Archive for Mai, 2016

Flucht und Wiederkehr II

Dienstag, Mai 31st, 2016

Alex marschiert, exerziert, Alex mit Pulle in der Hand, lila-blauem Iro und Nietenjacke gröhlt gaffend tuschelnde Touristen an, ob sie wüssten warum er so sei. Wenn nicht, dann sollten sie die Fresse halten. Alex am Alex. Alex an den Resten der Mauer, Alex, immer alles auf Ex. Alex verrät warum: Weil die Stadt scheisse ist. Scheisse kalt. Hart. Windig und bösartig. Will er eigentlich weinen, erzählt Alex mit verschwommenem Blick, springt er auf und rempelt einen der steifen Herren in Anzügen an, schreit und spuckt. Alex’ Vater im Loch, seine Mutter auf dem Strich. Nur seine kleine Schwester sei stets bei ihm, ausser wenn sie, wie jetzt gerade, einige hundert Meter weiter schnorre oder neues Bier hole.
Alex ist nicht alt, aber das Leben, das er führt hat seinen Körper der Jugend beraubt.
Im Innern fühlt er wie ein verletztes, trotziges Kind, das auf der Suche nach verlorenem Urvertrauen brüllt und um sich schlägt. Früh morgens sticht die Kälte wie eine stumpfe Nadel, sagt Alex – damit kenne er sich ganz gut aus. Alex will grinsen, wie Jugendliche, die von Streichen berichten, aber ihm ist nicht zum Grinsen zumute und so verharrt sein Gesicht fast so steif wie das der Anzugmänner.

“Ist das ihr Ernst, Herr Rübenmöller? ‘Alex’, wirklich? Das Thema ist seit fast 30 Jahren durchgelutscht, spätestens nachdem die Hosen sich an der Clockwork-Orange Figur dumm und dämlich verdient haben! Gibt es überhaupt heutzutage noch Punks in Berlin? Denn wenn es nach dem geht, was unsere Mitarbeiter sonst so verzapfen, ist die heutige Jugend weichgespült und kommt ganz ohne Subkultur und Protestgehabe aus. Schreiben Sie doch lieber über die Stipendiats-Vorbereitungen der angehenden Führungseliten, sie wissen schon – eben das, was die Kern-Leserschaft unseres Blattes dazu animiert ihren Kindern und Enkeln ein wenig mehr Feuer unter dem Hintern zu machen – und ihr Abo ein weiteres Jahr zu halten!”

“Aber Herr Töfte-Süß, sagten sie nicht gerade gestern zu mir, ‘gehen sie hinaus, finden sie etwas, was unsere Leser bewegt’?” Rübenmöller hat das Gefühl, als würde sein Magen unaufhaltsam in die Tiefe sacken.

“Ja, sind sie denn blöd?!! Ich meinte was über eine niedliche Katze, die auf einem Baum festsitzt, ein kleines Mädchen, das einen großen Hund umarmt, eine Hintergrundstory darüber, wie die Familie der neulich verunglückten Frau mit dem Verlust umgeht, sowas halt – nichts über dreckige Punks, verdammt noch mal!”

Rübenmöller wischt sich mit einem seltsam steifen Ausdruck die Tropfen aus dem Gesicht, bevor er sich, gebeugt auf Töfte-Süß’ Schreibtisch, übergibt.

Manchmal hat Alex es warm, nachts. An diesen Abenden pulsiert in seinen Adern  Methadon und er ist untergekommen bei einem Freund, der schreibt. Seine Schwester sitzt dann neben ihm und schaut sich alte Donald Duck-Hefte an. Die eigneten sich seiner Erfahrung nach ganz gut zum Lesen-üben, sagt der Freund.

Flucht und Wiederkehr

Montag, Mai 30th, 2016

Gezeugt aus archetypischem Willen Leben zu preisen, gefangen in einer Zwischenwelt naiver Schaffensfreude, dem unsäglichen Regime eines mehr oder weniger beschränkten Reservoirs aus Träumen, Torheiten und Tabus unterworfen, verharrte das Bewußtsein, das unter Menschen Juliette genannt wurde, vor dem fast leeren Schaufenster Justines ehemaliger Boutique. Nur der, mit einem langen Schmiss versehrte, von abgebröckeltem Putz und Staub bedeckte, merkwürdig stolze Torso eines Dinges, das früher einmal eine vollständig funktionstüchtige Schaufensterpuppe gewesen sein musste, war noch hinter der dreckigen Scheibe zu erkennen.

Nackt werden wir geboren und nackt gehen wir von dieser Welt, nichts wird besessen, nichts gehört – und doch wird von dem, was uns kitzelt der unbewußte Ruf aus der Leere in die Leere erhört. Vor diesem unendlichen Schatten auf ewig versteckt  – und so für immer gewärmt, umhüllt, geborgen, ja weich gebettet: Justine.

