Archive for Oktober, 2011

H&6 (2)

Montag, Oktober 31st, 2011

„Ich gebe dir fünf Mark mit. Davon kaufst du noch was Süßes. Der nimmt bloß zehn Mark für die Nachhilfe, das ist ja beschämend. Los, denk dran, ich frage dich, wenn du nach Hause kommst.“

Ich sollte mit einem Kasten Pralinen, Toffifee oder Toblerone, zu ihm gehen. Blöd kam ich mir vor. Einem Jungen schenkt man doch nichts Süßes. Als ob er so ein Süßer wäre. Der König von zehn Quadratmetern Chaos. Wiederverlegter Teppich. Dampfbügeleisen, qualmvergilbte Spitzendecke. Wenn er mir etwas erklärt, sehe ich seine Hose, seine Finger. Im filmverschmierten, rauchbesprühten Spiegel. Dreck drunter. Als ob er etwas damit umgegraben hätte. Seine Mutter daneben raucht Kette. Ich kaue mein Milchbrötchen mit Negerkuss, gehe ins Kaufhaus und stehe lange bei den Zeitschriften herum. Er schwitzt durch seine Hose, was soll ich tun. Dr. Sommer berät gern. Relativ spontan und ohne große Vorankündigungen. Ich kaufe eine Schachtel Toffifee und eine Tafel Milka im lila Papier. An die lila Herzen denke ich nicht. Eine zweite Tafel esse ich auf, angenehm warm auf der Zunge. Wenn ich das Abitur schon hätte, wäre ich längst hier weg. Männer finde ich erst ab fünfundzwanzig interessant. Die wissen viel. Reisen in große Städte wie London, oder kommen von dort und essen fremde Sachen, tragen Klamotten, die glänzen. Raffiniert und cool. Meine Fingernägel glitzern grünlich und erhellen die Nebenstraßen.

Maya

Freitag, Oktober 28th, 2011

Hinter dem Schleier der Dinge steht alles still. Die Körper der Tage tragen nicht mehr. Es sitzt fest, niemand feiert. Selbst die Herrscher haben keinen Fluch mehr auf den Lippen, alle Geschenke werden ohne Kommentar abgewiesen. Nach Jahrtausenden ist es soweit. Nachdem die Zähne der Zahlräder ineinander griffen in stetigen Variationen, bleibt nun alles gleich. Die Körper der Tage als Nächte erwacht. Die Dinge begegnen sich im Tiefschlaf. Außerhalb der Bewegung hängen Möglichkeiten wie Blei in dem Schleier aus Gedanken und Wünschen. Zwischen sieben und elf schiebt sich dreizehn in ihr gefiedertes Schneckenhaus. Die Maschine steht still. Nach Jahrtausenden tosen die Wellen des Ozeans nicht mehr im Zittern der Angst vor dem Glück. Die Idee legt sich ihre Ohren an, Rauschen des Blutes

Büsten-Halter

Mittwoch, Oktober 26th, 2011

Eine Synthetik

Heute Mittag habe ich mit einer guten Freundin telefoniert, die meint, literarisches Bloggen helfe ihr, auszuspannen. Sich verbal zu vergreifen. Einmal in aller Heimlichkeit zu tiradisieren, sich wort-gewendet in die Hose zu greifen. Ja, haben wir denn noch alle Bekleidung am Leibe? Oder purzeln uns mittlerweile schon Worte von der Seele, warm & frisch, wie Semmeln, Herr Castorp, so wie Kaschmir, Synthetik und Baumwolle (Bio, natürlich) beim Entkleiden von der Haut rutschen? Die hoffentlich noch von Muskeln, Knochen und allerlei Gewebe straff gehalten wird. Früher sagte man, das geht auf keine Kuhhaut. Das Wort war ein Büstenhalter, das Wort war der Schlitz in jeder Unterhose.

Das erregendste Ereignis, welches das Wolfenbüttel der späten siebziger Jahre zu bieten hatte, war die von Kunststudenten in Toilettenpapier eingewickelte Lessing-Büste. Was hilft es, uns entfahren mitunter Lautäußerungen, wie Börp!, Phuuuh und tüüüüh. Lassen wir sie zu, aber schnallen wir uns Unterhosen & Büstenhalter vorher fest an. Lieber eine Nummer zu klein als zu groß. Und bitte, das reißfeste Papier nicht vergessen.

Donnerstag, Oktober 20th, 2011

an der ampel ein rauchiges, fauchendes blubbern, kurz kräuselt sich der schall, dann schluckt er alles kehlig, tief, großvolumig: als eruption. die bauchstimme des motors raugesoffen vom sprit, wundgeritten von der zeit. kugelaugen leuchten wie laternenfische um die dunklen ecken, dann schüttelt sich der kleinbus, schwankt in seinen viel zu grossen schuhen davon, zurück bleibt nur die abgerissne spur der räder. verwandelt ist die szenerie.

