Ludger

Wenn nur dieser Ludger nicht immer neben Ansgar sitzen würde

Wer war Ludger? Esther stützte den Arm auf die Tischplatte. Schon seit Stunden grübelte sie über dieser Frage. Er war eines Nachmittags in Renées Tagebuchskizzen aufgetaucht, erst der Name, danach immer schärfer und konturierter auch seine Person, ihre Finger auf der Tastatur kamen kaum ihren Gedanken hinterher. Ludger, leicht wie eine Schokoladentorte, in die man viel Backpulver eingearbeitet hatte. Etwas pulverisiert und trocken. Und nun kam ihr zum ersten Mal der Gedanke, diesem Ludger alles an Eigenschaften zuzuschieben, was sie selbst hasste. Ludger war nur eine Nebenfigur in Renées Leben, ein Freund ihres Bruders Ansgar, ein Angeber, ein Aufschneider, ein Hochstapler, der dann auch noch politisch rechts wurde. Ihr war leicht schwindlig, sie fühlte sich unkonzentriert, und die Ellbogen schmerzten. Alles schien schwergängig und mühsam. Sie hatte nicht das Recht, um Ludger eine Geschichte zu stricken. Aber Ludger gehörte zum Freundeskreis um Renée, sie hatten ihn mitgenommen.

Esther dachte an den Rosenkohl, der heute in der Küche verarbeitet werden sollte und der Geruch verband sich mit den Gedanken an Ludger. Er widerte sie zunehmend an.

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"Jeder Apfel hat eine faule Stelle. Ich kümmere mich drum." Zwischen surrealer Bildlichkeit und nüchterner Prosa. Spannungen zwischen Vertrautem und Fremdem, Intimität und Distanz, Komik und Unbehagen.

4 Kommentare

  1. Also Ludger, der kam ja ins Café. Und saß dann schon so da, als Ansgar die Tür aufmachte (die übrigens schwergängig war), und nass das Café betrat. Ansgar, der sich erblickt fühlte durch Ludger, schrumpfte augenblicklich ein. Als sei er durch den Regen eingelaufen, wie die Gardine in Mutters Wohnzimmer nach dem Waschen. Scham und Unsicherheit ergriffen ihn augenblicklich. Er wollte doch nur Kaffee trinken und Zeitung lesen. Die Musik genießen. Und da saß Ludger und sah ihn sofort. Jetzt konnte er nicht mehr raus, jetzt musste er zu seinem Tisch gehen, und ihn begrüßen. Er spürte, wie sein Magen sich verkrampfte und sein Hals wie zugeschnürt war. Der Tag war verdorben. Er würde mit Ludger am Tisch sitzen, ob er ihn überhaupt bei sich haben wollte, war ihm ein Rätsel, aber er musste aus Höflichkeit auf ihn zugehen, und da er verstummen würde, kurz nachdem er Ludger begrüßt hatte, würde Lugder auffahren und ihm wieder seine politischen Ansichten auseinandersetzen. Hauptsache, er hatte einen Zuhörer. Ansgar war total dagegen, traute sich aber nicht, seine Meinung zu sagen. Alle Gedanken in seinem Kopf zerfaserten, sobald er Ludger gegenüber saß.

  2. Ludger 2.0

    Ludger war schon da.

    Als Ansgar die Tür aufstemmte, die wie immer klemmte, sah er ihn sofort. Ludger saß an seinem Stammplatz am Fenster, die Hände um eine Kaffeetasse gelegt, als hätte er auf etwas gewartet. Oder auf jemanden.

    Der Regen hing Ansgar noch in den Haaren. Kalte Tropfen liefen ihm vom Nacken unter den Kragen. Für einen Augenblick überlegte er, die Tür einfach wieder hinter sich zuzuziehen und zu verschwinden.

    Zu spät.

    Ludger hatte aufgeblickt.

    Ihre Blicke trafen sich, und Ansgar fühlte sich, als wäre etwas in ihm zusammengeschrumpft. Wie die Gardine im Wohnzimmer seiner Mutter, nachdem sie einmal zu heiß gewaschen worden war.

    Er blieb einen Moment stehen. Vielleicht einen Herzschlag zu lang.

    Im Café roch es nach Kaffee und Zimt. Leise Musik kam aus den Lautsprechern. Irgendwo klapperte Geschirr.

    Genau deshalb war er hergekommen.

    Eine Stunde Ruhe. Kaffee. Zeitung. Nichts weiter.

    Doch Ludger hob bereits die Hand. Nicht viel. Gerade genug, um klarzumachen, dass er ihn gesehen hatte.

    Ansgars Magen zog sich zusammen.

    Jetzt gab es keinen Ausweg mehr.

    Natürlich hätte er sich an einen anderen Tisch setzen können. Natürlich hätte er kurz nicken und seinen Weg fortsetzen können. Kein Gesetz der Welt zwang ihn, sich zu Ludger zu setzen.

    Aber Höflichkeit war manchmal nur ein anderes Wort für Feigheit.

    Also ging er los.

    Mit jedem Schritt wurde es schlimmer.

    Er kannte den Ablauf schon. Zuerst die Begrüßung. Dann ein paar belanglose Sätze. Und irgendwann würde Ludger Anlauf nehmen wie ein Zug, der langsam den Bahnhof verlässt. Politik. Gesellschaft. Die Unfähigkeit der Menschen, die Wahrheit zu erkennen. Irgendetwas in der Richtung.

    Danach gab es kein Entkommen mehr.

    Ludger brauchte keinen Gesprächspartner. Ein Zuhörer genügte.

    Ansgar fragte sich manchmal, warum er niemals widersprach. Die Antworten fielen ihm stets erst ein, wenn er längst wieder zu Hause war. Im Sessel. Unter der Dusche. Mitten in der Nacht.

    Vor Ludger hingegen lösten sich seine Gedanken auf wie Kreidestriche im Regen.

    Als er den Tisch erreichte, lächelte Ludger bereits.

    Ansgar lächelte zurück.

    Und vergaß im selben Augenblick alles, was er jemals hatte sagen wollen.

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