Archive for Juli, 2010

demo kra tie

Samstag, Juli 31st, 2010

sei unser

Höchstes

Gut

sagen die Einen

Mangel haftet: am

Umgang: leere Verpackungen

fegen über den Asphalt

Spuren

vergangener Feste

gefeiert

Demokratisches

bleibt liegen

Moldau

Freitag, Juli 30th, 2010

zwischen Fels & Laubwäldern schlängelst du dich
hindurch : von den großen Völkern mißachtet
überrannt von Kelten & Langobarden
die Tschechen haben den Fluß : der ihnen heilig ist

zum Strom gestaut : böhmisches Meer
nun füllt es die Täler : untergegangen
sind die Schaufelraddampfer : kein Nebel
kann aufsteigen : alles ist Moldau

an den Ufer angeln die Männer still
kleine Fische : sie brauchen nicht viel
um glücklich zu sein : das macht ihre Größe
aus : im Vergleich zu großen Männern

die ihr Selbstbewußtsein in Jachten & Villen : im Equipement
zeigen : die Frauen ruhen still
im Schatten unter raschelnden : hohen Birken
genug : um einen kühlen Kopf zu bewahren

zwei Kajaks aneinander gebunden : fertig ist das Schiff
Opa & Maminka : Kind & Kegel
drauf verfrachtet : schon treten sie an
die jährliche Pilgerreise : die Moldau hinab & hinauf

an den Ufern ankern die Hütten
der tschechischen Weisen : unterm Drbákov
einem grüngefleckten Schaf : das sich sanft
zum Schlaf streckt : die Vorderläufe eingeknickt

lagern pensionierte Drachentöter : strecken die Füße aus
auf ihren gelandeten Booten : auf vier Beinen
hochgebockt : schweben sie in der Luft
die Kämpen von einst haben die Schlacht

gegen die Baugenehmigungsbehörde gewonnen
die Moldau strömt gleichgültig unter den Booten hinweg

