denn wegen der Befürchtung, sich mit der hochansteckenden Schwellungs- und Wucherungskrankheit zu infizieren, hatte das Parlament – in Abwesenheit der Abgeordneten – einstimmig beschlossen, sämtliche Sitzungen für die kommende Zeit auszusetzen und dem Ministerpräsidenten, er nannte sich nun in alter Tradition wieder Duce, sämtliche Vollmachten zu übertragen.

Den Krankenhäusern blieb angesichts des Streiks der Bestattungsinstitute nichts anderes übrig, als die Armee zu bitten, die Leichen, die sich in den Kühlkellern stapelten, abzutransportieren – was der Ministerpräsident kraft seiner präsidialen Machtfülle mit einem Federstrich genehmigte. Die Bilder vom Militärkonvoi voller Leichen in Friedens-, aber Krisenzeiten gingen um die Welt. Kurzerhand wurden in allen zivi­lisierten Staaten EEG-Elektroden für die Alters- und Pflegeheime angeschafft. In manchen Staaten wurden auch die geschlossenen Psychiatriestationen und Hochsicherheitsgefängnisse in die diagnostische Präventionsmaßnahme integriert.

Nun nahmen die Dinge ihren Lauf. Der Weltgesundheitsverein (WGV e.V.) gab welt­weit anerkannte Empfehlungen heraus, die in der weiten Welt der vernünftigen und aufgeklärten Re­gierungen in Gesetze und Verordnungen umgewandelt wurden. Manchem Autokraten half diese Maßnahme, die Menschen mit Verweis auf die Ge­sund­heitsrisiken von Protesten und Demonstrationen gegen eine verfassungswidrige Ver­längerung der Amtszeit abzuhalten – wer hätte gedacht, daß sich die grassierende Infektion, die schauderhaft anzusehenden Wucherungen und Schwellungen, vor allem aber die unsichtbaren Anomalien auf der rechten Hirnhälfte, die glücklicherweise nun mit Hilfe des EEG sichtbar wurden, derart förderlich von den bestehenden Eliten ausnutzen ließen?

Die dubiose Wucherungs-, Schwellungs- und Blasenkrankheit erwies sich als wahrer Segen: nicht zuletzt für die Natur, die aufatmen konnte, auch für die gesunden Menschen mittleren Alters, die eingesperrt in ihren Wohnungen, sich nicht mehr mit Gedanken um die richtige Politik martern, nicht mehr täglich zur Arbeitsstelle und von dort durch den elenden Stau zur Schule hetzen mußten – es kehrte Ruhe ein, genauer gesagt: Friedhofsruhe. Und diese bekam der überwiegend gesunden Bevölkerungsmehrheit sehr gut, als wäre sie eine für alle angeordnete Erholungskur. Die Alten stürben sowieso, ob im Heim oder auf der Intensivstation, das war kein großer Unterschied. Die Mächtigen aber konnten mächtig auftrumpfen und keiner verübelte es ihnen.

Wen haben wir vergessen? Ach so, unsere alte Frau, der wegen der Blase unterm Auge vom Chefarzt verboten worden war, nach Hause zu gehen. Beinahe hätte ich es ver­säumt zu erzählen, daß ihre Schwellung Ende August langsam zurückging. Vielleicht waren die etwas kühleren Temperaturen daran schuld. Der Chefarzt wollte sie dennoch nicht entlassen, war sie doch so etwas wie eine Symbolfigur geworden: Patientin Null. Ihre Tochter versuchte, mit dem Anwalt gegen die Entscheidung vorzugehen. Wenigstens sollte ihre 86jährige Mutter in häusliche Quarantäne entlassen werden. Dort würde sie doch für niemanden außer ihre Familie eine Gefahr darstellen. Der Chefarzt ließ den Anwalt mit Verweis auf das Infek­tions­schutzgesetz abblitzen – das sei in der heutigen Zeit nicht erlaubt. Die Alte stelle immerhin eine Gefahr für die Allgemeinheit dar und ihre Tochter mache sich strafbar, wenn sie ihre Mutter zu Hause beherberge. Der Anwalt wiederum erlaubte sich, das Gesetz zu erwähnen, das kürzlich erst verabschiedet worden war und laut Verfassung jedem Menschen das Sterben in den eigenen vier Wänden garantiere, wenn er wolle sogar mit Beihilfe zum Suizid, z.B. bei starken Schmerzen. Da hatte der Chefarzt nur ein müdes Lächeln übrig, erwiderte, er müsse sich noch um die vielen anderen Patienten auf der Geronto-Intensivstation kümmern, leider habe er keine Zeit. Er bemüßigte sich nicht einmal, den Rechts­beistand des Krankenhaus­es von diesem Einwand zu informieren. Erst als die Tochter drohte, die Krankenkasse vom sinnlosen, aber doch recht kostenintensiven Aufenthalt ihrer nunmehr symptomfreien Mutter in Kenntnis zu setzen, zögerte der Chefarzt keine Sekunde: Er konnte wohl unterscheiden, worauf es ankam und worauf nicht.

Dieser Beitrag wurde von Viktor Kalinke am 22. März 2020 um 23:21 Uhr geschrieben.

Genre: Realitätsschatten

1 Kommentar »

  1. Wir haben den Tod zu lange verdrängt. Zu wenig darüber gesprochen. Wir haben verlernt, darüber zu sprechen. Die alten Menschen aus unserem, ach so aktiven, intensiven und für Wellness optimierten Alltag in Heime verbannt, damit wir uns in der Illusion ewiger Jugend wiegen können. Und nun erschüttert uns plötzlich die Kombination von Altern und Tod. Mein Vater starb vor anderthalb Jahren an einer Lungenentzündung infolge von Parkinson. Er wäre in einer Nacht zu Hause gestorben – und diese Nacht war gewiß eine Qual. In letzter Minute hat ihn die Notärztin auf die ITS verlegen lassen – und die Qual verlängerte sich um einen ganzen Monat mit künstlicher Beatmung, künstlichem Koma, Verlegung in das 300 km entfernte Kreischa. Wir Angehörigen waren sprachlos und hilflos, fühlten uns abhängig den Entscheidungen der Ärzte…

    Comment by Sensenmann — 29. März 2020 @ 22:11

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag.

Hinterlasse einen Kommentar