Mittwoch, Oktober 19th, 2011

die trockenheit hat dem gras
eine feder gelassen

in deiner hand macht sie
eine imaginäre reise

schreibt ein allzu leichtes
traktat über das fliegen

Globalblaue Dunstschwade

Sonntag, Oktober 16th, 2011

Aber es gibt die Ambivalenten, diejenigen, bei denen sich der Gegenstand der Sprache unterzuordnen hat. Sie sind ein Seismograph, der in der Lage ist, Edelmetall aufzuspüren. Sie sind Trüffelschweine. In Visionen oder analytischen Betrachtungen. Sie urteilen nicht, sie verschränken. Vor Jahren haben sie das Jammern, Grübeln und Nachdenken, das Analysieren ihrer Zustände, die vielfarbig und schillernd waren, einfach in eine Akte geheftet und sie in eine Kammer des Gehirns verlagert, in der es so dunkel war, dass selbst eine frische Blumenzwiebel dort keine Keime mehr austreibt. Hart wie ein Brett sind sie dabei geworden. Meister der Selbstverachtung. Mit einem munteren Betrieb im Körper: Während ihr Gehirn auch weiterhin eine unerhörte, fiktive Zellteilung veranstaltet, behalten sie die Gewissheit, den wahrgenommenen Geruch an etwas binden zu können, das ihn ins Unendliche treibt. Ein feines Netz entsteht, im Gegenlicht.

H&6 (bei Horten)

Sonntag, Oktober 16th, 2011

Draußen vor der Halle. Es rieselt Flocken auf mich herab. Im ersten Stock bei Horten gibts Herrenmode für Jedermann. Mädchen, ich möchte Frau sein, endlich einmal. Ich stehe draußen, vor der Halle. Ein Penner lächelt zu mir herauf, greift nach meinem Schuh. Ich ziehe ihn weg. Eine unwirsche Geste. „Ey, Mädel, sei doch nich so zickich. Biste frigide oder watt?“ Das ist Braunschweig. Da quetscht man Kaugummi auf dem Gehsteig platt, weggeworfene Tempotücher, Hundescheiße. Ich trete Spuren in den Schneematsch. Ein Dicker in Thermohosen rempelt mich an. Saum aus der Hose gelassen. Schnauzbartträger mit Rossmann-Brillen beißen in Bockwürste. Mit Senf. Mit Majo, oder mit Pommes, rot-weiß. Ich möchte einen Mantel haben, schwarz wie ein Nachttuch. Wie Fischgeschmeide. Ich möchte abends nach elf einen Salon betreten, in dunkelblaue Rauschwelt tauchen und jemanden finden, der mir den Mantel abnimmt. Nein. Nicht er. Nicht er, den ich von der Schule kenne. Er ist ein Tölpel. Kabine rein, Schwanz hoch. Findet nie die richtigen Worte. Eine Art Symbiose. Turnschuhspeckundtintenfleck. Seine Hand klatscht auf meiner Schulter auf wie ein heruntergelassener Flaschenzug.

Der graue Wind

Donnerstag, Oktober 13th, 2011

hatte zu mir gesprochen in der häuslichen Einsamkeit meiner Gedanken. Grau war der Wind wie ein Fell und mir wohl bekannt.

Er hatte gesagt, dass mir morgen, um fünf Uhr dreißig, ein Schnabel wachsen würde aus meinem schönen Gesicht.

„Nein“, sagte ich. „Ich brauche keinen Schnabel, und ich werde dir keinen Glauben schenken“.

Punkt fünf Uhr dreißig am nächsten Morgen wachte ich von fürchterlichen Schmerzen auf. Der Wind schlug mich mitten ins Gesicht und sagte: „Hättest du mir Glauben geschenkt, müsste ich dich jetzt nicht schlagen, und du könntest genau das Lied singen, dass du immer in meinem grauen Fell der Verheißung gesucht hast“.

Mein Gesicht war offen, voll warmem Blut. Ich wusste nicht mehr, wo ich war; aber ich hörte den Wind. Ich wusste nun, dass ich einfach nicht zur Sängerin geboren war.

Ich hörte Musik, um mich zu beruhigen; doch die Musik war reine Unruhe.

Ich kochte eine Suppe, um dem Schmerz einen guten Geschmack entgegen zu setzen. Ich zerschnitt Mohrrüben und Äpfel, hackte Nüsse, Pfeffer und Muskat, zerquetschte Trauben und die kleinen Tiere, die in der Küche herumsprangen; und ich kochte und kochte, was ich ohne Zähne essen konnte. Viele Male rührte ich die Suppe um, salzte und pfefferte und pfiff die Luft durch meine geschwollenen Lippen hindurch. Die Suppe roch nicht stärker als Blut, nicht schwächer. Sie roch gleich stark.

„So“, dachte ich, „ist es auch mit uns, mein lieber grauer Wind: wir sind gleich stark. Die Suppe aber wird mich stärker machen als dich!“

Kopfnoten

Sonntag, Oktober 9th, 2011

Mein Lieblingssatz zum Wochenende aus “Markt-Werk von Michael Jürgs” (DER TAGESSPIEGEL 9.10.2011):

“Mit Büchern  (…) kann man Kopfnoten erteilen, indem man sie auf Hohlköpfe schlägt und dann auf den Klang achtet.”

