Guido

Guido war, noch bevor er den Löffel in die Linsensauce getaucht hatte, vom Balkontisch aufgesprungen und stand in der Küche, wo er Baguette in Scheiben schnitt und sie in den Korb zu den Vollkornkräckern legte. »Guido, nun setz dich doch mal,« mahnte Carl, der besorgt feststellte, dass sein Freund immer dünner wurde. »Du rennst zu viel.« Guido hörte nicht, pfiff Killer Queen in einer Lautstärke, die Vyvyans Ohren zittern ließ. »Zu allem muss er Brot reichen«, sagte Eduard leise, »er denkt einfach an alles. Und an alle.« »Ja«, ergänzte Carl, »aber es belastet ihn nicht. Es ist sozusagen seine Berufung.«

Alle wussten, dass Guido als Escort arbeitete.

»Ihr habt doch ne Menge Flüssigkeit zum Aufsaugen«, kam es aus der Küche, »da ist Brot vonnöten.«

Vyvyan zuckte. Im Zug hatte er zu Eduard gesagt, Guido lebt doch ganz gut von seinen Blow- und Handjobs. Er sah Guido rennen. Er selbst saß träge da. Ließ die anderen seine Brusthaare unter dem Hemd mit der lila Stickerei bewundern. Eduard schob seinem Freund eine Scheibe herüber, bevor er sich selbst nahm. Vyvyan liebte knuspriges Baguette. Und er hatte sich Guido bestellt.

Als Lohn schenkte er Guido eines seiner besten Bilder. Üppig wie Klimt und kühl wie Schnee auf Glas.

Guido ließ das Bild rahmen und hängte es sorgsam auf. Zufrieden betrachtete Vyvyan sein Werk, das er vom Balkon aus sehen konnte. Sein Blick glitt zum Regal. Dort lag die Graphic Novel von Teleny.

crysantheme
Vyvyan. Der Name allein war schon eine Pose, ein Kostüm. Ich dachte an die Dandys des 19. Jahrhunderts, jene Männer, die sich nicht kleideten, sondern inszenierten. Baudelaire hatte sie als Priester der Schönheit beschrieben, Wilde als Märtyrer der Eleganz. Und während Eduard sprach, sah ich in Vyvyan genau dieses Erbe.

Ein Kommentar

  1. Vyvyan bestellt sich Lustknaben und spricht Jahre später mit seiner Schwester darüber:

    Warum hast du das damals gemacht?

    Ich glaube, ich wollte Aufmerksamkeit. Weißt du, was das Schlimme bei der Triebbefriedigung ist? Dass man nicht aufhören kann. Dass man immer mehr will. Vor allem, wenn man plötzlich weiß: Man kann es bekommen, hier, jetzt, jederzeit. Eduard und die anderen waren praktisch immer um mich herum. Wie ein Hummelschwarm, der am Honigfass klebt. Ich kam gar nicht mehr in einen normalen Adrenalinzustand. Und dann musste Elou verreisen. Ein paar Termine standen an. Meine Bilder sollten ausgestellt werden, aber ich wurde nicht fertig. Rauchte, trank und holte mir meine Bedürfnisse bei Elou und den anderen ab. Danach war ich nur noch erschöpft und schlief. Am nächsten Morgen der Gedanke: Du musst noch was fertig machen. Elou zupfte an meiner Bettdecke. »Steh auf, mein Junge, der Galerist will heute was sehen. Oder er schickt seine Damen, dann wirds noch schlimmer.« Das klang wie eine Ermahnung, aber zugleich rieb er sich schon wieder an mir. Wie sollte ich da widerstehen.

    Und dann war er weg. Erst nur 14 Tage, dann wurden daraus drei Wochen. Scheinbare Versöhnung mit seiner Familie. Lange Aufenthalte in Liège und das Versprechen, beim nächsten Mal nehme ich dich mit. Beim nächsten Mal… und dann musste er überraschend ins Krankenhaus. Ich wurde nicht weiter informiert. Irgendwelche Tests, vermute ich, ich vermutete, dass er wieder seinem Jugendfreund Blow-Jobs gegeben hatte. Damals, im Hotel, hatte er mir davon erzählt, und dass die Freundschaft gelegentlich noch bestünde, wie eine alte Wurzel, die ganzen Winter überlebt hatte. Es war seine erste echte Erfahrung nach den zwei kläglichen Versuchen mit einem Mädchen gewesen. Mir kam es so vor, als würde Elou diese Initiation heute noch feiern. Er sprach davon, als sei es eine Ikone – nicht etwas, das sich im Alltag ereignete. Das mutete mich seltsam an.

    Ich hatte ein Bild an Al verkauft, das ich trügerischerweise My Sister’s Beauty taufte, so ein bewusst epigonales Stück, um das sie sich gruppierten wie Ausgehungerte ums Büffet. Warum, fragte ich schon damals. Es ist epigonal, es hat Spaß gemacht, es zu malen, aber es ist doch … Kitsch, sagte ich leise, während die Besucher in Als Galerie nur meinten, nein, das habe das heutige Verständnis von Sex und Religion auf ein neues Level gehoben. Spritzende Sterne, hatte die Kritik geschrieben. So ein Blödsinn… nun, und dieser Titel, My Sister’s Beauty war ein Fake, es stellte nämlich Elous erste Erfahrung dar.

    Nachdem Elou in Liège verblieb, sich nicht meldete und ich die intellektuellen Gespräche von Al und seinen Jungs nicht mehr ertrug, schaute ich das erste Mal in so eine Anzeige. Al hatte schon gesagt, deine Kleidung wird immer eleganter, du leuchtest nur noch, wie ein Pfau auf seiner eigenen Insel … aber in Jeans und Pullover, mit gedrehter Kippe, würd ich ihn genauso anturnen (wir hatten seit Wochen nichts mehr miteinander, auch wegen Elou, der litt, und in unserem Dreieck der Eifersüchtigste war, was er allerdings immer gut versteckt hielt, wenn wir draußen waren) … ach, und dann kam der erste Knabe, an einem sonnigen Sonntag, ich im Schlafanzug auf der Couch, beladen mit Blätterteigtaschen und Keatsschen Oden, und dann ging es los. Es war wie auf einer Rutschbahn, auf der man runtersaust.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert