Archive for April, 2016

die achte

Freitag, April 29th, 2016

Inskriptionen_8_im_Entstehen wb
Die achte Ausgabe der Inskriptionen ist am Entstehen: hier beim Zuordnen der Textauswahl in die künftigen Kapitel…

Eine Frage

Mittwoch, April 27th, 2016

Aus welcher Zeit
stammt eigentlich
das Wort

Autobahnmeisterei?

Weitere Geschichten vom Vater

Dienstag, April 26th, 2016

Teil II

Seine letzten Sätze  begleiten mich seit dem Tag im Frühling, an dem ich Vater zum Mittagessen holen sollte. Ich stürmte in das Schlafzimmer hinein und rutschte auf dem Hosenboden zu der bleichen Gestalt, die am Bettrand saß und mit entrücktem Blick auf das Blut starrte, das pumpend aus seinem Arm schoss. Auf dem Linoleumboden hatte sich ein roter See gebildet, dickflüssig und rot-lackiert. Ich saß in dem See, meine Hände badeten im warmen Blut. Ich rieche es noch heute, süß-sauer, wie meine Lieblingssauce im Asia-Shop, der sich neuerdings Indochine nennt. Von diesem Tag an sprach mein Vater noch einige wenige Wörter. Laute Worte im Schlafzimmer, gedrückte Worte am Küchentisch, weinerliche Worte in der guten Stube. Auf Knien flehte er die Mutter an, ihn bitte nicht allein zu lassen. Es gäbe sonst keine andere Möglichkeit für ihn, als die Kinder zu Krüppeln zu schlagen. Es dauerte nicht lange und mein Vater nahm das Abschleppseil  und ging in den Wald. Da er nicht allein sein wollte, nahm er seine Kinder mit. Das war auch nicht weiter verwunderlich, hatte er es doch schluchzend, aber  deutlich  meiner Mutter angekündigt.  Mein Vater war zwar kein Pendant, aber er hielt seine Ankündigung und schlug seine Kinder, also uns, in der Absicht, unser Leben zu beenden. Um  sicher zu gehen, beugte er sich über die scheinbar leblosen kleinen Körper. Ich öffnete die Augen und sah das vertraute, seltsam weiße Gesicht. Es war umrahmt von schwarzem Haar, das in weichen Wellen bis zu den Augen fiel. Es waren blaue Augen,ungetrübt, groß und klar. Vaters volle Lippen, die leicht bläulich schimmerten, öffneten sich und eine Stimme, hoch und brüchig, flüsterte: “Das ist die Schuld deiner Mutter. Sie war sehr böse zu mir.” Dann wendete er sich ab, ging einige Schritte durch den Wald auf der Suche nach einem staatlichen Baum und beendete sein Leben. Mein Vater stand an diesem heißen Augusttag in seinem dreiunddreißigsten Sommer.

 

Featuring Tsoi : X Quadrat : Stern mit Namen Sonne

Samstag, April 23rd, 2016

Schnee weiß, graues Eis
Auf rissigem, geborstenem Grund.
Warme Flickendecke liegt auf ihm:
Die Wege der Verkehrsknotenstadt.

Und über ihr schwimmen die Wolken,
Decken das Himmelslicht zu.
Und über ihr hängt gelber Dunst,
Zweitausend Jahre ist sie alt,
Durchlebt unterm Scheinen des Sterns mit Namen Sonne…

Und zweitausend Jahre lang Krieg
Ohne besonderen Grund,
Dieser Krieg bleibt ewig jung -
Dauerpille gegen die Falten.

Auf der Erde schwimmt rot das Blut,
Die nächste Stunde saugt alles fort,
Die nächsten zwei zeigen Blumen und Gras,
Die nächsten drei töten allen Schmerz
Und erwärmen uns durch Licht des Sterns mit Namen Sonne…

Und wir kennen das alles sehr gut,
Kennen sie, die das Schicksal liebt,
Die da leben nach anderem Gesetz,
Die da sterben, ewig jung.

Sie kennen nicht die Worte ja und nein,
Alle Namen und Ränge ein Nichts,
Recken sich bis ans Himmelszelt,
Nicht im Traum und nicht für Geld -
Fallen brennend aus dem Himmel des Sterns mit Namen Sonne

Ebbe

Freitag, April 22nd, 2016

Salz hängt spröde an den Klippen
meiner Träume,
und die Wellen rauschen nur von fern.

Ich gleite von den windgepeitschten Hügeln.
Immer tiefer
falle ich zu dir.

Einst wiesen deine Blicke meerwärts,
blaue Ruhe vor dem Sturm.
Dann warf ich in dir Anker.

