Archive for Oktober, 2017

Der Schlaf

Montag, Oktober 30th, 2017

Sie entschlafen sich, jeder für sich. Des einen sei nicht der Schlaf des anderen. Kein Strahl der Gewohnheit.
Ihr inneres Sprechen, nie nach außen gedrungen; ein Sprechen in die Eingeweide, das muss sie begleiten, jeden für sich, auch im Schlaf.
Gleich nach dem Eintreten erschlafft er bis zur Unkenntlichkeit; vor der Hochzeit hatte sie dergleichen bei ihm nie gesehen; sinkt, noch in seiner verstaubten Arbeitskleidung, nieder, nach einer Zigarette dann, zu seiner einzigen Rettung, dem Schlaf.
Auch Sie ist nie ausgeschlafen, nutzt jede Gelegenheit zum Hinlegen.
Sie erzählen sich nicht gegenseitig ihre Träume; die wenigen Male, da sie an seinen rüttelte, ihn aufwecken wollend, sah sie ein Unheil lauern, unterbräche sie jemals diese im falschen Augenblick. Sein Schlaf, auch ihre Rettung.

walisische nächte (zweiter gesang)

Sonntag, Oktober 29th, 2017

zwischen den häusern spazierten
menschen neben zebras und antilopen
auf der suche nach einer wasserstelle
dürsteten alle nach wissen
am grunde des meeres
bewegten sich träume im trilobitengang
vorwärts

zeichneten starenschwärme und bienen
flugbilder an den himmel
im kommen und gehen
unterschieden sie sich
nicht

von irgendwoher drang gesang
in die gassen und hinterhöfe
eines faulen sonntagnachmittags
roch es nach gewürzen nach fisch
gedünsteten kräutern
gebratenem gemüse und fleisch
ich folgte den blicken der mädchen
aus augen wie karseen
die jemand liegen gelassen hatte
zwischen häusern einer stummen vorstadt
und fernen dörfern eines felsengebirges am horizont
schwappten verse über die dächer
in einer fremden sprache
im rauch der kamine
stiegen die wörter hinauf in die wolken
eines plötzlich unbekannten himmels
streifte deine hand eine wegwarte
die aufblühte zwischen den heimwehen
nach dem letzten frühlingsmond

wir übten uns in asche
schlenderten polizisten im einsatz
durch lyrische städte
streiften bargänger auf der suche
nach einem whiskey
on the rocks unten am fluss
bei den mädchen
im mondschein
wiegte das wasser die planken
gegen die kaimauer drückte ich dich
meine hand ruhte aus
auf deiner brust
der atem der möwen
spiegelte sich im licht
dein heller hals
legte sich in die gesänge der nacht
und blieb [in den quecksilberträumen]

Fotografie

Freitag, Oktober 27th, 2017

(passend zu einem deutschen Wort)

Eine Erzählung

* * *

und papa
war mein Überich
und sein papa
war seines
und Stalingrad
sein Untergrund
und auschwitz
war das golgatha

isenheim (erster gesang)

Sonntag, Oktober 22nd, 2017

wir richteten uns ein im bauch eines wales
und hofften dass er uns wieder ausspeien würde
nach seinen tauchgängen im marianengraben
seinen flügen über wellengebirge
hieltest du licht in den händen
antworteten dir stimmen und erinnerungen
hörten wir auf die nächte zu zählen
die jahre
das unglück
die landschnecken befuhren alle weltmeere
hielten auf inseln landgänge ab
und träumten sich odysseen

am schönsten waren die mädchen von gozo
der held selbst wusste es und blieb
viele jahre zogen ziegen und schafe
über die dornbuschheide

ich trug mir schieferöl auf
das durch die haut floss schweflig teerartig
in einigen platten fand man ichthyosaurier
die mit ihrem aussterben um die wette schwammen
posidonienschiefer
poseidonschiefer
pyritisiert war das neptungras im tod
ein wandschmuck über dem kaminsims

