Archive for November, 2015

Ungeheuer Schweigen

Freitag, November 27th, 2015

Bewahren die Schönheit
des Menschen, der Städte, der Verse.
Wie finde ich mich in die Schuld
der Kriege, des zerstörten Lebens,
des belanglosen Gedichts, des Hauses,
in dem ich die traurigsten Nachmittage,
am Ende mich selbst vergesse.

Dieses Schweigen.
Dieses mundlose Ungeheuer, das unser
Entsetzen verleugnet, jedes verwandelt
in niemals Geschehenes und
selbst unsere Schreie umformt, umlügt
in taubensanftes Säuseln
kindischer Klagen.

Entehrt alle Schönheit,
Landschaften verkrüppelt, die Jahre
der Häuser übertüncht, als sollten sie
die Male verschweigen, die das Verdrängen
bis in die Sparren schlug, ohne Besinnen,
ohne Erbarmen mit uns
des Aufbegehrens Entwöhnten.

Windgeschützt

Mittwoch, November 25th, 2015

Zum zweiten Mal hat jetzt der Hund vor unsere Tür geschissen. Aber es muss ein kleiner Hund gewesen sein. Oder ein Fuchs. Ich frag mal bei Rossmann nach Hundeex. Oder ich nehme Teebaumöl. Das riechen die nicht gern. Ein Lappen mit Essig soll auch gut helfen. Warum der sich auch gerade in unseren Hauseingang setzt. Vielleicht ist es da schön windgeschützt. Sagt H. Der hat Sinn für Natur. Und ein Herz für Tiere. So ein Lehrmeister. Warum der Hund wohl einen windgeschützten Ort zum Scheißen braucht.

Paris

Samstag, November 21st, 2015

18ter november deine haut
bereitet sich auf den winter vor
letzte woche sprachen dichter über sprache
eichelhäher
tausendgüldenkraut
giersch
gestern wurden freundschaftsspiele im fußball abgesagt
heute beobachtest du eine gruppe kinder beim schulgang
spiegelt sich der schneehimmel in einer pfütze
wir atmen neonlicht
ich beobachte deine schulterblätter
und meine hand legt sich auf deine halb entblößte brust
die stadt der liebe schließt ihre tore

Ich dacht da is ne Leiche drin

Samstag, November 7th, 2015

Dein Vater hat so oft im Auto gesessen und gewartet. Und deine Mutter, die hat schon lange nicht mehr richtig  für deinen Vater gekocht. Wenn der mal ne Mettwurst wollte, musste er sie wieder aus dem Einkaufswagen rausnehmen, weil deiner Mutter das zu teuer war. Aber Toastbrot haben sie gekauft, immer Toastbrot, ich habe mich gefragt, wie kann man soviel Toastbrot essen. Nichts Vernünftiges, kein Obst, kein Gemüse, nur abgepackte Sachen. Dein Vater musste so oft warten. Das ist doch langweilig für einen Mann. Aber dann musste er überall halten, wo öffentliche Müllkübel waren. Da hat nämlich deine Mutter ihren Hausmüll rein entsorgt. Wenn sie einer gesehen hätte dabei und angezeigt, dann hätte sie einen Zettel wegen Ordnungswidrigkeit erhalten. Dein Vater wusste, dass das verboten ist. Aber er kam nicht dagegen an. Bei der kannste das vergessen, sagte er. Und dann die Schreibmaschinen und der Computer im Weizenfeld, kucken se mich nicht so an, sagte der Bauer, ich weiß, dass Sie das nicht waren. Wenn der da mit dem Mähdrescher drüber gefahren wäre. Ich sah den riesen Plastiksack und dacht da is ne Leiche drin. Das hat se gemacht, deine Mutter. Dein Vater hat sich einfach nicht mehr dagegen gewehrt. Wollte nur noch seine Ruhe haben. Was sollte er auch machen. Das war so ein Guter. Und hat einfach aufgehört zu atmen.

unaufhörlich : Konstanten

Samstag, November 7th, 2015

Die Reise mit dem Zug durch Thüringen
Gleicht dem Tauchen durch ein Landschaftsbild
Aus dem 18. Jahrhundert : sanft hingewellt

Ein lieblich ausgerollter Blätterteig
Gespickt mit spitzen Fichten : bunten Bäumen
Die Zeit bleibt stehen und der Atem auch

Erneuerung kreist unaufhörlich : Konstanten
Der Erinnerung : hier suchten manche
Ihre Liebe und verloren sich in den Tälern

Aufatmen

Mittwoch, November 4th, 2015

Dreizehn Jahre und drei Kritiken
älter, du hängst nun
als Ikone
über Schreibtischen.

Wohin werden sie dich
geleiten?
Wozu werden sie dich
befragen?

Dreizehn Jahre, die Abstände
zwischen den Ereignissen
suchen nun
ihre Logik in dir.

Du bist nicht mehr
der du bist -
Gletscherspalte & naive
Nachahmung.

Du bist nun eine
Frau mit einem Körper
aus Glas, Fensterscheibe -
Mauer – Eingangstür.

Ein Mensch in
der Blüte seiner Kraft,
ein Mann in seiner
Kindlichkeit.

Du bist nun das Kind
das du immer sein wolltest.

Zeit, endlich erwachsen zu werden

Der Schreibtisch wartet
auf dich wie ein
gealterter Geliebter,
sicher schwebst du
zwischen die Fächer des
Bücherregals.

Flieder? Tempera? Arsen?

Am Bahnhof warten sie auf dich,
immer wieder.
Am Bahnhof haben sie immer
eine offene Hand für dich übrig.