Gedichte a priori

Donnerstag, April 21st, 2016

Wozu Gedichte? Die alte Frage
streicht den Kern der
Dinge einfach
durch.

Durchstreift die Gegend
zwischen allen
menschlichen
Angelegenheiten, ein Kater
mit Kopf Herz
& Schnauze.

Die Frage aus dem Kater
tönt hell, klar
strahlt das Licht
durch den Himmel.

Prolegomena eines elementaren
Strahlens, X
Quadrat der Rest
begegnet sich als Punkt
an der Grenze.

Ein Schlauchboot beladen
mit Resten, X
potenziert in der
Ansammlung Welle um Welle.

Die neunte trägt das Schicksal
unterm Scheitel:
Vorherbestimmt
die Wirkung der Elemente,
Vorherbestimmt alles
was geschehen wird nach
dem Gesetz -

wessen Gesetz? welche Begründung
dung für das Denken,
wessen Denken, Punkt
mitten im Satz.

Mitten in der Sprache ein
Ort, keine Mitte -
knapp
daneben blinkt
das erste Satzzeichen auf:

Stern & namenloses Streben
nach Eröffnung eines
Raums, abgetrennt
von allen menschlichen An
gelegenheiten…

Die Zeichen erscheinen in der Sprache
als Pilze des Universums.
Die Wesen erscheinen in der Welt
vor der Grenze allen Fragens
& Denkens.

Blinken
auf & verschwinden,
wer
kennt schon alle seine
Atome, X
potenziert in den gebrochenen
Dimensionen

der Zeit
des Raums
der Bewegung
vor aller Bewegung.

Und wieder verstrich eine Gelegenheit
menschlich zu sein,
wieder schob sich ein Stück
Sprache vor das Denken,
wieder schlug das Herz
dreimal ohne Pause
Opfer
wessen? nach dem Gesetz
von Ursache und Wirkung

Namenloses Nest

Montag, April 18th, 2016

Wir begriffen es nicht,
dieses Dorf mit dem offenen Himmel,
den verschlossenen Blicken.
Die Nachmittagssonne, die über dem
Anger lag, schien melancholisch,
als erinnerte sie sich
besserer Zeiten.

Wir mit unserem
Städterverstand liefen herum
um die verriegelte Feldsteinkirche,
vergewisserten uns ihrer Unversehrtheit,
pflückten Holzäpfel aus dem Pastorengarten,
bestaunten vermooste Grabsteine
ausgestorbener Adelsgeschlechter.

Es gab nichts zu sagen.
Wir hüteten uns, an verborgene Dinge
zu rühren, wir fanden die Worte nicht, hier
im Dorf der begrabenen Träume,
von dem vorzeiten ein Dichter schrieb,
er habe sogar den Namen vergessen
über so viel Traurigkeit.

Lebenslügen

Samstag, April 16th, 2016

Die Glückszustände werden rar,
Leiber sind wir, voll des Schmerzes,
Ertrinkende im Meer des Daseins.
Wir glauben es nicht.

Der Preis ist hoch:
Leben ist Verzicht, Verzicht ist Leben,
vorsorglich versichern wir uns
goldener Tage. Uns bräche das Herz,
nähmen wir kommende Entsetzlichkeiten
zur Kenntnis.

Erinnern einzig,
mit dem Blick auf die Erde, auf die wir
einst kamen. Unsere Lebensreise
ist nüchtern, auf Vorteil bedacht, leer
wie unsere Hände.

Wir sind auf der Flucht,
gefesselt an die Last verworfener
Einsichten, wir gehen unsere Wege, aber
wer weiß schon,
wohin.

In eigener Sache

Mittwoch, April 13th, 2016

So – nach langer Zeit meldet sich der Admin mal wieder. Was verborgen blieb: in den letzten Wochen hat sich immer wieder unsere Jury getroffen und die Beiträge der letzten zwei Jahre – von April 2014 bis März 2016 – gelesen, durchforstet und ausgewählt: Wir planen Band 8 der gedruckten Inskriptionen, der vielleicht schon im Sommer spätestens im Herbst erscheinen soll. Demnächst schreiben wir alle Autoren der ausgewählten Beiträge an…

Und dies heißt auch, dass das Motto der gesplitterten und gestundeten Zeit nun Geschichte ist – obwohl es noch angezeigt wird. Bitte schreibt uns eMails an post@l-lv.de und teilt uns eure Vorschläge für Themen der nächsten Periode mit. Wir sind gespannt!

