Archive for Februar, 2011

Auf den Schollen der Maulwürfe kurz nach dem Winter

Montag, Februar 28th, 2011

Bruch,

Bruch und Landung.

Es krümelt über die Winterlinge

Das aufgebrochene Braun

Am Ende des Tunnels

Wie gut diese Erde wiederzusehn

Mäusegewisper

Heiter und rosig, zierlich und grün

Die Sonne, und weil ich ein Grasling bin -

Holt es zurück

Ans Licht

geplante obsoleszenz

Sonntag, Februar 27th, 2011

die socken die ich trage

halten nicht nach

einem winter sind sie

dahin

wo die glühbirnen schon nach 1000

stunden landen im müll

wo der nylonstrumpf von 1935 nie

ankam so reißfest

daß er von patriotischen damenbeinen gerollt

militärisch bedeutsames

material wurde erfunden

zu halten

nach

allem anschein

nach mir

die sintflut

halt —

Am Rand der Altstadt

Sonntag, Februar 27th, 2011

Überbreite Straßen liegen ausgestreckt
auf den Leichnamen der kleinen Häuser
in denen einst Leben / urgründiges
sich ergoß / zurückgedrängt in enge Mauern

Kein Grashalm reckt sich
in den Ritzen des Betons
durch überbreite Straßen
drängeln sich klapprige Busse

in denen die Menschen
dicht an dicht gepackt
nicht aussteigen können
nicht aussteigen können

