Archive for März, 2016

DER KRIEG WAR AUS

Montag, März 28th, 2016

für einen Moment, die Engel
hatten sich
von ihren Nadelspitzen erhoben
und ließen stumm im Gedächtnis die
sämtlichen Ziffern der Zahl
Pi abrollen.

Die Kurse an den Börsen
des Nordens standen still,
der atlantische
Ozean wiegte sich, wiegte
sich fast

allein unterm Mond.
Standbild der Geschichte.
Standfoto.

Morgenminiatur

Samstag, März 26th, 2016

Die Straße, die Häuser,
zehn Etagen, die Dächer
von Krähen und Tauben bewohnt,
Halbtote in späten Betten,
milchigen Traumstaub
in den Lidern.

Hauptstraßenwahnsinn
schon am Morgen, das Ding ohne
Anfang und Ende, und der neue Mensch
in verkrusteten Schläuchen, alt wie
das Klacken der Kirchturmuhr
im Rundlauf der Zeiten.

Die Straße, die Häuser,
die taube Sanftmut des Himmels -
gestaltlos weht Zukunft ins Haar,
morgens, wenn die Stadt sich
taumelnd dem Mahlwerk
des Tages ergibt.

Ostwestfalen Lippe

Samstag, März 26th, 2016

Auf Pirsch durchs Städtchen : das verschlafen
In den Abend dämmert : Spielhallen : Kneipen
Hier drehen sich die Türen : das Pflaster
Ruht : vereinzelt klappern Schuhe

Wer ist noch unterwegs : in dieser Frühe
Der Fluß strömt dunkel schweigend vor sich hin
Er wüßte zu erzählen : wer über die Brücke ging
Wer Zerstreuung sucht und wer das schnelle Glück

Die Füße wund : ich drehe meine Runde
Nichts hält mich auf : nichts zieht mich rein
Ich rolle mich im Schlaf : was für ein Kater

Ewige Blumenkraft

Freitag, März 25th, 2016

Fröhlich hüpfen kleine Frühlingstropfen auf dem Balkongeländer umher, ein wenig Wind pfeift leise und nicht gerade kalt dazwischen. Stiefmütterchen, gelb und blau, violett und orange leuchten heiter inmitten hellen Himmelsgraus.

Sprache – denke ich mir, fragen sie – kann Sprache uns erkennen? Lacht ihr mit uns, wenn ihr unsere Blüttenblätter flirrend segeln seht? Oder verlacht ihr viel eher unsere farbenprächtig zur Schau getragene, kindliche Eitelkeit?

Vorsichtig und einfühlsam, wie wohlwollende und aufmerksame Freunde, rutschen zwei kleine, spielende Tropfen das Blütenblatt der großen, gelben, nachdenklichen Anführerin herunter.

Was für eine Antwort würde dem hypothetischen Interesse der Stiefmütterchen an menschlicher Art und unseren Absichten wohl gerecht werden?

Vielleicht, dass auch unsere Körper  das Gleiten, da sie auf dem Parkett des Lebens elliptisch mit der Liebe zu dessen Gestalt  auftanzen genießen?

Dass auch unsere Seelen das in der Individualität der Liebe angelegte Missverständnis des unsicheren Fremden, des überheblichen Nahen trübt – und sie trotz allem stets jenen grinsenden,  mysteriös wie Polarlichter schweifenden, ach so vielversprechenden Ewigkeitskaskaden lüsterner Blumennebel nachschauen?

Das gelbe Stiefmütterchen richtet das Blütenblatt etwas auf,  ihr Durst ist vorerst gestillt.
“With a little help from my friends” summt es dankbar, scheint mir, durch feinste Kapillaren.