Aki im Wunderland

Donnerstag, Juli 29th, 2010

Das Buch der Bücher des Leipziger Schriftstellers Thomas Böhme heißt „Schnakenhascher“. Der bislang umfänglichste Roman des Autors ist eines der drei Bücher („Heikles Handwerk“, „Martha“), die in diesen Monaten erschienen.
„Schnakenhascher“ ist die Zusammenfassung und in der Zusammenfassung die ausführlichste Erweiterung vieler erzählerischer Arbeiten, die der Verfasser seit zwei Jahrzehnten schreibt und den die Literaturkritik, wenn sie ihn denn beachtet, hartnäckig als Lyriker vorstellte. Böhme ist ein Erzähler, dem die allgemeine Unaufmerksamkeit die Aufmerksamkeit der Allgemeinheit bisher versagte. Armer Autor! Noch ist Zeit genug nachzuholen, was nachzuholen ist, wie das jüngst für Walter Kappacher und Peter Wawerzinek der Fall war. Der Roman „Schnakenhascher“ ist beste literarische Lektüre und nicht nur etwas für versierte Leser. Den Titel kann man provokant nennen, ihn als peinlich empfinden oder, ganz im Gegensatz dazu, als poetisch. Und das ist nicht nur der Titel!
Mit „Schnakenhascher“ haben die Leser eines der poetischsten Prosabücher der deutschen Sprache der letzten Jahre in der Hand. „Schnakenhascher“ ist das Buch eines Traumes, den sich der Erzähler erträumte, für den „Der Traum als Gesamtkunstwerk“ das selbstverständlich Erstrebenswerte ist. Der Roman ist das Gesamtkunstwerk einer verträumten und somit traumhaften Kindheit. Und nun sage einer: Kindheit hat nichts mit Träumen, mit Traumhaften zu tun. Die von Thomas Böhme erzählte Traum-Kindheit ist keine wahre Kindheitsgeschichte. Böhme ist der spielerische Sinn nicht abhanden gekommen, der schlichte Kindertage zu den schönsten Kindertagen machen kann. Der Roman ist das phantasievollste Spiel mit der Phantasie, die der phantasierende Erzähler leisten konnte. Ganz und gar zum Vorteil der Leser, die in der Wirklichkeit Zeiten und Orte bestimmen können, die dem Roman den Stoff lieferten. Wer es braucht, kann ohne Schwierigkeiten ausmachen, dass er in eine bekannte, mitteldeutsche Stadt (Lulu) mitgenommen wird, die seit Jahrhunderten für ihre Messen bekannt genug ist. Wer es braucht, weiß sich sofort in den sechziger Jahren. In den Zeiten, da John F.-Kennedy ermordet wurde und die Kontrolleure des Warschauer Paktes die Hoffnung, die Sozialismus genannt wurde, endgültig in Prag erwürgten. Und wer´s nicht lassen kann, spricht von einer Kindheit in der DDR, die – außer im Nachwort des Verfassers – nicht mal mit den drei Buchstaben erwähnt wird. Alles, was es zu erzählen gibt, konzentriert sich auf die Brüder Alexander und Raul Liebezeit in Unschlittstraße 23. Versachlicht gesagt auf die Kindheit Alexanders, der mit Inbrunst in sich die Idee vom idealen Bruder Raul hegt und pflegt, dass sich sowas von Bruder jeder wünscht. Dass der liebenswerte und geliebte Bruder spurlos verschwindet als Alexander und auch Raul die Grenze überschreiten, die aus dem Kindesalter führt, wird wohl niemand wundern. So muß das sein, als sich Akis Wunderland in der Erwachsenenwelt verliert! Wer will von der noch etwas wissen? Der Erzähler, der alles im Blick hat und zu ordnen versucht, ist nie gänzlich abwesend und sendet immer wieder schwache Signale aus seiner belasteten Schriftsteller-Existenz. Ob nötig oder unnötig fragt man kaum. Als ironische Eitelkeiten des Erzählers können gelten, was gar keine Eitelkeiten sind, wohl aber mit der Geschichte Alexanders – einer „Kindheit im Bernstein“ – zu tun haben. Dieses Bild vom Bernstein im Sinn, erübrigt es sich, nach dem Sinn des Realen in der erzählten Kindheitsgeschichte zu fragen oder gar zu forschen. Das Buch ist eine Realität, eine literarische Realität, die ihre unverwechselbare Qualität hat.
Kinderland ist ein Lieblingsland vieler Literaten, also nicht nur ein Tummelplatz von Thomas Böhme. Sein Kinderland ist ein Platz, den er sich erdichtet hat, um sich in ihm wohlzufühlen. Um „Dinge“ fühlend zu erleben „an die sich niemand sonst mehr erinnern will“. Um dieses Erinnerns willen hat der Erzähler angestrengt und unangestrengt seine Fabulierlust und –kunst mobilisiert. Durch das Fabulieren bestimmt Böhme die Bedeutung seines Buches nicht durch das Traditionsthema Kindheit. Der Fabulierer gibt seinen Figuren Namen von Thomas Mann´scher Art. Wo sonst finden sich Namen wie Pagenstecher oder Liebeszeit, der des Bruderpaares, deren Zeit eine Zeit des Liebens ist? Eine Zeit, in der alles erotisch ist. Ohne Erotik ist keine Liebe eine gute Liebe. Der gesamte Roman, in all seinen episodischen Erzählungen, ist ein erotischer, erotisierender Roman. Erotik ist für Thomas Böhme nicht nur in der Liebe da. Das Sehnen ist voller Erotik, wie der Schmerz, wie das Sterben. Sich derart der Erotik verbunden zu fühlen, bedeutet für den Fabulierer zu den besten Bemerkungen, Beobachtungen, Betrachtungen nicht nur bereit zu sein, sondern in der Lage, in den Bemerkungen, Beobachtungen, Betrachtungen das Beste an Erzählerischem möglich zu machen. So wird der Erzähler fortwährend zu einem Anreger für die Leser. Ihnen wird der Roman nicht zu einem beliebigen Objekt, das sie veranlaßt, ständig zu vergleichen, was wie in der eigenen Kindheit war wie in dem Roman, sofern man seine Kindheit in den Sechzigern des Vorjahrhunderts hatte. Der Roman entgrenzt die eigene Kindheit. Erlöst er sie aus dem Bernstein, in der sie für den Verfasser eingeschlossen ist? Mit dem Roman in der Hand werden so manche Leser zum anderen Autor, neben dem Autor, die auf ihre Weise ihre Kindheit erschließen. Die Kindheit ist eine der ergiebigsten Zeiten des Entdeckens und die Zeit des Entdeckens der Kindheit eine der ergiebigsten des Lebens. Wie profan, dass alles seine Zeit hat! Wie poetisch alles Zeit sein kann, das ist erlesbar und so erlebar in Thomas Böhmes Roman „Der Schnakenhascher“.
Thomas Böhme: Der Schnakenhascher. Edition Cornelius. Projekte Verlag Cornelius: Halle 2010. 273 Seiten, Geb., 17,50 Euro