ich las dein leben und wunderte mich
dass ich in ihm nicht vorkam
du hättest mich vorwarnen müssen
oder wenigstens dem specht im garten
nicht das klopfen verbieten dürfen
unten am see hatte sich ein boot losgemacht
und trieb über die wasserfläche
spiegelungen eines früheren lebens
begleiteten es in konzentrischen kreisen
dein klatschen ordnete die natur

mit baugruben machte mir keiner so leicht etwas vor
am abend schlich ich mich in den wald
und legte fallen aus
du riefst an
dass dein vater gestorben war
und du allein sein wolltest

ich reiste in einem falter
flügel falter staub warst du
bei mir ein roter ford
umhüllte dich felicitas
der aschenbecher war voll
erinnerungen an ilya + yevgenii
das recht der ersten reise
yes baby
no darling
ich war puppe raupe
ein gesponnener faden
schleim absonderung absonderlich
seidene vorhänge in den fenstern
schärften spiralnebel deinen blick
umgabst du dich
mit einer letzten metamorphose
[ein loch geschlagen in die erdkruste]
war alles elektrisch das licht wie der stuhl

den gläsernen bogen des mondes strich ich
dass musik erklang
eine dünne glasmusik (des todes)
die spuren der blumen führten in ein grab
das land lag weiß auf frischem blut
und nur die erde wärmte den puls
der jäger und gejagten
wir flochten flachs zu schwarzem haar
mirjam sang
von einem blonden meer
einem toten meer
hob an die stimme
du warst in einem stern geboren

ein neuer ton klang in die nacht
der schlag einer schwanzflosse in einem netz
fischer holten es ein
als das letzte mondlicht erloschen war
nach getaner arbeit am ende eines kurzen lebens
lag der see wieder ruhig
schien mir
nur ein zittern auf dem wasser noch
das erinnerte an einen tod

 

Desconort

Mittwoch, Oktober 18th, 2017

1. Du hast gar keine Eyer.
2. Alle Stöcke verdorrt.
3. Die Brüste ausgetrocknet.
4. Die Lippen zwei Wülste.
5. Monotones Pulsieren, was noch?
6. Ringe über Ringe.
7. Manche perlenbesetzt.
8. Muskeln über Muskeln, darunter auch.
9. Die Sehnen nur Angelschnüre.
10. Eine wuchtige Masse, ein Kleeblatt.
11. Nach unten der Stängel, nach vorn?
12. Die Hauptrichtung eine Nase.
13. Nach innen
usw.
35. Daher bitte ich euch freundlich, dass ihr mich in Ruhe lasst;
___ denn es scheint mir nicht, dass ich von euch irgend etwas gewinnen kann,
___ sondern je mehr ihr mir sagt, desto trauriger macht ihr mich.
usf.
65. Nach außen, nach oben.
66. Und doch: Eyer.
67. Herum-.
68. Der Streit ein Tanz.
69. Du kannst gar nicht tanzen.

Dichter auf Pervitin

Mittwoch, Oktober 18th, 2017

“Hinter jedem Steind hockt ein Nazi” (frau kleist, am 17. Oktober 2017 um 22:15)