 

 

Zwielicht

Freitag, März 18th, 2016

Träume ich, oder wache ich?
Friere ich, oder ist das Hitze?
Habe ich es nun begriffen?
Wird es nun gerade Winter, oder wird es Sommer?
Zwei plus zwei, oder zweimal zwei?
Zwei hoch zwei?
Hochzeit gar?
Bin ich noch in der Schule, oder ist das schon ein Altersheim?
Was feiern wir eigentlich?
Geburt? Begräbnis?
Kommt es denn auf mich wirklich an an diesem Staatsfeiertag?
Ist dieser Wille nun allgemein oder tut er nur so?
Tut was? Tut nichts?
Tut keinem was zuleide?
Keiner Fliege? Keinem Elefanten?
Verspricht dieser November einen April?
Ist es ein Traum, ist es ein Datum?
Bin ich zählend nun bei einer Million angelangt, oder ist es schon eine Milliarde?
Schach oder Go?
Bin ich die Regel oder eine Ausnahme?
Ist das nun Leben oder Sterben?

Lebenslügen

Dienstag, März 15th, 2016

Die Glückzustände
werden rar, wir sind Leiber nur
voll Schmerz, in Rückspiegeln
Ertrinkende, das große Wort
führt der Verzicht.

Erinnern einzig,
mit dem Blick voll Erde, auf die
wir gekommen, damals, als die Winter
anbrachen, als die Krähen kamen
aus kalten Regionen.

Wir glauben es nicht.
Uns bräche das Herz, nähmen wir
kommende Entsetzlichkeiten zur Kenntnis,
wir versichern uns goldener Tage,
wir sind gar nicht hier.

Dies unser Licht.
Wir fliehen durch die Jahre,
suchen den Weg, der hinausführt aus
dem Verhängnis, doch wer
weiß schon, wohin.

Schnee

Freitag, März 11th, 2016

Mein Thema für heute lautet: Mathematische Vernunft. Das ist, soweit ich sehe, etwas Neues. Worüber bisher unter der Klammer des Mathematischen nachgedacht wurde, ist überschaubar: mathematische Theorie, mathematische Fragen und Probleme, mathematische Sprache, mathematisches Denken, mathematische Logik. Habe ich vielleicht etwas vergessen? Mathematische Bücher? Das sind die, in denen die Theorie drin steht. Mathematische Krimis? “Die Entdeckung des Unendlichen” (David Foster Wallace) oder “Fermats letzter Satz” (Ian Stewart) gibt es, aber sie werden – noch?! – kaum gelesen. Bücher über Einstein und die Relativitätstheorie haben es da leichter. Gibt es mathematische Romane? Ich kenne nur einen: Leopold Infelds “Wen die Götter lieben”. Auch mathematische Erzählungen scheinen nicht viel zahlreicher zu sein. Aber immerhin existieren sie, im Deutschen etwa Hans Magnus Enzensbergers “Der Zahlenteufel”, im Russischen dagegen Sergej Bobrovs “Magisches Einhorn” (sowie seine Zwillinge Zwei- und Dreihorn…)
Zieht man hier mit dem Prädikat der mathematischen Unterhaltungsliteratur eine Klammer, affirmiert man die unsinnige Meinung, Mathematik sei in erster Linie für Mathematiker da, was rein formal, wenn auch für die meisten Menschen schwer nachvollziehbar, zu der Folgebehauptung führt, Mathematik (als Gegenstand mathematischer Unterhaltungsliteratur) sei unterhaltend. Na ja, seit einigen Jahrzehnten bildet sich immerhin eine Art Wissenschaftsjournalismus heraus, der das diesbezügliche mathematische Problem erkannt zu haben scheint und – wenn auch in scheinbar infinitesimalen Schritten – an seiner Auflösung zu arbeiten begonnen hat. Aber: “Die Geschichte der Null” (Robert Kaplan) ist noch im Gange, und “Die erstaunliche Geschichte des Paul Erdös” (Paul Hoffman) ist wohl nach wie vor nicht mehr als erstaunlich. Was mehr aber könnte sie sein…
Mathematische Drehbücher? Erzählungen von Genie und Wahnsinn, alle irgendwie berührend, alle ähnlich.
Mathematische Themen? Eine Domäne für Ingenieure, SciFi-Autoren und ihr Fachpublikum.
Mathematische Gedichte? So etwas wie die sog. konkrete Poesie. Vielleicht sogar Neue Musik, hier fällt die Unterscheidung von Regel und Ausnahme. Gesetz und Abweichung. Abweichende Abweichung. Fortgesetztes Abweichen.
Endlich sind wir im Fahrwasser einer mathematischen Vernunft. Von mathematischen Scherzartikeln kann also im Folgenden abgesehen werden.
Vernunft also. Was macht sie zu einer mathematischen? Kann es überhaupt eine nichtmathematische geben? Hegels vielleicht, aber bei der fragt es sich nach wie vor, inwiefern sie denn nun tatsächlich eine ist.
Zweifelhafte Vernunft, das 20. Jahrhundert liegt seit knapp zwei Jahrzehnten hinter uns. Ein 21. aber gibt es noch nicht – seit fünfzehn Jahren, scheint es, befindet sich die Menschheit in einem Zustand permanent nachdunkelnder geistiger Umnachtung.
Kriege werden nicht mehr erklärt, nur noch geführt. Hauptsache, der Feind stirbt. Über Recht und dergleichen reden wir nach dem Endsieg.
Information wird mit einem aufwändigen Urheberrecht privilegiert, die gleichen Souveräne bedienen sich weltweit auf den privaten Rechnern, als wäre dort alles gratis.
Die Öffentlichkeit ist ebenso geheim wie in ihrer ganzen Banalität scheinbar geheimnisvoll. Sie ist zu einer öffentlichen Heimlichkeit geworden.
Und: die verdienstvollen Einzelnen, die alles das nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten, werden als Schwerverbrecher gejagt und als Vaterlandsverräter gebrandmarkt.
Was ist mathematische Vernunft?

