Rituale (1)

Berenike hieß das Café, in dem sich Rosanna und Philippa gern trafen. Hier saßen sie, bis die letzten schönen Herbsttage vorüber waren, am liebsten draußen. Nun regnete es seit Tagen. Die Kellner hatten vergessen, das Mobiliar vom Vorplatz wegzuräumen. So konnte das Holz in aller Ruhe aufquellen. Und der Stempel der ostdeutschen Designer-Marke „Theodor“ war an den Stühlen noch gut lesbar. Mit ausdruckslosem Blick nahm man die Bestellungen auf: Martini, xtra-dry. Dazu Törtchen mit Vanillepuddingfüllung und danach vielleicht noch Hähnchenflügel und gegrilltes Gemüse, mit viel Brot. „Zum Aufsaugen der Flüssigkeiten.“ Rosanna lächelte den Kellner an und legte die Korrekturfahnen für einen neuen Magazinartikel auf den Tisch. “So, Philippa. Nun kannst du es abgeben, ohne dich zu blamieren. Mein Stil wäre mir allerdings zu schade für dieses Revolverblatt. Denk vielleicht noch daran, dass die Leute gern was übers Essen lesen.“

Rosanna erinnerte sich an den größeren Aufmacher vom Juni, den sie für Philippa geschrieben hatte. Dieses Interview mit Daniel Schneider. Die Seiten ihres Exemplars waren vergilbt, so oft hatte sie es umgebrochen und Philippa daraus vorgelesen, sich immer wieder daran hochgezogen. Daniel Schneider sah zwar aus wie der Künstler, in den sie als junges Mädchen verliebt war, aber sonst fehlte ihm jegliches Charisma. Philippa war dazu verdammt, Interviews mit mittelmäßigen Lokalgrößen zu führen. Da war Daniel Schneider schon eine etwas größere Nummer. In der letzten Zeit wurde die Maske der Überheblichkeit etwas fahler um Rosannas Augen. Sie schlief schlecht. Sie schrieb es dem sinnlosen Nachdenken über Daniel Schneider zu. Vernarrt wie ein Schulmädchen in den halbgaren Jungen, hatte sie die Gelegenheit genutzt und ihn ohne Hemmungen angeflirtet, als Philippa auf dem Klo war. Philippa nahm es ihr nicht übel. Oder sie täuschte Gleichmut vor. Denn das konnte sie. Nun griff sie hastig nach dem Martiniglas und ihrer Brille. „Sag mal, hast du noch das Interview mit Schneider? Ich kann meins nicht finden. Und das war doch der Geniestreich dieses ereignislosen Sommers. Daniel Schneider mit nacktem Oberkörper zwischen uns beiden. So eine Hühnerbrust! Und die haben das tatsächlich gedruckt.“ Rosanna zuckte zusammen. Hatte Philippa Gedanken gelesen? Rosanna beschloss, ihrer Freundin endlich die Wahrheit zu sagen. „Daniel wusste, wer den Artikel über ihn geschrieben hatte. Er sagte beim Abschied zu mir, deine Freundin hat den Sarkasmus einer sauren Gurke, aber schreiben oder gar charmant sprechen, das kann sie nicht. Sie sollte noch ein wenig üben.“

Philippa hielt es für einen von Rosannas abgeschmackten Scherzen und reagierte nicht weiter darauf. Bis Rosanna sich über ihre Tasche beugte und ein lila Flakon herauszog. „Hab ich von Daniel. Lyra pour L’homme von Gilbert Asyl.“ „Darüber macht man keine Witze, Rosy. Lass stecken. Du magst eloquent und klug sein, aber mich erreichst du damit nicht.“

Philippa hatte Daniel Schneider in der Berenike interviewt. Da es bereits Mai war, musste sich sich beeilen, den Artikel bis zur geplanten Veröffentlichung im Juni fertig zu bekommen. Schneider war von der gemächlichen Sorte und ließ sich bitten. Mit Rosanna als Philippas Begleitung hatte er nicht gerechnet und reagierte leicht erregt. Wie ein Topf mit Milch, der überkocht und kurz vor dem Anbrennen ist, ging es Rosanna durch den Kopf. Aber zugleich durchstieß ein warmes Gefühl ihren Unterleib, denn die Augen, ja sein ganzes Gesicht, ähnelte unverkennbar dem, in den sie mit fünfzehn verliebt gewesen war. Rosanna ärgerte sich. So etwas Dummes, der Kerl hat doch überhaupt keinen Charme. Wie kannst du nur so blöd sein und Äpfel mit Birnen vergleichen. Am Ende taufst du ihn noch den deutschen Bryan Ferry.

Daniel Schneider, ein Name für einen schwitzenden und verpickelten Schuljungen, vollkommen durchsichtig und unkompliziert. Rosanna hatte ein Faible für undurchsichtige und komplizierte Männer. Wahrscheinlich war das der Grund dafür, dass sie schon länger allein war. Philippa hingegen hatte sich im letzten Jahr verlobt und redete für Rosannas Geschmack zuviel über Babykleidung. „Dann höre ich beim Magazin für ein Jahr uff und du kannst mich vertreten. Das wär doch was für dich, Rosanna, du würdest dich verbessern. Immer dieses Geklecker an der Uni auf halben Stellen. Das hält doch kein Mensch lange aus, nur du.“ Der sächsische Dialekt ihrer Freundin schlug Rosanna aufs Gemüt.

schwaene werden nicht gegessen
ein projekt barocker schaugeflügelkunst, entstanden aus der jugendstil-dramaturgie der crysantheme und den puppenspielen der frau kleist. Vorsicht, wir schmecken tranig!