Da gibt es diese Tafeln in dieser steinigen Landschaft an der Grenze. An manchen Steinen. Am Mönchstein. Oder am Haus im Dorf. Zur Erinnerung. „Am 21. April 1945 ermordete hier ein SS-Kommando der Todeskolonne aus dem KZ Schwarzheide die Antifaschisten Harry Braun, Josef Lichtenstein, Josef Ruzicka, Paul Polacek, Oskar Sabota und einen unbekannten Franzosen.“ Steht da. So eine Tafel, die musste neulich mal erneuert werden. Weil irgendeiner sie zerschlagen hatte. Aber die Nazis, die sind jetzt auf Speed. Nazis auf Speed. Seit der Wahl. Oder besser auf Crystal Meth, das gibt es ja billig gleich hinter der Grenze. Pervitin, wie es damals hieß. Die hocken nicht mehr hinter Steinen. Die klotzen jetzt. Die schreiben jetzt offene Briefe. Die nennen sie dann Appell „Charta 2017“. Wahnsinn. Als ginge es hier um die Magna Charta. Die stehen jetzt auf den Steinen. Bauen Türme aus ihren Steinen. Stehen oben und schreiben. Schreiben “Gesinnungsdiktatur”. Schillern dabei wie Eisvögel. Berauschen sich. Reden über “Die Schlacht um Stalingrad im deutschsprachigen Roman nach 1945″. Und die Buchhändler aus dem Tal sind auch dabei. Klar. “Von der Ernsthaftigkeit unseres Tuns wird Euch kein Wort überzeugen, sondern bloß ein Schlag ins Gesicht.” Das verkaufen die. Klar. Das fällt ja unter Meinungsfreiheit. Ich hau dir eine rein, und das ist dann meine Meinung. Lasse ich mir nicht verbieten. Lass mir mein Pervitin. Charta 2017.

Replik

Dienstag, Oktober 17th, 2017

Nazis hocken. Quaderartige, in Blöcken geteilte Landschaft. Das Wetter ist gut. Die Sonne beleuchtet die Blöcke wie auf einer Bühne für Giganten. Tableaus aus Sandstein. Riesig, aus einem anderen Erdzeitalter. Die Sonne scheint rein und an bizarre Steinkultur. Ach nein, das ist ja Natur. Das geht nicht so richtig. Steinnatur. Klingt nicht gut, sieht auch nicht gut aus. Ob ich es diesmal auch kann? Ich bin mir nicht sicher. Gar nicht mehr so sicher. Ich muss mal ranzoomen, ein paar größere Feldsteine vor das geistige Auge zitieren, doch ich sehe nur kleinere Findlinge, von Abendrot beleuchtet. Karl Kraus wusste da Bescheid: Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten. Das kriegt jetzt wieder so einen grimmigen, fast märchenhaften Anstrich. So einen Glow. Ein Glimmen. Ich mag das. Das geht schon so in Richtung crysantheme, doch das soll es ja nicht, da muss ich den Geist rasch wieder weglenken. Hinter jedem Steind hockt ein Nazi. Stein d? Sind die Steine hier nummeriert? Stein a, Stein b, Stein c, Stein d? Sind das Hausnummern, Grundbesitzer?

Auf der Halde

Dienstag, Oktober 17th, 2017

1. wie wär’s mit Ästhetischer Theorie / wie wär’s mit arbeit ohne freizeit / Herz ohne hose, Haut / Haut euch, mit
2. vater, das waren deine taten. / mutter, das sind deine adern / & junge-junge, ach mädel … keine grenze, nirgendwo
3. Und wie es fließt … Zu Hilfe! Von außen docken sie an
Fremd & artig, Art-
Genossen
(“Die Aliens”)
Mit Ali-Ali im Hemd, Alis überall
& warum muss dieser planet zertrümmert werden, Schutt zu Traum zu Schutt
4. Zu einer Wolke kosmischen Staubs
Egal, egal
Wo es passiert
Sind wir immer mit dabei (1,2,3)

Krieg um Schönheit

Dienstag, Oktober 17th, 2017

Die Nachkömmlinge putzen ihre Werkzeuge, der Adlatus
Zurückgelehnt: I han min, Gerechtigkeit.

Vater und Mutter ruhen, warte nur
Balde, in Bälde, immer und immer

* * *

Zu zeugen Bewegung, das Leben sich

Und Sex und Perlen interessiert die doch nicht die Bohne

Dienstag, Oktober 17th, 2017

1. Du hast doch überhaupt keine Eyer in der Hose!

Kommentar von  Dieser Hund hat Eyer

Comment by  Dieser Hund hat Eyer

Dienstag, Oktober 17th, 2017

Ostwärts, überm Berggipfel

Weiß und klar der Mond erscheint:

Das Antlitz einer schönen Jungfrau

Dringt voll Kraft in meinen Geist.

