Siamesische Zwillinge

Von | 5. Juli 2021

„Wir nehmen dich als vage war, aber: Du dirigierst das, was hier gerade gedreht wird. Und: Du bist mit Abstand bis ins Letzte bestimmt.“

Esther wandte sich um. Wer war so blöd, sich einen solchen Satz auch nur anzuhören. Wer erwartete solche Sätze von einer ernstzunehmenden Person? Sie.

Eduard hatte zum wiederholten Male Phrasen von sich gelassen. Vor ihr, die da mit ihrem Körper an der Wand klebte und Nähe vermied. Ich glaube, ich bin im falschen Film.

„Vielleicht nimmst du mich als vage wahr, weil du dich gerne geschwollen reden hörst. Und: Was heißt das eigentlich, bis ins Letzte bestimmt?“ Esther stieß ein raues Lachen aus.

Eduard wich zurück. „Nicht so laut! Hier sind kranke Menschen.“ Er schob den Mundschutz zurecht.

Die Billardkugel war angestoßen. Esther konnte nicht zurück.

„Es tut mir leid, Eduard.“ Ihre Stimme wurde leiser. „Aber bitte: Du weiß ja alles. Also: Was dirigiere ich? Dich? Du liebst es, mich zu analysieren, als sei ich ein sehr besonderes und seltenes Tier.“

Eduard war still. In seinem Gesicht zuckte es. Er nahm die Brille ab. Schweißperlen hatten sich auf seiner Stirn gebildet. Er sah blass aus gegen den Rollkragenpullover. Ein Dozentenpullover. Eduard würde sich nicht gehen lassen. Dennoch hatte sie ihn gerade aus der Fassung gebracht. Hier im Flur des Krankenhauses, neben der Intensivstation, auf der Vyvyan lag. Das Rollo war heruntergelassen, offenbar hatte die Familie einen Vertrag unterschrieben, damit er ein Einzelzimmer bekam. Eduard zog ein Taschentuch hervor und begann, seine Brille zu putzen. „Esther, du weißt, ich schätze dich. Doch du solltest dir überlegen, was du sagst. Schließlich bezahlen wir dich. Du solltest deine Rolle kennen. Und die heißt: Gehen nach Anweisung.“

Esther hatte hinter den Stuhl gegriffen und ihren Mantel von der Lehne genommen. Jetzt zog sie ihn an. Den burgunderfarbenen Samtmantel, der innen Futter hatte, sie hatte ihn für den heutigen Tag aus dem Kleiderschrank im wieder leeren Zimmer hervorgeholt und war froh, dass er von den Motten verschont geblieben war. Durch die Ritzen des Rollos drang etwas Licht. Die Schwesternstation war geschlossen. „Eduard. Ich verstehe. Ich verstehe, dass du das sagen musst. Schließlich bin ich kein Familienmitglied. Dass ich überhaupt hier sein darf, ist ein Wunder. Man kann hierzulande nicht mit zwei Menschen gleichzeitig verheiratet sein. Auch nicht als ein Patient, der offenbar zwei Menschen liebt.“

Sollte Vyvyan doch sein Begehren ausleben! Letzten Endes lebte er schon so viele Jahre mit Eduard zusammen, dass die Trennung unwahrscheinlich war. Sie waren wie siamesische Zwillinge. Esther erhob keinen Anspruch auf eine dauerhafte Bindung.

Sie stockte kurz und sah zu dem geschlossenen Rollo hinüber. Für die aufwändigen Überwachungs- und Behandlungsverfahren werden pro Patient 20–25 m² Grundfläche, 16–20 Steckdosen und mindestens zwei Sauerstoffanschlüsse für notwendig gehalten. Ach was, Vyvyan würde das überleben. Die Medizin war weit genug fortgeschritten, um zu wissen, was man bei einem Lungenleiden tun musste.

Sie reichte dem immer noch verstörten Eduard die behandschuhte Hand. „Ich weiß jetzt, was Contenance ist. Danke, Eduard.“

Der Zugang zur Intensivstation erfolgte durch eine Schleuse, um die Einfuhr krankheitserregender Keime gering zu halten. Esther war sich nicht mehr sicher, ob Eduard diesen gedrexelten Schwachsinn tatsächlich zu ihr gesagt hatte. Nur konnte sie nicht mehr zurück und ihn fragen. Sie irrte durch die Flure und fand schließlich den Fahrstuhl, der sie abwärts zum Ausgang fuhr.

Eduard stand immer noch unentschlossen auf der Stelle. Er hätte Esther gern aufgehalten, sich sogar entschuldigt, das war eben sein Dozententon, der so etwas sagte, doch dann erinnerte er sich an die Kollegen, auf der Party, wie sie ihm zuriefen: „Die Winter, die ist doch verrückt.“

Was hatte sie verstanden? Sie war das Vage in seinem und in Vyvyans Leben, das sich wie eine Qualle zwischen sie drängte, und dadurch wurden sie, wurde Eduard von ihr beherrscht. Damit hatte er nicht unrecht.

Am Ende des Ganges zeigte sich wieder die Krankenschwester und geleitete sie hinaus. Dabei lüftete sie. Und sie hörte nicht auf, der Familie zu erläutern, weshalb die ANstAndsregeLn (Eduard verstand: ANAL-Regeln) auch zu Hause so wichtig waren.

Kategorie: Realitätsschatten

Über crysantheme

Wer eine Crysantheme verblühen lässt oder ihr den Kopf vor ihrer Zeit abschneidet, der erntet zur Strafe nur noch grünes Friedhofskraut. Schenkt keine Chrysanthemen zu festlichen Gelegenheiten - sie haben die Würde und Feierlichkeit von Totenblumen. Reznicek, Paula von u. Reznicek, Burghard von: Der vollendete Adam. In: Zillig, Werner (Hg.) Gutes Benehmen, Berlin: Directmedia Publ. 2004 [1928], S. 9158

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