(Fortsetzung folgt)

Donnerstag, März 10th, 2016

Die relative Funktionslosigkeit, ja Brache ganzer Hirnregionen während des Essens war wahrscheinlich ein Glück für den Hirnbewohner, denn der Geist war durch die Jahrhunderte voll günstiger Bedingungen immer unruhiger geworden.

Romantik unserer Zeit

Donnerstag, März 10th, 2016

Was Himmel sei? Na klar, noch immer eine Feste zwischen den Wassern, welches uns Heutigen leichter erscheint als Luft. Entscheidend ist ihr Strömen. Im Zeitalter der Hoch- und Tiefdruckgebiete kommt es wie ehedem darauf an, mit der Grenze zwischen hier und dort die unzulässige Vermischung der Regionen des Raums zu verhindern – das Chaos. Ob nun Himmel, Windspiel oder Außengrenze: immer scheint es darum zu gehen, wie der Angst vor dem Unendlichen begegnet werden kann.

Al Andalus

Dienstag, März 1st, 2016

Hier sind sie eingetroffen : mit flatternden
Wimpeln : am Fuß der Berge gelandet
Wie grüßen die Wälder : die Bäume
Winken : mit offenen Armen

Dunkle Krieger verließen das Schiff
Unbeeindruckt von Sonne und Mädchen : plünderten
Sie Dörfer und Siedlungen
Richteten die Säulen der Römer

Auf : zum Zeichen der Herrschaft
Über das Land mischten sie sich
Mit dem Volk : nach Generationen
Nicht mehr zu unterscheiden : da kamen die Ritter

Der Reinheit : haha : und metzelten
Im Namen Gottes nieder : was fremd schien
Im Namen des kindlichen Gottes
Im Namen der Liebe

Im Namen der Mutter Gottes
Winken die Bäume und strecken die Arme
Nach oben : dem von Wolken gekräuselten
Leicht überspannten Himmel entgegen