Der schlafende Torso, Schöpfer seiner selbst, da im Innersten ungebrochen. Die leicht herausquellende Füllung am Riss nur Ausdruck teilhaftiger Individualität. Die Wunde: der Quell. Leid: der Fluss. Rostbraun wird die Sonne das benetzte Glas brennen.

Justines Kleider waren Juliettes Anker gewesen, hatten sie geerdet. Jene Röcke, die sich scheinbar nie vom Boden lösten, deren käfighafter Unterbau ihr zumindest die Illusion verlieh, über ein, wenn auch kleines, eigenes Territorium – nein  Königreich! – zu verfügen, das, einem  strengen Protokoll unterliegend, zwar täglich Staatsgäste unter Beachtung aller möglichen diplomatischen Gepflogenheiten zu empfangen und versorgen hatte – das aber de facto doch unabhängig war und bei Bedarf entschieden “na, na!” zischen und die Delinquenten mittels eines unmissverständlichen Klappses unmittelbar ausweisen konnte, zumindest bis deren versoffene Armee gewaltsam einrückte.

Oh! Ursprung der Welt, welch Diamant! Geschliffen von Alexander, erneuerte Phryne,  die Hetäre, Thebens Wälle, dem Willen der Altvorderen  entgegen, sehr wohl  — sie richtete, mit einer Mischung aus zynischer Verachtung und überlegenem Stolz um sich blickend, ruckartig ihren imaginären Rock aus lustvollen, irdischen Versprechen und überließ, wie ein Kind zu den Göttern singend, die verblüfft kleinmütigen und zugleich unsicher erregten, vertrockneten Herrschaften einem unfreien, verhärmten Schicksal.

Erst der weit entfernte Schrei eines Hahnes, das matte Licht einer die Himmel mit Vergessen tünchenden Morgendämmerung und ihr zugleich einsetzendes, rasendes Zittern rissen  Juliette aus ihrer Trance. Bald würden bucklige Menschen vorbeischleichen, sich verschämt bekreuzigen, nur um  kurze Zeit später doch mit Decken heranzustürmen, sie sodann unter lautem Wehklagen an den Ofen ziehen, ihre Wunden mit leicht übertriebenem Fleiß versorgen, bevor sie später untereinander das Hohelied der eigenen Mildtätigkeit gegenüber jenem verstörten, jungen Ding, das gar Unaussprechliches erduldet haben musste anstimmten.

Aufbruch der Knospen

Montag, Mai 30th, 2016

Ein Tag, so kahl
wie Bäume im Winter. Nichts, und doch,
der Sommer kommt, sobald sich
die Erde aus dem Schlaf windet, die Erde,
der blaue Stern.

Wir reden nicht von Gefühlen,
sie überdauern die Regen nicht, die aus
Melancholien stammen, die wir
uns nicht erklären können,
ob wir auch wollen.

Wer spricht von den
Apfelbäumen, die blühen werden,
wenn schon die Tage voll Licht schwinden
und die Züge immer noch
pünktlich fahren?

Wach bleibt das Erinnern.
Was große Worte? Wir haben sie
hinter uns. Sieh die schwangere Pappel
am Straßenrand, sieh den Aufbruch
der Knospen.

Alte Wege

Mittwoch, Mai 25th, 2016

Nebel zieht über das Moor,
und die Töne der Vögel zittern.

Einst schrieb die Zeit
Falter an Felsen.
Zwischen Heidekraut liegt das Leichte
unter meinen Füßen.

In der sumpfigen Wiese
sprachen wir uns stumm.
Jeder Laut wog schwer
und sank.

Gestern füllte ich die Taschen
mit fossilen Worten
und legte sie in Farben.
An ihren Rändern
ist die Sprache bunt.

Neue Themen

Mittwoch, Mai 25th, 2016

Die hohe Jury hat getagt und endlich den Beschluß gefaßt: für die nächste Inskriptionen-Ära laden wir euch ein, zu Themen, die die dänische Dichterin Inger Christensen inspiriert hat, eure Beiträge zu ordnen. Zur Auswahl standen Kategorien aus der Modewelt und aus der Welt der Mathematik/Geometrie – die jedoch nicht das Rennen gemacht haben… In ihrem berühmten Sonettenkranz “Schmetterlingstal” und ihren Essays hat Inger Christensen zahlreiche peotologische Begriffe kombiniert, die ein erkenntnistheoretisches Interesse andeuten: Mysterium der Realitäten, Schatten der Wahrheit usw. Wir haben einige dieser Genitive aufgegriffen und mit Hilfe der Wortschöpfungskraft der deutschen Sprache zu zusammengesetzen Substantiven montiert, damit ihr beim Schreiben etwas Spielzeug habt …

Die neuen Kategorien Inskript 9

Tiere

Dienstag, Mai 24th, 2016

“Es gibt ein Instinktverhalten, aber keinen Fortpflanzungstrieb. Dass daraus Nachkommen entstehen, ist bei Tieren nicht gewollt.” Auf dem lockeren Boden hinterblieben die Abdrücke ihrer Schuhe. “Es ist den Tieren unbekannt, Eduard. Wollen oder nicht wollen setzt das Bekanntsein der Konsequenzen eines Verhaltens voraus. Gib deine Schönheit immer hin. Kein Tier ist dazu in der Lage.” “Mein Lieber, du bist hoffärtig. Die Intentionalität ist auch bei Tieren vorhanden. Ohne Rechnen und Reden. Überhaupt – wenn auch in reduzierter Form – bei jedem Wesen mit einem Gehirn. Meine beste Kraft soll sein wie ein Trieb.” Eduard trat auf eine Nacktschnecke.

Warum redeten die beiden über Tiere? Warum verschafften sie sich Nähe zu ihr, obwohl sie doch aneinander genug hatten, wie Katzen um einen besonders gehaltvollen Brei schlichen sie um Esther herum und rieben sich das Fell an ihr, bis die Funken stoben. Sie fühlte den Wind von einem großen Blatt. Dabei hoffte sie im Stillen, es möge der Glanz von einer neuen Seite sein.

 

Glücksschmied

Dienstag, Mai 24th, 2016

Von den Schlägern
war nichts mehr zu sehen, als die
Polizei kam, nur der Obdachlose
in seinem Blut, das herumliegenden
Papptellern eine curryähnliche Färbung
verschaffte, hätte aussagen können,
wie er zu Tode kam.

Das Regionalblatt von A.
druckte angesichts der Sensation in einem
gediegenen Ostseebad das gerichtliche
Eingeständnis eines der Täter, dabeigewesen
zu sein, als er und seine Kumpel
dem Schlafenden so lange auf den Kopf sprangen,
bis sein hässliches Stöhnen verstummte.

Er bedaure die Tat, sagte er, aber
dieses arbeitsscheue Stück Mist ruhte
sich aus, während er und seine besten Freunde
rackern mussten, bis ihnen der Schweiß
aus den Poren rann. Und schließlich,
fügte er überzeugt hinzu, sei bekanntlich
jeder seines Glückes Schmied.

pilgerwege

Freitag, Mai 20th, 2016

aus dem fels breche ich blumen
brechen tauben aus deinen augen
spiegeln sich straßen in den klüften des himalaya
gewohnheitsmäßig schauen wir himmel
lassen monde unser haar streifen
und halten höllen in unseren händen
steine häufen wir zu gräbern auf
und am mittag knien wir vor erinnerungen nieder
die gebrochenen blumen tausche ich gegen silberlinge ein
und die tauben gegen gold
in deine augen streut der wind
sand aus heiligen ländern

Ein Telefon namens Nutella

Mittwoch, Mai 18th, 2016

für Gespräche mit dem Liebsten
Fahrplan-Auskunft, Orientierung im Gelände
auf der Suche nach dem Polarstern
Großer Bär im Taschenformat
brummt unaufdringlich
aber nachhaltig – alle Helfer
beisammen für den langen
langen Weg in die Wüste
übers Meer, das Große Geheul
könnte nicht unaufdringlicher
dringlich durchdringender
sein – X-ray for X-mas
Allen Ginsberg
hätte daran seine Freude
für uns alle die
wahre Freude finden können

Alle Helfer beisammen für
den Weg durch die
Institutionen
Perforationen
eines lang andauernden
Gelächters, Gelichter
vom anderen Ende des Universums
mit uns einträchtig
versammelt im Ladungs
verteilungsplan des
elektronischen Ge
dächtnisses & die Sehnsucht
nach dem Nullniveau

Eisheilige

Dienstag, Mai 17th, 2016

Mein zerzaustes Gedächtnis
sammelt die Bruchstücke von Jahren,
ein Ziehen im Herzen, nichts weiter.
Was auch geschehen, das Große, das Kleine,
die Spuren verwischen sich.

Auch dieses
wolkenverhangene Pfingsten
ist morgen von gestern. Pfingsten? Ach,
was ist das, keine drei Rathaushähne
knarren danach.

Nichts Neues, immer
das Alte, wer erinnert sich noch, alles
kommt wieder, auch die alten Gestalten,
das frische Blut in mitleidlos
verzerrten Gesichtern.

