Bahnhöfe einer Zugreisenden
Wenn sie in ihrem Zug sitze, der gar nicht ihr gehöre, sei der Bahnhof draußen nicht mehr wichtig, sinniert die Zugreisende. Sie heißt Beate und nennt sich „Zugreisende“, so als wäre sie die einzige Reisende in diesem Zug. Sie sei eigentlich nicht mehr da, obwohl der Zug noch nicht abgefahren ist. Sobald er anfahre, werde sie wieder woanders sein, bereits weit weg, in der Mitte zwischen Abgereist und Noch-nicht-angekommen.
Das geht ihr die ganze Zeit durch den Kopf, bis der Zug endlich anfährt. Sie denkt das nur so nebenbei, ohne ernstlich daran zu glauben. Sie denkt es nur als Metapher und weiß noch nichts von dem, was ihr bevorsteht. Sobald der Zug in einen Tunnel einfährt, spiegeln sich die Köpfe der Reisenden im Waggon-Fenster. Wenn die Landschaft wieder da ist, sind de Köpfe verschwunden. Beate ist eingeschlossen in einem Abteil mit einem schmächtigen jungen Mann, der ihr gegenüber sitzt, einen Hamburger isst und auf der Hemdbrust ein Abzeichen mit der Aufschrift "Atomkraft, nein danke" trägt. Und mit einem älteren Mann, der neben ihr sitzt und ein Buch liest. Und einer kräftig gebauten Frau in den mittleren Jahren, die auf der Flurseite sitzt, dem älteren Mann, der ein Buch liest, schräg gegenüber. Zwischen ihr und dem einen Hamburger verzehrenden jungen Mann mit dem Abzeichen "Atomkraft, nein, danke" ist ein leerer Platz. Die kräftig gebaute Frau in den mittleren Jahren sitzt breit und still, mit geschlossenen Augen, den Rücken gegen die Lehne gestemmt, eine braune Lederhandtasche auf ihrem Schoß fest umklammernd. Das Kinn fällt ihr auf die Brust, sie ist eingenickt. Nur ihre Hände sind wach geblieben und umklammern den vergoldeten Griff der Handtasche. Wie kann man nur schlafen und zugleich den Griff seiner Handtasche ganz fest umklammern? Ihre Finger sind dick, schlicht und unberingt. Sie bewegen sich ab und zu ganz leicht, so als versuchten sie, auf dem vergoldeten Griff Klavier zu spielen. Nach einer Viertelstunde entkrampfen sich die Hände der Frau, lösen sich vom Griff der Handtasche, fallen auseinander und auf die Armlehne links und rechts, wo sie wie abgelegte Handschuhe liegen bleiben. Die Handtasche hält ihr Gleichgewicht auf dem Schoß der Frau, deren Busen sich rhythmisch hebt und senkt, sie muss jetzt tief schlafen. Der junge Mann hat seinen Hamburger aufgegessen, lehnt sich zurück und betrachtet die fliehende Landschaft im Fenster. Beate ist nur mehr halb eingeschlossen, nur noch ein unwesentlicher, der diesseitige Teil von ihr sitzt am Fenster und schaut in die andere Richtung, als jene, in die der schmächtige junge Mann schaut, der soeben einen Hamburger verdrückt hat. Ihr wesentlicher, auswärtiger Teil eilt draußen vor dem Fenster der Landschaft entgegen, doch sie begegnen sich nie, ziehen aneinander vorbei, Beates wesentlicher Teil und die Landschaft. Wenn die Landschaft aber an einem Bahnhof stehenbleibt, bleibt auch ihr auswärtiger Teil am Bahnhof stehen. Er steht dann vor dem Waggon-Fenster auf dem Bahnsteig und kann sich nicht entscheiden, ob er hierbleiben oder weiterfahren soll. Die Bahnhöfe kommen den Fahrgästen einer nach dem anderen entgegen gefahren. Zuerst kommt der Bahnhof des älteren Mannes, der sein Büchlein bereits