Ein schwarzer Anker,

Dienstag, Oktober 17th, 2017

Herz unter Flügeln

* * *

Sie gleicht Goldfischen, die in der Sonne spielen, aber in ein mit Jauche gefülltes Aquarium gesetzt wurden.

Das ist von mir nicht intendiert, aber in Kauf genommen

Montag, Oktober 16th, 2017

Genau so, wie es Sartre geschrieben hat: “Die Natur des Lochs ist nächtlich. (…) Die besondere Situation des Menschen, der in einem Loch wühlt, ist die, dass seine Hände Feinden begegnen, die seine Augen noch nicht sehen können. (…) Man muss Druck ausüben, um sich hineinzwängen zu können. Dadurch ist es schon weiblich. Es ist Widerstand des Nichts, das heißt Scha um.”

Munden

Montag, Oktober 16th, 2017

Augen Blicke
munden
wie nichts sonst

sodass sogleich geschlagen
Du
zerschlagen

für Augen für Blicke lang
dein Wüten
& richten´s wieder auf sodann

dass her-, & eingerichtet dir
dein Grundton
noch barbarischer noch schöner

Weilen & Weilen lang klingen
& dir munden will

Umwendungen

Freitag, Oktober 13th, 2017

in Zigarettenpausen
der Zusammenruf der Dienerschaft ihrer Nöte

Leidenschaften, Erotik-Abenteuer hat sie in Filmen gesehen
was sie in sich trägt, ist Inventar

die losen Schnüre, an denen sie zieht
versuchsweise, die Umwendungen

so vieles & alles ist möglich an Löslichem
am Strom der Experimentierfelder

nur das Tamtam ums Lose, kann’s erhöhen, zersinnen
die Umwendungen kehren sich aus

 

Hinterm Mond

Mittwoch, Oktober 11th, 2017

leuchten die Sterne.

veraltet

Mittwoch, Oktober 11th, 2017

veraltet, zum Durchschauen drein den Hosenbeinen
zwischen der Naht, das sind die Zutaten
wie die Fernsehantenne samt immergleichen Raben
Töne, selbst des Umwebens Geschichten
will auch andeuten sich überm Trüben: Versöhnliches
so wirksam ist das nie Ausgesprochene
die Lüste auch, verlaufen sich in den Untergrundbauten

(veraltet)

Once

Dienstag, Oktober 10th, 2017

in a lifetime, sagt der
Pilot, 17.000 Kilometer,
nördlich des Polarkreises

durch Kanada. Allein der
Landeanflug auf das Dorf in
Alaska: atemberaubend. Ein Inuit

erzählt vor der Kamera minuten-
lang mit singenden Augen vom
Duft und Geschmack eines Apfels.

Sand aus der Wand

Sonntag, Oktober 8th, 2017

“Son Scheiß Leben, nachher muss ich noch zu Rewe, und dann holen wir den Sand aus der Wand.” (frau kleist am 23. September 2017 um 17:48 Uh)

Ich hab da mein Buch versteckt. Hinter einer losen Fliese. Die dritte, von dort gezählt. Haben die nicht gefunden, die Polizeikohorte in meiner Wohnung. Das eine Zimmer, da wo immer Licht brennt, und die Luftfeuchtigkeit so hoch ist, dass meine Lupinen so schön wachsen, das haben sie natürlich gefunden. Aber das ist ja heute kein Problem. Hat ja fast jeder im Viertel. Bloß das Buch, wenn sie das gefunden hätten. Die hätten mich mitgenommen. Die warn ja bei mir, weil ich nicht bei Facebook bin und auch nicht bei Twitter und keine Emails schreibe und keine Kreditkarte habe. Alles in bar bezahle. Das ist ja heute echt verdächtig. Ist ja auch nicht mein Buch. Hab ich auf der Straße gefunden. Hatte jemand bei einer Razzia schnell aus dem Fenster geworfen. Aus dem vierzehnten Stock. Die sind ja echt wertvoll heute. Da gibt es ja nicht mehr so viele. Ich habe meinen Nachbarn, den Willi in Verdacht, dass er auch eins hat. Aber ich frag lieber nicht. Wer weiß. Irgendjemand hier im Haus ist ein Spitzel. Vielleicht der aus dem ersten Stock. Nachdem der aus Meusdorf zugezogen war, hatte man die Familie verhaftet, die aus der Dachgeschosswohnung. Die jetzt da wohnen, die haben sicher kein Buch. Die können nicht mal lesen. Na, vielleicht tun die auch nur so. Sicher ist sicher. Also ich trau hier keinen mehr.