Lücken und Lügen

Sonntag, Februar 27th, 2011

Was denn nur dazu sagen? Verschmitzt schmunzeln, wie der Autor das tut, der den Roman „Nesselkönig“ geschrieben hat? Schmunzelnd, verschmitzt sagen: Lies mal! Lesen Sie Ralf Eggers „Nesselkönig“! Das ist ein satirischer Roman. Mit derartigen Romanen ist die deutsche Literatur nicht gesegnet.
Kaum haben wir Uwe Tellkamps „Der Turm“ verkraftet, kommt schon wieder ein Turm ins Blickfeld. Nicht auf Dresdens Nobelhügel „Weißer Hirsch“ errichtet, ist er nun in Potsdams arkadischer Landschaft zu besichtigen. Im Turmzimmer haust Victor Nesselkönig. Wahrlich kein Nobody! Ein gestandener Mann, mit einer versteckten Biographie, hinter der sich die versteckte Biographie eines B. Traven verstecken muß. Gekonnt hat Eggers eine Lebensgeschichte konstruiert, in der er alle Gerüchte unterbringen kann, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts möglich machte. Gesetzt den Fall, die Lebensgeschichte Nesselkönigs wird als die einer Figur des Schachspiels der Schlachten des Vorjahrhunderts gelesen. Um es genauer zu sagen: Der literarischen, geistigen, politischen Schlachten. Für die ist die Figur des Victor Nesselkönig tatsächlich der repräsentativste Repräsentant. Dem Dichter Nesselkönig wird jeglicher Ruhm, vom Nobelpreis bis zum Nationalpreis der DDR, nicht nur angedichtet. Dennoch ist der Bekannte ein höchst Unbekannter. Sein Leben ist ein Leben voller Lücken. Seine Lebensgeschichte ist voller Lebenslügen. Das ist der Stoff, aus dem Tragödien gemacht sind beziehungsweise werden. Oder, wie bei Ralf Eggers, eine saftige Satire. Sollte man sagen: Eine tragische Satire? Das heißt, dem Roman die Ernsthaftigkeit zuzubilligen, die er hat. Hieße auch, das Amüsement nicht annähernd zu würdigen, mit dem der Schriftsteller seinen Stoff in sämtliche möglichen Winkel des Geschehens schleppt. So daß sich die Leser immer neu vergnügt wundern, in welche Winkel sie geschleift werden.
Der 1961 geborene Schriftsteller steigt nicht nur in die Keller reichsdeutscher, sowjetischer, ddr-deutscher Vergangenheit. Er nimmt mit in das lebensgefährliche Moskau der dreißiger Jahre, in die Tristheit der ostdeutschen Provinz, die für Nesselkönig im Problemjahr 1953 beginnt, als der Verschollene seine Auferstehung erlebt. Wem Nesselkönig während der Jahrzehnte, bis zu seinem vermeintlichen Tod am 8. Oktober 1989 (!), begegnet, verblüfft, macht den Roman jedoch nicht zu einem Schlüsselroman. Wenn, dann ist er ein Schlüssel zu den Seelen von Prominenten, die ostwärts der Elbe Rang und Namen hatten. So beeindruckend die Kenntnisse des Autors sind, der sich in der Zeitgeschichte wie ein Zeitzeuge bewegt, so souverän geht er mit dem angelesenen, angeeigneten historischem Material um. Muß er, weil er einer ist, der dann doch nicht dabei war. Weil er ein Erzähler ist, der den Lesern die verzwickte, verwickelte Story des „Rätselmannes“, des „Phantoms“ Nesselkönig in seinem vitalen, variationsreichen Erzählwerk verklickern will. Ein Roman hat nun mal mehr Realität als Realität Reales hat. Die Leser dürfen mit-rätseln, dürfen vermuten, aber auch verwirrt sein, wenn es anders kommt als angenommen. Nie vergessen: Der da spricht ist ein Satiriker! Er kann überspitzen, wo es was zu überspitzen gibt. Und dafür gibt’s immer neue vom Autor geschaffene Gründe. Die gefundenen und erfundenen Geschichten liefern die Gründe. Und die Geschichte der Suche nach dem verlorenen Ich, die die Geschichte des Viktor Nesselkönig ist. Die eigentliche Geschichte des Romans, auf die man sich am ehesten einigen kann. Sofern man sich – wodurch auch immer – genötigt sieht, die Geschichte der Geschichten auszumachen. Wer sich dazu nicht genötigt sieht, genießt die Parabeln und Parodien, in denen Personen und Prozesse einer vergangenen Periode verquirlt werden. Größten Genuß werden die Leser haben, die den Geist vergangener Geschichten und deren gestaltenden Gestalten im Sinn haben. Ralf Eggers Prosa modelliert ein Panoptikum fast vergessener und vergessener Größen mehrerer deutscher Gesellschaften. Typen, Typen, Typen! Da kommts auf das Individuelle nicht so an. Also reichts, wieder und wieder die Neigung des Kopfes zu beschreiben und wer sich wann am Kinn kratzt oder mit dem Handrücken über den Mund wischt. Wollen die Leser das wissen? Oder nehmen sie derartige gleichbleibende Beschreibungen als Element des Karikierens hin? Bevor sie selbst dazu neigen, mit „schräg gelegtem“ Kopf dazusitzen, sich am Kinn zu kratzen und mit dem Handrücken über den Mund zu wischen. Käme es soweit, wäre man der Suggestion des Schriftstücks völlig erlegen. Es droht den Leuten Gefahr, die sich leicht vereinnahmen lassen. Der Schriftsteller Ralf Eggers ist ein Schlitzohr. Der Roman „Nesselkönig“ ist eine Satire. In dem geschieht alles, was den Menschen nicht geschehen sollte, nämlich in die Mühlen der Geschichte zu geraten. Vielleicht steckt Ralf Eggers selbst schon in einer Mühle. In der der Literaturgeschichte, denn Tellkamp war nun mal schneller mit seinem Turm da.
Ralf Eggers: Nesselkönig. Mitteldeutscher Verlag: Halle (Saale) 2011, 463 Seiten, Klappenbroschur

H.C. Artmann zum 90. Geburtstag

Mittwoch, Februar 23rd, 2011

Hinter der Maske jedes lieben Menschenfressers steckt ein garstiges Kind. Bevor ich H.C. Artmann kennenlernte, wußte ich schon, daß das Grauen in Österreich wohnt. Dieses Wissen verdankte ich einem Büchlein, das 1984 im Verlag Volk und Welt (DDR) erschienen war. Es hieß bezeichnenderweise „Der handkolorierte Menschenfresser“ und sollte womöglich vom Kannibalismus im eigenen Land ablenken. Dieser Schachzug war klug, aber die Partie war schon verloren. Es kursierten zu viele schwarzgedruckte Exemplare von Orwells „1984“. Eins davon war eingebunden ins Statut der Jungen Pioniere. Im Fortgang der Geschichte durfte der Wiener Landlord auch die ramponierte Heimat von Köhlerliesl und Holzmichl besuchen und im Gegenzug der sächsische Kumpel zu Mozarts falschem Grab reisen, wo er baff erstaunt war, daß die künstlichen Blumen davor aus Sebnitz stammten.
Ich bin H.C. Artmann tatsächlich einmal auf so einer Schnuppertour in den Osten Deutschlands begegnet. Am 26. Januar 1991 bei einer gemeinsamen Zugfahrt von Leipzig nach Berlin. Das Gesicht dieses Grimbarts vor dem Fahrkartenschalter des Leipziger Hauptbahnhofs kam mir bekannt vor, nur wußte ich nicht, wo, zum Teufel, ich dieses Gesicht schon gesehen hatte. Ein Leipziger Kulturredakteur, der Artmann auf seiner Lesereise begleitete, half mir über die fehlende Anrede hinweg und stellte uns einander vor. Herr Artmann war entzückt, daß er nun gleich zwei Studienobjekte für die sächsische Mundart hatte und dankte es mir, indem er meinen Zuschlag für die 1. Klasse übernahm. Ich war bis dahin – und später meistens auch – nur in überfüllten 2.-Klasse-Abteilen gereist und dachte, wenn man es als Dichter so weit gebracht hat, ist man aus dem Gröbsten raus. Irgendwann fiel der Name Lene Voigt und schon waren wir bei „Hamlet odr dr verbrächerische Onkel“ angelangt. Wir tauschten auch Bücher aus und viele andere Artigkeiten. Dann kam Bitterfeld und Herr Artmann schaute interessiert auf die Ruinen des experimentellen Sozialismus.
Der Anblick zwingt ihn, kryptische Sätze zu zitieren: „Mit dynamit werden tunnels in die berge gesprengt, dabei stößt man häufig auf wasseradern. Früher gab es eine menge zwerge, denen kaufte man den blaugrauen schiefer ab.“
Was mögen seine stets wachsamen Augen, die listig unter buschigen Brauen ins Weite spähten, noch gesehen haben? Vielleicht eine wackere Hausfrau in buntkarierter Dederonschürze beim Aufhängen der Wäsche. Die Rußflocken, die sogleich herbeieilen, setzen sich als schwarze Falter in den Morgenrock, der so anmutig die Wölbungen des Windes nachahmt.
Vom vielen Schauen wird einer, der das Geschaute gleich ins Reine reimt, müde. Er hält ein Nickerchen, bei dem seine Zähne die harten Traumwecken zermahlen, und ich kann bis Schönefeld meinen Wortschatz um die Papeterie, den Nießbrauch und den Aviatiker erweitern.
In Berlin trennten sich unsere Wege. Artmann und sein Begleiter fuhren Richtung Zoo, ich zum angeschlagenen Aufbau-Verlag in die Französische Straße. Ja, der Westen war mir noch immer sehr fern, ich hatte noch nie am Kurfürstendamm ein kenzo-sakko gekauft.
Solche Zugfahrten weiß man erst zu schätzen, wenn man eingepfercht zwischen Nichtrauchern und Bauchrednern auf die erste Durchsage nach einem dreistündigen Unterwegshalt auf freier Strecke lauert und plötzlich aus dem Lautsprecher eine schnarrende Stimme warnt: „In was für ein haus bist du da geschneit, unter welcher leute dach hat es dich da geweht? Bruder, das sind üble menschen, unholde, die einen schlachten, braten und essen!“
Seitdem ahne ich, daß alle Pannen der Bahn auf Artmannsche Schelmenstücke zurückzuführen sind, und das versöhnt mich mit der Tatsache, ihn jetzt in Liliput oder Brobdingnag zu wissen, von wo man bekanntlich keine Rückfahrkarte lösen kann.

nachhaltigkeit

Mittwoch, Februar 23rd, 2011

ich halte nach
an den kleidern
die ich trage

die verliebtheit
trägt mich
in baumwolle
weiß

zu dir
halte mich nach
wenn ich gehe
in weiß

Wieder ein Weihnacht

Samstag, Februar 19th, 2011

Unterhalb der Sprieß-

temperatur - letzten Sonntag war das Wetter unwiderstehlich schön -

Schneestaub und flächendeckend

dünnes Eis.

Dü-dü-dünnes Eis.

Da standen Tassen

halb bis voll

cremefarbener Getränke, kaffeeähnlich

gegenüber,

wurde er reif, der

verdruckste Schreiberling,

fein säuberlich

verpackt. Er aß keinen

Kirschkuchen auf

orangenem Party-Tablett.