in der Jackentasche verstaut hat. Dann kommt der Bahnhof des jungen Mannes mit dem Abzeichen auf der Hemdbrust. Die Bahnhöfe kommen, und die Fahrgäste gehen. Inzwischen sind andere Fahrgäste eingestiegen, die sich vom Flur auf die benachbarten Abteile verteilt haben. Wo der Bahnhof der schlafenden Frau sein mag, kann Beate, die sich "die Zugreisende" nennt, nicht beurteilen, sie vermutet ihn weit hinter ihrem. "Eigentlich besitze ich gar keinen Bahnhof", sagt sie sich, »jener Teil von mir, der im Abteil sitzt, redet nur dummes Zeug«: Das behauptet jedenfalls ihr auswärtiger Teil, der hinter der Fensterscheibe. Beide Teile verstummen, als die Schiebetür des Abteils mit einem dumpfen Anschlag aufgeht, und ein neuer Fahrgast hereintritt. Ein kleinwüchsiger, vollschlanker bebrillter Mann in den mittleren Jahren mit einem schwarzen Lederkoffer in der linken Hand: "´Tag, ist hier noch was frei?" Da der diesseitige Teil der Zugreisenden nicht sogleich antwortet, zeigt der kleine Mann mit einem kurzen Zeigefinger auf den Fensterplatz, auf dem der junge Mann mit dem Abzeichen gesessen hat: "Hier?" "Ja", antwortet schlicht Beates diesseitiger Teil, jener, der den Mann als "vollschlank" bezeichnet hat. Der auswärtige Teil denkt: "fetter Arsch". Der kleine Mann streckt sich mit dem hoch gehobenem Koffer an die Ablage heran, und es gelingt ihm tatsächlich, die Kante seines Koffers auf die Gepäckablage zu hieven. Dann schiebt er mit den Fingerspitzen den Koffer an die Wand. Geschafft! Mit einem stolzen Lächeln nickt er Beate zu, bevor er seine Hosenbeine über den Knien mit den Fingerspitzen hochzieht und sich umständlich hinsetzt. Nun sitzt er, ist zufrieden und nickt ihr noch einmal zu, so als erwartete er Beifall dafür, dass er nun so gemütlich sitzt. Beate verweigert ihm den Beifall. Ihr auswärtiger Teil hat den neuen Fahrgast die ganze Zeit argwöhnisch beobachtet. Nun hat auch ihr diesseitiger Teil bereits gemerkt, dass der neue Fahrgast dabei ist, ein Gespräch in die Wege zu leiten. Und tatsächlich: Nachdem er einen verstohlenen Blick auf die schlafende Frau geworfen hat, beugt er sich etwas vor und flüstert der Zugreisenden, die in Wirklichkeit Beate heißt, zu: "Sehr warm da drinnen." Der diesseitige Teil der Zugreisenden hat nun die Regie übernommen und bestätigt dem jovialen Herrn, dass es im Abteil tatsächlich sehr warm sei, worüber ihr Gesprächspartner, denn das ist er wohl jetzt, äußerst erfreut zu sein scheint. Ein breites Lachen zieht über sein Gesicht und drückt seine Wangen an die Ohren. Darüber rücken die Ohren erschreckt auseinander, legen sich dann aber gleich wieder an, nachdem ihr Besitzer sein fröhliches Lachen zu Ende gebracht hat. In dem Augenblick, als das Gegenüber der Zugreisenden sich erneut vornüberbeugt, und sich seine Lippen schon zu einem neuen Wortbeginn gerundet haben, fällt die Handtasche der schlafenden Frau auf den Boden. Der neue Fahrgast beugt sich nun in die andere Richtung, hebt die Damentasche auf, indem er sie mit denselben Fingerspitzen am Griff anfasst, mit denen er den Koffer an die Wand geschoben und seine Hosenbeine über den Knien hochgezogen hat. Er stellt die Tasche vorsichtig auf den leeren Sitz nebenan. Dann zieht er ein weißes Taschentuch aus