Und wenn du mir sagst,
der Frost wird irgendwann gehen,
ich glaube es dir, schlurfen wir Eisheiligen
doch in Pantoffeln durchs Dasein
und erfrieren an uns.

Die Welt nach Durchqueren der Pforte zur Ewigkeit

Mittwoch, Mai 11th, 2016

Alles ist durchsichtig geworden.
Alles ist durchsichtig geworden.
Eine Grenze durchzieht den Blick,
die ist nicht mehr nur
Oberfläche von Dingen.

Wer bin ich? Was tust du?
Wem können wir unsere Fragen
stellen, wenn nichts mehr
seine Oberfläche
zeigt?

Zeig mir – Sag mir – Berühr‘ mich:
möchte ich dich bitten,
doch ich bitte dich
nicht.

Warum?

Alles ist durchsichtig geworden,
die Kraft
sich etwas zu wünschen
ist nur noch ein Etwas, nicht
der Erwähnung wert.

Warum erwähne ich
das überhaupt?
Haben diese Worte hier
überhaupt noch eine Kraft?

Warum sollten sie Kraft haben,
reicht es für sie nicht
sinnvoll zu sein?
Nein.

Warum? Warum?

Unter der Oberfläche
Ist das Unsichtbare, das nichts
aber auch gar nichts mit mir
zu tun hat.
Unter der Oberfläche
sieht alles seltsam verzerrt aus,
man möchte glatt
aufhören zu atmen.

Möchte ich dich bitten…
Deine Antwort greift ein in
meinen Zyklus
meinen Rhythmus – deine
Antwort bin ich
und nicht ich.
Nicht mehr

Was von der Rose blieb

Montag, Mai 9th, 2016

Nicht meine Schuld,
dass die Schönheit lackierten Larven
gewichen, dem willigen Leugnen –
wer klug, schweigt sich aus der Welt,
hinter die Wand der Wörter.

Lichtlos gehen die Tage,
das kostbare gute Wort in der Schleuder
des Schlussverkaufs, und die Grimasse
jedes lächelnden Menschen
hat ihren Preis.

Wie sie wiederfinden
in dieser Welt zertretener Seelen,
jene Schönheit des Wirklichen, ohne die
selbst die prachtvollste Rose
zum Scheusal wird.

Closed Chamber

Donnerstag, Mai 5th, 2016

Weder Medizin noch künstliche Nahrung. Füchse, die Sie aus dem Gebüsch gelockt haben. Denen Sie den ängstlich gesträubten Schweif bei lebendigem Leib abgerissen und sich um den Hals gelegt haben.

Ein leichter Schwindel befiel sie und sie drückte eine Tablette aus der Verpackung, die ihr der Arzt zum Trost, eine Probepackung, die können Sie mitnehmen, in die Handfläche gelegt hatte. Sie bat um ein Glas Wasser, das ihr sofort gebracht wurde und schluckte die Tablette, ohne sie zu zerteilen. Als sie die Tür des Sprechzimmers öffnete, erblickte sie ein weiteres Zimmer, ein fremdes, das Zimmer musste mehrere Türen haben, es war kein Krankenzimmer, ein Besucherraum vielleicht, er war hell und freundlich, nicht abgedunkelt, Esther erkannte pelzige Vorhänge, die glimmenden Reste von Wintersonne und halb geschmolzenem Schnee, neben der Tür eine fleischfarben gestrichene Kommode mit einer Vase goldener Osterglocken darauf. Als ob es nun am Ende der Weihnachtstage schon auf das Frühjahr ginge. Sie sah Tante Viola und Onkel Albert an einem runden Tisch sitzen und miteinander flüstern. Sie hörte Eduards Stimme und Mirandas heiseres Lachen, ob man hier auf sie gewartet hätte. Miranda, die, zu Onkel und Tante gewandt sagte, kommt, wir gehen ein wenig Lustwandeln. Esther stand an der Kommode, in ihrem alten, schüchtern-vornehmen Gewand. Doch gerade der Schatten, den ihr Körper, den letzten Sonnenflecken gegenüberstehend, auf die gelblich gestrichene Wand warf, war die letzte, die tiefste Nuance Schwarz.

 

***

Sonntag, Mai 1st, 2016

Er war ein Dandy, der Extravaganzen schätzte, die er sich gar nicht leisten durfte: Debussy verdiente schlecht, Publikum und Kritiker waren ihm kaum gewogen, er selbst zweifelte an seinen Fähigkeiten und klagte 1893 in einem Brief: “Da bin ich nun 31 und meiner Ästhetik gar nicht sicher. Noch immer gibt es Dinge, die ich nicht fähig bin zu tun — zum Beispiel Meisterwerke zu erschaffen.”

(Der Spiegel, 5.1.1970)