14 Kommentare

  1. „Sarkasmus einer sauren Gurke.“
    Alliteration.
    Fließende Übergang, dunkler werden von „ar“ über „aur“ zu „ur“.
    Vierhebiger Jambus.
    Sustentio.
    Anthropomorphismus.

  2. Ich glaube, was der Wassili vielleicht sagen würde, ist, dass ein Ritual auch eine Wahrheitsprozedur ist. Also ein Ritual ist auch Gebetsradsdynamik. Und ein Gebetsrad zu drehen ist ja auch ein Ritual. Genauso, wie ins Theater gehen und sich da in der Pause immer anstellen und einen Merlot für vier fuffzig kaufen. Und wenn die Berenike ihr Haar kämmt, dann ist das auch eine Gebetsradsdynamik. Weil da hat sie meistens eine Idee. Und wenn man Strukturalist wäre, dann hat ja das Haarkämmen ja seine Bedeutung aus der Lebenswelt. Also vielleicht würde das der Wassili sagen. Ich weiß es nicht.

  3. Ein Ritual ist etwas, das immer Wiederholt wird. Und das wichtigste dabei ist: bloß nicht drüber nachdenken. sondern: Weiter machen! Denn Vorne kommt schon die nächste Kurve.

  4. Das sind die wahren Menschen. Sie wissen genau, woher sie kommen. Die machen sich keine Gedanken drüber, was nach dem Tod aus ihnen wird. Sie folgen ihren Ritualen.

  5. „Rosanna hatte ein Faible für undurchsichtige und komplizierte Männer. Wahrscheinlich war das der Grund dafür, dass sie schon länger allein war.“

    Sind wohl selten in dieser Gattung, solche Exemplare?

  6. Das ist wieder so ein Text, wo man erst denkt, da, das ist ja bloß Unterhaltungsliteratur. Irrtum. Der Text ist eine Maske. Da blitzt was auf. Durch die Löcher in der Maske. Da verstellt sich jemand.
    Da stellt sich die Frage, warum man sich maskieren muss? Und für wen oder was?

  7. Die Maske macht ein erwartbares Verhalten sichtbar. Im Unterschied zu Worten drückt sie eine Präsenz aus. Die Präsenz des noch Unsichtbaren, das nicht sichtbar ist, weil noch präsent.

  8. Die magisch-rituellen Masken sind teil einer Erfahrung von Wirklichkeit, von der das weltliche Denken nichts mehr versteht. Der Betrachter ist nicht mehr in das Netz magischer Verweise eingebunden. Das Ritual mit der Maske dient der gerichteten Aktualisierung und Steuerung eines Kräftstroms. Darum ist dieser Text mit dem Titel „Rituale“ eine Maske. Da staunste was, Petersilie? Und du auch Kürbis?

  9. „In der letzten Zeit wurde die Maske der Überheblichkeit etwas fahler um Rosannas Augen.“

    „Das Ritual mit der Maske dient der gerichteten Aktualisierung und Steuerung eines Kräftstroms.“

    So sind selbst Metaphern nicht davor gefeit, einmal einen Sinn zu erhalten, der über ihre eigene, in gewisser, aber wirklich nur in solcher Weise beschränkte Existenz hinausweist. Nun wünscht man sich als Leser eine Fortsetzung des Texts, auch wenn das Magische als etwas ganz und gar Zeitloses gewiss keine Fortsetzung erlaubt, sondern lediglich die Wiederholung, allerdings eben eine, die als Wiederholung bereits ihrer Möglichkeit nach an den Einschluss des Andersseins eines in der magischen Praxis wiederholten, eines Irgendetwas mit dem Charme, dem Spin und der Farbe eines Multipletts von Quarks allerdings, denknotwendig gebunden ist.

  10. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933 trat Anton Drexler erneut in die NSDAP ein. 1934 erhielt er aufgrund seiner Rolle als Gründungsmitglied der Partei den Blutorden der NSDAP. Er konnte jedoch bis zu seinem Tod keine politische Bedeutung mehr gewinnen.

  11. Fortsetzung: Daniel Schneider und das Tischgewächs aus der DDR

    Da stand es in der Sonne auf dem Eßtisch in Daniels Wohnzimmer, das kümmerliche Tischgewäschs, genau genommen: ein Stamm, ein Blatt. Einmal zupfen, und das Gewächs stand nun blätterlos da. In einem gelblichen Übertopf. In der Sonne, auf dem Tisch. Rosanna sollte es vor dem vollendeten Verdorren retten. Sie sollte Schneiders Auto waschen, für ihn Blumenerde vom Balkon holen. Doch sie vergaß es, sobald sie seine Wohnung verlassen hatte.

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