Der graue Wind

hatte zu mir gesprochen in der häuslichen Einsamkeit meiner Gedanken. Grau war der Wind wie ein Fell und mir wohl bekannt.

Er hatte gesagt, dass mir morgen, um fünf Uhr dreißig, ein Schnabel wachsen würde aus meinem schönen Gesicht.

„Nein“, sagte ich. „Ich brauche keinen Schnabel, und ich werde dir keinen Glauben schenken“.

Punkt fünf Uhr dreißig am nächsten Morgen wachte ich von fürchterlichen Schmerzen auf. Der Wind schlug mich mitten ins Gesicht und sagte: „Hättest du mir Glauben geschenkt, müsste ich dich jetzt nicht schlagen, und du könntest genau das Lied singen, dass du immer in meinem grauen Fell der Verheißung gesucht hast“.

Mein Gesicht war offen, voll warmem Blut. Ich wusste nicht mehr, wo ich war; aber ich hörte den Wind. Ich wusste nun, dass ich einfach nicht zur Sängerin geboren war.

Ich hörte Musik, um mich zu beruhigen; doch die Musik war reine Unruhe.

Ich kochte eine Suppe, um dem Schmerz einen guten Geschmack entgegen zu setzen. Ich zerschnitt Mohrrüben und Äpfel, hackte Nüsse, Pfeffer und Muskat, zerquetschte Trauben und die kleinen Tiere, die in der Küche herumsprangen; und ich kochte und kochte, was ich ohne Zähne essen konnte. Viele Male rührte ich die Suppe um, salzte und pfefferte und pfiff die Luft durch meine geschwollenen Lippen hindurch. Die Suppe roch nicht stärker als Blut, nicht schwächer. Sie roch gleich stark.

„So“, dachte ich, „ist es auch mit uns, mein lieber grauer Wind: wir sind gleich stark. Die Suppe aber wird mich stärker machen als dich!“

Dieser Beitrag wurde von evawal am 13. Oktober 2011 um 22:27 Uhr geschrieben.

Genre: Trauersymmetrie

Keine Kommentare »

Noch keine Kommentare

RSS-Feed für Kommentare zu diesem Beitrag.

Hinterlasse einen Kommentar