seiner Rocktasche und wischt damit sorgfältig den Griff der Handtasche ab, beseitigt alle Fingerabdrücke. Er faltet das Taschentuch wieder zusammen und steckt es zurück in die Rocktasche. Inzwischen scheint er vergessen zu haben, dass er etwas sagen wollte, vielleicht auch denkt er, die Zugreisende sei an der Reihe etwas zu sagen, denn er schaut sie erwartungsvoll an. Ihren beiden Teilen jedoch fällt nichts ein, der diesseitige Teil lächelt verlegen, während der auswärtige dem diesseitigen schadenfroh die Zunge herausstreckt. In dem Moment, als ihrem diesseitigen Teil etwas Brauchbares einfällt, das sie dem Herrn gegenüber sagen könnte, hört sie harte Schritte, harsche Töne und dünnes Klirren auf dem Flur. Sie trampeln an der Abteiltür vorbei: Der Schaffner führt einen Fahrgast in Handschellen ab, sie zwängen sich nebeneinander durch den engen Flur, wobei der Delinquent vergeblich versucht, sich vom Schaffner, an den er gekettet ist, loszureißen. "So passiert es, wenn man unvorsichtig ist", kommentiert der Gesprächspartner der Zugreisenden den Vorfall. "Ja, Sie haben gut daran getan, die Fingerabdrücke zu beseitigen", entgegnet sie anerkennend. "Er kommt gewiss auch zu uns herein, haben auch Sie alles beseitigt?", fragt er sie in einem komplizenhaften Ton. Sie antwortet ihm, sie hätte auch alles sorgfältig beseitigt, man würde nichts bei ihr finden. "So ist es richtig", stimmt er ihr gönnerhaft zu, beugt sich noch etwas weiter nach vorne und säuselt: "Aufpassen, dass er Ihnen nichts in die Tasche hineinschmuggelt, das tun die nämlich gerne. Und immer lächeln", belehrt er sie noch. Kaum dass er ihr seine Warnung mit der gutgemeinten Belehrung zugesäuselt hat, erscheint vor der Tür des Abteils statt eines Schaffners eine junge Schaffnerin mit langem blonden Haar und einer Zange in der Hand. Da springt der rundliche Herr beflissen auf und öffnet galant die Tür. Die Schaffnerin jedoch scheint nicht beeindruckt zu sein. Sachlich, ja sogar etwas unterkühlt im Vergleich mit dem hurtigen Entgegenkommen des dicklichen Herrn, jedoch korrekt und höflich fordert sie die Fahrgäste auf, ihr die Fahrscheine zu zeigen. Während die Schaffnerin vergeblich versucht, die Frau mit der danebenliegenden Handtasche zu wecken, macht der neue, rundliche Fahrgast seiner Gesprächspartnerin verzweifelte Handzeichen, die sie nicht deuten kann. "Die Fahrkarte der schlafenden Dame hat Ihr Kollege bereits gesehen und eingezwickt", informiert er die Schaffnerin. Daraufhin gibt diese es auf, die schlafende Frau zu wecken und wendet sich dem dicklichen Herren zu. Zuerst denkt sich Beate nichts dabei, zumal sie mit dem Wühlen in ihrer Handtasche beschäftigt ist. Sie kann ihren Fahrschein nicht finden. Die Schaffnerin jedoch dreht sich um und geht aus dem Abteil, ohne ihren Fahrschein gesehen zu haben. "Vielleicht", denkt Beate, "hat die Kontrolleurin den Mann falsch verstanden und war der Meinung, ich sei diejenige, deren Fahrkarte bereits vom Kollegen gesehen und eingezwickt worden ist". Dann fällt ihr ein, dass der neue Fahrgast gar nicht wissen kann, ob der Schaffner davor die Fahrkarte der Schlafenden gesehen hat. Er ist erst vor kurzem eingestiegen, lange nach der schlafenden Frau und nach ihr selbst. Und sie