Arno 4

Sonntag, Oktober 9th, 2011

wen hast du gesehen : die Etrusker
buckelten dir Floße voll Gerste & Stahl
auf den Rücken : die Römer
plätteten deine Ufer mit den Füßen
der Legionäre : die Langobarden
zogen das Wasser aus dir
auf ihre Mühlen & Felder : die Medici
wurden von dir verbannt : um dich
nach ihrer Rückkehr in Mauern
zu zwängen : die Habsburger
entdeckten dich wieder
zur Bewässerung : die l’Unità
kehrte zurück zu den etruskischen Wurzeln
Stahl zu kochen in Öfen : die du kühlst

Arno 3

Freitag, Oktober 7th, 2011

träges Gewässer : grün schimmernd
als würdest du schimmeln : die Bauherren
trauen dir keine Größe zu : einmauern
ließen sie dich : laß es dir
nicht gefallen : steig über die Ufer
flute die Altstadt & belebe
das Geschäft der Restauratoren

Arno 2

Mittwoch, Oktober 5th, 2011

den Fischen wachsen Bärte im angereicherten
subtropischen Biotop : die Städte hinterlassen
das ihrige in dir : Arno : du sammelst den Uringeruch
der Gassen & das Rumoren der Alleen
wohin du fließt : ist nicht zu erkennen : du kreist
der Wind täuscht die entgegengesetzte Richtung vor

Arno 1

Montag, Oktober 3rd, 2011

Unbekannter : zweiteilend die Orte
die aufgereiht liegen an dir
wie an einer Kette : ruhig
Strömender : phlegmatisch
braun : flach : in Firenze
verbreitert : damit die prachtvolle
Ponte Vecchio über dich
aufgespannt werden konnte : von Goldschmieden
bewohnt : die weniger stinken
als Viehhändler : stimmt’s : Cosimo
Gold stinkt so wenig wie Geld : das Blut
hat der Arno längst abgespült : am Abend
spiegeln sich die Lichter gleißend
in dir wie eine Klaviatur

Muschelkriegsmusik

Sonntag, Oktober 2nd, 2011

Muschelkriegsmusik

da capo al fine 

Muschelplaneten/ kunterbuntsüßes Spielzeugcocktail voller Brausegift und Heilbomben/ Alienskindergarten/ Todesstreifen/ nächtlicher Dämmermorgenstreifen/ Samenspiel/ schöne Gefahr/ Freudenkriegstanz/ Traumaspiele/ bunter Reigen der überwasserirdischen Muschelballons/ verrottete Totenkopf-Kommandos/ Aufstieg…/ Weggeschossener Triumphball/  bunte Buchstaben //: Hossa! Lass rein die Freude, lass die Stimmungsbomben einschlagen in den Todeswasserhorizont hinter meiner Unterwasserlust/ Muschelcocktail in meinem Kopf und Leib und Unterwasser, Hossa und ://

Frühlingserwachen

Sonntag, Oktober 2nd, 2011

Es war kalt.
Und beängstigend langweilig.
Temotas hatte nicht erwartet, dass die Ewigkeit derart öde sei. Wie lange er bereits unter der Erde lag, wusste er selbst nicht, jetzt nicht mehr. Hunderte, tausende von Jahren waren vergangen. Vielleicht addierten sich die Zeiträume zu unendlichen Vielfachen, vielleicht stellte sich jeden Augenblick heraus, dass es sich lediglich um Bruchteile von Sekunden handelte. Für ihn spielte weder die eine noch die andere Alternative eine Rolle. Seine Entscheidung war endgültig gewesen. Endgültig und unverrückbar.
Seine Trauer überwältigend genug, seine Flucht eine logische Konsequenz.
Niemals wieder wollte er zurückkehren an die Oberfläche, in eine Welt, die ihm alles versagte. All das, was für ihn Bedeutung hielt.
Dass er nicht immer so empfunden hatte, gehörte zu dem, was er als die Tragödie seines Lebens bezeichnete, besäße er noch den Ehrgeiz, der ihn in seinen jungen Jahren, im Anschluss an seine Erschaffung, angetrieben hatte. Einen Wahn, so nannte er es später. Den Rausch, der ihn dazu trieb, immer wieder weiter zu gehen, als erlaubt, weiter, als die mit der Verwandlung zwangsläufig auf kaum erkennbare Spuren ihrer selbst geschrumpfte Moral, ihm zu seinen Lebzeiten erlaubt hatte.
Und später, als der Rausch verflogen war, stand er starr und stumm vor den Trümmern, die er zurückgelassen, die er aus heilen Welten erschaffen hatte.
Vergessen war die Poesie, an die er sich in seinem Wahn geklammert hatte. Ins Nichts sank der Machtrausch, der nicht enden wollende Ehrgeiz, immer wieder von neuem angestachelt durch die Erkenntnis seiner eigenen Unbesiegbarkeit. Wie besessen hatte er seine Jugend verschwendet, im Überschwang der Kräfte, die sich in ihm entfalteten und die zu beschreiben, ihm auch jetzt noch die Worte fehlten.
Damals stand er am Anfang, so wie die Menschheit sich an ihren Anfängen befand. Weder wusste er, was er war, was ihn trieb, noch war er in der Lage, seine Bedürfnisse zu steuern. Er wusste nur, dass sich keiner der Sonnenwandler mit ihm messen konnte. Durch ihre schäbigen Ansiedlungen fuhr er wie ein Gewitter, nur schneller und verheerender. Seine eigene Stärke, die Geschwindigkeit beglückten ihn und die Zeit verflog in einem Strom aus warmem Blut, köstlichen Düften und schrillen Schreien. Als er zur Ruhe kam, war er sich immer noch seiner Stärke und seiner Macht bewusst. Er begann zu beobachten. Die minderwertigen Lebensformen, die Sonnenwandler, veränderten sich. Während er der Gleiche blieb, unverändert jung und hart, entwickelten sie Form, Gestalt und Manieren. Und als sie nicht mehr dabei verharrten, ängstliche Zeichen in schmutzige Höhlenwände zu kratzen, als sie Schönheit entdeckten und ihren Welten Farbe verliehen, da spürte Temotas seine Macht auf eine gänzlich andere Art und Weise. Sein Leben veränderte sich. Er war gezwungen, Vorsicht walten zu lassen. Worte wurden zu Nachrichten, verbanden die Menschen miteinander und forderten ihn heraus. Er genoss das Spiel mehr als je zuvor. Er genoss es, aus dem Verborgenen heraus zu operieren, genoss es, sie hinters Licht zu führen und zugleich zu beeindrucken. Niemand, dem er je begegnet war, konnte Temotas für den Rest seines Lebens aus seinem Verstand verbannen. Niemand zeigte sich gegenüber seiner Wirkung immun.
Doch er wollte mehr. Seine Gier kannte kein Ende und so suchte er den Ruhm, obwohl er wusste, dass seine Suche nur zu stärkeren Ausbrüchen von Wahnsinn, Ehrgeiz und letztendlich roher Gewalt führte. Vielleicht auch genau aus diesem Grund.
Die Schönheit, die er im Aneinanderreihen von Worten, in der Sprache entdeckte, befriedigte ihn auf lange Sicht ebenso wenig wie die in der Musik enthaltene oder in jeglicher anderen Kunst erreichbare. Und über kurz oder lang fielen den Menschen, die mit den Jahrhunderten auch an Verstand zu gewinnen schienen, die Kleinigkeiten auf, die er sowohl zu verbergen, als auch zu verdrängen suchte. Nie zuvor hatte ihn seine Unfähigkeit, den Tag zu sehen, gestört. Er hegte die Erinnerung an die Sonne aus den Tagen, bevor er erwacht war, wie einen Schatz. Jedoch einen, der unangetastet bleiben sollte.
Er versuchte zu kompensieren, tötete öfter, wütete haltloser in den inzwischen gesichtslosen Mengen seiner Bewunderer. Doch nur, um aufzuwachen und sich wieder auf der Flucht zu befinden.
Die Welt veränderte sich und sie schrumpfte zusehends.
Temotas stellte fest, dass seine Worte leere Hülsen blieben, dass er nichts in sie hineinlegen konnte, bald auch nicht mehr wollte.