Ich bat ihn um Abstand,

um drei Meter Abstand zum Tanz – wirklich zu taktvoll -

zu diesem Gedicht.

Mit den Augen eines anderen

Freitag, Februar 18th, 2011

Geschieht alles zehn Jahre später
Kommen die Fältchen im Spiegel
Nie in die Flamme der Muskeln
Und manchmal, manchmal
Mit den Augen eines
Anderen sieht es aus als
Seien schon wieder zehn Jahre

Aber die Zeit vergeht nicht

MIT STRENGE MIT GÜTE

Mittwoch, Februar 16th, 2011

(Ein Erziehungsbrevier für Knaben)

Früher Vogel fängt den Wurm.
Nun aber raus aus den Federn!
Äpfel fallen nach dem Gesetz der Schwerkraft.
Wiederhole das, Anton! Äpfel fallen …
Nimm die Kröte vom Tellerrand, Bruno!
Hört ihr, Bruno möchte heut kein Kompott essen.
Setz dich auf deine vier Buchstaben, Christian!
Wer sagt den Tischspruch? Danke, Dieter.
Ein Rätsel. Wer weiß es? Emil, du?
Auf der Lauer, auf der Mauer …
Nun aber raus mit euch!
Franz, Fritzchen, in Zweierreihe!
Lacht doch die liebe Sonne so hell.
Knusperbraun wie die Mohren,
wollen wir werden. Auch du, Gustav
oder soll ich dir eine Extrawurst …?
Nun bilden wir fein einen Kreis.
Wer muckst da?
Hans, Hosen runter!
Wer nicht hören will muß fühlen!
Ingo hält ihm den Kopf fest.
Jakob darf zählen. Konrad, wo
soll der Daumen nicht sein?
Lothar spielt uns jetzt was auf der Flöte!
Die Heimat hat sich schön gemacht.
Martin, Norbert, was munkelt ihr da im Dunkeln?
Schämt euch was!
Na, wir sprechen uns noch im Büro. Aber einzeln!
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
Wiederhole das, Olaf! Der Apfel fällt …
Paul will uns vorsingen. Pst!
Blaue Wimpel im Sommerwind …
Eins, zwei, drei, und jetzt alle!
Nach dem Klo und vor dem Essen …
Ralf ergänze! Weiß es Steffen, weiß es Tom?
Nein, Uwe, heut sind wir keine Indianer!
Flaschen, Lumpen, Altpapier
sammeln wir, Volker, wofür?
Werner, spuck sofort den Kaugummi aus!
Hand vorn Mund, Zacharias!

Extremes Elend

Mittwoch, Februar 16th, 2011

Was war der 8. Mai 1945? War´s der Tag des Zusammenbruchs? War´s der Tag der Befreiung? Eines war der Tag mit Sicherheit nicht – die Stunde Null. Es war auch nicht die Stunde des demokratischen Neuaufbaus. Die Kriegshandlungen waren beendet. Es begann der Nachkrieg. Und der war für viele schlimmer noch als der Krieg.

„Welche Familie ist ohne Jammer und Not?“ fragte eine Nachkriegs-Tagebuchschreiberin, deren Texte in den von Peter Böthig und Peter Walther herausgegebenen Band „Die Russen sind da“ aufgenommen wurden. Die Herausgeber haben den so genannt Namenlosen Namen und Stimme gegeben. Menschen aus dem brandenburgischen Land, die Teil der deutschen Kriegs- und Nachkriegsschicksale waren. Menschen, die, zumeist, selbst bereits Geschichte sind, deren Geschichten längst Geschichte sind. Die Sammlung beginnt mit Notizen vom 15. Februar und schließt mit einsichtig-ahnungsvollen Worten vom 6. Oktober 1949. Das ist, wie in der Historie eingetragen, der Vorabend der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik. Die Menschen, die sich in „Die Russen sind da“ äußern, sind keine Historiker. Sie sind von den Historikern gefürchtete Zeitzeugen. Jene, die den 8. Mai 1945 nicht als Tag der Befreiung erlebten. Jene, die in die Geschichtsbücher nicht diese Stunde Null eintrugen. Die Zeilen der Zeitzeugen sind unzensierte Äußerungen zu den Zeiten des Zusammenbruchs des deutschen Reiches. Die Tagebuchschreiber sind durch ihre Aufzeichnungen zu Chronisten ohne Botschaften geworden. Wenn das kein Wert ist!

Offensichtlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, sind die Niederschriften unverändert ein Gewinn für die Nachwelt. Und sei´s nur, um distanzierter und differenzierter auf überlieferte Geschichtsdarstellungen zu reagieren. Es sind also nicht die bedeutungsvoll gewordenen historischen Daten, die in dem Band Bedeutung haben. Es sind die Grundstimmungen, die in den Geschichten der Menschen sind, die keine Geschichte machten, sie jedoch erlitten. In der Summe der Äußerungen ist viel Grundsätzliches, das Geschichtsschreiber – aus welchen Gründen auch immer – wenn nicht tilgten, so doch verwischten. Vielleicht ist es nicht erheblich, von den vielen, meist abstrusen Gerüchten zu hören, die in den letzten Kriegsmonaten grassierten.

Erheblicher ist es schon, mit welchen Ressentiments auf die Russen reagiert wurde. Brandenburg, das muß man wissen, wurde Sowjetische Besatzungszone. Von Anfang an war keine Bereitschaft der Bevölkerung da, den Besatzern nicht abwehrend zu begegnen. Kurzum: Die Basis für die später installierte DDR war denkbar miserabel. Der Keim war bereits faul. Vielleicht ist dieses Fazit das Gültigste, das das Lese-Buch „Die Russen sind da“ den Lesern vermittelt. Kein Wunder also, dass die von DDR-Historikern gern propagierte demokratische Erneuerung ein schöner Schein war. Die Vorbehalte der Leute waren enorm. Selbstzweifel, Selbsteinsichten sind höchst selten. Kaum einer der sich Nazi nennt, obwohl reichlich nazistisches Denken in reichlich Aufzeichnungen ist. Traurig-tröstlich, das das nicht aus den publizierten Aufzeichnungen getilgt wurde. Dadurch haben die Aufzeichnungen, im artikulierten Optimismus wie Pessimismus, eine Aufrichtigkeit, die den Nachgeborenen beispielhaft erscheinen muß. Es wäre geradezu überheblich, in Stunden es extremen Elends, selbstkritische Einsicht zu erwarten. Die Zeitaussagen der Zeitzeugen konzentrieren den Blick auf die Zeit, aus der sie kommen und blicken kaum voraus in die folgende Zeit. Tage, nach der Ankunft der Russen, schreibt eine Lehrerin: „Wir sind sehr bedrückt, denn das bedeutet doch, daß wir sie nicht loswerden, daß der Traum von einem unbesetzten Stück Deutschlands eitel war.“ Wie wahr! Am Wahrheitsgehalt jeder Äußerung in „Die Russen sind da“ kanns keinen Zweifel geben. Ob man die Wahrheit mag oder nicht! Und auch das sei abschließend gesagt: Der Band „Die Russen sind da“ hat das Signal von Walter Kempowskis „Echolot“ aufgenommen und ist selbst ein Echolot.

Die Russen sind da. Kriegsalltag und Neubeginn 1945 in Tagebüchern aus Brandenburg. Hg. Peter Böthig, Peter Walther. Lukas Verlag: Berlin 2011. 512 Seiten. klappenbroschur

Gugong

Donnerstag, Februar 10th, 2011

Die Abendsonne steht über den Dächern
glänzend halb & halb verblichen
aus gelber / zierlich gewölbter Keramik

Modernisierung ruft die Eunuchen
& Konkubinen nicht zurück / armer Kaiser!
Verliebte sitzen versteckt im Park
& bemerken nichts außer sich

Ein alter Mann in blauem Kittel
fegt aufstörend / doch unbeirrbar
heruntergefallene Blätter fort
als lägen wie Steine sie im Weg