An Engel0311

Mittwoch, Juli 21st, 2010

der hinkefuß

der lahme vers

der faule zahn

botschaft der erde

grüß mir das A

und grüß mir das O

Poetischer Planet

Sonntag, Juli 18th, 2010

Was hat sich Franz Kafka dabei gedacht? Hat er sich was gedacht, als er hämisch-abweisend von der „Kuh vom Kurfürstendamm“ sprach? Die Zurückgewiesene war die Dichterin Else Lasker-Schüler. Nicht nur Kafka wich der Frau gern aus.
Was hat sich Kerstin Decker dabei gedacht, die abfällige Bemerkung Kafkas in ihrem Buch „Mein Herz – Niemanden“ zu zitieren? Die Autorin offeriert das Buch nicht als Biographie. Es ist eine Biographie. Keine simple chronologische Darstellung eines Lebens. Sich über „Das Leben der Else Lasker-Schüler“ zu äußern, bedeutete der Autorin, darauf zu achten, was maßgeblich die Biographie bestimmte, um alle Achtsamkeit auf die bestimmenden Aspekte zu lenken. In der Beschäftigung mit der Anderen, hat sich die Autorin ihre Autonomie als Schreiberin bewahrt. Das Buch über und zu Else Lasker-Schüler ist die Biographie einer ausgewiesenen Biographin. Eigenes in der Entdeckung des Fremden nicht zu unterdrücken heißt, sich der Absicht und des Auftrags der biographischen Darstellung bewußt zu sein. Kerstin Decker schreibt: „Es ist die Pflicht der Biographen, Rätsel zu lösen“. Welches Leben ist ohne Rätsel? Das der Lasker-Schüler ist eines der Rätselhaftesten in der deutschen Literatur. Die Verfasserin hütet sich, Lösungen für ausgemachte Rätsel anzubieten. Alle Geheimnisse der Lebensgeschichte der Dichterin und ihre Dichtungen aufzulösen hieße, sie auf die Realität zu reduzieren, der sie sich entzogen hatte. In der Annäherung an die Dichterin bleibt Decker in der nötigen wie respektablem Distanz. Sie biedert sich der Dichterin nicht an. Sie artikuliert Zweifel, wenn immer Zweifel in ihr sind, ohne die unverhohlene Zuneigung in Zweifel zu ziehen.
Die in Wuppertal als Else Schüler Geborene war ein Wesen, das Manchem als ein Wesen aus einer anderen Welt erschien. Die Einen sahen sie als wandelnden Schmuckkasten, Andere als eine überkandidelte Orientalin. Sie wurde verdächtigt, eine stille Opiumnascherin zu sein. Nicht auf Äußerliches aus, kann Kerstin Decker über die auffällige Äußerlichkeit der Frau nicht hinwegsehen. „Sie ist eine, auf die man mit dem Finger zeigt“, stellt die Biographin fest. Das praktische Leben überforderte Else Lasker-Schüler. Sie war eine Forderin, die fortwährend überforderte. Im Leben wie in der Literatur. Als ließen sich Leben und Literatur trennen! Vor allem, wenn von Lasker-Schüler gesprochen wird, die nie langweilig leben konnte. Nun vom Leiden und den Leidenschaften im Sein und Schreiben reden? Das wäre zu einfach. Decker macht sich nichts einfach und nichts Einfaches. Wissen will sie, warum die Dichterin wie war. Sagen will sie, was ihr zum Warum und Wie zu sagen möglich ist. Sagen also, was nicht, was so noch nicht gesagt wurde!
Kerstin Decker nimmt wahr, welches die seelischen Wahrheiten der Dichterin waren, die die Wahrheiten ihrer Dichtung wurden. Wieder und Wieder wird Lyrisches zitiert, um Beziehung und Bindung des Literarischen zum Leben nicht nur anzudeuten. Das Authentisch-Lyrische gilt. Die Autorin muß nicht analysieren. „Diese Frau ist heimatfühlig“, ist lakonisch notiert. Die Bedeutung dieser Bemerkung begreifbar zu machen, ist eine Aufgabe von „Mein Herz – Niemanden“. Ihre Einsichten formuliert die Verfasserin formelhaft knapp, sobald sie die passenden biographischen Ereignisse aufruft oder aufgerufen hat.
„Heimatfühlig“ zu sein bedeutet, Wuppertal und dem Bergischen Land willig wie unwillig verbunden zu bleiben. In Berlin Charlottenburg, wo Lasker-Schüler ihr vitales Vagabundenleben Jahrzehnte lebte. In Jerusalem, wo die jüdische Emigrantin 1945 starb. Wo sich Lasker-Schüler, in des Wortes Sinne, durchs Leben schlug, sie war die Verletzte, die in ihrer Existenz gefährdete, die nie eine verbindlich Unverbindliche sein konnte. Im Verlangen, Selbst zu sein, war sie eine Spielerin, die keine Grenzen kannte. Alles war ihr das Möglich-Unmögliche oder Unmöglich-Mögliche. Gelebte Individualität verlangte ihren Preis. Else Lasker-Schüler zahlte, zahlte und zahlte. In ihren Lieben und Freundschaften. In ihrer Mutterschaft, die durch den Tod des 27jährigen Sohnes Paul tief verletzt wurde. Wenn, dann gehörte Paul das Herz der Lasker-Schüler. Keiner Konvention verbunden, allem Konventionellen widerstehend und widerstrebend, existierte die Dichterin in ihrem poetischen Planetensystem, in dem sie auf Entdeckungen aus war, um die phantastischsten Entdeckungen zu machen. Um sich lebenslang als ewig 14jähriger Knabe zu fühlen. Um als Tino, Prinz von Bagdad, als Jussuf, Prinz von Theben, durch die Tage zu ziehen. „Der Nur-Mann, die Nur-Frau wären keine Schöpfer. Das Schöpferische ist zweipolig“, ist einer der Schlüsselsätze zu Leben und Werk der Dichterin.
Substanzielle Sätze dieser Art sind Teil der Qualität des Buches, die nicht das Selbstverständliche ist. „Mein Herz – Niemanden“ ist keine bloße Fleißarbeit. Es ist die fleißige Arbeit der Autorin, die sich aufs Verstehen und Verständigen versteht. Das Prinzip der Collage, die geschickt Angeeignetes und Eigenes vereint, von Sigrid Damm seit Jahrzehnten praktiziert, ist auch das verbindliche Prinzip für die Lebensdarstellung der Lasker-Schüler. Beide Schriftstellerinnen, die aus Ost-Deutschland kommen, bringen der deutschsprachigen Literatur das Schreiben von Biographien neu bei. Das ist ein Ereignis, wenn Seele Seele erkennt wie in „Mein Herz – Niemanden“. Es ist ein frohes Aufatmen, wenn man durch das Buch ist. Es muß ein Aufatmen in Kerstin Decker gewesen sein, als der letzte Arbeitszettel ad acta gelegt wurde und der letzte Satz geschrieben. Welch eine Biographie! Welch eine Biographin!

Kerstin Decker: Mein Herz – Niemanden. Das Leben der Else Lasker-Schüler. Propyläen Verlag: Berlin 2009. 473 Seiten, Geb., 22,90 Euro

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Freitag, Juli 16th, 2010

Zwischen den Sonnenstrahlen

Nichts als

Das ausgelöschte Meer

Miniatur getanzt

Dienstag, Juli 13th, 2010

Wiederholt
Gedreht
Gedehnt
Gefangen

Miniatur wiederholt

Getanzt
Nachts

steifer iro auf kahlem kopf

Donnerstag, Juli 8th, 2010

Schleußig : scheußlich
Sollte es heißen : denn geschleußt
Wird hier niemand mehr : die schieber
Haben sich verkrochen : stehkragenproletariat
Bevölkert die jugendstilhütten & weiß
Nichts davon : weiß vor allem nichts von sich
Von der allgegenwärtigen angst vorm abstieg
In schleußigs hinterhöfen sitzt es sich
So schön im grünen : die kinder
Können sicher spielen zwischen den zäunen : hier
Brüllt niemand in die idylle : weil fern
Irgendwo ein tor fällt : die säufer
Klammern sich still ans tägliche bier
Am stromkasten & vermeiden es
Auf den gehweg zu kotzen : denn der ist heilig
Den heiligen autos vorbehalten : die hier ungestraft
Parken & kleine kinder anfahren : morgens
Auf dem weg zur arbeit : wenn alles schnell
Gehen (sprich fahren) muß : selbst der punker
Mit seinem steifen iro auf dem kahlen kopf
Beschwert sich & ruft das ordnungsamt
Nach schleußig : wenn einmal im jahr zu lange
in die nacht gefeiert wird mit gedichten : musik & wein

goldammer fliegt

Mittwoch, Juli 7th, 2010

Am see : hinter den städten
Verlassen : die goldammer
Fliegt davon : nebenan
Warten die Highländer
Auf ihren schlächter : verlassen
Schläft der see : nach kohle
Wird anderswo gegraben