Er suchte das, was die Sonnenwandler Gefühle nannten und begann zu glauben, dass ihre Fähigkeiten, die Geheimnisse, die er sich als unfähig erwies zu entschlüsseln, in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Sonnenlicht standen.
Und im Laufe der Jahrzehnte, der Jahrhunderte verfestigte sich diese Überzeugung, wuchs sich aus zu einer regelrechten Besessenheit.
Er beobachtete interessiert Entstehung und Verfall immer wieder anderer und doch gleich auftretender Religionen, Philosophien und der vergeblichen Versuche, Sinn und Unsinn der Welt, des Universums zu erklären.
In keiner von ihnen fand sich ein Platz für ihn, in keiner entdeckte er einen Grund, der ausreichte, sein Dasein verlängern zu wollen.
Nun wurde ihm seine Unverwundbarkeit zum Fluch.
Der Vampir suchte nach Seinesgleichen, er jagte nach einem Wesen, das ihn ergänzte, das ihm die Kraft lieferte, gegen die Sinnlosigkeit zu kämpfen, die ihn umgab, die von allen Seiten auf ihn zu kroch, ihn umfing und in sich einschloss.
Allmählich musste er erkennen, dass ihm die Fähigkeit zur Liebe fehlte, zu jenem Maß an gleichzeitiger Selbstaufgabe und Lust am Miteinander, welches die Menschen zu trösten schien, wenn die Jahre, die aus seiner Sicht nur so im Flug vergingen, sich ausdehnten, mit Elend und jenen entsetzlichen Schmerzen füllten, von denen er keine mehr Vorstellung besaß. Und es begann eine Zeit, in der er die Menschen um den Schmerz beneidete, dessen schwacher Nachklang aus seiner Erinnerung verschwunden war. Denn er begann zu glauben, dass Schmerz und Liebe sich ergänzten, und dass er, dem beides fehlte, einen Verlust erlitt, der über die Jahrtausende nur schwerer zu ertragen war.
Dennoch suchte er weiter nach ihr, nach dem Schlüssel, der ihm ein neues Reich eröffnen sollte, das Reich, von dem Mythen und Legenden sprachen, während er durch die Dunkelheit schlich, ausgestoßen und einsam.
Aus seinem Zeitalter gefallen und unfähig, in dem neuen zu erkennen, was andere Wesen in ihm sahen.
Mag sein, dass er bereits zu lange existierte, dass jede Verbindung mit dem Rest der Welt, wenn denn je eine existiert hatte, unterbrochen war.
Die Besessenheit wurde zu der Suche nach seiner Liebe als letzten Ausweg. Geprägt von den Geschichten, denen er von Anbeginn der Zeit an, beim Vorübergehen an Lagerfeuern, Festen der Mächtigen und der Ohnmächtigen gelauscht hatte, glaubte er sich verloren ohne einen Konterpart zu seiner eigenen Person. Eine fixe Idee, die der immer wiederkehrenden Romantik, marterte ihn und dennoch erlaubte er sich nicht, die Flamme erlöschen zu lassen, als handele es sich bei ihr um die letzte Faser, die ihn an sein Universum band.
Manches Mal stand er kurz davor zu erkennen, dass die Poesie, der er sich einst verschrieben hatte, dass jegliche Kunst die Wurzel des Übels bedeutete. Dass er seiner Obsession nur nicht entfliehen konnte, weil er an sie glauben wollte.
Daran glauben, dass es mehr gab, als den Durst und diesen zu löschen. Mehr als die Selbsterhaltung, als das instinktive Bedürfnis, die eigene Existenz soweit auszudehnen, wie es nur möglich sein sollte.
Er durchstreifte die Kontinente, vergeblich. Selbst wenn einst Kreaturen existiert hatten, die ihm glichen, so war es keiner von ihnen gelungen, den Wandel der Zeiten zu überstehen.
Die Erkenntnis traf ihn nicht plötzlich. Sie wuchs langsam in ihm, verfestigte sich, je öfter er einer Gestalt hinterher jagte, die mit ihrer Blässe, der hochgewachsenen Figur und der Angewohnheit unauffällig wie ein Schatten durch ihr Leben zu gehen, Hoffnungen in ihm entfachte, die zwangsläufig wieder enttäuscht werden mussten.
Es waren traurige, einsame Seelen, denen er folgte, denen er auflauerte, und von denen er sich ernährte, als sie seine Erwartungen nicht erfüllen konnten. Schwache Sonnenwandler, die sich ihrer eigenen Bestimmung widersetzten und die Nacht suchten, obwohl ihnen so viel mehr offenstand.
Erkannte er ihr Innerstes, so brandete Ärger in ihm auf, erhitzte für einen kurzen Augenblick die Kälte, die ihn umschloss.
Er flüchtete sich in Raubzüge, in Bluttaten und Massenmorde, die Wellen schlugen, vor deren Auswirkungen er sich noch lange in Acht nehmen musste.
Doch nichts mehr konnte ihm die Begeisterung seiner Jugend zurückgeben, die Hoffnung entfachen, die er vergeblich gehegt hatte. Und als ihm klar war, wie verloren, wie allein und wie erbärmlich seine Existenz in den Augen der Welt, aller Welten erscheinen musste, da begann er zu bereuen.
Die Reue überfiel ihn grausam und er floh vor ihr, indem er weiter mordete.