hat keinen anderen Schaffner im Abteil gesehen. Der Herr gegenüber aber lächelt freundlich, und sie vergisst sofort die Unstimmigkeit. "Mag sein", sagt sie sich, "dass er die Frau schlafen lassen wollte und deshalb das mit dem Schaffner erfunden hat. Ein sehr rücksichtsvoller Mensch, mein Gegenüber. Ein Mensch, dem man vertrauen kann." Vertrauensselig lässt sie sich in ein Gespräch verwickeln. Sie sprechen über Nichtigkeiten wie die Heilwässer der Kurorte, an denen sie vorbeifahren und das voraussichtliche Wetter in Hamburg, der Stadt, in der dieser Zug seine Fahrt beenden wird. "Sein Heimatbahnhof sozusagen", meint der freundliche Herr. "Ihre Tochter wird schon auf Sie warten", fährt er fort. Erst mit einer Verspätung von einigen Minuten wundert sich Beate über diese Worte und versucht gleichzeitig, sich daran zu erinnern, ob sie im Laufe des Gesprächs mit dem freundlichen vollschlanken Herrn erwähnte, dass sie eine Tochter habe. Sie kann sich nicht daran erinnern. Dann aber sagt der Mann: "Sie wartet gewiss schon ungeduldig auf Sie." Also weiß er nichts über meine Tochter", schlussfolgert sie. Sie hatte sich von ihrer kleinen Tochter verabschiedet, bevor sie zum Bahnhof fuhr. "Hat Ihre Tochter demnächst Geburtstag?", fragt er sie plötzlich. Beates Tochter hat tatsächlich in fünf Tagen Geburtstag. Sie wartet darauf, dass er fragt, wie alt sie werde, er tut es aber nicht. Mag sein, dass er ihr die Irritation vom Gesicht abgelesen hat, denn er versucht es wiedergutzumachen, indem er ihr mitteilt, dass auch er eine Tochter habe, die feiere allerdings erst im Winter Geburtstag. Da es draußen, jenseits des Waggon-Fensters, Spätsommer ist, Anfang September, beruhigt sich die Zugreisende. Sie sprechen jetzt über Heimatbahnhöfe. Er behauptet, der Heimatbahnhof dieses Zugs sei Hamburg, sie erwidert, es könnte auch München oder Stuttgart sein. Jetzt sind sie in Frankfurt am Main. Rechts hinter dem Bahnhofsgebäude sieht die Zugreisende eine Brücke, darunter steht schwarz und düster der Main. In der Nähe des Bahnhofs fließt er nicht, er steht. Dann fällt ihr ein, dass man den Main vom Bahnhof aus gar nicht sehen kann. Vielleicht hat man inzwischen den Bahnhof verlegt, sie ist schon lange nicht mehr hier gewesen. Der Zug steht hier schon acht Minuten, und es steigen immer noch neue Fahrgäste ein. Ins Abteil tritt ein junger Mann, noch sehr jung, vielleicht noch Schüler, in Jeans und einem schlichten weißen T-Shirt ohne irgendeine Beschriftung, Zugehörigkeitsbekenntnis oder steckbrieflicher Formulierung. Bevor noch der junge Mann eintritt, beugt sich Beates Gegenüber so weit nach vorne, dass er nur auf einer Pobacke sitzt, hebt seine linke Hand bis vor den Mund und raunt ihr hinter vorgehaltener Hand zu: "Tun Sie bitte so, als würden Sie mich nicht kennen". Sie will ihm antworten, dass sie ihn gar nicht kenne, kommt aber nicht dazu, der neue Fahrgast ist schon eingetreten und fragt, ob der leere Platz neben der schlafenden Dame frei sei. Sichtlich zufrieden mit der bejahenden Antwort des Gegenübers der Zugfahrerin, nimmt er mit einer selbstgerechten Gebärde die Handtasche der kräftig gebauten schlafenden Frau und legt sie auf den leeren Sitz gegenüber. Dann setzt er sich auf den freien Platz. Nimmt