Märchen

Freitag, Oktober 6th, 2017

bluten,
wer hat den schönsten Zerrspiegel?
verteilt sich

Märchen nehmen so viel auf,
damit überhaupt was drin ist,
an Märchensubstanzen

ein Uppercut? ein Nagel quer durch die Stirnhaut?

Märchen rinnen,
ziehen durch Nase, Mund- & Rachenraum

Märchen im Blut wollen sich erzählt wissen

(Märchen)

gesang sieben

Mittwoch, Oktober 4th, 2017

legten sich landschaften über die schönheit
wie stimmen über das gras
und staunende nebelbänke in den wald
floh eine kuckuckslichtnelke
deinen namen auf den lippen
kuckucksknabenkraut
trugen gebirge schwere auf deinen mund
legte sich ein murmelndes und trauriges meer
sprachst du mit den scheuen füchsen
und botest gesänge zum tausch gegen schatten

ein mammut überlebte
im permafrost wurde es besungen
bis in unsere zeit
eiskalt
kamen in zottigen gewändern
dichter und großwildjäger
in die bärlappwälder flohen die fasane
die automobile vom nahen golfplatz
erlaubten einen geordneten rückzug
ergriffen uns staubwolken aus pastell
schnitzten wir gedankengänge und gesänge
stiegen aus flatternden flüssen
erinnerungen

plötzlich war es wieder da
dieses gefühl der verlorenheit und ohnmacht
über das delta und die alte kaiserstadt
zogen libellenschwärme
in ihren leibern saßen reiter mit maschinengewehren
voraus gegangen war eine entlaubungsaktion
der wald hatte seine gedichte für immer verloren

Konvention

Mittwoch, Oktober 4th, 2017

Konvention.
Er trägt sich & erträgt sich. Findet sich nur wieder, steht er in der Kurve mitsamt & darf brüllen, schreien, sich ärgern & freuen et cetera. Im Büro, wo sie vermeintlich die Entbehrlichen verwalten, zu welchen der Ertragende auch gehöre, nicht nur aus Solidarität, spricht er naturgemäß vom Ich & sagt dann zu den Kollegen Sätze wie: Freilich, ich habe noch etliche Fälle zu bearbeiten oder schlicht: Meine Mittagspause habe ich schon hinter mich gebracht. Dergestalt spricht er aber nur, Herr Meinhard, um der Verständigung willen. Dort, wo er aufgeht für Augenblicke, läuft die Mannschaft auf den Rasen, schießt diese ein Tor, meint die Menge, der Schiedsrichter habe etwas über- oder falsch gesehen & so weiter, findet er sich gelegentlich wieder & zwar als Aufgegangener, das Ich als Aufgegangenes. Ansonsten sei es eine Konvention.

Wladimir Wyssotski : Lied über die erste Reihe : 1971

Dienstag, Oktober 3rd, 2017

Da war ein Zar, der preschte stets voran,
Und alles nur aus mangelndem Verständnis –
Doch dieses Jahr setzt‘ er sich hintenan,
Dort vorn ist’s wie im Rücken ein Gespann
Aus schweren Läufen und des Kutschers fauligem Atem.

Vielleicht ist es hier hinten nicht so prachtvoll,
Doch dem Auge ringsumher bleibt mehr Platz -
Langer Anlauf macht den Absprung machtvoll
Und auf die Übersicht ist hinten stets Verlass.