Doch als das Töten seinen Reiz verlor, als er seine eigene Hülle kaum noch ertragen konnte, wie sie vor Blut triefend und mit Schuld beladen durch eine Nacht schlich, die mit ihren neuartigen Lichtern und Geräuschen keinen Platz mehr für ihn hatte, da erkannte er die letzte Wahrheit.
Seinen Ausweg, den einzigen Weg, der sich ihm bot.
Konnte er nicht vernichtet werden, so war er gezwungen, sich selbst zu vernichten. So weit zu vernichten, wie es ihm möglich war. Seinem Gram zu gehorchen und die Strafe anzunehmen, von der er immer gewusst hatte, dass sie auf ihn lauerte.
Er wanderte lange, bis er den richtigen Ort fand, bis er durch die Höhlen schritt, die einsam und leer auf ihn gewartet hatten. Und bis er damit begann, sich sein eigenes Grab zu schaufeln, sich in die Tiefe zu wühlen. Und immer trug er das Gefühl in sich, als beobachte ihn jemand. Eine Macht, größer als er. Doch er konnte nicht herausfinden, ob sie ihm wohlwollend oder verärgert zusah. Und so schloss er sie aus, konzentrierte sich auf die Erde, den Widerstand, der sich nur allzu leicht für ihn durchbrechen ließ. Wie durch Butter glitt er durch die Masse, rutschte tiefer, bis er nicht mehr wusste, wo und wann er begonnen hatte.
Erst in diesem Augenblick schloss er seine Augen und wurde still, still für eine Ewigkeit.
Sein Körper fühlte sich starr und klamm an, tot und erloschen. Im Widerspruch zu der Kälte, die ihn beherrschte, stand nur noch Geist, seine Gedanken, die nicht aufhören konnten zu wandern.
Was hätte er darum gegeben, auch seinen Geist sterben zu sehen, die endlose Folge sich aneinanderreihender Worte, die durch seine Nervenbahnen taumelten zu unterbrechen, ein für allemal zum Schweigen zu bringen?
Doch es sollte nicht sein. Der einzige Weg, der ihm blieb, lag in einem Rückzug, dem ultimativen Rückzug, dem Selbstbegräbnis. Es sollte den Hunger stillen. Den Hunger nach dem, was er einst Leben genannt hatte. Nach der Sonne, dem Licht, der Leidenschaft. Einen Hunger, den er nur noch stillen konnte, indem er die Letzte aller unverzeihlichen Sünden beging.
Und so lag er nun begraben, klaftertief unter schwerer, dunkler Erde. Stumm und reglos, der lebende Tote, der er war.
Der Albtraum sollte niemals enden. So sah sein Plan aus.
Temotas ahnte nicht, zu keiner Zeit, dass sein so sorgfältig und entschlossen gefasstes Vorhaben auf Widerstände traf, die er nicht voraussehen konnte. So tief er sich auch in den Erdboden gewühlt hatte, tief genug, um von der Wärme des Erdinneren verbrannt zu werden, es reichte nicht aus. So unerträglich auch das Gewicht der zahllosen Gesteins- und Bodenschichten auf seinem Körper lastete, ihn zusammenpresste und verformte, es war nie genug.
Er dachte, er hätte sich an die Last gewöhnt, an die Hitze, an den Druck. Doch er wusste nichts von den Veränderungen, die sich um ihn herum, mit ihm in ihrer Mitte, abspielten. Die Erde bewegte sich, sie wanderte. Die Elemente drifteten auseinander und wieder zusammen. Sie zogen ihn mit sich, schoben und zerrten. Doch im endlosen Fluss der Zeit und gefangen in seiner Schuld, spürte er davon nichts. Er vegetierte dahin, besessen nur von dem einen, dem unerfüllbaren Wunsch nach dem Ende.
So fühlte er nicht, dass sein Körper über die Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte in die Höhe trieb. Er spürte nicht, dass er der Oberfläche näher kam. Die neue Kälte, die in seine Glieder kroch, akzeptierte Temotas als willkommene Qual, als weitere Strafe für seine Sünden.
Doch die Langeweile wuchs sich zu einem anderen, einem weitaus größeren Problem aus. Die Langeweile und die Geräusche, die von Zeit zu Zeit an seine Ohren drangen. An jene Ohren, die verstopft von Erde und Sand, doch in ihrer übermenschlichen Fähigkeit begannen, Laute wahrzunehmen, auf die er sich, obwohl eingehüllt in den Nebel seines eigenen Leids, keinen Reim machen konnte.
Die Jahre vergingen, und sie wurden schwieriger zu ertragen mit jeder Minute, mit jeder Sekunde. Doch Temotas erkannte die Versuchung, und er widerstand ihr. Wie er es dereinst geschworen hatte.
Er existierte nicht, durfte nicht existieren. Sein Wesen war verloschen und das, was davon übrig war, sollte von niemandes Auge je wieder erblickt werden.
Augen waren es auch nicht, die ihn erblickten. Anderes, seltsames Leben bemerkte ihn dennoch. Sich tief im Inneren der Erde windende Kreaturen von geringem Verstand. Das Hindernis, auf das sie in ihrem Überlebenskampf stießen, hielt sie nicht davon ab, aus ihrer Welt das herauszuholen, was in ihrer Macht stand. Sie gaben nicht auf, ergaben sich nicht, bis sie verendeten und wieder zu dem wurden, woraus sie entstanden waren.
Nur Temotas nahm nicht Teil an diesem Kreislauf. Er überdauerte, lag reglos in seinem Gefängnis, wartete, ohne zu wissen, worauf er wartete.
„Was bist du“, fragte die Stimme. „Rau und heiser erklang sie tief in Temotas Geist. „Was willst du, das ich sei?“, antwortete Temotas stumm und erschrak zugleich. Viel zu lange hatte er auf kein Zeichen mehr reagiert; was war es, das ihn nun bewog, sich zu erkennen zu geben?
Er öffnete seine gelben Augen nur einen Spalt, genug, um sich zu vergewissern, dass er immer noch inmitten der Erde, von Erde umgeben war.
Ein seltsames Tier befand sich vor seinem Gesicht. Weder weiß, noch durchsichtig, in Gestalt und Farbe dazwischen liegend, bewies es doch eine ausgeklügelte Angepasstheit an seinen Lebensraum. Weder Wurm, noch Made und doch die Vorzüge jedes dieser Wesen in sich vereinend, wand es sich um Brocken verschütteten Gesteins.
„Was bist du?“, fragte es erneut.
„Ich bin nicht“, antwortete Temotas.
„Aber ich spüre dich“, sagte das Wesen. „Ich spüre deine Angst.“
„Ich kenne keine Angst“, sagte Temotas.
„Und doch versteckst du dich hier“, erwähnte die Stimme. Temotas schloss seine Augen und verwandelte die Laute in körperloses Rauschen.
Doch so leicht ließ das Wesen sich nicht abweisen. „Und doch versteckst du dich hier“, wiederholte es und Temotas öffnete seinen Augen wieder. Zum ersten Mal seit unendlich langer Zeit spürte er ein Gefühl in sich aufwallen. Funkelnder Ärger kroch an die Oberfläche seines Körpers, setzte sich auf die kalte Haut, sandte elektrische Impulse durch seine Glieder.
„Ich verstecke mich nicht“, brachte er mit zusammengebissenen Zähnen hervor. „Ich bin kein Feigling.“
Das Wesen näherte sich. Es glitt an ihn heran, um ihn herum, befeuchtete seine Ohrmuschel, wisperte in seinen Nacken, bis Temotas erschauerte.
„Warum siehst du dir dann nicht an, was um dich herum vorgeht?“, flüsterte es verlockend.
Temotas versteifte sich. „Weiche von mir.“ Der ausgesandte Strahl seiner Gedanken glich einem Schwert, bereit das Wesen zu zerteilen. Sein Herz, das so lange gefroren in seiner Brust geruht hatte, zitterte vor unterdrückter Wut. „Du hast kein Recht, mich in meiner Ruhe zu stören.“
„Aber du ruhst nicht“, flüsterte das Wesen wieder. „Du bist nicht tot, nicht einmal annähernd.“
„Ich bin nicht tot“, wiederholte Temotas. „Woher willst du das wissen?“
Die Kreatur stieß einen Laut aus, der beinahe einem Lachen ähnelte. „Weil ich den Tod erkenne. Ich weiß, was mit dem geschieht, was verscheidet. Ich sehe, wie es stirbt, verrottet, zerfällt, sich verwandelt. Du unterliegst keinem Wandel.“
Nun spürte Temotas, wie das Wesen über seine knochige Brust kroch. Er fühlte jede Rippe, die unter ihm nachgab, jeden Muskel, jede Sehne, die durch seine Berührung erwachte.
Temotas hörte die Stimme wie ein Krächzen in seinem Kopf. „Seit Jahrhunderten bleibst du unverändert, lässt dich treiben, ignorierst das Werden und Vergehen um dich herum.“
„Alles vergeht, sobald ich es berühre“, entgegnete Temotas. „Es gibt keine Rettung, keinen Ausweg. Das Sterben umgibt mich wie ein Mantel, es strahlt aus, vernichtet jeden Keim, der es wagt, mir unter die Augen zu treten.“
„Das ist nicht wahr“, wisperte die Kreatur. Sie glitt wieder an ihm hoch, benetzte sein Gesicht mit schleimiger Substanz. Angeekelt wich Temotas zurück, wand seinen Kopf. Heißer Schmerz schoss in ihm hoch, brachte ihm jede Faser seines Körpers ins Bewusstsein. Seine Wirbelsäule ächzte und sein Hals fühlte sich an, als wäre er durch die ungewohnte Bewegung gerissen. Und doch fiel ihm jetzt, und erst jetzt auf, dass die Erde, in der er lag, eine andere war.
Zu tief, zu lang hatte er in ihr geruht. Nichts war ihm zu seiner Unterhaltung geblieben, außer die Muster der namenlosen Schichten, die von einer Vergangenheit sprachen, die bereits in die Ewigkeit eingegangen war, noch bevor er geboren wurde. Nichts anderes hatte er gewollt, außer der toten, leeren Erde.
Nur, dass diese nicht mehr tot war. Etwas entstand in ihrer weichen, saftigen Masse. Feine Wurzeln kletterten einer Zukunft entgegen, die Temotas nicht sehen, von der er nichts wissen wollte.
Seine Organe, obgleich ausgedorrt und vertrocknet, revoltierten. Sein Inneres geriet in Bewegung. Ihm wurde schlecht von dem, was er zu sehen glaubte.
„Das kann nicht sein“, keuchte er. „Ich bin zu tief. Ich habe zu weit gegraben. Kein Leben darf mich stören.“
„Denkst du, ich sei kein Leben?“ Schmeichelnd klang die Stimme diesmal, erfüllt von unausgesprochenen Versprechungen.
„Du bist…“ Temotas schwieg. Er wusste nicht, welch eine Kreatur es war, die ihn aus seinem starren Schlaf zu erwecken suchte.
„Kein Leben“, vervollständigte er den Satz. „Du bist etwas anderes.“