Scheibe 12

Dienstag, Februar 8th, 2011

reservate.jpg

Elend des Eingesperrtseins

Dienstag, Februar 1st, 2011

Wer Abbas Khider´s Debütroman „Der falsche Inder“ verpaßte, sollte nun nicht auch „Die Orangen des Präsidenten“ versäumen. Gute Titel haben die Eigenschaft, Synonyme zu sein. Das trifft auf „Die Orangen des Präsidenten“ zu. Er steht für Hoffnung, die den Hoffenden in die Hoffnungslosigkeit zurückstößt. Genau das ist die Erfahrung des jungen Irakers Mahdi. Gerade Abiturient, wird er in einem der sadistischen Gefängnisse des allmächtigen Herrschers Saddam Hussein eingekerkert. Freundliches läßt sich über die Zeit nicht sagen, die eine Zeit der bittersten menschlichen Verachtung ist, die Mahdi widerfährt.
Khider´s Buch ist der Bericht aus der Welt des täglichen-alltäglichen Terrorismus irakischer Prägung, der Teil des Terrors war, wie er täglich in aller Welt praktiziert wird. Dennoch ist das Vergleichbare, wie das Buch zeigt, unvergleichbar. Die Gewalt, die das eine, einzigartige Individuum trifft, trifft auch jeden einzelnen Leser. Niemand kann umhin, sich auf die Seite des Opfers Mahdi zu schlagen. Nicht eines beliebigen Mitleids, sondern der wachsenden Wut wegen, die zum inneren Widerstand gegen jegliche Gewalt wird. Mahdi ist ein Opfer, das nicht aufgibt, schon gar nicht sich. Das ist so leicht hingesagt, was in keiner Sekunde des schmerzlichen Schicksals des jungen Mannes selbstverständlich ist. Woher kommt die Kraft des Entkräfteten?
Abbas Khider berichtet nicht nur vom Elend des Eingesperrten. Er erzählt auch von dem jugendlichen Taubenfreund Mahdi und seinen Taubenzüchter-Freunden. Erzählt einfühlsam, humorvoll die Kindheit und Familiengeschichte. Stoff genug aus einer glücklichen Welt, die nicht selten genug auch ihre Traurigkeiten hat. Und sicher auch gut geeignet für den ebenso synonymhaften Titel „Taubenzüchter“. Doch Khider hat mehr im Sinn. Im übertragenen Sinne ist sein Buch eine Geschichte von der Gleichzeitigkeit des Glücks und der Gewalt. In jedem Glück ist auch Gewalt. In jeder Gewalt ist auch Glück. Das ist so wahr wie das Leben und schwer zu ertragen, wie Leben oft nur schwer zu ertragen ist. Das ist die Geschichte des Romans, sofern er denn ein Roman ist, der keine Romangeschichte hat. Berichtend, erzählend ist „Die Orangen des Präsidenten“ eine Sammlung schnellwechselnder Szenen, die mit dem Schicksal Mhadis verbunden sind.
Ein Blick auf die Biographie des 1973 in Bagdad geborenen Autors läßt keinen Zweifel, dass es eine Identität zwischen Erlebtem und Erzähltem gibt. Zopfartig verflochten, wechseln die Geschichten der Gewalt mit denen des Glücks. Das so arrangiert zu haben ist die eigentliche gestalterische Leistung des Autors. Die Gemeinsamkeit des Gegensätzlichen wird auch offenbar im Stilistischen. Einerseits der eher Berichtende, ist Abbas Khider eindeutiger der Erzähler, wenn er die Familiengeschichten schildert. Ein ausgesprochen poetischer Schriftsteller ist Khider nicht. Seine bildhaften Vergleiche, sprich seine Metaphern, haben meist etwas leicht Verständliches, doch zu wenig von Originalität und zuviel Ungenauigkeit. Was und wie er schreibt, schreibt er mit einem ausgeprägten Sinn für Ironie, die nicht kalt-lakonisch ist, sondern gefühlvoll-heiter. Das ist nicht unwesentlich. Es ist Abbas Khiders Haltung, die die Leser von „Die Orangen des Präsidenten“ dazu bringt, Haltung zu bewahren und zu beweisen. Denn Leid ist überall genug in der Welt, ohne dass die Welt überall genug beunruhigt wäre.
Abbas Khider: Die Orangen des Präsidenten. Edition Nautilus: Hamburg 2011. 156 Seiten, Geb.

Ein Hauch von Frühling

Dienstag, Februar 1st, 2011

Zehn Grad minus, zwanzig unter

Der Sprießtemperatur

Europäischen Grases, während

Bereits Schwaden weißen Nebels (roten

Grünen, gelben? Lichts??

Ausdünstungen von Träumen -

In der Erde gemixt) durch

Die Wiesen unter den Bergen

Ziehn!  Im schwarzen Licht des

Morgens ahnst du bereits

Die Farben der Dinge, und die schweren

Gedanken gekrönter Fische tief auf

Dem Grunde schlammiger Flüsse

Beginnen zu hüpfen, Felsbrocken

In der stetigen Strömung des Herzens