Der Stielaugen Lanzen neun bis zehn
Starrten wie blind und ließen ihn erstarren,
In seinem Nacken ließen sich die Blicke gehen,
Von hinten blieb es immer angenehm,
Ihn zu beleidigen und drohend zu verharren.

Denn vielleicht ist es hinten nicht so prachtvoll,
Doch dem Auge ringsumher bleibt mehr Platz -
Langer Anlauf macht den Absprung machtvoll
Und auf die Übersicht ist hier Verlass.

Die erste Reihe schadet manchem und er sagt:
„Diese Gedanken treiben mich in Trübsal“,
Drum besser man im Dunkleren verharrt,
Wo dich kein falscher Ausweg narrt und
Hinter dir die Wand: steinernes Mahnmal.

Vielleicht ist es hier hinten nicht so prachtvoll,
Doch dem Auge ringsumher bleibt mehr Platz -
Langer Anlauf macht den Absprung machtvoll
Und auf die Übersicht ist hinten stets Verlass.

Und lass‘ aus allen Flüssen jeden Fluss entrinnen,
Lass‘ aller Laken Daunen salzig starren –
Ob Haar schneeweiß fällt bis tief unters Kinn
So setzt euch doch nicht in die erste Reihe hin
Und spannt euch bloß nicht vor einen fremden Karren.

Vielleicht ist es hier hinten nicht so prachtvoll,
Doch dem Auge ringsumher bleibt mehr Platz -
Langer Anlauf macht den Absprung machtvoll
Und auf die Übersicht ist hinten stets Verlass.

Man sitzt sicher hinten, doch es kommen Tage –
Da das Herz mir sagt: „Du bist am Zuge!“,
Und ein Schattenmann sieht nüchtern seine Lage,
Sieht es fließen, aber zählt die Tage –
Sieht: das Leben hier wie dort vergeht – im Fluge.

Denn vielleicht ist es hinten nicht so prachtvoll,
Doch dem Auge ringsumher bleibt mehr Platz -
Langer Anlauf macht den Absprung machtvoll
Und auf die Übersicht ist hier Verlass.

***

Bleib‘ nicht ewig in der letzten Reihe sitzen –
Komm‘ nach vorn und lass‘ es dabei kräftig blitzen.

war, ist, wird sein

Dienstag, Oktober 3rd, 2017

wieder stehen,
du hier, dein Jacques

andernorts, die Soßen rinnen,
wie Zeit ins Eisengestänge, in Grabarbeiten

denn: war, ist, wird sein,
inzwischen Zahnlücken, das Pfeifen

& das Widerspenst,
wider die Höhlung

& die Materialbröckchen
gehen nie aus

Jacques widersteht den regelnden Regalen

(war, ist, wird sein)

es passiert

Dienstag, Oktober 3rd, 2017

als wir uns passierten
fanden wir Flammen und Flut

die Asche streuten wir in die Ferne
weinten uns mit anderen warm

die Brandmale berühre ich
manchmal mit meinem Lächeln

Hallo Freunde,

Montag, Oktober 2nd, 2017

in den 80ern gab es ja eine Menge. Kennt zufällig jemand von Euch eine tiefenpsychologische Deutung von “Rumpelstilzchen”?

das Dunkel

Sonntag, Oktober 1st, 2017

es gibt ihn
vom ersten Herzschlag
bis zum Einsturz der Skyline
DEN WILLEN

was wollte das Dunkel
auf der endlosen Treppe dann:
den Atem einfrieren?
die Schatten weiter schwärzen?

wohl nichts anderes
als in den Straßen überall
Lichtungen ernten

(das Dunkel)

Januartage

Sonntag, Oktober 1st, 2017

Deine Stimme flieht
über die Berge.
Auf dem Gipfel
liegt der Schnee kniehoch.

Ich gebe dem Wind
Meerworte
und eine Handvoll Regen.

Die Zeit ist noch nicht reif,
sagst du.
Sie liegt dir bitter
auf den Lippen,
und Kraniche
sind unbekannt verzogen.