„Wie Recht du doch hast“, zischte die Stimme in sein Ohr. „Ich bin etwas anderes, ebenso wie du. Und für uns beide gilt die gleiche Regel, das gleiche Schicksal.“
„Das denke ich nicht.“ Temotas knirschte mit seinen Zähnen, fühlte wie sie sein schmerzendes Zahnfleisch versuchten, zum Bluten zu bringen. Vergeblich, da jeder Tropfen bereits in die dunkle Erde gesackt war, jede Kraft aus ihm gestorben.
„Sieh doch!“, lockte die Kreatur. „Es ist nicht mehr weit. Dein Schlaf ist beendet, dein Traum ausgeträumt.“
„Ich weiß nicht, wovon du sprichst“, wehrte sich Temotas und schloss wieder die Augen. Doch er konnte nicht verhindern, dass seine Sinne erwachten, dass er spürte, wie sich um ihn herum, jede Zelle teilte. Wie sich das mikroskopisch kleinste aller Wesen an ihn schmiegte, wie Samen aufsprangen, Keime sich in die Höhe reckten, einem Ziel entgegen, das er nicht sehen konnte.
„Wie kann das sein?“, flüsterte er. „Du weißt nicht, was du tust?“
„Ich weiß, was ich tun muss.“ Die Kreatur kroch an ihm herab, hinterließ schmerzende Spuren auf seinem Körper. „Du bist weit genug gekommen. Nun gibt es kein Zurück.“
„Ich habe mich nicht bewegt“, sagte Temotas. „Seit Jahrhunderten nicht mehr.“
„Du nicht“, wisperte das Wesen. „Doch alles um dich herum befindet sich in ständigem Fluss. Und nun bist du in meiner Welt. Hier musst du mir gehorchen.“
„Wer bist du?“, fragte Temotas.
Das Wesen kicherte, diesmal hell und schaurig. „Manche nennen mich Persephone“, hauchte es, bis er jede Silbe in seinen Eingeweiden spürte. „Ich bringe das, was tot erscheint, zurück ins Leben.“
„Ich kann nicht zurück“, krächzte Temotas. „Ich darf nicht.“
„Das ist nicht mehr unsere Entscheidung“, erwiderte Persephone. „Verstorbenes verwandelt sich. Noch bevor die Kälte der Wärme weicht, wissen die Kräfte, die uns bestimmen, von der Aufgabe, die vor ihnen liegt. Und aus dem Starren, Schlafenden wird Bewegung, entwickelt sich ein neues Sein. Jedes Mal anders, jedes Mal neu und doch jedes Mal wild und schön.“
„Doch bin ich kein Teil davon“, sagte Temotas. „Was du erschaffst, töte ich von neuem.“
„Alles stirbt“, sagte Persephone. „Alles muss sterben.“
„Wir nicht“, antwortete Temotas. „Wir gehören nicht dazu.“
„Woher willst du das wissen?“ Persephone schlängelte sich an seinem Körper hoch, presste ihre Weichheit gegen seine Härte.
„Auch wir haben unseren Teil auszuführen. Eine Aufgabe, eine Bestimmung.“
„Du vielleicht“, wisperte Temotas und umschlang sie mit seinen tauben Armen. „Meine Bestimmung ist dieses ewige Grab.“
„Dann hat deine Bestimmung sich verändert“, murmelte Persephone und ihr mundloser Körper küsste seinen Hals.
„Das ist nicht möglich“, dachte Temotas. „Das will ich nicht, ich kann nicht.“
„Doch, du kannst“, antwortete Persephone. „Du bist stark. Du bist wieder jung, du wirst die Welt mit neuen Augen sehen.“
„Meine Augen sind der Welt müde“, erwiderte Temotas. „Es existiert nichts auf Erden, das sie nicht schon zu oft gesehen, zu oft vernichtet haben.“
„Du erinnerst dich nicht an den Zauber der Nacht“, schmeichelte Persephone. „Du erinnerst dich nicht an die betäubenden Düfte der ersten Blüten des Jahres. Weißt du nicht mehr, wie das junge Grün deine Sinne erfüllt, wie der Regen zarter Apfelblüten dein Herz zum Schlagen brachte? Kurz nur, so kurz. Ein widernatürliches Ergebnis überschäumender Emotion. Weißt du nicht mehr, wie das milchige Mondlicht die zarten Opfer erster Frühlingsnächte umfließt? Wie ein funkelnder Stern, wie die Hoffnung, der Trieb die Menschen aus ihrem Schutz lockt? Weißt du nicht mehr, wie herrlich es ist, zur Jagd zu erwachen?“
Temotas Brust hob sich. Seine Lungen rasselten. Beinahe schmeckte er die Süße dieser ersten Tage, in denen die Kälte vergeblich um ihre Vorherrschaft kämpfte, doch dann weichen musste, der Kraft einer lebenerschaffenden Sonne. Einer Sonne, die er nie sehen würde.“
„Ja“, sagte er. „Ich weiß noch, wie es war. Wird es wieder so sein?“
„Besser“, versprach ihm Persephone. „Viel besser.“
Und mit ihr in seinen Armen grub er sich der Nacht entgegen. In seinen Ohren rauschten der Hunger, die Sehnsucht, das Wissen um den Tod, den seine Rückkehr brachte.
Und als der Vampir unter der Kuppel des dunklen Himmels verharrte und seine gelben Augen zu den Gestirnen wandern ließ, da roch er stärker noch, als jede Ahnung frühlingshaften Erwachens, das pulsierende Blut der Menschen, die ihm zur willigen Nahrung werden sollten. Er ließ Persephone los, die mit einem heiseren Stöhnen an ihm herabglitt.
„Du hattest Recht“, sagte der Vampir zu ihr. „Wir alle müssen sterben.“ Und seine Zähne blitzten auf, bevor er sie in ihr versenkte.