einen Fahrplan von der Gepäckablage, faltet ihn auseinander und vertieft sich darein. Die Frau schläft weiter, während das Gegenüber der Zugfahrerin verzweifelte Blicke zwischen ihr und dem neuen Fahrgast wandern lässt. Sie glaubt die Botschaft zu verstehen: Der neue Fahrgast hat Fingerabdrücke auf dem Griff der Damenhandtasche hinterlassen. Sie sprechen wieder über Heimatbahnhöfe, der junge Mann tut so, als interessierte ihn das Ganze nicht, tut so, als läse er den Zugfahrplan, scheint aber, mit dem ihnen zugewandten Ohr zuzuhören. Wo denn ihr Heimatbahnhof sei, fragt sie ihr Gegenüber. Wobei unklar ist, ob er den Bahnhof des Ortes meint, in dem sie wohnt, ihren Geburtsort oder den Bahnhof, auf dem sie eingestiegen ist. Sie antwortet ihm, dass "Heimatbahnhof" ein sehr verwirrendes Wort sei und ein vager Begriff, man könne ja schließlich überall ein- und aussteigen, und wenn man irgendwo auf einem Bahnhof in einen Zug steigt, ist es auch nicht unbedingt der Heimatbahnhof. Ein halbierter Mensch wie die Zugfahrerin ist schon auf vielen fremden Bahnhöfen ein- und ausgestiegen aber auch auf bekannten, die sie jedoch nicht besitzen konnte, zu keinem von ihnen sagen konnte: "mein Bahnhof". Ihr Gesprächspartner jedoch, der auch nicht ihr gehört, obwohl sie mit ihm redet, ahnt nicht, dass er mit einer Halbierten spricht und weiß nichts anzufangen mit soviel Halbheimatbahnhöfen, weil es für ihn vermutlich nur einen Heimatbahnhof gibt, oder er hat die anderen vergessen. "Mein Heimatbahnhof ist ein fahrender Zug", schießt es der Zugreisenden durch den Kopf. Als sie diese plötzliche Erkenntnis ihrem Gegenüber mitteilen will, kommt der Zug ruckartig zum Stehen. Ohne dass sie es gemerkt hat, sind sie wieder in einen Bahnhof eingefahren. Es ist Limburg. Die schlafende Frau ist aufgewacht. Als sie sich von ihrem Sitz erhebt, piepsen dort fünf dottergelbe Küken zwischen zertrümmerten Eierschalen. Da die Frau ihre Pflicht getan hat, nimmt sie ihre braune Handtasche vom Platz gegenüber und steigt aus. Es ist vielleicht ihr Heimatbahnhof, sollte sie im Besitz eines Heimatbahnhofs sein. Ein Schaffner kommt herein und sammelt die Küken ein, setzt sie in seine Mütze und entschwindet ins nächste Abteil. Anscheinend sammelt er in jedem Abteil die verlassenen Küken ein. Jetzt fahren sie schon eine ganze Stunde, ohne dass der Herr gegenüber noch irgendein Wort gesagt hätte. Als der Zug immer langsamer fährt - Beate hat es überhört, in welchen Bahnhof sie jetzt einfahren -, rückt ihr Gegenüber wieder vor, hält sich, auf einer Pobacke sitzend, im Gleichgewicht und streckt ihr seine linke Hand mit der Armbanduhr entgegen: "Seit Vorgestern zeigt sie Viertel nach neun. Und wie spät ist es bei Ihnen?" "Wir haben jetzt..." "Nein, wir haben nicht", unterbricht er sie schroff, "Sie haben." "Bei mir ist es sieben Uhr fünfundvierzig", antwortet sie, überrascht und ziemlich irritiert von der plötzlichen Heftigkeit in der Stimme des bisher so freundlichen Herrn. "Dann haben Sie noch anderthalb Stunden", schlussfolgert er, diesmal mit einer ernsten, ruhigen Stimme. Sie kann sich nicht daran erinnern, dass sie ihrem Gesprächspartner anvertraut hätte, wann sie ankomme und wo ihr Reiseziel sei. Ja, richtig! Erst jetzt fällt ihr auf, dass er sie im Laufe ihres Gesprächs kein einziges Mal gefragt hat, wohin sie fahre. Nur wo ihr Heimatbahnhof sei, hat er gefragt, von ihr jedoch keine brauchbare Antwort bekommen. Auch hat er ihr sein Reiseziel nicht verraten. Seltsam. Sonst fragt man sich als erstes nach dem Reiseziel, wenn man in einem Waggon-Abteil ins Gespräch kommt. Beate fragt, nur um die eingetretene Stille zu verscheuchen: "Zeigt Ihre Uhr Viertel nach neun am Vormittag oder am Abend?" "So genau weiß ich es nicht, das werden wir in anderthalb Stunden sehen", antwortet er ihr. "Mit Sicherheit weiß ich nur, dass heute ein Donnerstag ist", fügt er noch hinzu. Beate rekapituliert: "Ein Fahrgast wird vom Schaffner in Handschellen abgeführt. Man muss alle hinterlassenen Fingerabdrücke sorgfältig beseitigen. Mein Gegenüber weiß alles über mich. Er will mir vermutlich eine Warnung zukommen lassen, die ich jedoch nicht verstehe. Ich bin umzingelt." Sobald der Zug im nächsten Bahnhof zum Stehen kommt, packt die Zugreisende ihren Koffer, verlässt fluchtartig das Abteil, stürzt auf die Waggontür zu und steigt aus. Sie weiß nicht, was für ein Bahnhof es ist. Sie sieht nach der Aufschrift mit dem Namen des Bahnhofs. Ein ihr unbekannter Name. Ein Name, den sie bisher nirgendwo gelesen hat. Der Zug fährt ab. Erst jetzt wird ihr bewusst, dass sie hier gar nicht aussteigen wollte, dass sie weiter hätte fahren müssen, um ihr Reiseziel zu erreichen. In anderthalb Stunden wäre sie dort gewesen. Anderthalb Stunden? Hat der seltsame Fahrgast, der ihr gegenüber gesessen hat, nicht gesagt, in anderthalb Stunden werden wir...werden wir was? Was hat er nur gesagt? Sie weiß es nicht mehr. Es fällt ihr ein, dass sich ihr Kopf nicht mehr im Waggon-Fenster spiegeln wird, sollte der Zug wieder durch einen Tunnel fahren. Nur die Köpfe der anderen werden sich darin spiegeln. Dieser Gedanke macht sie ein bisschen traurig. Aus der sulzigen Abenddämmerung tauchen zwei Gestalten auf. Es sind zwei uniformierte Eisenbahner. Sie kommen auf Beate zu und stellen sich vor sie auf. Der eine hat Fischaugen unter der Uniformmütze, und unter der Nase einen borstigen Schnurrbart. Der zweite hat ein großes, rundes, leeres Gesicht. Alles, was er denken mag, ist hermetisch abgeschlossen. "Guten Abend", sagt der mit dem borstigen Schnurrbart und den Fischaugen, "wir haben auf Sie gewartet. Wir werden Sie zu ihrem Zug begleiten". "Aber mein Zug ist gerade weggefahren!" "Sie irren sich. Ihr Zug steht schon lange dort drüben auf Gleis fünf und wartet auf Sie." Dabei weist er geradeaus mit einem Zeigefinger, der immer länger wird und erst aufhört zu wachsen, als er, über mehrere Gleise hinweg, an einem langen Zug mit beleuchteten Waggon-Fenstern angekommen ist. "Kommen Sie!", fordert sie der andere auf. Beate erschrickt: Das kann doch nicht sein, dass das große runde Gesicht gesprochen hat! Das Uhrengesicht ohne Zeiger. Sie kann sich nicht vorstellen, wie aus diesem Gesicht Worte herausfallen können, da ist doch nirgendwo eine Öffnung oder ein Ritz. Es müsste ein anderer hinter ihm stehen, der das gesagt hat. Es steht aber keiner hinter ihm. Die beiden uniformierten Herren von der Bundesbahn nehmen sie in ihre Mitte und führen sie ab. Zu ihrem Zug.