Archive for Februar, 2014

Abstrakte Menge

Mittwoch, Februar 26th, 2014

<> für Alain Badiou

1
In den Himmeln hinter unseren Blicken
Wohnen die Dinge. Nicht die Dinge
Zwischen unseren Fingern, nicht die
Dinge zwischen unseren Augen -
Die Ideen der Dinge. Welcher Dinge?

Dinge aus Klängen gemacht, Dinge
Die man abtastet mit den Stimm-
Bändern, Dinge die vibrieren. Es
Sammeln sich die Klänge zu
Unfassbarer Ähnlichkeit. Ähnlichkeit?

Die Dinge seien verwandt, sagt man.
Alle Dinge sollen verwandt sein. Und
Doch treten sie auseinander, treten
Sie ein in den Raum vor unseren Augen:
In die Himmel hinter unseren Blicken.

2
Wir verbinden die Dinge mit Fäden
Damit sie sich nicht voneinander
Entfernen. Wir sind verbunden
Mit Fäden, damit wir uns
Nicht voneinander entfernen.

Selbst sind wir Fäden, gewoben
Zwischen die Dinge, damit sie sich
Ihrer Ähnlichkeit gewiss bleiben.
Fäden zwischen den Dingen sind wir
Die Welt einhüllende Gespinste.

Wir wohnen zwischen den Dingen
Die uns umgeben wie wir die Sonne.
Wir wohnen mit den Dingen auf
Einer rotierenden Scheibe, und ihr
Kreisen macht uns der Sonne ähnlich.

3
Das Kreisen in der Brust ist ein
Strudel im Herzen. Die unsichtbare
Bewegung erregt unser Mitgefühl
Mit den unsichtbaren Dingen
Denen wir ähnlich sind. Ähnlich?

Das Ziehen der Wolken am Himmel
Lässt uns zurück in Erwartung der
Bilder, gestochen scharfe Kontur, die
Mit dem Licht verschwindet, so
Wie auch wir verschwinden im Schlaf.

Ähnlich? Im Schlaf werden wir uns
Ähnlich, Elemente eines abstrakten
Ganzen, unterschieden wie die Dinge
Und doch gleich, Dinge neben Dingen
In einem Gespinst unsichtbarer Fäden.

Tausendschön

Freitag, Februar 21st, 2014

Drei der Teigtaschen in Sahnesauce getränkt finden heute nicht den Weg in meinen Magen, die restlichen jedoch wagen den Sprungseilakt und hüpfen ein Guten Tag dortin zurück, woher sie gekommen sind. Mein Freund ist das Glück per se, strahlt seine ganze Ontologie auf den Mittagstisch. Das Gänseblümchen in der beschichteten Vase liegt wie eine kleine rosarote Sonne zwischen seinen Fingern. Tausendschön, sagte meine Mutter, als ich ihr ein Sträußchen pflückte. Damals zählten meine Geschenke noch etwas. Hier kann ich davon Reden zaubern, und es ist ein Zeichen meiner Deutungslosigkeit, dass ich die Hoffnung nie verlor. Seine Happyness schwebt hinweg, tändelt rasch und unentschlossen wie ein Lichtreflex zwischen der Lebendigkeit der Blume und der hauchdünnen Siliciumplatte, die seine geheimsten Geheimnisse beherbergt: Nerd is the new sexy. Ich bin verwirrt, orientierungslos und habe den Zweck meiner Bestimmung längst verloren. Ein trister Betonklotz vor dem hohen Fenster spricht von diktatorischer Gerechtigkeit. Das Glas Wein hat alle restliche Klarheit im Kopf hinweggespült. Nomaden sind wir, auf eine Spur gesetzt und mit einem Strohband verflochten.

Kommentarfunktion_Zhenja

Samstag, Februar 15th, 2014

Denken, die Augen springen hinter den Worten her und versuchen ruhig zu werden

Träumen, die Worte haben sich in Stimmen aufgelöst die etwas sagen, was nicht zu verstehen ist

Denken, ob das etwas zu bedeuten hat, ob das Ganze nun in Ruhe oder in Bewegung ist, in welche Richtung die Ruhe noch zu wachsen vermag

ob überhaupt Stimme, kein Traum

Du könntest Gitarre

Mittwoch, Februar 12th, 2014

Auf dem Land hörst du die Stille : wenn ein Vogel
Schreit : der den Abflug nach Süden verpasst hat
Berlin ist nah : und doch bekämpfst du das Verlassensein

Mit Arbeit : Tierefüttern : Ausmisten : Kochen und Trinken
Das ist das Hobby der Nachbarn : sie hocken unter roten Lampions
Und löten sich die Rübe zu : du könntest Gitarre spielen

Oder Theater : die Kohlhaasbühne steht auf dem Anger
Doch es gibt tausend Gründe : die dagegen sprechen
Es gibt keine Kultur : wo Agrikultur herrscht

Früher war alles anders : früher gab es Feste und Stickereien
Tänze und Musik : da war der Bauer abends Musikant
Nicht nur Produzent : so konventionell

Ich verkläre die Vergangenheit : damit sie dient

Featuring : Brinkmann : 74 : Funktion _ Denken

Donnerstag, Februar 6th, 2014

Es ist ein erstaunliches Gefühl, meine ich -
aus einer Musikbox, ganz weit zurück, kommt Rock’n'Roll-Musik und lässt mich die lateinische Übersetzung vergessen – -
Zwischen den weißen, frischen, zusammengelegten Bettlaken im Schlafzimmerschrank lag immer eine kleine mattschwarz glänzende Pistole, bequem für eine Handtasche.
Das Lernen macht weiter.
Der Schallplattenspieler, repariert, macht weiter. Auch die Interpretationen machen weiter. Es sind die Bücher.
Als ich in einem gräßlich eingerichteten Apartment in Austin morgens gegen fünf Uhr auf dem vollgepackten Koffer kniete und die Kofferschlösser zuzukriegen versuchte, hörte ich aus dem Radio ein Lied, das mir sofort, nachdem es angefangen hatte, gefiel.
Der Beifall macht weiter, die Wörter machen weiter, die Knöpfe machen weiter, der Stoff macht weiter -
Die teueren Vororte sind durch Stille gesichert.
Utopia ist eine Kiste.
*
Ich hätte gern viele Gedichte so einfach geschrieben wie Songs. Leider kann ich nicht Gitarre spielen, ich kann nur Schreibmaschine schreiben, dazu nur stotternd, mit zwei Fingern. Vielleicht ist mir aber manchmal gelungen, die Gedichte einfach genug zu machen, wie Songs, wie eine Tür aufzumachen, aus der Sprache und den Festlegungen raus.
**
Was für Entzückungen eine Straße entlangzugehen, während die Sonne scheint.
***
Der Raum macht weiter. Ich mache die Augen auf und sehe ein weißes Stück Papier.