Still-Leben

Dienstag, April 12th, 2016

Jahr um Jahr geht
ins Erinnern ein, und noch immer
derselbe Märchenmond,
dieselben Paradiese.

Schwer drückt die Zeit
auf die Seelen, die schon
gestorben sind an den Kriegen
oder am Leben.

Unendlich die Nacht,
die kalt in die Fenster weht
mit ihrer Trostlosigkeit, der Angst
vor dem Dunkel.

Und wir denken,
das alles müsse für ewig sein,
unwandelbar, dieses Ungreifbare,
das uns gefangen hält.

die entdeckung amerikas | kar freitag

Sonntag, April 10th, 2016

I
das tier biegt sich im wind
das tier ist ein kind
das kind kehrt heim
aus dem krieg
über das gebirge ziehen
herden von küchenschellen
und steinbrech

du wirfst ein dorf in die landschaft
konzentrisch bewegen sich kreise
von ferne darauf zu
fliehen die kinder
mit den tieren in den wald

das kind ist alt sehr alt
viel älter als die welt
als mama und papa
nicht so alt wie die drachen
vielleicht zwei jahre oder vierhundert

tauben gestreut in augen
blicke weit weg

II
mit großer geduld essen wir
falterflügel in der hoffnung
dass wir fliegen lernen
und durchsichtig werden
dass der tag uns heimat bietet
und die nacht uns loslässt
ein anderes mal wollen wir
fische sein eins mit dem schlamm
am grunde des meeres
überhäufen wir unsere kinder
mit schmerzen um ihnen ein langes leben
wie unseres zu ersparen

III
die schatten der hauswände stürzen auf den gehweg
von den dächern weht schnee
du wechselst in die mitte der straße
bei der u-bahnstation am warschauer platz

triffst du zwei dichter
von früher
auf polnisch singen sie dir lieder von schwarzstörchen
auf der reise über die ebenen und flüsse
zittern deine lippen
wenn du an jacek denkst und andrzej
auch sie waren dichter und sangen
von den zügen in die lager
als sie kinder waren und auf gleisen spielten

IV

tauben gestreut in augen
blicke weit weg
in deine wohnung kehren stimmen zurück
leise
und laute
sitzt du in kurzen hosen
draußen im sandkasten und bist
indianer
in den gebüschen lauern die feinde
ruft mutter vom fenster zum essen
eine tote amsel in einer pappschachtel
begräbst du neben dem holunder

vom zahnradkranz springt eine fahrradkette
knallt auf das gehwegpflaster
durch den schmiedeeisernen zaun eines vorgartens
beobachtet dich häuptling großer wolf
wie eine büffelherde ziehen die autos
an deinem gestürzten pferd vorüber

dicht über das prairiegras schweben
flugzeuge durch die geöffneten fenster
einer leeren wohnung
fährt vater zur see und mutter
begleitet die amsel ein stück
auf ihrem weg zum himmel

 

Allschallué

Mittwoch, April 6th, 2016

Dann ertönte vor dem klaren, sternschwangeren Nachthimmel Afrikas eine sprechende Trommel. Ihr Klang ahmte das Auf und Ab freundlicher Scherze, heftiger Streits, entrückter Körper nach, das fragende Schluchzen unbewußt verwobener Dimensionen – und stellte somit  unwillkürlich jedem Hörer, egal welchen Charakters, die Frage nach dem letzten Geheimnis. Ebenjene Frage, deren Form schon ihre unfassbare Antwort vielversprechend andeutet und doch zugleich auf ewig verschattet.

Geschriebene Worte vermögen dir ein Schmunzeln zu schenken, ihre Nuancen eine Gänsehaut erzeugen, manchmal vielleicht gar einen Schweißausbruch. Aber eine Trommel aus weichem Fell, straffer Haut, einem wohlgeformten Stamm – eine solche Trommel, die zugleich spricht! – vermag den Geist so viel weiter zu tragen, raunte sie mir zu und schwieg dann – obgleich mir war, als ob sie inmitten meines Herzens unaufhörlich leise weiter flüsterte – bis zum Ende dieser reichen Nacht.

Märzensonne

Freitag, April 1st, 2016

Traurig die Schatten der Sonne
im März, die auf das Straßenpflaster
stürzen in die ewigen Zweifel,
die Unentschiedenheiten
des Menschen.

Entsetzlich das Wissen um die
Vergänglichkeit von Zeit – lebenslang
der Uhrschlag zwischen kalkigen
Wänden, mit dem Perpendikel
der Angst.

Und weiß, so weiß
überm Glanz der Erwartungen
die Märzensonne, deren Schatten
viel zu schwarz, als kämen sie
aus der anderen Welt.